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Vom Reizenden der Bilder. In Erinnerung an Gert Mattenklott (21.1.1942-3.10.2009)

23. Dezember 2009

Eine wirklich freie Gesellschaft wäre amoralisch und unästhetisch. Sie würde es ihren Bürgern überlassen, im Zusammenleben zu entdecken, was ihnen guttut oder schadet. Sie würde sich nicht darum kümmern, aus welchen Gründen die Menschen etwas schön oder häßlich finden. In ihr gäbe es keine ästhetischen oder moralischen Aufsichts- oder Prüfungsämter mit Prämien für geschmackliches oder sittliches Wohlverhalten und Strafen für Abweichungen.

Gert Mattenklott: Nach links gewendet. Argument-Studienheft 42, 1980

Der Komparatist Gert Mattenklott verstand sein extensives Schreiben und Vortragen über Gott und die Welt als Tagebuch, als fortgesetzte Verschriftlichung seines monologue intérieur, als gerechte Anforderung an einen Intellektuellen, dem sein extensiver Umgang mit den Künsten die Möglichkeit bietet, seine Leidenschaften besser zu verstehen. Fünf Stunden Schlaf, sagte er 1997 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, genügen.

Im Wunsch, ein anderer zu sein, als man ist, wenigstens mehr, als man ist, kommen die archaischen Impulse des Schreibens und Reisens in einer Körperwahrnehmung zusammen – und in Mattenklotts bevorzugter Form: der des Portraits, der geistigen Physiognomie. Essentiell war ihm das Schreiben in Zügen, vor allem in den Jahren 1972 bis 1994, als er von Berlin nach Marburg pendelte, im legendären Leningrad-Express, dem er 1979 in der Zeitschrift Merkur und 1980 in den marxistischen Argument-Studienheften eine liebevolle Reflexion widmete.

Seine Publikationsliste umfaßt an die 20 Monographien und rund 25 herausgebene Bücher, dazu sieben herausgegebene Reihen und Zeitschriften, viele hundert wissenschaftliche Essais und nicht ganz so viele Zeitungs-Artikel über Gott und die Welt, über Marxismus und vielfältige Formen von Zuneigung und Vergegnungen, über literarische Migrationserfahrungen und Verschalungen, Tarnungen und Wechsel von Identitäten.  Weniger wichtig waren ihm dagegen zumeist Kollegen, bildeten sie doch für ihn überwiegend „eine Zunft von Buchhaltern, deren Lust am Einordnen und Ablegen mir rätselhaft“ ist (Süddeutsche Zeitung, 22.9.1997), und denen er wiederholt vorhielt, lediglich „metaphysische Restbestände zu verwalten“.

Die Künste im Vergleich

Je selbstsicherer ich als Literatur- und Kunstwissenschaftler geworden bin, desto größer ist auch die Distanz zu einer [marxistischen] Form von Theorie geworden, die ich im Bezug auf meinen Gegenstand als Partialtheorie ansehen muss. In politischer Hinsicht trägt dazu die Beobachtung bei, dass die wesentlichen literarischen Traditionen dem Anarchismus näher gestanden haben als dem Sozialismus.

Gert Mattenklott: „Ich hätte mir mehr Selbstbewußtsein gewünscht beim Theoretisieren.“ Interview

Mattenklotts frühreife Habilitation Bilderdienst. Ästhetische Opposition bei Beardsley und George (1969) zeugt von einem an Walter Benjamin erinnernden Gespür des 27jährigen für intermediale Konstellationen und Trends in Lebensstilen und Ideologien. Nicht nur mit der damals marxistischen Verschalungsform seines Ästhetizismus setzte er sich in den ideologisch aufgeregten späten 1960er Jahren zwischen alle Stühle: Hier zeigte sich ein Marixst, der den elitären Stefan George für künftige Generationen lesbar macht;  zugleich ein enorm kunstsinniger junger Bildungsbürger, der seine Sympathien für die politische Linke nicht unterdrücken kann; ein verheirateter junger Mann, der ein auffälliges Verständnis für die Bisexualität in den Illustrationen Aubrey Beardsleys zeigt. Seine Witwe, Professorin Gundel Mattenklott, stand dahinter, und die vielfältigen Nachrufe von Kollegen und Schülern aus verschiedenen Generationen zeigen, dass dieser Mann, der seine zarten Seiten und auch sein mann-männlichen Zuneigungen offen zeigte, einen sehr heilsamen Einfluß auf das sonst nach wie vor von männlicher Konkurrenz geprägte Geschäft hatte.

