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Maimondes mit Berliner Schnauze. Gershom Scholem in seinen Briefen

16. Dezember 2014

„Ich gebe zu, dass ich nicht mehr weiß, ob und wenn, so warum ich Sie in Zürich ‚gelegentlich besorgt von der Seite zu mustern’ hatte. Was sollte denn dahinter gesteckt haben? Wenn meine Seitenblicke so präzis wären wie Ihre deutsche Prosa, könnte ich sie (nämlich die Blicke) der Interpretation ja würdig halten. Ich fürchte aber, dass ich es so weit auch in punkto Seitenblicke nicht gebracht habe. In der Prosa habe ich mich freilich eher um Präzision bemüht.“

Gershom Scholem an Uwe Johnson, Jerusalem, 13.3.1973

Kürzlich nahm sich mein väterlicher Freund Elazar Benyoëtz bei Gelegenheit einer sehr seltenen Razzia in meiner Bibliothek den Briefwechsel Peter Szondis vor, während ich mich mit Elazars Frau, der Miniaturenmalerin Renée Koppel, in der anderen Ecke meiner Bibliothek über unsere Lieblinge in der französischen Literatur, über Algerien und das intellektuelle Frankreich und die Pariser Menschenrechtler André Glucksmann und Bernard Henri Levy unterhielten. Elazar weiß, dass Szondi immer wieder bei mir vorkommt, wenn es um Vergleichende Literaturwissenschaft und deutsche Kultur geht.

Irgendwann gingen wir in Tucholskys „Lietzenpark“, der beiden sofort zusagte. Auf einer Parkbank las und übersetzte ich mit Renée das Berliner Museumsjournal. Rechts von uns las Elazar in Szondis Briefen – um irgendwann zugleich ad rem und ad personam zu bemerken: „Szondi hat nicht zu viel gesagt. Und er hat sich nur in der vornehmsten Umgebung bewegt.“

Zwischen uns war unausgesprochen mitgesprochen, dass das auf den Leser, Schriftsteller und Korrespondierenden bezogen war, nur in Ausnahmen auf die Umgebung seiner Wohnorte und Arbeitsplätze. Elazar schien nicht beruhigt, die akademische Schule ist für Juden wichtig, aber das Wohl des Schülers am Ende wichtiger. Es dauerte nicht lange, und Elazar legte mir den Briefwechsel von Gershom Scholem nahe.

 

Gewalt der Erinnerung

Ich wusste: Scholem war ein Jahrhundertkopf, bei dem viele Lebenswege, auch Todeswege zusammenkommen. Er wollte Szondi, wie Walter Benjamin, nach Jerusalem holen: primo, weil er viel von ihm hielt, und secundo, weil er spürte, dass dieser junge Professor und Jude in der Nachkriegs-BRD es „verlernt hatte, zu Hause zu sein“, wie Szondi selbst brieflich bestätigte. Szondis Schüler und legitimer deutscher Zeuge Gert Mattenklott bemerkt dazu gelegentlich lapidar:

„Die Gewalt der Erinnerung ist gelegentlich so furchtbar, dass sie die Menschen vernichtet, die ihr standzuhalten versuchen.

Dass Szondi schließlich als ungarischer Jude, dessen Familie in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte, sich ausgerechnet in einem deutschsprachigen kulturellen Milieu einrichten mußte, kann seine Bereitschaft, in diesem Milieu wahrhaft heimisch zu werden, unmöglich befördert haben.“

Dass er wohl auch einer vernichtenden innerer Notwendigkeit folgte, ist dem Korrespondenten Scholem nicht engangen: Szondi habe es „verlernt, zu Hause zu sein“.

Ich lies mir umgehend die dreibändige Ausgabe von Scholems Briefen antiquarisch aus München kommen. Sein Stil in wissenschaftlichen Schriften schätze ich bereits seit über 20 Jahren: Er gibt ein Beispiel von Klarheit, Verbindlichkeit und Relevanz. Er sucht keinen Streit, stellt sich aber jedem, der um des Himmelsreichs wichtig ist.

Es stellte sich, jedenfalls bei meiner Lektüre, außerdem heraus, dass es bei Scholem auch eine hedonistische Freude an Geselligkeit bei einer feisten Ente gibt, die zweifellos einen wuchtigen Wein braucht, um zu schwimmen. Und angemessene Tischgespräche, versteht sich. Das liest man ja bei Benjamin und Szondi nicht.

Außerdem entdeckte ich noch etwas anderes bei Scholem, dem Korrespondenten: Die Erfahrung der Stigmatisierung war für ihn wie für seine Freunde Benjamin und Scholem eine wichtige Erkenntniskraft. Seine physisch-psychische Konstitution lies ihn das Scheitern der Assimalition schon früh erkennen – und zu einem Briefpartner, der seinen selbstbewußten Standpunkt hat, seine Fragen unbefangen stellt und den Unschlüssigen seine starke Schulter anbietet: Von Marx hielt er wenig: Er selbst sei für das „niedrige Niveau“ verantwortlich, mit der über das Judentum auch im Westen nach 1968 geredet werde. Er begründete dies mit der marxistischen Gleichsetzung von Judentum mit Finanzjudentum. Was man „neuerdings“ von Pastoren wie Martin Niemöller im Zusammenhang mit dem Judentum lese, sei ja löblich, allein, er halte sich an die Geschichte von 2000 Jahren Vorurteil, die er bis in die Theologien dieser Jahre belegte.

Scholems „schnoddrige Grazie“

Ich verstehe jetzt sehr gut, dass er aufrichtig einverstanden war mit Adornos Brief zu Scholems 70. Geburtstag, der ihm „schnoddrige Grazie“ bescheinigte. Das Schnoddrige mag Adorno, der mit Scholem Benjamins herausgab, zunächst erschrocken haben. Die boshaften Diffamierungen in der BRD, die sich auf Adornos Edition der Briefe Benjamins bezogen haben, entkräftete Scholem als Mitherausgeber glaubhaft, indem er bescheinigte, dass Adorno koscher sei, aber andere Vorzüge habe, als sich durch Berge von Manuskripten zu wälzen.

