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„Am Baum der Sprache lehnten wir und lehnten uns auf“ – Elazar Benyoëtz schreibt ein kurzes Buch über den Menschen und erinnert sich an seinen Freund, den Philosophen Ulrich Sonnemann

28. Dezember 2016

Elazar Benyoëtz: Was nicht zündet, leuchtet nicht ein. Ein Büchlein vom Menschen und seiner Ausgesprochenheit. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Andreas Steffens. NordPark Verlag Wuppertal 2016.

Zeugnis einer Freundschaft

Das neue Buch von Benyoëtz spricht vom großen gemeinsamen Thema zwischen ihm und seinem 1993 verstorbenen Freund, dem Philosophen Ulrich Sonnemann (1912-93). Was beiden seit ihrer ersten Begegnung in einem Münchner Kaffeehaus gemeinsam war, schreibt Benyoëtz:

„Am Baum der Sprache lehnten wir

und lehnten uns auf –

gegen alles, was das Sagen, ohne uns,

haben wollte“ (51)

So sind beider Werke auf unterschiedliche Weise Verweigerung und Antwort auf gesellschaftliche Zwänge zugleich.

Sonnemanns Hauptwerk von 1969 heißt Negative Anthropologie. Wie in Adornos Negativer Dialektik sollten hier die positiven Bilder vom Menschen und seiner Geschichte angegriffen werden, die den Menschen zum Objekt machen, auch wenn sie im Namen einer organisierten „Freiheit“ entworfen werden.

Unter dem identischen Titel Was nicht zündet, leuchtet nicht ein… erschien 1992 Benyoëtz‘ 15seitiger Beitrag zur Festschrift für Ulrich Sonnemann (Spontaneität und Prozess. Zur Gegenwärtigkeit Kritischer Theorie“, hrsg. Von Sabine Gürtler).

Aus 15 Seiten wurden 90, und auch die Textur hat sich erheblich verändert. Übernahmen aus dem Text von damals sind selten und gehen in neuer Umgebung andere Bezüge ein, in denen sich Nuancen und Facetten einer 26 Jahre währenden Freundschaft spiegeln. Hier soll es allein um dieses Buch gehen, denn zur dieser Freundschaft habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Das Buch lässt sich auch als Zeugnis eines ungemein produktiven und hoch aktuellen Dialogs zwischen Sonnemann als einem assimilierten Juden und einem Zeugen des Scheiterns der bürgerlichen Aufklärung und Benyoëtz als einem traditionellen Juden auffassen. Universell daran sind die Lehren von zwei Menschen, die Erfahrungen mit dem Unmenschlichen gemacht haben.

Benyoëtz und Sonnemann hatten nach ihrer Vertreibung bereits hebräisch und englisch publiziert, bevor sie ins Deutsche zurückkehrten. Als sie sich 1967 in München begegneten, herrschten in der Bundesrepublik noch Schulen der Sprachlosigkeit, um mit einem damaligen Titel Sonnenmanns über den Deutsch-Unterricht zu reden.

„Das Eigentliche im Menschen ist ausstehend“

Benyoëtz, Sonnemann und Steffens reden von dem, was die Menschen jenseits der trostlosen biologischen und ökonomischen Daten verbindet, mit der man uns heute erklären will, was der Mensch ist. „Das Eigentliche im Menschen wie in der Welt“, schreibt Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung, ist „ausstehend, wartend, steht in der Furcht, vereitelt zu werden, steht in der Hoffnung, zu gelingen.“

In erweiterter Fassung sollte das Büchlein vom Menschen mit einem Nachwort von Sonnemann erscheinen. Sein Tod kam dazwischen. Der Herausgeber Andreas Steffens, Freund und Schüler Sonnemanns, vermittelte die Publikation und hat sie mit einem Nachwort versehen. Nachwort ist fast zu wenig, handelt es sich doch um einen literarisch-philosophisch anspruchsvollen Essay von 20 Druckseiten.

Steffens ist ein publizistisch erfahrener Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur. Er hat einige Jahre in Paris gelebt, ist viel zwischen den Künsten unterwegs, und entwickelt als philosophischer Schriftsteller mit gelungenen aphoristisch-essayistischen Formversuchen selbständig und immer wieder kunstbegeistert und kunsterfrischt die Kritische Theorie und anderes fort.

Zünden und leuchten

Der Titel ist bei Benyoëtz immer schon ein Beispiel seiner poetischen Verfahren. In typischer Weise spricht er die Bildphantasie und zugleich die Klangphantasie an, um auf der sprachlichen Ebene einen Eindruck davon zu geben, wovon abstrakt die Rede ist. „Zünden“ und „leuchten“ sind stehende Metapher, die hier  als Selbstexemplifizierungen darauf verweisen, dass die Klang- und Bildphantasie angesprochen wird. Hinzu kommen die offenen, nebenordnenden Formen: Parataxis, Aphorismus und Zitat-Montage.

Zum l’art pour l’art neigt Benyoëtz bei alledem genauso wenig wie Sonnemann dazu neigte. Sprach-Artistik zielt bei beiden Autoren sowohl auf Einsicht als auch auf Handeln. „Leuchten“ verweist auf das Leitmotiv der Aufklärung, Lumière, Enlightenment. In diesem Bildfeld sind die Anthropologie des Philosophen Sonnemann und der Beginn der Genesis verbunden.

Wie geht das zusammen? 50 Jahre publiziert Benyoëtz nach Anfängen als hebräischer Lyriker nun in seiner zweiten Literatursprache, im Deutschen. Auch diese Sprache ist ihm ein Musik-Instrument, und das Gesprochene ein Lehrstück, bei dem man etwas über sich erfährt, was man vorher nicht wissen und anders nicht erfahren kann. Das heißt auch, ein sprachliches Kunstwerk ist bei ihm, wie jedes sprachliche Kunststück, auf Vorschein und Trug abgeklopft:

„Die Sinne lasen sich gern täuschen:

Das ist ihr Spiel,

nicht ihr Ernst“ (S. 20)

„Die heiklen Stellen in religiösen Texten

überwindet man am ehesten singend“ (64)

Dass alles stimmen müsse,

ist ein musikalischer Trugschluss“ (80)

 

Immer enthält das Schöne nach dem herrschenden westlichen Kulturverständnis das Versprechen des Wahren und auch noch des Guten. Aber auch die Möglichkeit der Täuschung. Die hebräische Bibel, aus der Benyoëtz kommt, hat diese Art einer sprachbezogenen Kritik der Erkenntnis schon in sich, indem sie fordert, den Namen des Herren nicht dauernd im Munde zu führen, etwa um etwas Ausgedachtes zu beglaubigen oder eine Handlung zu rechtfertigen.

Wie passt das zu zwei so sprachsinnlichen Autoren wie Benyoëtz und Sonnemann? Ihnen geht es gar nicht um Askese und Verbote, sondern um eine Reifung in der Wahrnehmung und in der Wirkung der ästhetischen Mittel.

Bei Sonnemann ist diese Haltung übertragen auf Bilder vom Menschen und seiner Geschichte. Benyoëtz erklärt daraus einen Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Weltauffassung:

„Umsonst versucht ein Jude,

Gott sich einzubilden

Dem Juden ward Gott eingeredet,

dem Christen eingebildet“ (S. 66)

Das Wort ist im Judentum das Medium, in dem der anfangs so skeptischen Moses die Offenbarung als ein Versprechen und einen Vertrag empfangen hatte. Aus dieser Ambivalenz gewinnt Benyoëtz, hier in der Tradition der aufklärerischen Sprachkritik von Seume bis Karl Kraus und Adorno, auch eindimensionalen deutschen Redensarten einen Witz ab:

„Vertrauen ist unglaubwürdig,

muss darum geschenkt werden.“ (S. 58)

Früher hatte er geraten, Vertrauen doch lieber „wie Verdacht zu schöpfen“.

Ausgesprochen

Im Untertitel wird eine Erwartung in Bedeutung entzogen, wiederum, um die lautliche und bildliche Einbildungskraft anzustoßen. Man mag über das Wort „Ausgesprochenheit“ stolpern. Man soll es auch. Als Adverb kann sich „ausgesprochen“ mit Vielem verbinden. Ausgesprochenheit aber, als Substantiv, ist ein Neologismus, wie er früher in der Fachsprache der Ontologen vorkam, der Philosophen, die es mit dem Sein und seinen Eigenschaften hatten. Vom Wortspiel zur Ontologie – für diese stilistischen Überraschungen ist Benyoëtz immer gut.

Es lässt sich zum Beispiel auf das Zeugnishafte von Benyoëtz‘ Aphorismen und Zitaten beziehen, die wieder als Teile einer Montage aufeinander bezogen sind.

Spricht ein traditioneller Jude vom „Wort“, ist damit immer auch Offenbarung, Beziehung und Beratung der mosaischen Gesetze gemeint. Das „Wort“ ist, mit Sonnemann zu reden, bei Benyoëtz „Ziel wie Anfang von Praxis“.

Hinzu kommt: Für Juden ist die Schrift, und dazu zählt auch die weltliche Literatur, nach Heinrich Heine ihr „portatives Vaterland“. So ist für Benyoëtz umgekehrt auch der Glaube „die Poesie der Religion“ (S. 63).

Umgekehrt erkannte Sonnemann in der Form des Aphorismus bei Benyoëtz den „Widerstand“ gegen die Welt des bürgerlichen Westens, die auch ihre Sprache und mit ihr die zwischenmenschlichen Beziehungen dem „Tauschprinzip“ unterworfen hat:

„Um ihn (diesen Widerstand) sich leisten zu können, muss ein Gedanke auf seine Selbstkommentierung verzichten, was wieder voraussetzt, dass er sich mit einem fugenlos in der Erinnerung bleibenden, in ihr nachhallenden Wort seinen Leib gewinnt: diesen bestimmten, unaustauschbaren, keinen von mehreren möglichen.“

Die gescheiterte Aufklärung

Benyoëtz greift Sonnemanns Gedanken der Negation in den Formen des Aphorismus und der Zitat-Montage auf. Er bestimmt seine Haltung zur Aufklärung auch selbst:

„Das Gebrechen der Aufklärung –

Ihre Übereinstimmung

Mit der Natur des Menschen.

Man kann den Menschen

Über das Böse aufklären,

nicht über das Gute“ (66)

„Aufklärung findet immer im Dunkeln statt, darum kann auch der Antisemitismus mit aufklärerischer Gebärde auftreten“ (33)

Es ist ein Denken, das aus dem Scheitern der bürgerlichen Aufklärung erwächst wie eine zarte Pflanze. Was dann als virtuose Sprachbeherrschung erscheinen mag, ist dem Könner, der sein Wort verantwortet, eine Qual. Denn was beweist die formale Meisterschaft für sich, wenn mit Formen und Höflichkeitsdichtung schon so viel gelogen, wenn mit Gedichten schon jedes Unrecht gerechtfertigt werden sollte?

Benyoëtz zitiert den formbewussten und zugleich immens welthaltigen Paul Valéry:

„… und dann endlich an die Form denken,

dieses gräßliche, endlose Geschäft.“ (S. 42)

„Scheitern, scheitern, besser Scheitern“

Auch die Rolle des Kunstschaffenden bleibt von diesen Haltungen nicht ausgeschlossen. Der Aphoristiker gilt in seiner starken deutschen Tradition als Verkünder von großen Worten. Heute reproduzieren sie sich in Form von Kalendersprüchen.

Benyoëtz‘ Eigenart, nicht nur offenlassend, sondern ohne Punkte zu schreiben, lässt jede Premiere und auch jede Wiederholung eines Einsatzes in neuer Montage-Umgebung als weitere Probe erscheinen. „Scheitern, scheitern, besser Scheitern“, heißt es nach Samuel Beckett bei George Tabori oder Peter Zadek, die Premieren ebenso als weitere Proben genommen haben.

Entsprechend bezieht sich Sonnemann 1977 in einer Rezension zu Benyoëtz‘ Aphorismen-Sammlung Worthaltung auf wesentliche Leitmotive von Benyoëtz‘ Werk, die auch hier wiederkehren. Benyoëtz unterscheidet, ähnlich wie Ernst Bloch, enttäuschbare Hoffnung von Erwartung (S. 54).

Im Büchlein vom Menschen ist der biblische Pakt, ist die Offenbarung als ein Vertrag stets mitgedacht.

 „Eine Welt bracht zusammen“ –

Es war nur ein Wort,

das gebrochen wurde (69)

Sonnemann nennt den hohen Stellenwert, den der traditionelle Jude Benyoëtz auch in einigen Aphorismen-Reihen des Büchleins Menschen dem Zweifel beimisst:

„Wenn seinen Glauben etwas vor Krisen rettet, wie Europa sie kennt, ist es dessen eigenes Kritisches, „Das Geglaubte“, lautet eine Sentenz, bleibt nicht aus, es ist das Ausbleibende.“

(Glückserfahrung einer Wortwerdung. Frankfurter Rundschau vom 2.7.1977)

In Benyoëtz‘ neuem Buch findet sich unter anderem ein Aphorismus hineinmontiert, den Sonnemann 1977 in einer Rezension kommentiert hatte. Der Aphorismus lautet:

„Alle Siege werden davongetragen“ (60)

Sonnemann schrieb damals luzide:

„Viel zu entschieden erscheint diese Aphoristikerexistenz selbst schon in Sprache verwandelt – ihre Bewegung und ihre Unüberschreitbarkeit –, um als gelinde Gegenwart irgendetwas davon anstatt heimzutragen; und wären es Siege.

Daher bleiben auch keine Besiegten zurück, geschweige Rollenträger für metaphysische Niederlagen (…)“

So bleibt Benyoëtz nie stehen, er war nie da zu finden, wo man ihn erwartet hätte. Ich hatte ihn durch eine frühere Aphorismen-Sammlung (Vielleicht  – Vielschwer) im Ramsch einer Berner Buchhandlung 1987 entdeckt. Nun ist er schon lange ohne festen Verlag, publizierte aber innerhalb eines Jahres fünf Bücher in fünf Verlagen, die jetzt innerhalb von zwei Jahren erschienen sind. „Scheitern, scheitern, bessern Scheitern“ sagt mir umso mehr das Fehlen der Schlusspunkte. In seinen Worten:

„Der Aphorismus wiegt immer so viel wie der Punkt, auf den er zustrebt.

Dank diesem erscheint der Gedanke zwar gut aufgehoben, doch kann er sich von ihm nicht mehr abheben. Er wollte den Rahmen sprengen, nun muss er im Bilde bleiben: ein schnaufender Mitläufer des Punktes, auf den er hinaus wollte“ (21)

Offene und geschlossene Formen

Die deutsche Literatur hat sich lange, und zum Teil bis heute, daran gewöhnt, eine Art moralische Belehrung zu geben. Und das Kunstpublikum hat sich kniend, in andächtiger Verehrung geübt und gelernt, blind zu rechtfertigen, was in klassisch gerundeter Form auftritt.

Benyoëtz misstraut dem vermeintlich Schönen, Reinen, Ausgewogenen wie dem glatten Zusammenhang, er zieht der makellosen Komposition die Montage vor, sofern es sich, um eine Unordnung von hoher Qualität handelt.

Der jüdische Witz

Und seine Lehre:

Perfekt ist inhuman und kunstwidrig“ (S. 76)

Wie auf andere Weise bei Sonnemann ist jeder seiner Einsätze ein Versuch, manchmal eine verzweifelte Aktion, um etwas über unser Leben zu sagen und sprachlich sedimentierte Denkgewohnheiten offenzulegen, die auch Handlungsmuster sind. Er fragt: Was macht Menschen glücklich und was tut Menschen weh. Und das heißt, dass man in der Literatur der Wollust, der Sucht und auch der Grausamkeit nicht ausweichen kann, weil man nicht lügen darf, wenn man die Frage stellt: Was ist der Mensch?

„Erschließung des Humanen aus seiner realen Verleugnung und Abwesenheit.“

Ich hatte diese Formel Sonnemanns aus seiner Negativen Anthropologie im Manuskript meiner Dissertation zitiert, am Ende eines Kapitels. Der Satz gab mir eine Sprache für meine Traurigkeit, meine Wut, auch meine Verzweiflung und auch meinen Hass. Nur hatte ich all das durch einen anschließenden Kommentar wieder zurückgenommen, erschrocken und akademisch damals allzu routiniert.

Elazar schrieb mir damals dazu: Wenn das Kapitel mit dem Zitat offen enden würde, „Würdest Du einen Schriftstellerkuss von mir bekommen.“ Mir wurde bewusst, dass ich meine Emotionen unbewusst zensiert hatte. Das lernt man so von anderen Lehrern, die bald schon Gutachter sind.

Benyoëtz tut nicht so, als werde das Alter, und hier nun die Erinnerung an einen Freund, wettgemacht durch Gelassenheit, Übersicht, Reife:

„Alle Ängste kann man miteinander teilen,

die Todesangst ausgenommen“ (82)

Benyoëtz‘ Aphoristik, durchsetzt mit Zitaten, auch erfundenen, verhält sich dann zum gerundeten Text wie eine Boulevard-Revue Peter Zadeks mit Fleisch und Blut zur anämischen Deklamation eines klassischen Dramas mit motorisch gestörten Darstellern des bürgerlichen Sprech-Theaters.

Die Spannung, das Zersetzende, das Collagierende, das Offene – Benyoëtz‘ Inszenierungen bleiben offen zum Leben. Sie haben immer Lücken, wo etwas herein- und herausschlüpfen kann, wo man sich etwas denken kann – oder auch nicht. Als briefliche Aufmunterung und Selbst-Aufmunterung von ihm: „Die Wahrheit ist ja immer nur eine Stilübung.“

Als Leser habe ich diese Einstellung immer als für mich „realistisch“ geschätzt, und dafür bis auf Flaubert, den offiziellen Realismus gern hergegeben, schon bevor ich Benyoëtz vor fast 30 Jahren entdeckte. Als Autor habe ich auf Quereinstiegen, auf unverbundenen Fragmenten und offenen Schlüssen bestanden, auch wenn das nicht immer im Sinne von Gutachtern, Kollegen oder Verlags-Agenten war, die das Geschlossene liebten. Das mag an der Schule liegen. Für Sonnemann waren deutsche Schulen, auch aus diesem Grund, „Schulen der Sprachlosigkeit“. Man kann sich unterschiedlich dazu verhalten, ohne sich aufzugeben. Adornitische Hypotaxen, wie ich sie seit meiner Schulzeit kannte, gaben mir eine Möglichkeit, Benyoëtz eine andere. Und sie wurde später für mich immer überzeugender.

„Ulrich meinte“, schreibt Benyoëtz über Sonnemann, „ein Satz könne nie trefflich genug sein; alle Trefflichkeiten gehören gleichsam in die Verschachtelung des eines Satzes hinein.

Einem deutschen Schöpfergott würde nicht einfallen: Es werde Licht! zu sagen.

Das Wort, das am hebräisch geschriebenen Anfang stand, war schon ein vollkommener Satz.

Ulrich nahm den Satz als Schule des Atmens und des Denkens zugleich.

