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Mein neues Buch ist erschienen

16. November 2017

 

Mein drittes Buch ist im Wuppertaler NordparkVerlag erschienen:

 

 

Christoph Grubitz: Dasein ist hiersinnig. Über Elazar Benyoëtz. Mit einem Titelbild von Metavel, einem Vorwort von Werner Helmich und einer Briefauswahl. NordPark Verlag – Die Besonderen Hefte.  Heftbroschur mit Schutzumschlag. 128 Seiten, 2017, handgeheftet, EUR 10.50. ISBN 978-3-943940-38-1

 

»In Christoph Grubitz hat Elazar Benyoëtz einen Interpreten gefunden, der den hohen Ansprüchen der Gattung und des Autors gerecht wird. Man darf folglich auch gewiß sein, bei der Lektüre und Betrachtung dieses Gegenstands ein Stück mehr von der Sprache, von der Welt zu verstehen
Harald Weinrich

»Um so viele Dinge erkennen und in oft unerwarteten Kontexten präsentieren zu können, muss man wie Christoph Grubitz viel gelesen haben und wie er den Werken zugleich mit Wohlwollen und kritischem Abstand begegnen.«
Werner Helmich

 

Das Vorwort schrieb der Romanist Werner Helmich, einer der international profiliertesten Kenner der romanischen wie der deutschsprachigen Aphoristik. Er hat unter anderem ein Standardwerk zur Poetik und Geschichte des französischen Aphorismus (Der moderne französische Aphorismus, Innovation und Gattungsreflexion, Niemeyer / de Gruyter) verfasst und sich in den vergangenen 10 Jahren wiederholt auch in Reden und Schriften mit entsprechend weitem Horizont zum Werk von Benyoëtz geäußert.

Mein Buch erscheint in der bibliophilen Reihe Die Besonderen Hefte des Wuppertaler NordPark Verlags. Verleger Alfred Miersch setzt sie von Hand, druckt sie in kleinen Auflagen auf dem chlor-, säurefreien und alterungsbeständigen Geese Werkdruckpapier Alster. Die Bücher sind handgefalzt und per Hand fadengeheftet und in feines Geese-Vorsatzpapier PASSAT eingeschlagen.

Das Buch kann ab sofort bestellt werden beim NordPark Verlag:

NordPark Verlag Klingelholl 53 42281 Wuppertal
Telefon: 0202 – 51 10 89 Fax: 0202 – 29 88 959
E-Mail: miersch@nordpark-verlag.de 
http://www.nordpark-verlag.de 

 

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Ein Jude in deutschen Briefen. Bei Gelegenheit einer Auswahl aus dem Briefwechsel von Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

Rezension von 2007 zu: Die Rede geht im Schweigen vor Anker. Aphorismen & Briefe. Herausgegeben von Friedemann Spicker. Brockmeyer Verlag 2007. 9,90 Euro
„Am liebsten würde ich Ihnen die Abschriften der zahllosen Briefe schicken, die ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe -: alle diese Briefe waren richtig, alle Adressaten waren falsch, bis auf Sie, Hans Mayer und einen Jugendfreund aus der Schillergasse in Czernowitz.

Ich bin ebenfalls – wörtlich, lieber Alfred Margul-Sperber!- der, den es nicht gibt.“

Brief Paul Celans an Alfred Margul-Sperber

Im besonderen Fall dieses Buchs – Die Rede geht im Schweigen vor Anker – verhält es sich anders. Es ist Zeugnis einer solidarischen Beziehung eines Autors und eines Interpreten, die zunächst nur zwei Dinge verbinden: Eine kleine Leserschaft und die Leidenschaft für den poetischen Aphorismus.

Anlaß des Buchs ist eine Lesung und Ausstellung in Wuppertal im Mai 2007 aus Anlaß des Geburtstags von Benyoëtz. Wer das nicht weiß, wird aus der Einführung Friedemann Spickers leider nicht erfahren, warum hier so viele unterschiedliche Materialien versammelt sind. Allein der linksbündige Flatterrand dieser zweispaltigen Einführung ist ein Layout-Fehler. Medien-Profis waren hier nicht am Werk. Liebhaber durchaus, und das zählt für mich im Zweifel mehr. Die dreiseitige Einführung verrät allein den Kenner des deutschen Aphorismus, der Spicker ist, wenig über den Inhalt des Buchs.

