Posts Tagged ‘Aphorismus’

Mein neues Buch ist erschienen

16. November 2017

 

Mein drittes Buch ist im Wuppertaler NordparkVerlag erschienen:

 

 

Christoph Grubitz: Dasein ist hiersinnig. Über Elazar Benyoëtz. Mit einem Titelbild von Metavel, einem Vorwort von Werner Helmich und einer Briefauswahl. NordPark Verlag – Die Besonderen Hefte.  Heftbroschur mit Schutzumschlag. 128 Seiten, 2017, handgeheftet, EUR 10.50. ISBN 978-3-943940-38-1

»In Christoph Grubitz hat Elazar Benyoëtz einen Interpreten gefunden, der den hohen Ansprüchen der Gattung und des Autors gerecht wird. Man darf folglich auch gewiß sein, bei der Lektüre und Betrachtung dieses Gegenstands ein Stück mehr von der Sprache, von der Welt zu verstehen
Harald Weinrich

»Um so viele Dinge erkennen und in oft unerwarteten Kontexten präsentieren zu können, muss man wie Christoph Grubitz viel gelesen haben und wie er den Werken zugleich mit Wohlwollen und kritischem Abstand begegnen.«
Werner Helmich

Das Vorwort schrieb der Romanist Werner Helmich, einer der international profiliertesten Kenner der romanischen wie der deutschsprachigen Aphoristik. Er hat unter anderem ein Standardwerk zur Poetik und Geschichte des französischen Aphorismus (Der moderne französische Aphorismus, Innovation und Gattungsreflexion, Niemeyer) verfasst und sich in den vergangenen 10 Jahren wiederholt auch in Reden und Schriften mit entsprechend weitem Horizont zum Werk von Benyoëtz geäußert.

Mein Buch erscheint in der bibliophilen Reihe Die Besonderen Hefte des Wuppertaler NordPark Verlags. Verleger Alfred Miersch setzt sie von Hand, druckt sie in kleinen Auflagen auf dem chlor-, säurefreien und alterungsbeständigen Geese Werkdruckpapier Alster. Die Bücher sind handgefalzt und per Hand fadengeheftet und in feines Geese-Vorsatzpapier PASSAT eingeschlagen.

Die Verlagsanzeige finden sie hier.

Das Buch kann ab sofort bestellt werden beim NordPark Verlag:

NordPark Verlag Klingelholl 53 42281 Wuppertal
Telefon: 0202 – 51 10 89 Fax: 0202 – 29 88 959
E-Mail: miersch@nordpark-verlag.de 
http://www.nordpark-verlag.de 

 

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„Am Baum der Sprache lehnten wir und lehnten uns auf“ – Elazar Benyoëtz schreibt ein kurzes Buch über den Menschen und erinnert sich an seinen Freund, den Philosophen Ulrich Sonnemann

28. Dezember 2016

Elazar Benyoëtz: Was nicht zündet, leuchtet nicht ein. Ein Büchlein vom Menschen und seiner Ausgesprochenheit. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Andreas Steffens. NordPark Verlag Wuppertal 2016.

Zeugnis einer Freundschaft

Das neue Buch von Benyoëtz spricht vom großen gemeinsamen Thema zwischen ihm und seinem 1993 verstorbenen Freund, dem Philosophen Ulrich Sonnemann (1912-93). Was beiden seit ihrer ersten Begegnung in einem Münchner Kaffeehaus gemeinsam war, schreibt Benyoëtz:

„Am Baum der Sprache lehnten wir

und lehnten uns auf –

gegen alles, was das Sagen, ohne uns,

haben wollte“ (51)

So sind beider Werke auf unterschiedliche Weise Verweigerung und Antwort auf gesellschaftliche Zwänge zugleich.

Sonnemanns Hauptwerk von 1969 heißt Negative Anthropologie. Wie in Adornos Negativer Dialektik sollten hier die positiven Bilder vom Menschen und seiner Geschichte angegriffen werden, die den Menschen zum Objekt machen, auch wenn sie im Namen einer organisierten „Freiheit“ entworfen werden.

Unter dem identischen Titel Was nicht zündet, leuchtet nicht ein… erschien 1992 Benyoëtz‘ 15seitiger Beitrag zur Festschrift für Ulrich Sonnemann (Spontaneität und Prozess. Zur Gegenwärtigkeit Kritischer Theorie“, hrsg. Von Sabine Gürtler).

Aus 15 Seiten wurden 90, und auch die Textur hat sich erheblich verändert. Übernahmen aus dem Text von damals sind selten und gehen in neuer Umgebung andere Bezüge ein, in denen sich Nuancen und Facetten einer 26 Jahre währenden Freundschaft spiegeln. Hier soll es allein um dieses Buch gehen, denn zur dieser Freundschaft habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Das Buch lässt sich auch als Zeugnis eines ungemein produktiven und hoch aktuellen Dialogs zwischen Sonnemann als einem assimilierten Juden und einem Zeugen des Scheiterns der bürgerlichen Aufklärung und Benyoëtz als einem traditionellen Juden auffassen. Universell daran sind die Lehren von zwei Menschen, die Erfahrungen mit dem Unmenschlichen gemacht haben.

Benyoëtz und Sonnemann hatten nach ihrer Vertreibung bereits hebräisch und englisch publiziert, bevor sie ins Deutsche zurückkehrten. Als sie sich 1967 in München begegneten, herrschten in der Bundesrepublik noch Schulen der Sprachlosigkeit, um mit einem damaligen Titel Sonnenmanns über den Deutsch-Unterricht zu reden.

„Das Eigentliche im Menschen ist ausstehend“

Benyoëtz, Sonnemann und Steffens reden von dem, was die Menschen jenseits der trostlosen biologischen und ökonomischen Daten verbindet, mit der man uns heute erklären will, was der Mensch ist. „Das Eigentliche im Menschen wie in der Welt“, schreibt Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung, ist „ausstehend, wartend, steht in der Furcht, vereitelt zu werden, steht in der Hoffnung, zu gelingen.“

In erweiterter Fassung sollte das Büchlein vom Menschen mit einem Nachwort von Sonnemann erscheinen. Sein Tod kam dazwischen. Der Herausgeber Andreas Steffens, Freund und Schüler Sonnemanns, vermittelte die Publikation und hat sie mit einem Nachwort versehen. Nachwort ist fast zu wenig, handelt es sich doch um einen literarisch-philosophisch anspruchsvollen Essay von 20 Druckseiten.

Steffens ist ein publizistisch erfahrener Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur. Er hat einige Jahre in Paris gelebt, ist viel zwischen den Künsten unterwegs, und entwickelt als philosophischer Schriftsteller mit gelungenen aphoristisch-essayistischen Formversuchen selbständig und immer wieder kunstbegeistert und kunsterfrischt die Kritische Theorie und anderes fort.

Zünden und leuchten

Der Titel ist bei Benyoëtz immer schon ein Beispiel seiner poetischen Verfahren. In typischer Weise spricht er die Bildphantasie und zugleich die Klangphantasie an, um auf der sprachlichen Ebene einen Eindruck davon zu geben, wovon abstrakt die Rede ist. „Zünden“ und „leuchten“ sind stehende Metapher, die hier  als Selbstexemplifizierungen darauf verweisen, dass die Klang- und Bildphantasie angesprochen wird. Hinzu kommen die offenen, nebenordnenden Formen: Parataxis, Aphorismus und Zitat-Montage.

Zum l’art pour l’art neigt Benyoëtz bei alledem genauso wenig wie Sonnemann dazu neigte. Sprach-Artistik zielt bei beiden Autoren sowohl auf Einsicht als auch auf Handeln. „Leuchten“ verweist auf das Leitmotiv der Aufklärung, Lumière, Enlightenment. In diesem Bildfeld sind die Anthropologie des Philosophen Sonnemann und der Beginn der Genesis verbunden.

Wie geht das zusammen? 50 Jahre publiziert Benyoëtz nach Anfängen als hebräischer Lyriker nun in seiner zweiten Literatursprache, im Deutschen. Auch diese Sprache ist ihm ein Musik-Instrument, und das Gesprochene ein Lehrstück, bei dem man etwas über sich erfährt, was man vorher nicht wissen und anders nicht erfahren kann. Das heißt auch, ein sprachliches Kunstwerk ist bei ihm, wie jedes sprachliche Kunststück, auf Vorschein und Trug abgeklopft:

„Die Sinne lasen sich gern täuschen:

Das ist ihr Spiel,

nicht ihr Ernst“ (S. 20)

„Die heiklen Stellen in religiösen Texten

überwindet man am ehesten singend“ (64)

Dass alles stimmen müsse,

ist ein musikalischer Trugschluss“ (80)

 

Immer enthält das Schöne nach dem herrschenden westlichen Kulturverständnis das Versprechen des Wahren und auch noch des Guten. Aber auch die Möglichkeit der Täuschung. Die hebräische Bibel, aus der Benyoëtz kommt, hat diese Art einer sprachbezogenen Kritik der Erkenntnis schon in sich, indem sie fordert, den Namen des Herren nicht dauernd im Munde zu führen, etwa um etwas Ausgedachtes zu beglaubigen oder eine Handlung zu rechtfertigen.

Wie passt das zu zwei so sprachsinnlichen Autoren wie Benyoëtz und Sonnemann? Ihnen geht es gar nicht um Askese und Verbote, sondern um eine Reifung in der Wahrnehmung und in der Wirkung der ästhetischen Mittel.

Bei Sonnemann ist diese Haltung übertragen auf Bilder vom Menschen und seiner Geschichte. Benyoëtz erklärt daraus einen Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Weltauffassung:

„Umsonst versucht ein Jude,

Gott sich einzubilden

Dem Juden ward Gott eingeredet,

dem Christen eingebildet“ (S. 66)

Das Wort ist im Judentum das Medium, in dem der anfangs so skeptischen Moses die Offenbarung als ein Versprechen und einen Vertrag empfangen hatte. Aus dieser Ambivalenz gewinnt Benyoëtz, hier in der Tradition der aufklärerischen Sprachkritik von Seume bis Karl Kraus und Adorno, auch eindimensionalen deutschen Redensarten einen Witz ab:

„Vertrauen ist unglaubwürdig,

muss darum geschenkt werden.“ (S. 58)

Früher hatte er geraten, Vertrauen doch lieber „wie Verdacht zu schöpfen“.

Ausgesprochen

Im Untertitel wird eine Erwartung in Bedeutung entzogen, wiederum, um die lautliche und bildliche Einbildungskraft anzustoßen. Man mag über das Wort „Ausgesprochenheit“ stolpern. Man soll es auch. Als Adverb kann sich „ausgesprochen“ mit Vielem verbinden. Ausgesprochenheit aber, als Substantiv, ist ein Neologismus, wie er früher in der Fachsprache der Ontologen vorkam, der Philosophen, die es mit dem Sein und seinen Eigenschaften hatten. Vom Wortspiel zur Ontologie – für diese stilistischen Überraschungen ist Benyoëtz immer gut.

Es lässt sich zum Beispiel auf das Zeugnishafte von Benyoëtz‘ Aphorismen und Zitaten beziehen, die wieder als Teile einer Montage aufeinander bezogen sind.

Spricht ein traditioneller Jude vom „Wort“, ist damit immer auch Offenbarung, Beziehung und Beratung der mosaischen Gesetze gemeint. Das „Wort“ ist, mit Sonnemann zu reden, bei Benyoëtz „Ziel wie Anfang von Praxis“.