Der Satz sollte nicht allein die Lehre enthalten, sondern auch die ganze, durchlaufene Schule.“ (50)

Damit spricht Benyoëtz  auch von der Gefahr eines solchen Werks, das sich so imponierend über den Durchschnitt deutscher Geistesverwaltung erhebt: Die Selbstversenkung in eine Lehre, die zugleich auch Schule sein will, kann, wenn sie Sache einer Minderheit bleibt, zu einem Mysterienspiel Eingeweihter werden und schnell der Vergessenheit anheim fallen. Sonnemann hatte durchaus ein weites Netzwerk, wie die Namen der Teilnehmer der Festschrift zeigen, in der Benyoëtz die erste kurze Fassung des Büchleins vom Menschen publizierte.

Umso mehr verdient Sonnemanns Werk neuerliche Überprüfung und Deutung. Die offene, poetische Form, das sagt Andreas Steffens in seinem Nachwort, legt uns dies nahe. In einer „mit abgedruckten Notiz“ zum Buch bemerkt Benyoëtz, er sei dankbar über die Möglichkeit gewesen, an die Freundschaft zu Sonnemann und die gemeinsame Sache zu erinnern. Er habe aber auch gezögert, weil er sich die neue „Lesergeneration“, die Steffens im Sinn hat, erst vorstellen musste:

„musste ich mir doch ein Bild von einer Idee machen, mir also etwas vom Kommenden einbilden.“ (91)

„Wir wurzeln im Traum…“

Benyoëtz ist ein Mensch, der einen sehen und auch hören will, egal, ob einer einen Zugang zu seinen Texten hat, ob er ein Leser oder ein professioneller Leser ist: „Rede, dass ich dich sehe!“ Das Verbildete ist ihm so suspekt wie dem Regisseur Peter Zadek ein fertiger Schauspieler war, der von seiner gelernten Gestik und Mimik lebt, es verlernt hat, normal zu gehen, und es gewohnt ist, von Regisseuren seine Rolle qua Dienst-Anweisung oder Belehrung erklärt zu  bekommen.

Man kann aus Benyoëtz‘ Aphoristik lernen, wie man einen Satz gliedert, wann man Tempo steigert oder vermindert, wie man einen Sound macht, die Stimme und den Stil in einen melodischen oder rätselhaften Ton überführt.  Es gibt aber auch Wirkungen, die sich unabhängig von Intentionen erst durch die Stimme dessen einstellen, der den Text spricht. Wenn wir uns treffen, lässt er mich ihm aus seinen Manuskripte hersagen, die er später lesen wird. Manchmal fragt er : „Hast Du ein Fragezeichen gelesen?“ – „Ja.“ – Nach zwei Sekunden folgt ein nachdenklich-entschlossenes „Guut“, dann gleich ein „weiter…“

Durch solche Einwürfe kommt man oft besser an Bereiche heran, die noch nicht zur Sprache gekommen sind, sei es, weil sie kaum bewusst oder auch sonst nicht erwünscht und vielfach ab-erzogen sind. Bei Proust schenkt die Phase des Erwachens mit seinen Übergängen von Laut und Bild in Bedeutung und syntaktische Ordnung der Welt eine Verbindung zur verschütteten Welt der Erinnerungen und Hoffnungen. Aus dieser Sphäre der mémoire involontaire kommen Benyoëtz‘ Sequenzen wie diese:

„Am ersten Phantasiebild

Befestigt sich die Erinnerung.“ (41)

„Wir wurzeln im Traum,

wachsen in die Wirklichkeit,

verästeln uns in der

Erinnerung“ (10)

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„Von der dunklen Ahnung bis zum hellsten Wahnsinn“. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ (Verlag Hentrich & Hentrich)

11. Dezember 2015

„Damit aber aus einem Gefühl Form werde, muß es lange in den Menschen leben“

Georg Lukács: Geschichte des modernen Dramas (1911)

Vor über 10 Jahren begann Elazar, immer wieder seufzend „sein letztes Buch“ anzukündigen. Es sind jene Momente, die jeder Autor kennt: Wenn das Adrenalin des Flows plötzlich leer läuft, wenn das Buch auf den Markt kommt und der Autor auf einer oft über zwei Monate zerrissenen Lesereise hinterher. Irgendwann erwiderte ich gespielt ungerührt: „Schon wieder?“ Er lachte sein ausgelassenstes Lachen, das ich immer mithöre beim Lesen, weil es Lebensmut versprüht.

Über 50 Bücher hat er seit 1969 im Deutschen veröffentlicht, in den vergangenen Wochen allein vier.

Wir kennen einander nun seit 1987, da war Benyoëtz so jung wie ich heute alt bin. Es wurde seither ein immer mal durch Widrigkeiten unterbrochenes, dann wieder in Schüben sich steigerndes Gespräch über Formen, allmählich auch ein Gespräch in Formen. Denn ich war lange in einem inneren Konflikt mit der den Sprachen der akademische Bildung und des Journalismus, die mich vor geraumer Zeit entließen, zu meiner Erleichterung.

„Ich bin, der ich nicht bin“

Im Frühjahr 1987 entdeckte ich seine Aphorismen-Sammlung Vielleicht – Vielschwer, im Ramsch einer Buchhandlung in Bern. Viel Leichtes und viel Schweres war auch da schon drin. Das Leichte schätze ich in der artistischen Prosa wie in der symbolistischen Lyrik. Etwas anderes kam hinzu. Sofort zog es mich hinein in die dezent-raffinierte Sillage jener neomysthischen Sachlichkeits-Emphase hinein, die vom frühen Lukács, von Bloch, von Georg Simmel und anderen her bekannt ist.

Sie und einige andere schrieben zwischen 1915 und 1930  artistische Prosa, von der Giorgio Agamben in den Denkbildern seiner Idea della Prosa sagt, sie hätten die „letzte gültige Bestimmung unserer Stimmungen und Gefühle“ geliefert. Ohne es mir bewußt machen zu können, hielt ich diese Sillage für verweht und auch nicht für erneuerbar, bis ich auf Benyoëtz stieß.

Er selbst schreibt dazu:

„Ich bin, der ich nicht bin:

Ein deutscher Jude

Und dies vor hundert Jahren“ (S. 37)

Das alles ist höre ich mit, wenn er in seinem neuen Buch „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ rückblickend anhebt:

 „Der Schlussstrich wird in die Länge gezogen,

über Jahre“ (S. 7)

Stille Selbstironie, im Nachsatz: „… über Jahre.“ So sardonisch und zugleich leicht sprach er schon damals über die ersten und die letzten Dinge – und alles, was dazwischen liegt.

Anders könnten, nach dem strengen Hofmannsthal, die „schweren Dinge“ des Lebens in der leichten Dichtung nur leben „als eine Kuh in den Wipfeln der Bäume.“

Wird im Titel des Buchs – „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ – die chronologische Reihenfolge artistisch verdreht, so wird sie hier hinausschoben. Eminente Dichtung, stellt der Linguist und Literaturwissenschaftler Roman Jakobson fest, läßt uns eine „Unterbrechung der natürlichen Zeit“ erleben. Und die ist gnadenlos: „Time waits für no one“.

Damit sich das dann so federnd und leicht anhört, wie es sich anhört, müssen die Bild- und Klangbeziehungen stimmen, muß das Wort im Satz sitzen. „Silbe um Silbe wahrgenommen“, wie er selbst im Zentrum des Buchs (S. 34) schreibt.

Das Nacheinander der Zeit, das nach den bürgerlichen Lebensläufen und dem Begriff des linearen Fortschritt sich ausrichtet, gilt nicht für die Dichtung, besonders nicht für den Aphorismus in Benyoëtz‘ Silbenmusik mit ihren Präludien, ihrem jähen Auf- und Untertauchen von Motiven und ihren Akkorden.

Streichsatz

Tom Waits macht aus alltäglichen Gesprächsfetzen Songs. Das Unvollständige ist dann ein Reizmittel der künstlerischen Einbildungskraft. Ein Aphoristiker geht den umgekehrten Weg: Er nimmt formelhafte Denkgewohnheiten auseinander, Benyoëtz tut es „Silbe für Silbe“. Das Redigieren ist in diesem Prozess vom Schreiben vielfach nicht zu trennen. Poetisch an Aphorismen sind gerade leere Zeilen. Und die gibt es bei Benyoëtz besonders oft. Mit einem Minimum von sprachlichen Zeichen sollen, so will es eine aphoristische Tradition, ganze Bücher überflüssig gemacht werden. Eindeutiges und Widerspruchsfreies findet man dann nicht – aber gezielt gesetzte Anstöße für den Leser. Selbstredend ist das das Ergebnis von Entscheidungen, wie der Autor witzig erklärt:

„Ich liebe das Streichen,

es holt mich ins Wort,

ich werde nicht müd‘“ (S. 26)

Nicht genug damit, diesem modernen Til Eulenspiegel sind Fehler gerade recht, weil sie ihn zu dieser seiner Lieblingsbeschäftigung anhalten:

„Keine Fehler, die ich gern aufgäbe.

Während ich nach ihnen fahnde,

bessern sich meine Gedanken,

das Krumme wird gerade, das Falsche zurechtgebogen.

Wie auf höheres Geheiß finden sich neue Fehler bei mir ein,

verdrießlich, ersprießlich“

„In die Leere sprechen“

Ähnlichkeiten im Klang von Silben, paradoxe  Zuspitzung und Mehrdeutigkeit eröffnen dann die poetische Kommunikation:

„In die Leere sprechen ist raumfüllend, erbauend, konkret. Das erste ‚es werde!‘ offenbarte die Leere als seine Voraussetzung. Der Gedanke trägt Licht in die Endlichkeit, die Dichtung malt sie aus“ (S. 38)

Typischerweise und selbstverständlich kommt bei Benyoëtz an solchen, für die Poetik und Semiotik entscheidenden, Stellen, ein biblischer Bezug hinein. Ich bin konfessionslos, im Sinne Voltaires in politischen Dingen Atheist, in anderen Deist. Der Bezug zur hebräischen Bibel bei Benyoëtz kommt mir aber keineswegs so exotisch oder gar kunstfremd und peinlich vor, wie ich es bei Reaktionen von westlichen Menschen, auch bei assimilierten Juden, erlebe.

Es erlaubt bei näherem Hinsehen auch wenig Anknüpfungspunkte für katholische Theologen, die über ihn schreiben oder vortragen. Für mich hat sich die Vermutung bestätigt, daß eine Konfession im christlichen Sinn bestenfalls eine entfremdete Form von Kunst oder ästhetischer Weltauffassung ist, zumal wenn sie als universitäre Wissenschaft auftritt. Das Christentum, das sich heute den Künsten, auch Benyoëtz zu öffnen vorgibt, bezieht sich vielfach nur auf das wenige Eigene im Fremden, und nennt seine Haltung dann tolerant und allumfassend.

 „Von der dunklen Ahnung bis zum hellsten Wahnsinn“

Hartnäckig hält sich das Gerücht, daß Poesie die Wirklichkeit abbilde, Ausdruck von etwas sei (was ebenso gut anders gesagt werden könnte) oder die Offenbarung eines Genies sei. Ausgeblendet wird die Frage, wer hier zu wem spricht.

Wer Benyoëtz‘ Dichtung hoch schätzt und sie mit Argumenten vertritt, wird nicht unter den hohen Kunstanspruch gehen dürfen, den Hofmannsthal 1896 in seinem Essay Poesie und Leben gegen das mangelnde Kunstbewußtsein seiner Gegenwart richtete:

„Man hat den Begriff der Dichtung erniedrigt zu dem eines verzierten Bekenntnisses.“

Nun gibt es bei Benyoëtz zweifellos Bekenntnisse, aber sie betreffen nichts im Sinne von Konfession, sondern bezeugen Solidarität zum vermeintlich Abwegigen, Stigmatisierten, Vergessenen, Übersehenen oder Unterbewerteten.

In seinem neuen Buch ist zunehmend vom Gebet die Rede. Was er „Gebet“ nennt, beginnt mit dem Hinweis auf Grenzerfahrungen:

„vom Seufzer bis zum Aufatmen,

von der dunklen Ahnung

bis zum hellsten Wahnsinn

(…)

Auch Denken läuft aufs Beten hinaus“ (S. 64)

„Es wäre nicht falsch, nur zu billig“, sagt er, dies alles auf den Begriff des Gebets zu bringen.

Gelegentlich und sogar phasenweise streut er in seinem Werk kunstvoll verdichtete Kommentare zu Stellen der Bibel ein: den Bußspalm 51,17, dann das Opfer Isaaks. Wenn er dabei an einigen wenigen Stellen auch das hebräische Original neben die deutsche Übersetzung setzt, kann es einem vorkommen wie bei Miles Davis, der mit dem Rücken zum Publikum spielt: Eine Verdeutlichung des Fremden, der Situation, in der ein israelischer Autor aus bekannten Gründen zu einem deutschen Publikum spricht. Benyoëtz möchte mit seiner Identität als traditioneller Jude und Zionist wahrgenommen werden. Er will es dabei, wie er immer wieder betont, „nicht besser, aber anders wissen“.

Nach menschlichem Ermessen geht es an den Stellen, die Benyoëtz zitiert, wie so oft in der Tora, um Ereignisse, die uns unverständlich, ja sogar ungerecht sind. Es wäre eine Verhöhnung der Geschlagenen, für solche Ereignisse immer noch den „lieben Gott“ verantwortlich zu machen. Ermutigen kann Benyoëtz wie kein Zweiter, wenn es um Scheitern und Mißlingen, um menschliches Handeln geht. Hier aber verbietet sich ihm das:

Abraham anzuzweifeln ist kurzsichtig,

Gott zu rechtfertigen – scheukläppisch (S. 25).

Er schließt daraus:

„Alles Göttliche ist nicht Gott

Alles Ähnliche ist ein Vergleichnis“ (S. 27)

Es sind solche Einsichten der Bibel, die ihn im Judentum „die älteste Erinnerung an Gott“ sehen lassen.

Zu wem spricht Benyoëtz‘ Dichtung?

Ich höre gelegentlich den Einwand, Benyoëtz‘ Dichtung sei „zu religiös“. Dann müßte man die wertvollsten Werke der Moderne als „nicht-diskursfähig“, wie man heute vornehm zu sagen pflegt, streichen. Gesellschaftlich ist der Umgang mit Kunst heute größtenteils auf einsame Lektüre oder die eingeschränkte Öffentlichkeit von Leser-Kreisen eingeschränkt. Von Teilhabern der sogenannten „social communities“, wird eine solche Rechtfertigung nicht verlangt. Denn die Maske der Neugier ist neutral. Hinter ihr können sich geschäftliche Interessen und krypto-religiöse wie para-erotische Wünsche verbergen, Provinzialität kann im globalen Dorf als Ausweis praktischer Intelligenz oder Weltoffenheit erscheinen.

Nun hat bereits die Klassische Moderne eine immer wieder überraschende Produktivität im Rückbezug auf verdrängte und damit ästhetisch unverbrauchte archaische Phänomene entwickelt, die als gegen-aufklärerisch gelten. Aus Protest geht sie dann sogar vielfach hinter das Christentum und sogar hinter den Monotheismus zurück in animistische Lehren. Es wäre nicht schwer, die Belege zu anthologisieren. Ich denke an Satanistisches bei Baudelaire, an die Berufung auf Sprach-Magie bei Karl Kraus, an den „Dämons der Analogie“, dem Stéphane Mallarmé begegnete und dergleichen mehr. Stravinskys Sacre du printemps, Richard Strauss’ Salomé wären Beispiele aus dem neo-sakralen Musiktheater; in der bildenden Kunst wäre beispielhaft zu erinnern an die bewußte Regression zu primitiven Farb- und Formensprachen als Verweigerung der klassizistischen imitatio naturae bei Kandinsky und den Expressionisten, um beinahe willkürlich einige Namen und Stichworte für zahllose denkbare herauszugreifen.

Wenn sich die modernen Künste vor 100 Jahren mit einer lange angestauten produktiven Energie auf solche Traditionen zurückbesinnen, so tun sie dies nicht etwa, weil ihnen der Sinn nach einer Regression stünde, oder weil sie übertriebene Sympathien für vor- oder gegenaufklärerische Kulturkritik hätten.

Ist der Mensch dadurch gekennzeichnet, daß er das Andere seiner selbst, nämlich das Unmenschliche denken und praktizieren kann, so verdunkelt sich in der antiklassizistischen Moderne auch vielfach der monotheistische Gott.

In den Jahren, als Gershom die Kabbala neu entdeckte, übersetzte Ernst Müller den Sohar des 13. Jahrhunderts aus dem Aramäischen ins Deutsche (1932). Die biblische und talmudische Überlieferung wird hier angesichts der immer neuen Erfahrung der Verfolgung im Exil neu ausgelegt. Die Schechina (hebr.: שְׁכיִנָה), die „Einwohnung“ Gottes in der Welt, vollzieht sich demnach in einem Akt der Selbstverfinsterung, ja in radikalen Versionen dieser Lehre nur im Moment der eigenen Abwesenheit. Hier auch findet sich eine neo-gnostische Auffassung, die besagt, daß Mann und Frau, Gut und Böse, Hell und Dunkel, Tag und Nach gleichen Ursprungs sind.

Es ist die Freiheit, die sich öffnet, wenn man bereit ist, Kants Einsicht aus der Vorrede der 2. Auflage zur Kritik der reinen Vernunft zu verantworten: „Die Vernunft erkennt nur, was sie selbst entwirft.“ Sie tut dies sprachgebunden, wie uns die spätere Theorie der Erkenntnis zeigt: nach dem Vergleich Wittgensteins wie eine Fliege, die sich auf Nahrungssuche in eine Flasche verirrt hat, und nicht mehr aus ihr herausfindet. Paul Valéry spricht zur gleichen Zeit als Schüler Mallarmés und als Aphoristiker in seinen cahiers vorwiegend epistemologisch vom „Bau des Bibers“ in uns.

Als „Geistersprache“ hat Heinz Schlaffer in seinem gleichnamigen Buch die Vorgeschichte der Lyrik in unserem Sinne erklärt: Einst diente der Anrufung der Götter, dem Erntedank oder dem Liebeszauber.  Zwar sind diese Zwecke der Lyrik verblaßt, aber ihre Mittel wirken nach, indem sie durch ihre besondere Sprache und ihre eigentümliche formale Ordnung den Leser an seine Grenzen stoßen, ja ihn über sie hinaus führen können:

„Der Archaismus des Gedichts fördert und erfüllt das Verlangen zu denken, zu fühlen, zu sagen, wofür die Pragmatik und die Logik des aufgeklärten Zeitalters keine Worte mehr haben.“

Interdit d’interdire d‘interdire. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Auch Kürze hat ihre Maßlosigkeit“ (Brockmeyer-Verlag)

22. November 2015

Das wirklich Soziale aber in der Literatur ist: die Form.

Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie

Als ich vor bald 25 Jahren eine Zeit lang vor dem Abschluß meiner Dissertation steckte, änderte Elazar sein Konzept. Keine Aphorismen-Sammlungen mehr, sondern Zitat-Montagen. Mein Thema zerlief mir zwischen den Händen. Mit einem der üblichen akademischen Taschenspieler-Tricks kriegte ich die Kurve: Der gattungstheoretische Ansatz mußte nur leicht Richtung Textlinguistik verschoben werden.