Dem Briefwechsel beigefügt sind erstmals veröffentlichte lyrisch-aphoristische Dichtungen (S. 7-30), eine Auswahl von Briefen des Autors aus den 1960er Jahren (S. 30-63), der Zeit als er von West-Berlin aus eine Dokumentation der jüdischen Literatur deutscher Sprache eine bebilderte Dokumentation der Ausstellung von Benyoëtz’ Frau Métavel (bürgerlich: Renée Koppel, S. 64-68), sowie erstmals eine Auswahl des Briefwechsels von Benyoëtz mit einem seiner Interpreten (S. 69-105), Briefe.

Die Briefpartner

Benyoëtz gilt als der einzige zeitgenössische internationale anerkannte Aphoristiker deutscher Sprache, dazu als Lyriker und als Schöpfer einer eigenständigen Erinnerungsprosa in Zitat-Montagen; Friedemann Spicker als der Historiker und Archivar der deutschen Aphoristik.

Beides, deutsch und Aphorismus, stimmt – und stimmt nicht. Was die Gattung angeht, sagt es Spicker selbst:

„Die Aphorismen von EB haben mit solchen Texten nur den Namen gemeinsam.“

Spicker ist publizistisch mit der deutschsprachigen Aphoristik vertraut wie kein anderer. Dies seit 30 Jahren – und längst wie kein anderer. Gerade diese Spezialisierung ermöglicht in diesem Fall einen Briefwechsel, der eine sehr feine, sehr lehrreiche poetologische Auseinandersetzung bezeugt. In den ausgewählten Briefen geht es vordergründig um den deutschsprachigen Aphoristiker und seinen Interpreten.

Der Herausgeber kann nach eigenen Angaben seine Bekanntschaft mit dem Werk des Autors bis 1976 zurückverfolgen. Der Briefwechsel begann 1997, im Zusammenhang mit einem publizistischen Projekt Spickers, einer sehr verdienstvollen Anthologie mit dem Titel Aphorismen der Weltliteratur, die bei Reclam erschien. Es wird eine wechselseitige Prüfung von Manuskripten verabredet, deren briefliche Zeugnisse von einer klaren Unterscheidung von persönlicher Wertschätzung und Lust an der kritischen Abwägung gekennzeichnet sind.

Zahlreiche Briefe kreisen um die anspruchsvolle Poetik von Benyoëtz’ Werk und die bescheidenden Markt-Chancen anspruchsvoller Literatur.

Hier will ich mich das briefliche Gespräch des Autors mit seinem Interpreten zum Anlaß einiger Überlegungen über die Rolle des Epistographen Benyoëtz in einer Zeit einzunehmen, in der gelehrte und persönliche Briefe einem längst todgesagten Park gleichen. Und eine Quelle für das, ich hier das Gesellschaftliche am Leben des Geists und der Poesie nennen möchte.

„Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung“

Das zeigen nicht nur die wochenlangen Lesereisen, die den Autor jedes Jahr ein- bis zweimal durch Deutschland führen. Aufwand und Ergebnis stehen oft in keinem Verhältnis. So auch bei einer gewiss liebevoll von Spicker in einer Kölner Buchhandlung vermittelten Lesung in 2000. Benyoëtz antwortet seinem treuen Leser nach seiner Rückkehr nach Jerusalem am 21.11.:

„Es schmerzte Sie, dass ich sagte, „Köln ist nicht meine Stadt“: dass sie es an jedem Abend nicht war, haben wir doch gesehen. Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung. (…)

Köln aber ist für mich die verbotene deutsche Erde, die ich – dafür noch und noch gestraft – 1963 zum ersten Mal betreten habe. Der Wendepunkt. Und nun war’s meine erste Lesung in Köln. Sie können sich die Erwartung vielleicht denken. Und es sah ja vielversprechend aus. Nun aber sind Sie in Köln und insofern ist Köln meine Stadt, auch gibt es eine Buchhändlerin da, die nun eine Ahnung mehr von mir hat.