Hinzu kommt: Für Juden ist die Schrift, und dazu zählt auch die weltliche Literatur, nach Heinrich Heine ihr „portatives Vaterland“. So ist für Benyoëtz umgekehrt auch der Glaube „die Poesie der Religion“ (S. 63).

Umgekehrt erkannte Sonnemann in der Form des Aphorismus bei Benyoëtz den „Widerstand“ gegen die Welt des bürgerlichen Westens, die auch ihre Sprache und mit ihr die zwischenmenschlichen Beziehungen dem „Tauschprinzip“ unterworfen hat:

„Um ihn (diesen Widerstand) sich leisten zu können, muss ein Gedanke auf seine Selbstkommentierung verzichten, was wieder voraussetzt, dass er sich mit einem fugenlos in der Erinnerung bleibenden, in ihr nachhallenden Wort seinen Leib gewinnt: diesen bestimmten, unaustauschbaren, keinen von mehreren möglichen.“

Die gescheiterte Aufklärung

Benyoëtz greift Sonnemanns Gedanken der Negation in den Formen des Aphorismus und der Zitat-Montage auf. Er bestimmt seine Haltung zur Aufklärung auch selbst:

„Das Gebrechen der Aufklärung –

Ihre Übereinstimmung

Mit der Natur des Menschen.

Man kann den Menschen

Über das Böse aufklären,

nicht über das Gute“ (66)

„Aufklärung findet immer im Dunkeln statt, darum kann auch der Antisemitismus mit aufklärerischer Gebärde auftreten“ (33)

Es ist ein Denken, das aus dem Scheitern der bürgerlichen Aufklärung erwächst wie eine zarte Pflanze. Was dann als virtuose Sprachbeherrschung erscheinen mag, ist dem Könner, der sein Wort verantwortet, eine Qual. Denn was beweist die formale Meisterschaft für sich, wenn mit Formen und Höflichkeitsdichtung schon so viel gelogen, wenn mit Gedichten schon jedes Unrecht gerechtfertigt werden sollte?

Benyoëtz zitiert den formbewussten und zugleich immens welthaltigen Paul Valéry:

„… und dann endlich an die Form denken,

dieses gräßliche, endlose Geschäft.“ (S. 42)

„Scheitern, scheitern, besser Scheitern“

Auch die Rolle des Kunstschaffenden bleibt von diesen Haltungen nicht ausgeschlossen. Der Aphoristiker gilt in seiner starken deutschen Tradition als Verkünder von großen Worten. Heute reproduzieren sie sich in Form von Kalendersprüchen.

Benyoëtz‘ Eigenart, nicht nur offenlassend, sondern ohne Punkte zu schreiben, lässt jede Premiere und auch jede Wiederholung eines Einsatzes in neuer Montage-Umgebung als weitere Probe erscheinen. „Scheitern, scheitern, besser Scheitern“, heißt es nach Samuel Beckett bei George Tabori oder Peter Zadek, die Premieren ebenso als weitere Proben genommen haben.

Entsprechend bezieht sich Sonnemann 1977 in einer Rezension zu Benyoëtz‘ Aphorismen-Sammlung Worthaltung auf wesentliche Leitmotive von Benyoëtz‘ Werk, die auch hier wiederkehren. Benyoëtz unterscheidet, ähnlich wie Ernst Bloch, enttäuschbare Hoffnung von Erwartung (S. 54).

Im Büchlein vom Menschen ist der biblische Pakt, ist die Offenbarung als ein Vertrag stets mitgedacht.

 „Eine Welt bracht zusammen“ –

Es war nur ein Wort,

das gebrochen wurde (69)

Sonnemann nennt den hohen Stellenwert, den der traditionelle Jude Benyoëtz auch in einigen Aphorismen-Reihen des Büchleins Menschen dem Zweifel beimisst:

„Wenn seinen Glauben etwas vor Krisen rettet, wie Europa sie kennt, ist es dessen eigenes Kritisches, „Das Geglaubte“, lautet eine Sentenz, bleibt nicht aus, es ist das Ausbleibende.“

(Glückserfahrung einer Wortwerdung. Frankfurter Rundschau vom 2.7.1977)

In Benyoëtz‘ neuem Buch findet sich unter anderem ein Aphorismus hineinmontiert, den Sonnemann 1977 in einer Rezension kommentiert hatte. Der Aphorismus lautet:

„Alle Siege werden davongetragen“ (60)

Sonnemann schrieb damals luzide:

„Viel zu entschieden erscheint diese Aphoristikerexistenz selbst schon in Sprache verwandelt – ihre Bewegung und ihre Unüberschreitbarkeit –, um als gelinde Gegenwart irgendetwas davon anstatt heimzutragen; und wären es Siege.

Daher bleiben auch keine Besiegten zurück, geschweige Rollenträger für metaphysische Niederlagen (…)“

So bleibt Benyoëtz nie stehen, er war nie da zu finden, wo man ihn erwartet hätte. Ich hatte ihn durch eine frühere Aphorismen-Sammlung (Vielleicht  – Vielschwer) im Ramsch einer Berner Buchhandlung 1987 entdeckt. Nun ist er schon lange ohne festen Verlag, publizierte aber innerhalb eines Jahres fünf Bücher in fünf Verlagen, die jetzt innerhalb von zwei Jahren erschienen sind. „Scheitern, scheitern, bessern Scheitern“ sagt mir umso mehr das Fehlen der Schlusspunkte. In seinen Worten:

„Der Aphorismus wiegt immer so viel wie der Punkt, auf den er zustrebt.

Dank diesem erscheint der Gedanke zwar gut aufgehoben, doch kann er sich von ihm nicht mehr abheben. Er wollte den Rahmen sprengen, nun muss er im Bilde bleiben: ein schnaufender Mitläufer des Punktes, auf den er hinaus wollte“ (21)

Offene und geschlossene Formen

Die deutsche Literatur hat sich lange, und zum Teil bis heute, daran gewöhnt, eine Art moralische Belehrung zu geben. Und das Kunstpublikum hat sich kniend, in andächtiger Verehrung geübt und gelernt, blind zu rechtfertigen, was in klassisch gerundeter Form auftritt.

Benyoëtz misstraut dem vermeintlich Schönen, Reinen, Ausgewogenen wie dem glatten Zusammenhang, er zieht der makellosen Komposition die Montage vor, sofern es sich, um eine Unordnung von hoher Qualität handelt.

Der jüdische Witz

Und seine Lehre:

Perfekt ist inhuman und kunstwidrig“ (S. 76)

Wie auf andere Weise bei Sonnemann ist jeder seiner Einsätze ein Versuch, manchmal eine verzweifelte Aktion, um etwas über unser Leben zu sagen und sprachlich sedimentierte Denkgewohnheiten offenzulegen, die auch Handlungsmuster sind. Er fragt: Was macht Menschen glücklich und was tut Menschen weh. Und das heißt, dass man in der Literatur der Wollust, der Sucht und auch der Grausamkeit nicht ausweichen kann, weil man nicht lügen darf, wenn man die Frage stellt: Was ist der Mensch?

„Erschließung des Humanen aus seiner realen Verleugnung und Abwesenheit.“

Ich hatte diese Formel Sonnemanns aus seiner Negativen Anthropologie im Manuskript meiner Dissertation zitiert, am Ende eines Kapitels. Der Satz gab mir eine Sprache für meine Traurigkeit, meine Wut, auch meine Verzweiflung und auch meinen Hass. Nur hatte ich all das durch einen anschließenden Kommentar wieder zurückgenommen, erschrocken und akademisch damals allzu routiniert.

Elazar schrieb mir damals dazu: Wenn das Kapitel mit dem Zitat offen enden würde, „Würdest Du einen Schriftstellerkuss von mir bekommen.“ Mir wurde bewusst, dass ich meine Emotionen unbewusst zensiert hatte. Das lernt man so von anderen Lehrern, die bald schon Gutachter sind.

Benyoëtz tut nicht so, als werde das Alter, und hier nun die Erinnerung an einen Freund, wettgemacht durch Gelassenheit, Übersicht, Reife:

„Alle Ängste kann man miteinander teilen,

die Todesangst ausgenommen“ (82)

Benyoëtz‘ Aphoristik, durchsetzt mit Zitaten, auch erfundenen, verhält sich dann zum gerundeten Text wie eine Boulevard-Revue Peter Zadeks mit Fleisch und Blut zur anämischen Deklamation eines klassischen Dramas mit motorisch gestörten Darstellern des bürgerlichen Sprech-Theaters.

Die Spannung, das Zersetzende, das Collagierende, das Offene – Benyoëtz‘ Inszenierungen bleiben offen zum Leben. Sie haben immer Lücken, wo etwas herein- und herausschlüpfen kann, wo man sich etwas denken kann – oder auch nicht. Als briefliche Aufmunterung und Selbst-Aufmunterung von ihm: „Die Wahrheit ist ja immer nur eine Stilübung.“

Als Leser habe ich diese Einstellung immer als für mich „realistisch“ geschätzt, und dafür bis auf Flaubert, den offiziellen Realismus gern hergegeben, schon bevor ich Benyoëtz vor fast 30 Jahren entdeckte. Als Autor habe ich auf Quereinstiegen, auf unverbundenen Fragmenten und offenen Schlüssen bestanden, auch wenn das nicht immer im Sinne von Gutachtern, Kollegen oder Verlags-Agenten war, die das Geschlossene liebten. Das mag an der Schule liegen. Für Sonnemann waren deutsche Schulen, auch aus diesem Grund, „Schulen der Sprachlosigkeit“. Man kann sich unterschiedlich dazu verhalten, ohne sich aufzugeben. Adornitische Hypotaxen, wie ich sie seit meiner Schulzeit kannte, gaben mir eine Möglichkeit, Benyoëtz eine andere. Und sie wurde später für mich immer überzeugender.

„Ulrich meinte“, schreibt Benyoëtz über Sonnemann, „ein Satz könne nie trefflich genug sein; alle Trefflichkeiten gehören gleichsam in die Verschachtelung des eines Satzes hinein.

Einem deutschen Schöpfergott würde nicht einfallen: Es werde Licht! zu sagen.

Das Wort, das am hebräisch geschriebenen Anfang stand, war schon ein vollkommener Satz.

Ulrich nahm den Satz als Schule des Atmens und des Denkens zugleich.

Der Satz sollte nicht allein die Lehre enthalten, sondern auch die ganze, durchlaufene Schule.“ (50)

Damit spricht Benyoëtz  auch von der Gefahr eines solchen Werks, das sich so imponierend über den Durchschnitt deutscher Geistesverwaltung erhebt: Die Selbstversenkung in eine Lehre, die zugleich auch Schule sein will, kann, wenn sie Sache einer Minderheit bleibt, zu einem Mysterienspiel Eingeweihter werden und schnell der Vergessenheit anheim fallen. Sonnemann hatte durchaus ein weites Netzwerk, wie die Namen der Teilnehmer der Festschrift zeigen, in der Benyoëtz die erste kurze Fassung des Büchleins vom Menschen publizierte.