Aber so weit war man damals noch nicht: Ulrich Raulff deutet in seinem Buch Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben die Möglichkeit an, dass Mattenklott ohne die schützende Hand seines Lehrers Peter Szondi (1929-1971) angesichts vehementer Gegenstimmen an der Fakultät ebenso die Venia legendi verweigert worden wie seinerzeit Walter Benjamin.

Schon Mattenklotts Dissertation Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang von 1967 greift emphatisch ein zentrales Thema Benjamins auf: die Schwermut als Motiv der Literatur und als Prinzip ihrer ästhetischen Organisation, in der etwas Ausstehendes, im wirklichen Leben und der Allgemeinen Geschichte Verstelltes, aufbricht – ein spezifisch deutsch-jüdisches Motiv, das sich in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch beim frühen Lukács, Bloch und Adorno in einer messianistisch-neomarxistischen und vielfach negativ-theologischen Wendung findet.

An dieser Melancholie schätzte er den Umweg als Lebensform. Seine email-Adresse lautete „umwege-in-berlin…“. Und im obsessiven Zitieren erkennt Mattenklott nicht allein das Medium utopischer Melancholie, sondern schreibt sich einer Tradition homiletischen Zitierens auch ein, wie er sie am Close Reading Benjamins und Szondis lernen konnte, bei dem nicht die Kommentare das Zitat, sondern das Zitat den Kommentar erläutern: als ein offenes Geheimnis.

Forschungsschwerpunkt: Europäische Judaica

„Es ist eine Frage, die  Einsicht in die Bedingungen von Kunst in unserem Kulturkreis wie auch in die Gründe verspricht, aus denen zwittrige Formen wie Brief und Essay, bis in unser Jahrhundert hinein eine besonders starke Prägung durch weibliche wie durch jüdische Autoren erfahren haben. Ausschluß ist einer der häufigsten Anlässe für bedeutende Briefwechsel auch im 20. Jahrhundert gewesen.“

Gert Mattenklott: Über Juden in Deutschland

Mattenklott trat nach einer marxistischen und einer entschieden sinnlichen Phase seiner Publikationen vor allem mit seiner benjaminesk kommentierten Brief-Anthologie Über Juden in Deutschland (1992) als ein beredter Zeuge der für ihn beendeten Akkulturation, der Haupt- und Nebenwege der Assimilation vor 1933 auf. Er kannte sich aus mit den Neomarxisten, den Klassizisten, den sehr wenigen Zionisten, mit Kraus und anderen, die ihre kunstvolle Sprachreinheit gegen das Ostjudentum setzen…

Beiläufige, aber deutliche Liebeserklärungen gibt es in seinem Werk jede Menge, wenn er etwa am Rande eines Portraits Max Kommerells auf die Juden im Kreis um Stefan George zu sprechen kommt:

„Georges Versuch, eine poetische Sprache zu erschaffen, die im wesentlichen bilderlos von höchsten Dingen sprechen sollte, kam übrigens auch vielen jungen Juden entgegen, deren traditionelle Bindung an das Bilderverbot ihrer Religion zu stark war, als daß sie es bei ihrer ästhetischen Säkularisation nicht als eine Hemmung und Verhaltung anschaulichen Kunstformen gegenüber hätten empfinden müssen; gleich in der ersten Generation des Kreises Gundolf und Wolfskehl.“

Hemmung und Verhaltung hin oder her: Auf dem schmalen Grad zwischen Verbergen und Offenbaren hatte Mattenklott sich ästhetisch und spirituell beheimatet – so, wenn er im editorischen Nachwort zur Anthologie Jüdisches Städtebild Berlin den subjektiven Faktor des philologischen Befunds ins Universelle wendet:

„Ohne daß die Frage nach Herkunft, Familiengeschichte oder Konfession die Auswahl beeinflußt hätte, ergibt es sich am Ende dennoch, daß die Autoren überwiegend Teilhaber jüdischer Geschichte in Deutschland sind. So soll bei dieser Gelegenheit die Beobachtung festgehalten werden, daß – unberührt von aller vermeintlichen ‚Normalisierung‘ im Umgang mit Außenseitern – Literatur über Juden, Homosexuelle, Frauen, Sinti und Roma in aller Regel auf die Zugehörigkeit der Autoren zu dieser Gruppe bzw. eine entsprechende Präferenz schließen läßt.“

Mancherlei Denkmale und Merkzeichen

Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entferntes und Abgeschiedenes näher bringen. Keins ist von der Bedeutung des Bildes. Die Unterhaltung mit einem geliebten Bilde, selbst wenn es unähnlich ist, hat was Reizendes.“

Goethe: Die Wahlverwandtschaften

Gert Mattenklott zitierte diese Stelle aus Ottiliens Tagebuch in seinem Aufsatz Die Lebensgeschichte der Toten. Totengedenken in der wechselvollen Geschichte Thüringens im 19. und 20. Jahrhundert.