Und das ist seine Grazie. Dass die Neue Linke in der BRD Scholem nachredete, er habe Benjamin jüdisch (statt marxistisch) frisiert, gehört zu ihrem totalitären Erbe. Es hat Scholem brieflich allenfalls zu gespielt verständnislosen Bemerkungen über die neuere „germanische, bajuwarische, um nicht zu sagen österreichische“ Rezeption Benjamins veranlasst. Ich habe bei der Lektüre befreit gelacht.

Das Aas

Der ungewöhnlichen Ansprechbarkeit und Mitteilungsbereitschaft dieses Mannes eignet eine Berliner Schnauze mit gesundem Herz ist auch in aller Fülle anwesend: Ja, das „Aas“ Asja Lacis, er wisse auch nicht, was Benjamin mit der wollte, das sei zwar rätselhaft, aber für die Biographie Benjamnis unwichtig. Nebenbei trifft er dabei einiges von den Mythen auf, den die sexuelle Befreiung von pietistischen Zwängen in der BRD seit 1968 befördert hat.

Die Vertracktheit der Partnerwahl und der ideologischen Orientierungen bei Benjamin waren ihm als Freund in den Briefen ohnedies weniger wichtig als die Frage, ob für ihn ein eheliches Zusammenleben mit einer Frau geeignet sei. Scholem war sexualpoltisch in erster Linie liberal und diskret. Entscheidender ist die Beobachtung, das seine Frau Fania in seinen Briefen immer mit spricht, als ständige Antithese, humorvoll und offen, wie es in jüdischen Familien üblich ist.

„Lieber Steiner“

Wohltuend auch der ungemein vitale Sarkasmus, den er mit dem „lieben Steiner“ (George Steiner) teilt, als es um seine Erfahrungen mit gewissen Umgangsformen an hiesigen, hier knapp als „gojisch“ bezeichneten, Unis ging. Das ist der Zustand. In diesem Fall also Zürich. Die Staiger-Leute waren ja schon vorher gegen Szondis Berufung, der sich dort eigentlich nach Berlin „entpolitisieren“ wollte.

Szondi hatte das Wort von Scholem in die Hand, seine Laufbahn als Komparatist in Jerusalem fortsetzten zu können. Aber Szondi hatte die Option so wenig wie Benjamin: Aus der inneren Notwendigkeit des gelebten Lebens heraus. Und das wusste auch Scholem, wie sein publizierter Briefwechsel mit Szondi zeigt.

Scholem, davon konnte ich mich inzwischen weiter aufs Erfreulichste überzeugen, hatte eine bemerkenswerte Unerschrockenheit im Umgang mit Gefährdeten. Eine Gabe. Was Maimonides für das Judentum in der spanischen Diaspora war, könnte Scholem sein für die heutigen Unschlüssigen der vornehm-gebildeten Welt.

„Das Moment des Entfremdens“

Dem Schriftsteller und Kritiker Rudolf Hartung schrieb er zu dessen Rezension der Briefe Walter Benjamins:

„(…) Ich stimme Ihnen durchaus zu, wenn Sie das Moment des Entfremdens, des sich Verabschiedens in diesen Briefen wahrnehmen. Wer ihn nicht in dieser Weise nehmen konnte, konnte überhaupt nicht mit ihm umgehen.“

Scholem hat Verwandte überlebt, die von Staats wegen ausgeraubt und ermordet wurden, auch Freunde, die sich das Leben nahmen. Noch eine Gabe.

Seinen Abschied überleben

An seinen Freund, den aus Berlin stammenden Politologen und Philosophen, George Lichtheim (1912-1973) in London schrieb er am 3. Januar 1973 nach dessen ersten, noch gescheiterten Suizid-Versuchs:

„Lieber George,

ich weiß nicht ob es angebracht ist, dass wir Ihnen Glück dazu wünschen sollen oder dürfen, dass sie Ihren Abschied überlebt haben, obwohl wir das gern täten. Aber in diesem Sinn ist das vielleicht gar nicht angebracht, was gut zu verstehen ist. Jedenfalls möchten wir hoffen, daß Sie doch wieder einigen Geschmack finden, am Leben zu leben zu sein. Eigentlich darf man da, wenn ich mich ernstlich prüfe, niemandem hineinreden. (…)

Ihr Gershom Scholem“

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Wie es Memo Anjel im Depot Berlin geht. Ein Gruß von Berlin nach Jerusalem (2008)

16. Dezember 2014

„Da ich Jude bin und an das glaube, was in der Pesach-Haggada erzählt wird (daß wir nämlich keine Sklaven mehr sein werden nach dem Auszug aus Ägypten), entschied ich mich für negative Philosophie des Maimonides, der formuliert, daß man die Dinge durch das versteht, was sie nicht sind. Wenn etwa ein Gebäude kein Auto ist, ebenso wenig ein Hund oder Computer…, werde ich schließlich wissen, was Gebäude wirklich ist.“

Memo Anjel: Dreimal Berlin

Das ist der Anspruch. Und „Depot Berlin“ ist gerade das Codewort für die Bücher, die mir Elazar Benyoëtz zurück zu lassen pflegt. Momentan, denn die Ortsnamen des Depots wechseln, seit rund 15 Jahren. Diesmal war die Ausbeute reichlich.

 

Was paßt in einen Rucksack?

 

Es fing schon an mit der uns eigenen präzisen und hier auch am Ende auch legeren Umständlichkeit des Abschieds, als wir die Übergabe der Bücher verabredeten: Es ging mir, vordergründig um die pragmatischen Fragen: 1. wann – und 2. ob ich dafür einen Lastwagen dafür brauche oder ob mein Handbag-Trolley genügen würde.  Am Ende verließ ich mich auf meinen kleinen Rucksack und die BVG.