Umso mehr verdient Sonnemanns Werk neuerliche Überprüfung und Deutung. Die offene, poetische Form, das sagt Andreas Steffens in seinem Nachwort, legt uns dies nahe. In einer „mit abgedruckten Notiz“ zum Buch bemerkt Benyoëtz, er sei dankbar über die Möglichkeit gewesen, an die Freundschaft zu Sonnemann und die gemeinsame Sache zu erinnern. Er habe aber auch gezögert, weil er sich die neue „Lesergeneration“, die Steffens im Sinn hat, erst vorstellen musste:

„musste ich mir doch ein Bild von einer Idee machen, mir also etwas vom Kommenden einbilden.“ (91)

„Wir wurzeln im Traum…“

Benyoëtz ist ein Mensch, der einen sehen und auch hören will, egal, ob einer einen Zugang zu seinen Texten hat, ob er ein Leser oder ein professioneller Leser ist: „Rede, dass ich dich sehe!“ Das Verbildete ist ihm so suspekt wie dem Regisseur Peter Zadek ein fertiger Schauspieler war, der von seiner gelernten Gestik und Mimik lebt, es verlernt hat, normal zu gehen, und es gewohnt ist, von Regisseuren seine Rolle qua Dienst-Anweisung oder Belehrung erklärt zu  bekommen.

Man kann aus Benyoëtz‘ Aphoristik lernen, wie man einen Satz gliedert, wann man Tempo steigert oder vermindert, wie man einen Sound macht, die Stimme und den Stil in einen melodischen oder rätselhaften Ton überführt.  Es gibt aber auch Wirkungen, die sich unabhängig von Intentionen erst durch die Stimme dessen einstellen, der den Text spricht. Wenn wir uns treffen, lässt er mich ihm aus seinen Manuskripte hersagen, die er später lesen wird. Manchmal fragt er : „Hast Du ein Fragezeichen gelesen?“ – „Ja.“ – Nach zwei Sekunden folgt ein nachdenklich-entschlossenes „Guut“, dann gleich ein „weiter…“

Durch solche Einwürfe kommt man oft besser an Bereiche heran, die noch nicht zur Sprache gekommen sind, sei es, weil sie kaum bewusst oder auch sonst nicht erwünscht und vielfach ab-erzogen sind. Bei Proust schenkt die Phase des Erwachens mit seinen Übergängen von Laut und Bild in Bedeutung und syntaktische Ordnung der Welt eine Verbindung zur verschütteten Welt der Erinnerungen und Hoffnungen. Aus dieser Sphäre der mémoire involontaire kommen Benyoëtz‘ Sequenzen wie diese:

„Am ersten Phantasiebild

Befestigt sich die Erinnerung.“ (41)

„Wir wurzeln im Traum,

wachsen in die Wirklichkeit,

verästeln uns in der

Erinnerung“ (10)

„Von der dunklen Ahnung bis zum hellsten Wahnsinn“. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ (Verlag Hentrich & Hentrich)

11. Dezember 2015

„Damit aber aus einem Gefühl Form werde, muß es lange in den Menschen leben“

Georg Lukács: Geschichte des modernen Dramas (1911)

Vor über 10 Jahren begann Elazar, immer wieder seufzend „sein letztes Buch“ anzukündigen. Es sind jene Momente, die jeder Autor kennt: Wenn das Adrenalin des Flows plötzlich leer läuft, wenn das Buch auf den Markt kommt und der Autor auf einer oft über zwei Monate zerrissenen Lesereise hinterher. Irgendwann erwiderte ich gespielt ungerührt: „Schon wieder?“ Er lachte sein ausgelassenstes Lachen, das ich immer mithöre beim Lesen, weil es Lebensmut versprüht.

Über 50 Bücher hat er seit 1969 im Deutschen veröffentlicht, in den vergangenen Wochen allein vier.

Wir kennen einander nun seit 1987, da war Benyoëtz so jung wie ich heute alt bin. Es wurde seither ein immer mal durch Widrigkeiten unterbrochenes, dann wieder in Schüben sich steigerndes Gespräch über Formen, allmählich auch ein Gespräch in Formen. Denn ich war lange in einem inneren Konflikt mit der den Sprachen der akademische Bildung und des Journalismus, die mich vor geraumer Zeit entließen, zu meiner Erleichterung.

„Ich bin, der ich nicht bin“

Im Frühjahr 1987 entdeckte ich seine Aphorismen-Sammlung Vielleicht – Vielschwer, im Ramsch einer Buchhandlung in Bern. Viel Leichtes und viel Schweres war auch da schon drin. Das Leichte schätze ich in der artistischen Prosa wie in der symbolistischen Lyrik. Etwas anderes kam hinzu. Sofort zog es mich hinein in die dezent-raffinierte Sillage jener neomysthischen Sachlichkeits-Emphase hinein, die vom frühen Lukács, von Bloch, von Georg Simmel und anderen her bekannt ist.

Sie und einige andere schrieben zwischen 1915 und 1930  artistische Prosa, von der Giorgio Agamben in den Denkbildern seiner Idea della Prosa sagt, sie hätten die „letzte gültige Bestimmung unserer Stimmungen und Gefühle“ geliefert. Ohne es mir bewußt machen zu können, hielt ich diese Sillage für verweht und auch nicht für erneuerbar, bis ich auf Benyoëtz stieß.

Er selbst schreibt dazu:

„Ich bin, der ich nicht bin:

Ein deutscher Jude

Und dies vor hundert Jahren“ (S. 37)

Das alles ist höre ich mit, wenn er in seinem neuen Buch „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ rückblickend anhebt:

 „Der Schlussstrich wird in die Länge gezogen,

über Jahre“ (S. 7)

Stille Selbstironie, im Nachsatz: „… über Jahre.“ So sardonisch und zugleich leicht sprach er schon damals über die ersten und die letzten Dinge – und alles, was dazwischen liegt.

Anders könnten, nach dem strengen Hofmannsthal, die „schweren Dinge“ des Lebens in der leichten Dichtung nur leben „als eine Kuh in den Wipfeln der Bäume.“

Wird im Titel des Buchs – „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ – die chronologische Reihenfolge artistisch verdreht, so wird sie hier hinausschoben. Eminente Dichtung, stellt der Linguist und Literaturwissenschaftler Roman Jakobson fest, läßt uns eine „Unterbrechung der natürlichen Zeit“ erleben. Und die ist gnadenlos: „Time waits für no one“.

Damit sich das dann so federnd und leicht anhört, wie es sich anhört, müssen die Bild- und Klangbeziehungen stimmen, muß das Wort im Satz sitzen. „Silbe um Silbe wahrgenommen“, wie er selbst im Zentrum des Buchs (S. 34) schreibt.

Das Nacheinander der Zeit, das nach den bürgerlichen Lebensläufen und dem Begriff des linearen Fortschritt sich ausrichtet, gilt nicht für die Dichtung, besonders nicht für den Aphorismus in Benyoëtz‘ Silbenmusik mit ihren Präludien, ihrem jähen Auf- und Untertauchen von Motiven und ihren Akkorden.

Streichsatz

Tom Waits macht aus alltäglichen Gesprächsfetzen Songs. Das Unvollständige ist dann ein Reizmittel der künstlerischen Einbildungskraft. Ein Aphoristiker geht den umgekehrten Weg: Er nimmt formelhafte Denkgewohnheiten auseinander, Benyoëtz tut es „Silbe für Silbe“. Das Redigieren ist in diesem Prozess vom Schreiben vielfach nicht zu trennen. Poetisch an Aphorismen sind gerade leere Zeilen. Und die gibt es bei Benyoëtz besonders oft. Mit einem Minimum von sprachlichen Zeichen sollen, so will es eine aphoristische Tradition, ganze Bücher überflüssig gemacht werden. Eindeutiges und Widerspruchsfreies findet man dann nicht – aber gezielt gesetzte Anstöße für den Leser. Selbstredend ist das das Ergebnis von Entscheidungen, wie der Autor witzig erklärt:

„Ich liebe das Streichen,

es holt mich ins Wort,

ich werde nicht müd‘“ (S. 26)

Nicht genug damit, diesem modernen Til Eulenspiegel sind Fehler gerade recht, weil sie ihn zu dieser seiner Lieblingsbeschäftigung anhalten:

„Keine Fehler, die ich gern aufgäbe.

Während ich nach ihnen fahnde,

bessern sich meine Gedanken,

das Krumme wird gerade, das Falsche zurechtgebogen.

Wie auf höheres Geheiß finden sich neue Fehler bei mir ein,

verdrießlich, ersprießlich“

„In die Leere sprechen“

Ähnlichkeiten im Klang von Silben, paradoxe  Zuspitzung und Mehrdeutigkeit eröffnen dann die poetische Kommunikation:

„In die Leere sprechen ist raumfüllend, erbauend, konkret. Das erste ‚es werde!‘ offenbarte die Leere als seine Voraussetzung. Der Gedanke trägt Licht in die Endlichkeit, die Dichtung malt sie aus“ (S. 38)

Typischerweise und selbstverständlich kommt bei Benyoëtz an solchen, für die Poetik und Semiotik entscheidenden, Stellen, ein biblischer Bezug hinein. Ich bin konfessionslos, im Sinne Voltaires in politischen Dingen Atheist, in anderen Deist. Der Bezug zur hebräischen Bibel bei Benyoëtz kommt mir aber keineswegs so exotisch oder gar kunstfremd und peinlich vor, wie ich es bei Reaktionen von westlichen Menschen, auch bei assimilierten Juden, erlebe.

Es erlaubt bei näherem Hinsehen auch wenig Anknüpfungspunkte für katholische Theologen, die über ihn schreiben oder vortragen. Für mich hat sich die Vermutung bestätigt, daß eine Konfession im christlichen Sinn bestenfalls eine entfremdete Form von Kunst oder ästhetischer Weltauffassung ist, zumal wenn sie als universitäre Wissenschaft auftritt. Das Christentum, das sich heute den Künsten, auch Benyoëtz zu öffnen vorgibt, bezieht sich vielfach nur auf das wenige Eigene im Fremden, und nennt seine Haltung dann tolerant und allumfassend.

 „Von der dunklen Ahnung bis zum hellsten Wahnsinn“

Hartnäckig hält sich das Gerücht, daß Poesie die Wirklichkeit abbilde, Ausdruck von etwas sei (was ebenso gut anders gesagt werden könnte) oder die Offenbarung eines Genies sei. Ausgeblendet wird die Frage, wer hier zu wem spricht.

Wer Benyoëtz‘ Dichtung hoch schätzt und sie mit Argumenten vertritt, wird nicht unter den hohen Kunstanspruch gehen dürfen, den Hofmannsthal 1896 in seinem Essay Poesie und Leben gegen das mangelnde Kunstbewußtsein seiner Gegenwart richtete:

„Man hat den Begriff der Dichtung erniedrigt zu dem eines verzierten Bekenntnisses.“

Nun gibt es bei Benyoëtz zweifellos Bekenntnisse, aber sie betreffen nichts im Sinne von Konfession, sondern bezeugen Solidarität zum vermeintlich Abwegigen, Stigmatisierten, Vergessenen, Übersehenen oder Unterbewerteten.

In seinem neuen Buch ist zunehmend vom Gebet die Rede. Was er „Gebet“ nennt, beginnt mit dem Hinweis auf Grenzerfahrungen:

„vom Seufzer bis zum Aufatmen,

von der dunklen Ahnung

bis zum hellsten Wahnsinn

(…)

Auch Denken läuft aufs Beten hinaus“ (S. 64)

„Es wäre nicht falsch, nur zu billig“, sagt er, dies alles auf den Begriff des Gebets zu bringen.