Es liegt nicht am ‚Professionellen’, sondern einzig am Feuer, das mein Wort entzündet oder nicht. Wer feuerdicht ist, der schafft auch beim besten Willen keine ansehnliche Lesung. Das ist die Regel, die ich bestätigen kann.“ (S. 79f.)

Bei aller Sprachkunst: Benyoëtz ist alles andere als ein Bewohner des apollinisch eingefriedeten Sonderbezirks einer im Deutschen fast ausgestorbenen Kunstform.

Ernster als Kunst

Spicker andererseits hat, abgesehen von der klassisch-romantischen und der klassisch-modernen Aphoristik, sehr viel auf und noch viel mehr unter dem Durchschnitt lesen müssen. So ist er gewohnt, Aphorismus für Aphorismus, statt einer Dichtung in ihren leichten und schweren Partien, den Wechsel der sprachlichen Gesten und unterschiedlichen Tonfällen zwischen der deutschen und der jüdischen Sprachkultur zu lesen. Schließlich gilt nach Rabbi Hillel, wer den Talmud interpretiert, solle mit dem Leichteren beginnen und zwischen ihm und dem Schweren variieren. Auch diese Haltung gehört ganz bewusst zum Habitus des Autors Benyoëtz, der dem gebildeten Leser Spicker erläutert:

„Freilich, ich muss Ihnen genügen können, doch ebenso jungen Menschen, die noch gar nicht wissen können, was ein Aphorismus vermag, und die zunächst nur einem Wink folgen, einem angeschlagen Ton, einer Stimme, der sie sich anvertrauen. Auch wenn meine Bücher immer nur von wenigen Dingen sprechen, die mir wichtig sind, schreibe ich jedes für sich, als wärs ein Buch fürs Leben, ein Ganzes (in der Ahnung oder im Abglanz) enthaltend, ein Buch vom Menschen. So hoch ich meine Kunst auch schätze, dies nehme ich ernster.“ (S. 82)

So antwortet Benyoëtz am 26.6.2001 auf einen Einwand des gebildeten Lesers Spickers, es gebe einige leichte Partien und Spielformen in seinen Montage:

„(…) es gilt nach wie vor: streng bleiben und streng sieben. In der Ausgabe letzter Hand fallen dann die letzten Schlacken ab, jetzt müssen einige bleiben, weil ein Leser es nicht mag, so ganz streng in die Zucht genommen zu werden; er verliert die Lust am Lesen, wenn ihm überall nur Bärenernst begegnet. Das ist der Grund, weswegen ich in jedes Buch einige Kalauer aufnehme, Wortspiele, Spielereien, auch harmlose Sprachwitze, die ich einzeln nicht verteidigen könnte. Sie gereichen mir alle nicht zur Ehre, aber sie lockern auf. In gleicher Absicht nehme ich auch ‚Didaktisches’ und ‚Eindimensionales’ auf, es sind – nicht Erbaulichkeiten, aber Zusprüche, Regeln und Verhaltensweisen, die man leicht vergisst und umso leichter übergeht. Wo soll man sie aber sonst finden?
Benyoëtz, Epistograph