 

Diesmal war Elazar lange an einem Ort in Deutschland, nicht wie üblich auf Lesereisen mal hier mal dort, sondern drei Monate in Berlin, wo er, zum zweiten Mal nach 40 Jahren, als Gast des DAAD-Künstlerprogramms lebte. Für Elazar gehörte zu diesem Programm  auch eine komfortable möblierte Gastwohnung – und die Messingsteine, die ins Pflaster vor dem Wohnhaus gelassen sind. Sie erinnern an deportierte und ermordete Bewohner dieses Hauses. Dergestalt ist Elazars Literatur Teil jener „Resistenz gegen den unsäglichen Druck, den das bloß Seiende übers Menschliche ausübt“. (Adorno schreibt davon in seinem Paul-Valéry-Essay „Der Artist als Statthalter“.)

 

Unter den Büchern, die er mir gab, befindet sich eins von Memo Anjel. Sepharde, Schriftsteller, Professor und Journalist in Medellín/Kolumbien und 2005 Elazars Nachfolger und nun auch Vorgänger als Gast des Künstlerprogramm des DAAD.

 

Elazar hatte es spannend gemacht: Ich hätte scharfe, südamerikanische, Konkurrenz bei diesem Buch, die er nach einigem hin und her gegen den genius loci und für mich entschied: Anjels Rückblick Dreimal Berlin, abgedruckt in  Geschichten vom Fenstersims. Mit leichter Hand spielt Anjel verschiedene Lesarten der Stadt durch:

„Als Walter Benjamin von Berlin sprach, sagte er, es sei eine von einem Fluß durchzogene Bibliothek.“ (S. 125)

Lesarten Berlins

 

Wie der Flaneur Benjamin schreibt sich Anjel also Werbetexte und Verbotsschilder auf, die ihm auf seinen Wegen begegnen. Er übersetzt sie schlecht, ins Spanische, aber auch das ist poetisch nützlich:

„Was sollte man im Fall eines Wolkenbruchs mit einer Wurst machen oder wie könnte man einen U-Bahn-Zug in Scheiben schneiden und anbieten.“ (S. 143)

Der deutsche Surrealismus Benjamins. Soweit ist es, literarisch, für den Sepharden Anjel kein allzu weiter Weg zum aschkenasischen Juden Benjamin:

„In diesem Berlin verstand ich die deutschen Juden. (…) Mit dem sephardischen Juden geschieht etwas Ähnliches: Wir bewahren Spanien im Judenspanischen, dem ‚Ladino’. (…) Man ist der Ort, wo die Worte einem die Dinge erschaffen.“ (S. 138)

Bei Benjamin ist es auch Französisch. So dient Anjel zunächst die Lesart des französischen Sepharden Jacques Derrida als Brücke:

„Ein Satz verbirgt das andere, und manchmal ist das, was wir lesen, nur das Gewand eines darunter steckenden Körpers.“ (S. 145)

„Alle Begrenzte ist gefährlich“

 

Nicht sicher also, aber verbindlich steuert Anjes auf den aschkenasischen Juden Walter Benjamin zu, seinen Berliner Gastgeber, der es als höchste Kunst betrachtete, sich mit einem Stadtplan zu verlaufen:

„die mystische Ebene: Sie besteht darin, wie das Lesen mich mit der Gottheit verbindet. Diese letzte Lektüre hätte wohl Walter Benjamin gefallen, der die geheimen Namen der Dinge suchte.“ (S. 145f.)

Ich brauche kaum zu sagen, dass so einem Anjel diese zwei, drei Leseweisen einer Stadt nicht genügen:

„denn alles Begrenzte ist gefährlich. So etwa, wenn man sich auf eine Datenbasis beschränkt.“ (147)

Anjel verweigert sich einer einzigen, begrenzenden Lesart. Andere Stadterzähler, wie Italo Calvino, sind zum fragmentarischen Darstellen gewechselt, das sich der von ihm geforderten resa al labirinto durch Fragmentierung und artistische Mischung von Formen widersetzt.  Resa al labirinto: das ist die poststrukturalistische Kapitulation vor dem Labyrinth, der Versuchung also zur Flucht in die durchgeschriebene Fiktion, deren Zeuge Calvino im Paris der 1960er Jahre wurde.

Komik der Bauformen und Ideen

Es gibt die „Bauformen des Erzählens“ Eberhard Lämmers – und mittlerweile längst auch „Le città invisibili„, „Die unsichtbaren Städte“ Italo Calvinos (sein Buch von 1972), Städte, wie Leonia, die ihren Wohlstand an ihren Müllbergen messen oder, wie Ottavia, nur durch ein fragwürdiges Netz vor dem Rutsch in einen Abgrund gehalten werden. Ähnlich streichen Anjels Lesarten die begrenzte Sicht einer einzigen „Datenbasis“ durch.

Calvino verzichtet bei seiner Vision einer globalisierten Entropie einer Welt, in der sich Wachstum und Vernichtung mit zunehmender Indifferenz vermischen.“Unsichtbar“ sind Städte, weil ihnen ein Gesicht fehlt, eine klare Grenze selbst zwischen Stadt und Land fehlt. Jedenfalls in den globalisierten Städten des Westens – von Los Angeles bis Kyoto, oder  in den gesichtslosen und austauschbaren Tourismus-Resorts aller Welt. Also die  Einsicht von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“:

„Alle Städte sind gleich, nur Venedig is a bisserle anders.“

Die Auslegung einer solchen familiären Weisheit in eine linear evolutionäre Vollzugsform ist aber im Grunde bereits ein zugleich welt- und kunstfremdes Zugeständnis an das Vorstellungsvermögen der Wissenschaften, der positiven Theologie und der Massenmedien. Tatsächlich hat diese Verwandlung nämlich ihre eigene ästhetische Gestalt, deren Richtungssinn  bei den Schriftstellern doch kontrapunktisch und sardonisch angelegt ist. Verwandlung ist zu allererst eine ästhetische (wenn nicht religiöse), jedenfalls keine soziologische oder politische Kategorie.