Gelegentlich und sogar phasenweise streut er in seinem Werk kunstvoll verdichtete Kommentare zu Stellen der Bibel ein: den Bußspalm 51,17, dann das Opfer Isaaks. Wenn er dabei an einigen wenigen Stellen auch das hebräische Original neben die deutsche Übersetzung setzt, kann es einem vorkommen wie bei Miles Davis, der mit dem Rücken zum Publikum spielt: Eine Verdeutlichung des Fremden, der Situation, in der ein israelischer Autor aus bekannten Gründen zu einem deutschen Publikum spricht. Benyoëtz möchte mit seiner Identität als traditioneller Jude und Zionist wahrgenommen werden. Er will es dabei, wie er immer wieder betont, „nicht besser, aber anders wissen“.

Nach menschlichem Ermessen geht es an den Stellen, die Benyoëtz zitiert, wie so oft in der Tora, um Ereignisse, die uns unverständlich, ja sogar ungerecht sind. Es wäre eine Verhöhnung der Geschlagenen, für solche Ereignisse immer noch den „lieben Gott“ verantwortlich zu machen. Ermutigen kann Benyoëtz wie kein Zweiter, wenn es um Scheitern und Mißlingen, um menschliches Handeln geht. Hier aber verbietet sich ihm das:

Abraham anzuzweifeln ist kurzsichtig,

Gott zu rechtfertigen – scheukläppisch (S. 25).

Er schließt daraus:

„Alles Göttliche ist nicht Gott

Alles Ähnliche ist ein Vergleichnis“ (S. 27)

Es sind solche Einsichten der Bibel, die ihn im Judentum „die älteste Erinnerung an Gott“ sehen lassen.

Zu wem spricht Benyoëtz‘ Dichtung?

Ich höre gelegentlich den Einwand, Benyoëtz‘ Dichtung sei „zu religiös“. Dann müßte man die wertvollsten Werke der Moderne als „nicht-diskursfähig“, wie man heute vornehm zu sagen pflegt, streichen. Gesellschaftlich ist der Umgang mit Kunst heute größtenteils auf einsame Lektüre oder die eingeschränkte Öffentlichkeit von Leser-Kreisen eingeschränkt. Von Teilhabern der sogenannten „social communities“, wird eine solche Rechtfertigung nicht verlangt. Denn die Maske der Neugier ist neutral. Hinter ihr können sich geschäftliche Interessen und krypto-religiöse wie para-erotische Wünsche verbergen, Provinzialität kann im globalen Dorf als Ausweis praktischer Intelligenz oder Weltoffenheit erscheinen.

Nun hat bereits die Klassische Moderne eine immer wieder überraschende Produktivität im Rückbezug auf verdrängte und damit ästhetisch unverbrauchte archaische Phänomene entwickelt, die als gegen-aufklärerisch gelten. Aus Protest geht sie dann sogar vielfach hinter das Christentum und sogar hinter den Monotheismus zurück in animistische Lehren. Es wäre nicht schwer, die Belege zu anthologisieren. Ich denke an Satanistisches bei Baudelaire, an die Berufung auf Sprach-Magie bei Karl Kraus, an den „Dämons der Analogie“, dem Stéphane Mallarmé begegnete und dergleichen mehr. Stravinskys Sacre du printemps, Richard Strauss’ Salomé wären Beispiele aus dem neo-sakralen Musiktheater; in der bildenden Kunst wäre beispielhaft zu erinnern an die bewußte Regression zu primitiven Farb- und Formensprachen als Verweigerung der klassizistischen imitatio naturae bei Kandinsky und den Expressionisten, um beinahe willkürlich einige Namen und Stichworte für zahllose denkbare herauszugreifen.

Wenn sich die modernen Künste vor 100 Jahren mit einer lange angestauten produktiven Energie auf solche Traditionen zurückbesinnen, so tun sie dies nicht etwa, weil ihnen der Sinn nach einer Regression stünde, oder weil sie übertriebene Sympathien für vor- oder gegenaufklärerische Kulturkritik hätten.

Ist der Mensch dadurch gekennzeichnet, daß er das Andere seiner selbst, nämlich das Unmenschliche denken und praktizieren kann, so verdunkelt sich in der antiklassizistischen Moderne auch vielfach der monotheistische Gott.

In den Jahren, als Gershom die Kabbala neu entdeckte, übersetzte Ernst Müller den Sohar des 13. Jahrhunderts aus dem Aramäischen ins Deutsche (1932). Die biblische und talmudische Überlieferung wird hier angesichts der immer neuen Erfahrung der Verfolgung im Exil neu ausgelegt. Die Schechina (hebr.: שְׁכיִנָה), die „Einwohnung“ Gottes in der Welt, vollzieht sich demnach in einem Akt der Selbstverfinsterung, ja in radikalen Versionen dieser Lehre nur im Moment der eigenen Abwesenheit. Hier auch findet sich eine neo-gnostische Auffassung, die besagt, daß Mann und Frau, Gut und Böse, Hell und Dunkel, Tag und Nach gleichen Ursprungs sind.

Es ist die Freiheit, die sich öffnet, wenn man bereit ist, Kants Einsicht aus der Vorrede der 2. Auflage zur Kritik der reinen Vernunft zu verantworten: „Die Vernunft erkennt nur, was sie selbst entwirft.“ Sie tut dies sprachgebunden, wie uns die spätere Theorie der Erkenntnis zeigt: nach dem Vergleich Wittgensteins wie eine Fliege, die sich auf Nahrungssuche in eine Flasche verirrt hat, und nicht mehr aus ihr herausfindet. Paul Valéry spricht zur gleichen Zeit als Schüler Mallarmés und als Aphoristiker in seinen cahiers vorwiegend epistemologisch vom „Bau des Bibers“ in uns.

Als „Geistersprache“ hat Heinz Schlaffer in seinem gleichnamigen Buch die Vorgeschichte der Lyrik in unserem Sinne erklärt: Einst diente der Anrufung der Götter, dem Erntedank oder dem Liebeszauber.  Zwar sind diese Zwecke der Lyrik verblaßt, aber ihre Mittel wirken nach, indem sie durch ihre besondere Sprache und ihre eigentümliche formale Ordnung den Leser an seine Grenzen stoßen, ja ihn über sie hinaus führen können:

„Der Archaismus des Gedichts fördert und erfüllt das Verlangen zu denken, zu fühlen, zu sagen, wofür die Pragmatik und die Logik des aufgeklärten Zeitalters keine Worte mehr haben.“

Interdit d’interdire d‘interdire. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Auch Kürze hat ihre Maßlosigkeit“ (Brockmeyer-Verlag)

22. November 2015

Das wirklich Soziale aber in der Literatur ist: die Form.

Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie

Als ich vor bald 25 Jahren eine Zeit lang vor dem Abschluß meiner Dissertation steckte, änderte Elazar sein Konzept. Keine Aphorismen-Sammlungen mehr, sondern Zitat-Montagen. Mein Thema zerlief mir zwischen den Händen. Mit einem der üblichen akademischen Taschenspieler-Tricks kriegte ich die Kurve: Der gattungstheoretische Ansatz mußte nur leicht Richtung Textlinguistik verschoben werden.

Langweilig wurde es nie. Eben noch meinte ich, der ihn mehr als 25 Jahre kennt und über ihn vor über 20 Jahren das erste Buch geschrieben hat, er habe sich vom deutschsprachigen Aphorismus verabschiedet und wird vielleicht doch wieder Hebräisch schreiben. So schien es vor einigen Jahren, er sprach davon, sich aus der deutschen Literatur zu verabschieden, dem Hebräischen noch etwas schuldig zu sein.

Interdit d’interdire

Nun kommt er wieder mit vier Büchern auf einen Schlag, eins davon erschien im Brockmeyer-Verlag und bietet Aphorismen über den Aphorismen, über die Poesie, über das Jüdische im Deutschen.

In seinen Worten:

„Man kann sagen, was man will:

nicht weniger“ (S. 37)

Er wird immer durch seine Haltung sagen, was im Pariser Mai 68 auf den Häuserwänden zu lesen war: „Il est interdit d’interdire.“ Es ist verboten, zu verbieten. Überflüssig zu sagen, daß die christliche Religion mit Verboten wie üblich an der Macht kräftig beteiligt war. Hier gibt es gar nichts zu vermissen.

Damals war das eine geistreiche Reaktion auf die vielen Verbotsschilder, die die alte Gesellschaft Westeuropas aufgestellt hatte. Und sie entsprach der frechen literarischen Tradition des Aufstands gegen die Religion im französischen Hochmittelalter und der Renaissance: Dem Roman de Renard und Rabelais Gargantua und Pantagruel.

Aber wir sind an einem anderen Punkt. Längst hat auch Daniel Cohn-Bendit 2007 zu einer neuen Debatte über 68 gesagt: „Interdit d’interdire d’interdire.“ – Auch das Verbot, Verbote zu verbieten, ist im 21. Jahrhundert verboten, das heißt: nichts ist unbesehen legitimer als Verbote selbst.

Der Aphoristiker Benyoëtz gibt in seinen bisher rund 50 Büchern Zeugnis davon. Und er erwartet dies auch im Umgang mit Menschen. Das heißt: Habe den Mut, Deine Gedanken in Deinen Worten freizusprechen, Irrtum in Kauf nehmen, und dann wieder gegen Dich zu denken, insofern bereit sein, Dir zu widersprechen.

So bleibt es spannend. Er ist vom Sternzeichen „Widder“, schreibt er in einer seiner charmanten Selbstreflexionen im Buch (S. 55). Das kenne ich von Haus aus. Mein Vater war Widder, ein Draufgänger in anderer Richtung. Widder sind Menschen, die ihre Hörner behalten, auch wenn die deutsche Redensart es will, daß sie abgestoßen werden. Die Hörner sind, wie wir von Gustav Mahler und Adorno wissen, das Beste am Menschen.

Leere Zeilen

Menschen, die wenig schreiben, fürchten, wenn sie etwas zu schreiben haben, leere Zeilen. Ebenso Auftrags-Schreiber, die leergeschrieben sind. Beim Aphoristiker verhält es sich umgekehrt. Wie der Rhetor in Kunstpausen seine Botschaften verstärkt oder sogar transportiert, so der Aphoristiker durchweg in den leeren Zeilen und auch in den Lücken der Wörter und selbst an den unsichtbaren Grenzen der Morpheme.

Das ist die Eigenart des Aphorismus, die sich von Formen der Lyrik und anderen Arten der fiktionalen Prosa unterscheidet, und mit allen Höhen und Tiefen genauso eine anspruchsvolle Kunstform zu nennen ist wie die „Windstriche“ Paul Valérys oder die feinen Übergänge in den vielfach aphoristisch genannten Kompositionen Alban Bergs. Es ist die Feinheit einer Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der man Form im Sinne Adornos noch als Schule des Protests verstehen konnte. Die Fortschritte der digitalen Mediation laufen demgegenüber auf eine standardisierte Wahrnehmung hinaus.

So ist es nicht als Anflug von privater Sentimentalität des Alters angesichts einer begrenzten Leserschaft abzutun, wenn Benyoëtz zur Legitimation seiner Aphoristik sagt:

„Ich stehe hinter meinem Wort,

kein Wort steht hinter mir.“ (S. 64)

Die bedingungslose Verantwortung für das eigene Wort ist hier kein Handel nach dem Muster bürgerlicher Religion, wo man Glaube für Gnade kaufen kann, und für alles einen Sinn, eine Erklärung findet.