Es geht bei Goethe um die Frage, wie die Toten im Gedächtnis der Lebenden bleiben sollten, bei Mattenklott um die seit Goethes Zeiten zunehmende Politisierung von Leben und Tod, auch auf Leben und Tod, so in den Denkmalen Thüringens, in Weimar und Buchenwald.

Ottilie muss am Ende von Goethes Roman sterben. Die darin vorgestellte Gesellschaft lässt keine Wahlverwandtschaften, keine Bindungsfreiheit zu, weil sie das Verhalten im Gedenken, in Liebe und Freundschaft nur als eines der Treue oder Untreue einordnen kann.

Das Reizende privater Erinnerungs-Bilder erkannte Mattenklott an, schon weil sie meist nur zwischen den Beteiligten ihren Horizont und ihre Würde behielten. „Die Gespräche“ aber, so endet dieser Essay, „die in diesem Zusammenhang geführt werden, entscheiden dennoch über Bestand oder Verfall einer kulturellen Öffentlichkeit.“

Ästhetische Ekstase – politische Moral

In unseren Jahren begegnet die Konstellation von ästhetischer Ekstase im Widerstreit mit politischer Moral selten mehr in Werken, sondern in Form eines Habitus von zwiespältigen Menschen. Über ihn läßt sich schlecht streiten und nicht rechten. Er ist ein Symptom von Zeitgenossenschaft.

Gert Mattenklott: Ästhetische Ekstase, politische Moral. Zum sechzigsten Geburtstag von Susan Sontag (Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.1.1993)

Im Juli 1808 beendet Goethe die erste Fassung der Wahlverwandtschaften; am 2. Dezember desselben Jahres trifft er Napoleon auf dem Erfurter Fürstentag und macht sich dessen Maxime zu Eigen: „Die Politik ist jetzt das Schicksal.“ Goethe ist tief erschüttert, beruht doch sein klassisches Form-Pathos auf der Emanzipation von Schicksalsmächten und der Versöhnung von Neigung und Pflicht.

Eckermann wird über 20 Jahre später ein Gespräch aufzeichnen, in dem Goethe sich ausdrücklich auf das Wort Napoleons bezieht und „die tragische Schicksals-Idee der Griechen“ für obsolet erklärt. Die bildungsbürgerliche Lektüre mag auf dem gläubigen Nachvollzug einer vermeintlich fortschreitenden Läuterung des Klassikers und seiner Helden bestehen. Goethe aber erlebt eine Welt, die im Begriff ist, sich aufzulösen und sich zu zufälligen, rätselhaft bedrohlichen Konstellationen wieder zu ordnen. Bedroht sind in erster Linie die Deutungsformen, in denen Selbstverständigung sich vollzieht.

Für den späten Goethe, so legte Mattenklott in einer (typischerweise vornehm-ketzerischerischen) Interpretation  von Faust II nahe, könne daher die Kunst ihrem vollen Sinn nach nur „heidnisch sein, dem schönen Leben innigst verbunden“. Diese Haltung markiert Goethes ästhetische Opposition gegen die Verinnerlichung und Psychologisierung in einer wirkungsmächtigen deutschen Tradition, die seit dieser Zeit mit den Namen Winckelmann und Hegel eng verbunden ist. So wie Mattenklotts Interpretation Goethes Formel vom „verteufelt Humanen“ und Adornos Vortrag Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie individualisiert, den er 1967 in Berlin hören konnte.

„Untreu“, so Mattenklotts Maxime, könne man im Verhältnis zu sich und einem geliebten Menschen oder einem Ideal „nur sein, nicht dafür plädieren.“  So nämlich, wie in jeder Liebschaft sich die Liebe erneuert, wächst bei jeder erfüllten ästhetischen Erfahrung das Bedürfnis nach Erneuerung, obwohl doch die je neue die Verneinung einer anderen ist.

Eine Fähigkeit der Seele

La syntaxe est une faculté de l’âme.

(Der Satzbau ist eine Fähigkeit der Seele.)