Ein Baron auf den Bäumen

Ich würde Calvino hier nicht erwähnen, wenn er nicht nach der schmerzlich erlebten Diskreditierung des sozialistischen Realismus seit 1957 als einer der ersten unter den westlichen Intellektuellen an glaubwürdigen und dabei so heiter-erbaulichen Alternativen gearbeitet hätte. Schon sein Barone rampante, sein „Baron auf den Bäumen“ kündet vom Wirken einer utopiefeindlichen Macht, der mit keiner Revolte und durch keine ästhetischen Distanzerweiterung beizukommen ist.

Calvino wurde von Italien bis zu den amerikanischen Elite-Universitäten zu einer Symbolfigur: In der internationalen Literatur der vergangenen Jahrzehnte tritt an die Stelle  der einst schöpferischen Vernichtung von Traditionen eine spielerische Bestandsaufnahme und Verschränkung historischer Gattungen und stilistischer Haltungen.

So auch bei Anjel und bei Elazar. Alle antworten sie damit auf die Desillusion der Avantgarden, die sich als Bilderstürmer und Anwälte des Humanen vorerst gescheitert sehen. Alle erweisen sie sich daran als Erben von Flauberts comique des idées, Ideenkomik, jener Haltung, auf die sich Calvino als Essayist berief.

Ich denke an Calvinos Essais „Il mare dell’oggetività“ („Das Meer der Objektivität“, 1960) und „La sfida al labirinto“ („Die Herausforderung des Labyrinths“, 1962), in denen er frühe und viel beachtete Alternativen zur Ideologie des Fortschritts in Kapitalismus und Marxismus entwickelte.

 

Calvino beharrt darauf, Abstand zu halten vom mare dell’oggettività (dem Meer der Objektivität), von der soggezione biologica (der biologischen Hörigkeit) und der soggezione industriale (der industriellen Hörigkeit). Das ist sein zugleich artistisches und engagiertes „Pathos der Distanz“  gegenüber den austauschbaren Bild-Versprechen der Städte wie den terroristischen Bilderstürmen.

 

Neben der ökologisch-urbanistischen und der ökonomisch-sozialen tritt also in unserem Zusammenhang noch eine dritte und vierte Bedeutungsebene hinzu: Sie ist poetologischer, auch religiöser Art.  Elazar spricht einmal von der „jüdischen Hartnäckigkeit, das verlorene Paradies da zu suchen, wo es verloren gegangen ist.“

 

„Form konvergiert mit Kritik“

Bei Elazar wie, auf andere Weise, bei Anjel und wiederum anders bei Calvino gilt dabei Adornos Maxime:  „Form konvergiert mit Kritik“.

Schon bin ich nicht allein mit dem Buch Anjels, sondern zu neunt: mit Elazar, mit Benjamin und Derrida, mit Valéry und Adorno, Flaubert und Calvino. – Um mit Elazar zu sprechen: „Ja, schön, daß wir noch einen Autor haben, oder sagen wir mit Rosenzweig Redaktor.“

Memo Anjel: Dreimal Berlin, in: ders: Geschichten vom Fenstersims. Erzählungen. Matthes & Seitz, 2007.

Paul Stöcklein: Philologie im Kaffeehaus

16. Dezember 2014

Paul Stöcklein war mein erster Mentor in akademischen Dingen und, als Essayist, der bei den Dichtern der Weimarer Republik gelernt hatte, auch in Dingen des Schreibens. Ich lernte ihn 1983 kennen, da war ich 18, er 74. Stöcklein stammte aus einer bayerischen Altphilologen-Familie und war bis 1975 Ordinarius für Germanistik in Frankfurt am Main. Seinen Ruhestand verbrachte er in Bamberg.

Er beriet mich zunächst, als es um mein Studium ging, dann tauschten wir uns über meine Seminar-Arbeiten und meine Pläne aus. Man traf sich regelmäßig in einem „Kaffeehaus“, wie er das in einer Anhänglichkeit zur alten Wiener Literaturszene nannte. „Schnorrers Oase“ nannte er in seinem Beitrag zur Festschrift seines Freunds Friedrich Torberg (1978) diese für ihn lebenswichtige kulturelle Einrichtung. Lebenswichtig war,

„die Dinge so wach zu sehen, die Möglichkeiten so zart zu wittern, das ist auch Sache des Kaffeehauses überhaupt gewesen. In diesem Abendland ist noch nicht aller Tage Abend.“

(Stöcklein spielt an auf Friedrich Torberg: Tante Jolesch. Der Untergang des Abendlands in Anekdoten.)

Philologie im Kafeehaus

Stöcklein liebte die Käuze und Schnorrer, die zum Kaffehaus ebenso gehörten wie zu seiner anekdotenreichen Philologie. Sichtlich war er bemüht, auch mich in diese Lebenskunst einzuweihen. Kamen wir auf meinen Favoriten Walter Benjamin zu sprechen, erzählte er eine Anekdote Joseph Roth, der die Wiener Kafeehaus-Kultur noch einige Jahre ins Pariser Exil retten konnte: Roth saß am Tisch mit anderen Emigranten. Einer spricht ihn auf den schwermütigen Walter Benjamin an, der einsam an einem anderen Tisch sitzt: „Da ist der Eigenbrödler.“ Roth korrigiert in Anspielung an Benjamins heillose Versuche, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erfahren, damals zeitweise im Marxismus: „Nein, er ist ein Kollektivbrödler.“

Die Gemeinsamkeit suchte Benjamin wohl in der Tat in rein geistigen, wechselnden, Allianzen, in einer konstanten Gesellschaft war sie ihm nicht möglich. Stöcklein schätzte Benjamin durchaus. Er war sogar einer der ersten deutschen Germanisten, der in seiner Habilitation Wege zum späten Goethe (1951) an Benjamin erinnerte, an seine luzide Interpretation der Wahlverwandtschaften. In dieser Monographie bezieht Stöcklein auch Goethes Zeichnungen von Bauwerken der italienischen Renaissance ein.