Am Anfang der poetischen Moderne Ende des 19. Jahrhunderts in Paris steht ein doppeltes Unbehagen an der überkommenen öffentlichen Rede und an der aufbrechenden Gesellschaft der Information und Kommunikation. Die Nuancen brachten zwei Dichter: Baudelaire, der uns lehrte, den Blick nicht von den bösen, satanischen Seiten der Welt abzuwenden, und Mallarmé, der uns zeigte, daß man den Sinn der Rede nicht bestimmen und nicht festhalten kann, sich aber dennoch zu verantworten hat. Noch für Emil Cioran gilt:

„Ne cultivent l’aphorisme que ceux qui ont connu la peur au milieu des mots, cette peur de crouler avec tous les mots.“ (Syllogismes de l’amertumes) – Nur die pflegen den Aphorismus, die die Angst mitten in den Wörtern kennengelernt haben, diese Angst, mit den Wörtern zusammenzubrechen.“

ohne Autor

Und doch stößt der Aphoristiker gerade in diesem Punkt auf wenig Gegenliebe. Gibt man den Namen „Benyoëtz“ in der google-Suche ein, wird man vielfach Seiten finden, die als Blütenlesen angelegt sind:

„Das ist ein Problem der Aphorismen“, schreibt Benyoëtz (S. 61),

„sie kreisen, urheberrechtlich ungeschützt, als wären sie herrenlos, geflügelte Worte, wie Tauben abzufangen, auszuschlachten oder mit neuen Adressen auf weitere Postwege zu entsenden.

Geflügelte Worte beschwingen den Räuber. Das ist die Praxis bis heute.“

Montesquieu waren Aphorismen die „Sprichwörter der gebildeten Menschen“. Auch im Fall dieses Aphorismus: Friedrich Schlegel übersetzte diesen Aphorismus und gab ihn als seinen eigenen aus. Erschwerend kommt ein älterer Begriff von Aphorismus hinzu.  Gemeint ist die Tradition der humanistischen Kommentar-Essays zu alten Worten der gebildeten Welt, vor allem der Antike. In diesem Sinn sind etwa Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ zu verstehen. In Frankreich spricht man deswegen im Unterschied dazu vom „aphorisme poétique“.

Bei Benyoëtz ist die Genese von Aphoristik aus der jüdischen Kommentar-Tradition zu beachten. Das schriftkundige Infrage-Stellen von Interpretationen, das Isolieren von Textstellen und Verschieben von Text-Zusammenhängen und das im Talmud geratene ‚Drehen und Wenden‘ der Wörter – und alten Worte – ist für den gelernten Rabbiner selbstverständlich. Nach Heinrich Heine ist die Schrift für Juden das „portative Vaterland“, und dazu gehört auch die Literatur der jeweils zugänglichen Sprachen.

Zugleich deutet er an, daß das ausdrückliche Zitieren in seiner Aphoristik noch eine andere Rolle spielt: Er will gar nicht das letzte Wort haben, will es nicht besser wisse, sondern nur anders:

„Der Aphoristiker schreibt so,

als hätte er das letzte Wort.

Ich überlasse in meinen Büchern gern anderen

das letzte Wort;

ich will kein Letztes gesagt haben“

(S. 56)

Maßlose Kürze

Den Aphorismus durch Kürze zu definieren, ist ein beliebtes Geschäft der Germanistik. Meist ist es so, wie Reich-Ranicki seine Abgrenzungen vorzunehmen pflegte: Ab 500 Seiten handele es sich um einen Roman.

Dergleichen bleibt immer dezisionistisch, und es kann nicht das Geschäft der Literaturtheoretiker oder Kritiker sein, Längenmaße zu bestimmen, wenn sie nicht ihren Gegenstand verfehlen wollen.

Benyoëtz nannte seine in den 1970er Jahren „Einsätze“, hier nun wieder. Kurz ist ein Satz, nicht mehr. Eher weniger, denn viele Aphorismen von Benyoëtz bestehen aus Wortpaaren. Der hohe Kunst-Anspruch verweist auf kleine Zahl von Aphoristikern, für die es wenige Beispiele wie den Franzosen Renard oder Marie von Ebner-Eschenbach gibt.

Um das Paradox ‚maßloser Kürze‘ geht es auch schon im Titel des Buchs. Ein Einwand gegen die Gattung ist darin verborgen. Er wird vielfach von sehr gebildeten Menschen vorbegracht. „I need arguments“, sagte mir einmal ein englischer Privatgelehrter, als er von sich aus seine Ablehnung der Aphoristik erklärte. Dafür sind Aphorismen nun wirklich zu kurz. Ein sehr geschätzter früherer philosophischer Kollege, Gottfried Gabriel nannte einmal den „Aphorismus: die Pointe eines Vorurteils“. Er tat es aphoristisch, weil er die Gabe hat, selbstironisch und undogmatisch zu sprechen.

Benyoëtz zitiert aus anderer Quelle mit anderer Tendenz:

Der Aphoristiker ist ein Euphoristiker. Aphorismen zu produzieren ist eine euphoristische Beschäftigung. Aussagen von Bestimmtheit zu machen, Beobachtungen Allgemeingültigkeit zuzuschreiben, dies erzeugt einen Zustand, in welchen man über die eigenen Verhältnisse.“

Werner Bergengruen

Bergengruens  verkürzt die Dimensionen des Aphorismus und letztlich auch der Sprache auf Abbildung. Er unterschlägt die expressiven und die appelativen Funktionen der Sprache. Eine solche autistische Sprachauffassung hört man von Deutschen auch gern, wenn sie auf lateinische Hyperbeln treffen.

Falsche Verallgemeinerung gibt es in der Wissenschaft. In der Poesie und Rhetorik können Übertreibungen das gebotene Mittel sein. Und beides zu verwechseln hieße, nach Paul Valéry, mit den Regeln des Schachspiels Mühle zu spielen.

Der EinSatz als begründete Entscheidung

Mir geht darum, die Poetik von Dichtern aus ihren Reflexionen und vor allem Verfahren zu rekonstruieren und ihre Verfahren zu erläutern. Der Kritiker oder Philologe wird sie dann als begründete Entscheidung zu erklären haben. Benyoëtz schreibt:

„Alles in der Kunst Entbehrliche

ist Zeichen von Arroganz“ (S. 24)

Was nicht nötig ist, ist auch überflüssig. Ein Ockhamsches Rasiermesser für die Aphoristik? Nein. Dem Sprachlogiker und Wissenschaftstheoretiker Wilhelm von Ockham ging es darum, aus gescheiten Annahmen heraus mit sauber definierten Begriffen zu Schlüssen zu kommen. Schein-Argumente, Wissens-Ballast und autoritäre Theologen-Begriffe wie „Gott“ sind verboten.

Der Aphoristiker sagt noch weniger, als nötig wäre. Er schließt in Mehrdeutigkeiten und Paradoxien ein, was sich anders nicht sagen läßt. Aber dabei gilt zugleich:

„Man kann sagen, was man will: nicht weniger“ (S. 37)

Benyoëtz‘ EinSatz-Kunst entspricht einem Ökonomismus gegen eine von ihm zweifellos in Vielem als hohl oder verbraucht empfundene Tradition oder gegen den Omnipräsenz- und Vollständigkeits-Wahn unserer Informations- und Kommunikations-Gesellschaft, die den Türöffner zum Wissen für einen Weisen hält, und in den Bereichen der Wissenschaft, der Kunst und der Unterhaltung nur für ennui sorgen kann.

sous ta glace au trou profond

Valérys Lehrer Mallarmé, Ahnherr dieser zeitgemäßen poetischen Weltwahrnehmung, vermochte es, im Spiegel einer Eisfläche einen zugefrorenen Brunnen anzureden. Was er Hérodiade sous ta glace au trou profond (unter deinem Eis am wahren Grunde) sehen läßt, ist die Vergangenheit, immer noch unzugänglich, aber so sichtbar wie das Herbstlaub unter dem winterlichen Eis.

Aus dieser Epoche, aus dieserm Geist stammen die Aphorismen des Mathematikers Felix Hausdorff (1868-1942), als Dichter Mongré. Benyoëtz zitierte ihn schon gelegentlich, in diesem Buch über die maßlose Kürze des Aphorismus mehrfach:

„Kein Mensch wagt sich heute noch

Mit einer Syntax hervor,

aus Furcht unterbrochen zu werden.“

Paul Mongré (S. 13)

Dem Fin de siècle war etwas Widerständiges kostbar, was die Informations-Gesellschaft längst unterdrückt hat: die differenzierende Wahrnehmung für Nuancen und ihre wechselvolle Beleuchtung besonders kostbar, beispielhaft nicht allein an der Dichtung, sondern auch an der bevorzugten Beleuchtung durch Glaslampenschirme, die in verschiedenen Farben schillern und feinste Nuancen zwischen Hell und Dunkel sichtbar machen.

In der Moderne sind die Probleme des Dichters Formprobleme, deswegen nicht „bloß formale“. Denn ohne Form gibt es keinen Inhalt, vielleicht nicht einmal Leben. Die Grenzen der Gattungen und selbst der Künste fransen aus, weil neue Lebensbedingungen neue Formen nötig machen.

Insofern ist der Aphorismus vielleicht mehr ein Schauplatz dieser Probleme als eine Gattung. Er gehört zu den offenen, zu den fragmentarischen Formen, die in den 1960er Jahren in der Literaturwissenschaft allmählich legitimiert wurden. Auf dem Buchmarkt aber regieren heute wieder geschlossene fiktional-erzählende Formen eines imitierten Realismus, die alten bürgerlichen Fluchtwelten. Alte Wahrnehmungsmuster, die sedieren.

 

Die Dichter der frühen Moderne liebten wie die Glas- und Beleuchtungs-Künstler der Zeit liebten Kaleidoskope. Und sie verwendeten Wörter artistisch wie Kaleidoskope: Mit einer möglichst knappen Drehung soll dabei die größtmögliche Veränderung erzielt werden. So wandelt sich auch bei Benyoëtz Kürze in Maßlosigkeit, und auch sonst das eben Bezeichnete in sein Gegenteil. Oder es wird wie in antirealistischer Malerei verfremdet:

„Die Kürze verwischt Farbe und Gesichtszug“ (S. 23)

Lyrische Aphoristik

„Man muß kein Lyriker sein, um Aphorismen hohen Ranges zu schreiben, aber in jedem großen Aphoristiker steckt ein Quäntchen Lyrik.“

Manche haben das erkannt. Unter dem Titel „lyrische Aphoristik“ erläuterte Harald Fricke in seiner Mainzer Preisrede von 2004 das Besondere an Benyoëtz‘ Dichtung und stellte seine begeisterten Ausführungen unter den Titel „Lyrische Aphoristik“. Lyrik und Aphorismus? Wie geht das zusammen? Fricke war ein rationalistisch geprägter Gattungstheoretiker und hatte den Aphorismus in seiner gleichnamigen Monographie in einer zuvor nicht erreichten Trennschärfe als nichtfiktionale Prosaform bestimmt, die durch ihre fragmentarische Struktur und Pointierung poetisch wird.

Aber er war eben auch kunstsinnig und konnte sich widersprechen, wenn er auf eminente Dichtung traf, die die Grenzen der Gattung überschreitet. Nun ist jede Bestimmung einer Gattung eine Lesart, die am besten formuliert und dem Widerspruch ausgesetzt wird.