Langweilig wurde es nie. Eben noch meinte ich, der ihn mehr als 25 Jahre kennt und über ihn vor über 20 Jahren das erste Buch geschrieben hat, er habe sich vom deutschsprachigen Aphorismus verabschiedet und wird vielleicht doch wieder Hebräisch schreiben. So schien es vor einigen Jahren, er sprach davon, sich aus der deutschen Literatur zu verabschieden, dem Hebräischen noch etwas schuldig zu sein.

Interdit d’interdire

Nun kommt er wieder mit vier Büchern auf einen Schlag, eins davon erschien im Brockmeyer-Verlag und bietet Aphorismen über den Aphorismen, über die Poesie, über das Jüdische im Deutschen.

In seinen Worten:

„Man kann sagen, was man will:

nicht weniger“ (S. 37)

Er wird immer durch seine Haltung sagen, was im Pariser Mai 68 auf den Häuserwänden zu lesen war: „Il est interdit d’interdire.“ Es ist verboten, zu verbieten. Überflüssig zu sagen, daß die christliche Religion mit Verboten wie üblich an der Macht kräftig beteiligt war. Hier gibt es gar nichts zu vermissen.

Damals war das eine geistreiche Reaktion auf die vielen Verbotsschilder, die die alte Gesellschaft Westeuropas aufgestellt hatte. Und sie entsprach der frechen literarischen Tradition des Aufstands gegen die Religion im französischen Hochmittelalter und der Renaissance: Dem Roman de Renard und Rabelais Gargantua und Pantagruel.

Aber wir sind an einem anderen Punkt. Längst hat auch Daniel Cohn-Bendit 2007 zu einer neuen Debatte über 68 gesagt: „Interdit d’interdire d’interdire.“ – Auch das Verbot, Verbote zu verbieten, ist im 21. Jahrhundert verboten, das heißt: nichts ist unbesehen legitimer als Verbote selbst.

Der Aphoristiker Benyoëtz gibt in seinen bisher rund 50 Büchern Zeugnis davon. Und er erwartet dies auch im Umgang mit Menschen. Das heißt: Habe den Mut, Deine Gedanken in Deinen Worten freizusprechen, Irrtum in Kauf nehmen, und dann wieder gegen Dich zu denken, insofern bereit sein, Dir zu widersprechen.

So bleibt es spannend. Er ist vom Sternzeichen „Widder“, schreibt er in einer seiner charmanten Selbstreflexionen im Buch (S. 55). Das kenne ich von Haus aus. Mein Vater war Widder, ein Draufgänger in anderer Richtung. Widder sind Menschen, die ihre Hörner behalten, auch wenn die deutsche Redensart es will, daß sie abgestoßen werden. Die Hörner sind, wie wir von Gustav Mahler und Adorno wissen, das Beste am Menschen.

Leere Zeilen

Menschen, die wenig schreiben, fürchten, wenn sie etwas zu schreiben haben, leere Zeilen. Ebenso Auftrags-Schreiber, die leergeschrieben sind. Beim Aphoristiker verhält es sich umgekehrt. Wie der Rhetor in Kunstpausen seine Botschaften verstärkt oder sogar transportiert, so der Aphoristiker durchweg in den leeren Zeilen und auch in den Lücken der Wörter und selbst an den unsichtbaren Grenzen der Morpheme.

Das ist die Eigenart des Aphorismus, die sich von Formen der Lyrik und anderen Arten der fiktionalen Prosa unterscheidet, und mit allen Höhen und Tiefen genauso eine anspruchsvolle Kunstform zu nennen ist wie die „Windstriche“ Paul Valérys oder die feinen Übergänge in den vielfach aphoristisch genannten Kompositionen Alban Bergs. Es ist die Feinheit einer Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der man Form im Sinne Adornos noch als Schule des Protests verstehen konnte. Die Fortschritte der digitalen Mediation laufen demgegenüber auf eine standardisierte Wahrnehmung hinaus.

So ist es nicht als Anflug von privater Sentimentalität des Alters angesichts einer begrenzten Leserschaft abzutun, wenn Benyoëtz zur Legitimation seiner Aphoristik sagt:

„Ich stehe hinter meinem Wort,

kein Wort steht hinter mir.“ (S. 64)

Die bedingungslose Verantwortung für das eigene Wort ist hier kein Handel nach dem Muster bürgerlicher Religion, wo man Glaube für Gnade kaufen kann, und für alles einen Sinn, eine Erklärung findet.

Am Anfang der poetischen Moderne Ende des 19. Jahrhunderts in Paris steht ein doppeltes Unbehagen an der überkommenen öffentlichen Rede und an der aufbrechenden Gesellschaft der Information und Kommunikation. Die Nuancen brachten zwei Dichter: Baudelaire, der uns lehrte, den Blick nicht von den bösen, satanischen Seiten der Welt abzuwenden, und Mallarmé, der uns zeigte, daß man den Sinn der Rede nicht bestimmen und nicht festhalten kann, sich aber dennoch zu verantworten hat. Noch für Emil Cioran gilt:

„Ne cultivent l’aphorisme que ceux qui ont connu la peur au milieu des mots, cette peur de crouler avec tous les mots.“ (Syllogismes de l’amertumes) – Nur die pflegen den Aphorismus, die die Angst mitten in den Wörtern kennengelernt haben, diese Angst, mit den Wörtern zusammenzubrechen.“

ohne Autor

Und doch stößt der Aphoristiker gerade in diesem Punkt auf wenig Gegenliebe. Gibt man den Namen „Benyoëtz“ in der google-Suche ein, wird man vielfach Seiten finden, die als Blütenlesen angelegt sind:

„Das ist ein Problem der Aphorismen“, schreibt Benyoëtz (S. 61),

„sie kreisen, urheberrechtlich ungeschützt, als wären sie herrenlos, geflügelte Worte, wie Tauben abzufangen, auszuschlachten oder mit neuen Adressen auf weitere Postwege zu entsenden.

Geflügelte Worte beschwingen den Räuber. Das ist die Praxis bis heute.“

Montesquieu waren Aphorismen die „Sprichwörter der gebildeten Menschen“. Auch im Fall dieses Aphorismus: Friedrich Schlegel übersetzte diesen Aphorismus und gab ihn als seinen eigenen aus. Erschwerend kommt ein älterer Begriff von Aphorismus hinzu.  Gemeint ist die Tradition der humanistischen Kommentar-Essays zu alten Worten der gebildeten Welt, vor allem der Antike. In diesem Sinn sind etwa Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ zu verstehen. In Frankreich spricht man deswegen im Unterschied dazu vom „aphorisme poétique“.

Bei Benyoëtz ist die Genese von Aphoristik aus der jüdischen Kommentar-Tradition zu beachten. Das schriftkundige Infrage-Stellen von Interpretationen, das Isolieren von Textstellen und Verschieben von Text-Zusammenhängen und das im Talmud geratene ‚Drehen und Wenden‘ der Wörter – und alten Worte – ist für den gelernten Rabbiner selbstverständlich. Nach Heinrich Heine ist die Schrift für Juden das „portative Vaterland“, und dazu gehört auch die Literatur der jeweils zugänglichen Sprachen.

Zugleich deutet er an, daß das ausdrückliche Zitieren in seiner Aphoristik noch eine andere Rolle spielt: Er will gar nicht das letzte Wort haben, will es nicht besser wisse, sondern nur anders:

„Der Aphoristiker schreibt so,

als hätte er das letzte Wort.

Ich überlasse in meinen Büchern gern anderen

das letzte Wort;

ich will kein Letztes gesagt haben“

(S. 56)

Maßlose Kürze

Den Aphorismus durch Kürze zu definieren, ist ein beliebtes Geschäft der Germanistik. Meist ist es so, wie Reich-Ranicki seine Abgrenzungen vorzunehmen pflegte: Ab 500 Seiten handele es sich um einen Roman.

Dergleichen bleibt immer dezisionistisch, und es kann nicht das Geschäft der Literaturtheoretiker oder Kritiker sein, Längenmaße zu bestimmen, wenn sie nicht ihren Gegenstand verfehlen wollen.

Benyoëtz nannte seine in den 1970er Jahren „Einsätze“, hier nun wieder. Kurz ist ein Satz, nicht mehr. Eher weniger, denn viele Aphorismen von Benyoëtz bestehen aus Wortpaaren. Der hohe Kunst-Anspruch verweist auf kleine Zahl von Aphoristikern, für die es wenige Beispiele wie den Franzosen Renard oder Marie von Ebner-Eschenbach gibt.

Um das Paradox ‚maßloser Kürze‘ geht es auch schon im Titel des Buchs. Ein Einwand gegen die Gattung ist darin verborgen. Er wird vielfach von sehr gebildeten Menschen vorbegracht. „I need arguments“, sagte mir einmal ein englischer Privatgelehrter, als er von sich aus seine Ablehnung der Aphoristik erklärte. Dafür sind Aphorismen nun wirklich zu kurz. Ein sehr geschätzter früherer philosophischer Kollege, Gottfried Gabriel nannte einmal den „Aphorismus: die Pointe eines Vorurteils“. Er tat es aphoristisch, weil er die Gabe hat, selbstironisch und undogmatisch zu sprechen.

Benyoëtz zitiert aus anderer Quelle mit anderer Tendenz:

Der Aphoristiker ist ein Euphoristiker. Aphorismen zu produzieren ist eine euphoristische Beschäftigung. Aussagen von Bestimmtheit zu machen, Beobachtungen Allgemeingültigkeit zuzuschreiben, dies erzeugt einen Zustand, in welchen man über die eigenen Verhältnisse.“

Werner Bergengruen

Bergengruens  verkürzt die Dimensionen des Aphorismus und letztlich auch der Sprache auf Abbildung. Er unterschlägt die expressiven und die appelativen Funktionen der Sprache. Eine solche autistische Sprachauffassung hört man von Deutschen auch gern, wenn sie auf lateinische Hyperbeln treffen.

Falsche Verallgemeinerung gibt es in der Wissenschaft. In der Poesie und Rhetorik können Übertreibungen das gebotene Mittel sein. Und beides zu verwechseln hieße, nach Paul Valéry, mit den Regeln des Schachspiels Mühle zu spielen.

Der EinSatz als begründete Entscheidung

Mir geht darum, die Poetik von Dichtern aus ihren Reflexionen und vor allem Verfahren zu rekonstruieren und ihre Verfahren zu erläutern. Der Kritiker oder Philologe wird sie dann als begründete Entscheidung zu erklären haben. Benyoëtz schreibt:

„Alles in der Kunst Entbehrliche

ist Zeichen von Arroganz“ (S. 24)

Was nicht nötig ist, ist auch überflüssig. Ein Ockhamsches Rasiermesser für die Aphoristik? Nein. Dem Sprachlogiker und Wissenschaftstheoretiker Wilhelm von Ockham ging es darum, aus gescheiten Annahmen heraus mit sauber definierten Begriffen zu Schlüssen zu kommen. Schein-Argumente, Wissens-Ballast und autoritäre Theologen-Begriffe wie „Gott“ sind verboten.

Der Aphoristiker sagt noch weniger, als nötig wäre. Er schließt in Mehrdeutigkeiten und Paradoxien ein, was sich anders nicht sagen läßt. Aber dabei gilt zugleich:

„Man kann sagen, was man will: nicht weniger“ (S. 37)

Benyoëtz‘ EinSatz-Kunst entspricht einem Ökonomismus gegen eine von ihm zweifellos in Vielem als hohl oder verbraucht empfundene Tradition oder gegen den Omnipräsenz- und Vollständigkeits-Wahn unserer Informations- und Kommunikations-Gesellschaft, die den Türöffner zum Wissen für einen Weisen hält, und in den Bereichen der Wissenschaft, der Kunst und der Unterhaltung nur für ennui sorgen kann.

sous ta glace au trou profond

Valérys Lehrer Mallarmé, Ahnherr dieser zeitgemäßen poetischen Weltwahrnehmung, vermochte es, im Spiegel einer Eisfläche einen zugefrorenen Brunnen anzureden. Was er Hérodiade sous ta glace au trou profond (unter deinem Eis am wahren Grunde) sehen läßt, ist die Vergangenheit, immer noch unzugänglich, aber so sichtbar wie das Herbstlaub unter dem winterlichen Eis.

Aus dieser Epoche, aus dieserm Geist stammen die Aphorismen des Mathematikers Felix Hausdorff (1868-1942), als Dichter Mongré. Benyoëtz zitierte ihn schon gelegentlich, in diesem Buch über die maßlose Kürze des Aphorismus mehrfach:

„Kein Mensch wagt sich heute noch

Mit einer Syntax hervor,

aus Furcht unterbrochen zu werden.“

Paul Mongré (S. 13)

Dem Fin de siècle war etwas Widerständiges kostbar, was die Informations-Gesellschaft längst unterdrückt hat: die differenzierende Wahrnehmung für Nuancen und ihre wechselvolle Beleuchtung besonders kostbar, beispielhaft nicht allein an der Dichtung, sondern auch an der bevorzugten Beleuchtung durch Glaslampenschirme, die in verschiedenen Farben schillern und feinste Nuancen zwischen Hell und Dunkel sichtbar machen.

In der Moderne sind die Probleme des Dichters Formprobleme, deswegen nicht „bloß formale“. Denn ohne Form gibt es keinen Inhalt, vielleicht nicht einmal Leben. Die Grenzen der Gattungen und selbst der Künste fransen aus, weil neue Lebensbedingungen neue Formen nötig machen.

Insofern ist der Aphorismus vielleicht mehr ein Schauplatz dieser Probleme als eine Gattung. Er gehört zu den offenen, zu den fragmentarischen Formen, die in den 1960er Jahren in der Literaturwissenschaft allmählich legitimiert wurden. Auf dem Buchmarkt aber regieren heute wieder geschlossene fiktional-erzählende Formen eines imitierten Realismus, die alten bürgerlichen Fluchtwelten. Alte Wahrnehmungsmuster, die sedieren.

 

Die Dichter der frühen Moderne liebten wie die Glas- und Beleuchtungs-Künstler der Zeit liebten Kaleidoskope. Und sie verwendeten Wörter artistisch wie Kaleidoskope: Mit einer möglichst knappen Drehung soll dabei die größtmögliche Veränderung erzielt werden. So wandelt sich auch bei Benyoëtz Kürze in Maßlosigkeit, und auch sonst das eben Bezeichnete in sein Gegenteil. Oder es wird wie in antirealistischer Malerei verfremdet:

„Die Kürze verwischt Farbe und Gesichtszug“ (S. 23)

Lyrische Aphoristik

„Man muß kein Lyriker sein, um Aphorismen hohen Ranges zu schreiben, aber in jedem großen Aphoristiker steckt ein Quäntchen Lyrik.“

Manche haben das erkannt. Unter dem Titel „lyrische Aphoristik“ erläuterte Harald Fricke in seiner Mainzer Preisrede von 2004 das Besondere an Benyoëtz‘ Dichtung und stellte seine begeisterten Ausführungen unter den Titel „Lyrische Aphoristik“. Lyrik und Aphorismus? Wie geht das zusammen? Fricke war ein rationalistisch geprägter Gattungstheoretiker und hatte den Aphorismus in seiner gleichnamigen Monographie in einer zuvor nicht erreichten Trennschärfe als nichtfiktionale Prosaform bestimmt, die durch ihre fragmentarische Struktur und Pointierung poetisch wird.

Aber er war eben auch kunstsinnig und konnte sich widersprechen, wenn er auf eminente Dichtung traf, die die Grenzen der Gattung überschreitet. Nun ist jede Bestimmung einer Gattung eine Lesart, die am besten formuliert und dem Widerspruch ausgesetzt wird.

Es geht nicht mit und auch nicht ohne Gattungs-Definitionen, die immer vorläufig und nachträglich sind. Ohne eine Gattungs-Definition jedenfalls lassen sich die Abweichungen der Ausnahmen und ihrer Schulen aber nicht einmal bemerken und behaupten. Etwas Bestimmtes ist immer etwas anderes… Das Differenzgefüge sind immer Vorschläge, und sie verändern sich auch mit dem Lesehorizont und sicher auch mit den Vorlieben. In der Germanistik herrscht dagegen nach wie vor eine platonische Tradition, die Wörter als Namen der Dinge versteht, und dann gegen Begriffe kämpft wie Don Quijote gegen eingebildete Windmühlen.

Ob es Einzelverse gibt, mag umstritten bleiben, es ist schwer denkbar, denn ein Vers allein wäre keiner. Wir erkennen aber mithilfe von Herder, Hopkins und Jakobson  den biblischen Parallelismus membrorum als Keimzelle vieler Versformen wieder. Allerdings arbeiten Wortakzente und Prosodie des Deutschen dem Lyrischen entgegen, nicht so die des Hebräischen. In der analogen Wortbildung und -stellung von Lexem- und Syntagmen mag bei Benyoëtz Lyrisches angelegt sein.

Als lyrisch konnte im Symbolismus und in der ihm folgenden Klassischen Moderne nicht mehr unbedingt die traditionelle Vers-Dichtungen mit ihren festen Formen und Metren gelten, sondern im Gegenteil auch etwa ein Drama gelten, in dem die fiktionale Rede nicht mehr auf gattungsgeschichtlich präformierte Handlung zustrebt, sondern die Selbstverständigung von Menschen im Moment ihres Vollzugs zeigt, dies oft in Grenzsituationen von Todesnähe und Liebe, die für die teleologisch angelegte klassische Tragödie nur transitorische Erscheinungen bleiben.

Für diese Momente ist nach deutschem Verständnis exklusiv die Lyrik zuständig. In Frankreich kommt die ältere, seit dem 19. Jahrhundert aufgefrischte Tradition von Pascals diskontinuierlichen cahiers hinzu. Hier wird laut raisonniert und zur Diskussion gestellt, und der Mut dazu gilt dort als intellektuell. Anders im Deutschen, wo man dergleichen, zumal als Mann, für sich behält oder wissenschaftlich als Gedankendichtung und literarisch als ‚bloße‘ Förmlichkeit abtut.

Ein Aphoristiker des 21. Jahrhunderts
Heute fragt sich Benyoëtz:

„Bin ich noch, – bin ich schon

Aphoristiker des 21. Jahrhunderts?

Die es behaupten oder entscheiden könnten,

stammen aus dem vorigen Jahrhundert.“ (S. 48)

Wir erleben heute auch in Europa, daß Religiöse wie Atheisten nihilistische und menschenverachtend sind, wie es schon Dostojewski in Verbrechen und Strafe beschrieben hat. Die standardisierte Kommunikation und politisch korrekter Information verfällt in Kategorien des vergangenen Jahrhunderts, sie bemüht Sozialpädagogen oder Toleranz gegen Haß. Sie bleibt vor diesem Phänomen wortreich sprachlos. Der Aphoristiker Benyoëtz nicht.