Gemessen an seiner Bedeutung, fällt mir als Seitenstück zu seinen Briefen in der deutschen Literatur nach 1933 allenfalls der Komponist, Literat und Universalgelehrte und Wanderer Jürgen von der Wense ein. Auf ganz andere und für die deutsche Sprachkultur bezeichnende Weise geht er ab 1933 als Solitär in meist wohl unbeantworteten Briefen auf. Wenn Wense nicht an den Entwürfen seiner Werke saß, in der Göttinger Bibliothek Kuriosa sammelte oder wanderte, dann schrieb er Briefe. Bis zu 30 Seiten pro Tag, am Ende seines Lebens waren es ca. 40.000 Seiten. In ihnen beschreibt er, wie sein Werk hätte aussehen können, wenn es ihm nicht so gleichgültig gewesen wäre. So wirft er ein Licht auf den politischen Zerfall einer sozialen Seite des Geists. Für sich hat dieser hoch musikalische und genuin poetische Aristokrat eine Möglichkeit gefunden, diesen Zerfall als Gewinn zu leben: Durch eine, an Rudolf Borchardt erinnernde, Überhöhung von Kulturlandschaften zwischen Nordhessen und Südhessen, die er erwanderte, und in Gestalt einer exzentrisch-enzyklopädischen Bildungswut. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod (1966) wird dieses Werk allmählich in gediegenen Ausgaben einem kleinen Publikum zugänglich gemacht.

Auch Benyoëtz’ eminenter Briefwechsel war lange so gut wie unbekannt, es ist auch in Publikationen über ihn meist getrennt von seinem publizierten aphoristischen Werk betrachtet worden. Inzwischen wird bereits nach und nach und publiziert. Kostenlos verfügbar ist die online-Edition des Brenner-Archivs der Universität Innsbruck.

Bereits 1989 erschien Benyoëtz’ Briefwechsel mit Clara von Bodman unter dem poetischen Titel „Solange wie das eingehaltene Licht“, 1994 folgte als Anhang der Druckfassung meiner Dissertation eine Auswahl von Briefen des Autors, die zwischen 1988 und 1992 entstanden sind und mich mal in der Bundesrepublik, der französischen Schweiz und im Negev erreichten. Sie wirkten auf meinen Stil prägend, für den Stil meines Lebensstils als Anker, vor den die Rede gelegentlich geht, um Erholung zu finden. An solche Konstellationen denke ich beim Titel des geschmackvollen Buchs, das Spicker vorgelegt hat.

Auszüge aus seinen Briefen der Jahre an mich finden sich im Anhang meines Buchs Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Mit einem Geleitwort von Harald Weinrich (Niemeyer 1994), weitere an diverse Adressaten sind Teil seiner Zitat-Montagen seit Treffpunkt Scheideweg (1990). Mittlerweile werden solche Briefe in Forschung und Kritik als Quellen und von einigen auch als Leseanweisungen zitiert und interpretiert.

Ein Jude in seinen deutschen Briefen

Dort wurde der Brief als Form der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis entdeckt. Als Formen moralischer Selbstbegegnung knüpft sein kaum übersehbarer deutschsprachiger Briefwechsel in deutscher Sprache an die jüdische Tradition der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an, wie sie Gert Mattenklott in seinem Buch Über Juden in Deutschland (Jüdischer Verlag 1992) vorstellt.

Kennzeichen der von Mattenklott vorgestellten Briefliteratur von Juden, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft, Gelehrtheit und Welthaltigkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichens Verhaltens als besonders erfindungsreich. Für Benyoëtz trifft das jedenfalls zu. Als Aphoristiker und Lyriker hat er den besonders im deutschen Sprachraum vereinsamten Ton der Klassischen Moderne weiterentwickelt, als Epistograph deutscher Sprache – gegensinnig – die Tradition der Diaspora von Israel aus fort. Ein symbolischer Gegensinn, der sich in seinem (bereits publizierten) Brief vom 3.1.06 ausspricht:

Geändert hat sich die Gruppe der Adressaten gegenüber früheren Briefen. Nur in seltenen Ausnahmen sind es Juden in Deutschland oder die Nachfahren von Assimilierten, an die Benyoëtz sich in diesen Briefen adressiert. Auch bei den Ausnahmen, und auch, wo es um den Aphorismus geht, besteht die Gemeinsamkeit in der Einsamkeit, in der man einander, Briefe wechselnd, zusammen trifft.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens

Bei Gelegenheit Heines schreibt Adorno:

„Nur derjenige verfügt über Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Das gilt auch für Benyoëtz’ Sprache. Sie gehört zu seinem Habitus, der Kunst und Brief verbindet. Sein Deutsch trägt nicht nur in seinen poetischen Werken, sondern auch in seinen Briefen die Spuren der Avantgarden. Dies ist am Übergang von absoluter Dichtung zu artistischer Kunstprosa zu erkennen, die sein Werk kennzeichnet. Deutlich ist sie aber auch gezeichnet durch die Geschichte verratener Hoffnungen einzelner Juden im deutschen Sprachbezirk, die ohne seine Zitat-Kunst vergessen blieben. Es sind zugleich die verratenen Hoffungen von Juden im deutschen Sprachbezirk, sondern ein zunehmend globalisierter Aspekt der conditio humana: 40 Millionen Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft schätzt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Refugees – UNHCR) weltweit.

In Benyoëtz’ Dichtung wird auch deutlich, dass Deutsch eine historische Sprache der Dichtung und der Erkenntnis neben anderen ist – nein: gewesen ist, muss man sagen, denn Benyoëtz’ Sprache ist biblisch und symbolistisch zugleich. bleiben zugleich doch auch Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die von Kohelet über die europäische Aphoristik bis zur modernen Lyrik reicht. Er gehört zu den „schwierigen“, den „reinen“, auch die desillusionierten Poeten, die Dichter ohne Alternative. Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Exil, wenn auch nicht im gefährdeten Jerusalem, sondern wie Spicker im sicheren Köln oder ich im sicheren Berlin.

Benyoëtz begann als hebräischer Dichter, gründete in Berlin das Archiv Bibliographia Judaica, und wechselte nach Rückkehr nach Israel die Literatursprache. Der Wechsel der Literatursprache und der Wechsel zwischen sprachlicher und poetischer Umgebung ist zu einem unverzichtbaren Filter des sprachlichen Verhaltens und der Erkenntnis geworden. Was er dabei aufgegeben, abgewehrt oder auch überhöht sehen wollte, kann auch der beste Kenner nur ahnen. Auszeichnungen für sein eminentes deutschsprachiges Werk gibt es durchaus, so den Chamisso-Preis, den er 1987 durch die Bayerische Akademie der Künste erhielt, und den Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften 2002. Auch der Bundesverdienstorden fehlt nicht, sicher aber der Büchner-Preis, wenn nicht der Nobel-Preis. So stehen auch die bisher erwiesenen Auszeichnungen bis jetzt in keinem Verhältnis zu seinem internationalen Rang, den international angesehene Kenner wie Harald Weinrich schon in den 1980er Jahren ermessen haben.

Der Geist der Utopie glüht noch. Elazar Benyoëtz in seinem Briefwechsel

21. Dezember 2009

„Es ist eine Frage, die  Einsicht in die Bedingungen von Kunst in unserem Kulturkreis wie auch in die Gründe verspricht, aus denen zwittrige Formen, wie Brief und Essay, bis in unser Jahrhundert hinein eine besonders starke Prägung durch weibliche wie durch jüdische Autoren erfahren haben. Ausschluß ist einer der häufigsten Anlässe für bedeutende Briefwechsel auch im 20. Jahrhundert gewesen.“

Gert Mattenklott: Über Juden in Deutschland

Man kennt ihn als Nachfahren der großen Aphoristiker von Kohelet über Lichtenberg zu Karl Kraus immer besser. Der Briefschreiber Elazar Benyoëtz allerdings ist noch zu entdecken. Möglichkeit dazu bietet jetzt das im Brockmeyer-Verlag erscheinende Buch Vielzeitig. Briefe 1958-2007. Die Adressaten und Absender der hier ausgewählten 200 Briefe aus 49 Jahren sind zwischen 1872 (Margarethe Susman) und 1975 (René Dausner) geboren. Besonders dicht ist hier die Vor- und Frühgeschichte von Elazar Benyoëtz‘ Aufbauarbeit am Archiv Bibliographia Judaica in Westberlin (1964-1968) dokumentiert: Auf die zehn Jahre 1958 bis 1968 entfallen 79 Briefe.