Es geht nicht mit und auch nicht ohne Gattungs-Definitionen, die immer vorläufig und nachträglich sind. Ohne eine Gattungs-Definition jedenfalls lassen sich die Abweichungen der Ausnahmen und ihrer Schulen aber nicht einmal bemerken und behaupten. Etwas Bestimmtes ist immer etwas anderes… Das Differenzgefüge sind immer Vorschläge, und sie verändern sich auch mit dem Lesehorizont und sicher auch mit den Vorlieben. In der Germanistik herrscht dagegen nach wie vor eine platonische Tradition, die Wörter als Namen der Dinge versteht, und dann gegen Begriffe kämpft wie Don Quijote gegen eingebildete Windmühlen.

Ob es Einzelverse gibt, mag umstritten bleiben, es ist schwer denkbar, denn ein Vers allein wäre keiner. Wir erkennen aber mithilfe von Herder, Hopkins und Jakobson  den biblischen Parallelismus membrorum als Keimzelle vieler Versformen wieder. Allerdings arbeiten Wortakzente und Prosodie des Deutschen dem Lyrischen entgegen, nicht so die des Hebräischen. In der analogen Wortbildung und -stellung von Lexem- und Syntagmen mag bei Benyoëtz Lyrisches angelegt sein.

Als lyrisch konnte im Symbolismus und in der ihm folgenden Klassischen Moderne nicht mehr unbedingt die traditionelle Vers-Dichtungen mit ihren festen Formen und Metren gelten, sondern im Gegenteil auch etwa ein Drama gelten, in dem die fiktionale Rede nicht mehr auf gattungsgeschichtlich präformierte Handlung zustrebt, sondern die Selbstverständigung von Menschen im Moment ihres Vollzugs zeigt, dies oft in Grenzsituationen von Todesnähe und Liebe, die für die teleologisch angelegte klassische Tragödie nur transitorische Erscheinungen bleiben.

Für diese Momente ist nach deutschem Verständnis exklusiv die Lyrik zuständig. In Frankreich kommt die ältere, seit dem 19. Jahrhundert aufgefrischte Tradition von Pascals diskontinuierlichen cahiers hinzu. Hier wird laut raisonniert und zur Diskussion gestellt, und der Mut dazu gilt dort als intellektuell. Anders im Deutschen, wo man dergleichen, zumal als Mann, für sich behält oder wissenschaftlich als Gedankendichtung und literarisch als ‚bloße‘ Förmlichkeit abtut.

Ein Aphoristiker des 21. Jahrhunderts
Heute fragt sich Benyoëtz:

„Bin ich noch, – bin ich schon

Aphoristiker des 21. Jahrhunderts?

Die es behaupten oder entscheiden könnten,

stammen aus dem vorigen Jahrhundert.“ (S. 48)

Wir erleben heute auch in Europa, daß Religiöse wie Atheisten nihilistische und menschenverachtend sind, wie es schon Dostojewski in Verbrechen und Strafe beschrieben hat. Die standardisierte Kommunikation und politisch korrekter Information verfällt in Kategorien des vergangenen Jahrhunderts, sie bemüht Sozialpädagogen oder Toleranz gegen Haß. Sie bleibt vor diesem Phänomen wortreich sprachlos. Der Aphoristiker Benyoëtz nicht.

Wo dann von seiner religiösen Aphoristik die Rede ist, greift die Aphorismus-Forschung weit zurück: zu Pascals skeptischer Glaubensprüfung, die sich in Gestalt fragmentarischer Kurzprosa artikuliert. Noch viel älter, vorchristlich, ist das „Dubito ergo cogito“. Ich zweifle, also denke ich. Es ist sokratisch, also im besten Sinne altes Europa.  „Dubito ergo credo“ – ich zweifle, also glaube ich, ist Benyoëtz. So steht er einer besseren europäischen, französischen Tradition nahe, die aus ihrem Atheismus keine Konfession und erst recht keinen Glaubensakt macht:

„Keine Konfession,

die nicht zugleich Werbung wäre.“ (S. 63)

Er beraubt uns absoluter Lösungen und zeigt Momente von erfahrener Freiheit, die gegen unsere Narrative von Fortschritt und Verfall bestehen:

„Von der Überzeugung verlassen,

werden Zweifel andächtig

Völker müssen ihren Gott in Maßen halten

oder ihr Ende nehmen“ (S. 70)

Ein Jude in deutschen Briefen. Bei Gelegenheit einer Auswahl aus dem Briefwechsel von Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

Rezension von 2007 zu: Die Rede geht im Schweigen vor Anker. Aphorismen & Briefe. Herausgegeben von Friedemann Spicker. Brockmeyer Verlag 2007. 9,90 Euro
„Am liebsten würde ich Ihnen die Abschriften der zahllosen Briefe schicken, die ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe -: alle diese Briefe waren richtig, alle Adressaten waren falsch, bis auf Sie, Hans Mayer und einen Jugendfreund aus der Schillergasse in Czernowitz.

Ich bin ebenfalls – wörtlich, lieber Alfred Margul-Sperber!- der, den es nicht gibt.“

Brief Paul Celans an Alfred Margul-Sperber

Im besonderen Fall dieses Buchs – Die Rede geht im Schweigen vor Anker – verhält es sich anders. Es ist Zeugnis einer solidarischen Beziehung eines Autors und eines Interpreten, die zunächst nur zwei Dinge verbinden: Eine kleine Leserschaft und die Leidenschaft für den poetischen Aphorismus.

Anlaß des Buchs ist eine Lesung und Ausstellung in Wuppertal im Mai 2007 aus Anlaß des Geburtstags von Benyoëtz. Wer das nicht weiß, wird aus der Einführung Friedemann Spickers leider nicht erfahren, warum hier so viele unterschiedliche Materialien versammelt sind. Allein der linksbündige Flatterrand dieser zweispaltigen Einführung ist ein Layout-Fehler. Medien-Profis waren hier nicht am Werk. Liebhaber durchaus, und das zählt für mich im Zweifel mehr. Die dreiseitige Einführung verrät allein den Kenner des deutschen Aphorismus, der Spicker ist, wenig über den Inhalt des Buchs.

Dem Briefwechsel beigefügt sind erstmals veröffentlichte lyrisch-aphoristische Dichtungen (S. 7-30), eine Auswahl von Briefen des Autors aus den 1960er Jahren (S. 30-63), der Zeit als er von West-Berlin aus eine Dokumentation der jüdischen Literatur deutscher Sprache eine bebilderte Dokumentation der Ausstellung von Benyoëtz’ Frau Métavel (bürgerlich: Renée Koppel, S. 64-68), sowie erstmals eine Auswahl des Briefwechsels von Benyoëtz mit einem seiner Interpreten (S. 69-105), Briefe.

Die Briefpartner

Benyoëtz gilt als der einzige zeitgenössische internationale anerkannte Aphoristiker deutscher Sprache, dazu als Lyriker und als Schöpfer einer eigenständigen Erinnerungsprosa in Zitat-Montagen; Friedemann Spicker als der Historiker und Archivar der deutschen Aphoristik.

Beides, deutsch und Aphorismus, stimmt – und stimmt nicht. Was die Gattung angeht, sagt es Spicker selbst:

„Die Aphorismen von EB haben mit solchen Texten nur den Namen gemeinsam.“

Spicker ist publizistisch mit der deutschsprachigen Aphoristik vertraut wie kein anderer. Dies seit 30 Jahren – und längst wie kein anderer. Gerade diese Spezialisierung ermöglicht in diesem Fall einen Briefwechsel, der eine sehr feine, sehr lehrreiche poetologische Auseinandersetzung bezeugt. In den ausgewählten Briefen geht es vordergründig um den deutschsprachigen Aphoristiker und seinen Interpreten.

Der Herausgeber kann nach eigenen Angaben seine Bekanntschaft mit dem Werk des Autors bis 1976 zurückverfolgen. Der Briefwechsel begann 1997, im Zusammenhang mit einem publizistischen Projekt Spickers, einer sehr verdienstvollen Anthologie mit dem Titel Aphorismen der Weltliteratur, die bei Reclam erschien. Es wird eine wechselseitige Prüfung von Manuskripten verabredet, deren briefliche Zeugnisse von einer klaren Unterscheidung von persönlicher Wertschätzung und Lust an der kritischen Abwägung gekennzeichnet sind.

Zahlreiche Briefe kreisen um die anspruchsvolle Poetik von Benyoëtz’ Werk und die bescheidenden Markt-Chancen anspruchsvoller Literatur.

Hier will ich mich das briefliche Gespräch des Autors mit seinem Interpreten zum Anlaß einiger Überlegungen über die Rolle des Epistographen Benyoëtz in einer Zeit einzunehmen, in der gelehrte und persönliche Briefe einem längst todgesagten Park gleichen. Und eine Quelle für das, ich hier das Gesellschaftliche am Leben des Geists und der Poesie nennen möchte.

„Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung“

Das zeigen nicht nur die wochenlangen Lesereisen, die den Autor jedes Jahr ein- bis zweimal durch Deutschland führen. Aufwand und Ergebnis stehen oft in keinem Verhältnis. So auch bei einer gewiss liebevoll von Spicker in einer Kölner Buchhandlung vermittelten Lesung in 2000. Benyoëtz antwortet seinem treuen Leser nach seiner Rückkehr nach Jerusalem am 21.11.:

„Es schmerzte Sie, dass ich sagte, „Köln ist nicht meine Stadt“: dass sie es an jedem Abend nicht war, haben wir doch gesehen. Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung. (…)

Köln aber ist für mich die verbotene deutsche Erde, die ich – dafür noch und noch gestraft – 1963 zum ersten Mal betreten habe. Der Wendepunkt. Und nun war’s meine erste Lesung in Köln. Sie können sich die Erwartung vielleicht denken. Und es sah ja vielversprechend aus. Nun aber sind Sie in Köln und insofern ist Köln meine Stadt, auch gibt es eine Buchhändlerin da, die nun eine Ahnung mehr von mir hat.

Es liegt nicht am ‚Professionellen’, sondern einzig am Feuer, das mein Wort entzündet oder nicht. Wer feuerdicht ist, der schafft auch beim besten Willen keine ansehnliche Lesung. Das ist die Regel, die ich bestätigen kann.“ (S. 79f.)

Bei aller Sprachkunst: Benyoëtz ist alles andere als ein Bewohner des apollinisch eingefriedeten Sonderbezirks einer im Deutschen fast ausgestorbenen Kunstform.