Paul Valéry: Choses tues (Verschwiegenes)

Am 10. Juni 2004 hielt Bernhard Böschenstein aus Genf einen Vortrag am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin. Böschenstein war mir nicht nur als Kenner der internationalen poésie pure bestens bekannt, sondern bereits während meines Studiums als Freund meines Erlanger Lehrers Peter Horst Neumann und dann als Gastprofessor in Fribourg. Er sprach zum Thema Paul Celan im Gespräch mit deutschen und französischen Dichtern von Hölderlin bis zur Gegenwart. Mattenklott moderierte die Veranstaltung, im weißen Anzug, braun gebrannt, mit ansteckender Heiterkeit: „Ich bin heute nur in der Rolle des Pedells.“ (Weil die Alumni-Vereinigung des Peter-Szondi-Instituts eingeladen hatte.) Ein Pedell, braun gebrannt und im weißen Anzug, der sich in jeder Rolle an eine einfache Regel hält: Man sollte nie einen Stil kopieren. Sondern einen schaffen.

Anstelle einer Diskussion, so war es auch ausgemacht, wurde Böschenstein als Zeuge zu Celan und zu seinem Zürcher Studienfreund Peter Szondi angesprochen: zu Szondi, dem Lehrer Mattenklotts, der sich im Oktober 1971 das Leben genommen hatte. Mattenklotts Gesicht alterte schlagartig, bis er bei der nächsten Frage spontan wieder die vertraute höchste geistige und physische Präsenz ausstrahlte: als es um eine kleine, aber sprechende metrisch-rhythmische Feinheit in einer Übersetzung Paul Celans ging.

Traumbilder des erfüllten Augenblicks

Die Sehnsucht der Kunst und des Eros hat Lou Andreas-Salomé im Anschluß an Freud als ‚aus der gleichen Wurzel‘ bezeichnet. Die Assoziation der Tradition in den Bildern der Kunst und die des kulturell Verdrängten im Erwachen des Eros im Traumbild gingen gleicherweise zurück auf ‚eine Art Weckruf aus dem Schlaf des Gewesenen durch den Aufruhr der Stunde‘.

Gert Mattenklott: Bilderdienst. Ästhetische Opposition bei Beardsley und George. Rogner & Bernhard 1970, S. 47

Dass Mattenklott die Formen als Formen der Macht bis zur Parodie übererfüllen konnte, war mir aus der Eröffnung seines Jenaer Vortrag 1997 über ein Hochzeitsbuch von Fidus, den Illustrator des Georgekreises, und Marcel Mauss‘ Theorie der Gabe eindringlich in Erinnerung. Da wählte er eine für deutsche Verhältnisse geradezu altmodisch-majestätische Begrüßung, um – im selben Ton – ganz privat zu enden: „Magnifizenz, meine Damen und Herren, lieber Jost.“ (Das war der alte Genosse Jost Hermand aus Madison, Wisconsin.)

„Magnifizenz“, das war ein liebenswürdiger Mediziner, der uns vorher allerdings mit endlosen laienhaften Betrachtungen zum Jugendstil so gelangweilt hatte, dass Mattenklott ungeniert zwischen Akten- und Gesichtsstudien pendelte. Er war verspätet gekommen und huschte auf den freien Platz neben mir. Aber die Gesichtsstudien: Es begann damit, dass Mattenklott schon bei dem ersten Satz, den er von Magnifizenz hörte, mich entsetzt ansah. Ich verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und schmunzelte ihn an. Er schien die Verweildauer völlig autonom nach ästhetischen Gesichtspunkten zu bestimmen. Ich bemerkte, wie einem Jenaer Kollegen bei unseren, teils wechselseitigen Gesichtsstudien fast die Augen aus dem Gesicht gesprungen wären.

Dann war Mattenklott an der Reihe, vorzutragen, mit leiser Stimmer, mit einem leicht rauchigen, angenehmen Tenor und in stoischer Haltung. Nach der zeremoniellen Begrüßung verwandelte er sich ansatzlos vom Geheimrat in ein Medium: Er begann seinen Vortrag nämlich ohne ausdrückliche Überleitung: mit einem traumwandlerischen Zitat aus Ernst Blochs Spuren über Seher auf dem flachen Land, um dann, mit seinem bekannten Sinn für die Sozialkritik der Formen, eine geistige Physiognomie nach der anderen aus dem Hut zu zaubern.