Wo dann von seiner religiösen Aphoristik die Rede ist, greift die Aphorismus-Forschung weit zurück: zu Pascals skeptischer Glaubensprüfung, die sich in Gestalt fragmentarischer Kurzprosa artikuliert. Noch viel älter, vorchristlich, ist das „Dubito ergo cogito“. Ich zweifle, also denke ich. Es ist sokratisch, also im besten Sinne altes Europa.  „Dubito ergo credo“ – ich zweifle, also glaube ich, ist Benyoëtz. So steht er einer besseren europäischen, französischen Tradition nahe, die aus ihrem Atheismus keine Konfession und erst recht keinen Glaubensakt macht:

„Keine Konfession,

die nicht zugleich Werbung wäre.“ (S. 63)

Er beraubt uns absoluter Lösungen und zeigt Momente von erfahrener Freiheit, die gegen unsere Narrative von Fortschritt und Verfall bestehen:

„Von der Überzeugung verlassen,

werden Zweifel andächtig

Völker müssen ihren Gott in Maßen halten

oder ihr Ende nehmen“ (S. 70)

Benyoëtz‘ Buch der Lesungen. Ein Rezensions-Essay zum Buch von  Elazar Benyoëtz: Das Feuer ist nicht das ganze Licht. Lesungen. Mit Miniaturen von Metavel.  Edition Eupalinos (Schaan, Liechtenstein) 2015

22. Oktober 2015

Die Kunst, die zu sich selbst kommt, würde Kunst selber übersteigen und sich erfüllen im richtigen Leben der Menschen.

Theodor W. Adorno: Der Artist als Statthalter (Noten zur Literatur)

Benyoëtz‘  gerade erschienenes Buch Das Feuer ist nicht das ganze Licht enthält die mit neuen Texten und Erläuterungen umrahmten Texte von vier Lesungen von Elazar Benyoëtz aus den Jahren 2009 bis 2014, aus Wien, Berlin, Schaan in Liechtentstein und Chur in Graubünden.

Hinzu kommen neun Miniaturen Métavels, seiner Frau Renée Koppel, als Künstlerin Métavel, und zwei CDs mit Erläuterungen. Darin sind unter dem Titel Hell- und dunkelhörig zwei Lesungen mit Flöten-Begleitung durch Hieronymus Schädler zu hören, einen Liechtensteiner Flötisten, Improvisateur und Komponisten. Die Aufnahmen sind in Ton-Studios in Chur und Zürich entstanden.

So wie Benyoëtz seit 20 Jahren gern mit Musikbegleitung auftritt, sucht Schädler bei seinen Auftritten immer wieder die Verbindung zur Poesie. Auf seiner Website ruft Schädler die Weltliteratur zum Zeugen seiner Tonkunst auf: E.T.A. Hofmann, Nietzsche, Victor Hugo, Oscar Wilde. In der Begleitbroschüre zur CD erklärt Schädler, was er an laut gelesener Dichtung schätzt: Sie steht wegen ihrer lautlichen Präsenz der Musik nahe und eröffnet ihr eine Verbindung zu einer konkreten Bildwelt, die Musik allein nicht haben kann.

Autor und Musiker begegneten sich nicht nur auf seinen Lesungen, sondern auch bei den „12. liechtensteiner literaturtagen“ 6.-8. juni 2014. Sie waren minimalistischen Kunstformen gewidmet.

Verleger hajqu ist seit dem Jahr 2000 auch Dozent für Bildnerisches Gestalten an der Universität von Liechtenstein. Er studierte vor drei Jahrzehnten Malerei im Land der Künste und des Designs, an den Kunstakademien von Bologna und Urbino. Das Studium schloß er ab mit einer Studie zum Malerbuch des 20. Jahrhunderts: Il libro come architettura ideale. Die These wurde zum Programm.

Als Minimalist der Wortkunst und Silben-Komponist paßt Benyoëtz hervorragend in eine solche Landschaft. Und in diesem Kontext kommen auch die Miniaturen-Malereien seiner Frau Renée Koppel, als Künstlerin Métavel, hervorragend zur Geltung.

Eupalinos

Hansjörg Quaderers Liechtenteiner edition eupalinos setzt im Bereich der Buchgestaltung Maßstäbe in einer Zeit, der, wollte man den großen Medien-Konzernen glauben, es angeblich an Kunden fehlt, die Geschmack genug haben, um dergleichen zu schätzen. Hat man sie nicht erst dazu erzogen?

Eupalinos war Ingenieur des antiken Tunnels von Samos (6. Jh. v. Chr.), der mehr als einen Kilometer lang ist, und eine atemberaubende Spitzenleistung der Antike darstellt. Der Name der Edition soll über diesen Namen sicher auf Paul Valérys fiktionalen Dialog Eupalinos ou l’Architecte (1923) hinweisen. Darin wird ein Zusammenhang künstlerischer Praktiken und kunstphilosophischer Debatten entfaltet, die auf den ganzen Menschen zielen.

Bei Valéry treffen sich Phaidros und Sokrates im Hades. Sie sprechen über Eupalinos, über die Verwandtschaft von Baukunst und Musik, von Musik und Dichtung, von Malerei und Tanz. Die Loslösung vom Leib soll, jedenfalls nach platonischer Vorstellung, der optimale Zustand für die Anschauung des Schönen sein. Doch Valéry widerspricht. Über den Maler sagt er: „Er kann die Farbe nicht trennen von irgendeinem Wesen.

Das gilt auch für Renée Koppel, Métavel, die von sich sagt, sie denke in Farben. Und es gilt auch für dieses Buchs der Lesungen von Benyoëtz: So nämlich, wie es ohne Form keinen Inhalt gibt, gibt es kein Sein der Künste ohne ihre Erscheinung. Form ist, in diesem Verständnis, nicht Ausdruck von Inhalt, sondern seine Begrenzung: Begrenzung im emphatischen Sinn eines symbolischen Akts der Selbstbestimmung.

Das laute Sprechen erhält hier seinen Sinn nicht aus der kommunikativen oder informativen Funktion, auf die die Sprache heute vielfach sich reduziert. Benyoëtz‘ lyrische Aphorismen und seine Vergegenwärtigung der Stimmen anderer in Zitaten sind Zeichen eines Nachlebens wie sie in wirkungsmächtigen Traditionen der modernen Poetik und Ästhetik angelegt sind. Am Anfang dürfte der „Chor der Verwandelten“ in Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik stehen. Die Tragödie bedarf hier des Stimmkörpers, in dem erst sich die Leiden vergegenwärtigen, von denen sie selbst handelt.

Bei Benyoëtz kommt, dem jüdischen Verständnis von Tradition folgend, der Blick auf das Hier und Jetzt zum Tragen, und auch hier nicht auf das, was ohnehin schon ist, sondern was an dem, was war und ist, im Kommen ist: Die Überlieferung, so steht es im Talmud, ist erst zu Ende, wenn der letzte aus der Reihe der Überliefernden nicht mehr da ist. Aufgegeben werden darf sie nicht. Die Überlieferung enthält, wie üblich, ebenso die Bibel wie die Weltliteratur oder auch andere Zeugnisse, Denkgewohnheiten oder Redensarten.

Die Lesung als „dritte Werkform“

Einen Schriftsteller wird es immer von einer Gattung zur anderen treiben“, so beginnt der Autor selbst die Erläuterungen zu diesem Buch (S. 171). Auch von einer eigenen „Werkform“, der Lesung“ spricht er, das Überschreiten der Grenzen von Poesie, Malerei und Musik ist im Buch angelegt. Die Buchgestaltung kommt hinzu.

Man könnte gegen die besondere Betonung der Lesung als Gattung oder gar „Werkform“, wie es Benyoëtz nennt, einwenden, daß eine Lesung im besten Fall eine mündliche Gattung der darstellenden Künste ist. Sie wird in der Regel vorbereitet durch Publikationen, die vorzustellen sind. Hier verhält es sich anders.

Ich habe keine deutsche Umwelt, kein Deutsch um die Ohren, ich muss mein eigenes Herz essen

Das schreibt der Autor im rund 50seitigen Text, der seiner Briefauswahl  Vielzeitig (Brockmeyer-Verlag) voransteht.

Benyoëtz lebt in Jerusalem und Tel Aviv. In den 1950er und 60er Jahren begann er als hebräischer Lyriker. In den 1960er Jahren kam er nach West-Berlin, um mit einem Stipendium der Ford-Foundation alles damals Verbrannte und Verdrängte festzuhalten, was Juden zur deutschen Kultur beigetragen hatten. Was er darin entdeckte, war „eine Art Talmud“, wie er in seinem Buch Allerwegsdahin in der ihm eigenen lakonischen Weise bemerkt.

Seit 1988 besuche ich Lesungen von Benyoëtz, und konnte feststellen, daß ihm dergleichen viel mehr bedeutet als anderen Autoren, die in mehr oder minder unmittelbarer Nachbarschaft mit ihrem Publikum leben und dann vielfach Refugien in der Peripherie suchen.

Bald fiel mir auch auf, wie genau er sich auf den jeweiligen Anlaß und, soweit möglich, auf sein Publikum an wechselnden Orten vorbereitete, und sei es durch Bezüge auf Namen und Texte, die etwas mit diesen Orten zu tun haben. Ich konnte erleben, was ich zuvor nur als brachliegendes soziales Potential annehmen durfte, nämlich wie die Aphoristik tatsächlich individuell ganz unterschiedlich die Einbildungskraft einzelner Leser und Zuhörer belebt, die bei diesen Lesungen zusammenkamen.

Situationen sind in Aphorismen kunstvoll ausgespart, so wie die Redner, als es sie noch gab, ihre Kunstpausen zu setzen pflegten. Auf diese Weise wird Spannung erzeugt, wird die Phantasie des einzelnen Lesers anstoßen. Aphorismen wirken wie komponierte und präzise gestaltete Ausschnitte aus einem zu ergänzenden Text. Kaum sind sie aber so minimalistisch verdichtet wie bei Benyoëtz. Harald Fricke sprach deswegen von „lyrischen Aphorismen“.

Seine deutschsprachigen Leser sind ja nicht allein vier Flug-Stunden von ihm entfernt, auch die politischen Lebens-Geschichten und die unterschiedlichen Umgebungen trennen ihn von ihnen und sie von ihm. Benyoëtz bezeichnet in diesem Buch die Lesung als seine „dritte Werkform“, neben oder nach der Aphoristik und Zitat-Montage sowie dem Brief.

Das Lautsprechen habe ich mit den Jahren eingebüßt, dafür traten meine Lesungen, die eine dritte Werkform werden sollten. Einmal im Jahr konnte ich meine Stimme vernehmen und meine unbestimmten EinSätze mit Akzenten versehen.

Rollenprosa und performative Wechselrede

Aphorismen kommen ohne den ausgeführten situativen und textuellen Zusammenhang daher. So schaffen sie poetischen Mehrwert. Hinzu kommen nicht erst bei den musikalisch begleiteten Lesungen, sondern bereits in Benyoëtz‘ Zitat-Montagen performative und dramatische Elemente: Sie sind durch Rollenprosa und durch Wechselrede gekennzeichnet, die sich vielfach als hintergründige Selbstverständigung zu erkennen geben.

Oft ist unter diesem Vorzeichen auch für belesene Kenner schwer zu entscheiden, aber auch sekundär, ob es sich im Einzelfall um eine Auswahl und ein Arrangement aus Texten anderer handelt, oder ob er unter anderem Namen selbst spricht. Die Grenze von der Montage zum fiktionalen sprachlichen Handeln und damit zur Sphäre der darstellenden Künste wird vielfach überschritten. Die herausgelösten Zitate gehen neue Bindungen ein, so auch in diesem Buch, das über acht Seiten mit präludierenden Zitaten anhebt.

Konzert, Lesung und Drama

Meine Lesungen, seit dem Erscheinen von Variationen über ein verlorenes Thema (München/Wien 1997), fanden alle in musikalischer Begleitung statt. Die eigene Sprachmelodie betäubt den Gedankengang, die Flöte erweckt die Ferne, die Geige lockt sie heran.

Mit Orgelmusik ward ich reichlich verwöhnt, die besten Organisten Deutschlands, aber auch der Schweiz, gesellten sich zu meinen Lesungen.“ (S. 173)

Eine Lesung mit Musikbegleitung verbindet sich zum einen mit die Aufführungs-Form des Konzerts, zum anderen mit der Stimme des Autors, der sich und der öffentlichen Rede Fragen öffentlich stellt, und in Form von aphoristischen Mantras spricht.

Für jeden Leseabend gibt es eine eigene Partitur“, sagt der Autor: „Jede ist mein Gesamtwerk in nuce; mein Gesamtwerk in einer anderen Brechung“. Nun ist ein Konzert auf andere Weise performativ als die Aufführung eines Dramas oder Benyoëtz‘ Lesungen lyrischer Aphorismen.

Und deswegen zieht Benyoëtz auch in seinen musikalisch begleiteten Lesungen eine Grenze zum Drama. Hier wird Rudolf Kassners Bemerkung wichtig, der Schauspieler Josef Kainz habe bei der Rezitation von Hofmannsthals Gedichten das Geschehen „auf eine unsichtbare Bühne“ gestellt, statt es schöpferisch entstehen zu lassen durch den Rhythmus. Benyoëtz dagegen spricht, um dieser Gefahr zu entgehen gleichförmig, bedächtig und mit Pausen, die der Bild- und Klang-Phantasie der einzelnen Zuhörer Raum geben sollen.

Auf teilweise ähnliche Weise sollte das gleichförmige „Hersagen“ im George-Kreis das dichterisches Wort zur Geltung bringen. Das Wort wird dem Prozeß zurückgegeben, durch den es ein Gedicht wurde. Das Performative der Lesung tritt also nicht in den Dienst des Theatralischen, sondern des dichterischen Vorgangs.

Die Stimme des Autors

Lesungen hatten ihre große Zeit in der klassischen Moderne. Von Hofmannsthals Rezitationen eigener Dichtungen wird berichtet, daß er in einen rituellen Sprechduktus gelegentlich einen fast privat anmutenden Singsang als zweite Stimme hineinlegte, eine musikalische Intonation, die der Feierlichkeit entgegensteht. Nur wird man die charmante Selbstironie hier nicht finden, mit der Benyoëtz das Präludium zu seinem Buch unter der Zwischen-Überschrift „Wortraum Meditation“ beendet: „In einer Stunde bin ich wieder da“ (S. 12).

Die rituellen Lesungen Georgekreis hatten eine gruppenbildende Funktion. Sie stehen im Zeichen katholischer Liturgie und Verkündigung. Zeugnisse der „Überwältigung“ und der Abwehr  wurden von den gescheitesten und kunstinnigsten Menschen seiner Zeit berichtet, die George hörten. Gesellschaftlich ist ein solcher Umgang mit sprachlichen Kunstwerken heute meistens auf einsame Lektüre und Kleingruppen verwiesen. Wie der anti-imperialistische Widerstand und Technologie-Kritik der 1970er und 80er Jahre gerät er nach der gegenwärtigen geistigen Ordnung der westlichen Sprach-Agenturen des Neoliberalismus leicht in den Geruch des Fundamentalismus.

Man kann heute klarer sehen, daß George Sehnsüchte seiner Jünger und seine ungewöhnliche Begabung benutzt hat, um sich zu erhöhen. Bis heute suchen vielen in der Dichtung eine Verbindung zu einem Lebensgrund, der ihnen von der verwalteten Welt, von den Technologien der Information und Kommunikation und den Agenturen der politisch korrekten Sprachregelungen abgeschnitten scheint. Adorno insistierte deswegen auf eine Aufklärung über das, was er „die schimärische Sehnsucht der Sprache nach dem Unmöglichen“ nennt, die wirkungsmächtig wie erotische Sehnsüchte sein können. Bis hin zu einer Verschränkung von Lebensangst und Sektenterror.

Die Folgen der nationalsozialistischen Sprachverführung stehen zwischen unseren Erfahrungen und denen der klassischen Moderne. Vier Flugstunden zwischen Jerusalem und Berlin oder München und die Geschwindigkeit der heutigen Kommunikations-Mitteln täuschen darüber hinweg. Der Buchtitel Treffpunkt Scheideweg könnte nach meinem Verständnis auch eine zentrale Funktion seiner Lesungen beschreiben. Er lauscht in seinen Lesungen gestisch dem Aufflackern von Sprachverführung, auch durch Denkgewohnheiten und Redensarten nach. Er tut dies mit den Mitteln seiner talmudischen Schulung: er wendet die Wörter hin und her, er gibt anderen, zitierten Stimmen das Wort, läßt keine Autorität, keine Denkgewohnheit, keine Redensart unbefragt. Der Zweifel ist ihm, und das sagt er auch entschieden, wertvoller als der Glaube. Katholische Theologen müssen deswegen oft einräumen, er komme selbst bei der Auslegung einer Bibelstelle auf Fragen, die ihnen  nie kämen. Und das liegt an einer Schule, an der er seine Lesern und Zuhörer teilnehmen läßt.

„das Bleistift spitzende Lesen“

 

Benyoëtz spricht in der Widmung selbst heiter von seinem „Buch der Lesungen„:

„Karel Čapek sagte von Karl Kraus:

»Er lehrte uns lesen«;

Mich lehrte Dr. Josef Hager

(Radautz 1885 – Tel Aviv 1951)

das Bleistift spitzende Lesen;

seinem Andenken

sei dieses Buch der Lesungen gewidmet“

Benyoëtz‘ Verständnis von dem, was eine Lesung ist hier nicht an eine Mündlichkeit und auch indirekt auf den Akt des Lesens, sondern an ein Lernen, aus dem ein Lehren, an ein Lesen, aus dem ein Schreiben wurde.  Nach diesem Zeugnis ist seine Art zu lesen gestisch, das Lesen selbst eine Personifikation: als ein Lesen, das den Bleistift spitzt. Erst danach begann er hebräische Gedichte zu veröffentlichen, ein Rabbiner-Studium absolvierte und später erst vorwiegend auf Deutsch schrieb.  In Jerusalem hatte er kaum eine deutschsprachige Umgebung.

Wenn man versucht, aus den Äußerungen des Autors eine Poetogenese zu entwerfen, kommt man allerdings an seiner Jüdischkeit nicht vorbei. Und hier sind, so vermute ich, noch andere Bestimmungen, wirksam. So mag eine Rolle spielen, daß im traditionellen jüdischen Verständnis das nur geschriebene, einsame Wort der Moderne ein religiöses Unbehagen und ein Ungenügen gegenüber der mündlichen Anrede des Herren hinterläßt. Dieses Motiv spielte für Martin Buber expressionistischer Verdeutschung der Schrift eine entscheidende Rolle. Sie sind dem Mündlichen angenähert, das hier den Wert einer Befreiung hin zum Authentischen, zum Unmittelbaren hat.

Allein der Hinweis auf die expressionistische Betonung des Ausdrucks des Autors wird aber weder Buber noch der jüdischen Tradition noch Benyoëtz gerecht. Sie bliebe selbstbezüglich, und das wäre nur ein Umweg, den die Sprache in einer Welt aus Information und Kommunikation zu gehen hat, die sie  mit dem Ziel gehen muß, die Hörer an einer dichterischen Selbstverständigung teilhaben zu lassen, also Anrede zu werden.

Ob er ankommt, kann er nicht wissen. Zumal mächtige Gegen-Kräfte aufbrechen. Er spricht von seiner Situation, in Jerusalem als deutschsprachiger Autor keine deutschsprachige Umgebung zu haben. Dann trieb ihn diese Not auf Lese-Reisen. Dabei zeigen sich immer wieder historische Rollen-Panzer, wenn er sich in Lesungen, die ich erlebte, mal als Opfer bemitleidet, mal als Beichtvater angesprochen sah.