Diese Kapitel zeigen vielleicht am besten, welche Stärken und Schwächen Stöckleins Humanismus haben konnte: Er präsentiert sich als lateinisch-mediterraner Geist, der am Sinn für Maß und Proportionen im Urteil und Klarheit der Darstellung geschult ist. Fremd blieb mir seine Sicherheit, mit der er daraus die Kontinuität seines katholisch-humanistischen Menschenbild ableitete. Über seine Haltung zu rechten, steht mir nicht zu.

Dichtung und Philologie

Als es um die Wahl eines für mich geeigneten Professors ging, riet er mir zu einem Austausch mit Peter Horst Neumann, einen hochmusikalischen Germanisten, Essayisten und Lyriker, den er selbst in den 1960er Jahren gefördert hatte. Die Verbindung passte exzellent zu meinen noch unklaren und schüchternen Neigungen, Neumann förderte vor allem meinen Stil und inspirierte mich: Ich schrieb leichter, meine Interessen klärten sich.

Neumann outete sich selbst erst 1994 mit seinem ersten Gedichtband als Lyriker, und trat bis zu seinem Tod 2009 mehr als Dichter denn als Wissenschaftler in Erscheinung. Was das im deutschen philologischen Kontext bedeutet, hat Stöcklein selbst erst salopp festgehalten, als er schon eine Stelle auf Lebenszeit hatte:

„Meine Laufbahn wäre futsch, vielleicht, wenn ich mich plötzlich zu den Dichtern schlagen würde.“

Dies sagte Stöcklein 1951 auf der Germanisten-Tagung in Münster in seiner unnachahmlichen Art, als er noch keine feste Stellung hatte. In dem Vortrag „Dichtung, vom Dichter gesehen“ spricht er vom deutschen Vorurteil, dass das Dichten dem Denken und, vice versa, das Denken dem Dichten schade. Er wirbt dafür, dass Philologen von den Schriftstellern lernen sollten. So steht es in seinem Sammelband „Literatur als Vergnügen und Erkenntnis“ von 1974.

Neumann lud mich 1986 in sein Oberseminar über Karl Kraus ein. Er suchte wie ich eine kleine Gruppe in der Masse, ich war mit meinen 21 Jahren mit Abstand der jüngste unter Examens-Kandidaten, Doktoranden und Assistenten. Die einzige Regel, die hier galt, formulierte Neumann so: „Hier darf jeder sagen, was er verantworten kann.“ Trotzdem fühlte ich mich ansonsten an deutschen Massen-Universitäten nicht wohl.

Der Studienberater aus der Ferne

Ich zog weiter, an die Universität Fribourg in der Schweiz, wo ich unter anderem meine Interessen für Literaturtheorie und Aphoristik mit dem Aufenthalt in einer frankophonen Umgebung verfolgen konnte. Ich erinnere mich an das letzte Oberseminar bei Neumann: Er schloß als letzter die Tür ab, und rief uns hinterher: „Jetzt wird der Grubitz gut, jetzt geht er.“ Dann traf sich die Gruppe wie üblich in einem Restaurant.

Die Universität war kleiner als deutsche. Sie war aber mehrsprachig, die Studenten und Professoren kamen aus aller Welt. Es wehte noch der Wind von „Europäischer Literatur im lateinischen Mittelalter“ (so heißt ein Buch des Romanisten Ernst Robert Curtius), wobei die internationale Besetzung der Professuren und die Mehrsprachigkeit der Gegend für eine Art Evolution sorgen konnte, wie sie in der Bundesrepublik nicht möglich war. Es gab auch Emmanuel Lévinas, der aus nicht ganz privaten Gründen nach 1933 nicht mehr nach Deutschland reiste, aber als Emeritus alle 14 Tage nach Fribourg aus Paris anreiste und über das Jüdische Denken nach Kant las.

Stöcklein interessierte sich lebhaft für meine Erfahrungen und Erlebnisse in der neuen Umgebung. Man schrieb sich, schickte sich manchmal nur Zeitungsartikel, die den anderen interessieren mochte, und man traf sich in meiner vorlesungsfreien Zeit wieder in einem „Kaffeehaus“.

Beiläufig erzählte mir Stöcklein Ende der 1980er Jahre, er habe dem Surkamp-Verlag empfohlen, Fricke für die Neu-Edition im Rahmen der damals entstehenden „Bibliothek deutscher Klassiker“ als Herausgeber von Goethes Maximen und Reflexionen einzusetzen. So kam es. Es entstand in Jahre langer Arbeit Frickes Ausgabe unter dem Titel „Sprüche in Prosa“. Der geänderte Titel zeigt an, daß der Herausgeber hier mit einer mehr als 200 alte Legende gründlich aufräumt: Denn Goethe hat nie eine Aphorismen-Sammlung unter dem Titel Maximen und Reflexionen geschrieben. Vielmehr hatte er Eckermann den Auftrag gegeben, aus Konvoluten aufgewahrter Notizen, Einstreuungen in Romanen und Exzerpten aus der Weltliteratur und diverser Wissenschaften so etwas wie „Letzte Worte“ herauszufischen, auf die das Publikum wartete.