„Wie der Aphorismus, [sic] ist auch der Brief eine totgesagte Gattung. Eine Auferstehung dieser Gattung, gelänge sie auch, wäre keine vollkommene, da ihr keine Grablegung vorausging.
Totgesagt, und auch dies eher stillschweigend – da wären Glaube und Hoffnung vertan, Verteidigungsversuche vergeblich.“
(Vielzeitig, S. 167, 13.12.1993 an Hilde Schultz-Baltensperger)

Der persönliche Brief, von dem hier die Rede ist, entstand im 18. Jahrhundert, als der private Bereich sich als Sonderbezirk vom Reich der öffentlichen Zwecke abzugrenzen begann. Die Bilanz scheint auf Enteignung und am Ende Entwertung des persönlichen Briefs zu deuten. Doch der Schein trügt: Sind doch die besten, auch erbaulichsten Briefe bei näherem Hinsehen durchweg lyrische Monologe und als Briefe vor allem darum abgefaßt, um die gesellschaftliche Resonanzlosigkeit emphatisch geäußerter Subjektivität hervortreten zu lassen.

Was aber bleibt, ist die Lizenz zum Beiläufigen, Inkonsequenten und Sprunghaften von Form und Thema, die von Anfang mit dem Programm einer statt am höfisch-barocken Ton am bürgerlich-empfindsamen Gespräch orientierten Gegenkultur verbunden war, programmatisch bei Johann Fürchtegott Gellert in seiner Mustersammlung Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen (1751).

Juden hatten bei alldem gewöhnlich andere Sorgen als den guten Geschmack. Ludwig Börne, einer der ersten deutschen Schriftsteller, der die Ansprüche des Gesellschaftlichen und Politischen an die Literatur gänzlich akzeptiert hat, schrieb Briefe aus Paris. Nach dem Grund gefragt, antwortet der jüdische Anwalt der deutschen Volkssouveränität: „weil ich die Freiheit mehr liebe als ihr“. Die geistige Habe ließ sich in Frankreich sicherer bewahren, und intellektuelle Ressourcen konnte man im Bündnis mit den aufgeklärten Kräften in Paris wirksamer aktivieren. Dagegen erschien den deutschen Nichtjuden unter den liberal-demokratischen Kräften des Vormärz die Aussicht auf das Exil durchweg wenig verlockend.

Für Benyoëtz stand vor dem Beginn des Briefwechsels in Jerusalem – vor rund 50 Jahren – ein „Lückenschmerz“, ausgelöst durch die Entdeckung von Margarete Susmans Aufsatz Kafka und das Hiobproblem, das ihm den Verlust der jüdischen Kultur in deutscher Sprache  schockartig offenbarte. Er beschreibt diese prophane Erleuchtung in Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche.

Als der junge vielversprechende hebräische Lyriker und Übersetzer 1962/63 über Wien in die Bundesrepublik kommt, um das Archiv Bibliographia Judaica aufzubauen, das den Beitrag von Juden zur deutschen Kultur festhalten soll, wirkt er zuallererst einmal unfreiwillig als politischer Randalierer in einem Abgrund von Schweigen. Gewiß, es gibt Adressen und Empfehlungen aus Israel und Spuren, die er wittert und verfolgen kann, sogar gelegentlich offene Türen. Aber diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik gibt es zu dieser Zeit noch nicht, und die Autoren, die er dem Bayerischen Schulbuchverlag empfiehlt, erscheinen diesem bedenklich, wenn nicht jugendgefährdend. Man erhält bei dieser Gelegenheit auch Einblicke in einen literarischen Kanon der Adenauer-Restauration und den Habitus ihrer Repräsentanten, der vielfach von bildungsbürgerlich-ästhetischen, politischen und – im Falle Hans Henny Jahnns – sexualpolitischen Ausschlüssen geprägt ist (S. 32f.).