Benyoëtz zieht sich auch dann nicht zurück, sondern vertraut auf seine so seltene Gabe, die feinsten Wahrnehmungen und schwierigsten Erfahrungen in äußerster Kürze spielerisch und aufheiternd zu formulieren, nicht nur in seinen Büchern, nicht nur in seinen Lesungen, sondern auch im Umgang. Er nimmt diese Gabe als Verpflichtung und entwickelt dabei in seinen Lesern und Hörern einen Zugang zu dieser Welt, die in jedem Menschen liegt, und über diese Welt hinaus einen Zugang zueinander.

In seinem präludierenden Zitaten läßt er den Lektor Samuel Fischers und Autor Moritz Heimann sagen:

„Das Geistige eines Kunstwerks besteht nicht darin, über was es spricht, sondern zu wem es spricht.“ (S. 12)

Und Benyoëtz selbst appelliert in seinen Lesungen nach einer solcher Einstimmung an ein aktives Zuhören:

„Das Zuhören wird geleistet,

oder man bleibt sitzen

In einer Stunde bin ich wieder da“ (S. 18)

 

Silben-Kompositionen

Jedes Wort trägt Klang und Sinn, es ist als Wort aus dem Lexikon wie als Wort in einem Satz doppelt markiert. In der Poesie hat es zudem eine Funktion wie die Note in der Musik. So erscheint es nicht abwegig, an Arnold Schönbergs essayistisches Spätwerk Style and Idea zu erinnern. Dort hält der Revolutionär des Tonsystems eine ähnliche Erfahrung fest, wenn er festhält, daß der Komponist mit der ersten Note eine Verpflichtung eingeht.

Musikbegleitung wurde für den Lesereisenden Benyoëtz mehr und mehr eine Freude, Erbauung und Verstärkung geworden. Darüber hinaus geht es aber um einen wesentlichen Bereich moderner, symbolistischer Dichtung, die ihr eminenter Interpret Bernhard Böschenstein immer wieder treffend als „Silben-Kompositionen“ erläutert hat. Nach einer glücklichen Bemerkung Roman Jakobsons ist moderne, die symbolistische Dichtung Mallarmés „semantisch herabgestimmt“. Derrida überschreibt seine frühen Mallarmé-Studien mit dem Kunstwort der „dissémination“. Allemal geht es um Kunst, in dem kein Element, kein Wort, keine Note, kein Strich, vertauscht oder ersetzt werden kann.

Benyoëtz selbst spricht im Buch von seinen „Partituren“ und verweist auf Chiffren wie Thema und Variation in seinen Buchtiteln, Montagen und Texturen. Rhythmisiert waren seine Aphorismen von Anfang an, und zwar nach dem Gesetz des Parallelismus membrorum der biblischen Psalmen und Sprüche.

Wie moderne Lyrik erschließt sich Benyoëtz‘ Aphoristik allenfalls dem geübten Ohr, meistens dem inneren Ohr. Denn im Wesentlichen ist dergleichen eine Sache vereinzelter Leser in abgelegenen Schreib- und Lesezimmern geworden, also an einem jener Ort, an dem auch der Autor seine Texturen in Jerusalem verfaßt. Ihre Lektüre wird von Themen, Variationen, auch von Klang- und Bildbeziehungen geleitet. Die Lesegemeinde ist im Wesentlichen eine imaginäre.

Das alles ist dem Autor bewußt:

Dass man mit Aphorismen keinen Abend füllen kann, ist unleugbar, darum sind meine Lesungen für die Aphoristik überlebenswichtig“ (S. 173)

Im Unterschied zum Hörer kann der Leser zurückblättern und er wird nach und nach über Klang- und Bildfiguren Querverbindungen erkennen. Wird die Klang-Phantasie durch Musik zusätzlich geweckt, wird diese Haltung auch beim Zuhören unterstützt und eingeübt.

Die eminente moderne Dichtung hat stets mit Selbstverständigung zu tun, und sie stößt Selbstverständigung auch an, bei jedem Leser, bei jedem Lesen anders.

So stößt uns Benyoëtz immer wieder auch auf die Gemachtheit der sprachlichen Wirklichkeit. Er stellt diese Fragen in fragendem Ton, mit Sprachwitz und oft mit einem nachsinnenden Kraulen im Bart verbunden. Beim ihm artikuliert sie sich sardonisch, und stets auf sein Publikum bezogen:

„Die mir zuhörten, bleiben, schweigend vor sich hin, sitzen.

Stehen sie auf, waren sie zu sich gekommen“

Auf der Suche nach dem unverwechselbaren Ausdruck

Paul Valéry hat seine Ablehnung rein beschreibender Texte in seinem Essay Degas: Danse dessin (deutsche Übersetzung: „Tanz, Zeichnung und Degas“) damit begründet, daß sie „die Schwächung der geistigen Seite der Kunst“ fördern:

Eine Beschreibung setzt sich aus Sätzen zusammen, die man, im allgemeinen miteinander vertauschen kann: ich vermag ein Zimmer vermittels einer Reihe von Sätzen zu schildern, deren Aufeinanderfolge beinahe belanglos ist. Der Blick schweift, wie er will.

Folgt man dem Ton, so wird man als Schreibender sehr gut den nicht bloß privaten Überdruß eines sensiblen Dichters gegenüber einer Reduktion von Sprache auf Mitteilung und Kommunikation heraushören. Der Eindruck des ‚Belanglosen‘ hat mit der Austauschbarkeit mit Wörtern und Sätzen zu tun: Es ist eine reine Unterwerfung unter die natürliche Zeit, eine Ordnung, die eine Zurichtung der menschlichen Einbildungskraft bedeutet.

Den Pariser Symbolisten des späten 19. Jahrhunderts ging es dabei darum, die Sprache von ihrer Versklavung durch Information und Kommunikation zu befreien. Und diese Versklavung hat im digitalen Zeitalter so deutlich zugenommen, daß sie kaum noch als sozialpolitisches Problem, als strukturelle Gewalt  angesprochen wird. 1977 hatte Ulrich Sonnemann in seiner Rezension des Aphorismenbands Worthaltung den „unverwechselbaren Ausdruck“ als das Ziel der Schreibweise seines Freunds Benyoëtz benannt und ihn als Widerstand gegen den Waren-Charakter der öffentlichen Rede gesehen.

Ähnliches dürfte Sonnemanns Exilgefährte Adorno im Sinn gehabt haben, als er bei Gelegenheit Stefan Georges von einer Dichtung sprach, bei der sich das Ich in minimale Differenzierungen zurückzieht, und deswegen „zur Stimme der Menschen“ werden kann, „zwischen denen die Schranke fiel“.

 

Ein Jude in deutschen Briefen. Bei Gelegenheit einer Auswahl aus dem Briefwechsel von Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

Rezension von 2007 zu: Die Rede geht im Schweigen vor Anker. Aphorismen & Briefe. Herausgegeben von Friedemann Spicker. Brockmeyer Verlag 2007. 9,90 Euro
„Am liebsten würde ich Ihnen die Abschriften der zahllosen Briefe schicken, die ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe -: alle diese Briefe waren richtig, alle Adressaten waren falsch, bis auf Sie, Hans Mayer und einen Jugendfreund aus der Schillergasse in Czernowitz.

Ich bin ebenfalls – wörtlich, lieber Alfred Margul-Sperber!- der, den es nicht gibt.“

Brief Paul Celans an Alfred Margul-Sperber

Im besonderen Fall dieses Buchs – Die Rede geht im Schweigen vor Anker – verhält es sich anders. Es ist Zeugnis einer solidarischen Beziehung eines Autors und eines Interpreten, die zunächst nur zwei Dinge verbinden: Eine kleine Leserschaft und die Leidenschaft für den poetischen Aphorismus.

Anlaß des Buchs ist eine Lesung und Ausstellung in Wuppertal im Mai 2007 aus Anlaß des Geburtstags von Benyoëtz. Wer das nicht weiß, wird aus der Einführung Friedemann Spickers leider nicht erfahren, warum hier so viele unterschiedliche Materialien versammelt sind. Allein der linksbündige Flatterrand dieser zweispaltigen Einführung ist ein Layout-Fehler. Medien-Profis waren hier nicht am Werk. Liebhaber durchaus, und das zählt für mich im Zweifel mehr. Die dreiseitige Einführung verrät allein den Kenner des deutschen Aphorismus, der Spicker ist, wenig über den Inhalt des Buchs.

Dem Briefwechsel beigefügt sind erstmals veröffentlichte lyrisch-aphoristische Dichtungen (S. 7-30), eine Auswahl von Briefen des Autors aus den 1960er Jahren (S. 30-63), der Zeit als er von West-Berlin aus eine Dokumentation der jüdischen Literatur deutscher Sprache eine bebilderte Dokumentation der Ausstellung von Benyoëtz’ Frau Métavel (bürgerlich: Renée Koppel, S. 64-68), sowie erstmals eine Auswahl des Briefwechsels von Benyoëtz mit einem seiner Interpreten (S. 69-105), Briefe.

Die Briefpartner

Benyoëtz gilt als der einzige zeitgenössische internationale anerkannte Aphoristiker deutscher Sprache, dazu als Lyriker und als Schöpfer einer eigenständigen Erinnerungsprosa in Zitat-Montagen; Friedemann Spicker als der Historiker und Archivar der deutschen Aphoristik.

Beides, deutsch und Aphorismus, stimmt – und stimmt nicht. Was die Gattung angeht, sagt es Spicker selbst:

„Die Aphorismen von EB haben mit solchen Texten nur den Namen gemeinsam.“

Spicker ist publizistisch mit der deutschsprachigen Aphoristik vertraut wie kein anderer. Dies seit 30 Jahren – und längst wie kein anderer. Gerade diese Spezialisierung ermöglicht in diesem Fall einen Briefwechsel, der eine sehr feine, sehr lehrreiche poetologische Auseinandersetzung bezeugt. In den ausgewählten Briefen geht es vordergründig um den deutschsprachigen Aphoristiker und seinen Interpreten.

Der Herausgeber kann nach eigenen Angaben seine Bekanntschaft mit dem Werk des Autors bis 1976 zurückverfolgen. Der Briefwechsel begann 1997, im Zusammenhang mit einem publizistischen Projekt Spickers, einer sehr verdienstvollen Anthologie mit dem Titel Aphorismen der Weltliteratur, die bei Reclam erschien. Es wird eine wechselseitige Prüfung von Manuskripten verabredet, deren briefliche Zeugnisse von einer klaren Unterscheidung von persönlicher Wertschätzung und Lust an der kritischen Abwägung gekennzeichnet sind.

Zahlreiche Briefe kreisen um die anspruchsvolle Poetik von Benyoëtz’ Werk und die bescheidenden Markt-Chancen anspruchsvoller Literatur.

Hier will ich mich das briefliche Gespräch des Autors mit seinem Interpreten zum Anlaß einiger Überlegungen über die Rolle des Epistographen Benyoëtz in einer Zeit einzunehmen, in der gelehrte und persönliche Briefe einem längst todgesagten Park gleichen. Und eine Quelle für das, ich hier das Gesellschaftliche am Leben des Geists und der Poesie nennen möchte.

„Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung“

Das zeigen nicht nur die wochenlangen Lesereisen, die den Autor jedes Jahr ein- bis zweimal durch Deutschland führen. Aufwand und Ergebnis stehen oft in keinem Verhältnis. So auch bei einer gewiss liebevoll von Spicker in einer Kölner Buchhandlung vermittelten Lesung in 2000. Benyoëtz antwortet seinem treuen Leser nach seiner Rückkehr nach Jerusalem am 21.11.:

„Es schmerzte Sie, dass ich sagte, „Köln ist nicht meine Stadt“: dass sie es an jedem Abend nicht war, haben wir doch gesehen. Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung. (…)

Köln aber ist für mich die verbotene deutsche Erde, die ich – dafür noch und noch gestraft – 1963 zum ersten Mal betreten habe. Der Wendepunkt. Und nun war’s meine erste Lesung in Köln. Sie können sich die Erwartung vielleicht denken. Und es sah ja vielversprechend aus. Nun aber sind Sie in Köln und insofern ist Köln meine Stadt, auch gibt es eine Buchhändlerin da, die nun eine Ahnung mehr von mir hat.

Es liegt nicht am ‚Professionellen’, sondern einzig am Feuer, das mein Wort entzündet oder nicht. Wer feuerdicht ist, der schafft auch beim besten Willen keine ansehnliche Lesung. Das ist die Regel, die ich bestätigen kann.“ (S. 79f.)

Bei aller Sprachkunst: Benyoëtz ist alles andere als ein Bewohner des apollinisch eingefriedeten Sonderbezirks einer im Deutschen fast ausgestorbenen Kunstform.

Ernster als Kunst

Spicker andererseits hat, abgesehen von der klassisch-romantischen und der klassisch-modernen Aphoristik, sehr viel auf und noch viel mehr unter dem Durchschnitt lesen müssen. So ist er gewohnt, Aphorismus für Aphorismus, statt einer Dichtung in ihren leichten und schweren Partien, den Wechsel der sprachlichen Gesten und unterschiedlichen Tonfällen zwischen der deutschen und der jüdischen Sprachkultur zu lesen. Schließlich gilt nach Rabbi Hillel, wer den Talmud interpretiert, solle mit dem Leichteren beginnen und zwischen ihm und dem Schweren variieren. Auch diese Haltung gehört ganz bewusst zum Habitus des Autors Benyoëtz, der dem gebildeten Leser Spicker erläutert:

„Freilich, ich muss Ihnen genügen können, doch ebenso jungen Menschen, die noch gar nicht wissen können, was ein Aphorismus vermag, und die zunächst nur einem Wink folgen, einem angeschlagen Ton, einer Stimme, der sie sich anvertrauen. Auch wenn meine Bücher immer nur von wenigen Dingen sprechen, die mir wichtig sind, schreibe ich jedes für sich, als wärs ein Buch fürs Leben, ein Ganzes (in der Ahnung oder im Abglanz) enthaltend, ein Buch vom Menschen. So hoch ich meine Kunst auch schätze, dies nehme ich ernster.“ (S. 82)

So antwortet Benyoëtz am 26.6.2001 auf einen Einwand des gebildeten Lesers Spickers, es gebe einige leichte Partien und Spielformen in seinen Montage:

„(…) es gilt nach wie vor: streng bleiben und streng sieben. In der Ausgabe letzter Hand fallen dann die letzten Schlacken ab, jetzt müssen einige bleiben, weil ein Leser es nicht mag, so ganz streng in die Zucht genommen zu werden; er verliert die Lust am Lesen, wenn ihm überall nur Bärenernst begegnet. Das ist der Grund, weswegen ich in jedes Buch einige Kalauer aufnehme, Wortspiele, Spielereien, auch harmlose Sprachwitze, die ich einzeln nicht verteidigen könnte. Sie gereichen mir alle nicht zur Ehre, aber sie lockern auf. In gleicher Absicht nehme ich auch ‚Didaktisches’ und ‚Eindimensionales’ auf, es sind – nicht Erbaulichkeiten, aber Zusprüche, Regeln und Verhaltensweisen, die man leicht vergisst und umso leichter übergeht. Wo soll man sie aber sonst finden?
Benyoëtz, Epistograph

Gemessen an seiner Bedeutung, fällt mir als Seitenstück zu seinen Briefen in der deutschen Literatur nach 1933 allenfalls der Komponist, Literat und Universalgelehrte und Wanderer Jürgen von der Wense ein. Auf ganz andere und für die deutsche Sprachkultur bezeichnende Weise geht er ab 1933 als Solitär in meist wohl unbeantworteten Briefen auf. Wenn Wense nicht an den Entwürfen seiner Werke saß, in der Göttinger Bibliothek Kuriosa sammelte oder wanderte, dann schrieb er Briefe. Bis zu 30 Seiten pro Tag, am Ende seines Lebens waren es ca. 40.000 Seiten. In ihnen beschreibt er, wie sein Werk hätte aussehen können, wenn es ihm nicht so gleichgültig gewesen wäre. So wirft er ein Licht auf den politischen Zerfall einer sozialen Seite des Geists. Für sich hat dieser hoch musikalische und genuin poetische Aristokrat eine Möglichkeit gefunden, diesen Zerfall als Gewinn zu leben: Durch eine, an Rudolf Borchardt erinnernde, Überhöhung von Kulturlandschaften zwischen Nordhessen und Südhessen, die er erwanderte, und in Gestalt einer exzentrisch-enzyklopädischen Bildungswut. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod (1966) wird dieses Werk allmählich in gediegenen Ausgaben einem kleinen Publikum zugänglich gemacht.

Auch Benyoëtz’ eminenter Briefwechsel war lange so gut wie unbekannt, es ist auch in Publikationen über ihn meist getrennt von seinem publizierten aphoristischen Werk betrachtet worden. Inzwischen wird bereits nach und nach und publiziert. Kostenlos verfügbar ist die online-Edition des Brenner-Archivs der Universität Innsbruck.

Bereits 1989 erschien Benyoëtz’ Briefwechsel mit Clara von Bodman unter dem poetischen Titel „Solange wie das eingehaltene Licht“, 1994 folgte als Anhang der Druckfassung meiner Dissertation eine Auswahl von Briefen des Autors, die zwischen 1988 und 1992 entstanden sind und mich mal in der Bundesrepublik, der französischen Schweiz und im Negev erreichten. Sie wirkten auf meinen Stil prägend, für den Stil meines Lebensstils als Anker, vor den die Rede gelegentlich geht, um Erholung zu finden. An solche Konstellationen denke ich beim Titel des geschmackvollen Buchs, das Spicker vorgelegt hat.

Auszüge aus seinen Briefen der Jahre an mich finden sich im Anhang meines Buchs Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Mit einem Geleitwort von Harald Weinrich (Niemeyer 1994), weitere an diverse Adressaten sind Teil seiner Zitat-Montagen seit Treffpunkt Scheideweg (1990). Mittlerweile werden solche Briefe in Forschung und Kritik als Quellen und von einigen auch als Leseanweisungen zitiert und interpretiert.

Ein Jude in seinen deutschen Briefen

Dort wurde der Brief als Form der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis entdeckt. Als Formen moralischer Selbstbegegnung knüpft sein kaum übersehbarer deutschsprachiger Briefwechsel in deutscher Sprache an die jüdische Tradition der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an, wie sie Gert Mattenklott in seinem Buch Über Juden in Deutschland (Jüdischer Verlag 1992) vorstellt.