Ernster als Kunst

Spicker andererseits hat, abgesehen von der klassisch-romantischen und der klassisch-modernen Aphoristik, sehr viel auf und noch viel mehr unter dem Durchschnitt lesen müssen. So ist er gewohnt, Aphorismus für Aphorismus, statt einer Dichtung in ihren leichten und schweren Partien, den Wechsel der sprachlichen Gesten und unterschiedlichen Tonfällen zwischen der deutschen und der jüdischen Sprachkultur zu lesen. Schließlich gilt nach Rabbi Hillel, wer den Talmud interpretiert, solle mit dem Leichteren beginnen und zwischen ihm und dem Schweren variieren. Auch diese Haltung gehört ganz bewusst zum Habitus des Autors Benyoëtz, der dem gebildeten Leser Spicker erläutert:

„Freilich, ich muss Ihnen genügen können, doch ebenso jungen Menschen, die noch gar nicht wissen können, was ein Aphorismus vermag, und die zunächst nur einem Wink folgen, einem angeschlagen Ton, einer Stimme, der sie sich anvertrauen. Auch wenn meine Bücher immer nur von wenigen Dingen sprechen, die mir wichtig sind, schreibe ich jedes für sich, als wärs ein Buch fürs Leben, ein Ganzes (in der Ahnung oder im Abglanz) enthaltend, ein Buch vom Menschen. So hoch ich meine Kunst auch schätze, dies nehme ich ernster.“ (S. 82)

So antwortet Benyoëtz am 26.6.2001 auf einen Einwand des gebildeten Lesers Spickers, es gebe einige leichte Partien und Spielformen in seinen Montage:

„(…) es gilt nach wie vor: streng bleiben und streng sieben. In der Ausgabe letzter Hand fallen dann die letzten Schlacken ab, jetzt müssen einige bleiben, weil ein Leser es nicht mag, so ganz streng in die Zucht genommen zu werden; er verliert die Lust am Lesen, wenn ihm überall nur Bärenernst begegnet. Das ist der Grund, weswegen ich in jedes Buch einige Kalauer aufnehme, Wortspiele, Spielereien, auch harmlose Sprachwitze, die ich einzeln nicht verteidigen könnte. Sie gereichen mir alle nicht zur Ehre, aber sie lockern auf. In gleicher Absicht nehme ich auch ‚Didaktisches’ und ‚Eindimensionales’ auf, es sind – nicht Erbaulichkeiten, aber Zusprüche, Regeln und Verhaltensweisen, die man leicht vergisst und umso leichter übergeht. Wo soll man sie aber sonst finden?
Benyoëtz, Epistograph

Gemessen an seiner Bedeutung, fällt mir als Seitenstück zu seinen Briefen in der deutschen Literatur nach 1933 allenfalls der Komponist, Literat und Universalgelehrte und Wanderer Jürgen von der Wense ein. Auf ganz andere und für die deutsche Sprachkultur bezeichnende Weise geht er ab 1933 als Solitär in meist wohl unbeantworteten Briefen auf. Wenn Wense nicht an den Entwürfen seiner Werke saß, in der Göttinger Bibliothek Kuriosa sammelte oder wanderte, dann schrieb er Briefe. Bis zu 30 Seiten pro Tag, am Ende seines Lebens waren es ca. 40.000 Seiten. In ihnen beschreibt er, wie sein Werk hätte aussehen können, wenn es ihm nicht so gleichgültig gewesen wäre. So wirft er ein Licht auf den politischen Zerfall einer sozialen Seite des Geists. Für sich hat dieser hoch musikalische und genuin poetische Aristokrat eine Möglichkeit gefunden, diesen Zerfall als Gewinn zu leben: Durch eine, an Rudolf Borchardt erinnernde, Überhöhung von Kulturlandschaften zwischen Nordhessen und Südhessen, die er erwanderte, und in Gestalt einer exzentrisch-enzyklopädischen Bildungswut. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod (1966) wird dieses Werk allmählich in gediegenen Ausgaben einem kleinen Publikum zugänglich gemacht.

Auch Benyoëtz’ eminenter Briefwechsel war lange so gut wie unbekannt, es ist auch in Publikationen über ihn meist getrennt von seinem publizierten aphoristischen Werk betrachtet worden. Inzwischen wird bereits nach und nach und publiziert. Kostenlos verfügbar ist die online-Edition des Brenner-Archivs der Universität Innsbruck.

Bereits 1989 erschien Benyoëtz’ Briefwechsel mit Clara von Bodman unter dem poetischen Titel „Solange wie das eingehaltene Licht“, 1994 folgte als Anhang der Druckfassung meiner Dissertation eine Auswahl von Briefen des Autors, die zwischen 1988 und 1992 entstanden sind und mich mal in der Bundesrepublik, der französischen Schweiz und im Negev erreichten. Sie wirkten auf meinen Stil prägend, für den Stil meines Lebensstils als Anker, vor den die Rede gelegentlich geht, um Erholung zu finden. An solche Konstellationen denke ich beim Titel des geschmackvollen Buchs, das Spicker vorgelegt hat.

Auszüge aus seinen Briefen der Jahre an mich finden sich im Anhang meines Buchs Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Mit einem Geleitwort von Harald Weinrich (Niemeyer 1994), weitere an diverse Adressaten sind Teil seiner Zitat-Montagen seit Treffpunkt Scheideweg (1990). Mittlerweile werden solche Briefe in Forschung und Kritik als Quellen und von einigen auch als Leseanweisungen zitiert und interpretiert.

Ein Jude in seinen deutschen Briefen

Dort wurde der Brief als Form der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis entdeckt. Als Formen moralischer Selbstbegegnung knüpft sein kaum übersehbarer deutschsprachiger Briefwechsel in deutscher Sprache an die jüdische Tradition der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an, wie sie Gert Mattenklott in seinem Buch Über Juden in Deutschland (Jüdischer Verlag 1992) vorstellt.

Kennzeichen der von Mattenklott vorgestellten Briefliteratur von Juden, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft, Gelehrtheit und Welthaltigkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichens Verhaltens als besonders erfindungsreich. Für Benyoëtz trifft das jedenfalls zu. Als Aphoristiker und Lyriker hat er den besonders im deutschen Sprachraum vereinsamten Ton der Klassischen Moderne weiterentwickelt, als Epistograph deutscher Sprache – gegensinnig – die Tradition der Diaspora von Israel aus fort. Ein symbolischer Gegensinn, der sich in seinem (bereits publizierten) Brief vom 3.1.06 ausspricht:

Geändert hat sich die Gruppe der Adressaten gegenüber früheren Briefen. Nur in seltenen Ausnahmen sind es Juden in Deutschland oder die Nachfahren von Assimilierten, an die Benyoëtz sich in diesen Briefen adressiert. Auch bei den Ausnahmen, und auch, wo es um den Aphorismus geht, besteht die Gemeinsamkeit in der Einsamkeit, in der man einander, Briefe wechselnd, zusammen trifft.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens

Bei Gelegenheit Heines schreibt Adorno:

„Nur derjenige verfügt über Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Das gilt auch für Benyoëtz’ Sprache. Sie gehört zu seinem Habitus, der Kunst und Brief verbindet. Sein Deutsch trägt nicht nur in seinen poetischen Werken, sondern auch in seinen Briefen die Spuren der Avantgarden. Dies ist am Übergang von absoluter Dichtung zu artistischer Kunstprosa zu erkennen, die sein Werk kennzeichnet. Deutlich ist sie aber auch gezeichnet durch die Geschichte verratener Hoffnungen einzelner Juden im deutschen Sprachbezirk, die ohne seine Zitat-Kunst vergessen blieben. Es sind zugleich die verratenen Hoffungen von Juden im deutschen Sprachbezirk, sondern ein zunehmend globalisierter Aspekt der conditio humana: 40 Millionen Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft schätzt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Refugees – UNHCR) weltweit.

In Benyoëtz’ Dichtung wird auch deutlich, dass Deutsch eine historische Sprache der Dichtung und der Erkenntnis neben anderen ist – nein: gewesen ist, muss man sagen, denn Benyoëtz’ Sprache ist biblisch und symbolistisch zugleich. bleiben zugleich doch auch Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die von Kohelet über die europäische Aphoristik bis zur modernen Lyrik reicht. Er gehört zu den „schwierigen“, den „reinen“, auch die desillusionierten Poeten, die Dichter ohne Alternative. Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Exil, wenn auch nicht im gefährdeten Jerusalem, sondern wie Spicker im sicheren Köln oder ich im sicheren Berlin.

Benyoëtz begann als hebräischer Dichter, gründete in Berlin das Archiv Bibliographia Judaica, und wechselte nach Rückkehr nach Israel die Literatursprache. Der Wechsel der Literatursprache und der Wechsel zwischen sprachlicher und poetischer Umgebung ist zu einem unverzichtbaren Filter des sprachlichen Verhaltens und der Erkenntnis geworden. Was er dabei aufgegeben, abgewehrt oder auch überhöht sehen wollte, kann auch der beste Kenner nur ahnen. Auszeichnungen für sein eminentes deutschsprachiges Werk gibt es durchaus, so den Chamisso-Preis, den er 1987 durch die Bayerische Akademie der Künste erhielt, und den Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften 2002. Auch der Bundesverdienstorden fehlt nicht, sicher aber der Büchner-Preis, wenn nicht der Nobel-Preis. So stehen auch die bisher erwiesenen Auszeichnungen bis jetzt in keinem Verhältnis zu seinem internationalen Rang, den international angesehene Kenner wie Harald Weinrich schon in den 1980er Jahren ermessen haben.

Paul Stöcklein: Philologie im Kaffeehaus

16. Dezember 2014

Paul Stöcklein war mein erster Mentor in akademischen Dingen und, als Essayist, der bei den Dichtern der Weimarer Republik gelernt hatte, auch in Dingen des Schreibens. Ich lernte ihn 1983 kennen, da war ich 18, er 74. Stöcklein stammte aus einer bayerischen Altphilologen-Familie und war bis 1975 Ordinarius für Germanistik in Frankfurt am Main. Seinen Ruhestand verbrachte er in Bamberg.

Er beriet mich zunächst, als es um mein Studium ging, dann tauschten wir uns über meine Seminar-Arbeiten und meine Pläne aus. Man traf sich regelmäßig in einem „Kaffeehaus“, wie er das in einer Anhänglichkeit zur alten Wiener Literaturszene nannte. „Schnorrers Oase“ nannte er in seinem Beitrag zur Festschrift seines Freunds Friedrich Torberg (1978) diese für ihn lebenswichtige kulturelle Einrichtung. Lebenswichtig war,

„die Dinge so wach zu sehen, die Möglichkeiten so zart zu wittern, das ist auch Sache des Kaffeehauses überhaupt gewesen. In diesem Abendland ist noch nicht aller Tage Abend.“

(Stöcklein spielt an auf Friedrich Torberg: Tante Jolesch. Der Untergang des Abendlands in Anekdoten.)

Philologie im Kafeehaus

Stöcklein liebte die Käuze und Schnorrer, die zum Kaffehaus ebenso gehörten wie zu seiner anekdotenreichen Philologie. Sichtlich war er bemüht, auch mich in diese Lebenskunst einzuweihen. Kamen wir auf meinen Favoriten Walter Benjamin zu sprechen, erzählte er eine Anekdote Joseph Roth, der die Wiener Kafeehaus-Kultur noch einige Jahre ins Pariser Exil retten konnte: Roth saß am Tisch mit anderen Emigranten. Einer spricht ihn auf den schwermütigen Walter Benjamin an, der einsam an einem anderen Tisch sitzt: „Da ist der Eigenbrödler.“ Roth korrigiert in Anspielung an Benjamins heillose Versuche, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erfahren, damals zeitweise im Marxismus: „Nein, er ist ein Kollektivbrödler.“

Die Gemeinsamkeit suchte Benjamin wohl in der Tat in rein geistigen, wechselnden, Allianzen, in einer konstanten Gesellschaft war sie ihm nicht möglich. Stöcklein schätzte Benjamin durchaus. Er war sogar einer der ersten deutschen Germanisten, der in seiner Habilitation Wege zum späten Goethe (1951) an Benjamin erinnerte, an seine luzide Interpretation der Wahlverwandtschaften. In dieser Monographie bezieht Stöcklein auch Goethes Zeichnungen von Bauwerken der italienischen Renaissance ein.