Die Bundesrepublik erschien in diesen Jahren vor der Revolte großen Teilen ihrer nachwachsenden Intelligenz als ein „unbewohnbares Land“, wie noch heute einer ihrer literarischen Partisanen, Hans Magnus Enzensberger betont, der 1966  aus dem freieren Norwegen ins rebellische Westberlin kam.  Benyoëtz‘ poetische Begeisterung für die deutsche Literatur gilt insbesondere der expressionistischen Revolte, die in die Sprache verlegt ist. Auf die anarchische Provokation hin, so die Hoffnung, die sich mit einem solchen Impuls verbinden mag, bricht die entfremdete Seite der Gesellschaft auf. Damals treibt er Kurt Pinthus in New York auf, der über den Stand der Rezeption in der BRD und Westberlin und den Anteil der Juden an der Bewegung im Bild ist.

Die Aufmerksamkeit ist hier schon auf Formen und Haltungen im historischen Prozess gerichtet: Sie bilden ihn nicht nur ab, sondern gestalten  unter der Feder des selbstbeautragten Autors und Archäologen deutscher Judaica zugleich seinen Verlauf. Es sind die Briefpartner, die diesem Prozess seine Gesichter und Stimmen  geben. Hier läßt sich also die Eigendynamik kumulierender Begegnungen und Lektürefrüchte nachvollziehen. Insgesamt aber hat der von Benyoëtz in den 1970er Jahren vollzogene Wechsel der Literatursprache vom Hebräischen ins Deutsche an einer kulturellen Unterscheidung teil, die Helmut Lethen ebenso witzig wie schlagend als Trennlinie zwischen Kälte- und Wärme-Metaphorikern charakterisiert (Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Weltkriegen, 1994): Benyoëtz‘ Feuer für Blochs Geist der Utopie glüht noch heute.

Die geistige Welt der Bundesrepublik begann seit den 1960er Jahren vereinzelt, langsam und gegen heftige Widerstände Trennungslinien und Zeitrechnungen anderer Ordnungen zu fordern und zu kanonisieren. Zu diesen neuen geistigen Ordnungen führen besonders die Kritik am traditionellen christlichen Antijudaismus und die Soziologie der Anti- und Philosemitismen. Dieser ideologiegeschichtliche Wandel, so sehr er zumeist zu begrüßen ist, berührt nicht die zahllosen Geschichten von Vertrauen und Verrat in den Beziehungen des gelebten Lebens. Für die formgeschichtliche Verfassung von Benyoëtz‘ Werk bilden sie eine wesentliche Voraussetzung.

Der Briefband Vielzeitig knüpft an das Ethos der reichen jüdische  Briefliteratur der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an. In der jüdischen Tradition gilt der Brief als Form moralischer Selbstbegegnung und der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis. Kennzeichen der jüdischen Briefliteratur, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft und Welthaltigkeit, Gelehrtheit und Erbaulichkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichen Verhaltens als besonders erfindungsreich. Das ist der Stoff, aus dem bei Benyoëtz dicke Brieffreundschaften entstehen – jedenfalls mit Menschen, die darauf ansprechbar sind.

Die ersten schließt er mit alten Damen: Margarethe Susman, Annette Kolb und Clara von Bodman. Vergeblich hatte er als kleiner Junge an der Küste Tel Avivs auf die Großmutter gewartet. Im Modell „alt schreibt sich mit jung“ erscheint dieser Briefwechsel als Medium, in dem Bündnisse geschmiedet werden, die der Überlieferung von bedrohtem oder verdrängtem Lebenswissen dienen. Auch diese Haltung begegnet schon bei den jüdischen Reformbestrebungen der 1920er Jahre in Deutschland: Gershom Scholem, Walter Benjamin, Martin Buber oder Franz Rosenzweig kommen nach dem Ersten Weltkrieg in ihrem Mißtrauen gegen die herrschende Jugendbewegung überein. Ihr Argwohn gilt einem Biologismus, der sich damals vordergründig im Kult um Jugend und Natur zeigt, heute in einem Fetischismus multimedialer Verfügbarkeit, Gentechnologie und Markt-Leistung.  Die hier angedeutete Entwertung von Leben und dann auch Lebenswissen scheint mir eine weitere formgeschichtliche Voraussetzung nicht allein dieses Briefwechsels zu markieren. Benyoëtz ist es um Aufwertung des Entwerteten oder von Entwertung Bedrohten zu tun, und damit auch um eine Aufwertung der immer wieder totgesagten Form des persönlichen Briefs, die doppelt – an Kunst und Leben – gebunden ist. Lapidar erklärt er in einem Brief über den Brief:

„Kein schriftliches Zeugnis vermag die Stimme eines Menschen getreulicher wiederzugeben als der Brief.“ (S. 168)

Hier wird deutlich, daß die weit verzweigten biographischen Netzwerke dieses Briefbands nicht allein dem gelebten Leben, sondern auch einer Poetik der Verkörperung angehören, wie man ihr mit ähnlichem Akzent auf der Stimme in der ästhetischen Moderne immer wieder begegnet, ob im Chor der Verwandelten aus Nietzsches Tragödienschrift, in den rituellen Lesungen des Georgekreises oder in Ernst Blochs Insistieren auf dem „Hellhören“ im Geist der Utopie:

„Mithin: das Hellsehen ist längst erloschen. Sollte aber nicht ein Hellhören, ein neues Sehen von innen im Anzug sein, das nun, wo die sichtbare Welt zu unkräftig geworden ist, den Geist zu halten, die hörbare Welt, die Zuflucht des Lichts, den Primat des Entbrennens statt des bisherigen Primats des Schauens herbeiruft, wann immer die Sprache in der Musik gekommen sein wird?“
(Ernst Bloch: Geist der Utopie, Berlin 1923, S. 193)

Solche Fragezeichen markieren Bruchstellen im Prozess der Aufklärung. Als Antwort auf solche Provokationen aus dem Geist fingierter Freiheit kehrt die Welt für gewöhnlich ihre entfremdeten Seiten hervor. Denn die Erprobung und Bewährung von Wahrnehmungen und Gestaltungsräumen gelten in bürgerlichen Verhältnissen als unverdientes Privileg, gleich ob solche Verhaltensweisen der Neugier folgen oder durch die jeweiligen Verhältnisse erzwungen sind.

So sind es durchweg minoritäre Erfahrungen, die sich mit zunehmendem Alter der Moderne dann doch als solche der Allgemeinen Geschichte erweisen. Hierher gehört auch der 2001 von der damaligen Heidelbergerin Studentin Claudia Welz temperamentvoll eingefädelte Briefaustausch von Benyoëtz mit Hilde Domin. In ihrem Brief vom 18.8.2001 blickt eine 92jährige Remigrantin auf ihr Leben zurück:
„Kinder, wir wagten es nicht, zur NS Zeit. Selbstmord, mit einem Kind? Also keines!“ (S. 216)

Was dann in diesen 50 Jahren Briefwechsel so oft in scheinbar spielerischer Weise und mit ästhetischem Genuß erprobt wird, dient dazu, den einzelnen mit dem anderen zu vermitteln, anstatt ihn von ihnen zu trennen. So ergibt sich eine Ahnung von einer unerledigten Aufgabe, dem langen Weg zu Bedingungen, unter denen Selbstverwirklichung für alle erst real würde. Wer diesen sozialen Sinn dieser Brief-Auswahl verfehlt, verfehlt auch den der Literatur und der Künste überhaupt: Gilt es doch, in einem Kunstwerk der Vergangenheit wie der Gegenwart das Versprechen des noch Ausstehenden zu entdecken.

Wer solche Briefe wechselt, arbeitet doppelt: an sich und am Text. Hier werden Rollen entworfen, verworfen und überholt, an Desillusionen gereifte Hoffnungen gehegt (allein dafür auch zahllose Klinken geputzt), gelegentlich Fenster und sogar Türen geöffnet. Eine Bewährung käme zustande, wenn das fertige Produkt wieder in den Lebenszusammenhang einbezogen wird, aus dem heraus es entstand. In gewisser Weise würde es dadurch noch einmal neu hervorgebracht: das Ergebnis in einen erneuerten Vorgang zurückgenommen und damit für das Leben erst gerechtfertigt.