Kennzeichen der von Mattenklott vorgestellten Briefliteratur von Juden, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft, Gelehrtheit und Welthaltigkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichens Verhaltens als besonders erfindungsreich. Für Benyoëtz trifft das jedenfalls zu. Als Aphoristiker und Lyriker hat er den besonders im deutschen Sprachraum vereinsamten Ton der Klassischen Moderne weiterentwickelt, als Epistograph deutscher Sprache – gegensinnig – die Tradition der Diaspora von Israel aus fort. Ein symbolischer Gegensinn, der sich in seinem (bereits publizierten) Brief vom 3.1.06 ausspricht:

Geändert hat sich die Gruppe der Adressaten gegenüber früheren Briefen. Nur in seltenen Ausnahmen sind es Juden in Deutschland oder die Nachfahren von Assimilierten, an die Benyoëtz sich in diesen Briefen adressiert. Auch bei den Ausnahmen, und auch, wo es um den Aphorismus geht, besteht die Gemeinsamkeit in der Einsamkeit, in der man einander, Briefe wechselnd, zusammen trifft.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens

Bei Gelegenheit Heines schreibt Adorno:

„Nur derjenige verfügt über Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Das gilt auch für Benyoëtz’ Sprache. Sie gehört zu seinem Habitus, der Kunst und Brief verbindet. Sein Deutsch trägt nicht nur in seinen poetischen Werken, sondern auch in seinen Briefen die Spuren der Avantgarden. Dies ist am Übergang von absoluter Dichtung zu artistischer Kunstprosa zu erkennen, die sein Werk kennzeichnet. Deutlich ist sie aber auch gezeichnet durch die Geschichte verratener Hoffnungen einzelner Juden im deutschen Sprachbezirk, die ohne seine Zitat-Kunst vergessen blieben. Es sind zugleich die verratenen Hoffungen von Juden im deutschen Sprachbezirk, sondern ein zunehmend globalisierter Aspekt der conditio humana: 40 Millionen Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft schätzt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Refugees – UNHCR) weltweit.

In Benyoëtz’ Dichtung wird auch deutlich, dass Deutsch eine historische Sprache der Dichtung und der Erkenntnis neben anderen ist – nein: gewesen ist, muss man sagen, denn Benyoëtz’ Sprache ist biblisch und symbolistisch zugleich. bleiben zugleich doch auch Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die von Kohelet über die europäische Aphoristik bis zur modernen Lyrik reicht. Er gehört zu den „schwierigen“, den „reinen“, auch die desillusionierten Poeten, die Dichter ohne Alternative. Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Exil, wenn auch nicht im gefährdeten Jerusalem, sondern wie Spicker im sicheren Köln oder ich im sicheren Berlin.

Benyoëtz begann als hebräischer Dichter, gründete in Berlin das Archiv Bibliographia Judaica, und wechselte nach Rückkehr nach Israel die Literatursprache. Der Wechsel der Literatursprache und der Wechsel zwischen sprachlicher und poetischer Umgebung ist zu einem unverzichtbaren Filter des sprachlichen Verhaltens und der Erkenntnis geworden. Was er dabei aufgegeben, abgewehrt oder auch überhöht sehen wollte, kann auch der beste Kenner nur ahnen. Auszeichnungen für sein eminentes deutschsprachiges Werk gibt es durchaus, so den Chamisso-Preis, den er 1987 durch die Bayerische Akademie der Künste erhielt, und den Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften 2002. Auch der Bundesverdienstorden fehlt nicht, sicher aber der Büchner-Preis, wenn nicht der Nobel-Preis. So stehen auch die bisher erwiesenen Auszeichnungen bis jetzt in keinem Verhältnis zu seinem internationalen Rang, den international angesehene Kenner wie Harald Weinrich schon in den 1980er Jahren ermessen haben.

Emmanuel Lévinas: Ich, in Beziehung

16. Dezember 2014

Erinnerung
täuscht Gegenwart
des Gedächtnisses vor

Erinnerungen halten alles ein,
was man sich je versprochen hat

Erinnerung –
das sich hier ansammelnde
Jenseits

Erinnerung
macht vergessen

Elazar Benyoëtz: Einsätze

 

Emmanuel Lévinas lernte ich als sein Student in Fribourg kennen. Er las dort, auf Einladung der dortigen Communauté juive, als Emeritus einige Semester lang über La pensée juive après Kant. Alle 14 Tage reiste er mit dem TGV aus Paris an.

Er war 82 Jahre alt. Ich war einer von vielleicht fünf Studentinnen und Studenten in seiner Vorlesung. Sie war nicht das, was man in Deutschland mit einem häßlichen Wort „prüfungsrelevant“ nennt. Ich beschäftigte mich damals mit Judaica, wenn auch mehr von der Literatur und Geschichte her. Als Student der Philosophie hatte ich wenig Berührungen zur Phänomenologie. Das „zurück zu den Sachen“ boten mir die Literatur und ein Studium in der französischen Schweiz, auch bei Lévinas.

„Hors sujet“

Die heute verbreitete Frage, ob man ihn religiös oder philosophisch verstehen solle, stellte sich mir nicht: Seine Philosophie kreist immer um das Verhältnis eines Menschen zu sich und den anderen. Die Verschiebung der traditionellen Kontexte – vom Ontologischen zum Ethischen – und die Entgrenzung der Begriffe empfand ich poetisch und aufrichtig. Vor allem die Transgressionen in Titeln wie „Hors Sujet“ – „Außer sich“ / „Außerhalb des Subjekts“. Das war auch sprachbewußt. Ganze Sätze oder Begriffe, die nicht sofort talmudisch hin und hergewendet werden, finden sich in seinen Schriften nicht oft.

Das war mir in der Philosophie neu, und manche, die es besser beurteilen können als ich, sagen, es ist ein Aspekt seines Werks, das philosophisch weiterführt. Für mich war es neben der beginnenden Freundschaft zum Aphoristiker Elazar Benyoëtz eine Öffnung angesichts der Grenzen, die man in dieser Zeit zum religiösen Denken zog, ich auch. Ich bin familiär nicht mono-konfessionell gebunden, also bestand für mich nicht der Druck, einen „Dialog“ inszenieren zu müssen, wie dies katholische Theologen in Deutschland heute tun. Er war schon da. Der Dialog zwischen analytischer Sprachphilosophie und Kritischer Theorie für mich und meine widersprüchlichen philosophischen Neigungen auch.  Die Phänomenolgie gar nicht. Was hatte ich da von Lévinas, außer einer philosophie-historischen Einführung ins jüdische, vor allem deutsch-jüdische Denken zu erwarten?

Das Gesicht des Anderen

Ich war sehr eingenommen, der Stil der Vorlesung war mir neu. Nach einer offenbar alten Gewohnheit, hatte er die Vorlesung in Form von Notizen auf kleinen Zetteln vorbereitet. Das Suchen war ein Event. Wirklich elektrisierend wurde es aber erst, wenn er den Faden verloren hatte und improvisierte. Das hörte sich dann (hier übersetzt) so an: „Selbstreflexion: ein schwieriges Wort…“ Dann hellte sich seine Miene auf, er schaute uns strahlend an und definierte das „schwierige Wort“ ad hoc: „Wenn ich etwas über mich erfahren will, brauche ich nur in Ihre Gesichter zu schauen.“

Das „Gesicht des Anderen“ ist ein zentrales Motiv seiner Philosophie und Ausgangspunkt seiner unterschiedlich interpretierten und wohl auch interpretierbaren Ethik. Wo sehe ich Lévinas in den Diskussionen um die Philosophie der Geisteswissenschaften der vergangenen Jahrzehnte? Dort dominieren zwei Vorstellungen, die einander ausschließen:

Die traditionelle Hermeneutik geht von einer relativen Stabilität des Subjekts aus. Das Andere soll als Variation des Einen gelten, als Fall von X dem erkennenden Subjekt einverleibt werden. Die Dekonstruktion hingegen setzt auf die Profilierung des Anderen, insofern es sich von anderem unterscheidet.

Beide Positionen betonen das Verhältnis des Geistes zu sich sich selbst. Lévinas setzt den Akzent auf Beziehung: Auf Beziehung, die noch aussteht. Auch die Erkenntnis verhält sich zugleich zu ihrem Urheber, zu ihren Gegenständen und zu ihrem Adressaten: zum Beispiel vereinnahmend, neutral oder fremd. Bei Lévinas wirkt eine minoritäre Erfahrung, die er mit Formulierungen wie „Geisel des Anderen“ umschreibt. Menschliche Intelligenz ist hier dadurch bestimmt, dass sie das Andere ihrer selbst vorstellen kann: Das Unmenschliche wie die Verantwortung.

Vorlesung als Improvisiation

Manche Improvisationen hatten auch dialektische, ja poetische Qualität, die ich als Liebhaber der Aphoristik schätzte. Aber ich schrieb sie nicht mit. Der Unterschied zwischen einem Aphorismus und einer These war mir aus der Tradition der analytischen Wissenschaftstheorie bewußt. Ein Aphorismus kann gelingen oder nicht, eine These ist eine, wenn sie widerlegbar ist, wenn ihre Begriffe eindeutig sind, und ihre Aussage frei von Widerspruch.

So weiß ich heute nicht mehr, um welches Aperçu es ging, als Lévinas sich plötzlich unterbrach, mit den Händen fuchtelte und erschrocken sagte: „Schreiben Sie das nicht auf, das ist ein Aphorismus!“ Lévinas’ Erschrecken entspringt seiner religiösen Scheu vor der Verwechslung von Aussage und Bild.

Mir war es spontan verständlich, es war etwas Performatives, das mich bei den Philosophen, die ich schätzte, immer angezogen hat. Ich war von der Bewegung seiner Gedanken, durchaus auch von seinem Ringen um Worte, fasziniert. Ohne mir darüber schon Gedanken zu machen, empfand ich den Reiz des Spontanen dieser Rede, die sich von Verzettelung, von der Angst vor dem Bild, befreit hatte. Es machte mir den Wert des Scheiterns eines Gedankens oder einer Formulierung deutlich. Notizen hätten meine Aufmerksamkeit für diesen Tanz auf der Rasierklinge gestört.

Das Unfertige, musikalisch betrachtet

Lévinas liebte auch das Unfertige an den Kompositionen seines Sohnes Michael, der recht hat, wenn er – nach der Biographie Malkas – sagt, gerade darin habe sich die pädagogische Berufung des Vaters gezeigt. Für sich selbst, so berichtet sein Sohn, habe er mit dem Schriftlichen stets gerungen. Er habe befürchtet, sich zu wiederholen, und Mühe gehabt, einen Gedanken bis zum Ende auszuführen. Nicht aus intellektuellen Gründen. Bücher zählen nur aufgrund ihrer Geschichte und des Lebens, das in sie hineinlegt.

Malka berichtet von seiner Angst vor Kommunikationsmitteln. Wie kein anderer Denker des 20. Jahrhunderts hat er die „Andersheit“ (altérité) des Anderen betont. Es mittlerweile fast zu einem blutleeren Wort der Geisteswissenschaften geworden. Man kann es sich nich nicht konkret genug denken: Lévinas war außerstande, seine Vorlesungen und Vorträge zu beginnen, wenn er sich nicht zuvor der Anwesenheit seiner Frau Raissa vergewissert hatte, so berichte Malka berichtet. Sie saß, kaum wahrnehmbar, in der ersten Reihe.

In den Vorlesungen und in den Gesprächen meinte ich auch, an einer brüchigen Situation teilzunehmen, auf gefährdetem Grund zu stehen, was bis in den Stil seiner Mitteilung hinein. Es war wie ein flow, „ein Punkt der Existenz, an dem das denken trifft, und die größtmögliche Zahl der Kräfte eines Lebens bündelt“, um es mit Paul Valéry zu sagen. Ich war gefährdet, diese Begegnung half mir weiter.

Mit Ecken und Kanten

In Pausen war er nahbar, ein fast großväterlicher Gesprächspartner und zugleich ein Denker mit allen Ecken und Kanten. Auf meine jugendliche Ungeduld reagierte er gelassen und ganz klar. Ich wünschte mir Walter Benjamin und Theodor W. Adorno in diesem Zusammenhang. Er schaute mich prüfend an: Benjamin? War für Lévinas „ein Journalist.“ Er sagte es nicht verachtend, er legte seine Prioritäten dar. Adorno? „Sein Jargon der Eigentlichkeit… Das ist eine Parodie auf Heidegger.“ Provokation für Provokation. Eigensinn für Eigensinn. Ich konnte es sportlich nehmen. Die Art, wie im akademischen Betrieb im Nachhinein rationale Gründe angeführt werden, um eine Schulmeinung gegen die andere auszuspielen, war mir immer unangenehm, weil sie scheinobjektiv ist, und schnell zu Glaubenkriegen werden. Ich lernte Lévinas wegen seiner Haltung schätzen, auch wenn wir unsere Einschätzungen nicht teilten.

1989 gab ich Lévinas meine Lizentiatsarbeit über Elazar Benyoëtz zu lesen. Vor seiner nächsten Vorlesung sprach er mich aufgeregt an, es war ihm sichtlich unwirklich, einen deutsch-jüdischen Aphoristiker zu entdecken: „Benyoëtz… Le Fils de celui qui donne des conseils! C’est un aphoriste allemand… Et Grubitz!?“ – Dann wechselte er die Tonart und verlangte ultimativ: „Il faut que vous publiez ça.“ So weit war es noch nicht, auch wenn ich eine gewisse Verpflichtung empfand.

Wirkung – Entstellung?

Manchmal verstellt der Erfolg in bestimmten Milieus das Verständnis eines Werks der Kunst oder der Philosophie. Hier scheint es mir so zu sein. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, daß man, wie es heute geschieht, Lévinas zu einem Repräsentanten des Judentums macht, um an ihm in Deutschland das Bußritual eines christlich-jüdischen Dialogs aufzuziehen. Wäre Lévinas allein ein bedeutender Philosoph, und kein observanter Jude gewesen, er würde kaum als „Repräsentant des Dialogs“ gelten. So wie man ihn umgekehrt lange gar nicht wahrgenommen hat, weil er observanter Jude war.

Ich lernte schon vor meiner Beschäftigung mit Lévinas die verschlungensten Haupt- und Nebenwege der Assimilierten kennen, die der Zionisten, die der Anarchisten, die der Kommunisten, die der wenigen Zionisten oder der jüdischen Heideggerianer.

Und ich wußte, dass Lévinas aus einer observanten Familie stammte und so lebte. Als Philosoph bezog er sich auf diese Tradition wie auf das gesamte europäische Denken. Vielleicht sollte man ihn in der Tradition von jüdischen Philosophen sehen, die zugleich auf ihre Kultur wie auf ihre Umgebung wirkten: Ich denke an Moses Maimonides oder Moses Mendelssohn.

Lévinas selbst hatte zu den zufälligen Bedingungen seiner Wirkung einen ironischen Abstand. Nach 68 begann er eine Konferenz mit den Worten: „Ich werde über Gott sprechen… Heute muß man ja fast sagen: Entschuldigen Sie den Ausdruck.“

Als sich in den 1970er Jahren, vermittelt durch seinen Freund Paul Ricoeur, ein Interesse des Vatikan anbahnte, und Papst Johannes Paul II. ihn als Husserlianer grüßen ließ, frotzelte Lévinas seines evangelischen Kollegen: „Muß man jetzt einen Protestanten schicken, damit ein Papst mit einem Juden ins Gespräch kommt?“

Lévinas selbst hat sich gegen die Bezeichnung „jüdischer Philosoph“ verwahrt. Für einen Philosophen ist dergleichen zu unscharf. Und unscharfe Begriffe reduzieren, indem sie die Proportionen verzerren.

 

Wie Lévinas verstehen die jüngeren französischen Juden, Derrida, Alain Finkielkraut, André Glucksmann darunter, den Nationalsozialismus als einen radikalen Bruch mit dem westlichen Humanismus. Sie versuchen, über die Einsicht eines Scheiterns der bürgerlichen Aufklärung hinauszukommen, die Adorno als einer der ersten im kalifornischen Exil vertreten hat.

„mehr oder weniger, jedenfalls anderes“

Das Denken von Lévinas sei „mehr oder weniger, jedenfalls anderes als ein bloßer Dialog zwischen jüdischem und anderem Denken“, sagte sein Freund Derrida auf seine abgründige Weise in „Adieu“, dem Vortrag, den er anlässlich des Todes von Lévinas hielt. Man könnte auch sagen, Theologie, im christlichen Sinn, verhält sich wie ein Text zur Grammatik. Oder, „mehr oder weniger“: Vielleicht ist es das Schicksal der Juden, zu sehen, was im Kommen ist, und dabei die Ängste zu haben und die Träume zu ersinnen, die sich dann die anderen zu Eigen machen?

Im Kontext eines christlich- oder deutsch-jüdischen Dialogs habe ich Lévinas auch damals nicht wahrgenommen. Heute entdecken mehr und mehr katholische Theologen in Deutschland, reichlich verspätet, Philosophen und Schriftsteller, die Juden sind.

Mich würde dabei die Frage interessieren, ob es eine deutsch-katholische Identität in Deutschland gibt? Und wenn ja: Warum artikuliert sie sich bei Professoren vorzugsweise in der Frage nach der jüdischen Identät?

Bleibt nicht am Ende wieder der Jude, von dem man eine Auffrischung der Sprache gerne nimmt?

Nein, nicht überall. Ich erinnere mich, dass ich in Deutschland zuerst Peter Horst Neumann aufsuchte, um ihm von meinem Eindrücken von Fribourg, wo er von 1968-80 Professor war, zu berichten. Ich begann aufgeregt mit Lévinas. Die Aufregung belebte ihn in seinem Betrieb. Das Verbindende und Anregende war dann nicht mehr Fribourg: „Wissen Sie, dass Celan Lévinas sprechen wollte?“

Satzgefüge. Portrait der Freundschaft zwischen Ulrich Sonnemann und Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

„Das Gesetz will Ruhe; der Satz, weil er die Bewegung des Gedankens ist, gibt keine.“

Ulrich Sonnemann: Negative Anthropologie (1969)

Was hier folgt, begann 1967 an einem Münchner Stammtisch. Die Journalistin Ursula von Kardorff nam den jungen hebräischen Dichter Elazar Benyoëtz mit zum Kreis um den politischen Publizisten, Philosophen und Psychologen Ulrich Sonnemann (1912 – 93).

Kam Benyoëtz später auf Lesereisen nach Deutschland, pflegte er regelmäßig ein paar Tage halt zu machen in Gudensberg bei Kassel, wo Sonnemann als spät berufener Kasseler Professor mit seiner Frau Brigitte Sonnemann im Alter lebte. Dann lasen er und Benyoëtz einander aus Manuskripten vor. Gelegentlich sollen Einschlaflieder aus solchen Lesungen geworden sein.

Ein Zwang in der Sache

Streitbare Buchtitel Sonnemanns aus den 1960er Jahren deuten die Atmosphäre der ersten Jahre von Benyoëtz in der Bundesrepublik der Adenauer-Restauration an: Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten (1963), Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland (1964) und Schulen der Sprachlosgkeit. Deutschunterricht in der Bundesrepublik (1970). Sonnemanns Hauptwerk Negative Anthropologie. Vorstudien zu einer Sabotage des Schicksals erschien 1969. – Für dieses Buch hatte Theodor W. Adorno in der Vorrede seiner Negativen Dialektik geworben: „Ulrich Sonnemann arbeitet an einem Buch, das den Titel Negative Anthropologie tragen soll. Weder er noch der Autor wußten etwas von der Übereinstimmung. Sie verweist auf einen Zwang in der Sache.“

Wie Adorno stammte Sonnemann aus dem liberalen deutschjüdischen Großbürgertum, das an Werten wie Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, ästhetischer Erziehung und Bildung an Fremdem orientiert war. Mit Adorno teilte Sonnemann auch das Schicksal des Remigranten. Beide standen sie habituell für den urbanen Typus des öffentlichkeitsfreudigen Intellektuellen, der durch die Rekrutierungsverfahren der deutschen Universitäten sonst nicht besonders begünstigt wird; zunehmend weniger auch durch die Neuen Medien.