Als er sich nach dem Vortrag setzte, war überraschenderweise eine tiefe Erschöpfung bei dem Referenten festzustellen. Der Schlaf drohte ihn zu übermannen. Doch als er vom Moderator an die Diskussion erinnert wurde, tanzte er elegant wie eine Primadonna wieder ans Rednerpult und interpretierte das  akademische Fragespiel als Zugabe: er improvisierte, wiederum traumwandlerisch, weitere geistige Physiognomien. Nach der Diskussion seines Vortrags durfte er dann schlafen – oder angemessener: in Morpheus‘ Arme sich ergeben.

„Raum Nummer?“

„Die gesellschaftliche Aufsicht über das Denken herrscht über die gesprochenen Sätze strenger als über die Sprache der Körper. (…). Wo expressis verbis argumentiert wird, appelliert die aufgeklärte Verständigkeit an die Konventionen, während Mimik und Gestik – gewissermaßen populistisch subversiv gegen die diskursive Logik – die verbalsprachliche Rede sabotieren. Ergriffen und furios bewegt von der geschichtlichen Möglichkeit, redet die Avantgarde oft in der Form ekstatisch und leidenschaftlich in der Sprache der Körper, aber illusionslos und resigniert dem literarischen Wortsinn nach.“

Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang (Studien zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft. Band 1, Metzler 1968, hier erweiterte 2. Aufl., Athenäum 1985)

Dieses Pendeln zwischen Lustprinzip und zeremonieller Form erlebte ich später auch als sardonisches Schmunzeln in einer kurzen Causerie, die wir am 6.2.2001 vor seinem Vortrag über Kunstreligion um die Jahrhundertwende an der Humboldt Universität führten. Ich war schon verstimmt, weil der Raum nicht zu finden war. Dann sah ich plötzlich den Referenten aus einem anderen Gang schießen. Er spurtete, auch völlig verpeilt, aber elegant und juvenil, vor mir her. Es war ein köstliches Bild.

Ich reagierte auf meine Stimmung und rief ihm laut fragend hinterher: „Raum Nummer …?“ Er drehte sich um und zeigte zum ersten Mal dieses ausgelassene, erbauliche Schmunzeln. Wir fanden uns sofort in einer gedankensprungenhaften freien Assoziation. Es ging unter anderem um meine Erfahrungen als ehemaliger Assistent in der Jenaer Germanistik.  Mattenklott erinnerte sich zuerst an einen bemerkenswerten Kollegen aus einem anderen Fach: „Dieser Kunsthistoriker…“ – „Andreas Beyer…“ – „… hat mir gut gefallen.“ – Ich: „Aber der ist auch schon wieder weg.“ – Was die Jenaer Nachwende-Germanisten anging, erinnerte er nur knapp an den geistige Rangordnung: „Da sind ja nur die Kollegen Professoren geworden, die im Westen keiner mehr haben wollte.“ Ich: „Das ist nicht das Schlimmste: Wenn es verbindlich wurde, täuschte mein früherer Chef gern Denkstörungen vor.“ Mattenklott kannte ihn ja – und schmunzelte wieder sardonisch.

Er reagierte wiederum ästhetisch, indem er, für mich erbaulich, das Thema wechselte: Er begann über die Arbeit einer Doktorandin zu schwärmen, die sich hervorragend mit dem Verhältnis von Metrik und Rhythmik in Gedichten des russischen Symbolismus auskenne. Regelrecht neugierig wurde er, als es um meine Erfahrungen mit dem Sprachwechsel während meines Studiums im Schweizer Fribourg ging, wo er auf einer Konferenz gerade eben den Vortrag gehalten hatte, auf den ich nun bestens eingestimmt war.

In der literarischen Welt herrscht keine Demokratie

Am 4.5.2007 ist Gert Mattenklott schon von den Begleiterscheinungen einer Chemotherapie gezeichnet. An diesem Tag hält er eine furiose Laudatio anläßlich einer sonst langweiligen Veranstaltung. Man konnte hier ein Vermächtnis hören:

Bildung an Literatur ist keine luxuriöse Ergänzung des Studiums wie früher Reiten, Fechten oder Tanzen, sondern Vergegenwärtigung der Borniertheit von bloß funktionaler Ausbildung und Bemächtigung von Lebenswissen. – In der literarischen Welt herrscht keine Demokratie. Jeder Autor ist Monarch, und seine Anhängerschaft ist, indem sie von einem zum anderen wechselt, immer aufs Neue promisk und schamlos in ihrer Neugier und Hingabebereitschaft. Das Wissen und die Lust, die jeder von ihnen bereitet, sind einmalig und unverwechselbar.

Gert Mattenklott: Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der FU Berlin an Orhan Pamuk (4.5.2007)

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