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Eine Reise in die Ruinen der Vergangenheit. Arthur Holitschers und Frans Masereels Denkbild „Der Narrenbaedeker. Aufzeichnungen aus Paris und London“ von 1925

2. Januar 2015

Der folgende PFD-link enthält meinen Essay zu Arthur Holitschers und Frans Masereels Denkbild „Der Narrenbaedker“ von 1925: Narrenbaedeker

„Bilder wahren und erträumten Lebens“… im Rückspiegel

Aus der Verfälschung jeder Materie durch jedes Ausdrucksmittel entsteht die Form.

Georg Lukács: Nachruf auf Leó Popper

Mein Essay über Arthur Holitschers Parisbild von 1925 entstand 1999, also vor etwa 16 Jahren. Es war für mich eine Art Abschiedsveranstaltung vor einer ungewissen Zukunft. Das allein erklärt mir aber nicht meine seinerzeit wenig gebremste Faszination für diesen Autor, für den „seltenen Fall eines Menschen“, bei dem, wie Gert Mattenklott einmal schrieb, „das Vorurteil stets zugunsten des Fremden  ausschlägt.“ Nicht nur aus meinen damaligen Forschungen zum Parisbild seit 1789 kann ich dies immer noch mit Sympathie bestätigen.

Was aber hat mich damals daran fasziniert? Und: Hat sich die Faszination bewährt, mich zu weiterer, mitteilenswerter Reflexion angehalten? Und ob! Denn Holitscher hat aus einer Not eine Tugend gemacht. Es ist vielleicht kaum zu entscheiden, für mich auch unerheblich, ob er an alten poetischen Formen wie dem Künstlerroman gescheitert war oder sich in ihnen nicht mehr finden konnte.

Entscheidend ist, daß Holitscher aus der Not eine Tugend machte. Sie bestand darin, sich in der Lebens- und Kunstform des Reisens neu erfunden zu haben. Ich nehme an, daß dies einem unerlösten Drang nach Zugehörigkeit entsprach, einem Drang, in dem unerfüllte politische und erotische Sehnsüchte zusammenkamen. Er habe, so bilanziert in seinem Buch Drei Monate in Sowjet-Rußland von 1921, „eine Religion“ gesucht – und „eine Partei“ gefunden.

Diese Einschätzung mag seine produktive Naivität und Kindlichkeit erklären, die Mattenklott betont hat. Mir scheint aber, dies erklärt nicht ganz seinen Erfolg in diesem Genre der Reiseliteratur. Denn sie war nicht nur für ihn stets ein symbolischer Aufbruch in Lebensstil-Projekte und immer neue Bewunderungen und Enttäuschungen. Sein erstes Reisebuch, Amerika heute und morgen von 1912, hatte ihn auf einen Schlag bekannt gemacht. Da war er 43 Jahre alt. Das Amerika-Buch erlebt bis 1923 14 Auflagen. Es wird zur Blaupause engagierter Reiseliteratur der 1920er Jahre. Viele seiner Zeitgenossen müssen sich also in seiner Reise-Literatur wieder erkannt haben, und einige , die heute als Schriftsteller berühmter sind als er, zeugten emphatisch für ihn, so Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Erich Mühsam, Robert Musil oder Else Lasker-Schüler.

Holitscher wollte nach eigenem Bekunden seine literarisch anspruchsvollen Reiseberichte als Zeitbilder, daß Amerika-Buch als das „erste in deutscher Sprache geschriebene Buch“ verstanden wissen, „das eine Reise vom sozialistischen Standpunkt geschildert hat“. Ein Dauerkontrakt mit dem Verleger Samuel Fischer hatte es Holitscher ermöglicht, 1911 und 1912 acht Monate lang die USA zu bereisen, später unter anderem auch das zionistische Palästina, Sowjet-Rußland und Ghandis Indien.

Zweifellos war er mit dieser Disposition ein Getriebener, ein Gefährdeter, der des dauernden Ausbruchs bedurfte, um sich zu spüren. Else Lasker-Schüler schätzte ihn dafür. In der Welt-Bühne widmete sie ihm 1920 ein lyrisches Portrait:

„… Er landet jäh! Oft weltenüberdrüssig;

Den treuesten Freund trift dann sein Speer.