Anders als die beiden gehört Benyoëtz nicht zu den Schriftstellern, die sich in politischen Debatten profilieren. Er streitet durchaus für seine Sache, die deutsch-jüdische Überlieferung. Als Dichter sieht er seine Aufgabe aber in erster Linie darin, durch forcierte sprachliche Individualisierung. Er schafft Adressen, an die keine Ideologie appellieren kann. Doch ist auch er gezeichnet vom Pessimismus des Intellekts und vom Optimismus des Willens: des Willens zur Form.

Wenn es um Fragen des Satzbaus ging, vertraten Sonnemann, der Meister des Schachtelsatzes (Hypotaxis) und Benyoëtz, der zugunsten von klanglichen, bildlichen und syntaktischen Correspondances meist auf sytaktische Unterordnung verzichtet (Parataxis), die unterschiedlichsten Positionen. Die seit der antiken Rethorik bewährten Formen des langen und des kurzen Satzbaus erhalten bei beiden als Schwundstufen des Humanen besonderen Wert.

„Alle Wörter Flüchtlinge„,

so lautet ein Vers der Nelly Sachs. Das Verhältnis von Biographie und Poesie hat sich seit dem 20. Jahrhundert fundamental geändert. Die Flucht der Menschen und ihrer Worte um uns herum wird sich weiter ausbreiten, und jeder, der ihnen aus innerer Notwendigkeit heraus zugetan ist oder gar folgt, lebt wohl in seinem je eigenen sprachlichen Exil. Darüber mit einiger Überzeugungskraft zu sprechen, ist außerordentlich schwer. Ein gewisser Gestus des Autonomen zog mich seit meinen ersten selbständigen Lektüren an, anderes weniger oder gar nicht. Das betrifft Texte, die man nach herkömmlichen Kategorien in poetische und philosophische Texte unterscheidet. Ich muß mir eingestehen, daß mich dieser Sog zugleich stets hinderte, meine Selbstgespräche mit solchen Texten unzensiert wiederzugeben. Jedenfalls in einer deutschsprachigen Umgebung.

Was macht die Anziehungskraft solcher Texte aus? Die Überholung der traditionellen Syntax, das Vorherrschen des Anakoluthes und die Verlagerung der poetischen Sensation ins einzelne Wort, Bildverknappungen und Bedeutungsschichtungen sind Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die in der deutschen Dichtung von Hölderlin über George zu Celan reicht und sich in Frankreich, ausgehend von der symbolistischen Bewegung, in den Avantgarden stets aufs Neue verjüngt hat. Wie man weiß, setzt Baudelaires Verfahren des reflektierten Selbstgesprächs eine Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraus. Es sind die schwierigen, die reinen Poeten, die Dichter ohne Alternative.

An ihrer Seite stehen Sonnemann und Benyoëtz. Spätestens seit dem symbolistischen Poème en prose sind ohnedies die Übergänge zwischen artistischer Prosa und absoluter Dichtung fließend geworden, auch die ihrer Sekundanten von Nietzsche und Valéry zu Adorno und Derrida, denen ihre eigene Theorie ästhetisch wird.

Sonnemanns Vertrauen in die Evidenz der eigenen akustischen Wahrnehmung war ungebrochen. Gelegentlich hat er Nietzsches Polemik zitiert, die Deutschen hätten „die Ohren in die Schublade gelegt“. Er ließ seine Ohren entscheiden. In seiner kurzen Verteidigung des langen Satzes nennt er die Vorzüge des langen (und, in Klammern, des überraschend kurzen) Satzes gegenüber der beziehungslosen Sprache der Information: Die musikalische Unergiebigkeit des Telegrammstils, seinen vollendeten Mangel an jeglichem Zauber der Form (sogar jenem der unerwarteten, überraschendem, plötzlichen Kürze!) (…).

In Spontaneität und Prozeß, der Festschrift zu Sonnemanns 80. Geburtstag, spricht der Parataktiker Benyoëtz denn auch solidarisch von der „Satzbauernschlauheit“ des Hypotaktikers Sonnemann. Beide betonen sie das Explosive an Verständigung gegenüber dem kognitiven Prozeß des Verstehens. Das besagt der Titel „Was nicht zündet, leuchtet nicht ein.“ Der Untertitel greift das zentrale Thema von Sonnemanns Werk auf: „Ein Büchlein vom Menschen und seiner Ausgesprochenheit“. Noch dort, wo Benyoëtz als Beiträger mit viel Humor und Liebe Differenzen zu Sonnemanns stilistischen Gesten nennt, tut er dies als beredter Anwalt seiner Freundschaft:

Vom Sonnemannschen Satzgefüge

Ob es auszuschließen gedenkt oder einzuklammern, ist so schwer einzusehen, wie leicht zu erkennen: das Ausgeschlossene wird verteidigt, das Eingeklammerte beschützt. Beides in einem gedacht und randvollzogen. Auch am Nachgetragenen weisen sich Spuren der Vorsetzlichkeit.“

Was ihn mit der Kritischen Theorie Sonnemanns verbindet, hat Benyoëtz hier schlicht ausgesprochen:

„Das Gebrechen der Aufklärung – ihre Übereinstimmung mit der Natur des Menschen. Man kann den Menschen (und dies immer mehr) über das Böse aufklären, nicht über das Gute.“

Über das Gute aufzuklären, das wäre den Vertretern der Kritischen Theorie hoffnungslos naiv oder verlogen vorgekommen – oder beides zugleich. Es hätte bedeutet, Werte der bürgerlichen Aufklärung zu beschwören, die für Sonnemann seit 1933 hoffnungslos diskreditiert waren. Nicht anders als Benyoëtz sprach er über Dinge, die rational nicht unter Kontrolle sind und im Prozeß des technischen Fortschritts verdrängt werden.

Über das Schlechte aufzuklären, bedeutet ein Programm des Negativen. Für Sonnemann bedeutete es, „das Humane aus seiner realen Verleugnung und Abwesenheit“ zu erschließen. So schrieb er in Negative Anthropologie (1969). Im Nachwort zur Neuauflage von 1981 bezieht er seine Negative Anthropologie der verdinglichenden Bildern vom Menschen und seiner Geschichte ausdrücklich auf das Bilderverbot. Von Bilderstürmern und Ideologiekritikern trennt diese Auffassung die Einsicht, daß es außerhalb der Wahrnehmung und der Medien keine Anschauung gibt. Allerdings war er davon überzeugt, daß im Verlauf des technischen Fortschritt die Sinne abgestumpft seien. Wovon Ideologien umso mehr profitieren.

In diesem wichtigen Punkt kommt er mit Benyoëtz überein. Das zeigt sich auch deutlich in Sonnemanns Rezension von Benyoëtz’ Buch Worthaltung. Sie heißt Glückserfahrung einer Wortwerdung (Frankfurter Rundschau Nr. 150/1977) und hebt stark auf die jüdische Überlieferung ab, im Sinne einer reflektierten und zur Diskussion gestellten Praxis. Ein Beispiel für eine solche Auseinandersetzung bietet der Rezensent selbst, wenn er seinen Freund bei seiner Suche nach einem „unverwechselbaren Ausdruck“ zugleich ermutigt und kritisiert. Sonnemann deutet Benyoëtz’ poetische Sprache als Protest gegen das „Tauschprinzip“, das die Verständigung einseitig auf Information verpflichte und dabei den expressiven und appellativen Charakter der Rede unterdrücke. Stets reflektiert Sonnemann dabei eine alte deutsche Mentalität, der eine solche Haltung verdächtig erscheint.

Gegen diese Mentalität traute er der moralistischen Entlarvung von Gleichgültigkeit und Ideologie gewiß mehr kollektivierende Kraft zu, als Benyoëtz dies wohl je tat, der auf Kollektivierung ohnehin nicht viel gibt. Es hätte Vertrauen in die Generation der Neuen Linken in der Bundesrepublik vorausgesetzt, einer Generation, der Benyoëtz selbst angehörte. Für Sonnemann mag dies anders gewesen sein. In den sozialen Konflikten der späten 1960er Jahre wird Sonnemann der Linken zugerechnet, aber er selbst hält sie teilweise nur für links gewendet. In diesem Zusammenhang spricht er ein klares „Ich“ gegen das „Wir“, wenn er darauf bestand, daß es Freiheit nicht schon als Insitution, sondern zuerst und zuletzt als Eigenschaft gibt.

Sonnemann hatte es sich dennoch zur Aufgabe macht, eine neue Generation kritisch zu begleiten. Benyoëtz zeigte sich im selben Jahr 1969 in seinem ersten deutschsprachigen Buch Sahadutha nicht zu einem Bleiben in der Bundesrepublik ermutigt: Liest man diese Bücher parallell, erkannt man wie Benyoëtz seine Jüdischkeit im Deutschen ein neues, aphoristisches Profil gewinnt. „Begegnung führt zum Stil”, schreibt Benyoëtz in Sahadutha. Wenn er recht hat, ist es nicht abwegig, sich das Verhältnis von Körper und Individualstil ähnlich basal vorzustellen wie andere Zugehörigkeiten (rass, class und gender), von denen jede ihren counterpart an sich markiert.

Ein Deutscher auf Widerruf und ein Israeli

Man hat Sonnemann in Nachrufen als „linken Patrioten“ gefeiert. Wird er nicht, wie einige andere Remigranten auch, im Alter immer mehr „Ein Deutscher auf Widerruf“, um mit dem Titel des Philologen Hans Mayer ) zu sprechen? Diesen Eindruck vermittelt mir der von Sonnemann im Jahr vor seinem Tod herausgegebene Sammelband Nation (konkursbuch 27), in dem er ausdrücklich von „deutschen Juden“ und für sie spricht: Sie würden sich, so Sonnemann, von dem „Wurzelwahn“ nach der Wende von 1989 wieder einmal ausgeschlossen fühlen. Da war sie noch einmal: die reflexhafte Geste des gelernten Therapeuten und Moralisten. Und die verkörperte Differenz.

Bildung in der Form, in der sie Sonnemann noch erstrebenswert war, degeneriert heute zum Restbestand einer Geschichte der Faszination durch das streitbare Wort. Weil sie minoritär ist, läßt sie sich auch so wenig weiterreichen wie künstlerisches Vermögen und die Kraft vergleichender Begriffsbildung. Sonnemanns Rezension von Worthaltung und Benyoëtz’ Beitrag zu dessen Festschrift bilden Werte außerhalb der Ordnung des Markts. Beide Texte gehören der Sphäre primärer sozialer Beziehungen an. Sie dürfen als Ausdruck einer Sezessionskultur gelten. Im Hintergrund steht bei beiden die erzwungene Aufspaltung der Existenz in Mensch und Zugehörigkeit. Deswegen ist Benyoëtz als Beiträger der Festschrift für Sonnemann gerade an der Jüdischkeit des Freundes gelegen. Unter der Überschrift „Revolutionäres Ungestüm und messianische Kleinschritte“ heißt es:

„Jüdisch gedacht: der Glaube soll nicht nur in den Himmel ragen, sondern auch immer Boden gewinnen, denn er muß standhalten. Standhaft ist mehr als beflügelt, auch wiegt der Beständige mehr als der Beschwingte.“

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(Dieser Text beruht auf meiner (hier veränderten und erweiterten) Print-Publikation: Christoph Grubitz: Benyoëtz als Beiträger der Festschrift für Ulrich Sonnemann. Portrait einer Freundschaft; in: Christoph Grubitz et al. (Hrsg.): Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag. Herrlinger Drucke 2007, S. 158-162)

Ulrich Sonnemann: Die verwaltete Welt, beim Wort genommen

16. Dezember 2014

„Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung; daher hat die Gedächstlosigkeit keine.“

Ulrich Sonnemann

1988 erhielt Elazar Benyoëtz den Chamisso-Preis in München. Da lernte ich ihn kennen. Wir hatten erst gerade einen Briefwechsel begonnen.

Abends nach einer Lesung fand ich mich an einem Tisch mit ihm und dem Philosophen Ulrich Sonnemann. Sie waren über 20 Jahre befreundet. Begonnen hatte die Freundschaft in München. Ich wußte das damals nicht, merkte aber, dass das Wiedersehen Elazar wichtiger war als anderes.

Es war ihm aber auch nicht unwichtig, dass ich seinen Freund kennenlernte: „Kennen Sie Sonnemann?“ Das war, wie ich heute weiß, deutlich genug. Ich mußte passen. Ich kannte damals noch nicht einmal den Namen Sonnemanns. Seidem wußte ich, dass es einem entscheidende Möglichkeiten der Konversation nehmen kann, Vorreden und andere Texte neben den Haupttexten zu überblättern. Ich kannte und schätzte ja Adornos Negative Dialektik. In der Vorrede heißt: „Ulrich Sonnemann arbeitet an einem Buch, das den Titel Negative Anthropologie tragen soll. Weder er noch der Autor wußten etwas von der Übereinstimmung. Sie verweist auf einen Zwang in der Sache.“ Sonnemanns Hauptwerk Negative Anthropologie. Vorstudien zu einer Sabotage des Schicksals erschien 1969.

Was ist mir erinnerlich von dieser ersten von drei Begegnungen mit Sonnemann? Ich hatte den Eindruck geistiger Präsenz, aber auch Bedrückung. Einmal teilten wir einen thematischen Anlaß dafür. Ich sprach über mein Studium in Fribourg. Beim Namen Emmanuel Lévinas hakte er nach und stellte eine Frage, in der sich das Bedrückte in ein jähes Bangen verwandelte: Ob es möglich wäre, ihn an sein Institut nach Kassel zu einem Vortrag und zum Diskutieren einzuladen? Ich hielt es für ausgeschlossen. Lévinas reiste aus nicht ganz privaten Gründen seit dem Nationalsozialismus nicht nach Deutschland. Sonnemann zog sich ins Schweigen zurück. Er hatte sich wie Adorno, anders als Lévinas, der bei Husserl und Heidegger studiert hatte, zu einer Rückkehr entschieden. Später erfuhr ich von Elazar, dass er diese Entscheidung widerrufen hat. An diesem Münchner Abend merkte ich, dass es ein wunder Punkt bei Sonnemann ist, der vielleicht nicht wenig mit seiner Bedrückung zu tun hatte.

Schnitt.

Anfang 1989 reichte ich meine Lizentiatsarbeit über Benyoëtz’ Aphoristik ein. Elazar forderte mich auf, das Manuskript Sonnemann zu schicken. Eines Tags im Frühling klingelte das Telefon in meinem Dachzimmer in der Fribourger Rue d’Or: “Sonnemann.” Er melde sich wegen meiner Arbeit. Erst kam mit seiner bedrückten, aber entschlossenen Stimme eine ebenso knappe wie harsche Kritik: “Zu viel Linguistik, viele Tippfehler.” Und dann Lob: “Aber Sie sind auf einem guten Weg.”

Schnitt.

Die dritte Begegnung fand in einer Buchhandlung in Kassel statt. Sonnemann las mit Elazar. Es mag 1990 oder 1991 im Sommer gewesen sein. Als ich kam gab Sonnemann ein Beispiel seines Humors: “Elazar ist in Prag ausgeraubt worden. Das sind die wichtigen Ereignisse.” Die Rezeptionsformen waren nicht bürgerlich. Es gab Wein, es wurde geraucht, weil Sonnemann nicht ohne Zigaretten denken konnte. Als er einen Text zwischen Philosophie und Tagespolitik vortrug fiel mir an seiner Modulation etwas auf, was mir eine damals neue Einsicht in seine, an Adorno geschulten, Kunst der Hypotaxis vermittelte. Er zitierte und verdrehte einen Satz aus der deutschen Verwaltungssprache. Die Hypotaxen der Kritischen Theorie als Parodie deutscher Verwaltungssprache? So höre ich sie.

Schnitt.

Im Januar 1993 beendete ich mein Doktorat mit meiner Thesenverteidigung. Ulrich Sonnemann starb am 27.3.1993 an Krebs. Inzwischen kannte ich ihn vor allem aus seinen Schriften, die auch in meiner Dissertation über seinen Freund Elazar Benyoëtz als Abschied vom Humanismus wichtig wurden.

Neuerscheinung: Elazar Benyoëtz: Fraglicht. Aphorismen 1977-2007. Braumüller-Verlag Wien

30. Mai 2010

Cover von Elazar Benyoetz: Fraglicht

Soeben erschienen im Wiener Braumüller-Verlag unter dem Titel „Fraglicht“ die gesammelten Aphorismen von Elazar Benyoëtz. Die Wurzeln des Werks liegen in der jüdischen Überlieferung, zugleich steht es am Übergang von moralistischer Kunstprosa zur absoluten Lyrik der Klassischen Moderne Europas. Dabei ist Benyoëtz in seinen Schriften immer im Gespräch mit Kohelet, dem biblischen Prediger Salomo, dem Ahnherren seiner Aphoristik, der  Zuversicht nach einer Desillusion schöpft – und somit ein durch und durch moderner Autor ist.

Leinen mit Schutzumschlag, 540 Seiten
ISBN: 978-3-99200-010-4

Einzelpreis: 34.90 EUR

„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt.“ Zu Elazar Benyoëtz‘ neuem Buch „Scheinhellig“

21. Dezember 2009

Das Bedürfnis nach Konsistenz, nach Stimmigkeit, ist insgeheim das Bedürfnis nach einer heilen Welt. Ohne es kann Vernunft nicht rückhaltlos aufklären: über die Welt wie über sich selbst.

Christoph Türcke: Kassensturz. Zur Lage der Theologie

Intro

In Zvi Kolitz‘ Erzählung Jossel Rakovers Wendung zu Gott (1946) formuliert der imaginäre Titelheld sein folgenreiches Bekenntnis:

Ich habe Ihn [den Gott Israels] lieb. Doch Seine Thora habe ich lieber. Selbst wenn ich mich in ihm getäuscht hätte, Seine Tora würde ich weiter hüten. Gott heißt Religion. Seine Tora aber bedeutet eine Lebensweise! Und je mehr wir sterben für diese Lebensweisung, so unsterblicher wird sie werden.

Es geht bei Kolitz um die Frage der Möglichkeit eines Glaubens nach Auschwitz. Die Antwort ist dann doch älter: Bereits Heinrich Heine erkennt in der Schrift das „portative Vaterland“ der Juden. Hier reiht sich auch Elazar Benyoëtz ein, wenn er schreibt:

„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt nach diesem Plan.“ (S. 37)

Als unentbehrliches Überlebensmittel erscheint bei ihm – zusätzlich zur Tora, den fünf Bücher Mose – die gebundene Rede der Psalmen. Diese lyrische Form erst verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft:

Ohne Tora gäbe es kein Judentum, ohne Psalmen könnten die Juden die Tora aber nicht so weit durch die Zeiten tragen.

Erst die Psalmen erscheinen aus dieser Sicht als persönlicher und zugleich verbindender Ausdruck von Trauer und Lebensfreude, von Sehnsucht, Leid und Zauber. Für Benyoëtz ist dieser Horizont erweitert um seinen jüdische-deutschen Talmud, die jüdische Literatur deutscher Sprache.