Ich hatte in den 1980er und frühen 1990er Jahren auf meinem Bildungsweg durch die Bundesrepublik, die Westschweiz und Israel viele einnehmende Köpfe kennengelernt. Oft wusste ich, dass sie sich über den Weg gelaufen waren. Ich wusste auch, daß sie unterschiedlichen politischen oder auch nur akademischen Lagern zugeordnet wurden. Entsprechend teilen sich die Schulen schon bei den Studierenden. Wie töricht! Stöcklein sei ein „Konservativer, aber kein Reaktionär“, sagte der Philosoph Ulrich Sonnemann in anerkennendem Ton über ihn. Stöcklein selbst waren Linke wie Konservative recht, solange sie keine Pietisten, sondern „Hedonisten“ (‚undogmatische’ sagte man bei den Linken) waren, wie Daniel Cohn-Bendit, von dem er natürlich auch köstliche Anekdoten zu berichten wußte.

Sonnemann hatte Stöcklein aufgesucht, als er in den 1950er Jahren remigrierte und Kontakte aufbaute. Er war befreundet mit Stöckleins Frankfurter Kollegen Theodor W. Adorno.

Gespräche über Adorno

Und ich habe niemanden erlebt, der so herzliche Anekdoten von Adorno erzählen konnte, wie der katholische und konservative Bildungsbürger Stöcklein. Dies fiel mir vor einigen Jahren auf, als zum 100. Geburtstag Adornos neben einigen gehaltvollen Büchern und Würdigungen zahlreiche Abrechnungen seiner Schüler mit einem Ideal erschienen, das sie selbst aus Adorno gemacht hatten, erschienen.

Stöcklein und Adorno kamen ja aus einem ähnlichen Milieu. Deutsches Bildungsbürgertum, katholische Mütter. Und das Judentum von Adornos Vater war für Stöcklein eine andere Religion, die man respektiert. Dass die faschistische Spaltung der Existenz in Mensch und Zugehörigkeit am Anfang steht, akzeptierte er nicht. Ich will nicht verhehlen, wie sehr es mich irritierte, daß er weiterhin die Assimilation als Option sehen konnte und nicht einsehen wollte, dass sie nur im Horizont der vergangenen bürgerlichen Aufklärung für so viele denkbar war.

Adorno, der von seinen 68er Schülern zu Tode geärgert wurde, hielt er in diesem Punkt einfach für schutzlos. Stöcklein positionierte sich in den ideologischen Auseinandersetzungen dort, wo er herkam: In einem Milieu und Publikations-Kontext, das meist rechter war als er selbst. „Die Konservativen sind heute zu konservativ“, bemerkte er gelegentlich nachdenklich in den 1980er Jahren. Waren sie es denn vorher nicht?

Stöckleins Habitus schloß auch Adornos öffentlich ausgestellte Stimmungs-Schwankungen zur melancholischen Seite hin aus. Zeigte ich mündlich oder in Manuskripten solche Anzeichen, machte er diese Distanz vornehm deutlich. Er zog sich auf eine großväterlich-lebenserfahrene Position zurück, die beiden Seiten Freiheiten lässt. So war mir an dem Kontakt mehr gelegen, als diese Zone zu betreten.

Stöcklein erzählte mir herzlichst vom humorvollen Adorno, der er außerhalb seiner Schriften sein konnte. Auch vom leidenschaftlichen Pianisten Adorno, der privat romantische Musik spielte, die er in seinen ästhetischen Schriften als Desillusions-Romantik abgelehnt hätte. Und vom eitlen, gut genährten Teddy, der sich nach Vorträgen verbeugte – oder besser kugelte – wie ein Belcanto-Singer.

„Artistische Übertreibung“

Die Übereinstimmung zwischen Stöcklein und Adorno lässt sich mit vielen Namen von Autoren belegen, die beide bevorzugten: Kraus, Hofmannsthal, Stefan George, Paul Valéry, Walter Benjamin. Auch Stöckleins Horizont reichte, ungewöhnlich für einen deutschen Germanisten seiner Generation in den französischen Symbolismus hinein. Für Valéry zeigte er größtes Verständnis, die Einbildung Mallarmés, man könne die Wörter in Texten von den alltäglichen Bedeutungen reinigen, nannte er großzügig und sympathisierend eine „aritistische Übertreibung“. So auch Adornos lateinische Vorliebe für Übertreibungen und seine Abneigung gegen Logik und bürokratische Dinge wie Fußnoten.

Stöckleins unbekümmerte Nüchternheit in diesen Dingen ist mir noch heute beim Schreiben als innere Stimme gegenwärtig, auch wenn sich andere Stimmen zu Wort melden, auf die ich dann oft höre. Außerdem machte ich bei ihm gleich die hilfreiche Erfahrung, dass man als junger Student nicht gleich für „artistische Übertreibung“ gegängelt wird.

Stöckleins Schüler Werner Helmich, Professor für Romanische Literaturen in Graz, berichtete mir gelegentlich, daß er bei Stöcklein seine erste Arbeit über Valérys Aphoristik schreiben durfte. Das ist ein Beispiel für Stöckleins Unbekümmertheit, was Fachgrenzen angeht. Er stand für eine moderne Germanistik, die sich an einer transnationalen Poetik von Formen orientiert.