Immer aber voll Bewunderung

Raunen Menschen wie Wälder um ihm…“

Es sind Baudelaires „Wälder von Symbolen“, die „mit vertrauten Blicken ihn befragen“:

» L‘ homme y passe à travers des forts de symboles

Qui l’observent avec des regards familiers. «

Charles Baudelaire, Les fleurs du mal et autres poèmes, Paris 1964, S. 39

Die Affinität Holitschers zu Baudelaire war prägend. 1904 hat er ihm eine biographische Schrift gewidmet,  wie sonst nur dem Anarchisten Ravachol (1925), letztere nach seiner Enttäuschung über die Partei-Bürokratie in der Sowjetunion. Anarchie erschien ihm ebenso natürlich als Trieb und als Rettung, dies 1925, als der Narrenbaedker, seine Vision eines neuen Weltkriegs  erschien. Die Parallele zwischen beiden Büchern über Baudelaire und Ravachol liegt in einer Witterung für die Nivellierung der Wahrnehmung im Prozess des Fortschritts und der übermächtigen, manchmal auch terroristischen Staats-Gewalt, auf die Ravachol mit seinen Bomben-Attentaten antwortete. Auch im Sozialismus als einer „kleinbürgerlichen Ideologie“ und im Partei-Kommunismus Moskaus sieht er eine „Autorität der Organisation“ walten, in der er Gewalt gegen die „ewige Revolte des Menschengeschlechtes“ erkennt.

Die Taten Ravachols sind für Holitscher „Verzweiflungsakte“, Baudelaire aber hat aus seiner Sicht eine neue Sprache für die Spaltung der Identität in Mensch und Zugehörigkeit gefunden, ein Thema, das nicht nur vermeintliche und wirkliche Utopisten bis heute besorgt, sondern die abendländische Philosophie, von Aristoteles „Nikomachischer Ethik“ bis hin zu Giorgio Agambens „Homo sacer“.

Holitscher bedurfte Baudelaires schon früh, und seine Formensprache war ihm bis zuletzt ein Trost. Als Motto seines Baudelaire-Portraits wählt er Verse aus dem Épigraphe pour un livre condamné der Fleurs du mal:

„Ame curieuse qui souffres

Et vas cherchant ton paradis,

Plains-moi!… sinon, je te maudis!“

(Sehnsüchtige Seele, die Du leidest,

und die Du Dein Paradies suchst,

Beklage mich… Sonst verfluch‘ ich Dich!)

Mit diesen Versen endet das Gedicht, das von Anfang den Leser anspricht, in einer Weise, die bis in die vergangenen Jahrzehnte den tiefen Bruch zwischen den modernen Dichtern und der Bourgeoisie markieren konnte.

Über „den tiefen Reiz der Petits poèmes on prose“ schreibt Holitscher:

„Bilder wahren und erträumten Lebens sind hier mit der ganzen Wucht des Realisten geschaut und durch einen gesteigerten rhythmischen und musikalischen Ausdruck emporgehoben zu einer Art inneren Plastik, die das Gegenständliche aufhebt und dafür die seelische Quintessenz vermittelt.“

Zweifellos hat sich Holitscher an der Baudelairschen Allegorie geschult. Doch erst in seinen Reisebildern wird er für sich eine gültige „Verbindung wahren und erträumten Lebens“ finden. Für solche Formen ist die Unterscheidung von Tatsachenbericht und Fiktion müßig.

Holitscher zeigte sich mir in seiner Schreibweise als ein Symbolist und Denkbild-Autor, ein gefallenes Bürgerkind, der die ihm unerreichbare poletarische Kultur und Literatur bewunderte. Vor allem ist er der Fall eines Autors, der erst gut, teilweise unerreichbar gut wird, wenn er das Projekt aufgibt, mithilfe ersehnter Meisterschaft in gegebenen Formen, die Zeichen der Zeit deuten zu wollen, und sich stattdessen den aktuellen Tendenzen hingibt, die ihn bewegen, und das heißt auch, ihn auf eine unverwechselbare Weise zum Reisenden und zugleich zum Autor machen.

Else Lasker-Schüler erfaßt den versteckten sozialen Sinn von Holitschers Reiseliteratur in jenen Versen, mit denen ihr Holitscher-Gedicht schließt:

„Ein Dichter, der dem mühselig Beladenen

Den reichen Inhalt seines Lebens reicht.“

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