***

Scheinhellig ist ein Buch über den ästhetischen Schein und über das Verhältnis des Menschen zu sich und den anderen, über das Religiöse also, über das „verlorene Thema“. Als gescheitert sieht Benyoëtz die bürgerliche Kunstreligion an. Seit der deutschen Frühromantik war dies, besonders in Deutschland, einmal State of the art: Kunstreligion, das war in den Generationen von Schlegel über Nietzsche bis Adorno und seinen Schülern der Versuch, metaphysische Wahrheiten ästhetisch zu bewähren.

Wegweisend für ein Verständnis dieses Buchs ist der Begriff der »Variationen«, der hier, wie so oft bei Benyoëtz, nicht einen Inhalt bezeichnet, sondern eine Kunstformen auf Lebensformen zurückführt. Sie folgt der Tendenz der modernen Künste zu Variationen, in denen, nach Adornos Philosophie der neuen Musik, überlebe, »was sonst vergessen ist(,) und unmittelbar nicht mehr zu reden vermag«.

Der Gedanke, dass Kunst Offenbarung von Wahrheit sei, diese aber lediglich in einer ihr unwesentlichen, nämlich sinnlichen Form zum Ausdruck bringe, ist der Grund für die Ambivalenz, mit der sich Kunstreligion zwischen Hegels Ästhetik und Adornos Ästhetischer Theorie zu artikulieren pflegte: Alles, was demnach positiv zum Ausdruck  kommt, erscheint demnach als trügerischer Vorschein einer besseren Welt. Anschaulichkeit gilt der künstlerischen Intelligenz daher seit über 100 Jahren schon als trivial. Was gilt, ist allenfalls das Ephemere einer schnelllebigen urbanen ästhetischen Erfahrung nach dem Vorbild Baudelaires und der Symbolisten. Seither  dominierten Epiphanien mit einem zeitlichen Index. Benyoëtz‘ „Variationen über ein verlorenes Thema“ – das Religiöse – üben im Sinne Adornos Negativer Dialektik „Solidarität mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“. Das verlorene Thema wieder zu finden oder seinen Sinn zu erneuern, steht nicht in der Macht von Aphoristik, und selbstredend auch nicht in der dieser Besprechung.

Es erscheint hingegen nicht abwegig, auf dieser Spur das Thema, das Benyoëtz hier variiert, zu politisieren. Dafür spricht der Auftakt, in dem Bezüge zur Conditio humana überdeutlich sind, so in einem der präludierenden Zitate. Es stammt von Hermann Broch:

„Alles was geschieht – das wird immer deutlicher und deutlicher – ist ein Ringen um die neue Religiosität und dies ist wahrscheinlich auch das einzige, was den Menschen wahrhaft interessiert, mag es auch danach aussehen, als wäre die Weltwirtschaft das einzig Interessante.“ (S. 7)

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Exkurs: Mein verlorenes Thema

Von Mazzino Montinari (1928-1986), neben seinem Lehrer Giorgio Colli (1917-1979) Erstherausgeber der alleingültigen Werkausgabe Nietzsches, ist folgende Anekdote überliefert: Man fragte ihn während der marxistisch inspirierten Wiederentdeckung von Nietzsches Kunstphilosophie in Italien, in den späten 1960er Jahren, was ihn und Colli ausgerechnet an Nietzsche interessiert? Die Antwort des italienischen Katholiken war ein Luther-Zitat: „Das Wort sie sollen lassen stán.“

Montinari und Colli waren Männer des antifaschistischen Widerstands, zumindest Montinari ist bis zum Ende seines Lebens Marxist und Kommunist geblieben. Die Revolution beginnt als Revolte im Kopf. Dort betrifft sie zuerst die Sprache.

Lebendige Rede herstellen bedeutet, das Denken vom Kopf auf die Füße stellen – eine eigenwillige Marx-Auslegung. Ist das nicht das nächste verlorene Thema? Immerhin: Bei solchen Anregungen meiner intellektuellen Pubertät begann unabhängig von Nietzsche mein Umgang mit Sprache, Rede und Texten, der mich bis heute – diesseits des Repertoire-Theaters von Konfessionen, Eiferern und Sektierern – zur Sprachfrömmigkeit anhält.

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Hier ist von vorsprachlichen Präokkupationen die Rede, von denen wir doch allein ihren sprachlichen Niederschlag kennen. Der Dichter zögert hier. Und dieses Zögern hat Paul Valéry in einem Aphorismus zum Merkmal des Gedichts erhoben:

Le poème – cette hésitation prolongée entre le son et le sense.

(Das Gedicht – dieses verlängerte Zögern zwischen dem Laut und dem Sinn.)

Heute ist Elazar Benyoëtz auf ähnliche Weise wie Valéry vor 100 Jahren der reflektierteste Virtuose des ästhetischen Scheins, dessen Doppelsinn von metaphysischen Vorschein und Täuschung sich schon im Titelwortspiel „Scheinhellig“ artikuliert. Sein Werk steht an einem Ort, der für ihn publizistisch zur Heimat geworden ist: aus der hebräischen Lyrik kommend, am Übergang zur artistischen Prosa deutscher Sprache.

Die Legierung dieser Ästhetik ist eine stets schon Negative Theologie. Sie liegt in der semiotischen Aufklärung durch das Bilderverbot des Tanach begründet:

„Aller Kult tendiert zu künstlicher Vollendung. Diese wird notwendig zur Vollendung des Gottesbildnisses, das somit entlarvt wird. Was man in Handwerk und Kunstfertigkeit vollenden will, wird als Vollendung im Bilde (Gottes) selbst geglaubt. Die Kunst macht glauben und lässt den Menschen im Bilde dieses Glaubens allein sein“ (S. 79)

Die Skepsis gegen den apollinisch eingefriedeten Bereich der klassisch-idealistischen Kunstformen teilt er mit Edmond Jabès, der einzig die gebrochene Form gelten ließ.

Das verlorene Thema, das ist eine vergessene Zone der Intensität, die dem „totgesagten Park“ Stefan Georges gleicht. Dem „Hier und Jetzt“ der Künste fehlt ein Ort in einer Welt, die nach Schätzungen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen mit 40 Millionen Flüchtlingen aller Art und Herkunft lebt.  Aus dieser Sicht geht es um eine Welt, die weniger einem in den Weltmaßstab vergrößerten „globalen Dorf“ als einem Lager gleicht. Mir scheint diese Erinnerung an die conditio humana nicht ganz abwegig zu sein, um den Umstand zu erklären, daß ortsbezogene Realpräsenz in der Poesie des 20. und 21. Jahrhunderts  selten eine gelungene Rolle spielt. Anschauung gilt seither in den Künsten überhaupt als ästhetisch fragwürdig. In diesem Sinn hat Walter Benjamin die Sprache als „ein Archiv unsinnlicher Ähnlichkeiten“ bezeichnet, eine These, deren Formulierung gegen sich selbst rebelliert: Er gebraucht das Bild des „Archivs“, um die behauptete Tendenz zur Entsinnlichung des Worts im Zeitalter der Information zu unterlaufen. Wo hingegen sonst allzu stark die Sinne ins Spiel kommen, geraten alle positiven Bilder von Einbildungskraft selbst in den Bann der Grenzen, deren Heilsamkeit sie beschwören. Positive Bilder, das heißt in der Literatur: geschlossene Formen. Radikal hat dies bereits 1916 der frühen Georg Lukács in seiner Theorie des Romans in seinem Verdacht gegen die klassisch-bildungsbürgerlich gerundeten Kunstformen ausgesprochen:

„Die hierarchische Frage von Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit ist das ethische Problem der Utopie.“

***

Die Aphoristik und Montagetechnik von Benyoëtz scheint in ihren nicht-hierarchischen, sondern von Nebenordnung geprägten, Verhältnissen vor dem Verdacht geschützt, letzte Weisheit zu verkünden. Zumindest für das Bürgertum im Zeitalter der Ideologen aber waren Sinnsprüche und geschlossene Formen der Spiegel, mit dem es über sich ins Reine kommen wollte. Heute sind Sinnsprüche, so scheint mir, bei naturwissenschaftlichen, allenfalls noch philosophischen Medien-Experten besser aufgehoben. Ihnen traut das Massenpublikum eher als den künstlerischen Intelligenzen zu, zu deuten, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wer auf Qualität und politische Moral Wert legt, den werden alle positiven Bilder vom Menschen und seiner Geschichte ohne Ausnahme abstoßen. Er wird es mit dem Partisanen des Kunstfilms Jean-Luc Godard halten. Gefragt, warum seine Film, keinen klaren Anfang, keinen Mittelteil und kein Ende haben, antwortet er dialektisch: „Ein Film sollte einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende haben – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“

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In Scheinhellig begegnen sich das Poetische und das Religiöse als Verhältnisformen eines Menschen zu sich und den anderen, die Freiheitsimpulse wecken, sich bewähren oder nicht, jedenfalls Vertrag und Verrat begründen. Entsprechend wird man sich an die Verkehrsformen und die kumulierenden Begegnungen und Lektüren des Autors halten können, die in diesem zitatenreichen Werk ihren Niederschlag finden. Deutlich ist durchweg eine Haltung, in der die Lehre als reflektierte Praxis gilt:

„Die Thora ist die Lehre, die vierzig Wüstenjahre aber die Schule.“

In dieser mal ausgelassenen, mal stoischen Heiterkeit der letzten Dinge bleibt er dann auch nicht befangen in Negativer Theologie, an der er zweifellos Anteil hat. Geht man von Moses Maimonides‘ aus, erkennt man die Dinge am besten durch das, was sie nicht sind. Dies gilt auch für Benyoëtz. Und sicher läßt sich an seiner Sprache feststellen, dass er wie Walter Benjamin und andere dunkle Interessenten der Negative Theologen und der Mystiker der Bestimmung aus dem Unterschied seine luzidesten Einsichten verdankt.

Die lyrische Aphoristik erscheint dann als die subjektivste Form. Wie sonst nur das symbolistische Gedicht hat sie häufig sich selbst zum Gegenstand. Auf die anarchische Selbst-Auslieferung hin, so die Hoffnung, die sich mit einem solchen Impuls verbinden mag, bricht die entfremdete Seite der Gesellschaft auf. Er ist also von seinen Anfängen an nicht daran interessiert, zu metaphysischen Überhöhungen des geschichtlichen Prozesses gleich selbst die Anleitung zu geben. Es geht ihm vielmehr um eine Zersplitterung der Oberfläche in vielschichtige Sprachwahrnehmungen, die zeigen, was von einstiger Größe oder Hoffnung übriggeblieben ist. Ästhetisch umstritten ist seine Neigung zum Klangwortspiel, zur Amphibolie. Neuerdings will Chaim Vogt-Moykopf in dieser habituellen Eigenart aber eine „Degermanisierung“ des Deutschen erkennen:

„Il s’agit d’une tentative de dégermaniser l’allemand, de réorganiser sa structure et son vocabulaire, bref de l’hébraïser.“

Hier kann nur auf eine ausstehende Debatte hingewiesen werden. Allerdings erscheint mir diese Art der Politisierung zu vage, ähnlich wie der mit Heideggers ontologisierender Wortspielerei begründeten Präokkupationen gegen Klangwortspiele, die vielleicht nur auf harmlose kulturelle Unterschiede zwischen Nordeuropäern und mediterranen Menschen verweisen. Allemal erweist sich hier Peter Szondis Diktum gültig, dass philologische Erkenntnis nicht den Text in die Geschichte zu stellen, sondern die Geschichte im einzelnen Text aufzuzeigen hat.

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Benyoëtz‘ jüdisch-deutscher Talmud wird in der jüngeren Forschung vielfach als Negative Theologie oder Mystik verstanden, ohne dass dieser Hinweis intertextuell belegt oder durch ideengeschichtliche Fluchtlinien konkretisiert würde. In der Tat ähnelt sein Vorgehen dem, was etwa der evangelische Theologe Rudolf Otto (Das Heilige, 1917) oder Aby Warburg, der Pionier der Bildwissenschaft, mit seinem Bildatlas Mnemosyne zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im Sinn hatten, als sie die Kontinuität von archaischen Erfahrungswelten und ihren medialen Verkehrsformen mit Begriffen wie Ideogramme oder Pathosformeln zu umschreiben suchten. In den vergangenen Jahrzehnten wandelte Jean Starobinski mit seinen Büchern über die Embleme der Französischen Revolution und der Aufklärung auf dieser Spur. Stets sind solche Zeugnisse von einer eigentümlichen Mischung aus animalischer Angst und einer an Ausgelassenheit grenzenden Faszination gekennzeichnet. So auch bei Benyoëtz.

Anfangs erinnert er an die 1962 in Tel Aviv begründete Zeitschrift Prozdor (Vorhalle), an der er mitwirkte; „Gott gewidmet“, will sie den Glauben anstacheln, seinen Wortbestand erschüttern. Deutlich knüpfte er dann schon vor seinem Wechsel der Literatursprache an die expressionistischen Aufbrüche in der deutschen Literatur an, zu der im Bereich der jüdischen Erneuerungsbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg Franz Rosenzweig in seinem Stern der Erlösung oder mit Martin Bubers in der ‚Verdeutschung‘ der Schrift beigetragen. Diese frühe Neigung zum Expressionismus begegnete mir auch in seiner kürzlich bei Brockmeyer unter dem Titel Vielzeitig erschienenen Auswahl aus seinem extensiven Briefwechsel deutlich.

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Benyoëtz ist ein Autor, bei dem höchste Kunstfertigkeit ein eigentümliches Spannungsverhältnis eingeht mit dem sehr starken Bedürfnis, Zeugnis von Begegnungen mit Sätzen und Menschen abzulegen, die in seinen Aphorismen und Montagen fortleben. Das „verlorene Thema“ wird bei Wort genommen, und das hier: beim Zitat aus einem reichen Erbe der Weltkultur. Die Vielfalt der dabei entfalteten bedeutungskonstituierenden Möglichkeiten von Zitaten lassen sich kaum andeuten; noch weniger sind sie bislang vorgestellt und untersucht worden. Einige davon sind:

–        Die Zitierten sind vergessene, die Zitate stets überraschend. Durch diese homiletische Gabe werden die Zitierten dem Vergessen entrissen.

–        Zitate werden zum Medium erinnerter Beziehungen, so im einleitenden „Widmungsblatt“ (S. 13)

–        Zitate werden über ein gemeinsames Wort kombiniert:

„Was Einer weiß,

ist immer das Beste.

Die Edda

Einer war Abraham…

Ezechiel 33,24“ (S. 17)

–        Zitate werden Partnern eines inneren Dialogs mit den aus früheren Büchern von Benyoëtz schon bekannten generischen Namen Kosal Vanít und Lazarus Trost (S. 7) zugeschrieben

Im Nachwort des Autors heißt es, auch im Sinne einer Lese-Orientierung: „Zitieren heißt hervorrufen und vernehmbar machen, was besagen will, dass die Toten nicht auch wörtlich tot sind. Zitieren heißt auch weiterführen.“ (S. 244)

Es gehört zu dieser Art der ästhetischen Organisation, dass der Autor auch sich selbst zitierend weiterführt: „Manche Aphorismen dieses Buches“, schreibt er, „standen schon einmal, in einem anderen Zusammenhang, zwischen anderen zwei Deckeln, auf ihrem verloren scheinenden Posten.“ – Was verloren ist, findet,  jedenfalls nach Hegelscher Lesart , seinen „Niederschlag“ in der Form: Die aphoristische Isolation und die musikalisch-montagehaften Kombination mit Zitaten verweisen auf das „verlorene Thema“  von Scheinhellig.

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Der Romancier Dan Tsalka hat auf Benyoëtz‘ halachische Gabe des Zitierens hingewiesen, die ihm auch einen Satz von Montaigne lesen lasse, wie man ihn noch nie gelesen habe. Er könnte, so Tsalka, wie Walter Benjamin in seinem Passagenwerk, der mit einem ähnlichen melancholischen Wortgedächtnis geschlagen, also gesegnet war, auch ein Buch nur aus Zitaten schreiben.

Wie Benjamin ist Benyoëtz bei alldem alles andere als ein Gesinnungsautor: Er kann beim Wort im Satz verweilen, ohne bei jeder Wahrnehmung einer Person, einer Aussage, einer Empfindung oder einer luziden Eingebung des Augenblicks, sofort zu exzessiven weltanschaulichen Deutungen und salbadernden Überhöhungen ausholen müsste, wie dies auf dem Feld der christlichen Homiletik und ihrer Literatur allzu oft begegnet. Sein Gespür für die Stelle, an der ein Satz, eine Wahrnehmung keine weitere Ausführung erlaubt, ist bereits in den 1970er Jahren zum Kennzeichen des Autors geworden.

Dabei ist die Allgemeine Geschichte bis in ihre sprachliche Verschalung überdeutlich: In der symbolischen Kultur des Deutschen erscheint das Jüdische etwa bei Heinrich Heine als sinnlich bis zur hedonistischen Ekstase, dann wieder wie bei Karl Kraus als strengstes Sprachgericht, mal sprachverlegen, dann wieder bilderreich, Punkt für Punkt im Gegensatz zu einer deutschen Mentalität, der das Authentische und Identische als höchste Werte gelten. Das ist umso bemerkenswerter, weil sich diese Konstellation von ästhetischer Ekstase im Widerstreit mit politischer Moral heute selten mehr in Werken zeigt, sondern sich in Schwundstufen eines Habitus von zwiespältigen Menschen allgemein niederschlägt, denen Benyoëtz eine Sprache gibt.

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Was das spezifisch Poetische angeht, ist es die lyrische Verdichtung, selbst im Anekdotischen oder im wörtlichen Wahrnehmen von Personen und kulturellen Differenzen und ihren tiefgestaffelten Traditionen, die mir literarisch nun schon seit 22 Jahren besonders zusagt: Benyoëtz schreibt – mit einer glücklichen Formel des Romanisten Werner Helmich – erbaulich, ohne trivial zu sein. So entgehen sie aber auch jener zweiten, von Lukács profilierten Gefahr der „Desillusionsromantik“, der „Selbstauflösung der Form in einen trostlosen Pessimismus“ oder, gattungsspefizifischer, in der entlarvenden Haltung nach dem Muster, das Karl Kraus mit seinen Aphorismen Sprüche und Widersprüche gibt. Adorno wird diese Scheu vor dem abgegriffenen Wort von seinem Lehrer Kraus erben, sich eine Lehre vom richtigen Leben versagen, und stattdessen nur noch Minima Moralia formulieren, deren fragmentierte Form aber doch den Gedanken an die Wahrheit wachhält. In dieser Tradition formuliert Gert Mattenklott 1968 in Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang:

„Ergriffen und furios bewegt von der geschichtlichen Möglichkeit, redet die Avantgarde oft in der Form ekstatisch und leidenschaftlich in der Sprache der Körper, aber illusionslos und resigniert dem literarischen Wortsinn nach.“

Auf ähnliche Weise ist, wie man weiß, Kohelet, der Hamlet der Bibel, für Benyoëtz der wichtigste Ansprechpartner: Auch er leidenschaftlich dem Hier und Jetzt verpflichtet, auch wenn seine Worte nach ihrem positiven Sinn illusionslos und resigniert sind. So schaffen sie sich ihren übersinnlichen Leib:

„‚Durch tiefes Denken‘ – sagt Hippel – ‚gewöhnen wir unsere Seele zu einer Art Existenz außerhalb des Körpers.‘“ (S. 27)