Etwas anderes kommt hinzu, das seinen Stil kennzeichnet: Zeigt sich hier nicht, dass so eine disziplinäre Unbefangenheit einen Austausch und eine Wirkung über Fachgrenzen hinaus erst befördert – und zunehmende Spezialisierung und Isolierung den heutigen Begriff einer scientific community als Wunschbild erscheinen lässt? Stöcklein berichtete mir, dass Adorno die Angewohnheit hatte, mit kindlicher Freude in seinem Büro vorbeizukommen, um ihm etwa ein neues Ergebnis seines Nachdenkens über den für reihenden Satzbau des späten Hölderlin mitzuteilen: „Herr Kollege, ich habe wieder einen Vers von Hölderlin verstanden!!“

Das zweite Gesicht der bürgerlichen Aufklärung

Die Nähe der Kollegen reichte nicht bis in den Satzbau, aber bis in ihre bevorzugten Mitteilungsformen hinein: Stöckleins bevorzugten Formen waren der Essay, die anekdotische Causerie, die Zeitungs-Glosse, der Leserbrief und im Alter zunehmend das Porträt von Förderern und Weggefährten. In der Tendenz war seine Kunst der Interpretation deutlich anders als der Adornos: Stöcklein markiert immer aufs Neue die Kontinuität eines vermeintlich immer abrufbaren kulturellen Erbes, Adorno dessen zweites Gesicht: Er porträtiert es, wie es im Augenblick von katastrophischen Zerstörungen des ersten wieder zum Vorschein kommt. Adornos Filter begünstigt die Desillusionsromantik.

Trotzdem war Stöcklein in einem entscheidenden Punkt ein erfreulich undeutscher Literaturpädagoge, weil er im strengen Sinne kunstsinnig war: Er hat die Literatur nicht mit Ansprüche auf religiöse Sinngebung umstellt und stattdessen stets ihren kritischen Unterhaltungswert zu vermitteln versucht. In diesem Zusammenhang war ihm die Kaffeehaus-Anekdote ein natürliches Instrument des Unterrichts wie der gelehrten Konversation. Wie Adorno schätzte Stöcklein Max Kommerell, der aus dem George-Kreis kam. Wenn ich mich nicht irre, war Kommerell für ihn der wichtigste Philologe, bezeichnenderweise eine Dichter und Philologe, der  Gesten „dichterischer Welterfahrung“ sammelte. Stöcklein war sicher in diesem Punkt Kommerell-Schüler: Er hielt es für selbstverständlich, daß ästhetische Erfahrung neben Glauben und Wissen ein eigenständiger Modus der Begegnung mit der Welt ist.

Deutsche Philologie 1968

Vielfach traute die Germanistik in ihrer Geschichte mehr den wechselnden Erklärungsmustern der Psychologie, Soziologie oder heute wieder der Theologie. Hat irgendeine andere wissenschaftliche Philologie ein so enges Bündnis mit Philosophie und Theologie gesucht wie die deutsche? Verwegenheit der Deutung und Resignation, Enthusiasmus und Enttäuschung sind unter diesen Umständen zwei Seiten einer Medaille. Stöcklein suchte die heitere Nüchternheit: „Literatur als Vergnügen und Erkenntnis“ heißt eine Essay-Sammlung, veröffentlicht 1974, im Jahr seiner Emeritierung. Ein Abschied vom Amt in einer ideologiekritisch aufgeregten Zeit. Er nimmt den Impuls der Studentenrevolte mit kritischer Empathie auf, und kritisiert die Haltung seiner deutschen Generation umso schärfer. Darauf bezieht sich das folgende Zitat:

„Jeder ist unvorstellbar vereinsamt; so glaubt er leichter, verzweifelter der Stimme irgendeiner totalen ‚Erklärungen’. – Ihn trifft dann der strafende Blick der Erwachsenen. Ihn trifft das unmenschliche Wort: ‚Wieso? Es geht euch doch so gut!’“

Der Aufsatz mündet auch eine Kritik an Kontinuitäten der deutschen Mentalität unter wechselnden politischen Vorzeichen. Sie zeigt Stöckleins, an Max Kommerell geschulte, leicht geplauderte Kunst, geistige Physiognomien darzustellen. Er spricht von der „gekonnten Verschmelzung von Erbaulichkeit und Schrecken“, der auf „den unbewußten Bereich des Gemüts wirkt“:

„Es gibt einen deutschen Respekt vor allem, was nach Philosophie und Forschung klingt – so wie es ein englisches misstrauen gibt gegenüber allem, was so zu klingen scheint –, so daß der Deutsche oft vor lauter Respekt gar nicht wagt, die primäre Situation zu durchschauen und etwa zu fragen, ob dieser Erklärer da überhaupt der philosophischen Dinge bedarf (…)“

Er zitiert im Finale dieses eminenten Abschnitts den polnischen Aphoristiker Lec: „Ich hätte viele Dinge verstanden, hätte man sie mir nicht erklärt.“ Der Aphorismus ist hier nicht irgendeine Form: Sie erklärt nichts endgültig, sondern stößt den Leser an, mitzudenken. Auch diese Vorliebe für das Anstößige verband uns schnell.

Heute kann man aber nüchterner sehen, dass der Marxismus nicht allein etwas Modisches war, das den Geisteswissenschaften in West-Europa künstlich von außen, durch „Verführung“, appliziert wurde. Vielmehr galt er in den 1960er Jahren unter zunehmend vielen Jungintellektuellen als eine bis dahin nicht opportune Weise, den Modernisierungsprozeß zu verstehen.

Die oft maßlos übertriebenen wissenschaftlichen und auch noch moralischen Ansprüche bei der Erklärung hängen sicher mit einer verbissenen pietistischen Tradition, aber auch mit dem cultural lag der Bundesrepublik zusammen, was den Marxismus und seine westlichen Modifikationen in anderen Ländern angeht. Die „Einsamkeit“, von der Stöcklein spricht, lässt sich auch auf die alten Kategorien der Innerlichkeit, des Rückzugs auf das Private, aber auch eine rückwärtsgewandte Kulturkritik beziehen, die sich als bewährtes Mittel der Verdrängung während der Adenauer-Restauration anbot. Der Marxismus hingegen reduzierte die bürgerliche Intelligenz nicht auf die Rolle des Kommentators, sondern versprach, den Lauf der Geschichte verändern zu können. Eine Einschätzung, die Adorno und seine Weggefährten allerdings gar nicht teilten.

Hochschulpolitik

Mit Stöcklein sprach ich oft über Benjamin und Peter Szondi, den „Adorno adoptiert“ hatte, wie Stöcklein wohlwollend sagte. Stöcklein schätzte beide fachlich und als Stilisten, zumal ihre luzide Kraft, zu sehen, was im Kommen ist. Er stand auch in seinen Schriften dazu. In seinen Grenzen. Stöcklein blieb dem alten Humanismus-Diskurs als Lebensform verbunden, pflegte in diesem Horizont von „politisch wechselvollen“ Lebensläufen zu reden und zugleich Freundschaften mit Emigranten wie dem zurückgekehrten Schriftsteller Friedrich Torberg und seinem Kollegen Heinz Politzer (Berkeley) zu pflegen, die seelisch robuster waren als Szondi und sich nicht als Einzelkämpfer in politischen Debatten aufrieben.

Szondi Absage an den Humanismus und seinem Insistieren auf die Verflechtung dieses Diskurses mit dem Nationalsozialismus wollte Stöcklein allein den bedauerlichen Einfluß der Melancholie erkennen. Hätte er verstanden, daß das Schicksal und die Melancholie Szondis eigene „Erkenntniskraft“ war? Ich würde Stöcklein dies gern fragen können. Damals konnte ich nicht. Ich wusste auch damals nicht, dass Stöcklein 1964 aus fachlichen Gründen zunächst für eine Berufung Szondis war und dann ablehnte.

Szondi hatte einen politisch brisanten Leserbrief zugunsten Paul Celans in der F.A.Z. veröffentlicht. In der Szondi eigenen messerscharfen Diktion:

„Hans E. Holthusen darf im Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 2. Mai 1964) behaupten, der Ausdruck ‚Mühlen des Todes’ sei bei Celan der Ausdruck einer ‚Vorliebe für die surrealistische, in X-Beliebigkeiten schwelgende Genitivmetapher gewesen. Diese Koinzidenz ist kein Zufall: weder beim Dichter, dem der einstige Euphemismus ‚Mühlen des Todes’ [Eichmanns Wort für Vernichtungslager] noch gegenwärtig ist, noch beim Kritiker, der die Erinnerung an die an das, was gewesen ist, durch den Vorwurf der Beliebigkeit zu vereiteln trachtet.“

Holthusen durfte dergleichen behaupten, während Szondis Hinweis auf die seit 1960 bekannte SS-Mitgliedschaft Holthusens von der F.A.Z. nicht abgedruckt wurde. Die Frankfurter Germanisten in der Berufungs-Kommission lehnen daraufhin Adornos Kandidaten Szondi ab. 2005 wurde das Protokoll der damaligen Frankfurter Berufungskommission vom 22. Juli 1964 publiziert. (Engführungen. Peter Szondi und die Literatur. Marbach, S. 75)

„Zeugnis einer geistigen Krise“

Einer der Germanisten, Burger, versucht, fachliche Bedenken vorzuschieben: Er fürchte den Einfluß der Kritischen Theorie Adornos in seinem Institut. Allein in der Kommission saßen aber vier Germanisten, die alle ihre Gründe gegen Szondi vorbrachten. Darunter nun auch Stöcklein. Er sucht keine fachlichen Gründe, sondern will die „Koinzidenz“, die Szondi schlüssig erklären kann, nicht erkennen, sondern wertet die gesunde Aggression Szondis als „das Zeichen einer geistigen Krise“.

Dass Szondi Melancholiker war, kann er wohl nicht dem Leserbrief entnommen haben. Stöcklein diskreditiert eine Argumentation, indem er die psychischen Probleme ihres Urhebers anführt. Er macht aus einer sehr präzisen Erinnerung Szondis sein privates Problem, das eine Berufung ausschließt. Solche Argumentations-Weisen lassen sich auch nicht damit rechtfertigen, dass sie unter wechselnden Vorzeichen eine gängige Praxis nicht nur in der Hochschulpolitik sind.

Stöcklein gehörte zu den Dagebliebenen, die offen blieben für freundschaftliche Kontakte mit Juden, auf deren kollegialen Intellekt er nicht verzichten wollte. Mit ihren Erinnerungen wollte er weniger zu tun haben. Das ist nicht nur für seine Generation nichts Besonderes. Er versuchte, diese Schweigezone zu umkreisen. In immer neuen Anläufen hat er eine Kontinuität der Verführbarkeit durch Total-Erklärungen analysiert.

Hätte ich mich gern mit ihm beraten, bevor ich 1996 in Jena ebenfalls in eine „geistige Krise“ geriet? In einem hochschulpolitischen Zusammenhang hatte ich fast alle Lebensenergie eingebüßt. Und mußte allein lernen, dass der Zustand solcher Gremien und Institutionen nicht von Individuen und deren Kompetenz und Urteil abhängt, sondern mehr oder weniger politisch vorprogrammierten Beschlüssen zweifelhafter Gremien und ferngesteuerter Funktionsträger. Meine persönliche Ansprache beanspruchte damals eine Integrität von Professoren, die zu unterstellen in den seltensten Fällen Anlaß bestand.

Ende

 

Den Abschluß meines Doktorats im Januar 1993 konnte er nicht mehr erleben. Er starb am 29.4.1992. Ich war im Januar 1992 von einem viermonatigen Aufenthalt aus Israel zurückgekehrt.

Stöcklein machte sich, wie andere auch, Gedanken, wie mir Klima und Situation in Israel bekommen würden. Es bekam mir bestens. Stöcklein und ich wechselten in dieser Zeit weiter Briefe. Bald nach meiner Rückkehr erfuhr ich, daß er auf der Isolierstation liegt. Ich besuchte ihn dort. Er wirkte physisch sehr geschwächt, war aber geistig hellwach und bat mich, ihm die üblichen Zeitungen mitzubringen. Ich tat es gerne.