Diese Kapitel zeigen vielleicht am besten, welche Stärken und Schwächen Stöckleins Humanismus haben konnte: Er präsentiert sich als lateinisch-mediterraner Geist, der am Sinn für Maß und Proportionen im Urteil und Klarheit der Darstellung geschult ist. Fremd blieb mir seine Sicherheit, mit der er daraus die Kontinuität seines katholisch-humanistischen Menschenbild ableitete. Über seine Haltung zu rechten, steht mir nicht zu.

Dichtung und Philologie

Als es um die Wahl eines für mich geeigneten Professors ging, riet er mir zu einem Austausch mit Peter Horst Neumann, einen hochmusikalischen Germanisten, Essayisten und Lyriker, den er selbst in den 1960er Jahren gefördert hatte. Die Verbindung passte exzellent zu meinen noch unklaren und schüchternen Neigungen, Neumann förderte vor allem meinen Stil und inspirierte mich: Ich schrieb leichter, meine Interessen klärten sich.

Neumann outete sich selbst erst 1994 mit seinem ersten Gedichtband als Lyriker, und trat bis zu seinem Tod 2009 mehr als Dichter denn als Wissenschaftler in Erscheinung. Was das im deutschen philologischen Kontext bedeutet, hat Stöcklein selbst erst salopp festgehalten, als er schon eine Stelle auf Lebenszeit hatte:

„Meine Laufbahn wäre futsch, vielleicht, wenn ich mich plötzlich zu den Dichtern schlagen würde.“

Dies sagte Stöcklein 1951 auf der Germanisten-Tagung in Münster in seiner unnachahmlichen Art, als er noch keine feste Stellung hatte. In dem Vortrag „Dichtung, vom Dichter gesehen“ spricht er vom deutschen Vorurteil, dass das Dichten dem Denken und, vice versa, das Denken dem Dichten schade. Er wirbt dafür, dass Philologen von den Schriftstellern lernen sollten. So steht es in seinem Sammelband „Literatur als Vergnügen und Erkenntnis“ von 1974.

Neumann lud mich 1986 in sein Oberseminar über Karl Kraus ein. Er suchte wie ich eine kleine Gruppe in der Masse, ich war mit meinen 21 Jahren mit Abstand der jüngste unter Examens-Kandidaten, Doktoranden und Assistenten. Die einzige Regel, die hier galt, formulierte Neumann so: „Hier darf jeder sagen, was er verantworten kann.“ Trotzdem fühlte ich mich ansonsten an deutschen Massen-Universitäten nicht wohl.

Der Studienberater aus der Ferne

Ich zog weiter, an die Universität Fribourg in der Schweiz, wo ich unter anderem meine Interessen für Literaturtheorie und Aphoristik mit dem Aufenthalt in einer frankophonen Umgebung verfolgen konnte. Ich erinnere mich an das letzte Oberseminar bei Neumann: Er schloß als letzter die Tür ab, und rief uns hinterher: „Jetzt wird der Grubitz gut, jetzt geht er.“ Dann traf sich die Gruppe wie üblich in einem Restaurant.

Die Universität war kleiner als deutsche. Sie war aber mehrsprachig, die Studenten und Professoren kamen aus aller Welt. Es wehte noch der Wind von „Europäischer Literatur im lateinischen Mittelalter“ (so heißt ein Buch des Romanisten Ernst Robert Curtius), wobei die internationale Besetzung der Professuren und die Mehrsprachigkeit der Gegend für eine Art Evolution sorgen konnte, wie sie in der Bundesrepublik nicht möglich war. Es gab auch Emmanuel Lévinas, der aus nicht ganz privaten Gründen nach 1933 nicht mehr nach Deutschland reiste, aber als Emeritus alle 14 Tage nach Fribourg aus Paris anreiste und über das Jüdische Denken nach Kant las.

Stöcklein interessierte sich lebhaft für meine Erfahrungen und Erlebnisse in der neuen Umgebung. Man schrieb sich, schickte sich manchmal nur Zeitungsartikel, die den anderen interessieren mochte, und man traf sich in meiner vorlesungsfreien Zeit wieder in einem „Kaffeehaus“.

Beiläufig erzählte mir Stöcklein Ende der 1980er Jahre, er habe dem Surkamp-Verlag empfohlen, Fricke für die Neu-Edition im Rahmen der damals entstehenden „Bibliothek deutscher Klassiker“ als Herausgeber von Goethes Maximen und Reflexionen einzusetzen. So kam es. Es entstand in Jahre langer Arbeit Frickes Ausgabe unter dem Titel „Sprüche in Prosa“. Der geänderte Titel zeigt an, daß der Herausgeber hier mit einer mehr als 200 alte Legende gründlich aufräumt: Denn Goethe hat nie eine Aphorismen-Sammlung unter dem Titel Maximen und Reflexionen geschrieben. Vielmehr hatte er Eckermann den Auftrag gegeben, aus Konvoluten aufgewahrter Notizen, Einstreuungen in Romanen und Exzerpten aus der Weltliteratur und diverser Wissenschaften so etwas wie „Letzte Worte“ herauszufischen, auf die das Publikum wartete.

Ich hatte in den 1980er und frühen 1990er Jahren auf meinem Bildungsweg durch die Bundesrepublik, die Westschweiz und Israel viele einnehmende Köpfe kennengelernt. Oft wusste ich, dass sie sich über den Weg gelaufen waren. Ich wusste auch, daß sie unterschiedlichen politischen oder auch nur akademischen Lagern zugeordnet wurden. Entsprechend teilen sich die Schulen schon bei den Studierenden. Wie töricht! Stöcklein sei ein „Konservativer, aber kein Reaktionär“, sagte der Philosoph Ulrich Sonnemann in anerkennendem Ton über ihn. Stöcklein selbst waren Linke wie Konservative recht, solange sie keine Pietisten, sondern „Hedonisten“ (‚undogmatische’ sagte man bei den Linken) waren, wie Daniel Cohn-Bendit, von dem er natürlich auch köstliche Anekdoten zu berichten wußte.

Sonnemann hatte Stöcklein aufgesucht, als er in den 1950er Jahren remigrierte und Kontakte aufbaute. Er war befreundet mit Stöckleins Frankfurter Kollegen Theodor W. Adorno.

Gespräche über Adorno

Und ich habe niemanden erlebt, der so herzliche Anekdoten von Adorno erzählen konnte, wie der katholische und konservative Bildungsbürger Stöcklein. Dies fiel mir vor einigen Jahren auf, als zum 100. Geburtstag Adornos neben einigen gehaltvollen Büchern und Würdigungen zahlreiche Abrechnungen seiner Schüler mit einem Ideal erschienen, das sie selbst aus Adorno gemacht hatten, erschienen.

Stöcklein und Adorno kamen ja aus einem ähnlichen Milieu. Deutsches Bildungsbürgertum, katholische Mütter. Und das Judentum von Adornos Vater war für Stöcklein eine andere Religion, die man respektiert. Dass die faschistische Spaltung der Existenz in Mensch und Zugehörigkeit am Anfang steht, akzeptierte er nicht. Ich will nicht verhehlen, wie sehr es mich irritierte, daß er weiterhin die Assimilation als Option sehen konnte und nicht einsehen wollte, dass sie nur im Horizont der vergangenen bürgerlichen Aufklärung für so viele denkbar war.

Adorno, der von seinen 68er Schülern zu Tode geärgert wurde, hielt er in diesem Punkt einfach für schutzlos. Stöcklein positionierte sich in den ideologischen Auseinandersetzungen dort, wo er herkam: In einem Milieu und Publikations-Kontext, das meist rechter war als er selbst. „Die Konservativen sind heute zu konservativ“, bemerkte er gelegentlich nachdenklich in den 1980er Jahren. Waren sie es denn vorher nicht?

Stöckleins Habitus schloß auch Adornos öffentlich ausgestellte Stimmungs-Schwankungen zur melancholischen Seite hin aus. Zeigte ich mündlich oder in Manuskripten solche Anzeichen, machte er diese Distanz vornehm deutlich. Er zog sich auf eine großväterlich-lebenserfahrene Position zurück, die beiden Seiten Freiheiten lässt. So war mir an dem Kontakt mehr gelegen, als diese Zone zu betreten.

Stöcklein erzählte mir herzlichst vom humorvollen Adorno, der er außerhalb seiner Schriften sein konnte. Auch vom leidenschaftlichen Pianisten Adorno, der privat romantische Musik spielte, die er in seinen ästhetischen Schriften als Desillusions-Romantik abgelehnt hätte. Und vom eitlen, gut genährten Teddy, der sich nach Vorträgen verbeugte – oder besser kugelte – wie ein Belcanto-Singer.

„Artistische Übertreibung“

Die Übereinstimmung zwischen Stöcklein und Adorno lässt sich mit vielen Namen von Autoren belegen, die beide bevorzugten: Kraus, Hofmannsthal, Stefan George, Paul Valéry, Walter Benjamin. Auch Stöckleins Horizont reichte, ungewöhnlich für einen deutschen Germanisten seiner Generation in den französischen Symbolismus hinein. Für Valéry zeigte er größtes Verständnis, die Einbildung Mallarmés, man könne die Wörter in Texten von den alltäglichen Bedeutungen reinigen, nannte er großzügig und sympathisierend eine „aritistische Übertreibung“. So auch Adornos lateinische Vorliebe für Übertreibungen und seine Abneigung gegen Logik und bürokratische Dinge wie Fußnoten.

Stöckleins unbekümmerte Nüchternheit in diesen Dingen ist mir noch heute beim Schreiben als innere Stimme gegenwärtig, auch wenn sich andere Stimmen zu Wort melden, auf die ich dann oft höre. Außerdem machte ich bei ihm gleich die hilfreiche Erfahrung, dass man als junger Student nicht gleich für „artistische Übertreibung“ gegängelt wird.

Stöckleins Schüler Werner Helmich, Professor für Romanische Literaturen in Graz, berichtete mir gelegentlich, daß er bei Stöcklein seine erste Arbeit über Valérys Aphoristik schreiben durfte. Das ist ein Beispiel für Stöckleins Unbekümmertheit, was Fachgrenzen angeht. Er stand für eine moderne Germanistik, die sich an einer transnationalen Poetik von Formen orientiert.

Etwas anderes kommt hinzu, das seinen Stil kennzeichnet: Zeigt sich hier nicht, dass so eine disziplinäre Unbefangenheit einen Austausch und eine Wirkung über Fachgrenzen hinaus erst befördert – und zunehmende Spezialisierung und Isolierung den heutigen Begriff einer scientific community als Wunschbild erscheinen lässt? Stöcklein berichtete mir, dass Adorno die Angewohnheit hatte, mit kindlicher Freude in seinem Büro vorbeizukommen, um ihm etwa ein neues Ergebnis seines Nachdenkens über den für reihenden Satzbau des späten Hölderlin mitzuteilen: „Herr Kollege, ich habe wieder einen Vers von Hölderlin verstanden!!“

Das zweite Gesicht der bürgerlichen Aufklärung

Die Nähe der Kollegen reichte nicht bis in den Satzbau, aber bis in ihre bevorzugten Mitteilungsformen hinein: Stöckleins bevorzugten Formen waren der Essay, die anekdotische Causerie, die Zeitungs-Glosse, der Leserbrief und im Alter zunehmend das Porträt von Förderern und Weggefährten. In der Tendenz war seine Kunst der Interpretation deutlich anders als der Adornos: Stöcklein markiert immer aufs Neue die Kontinuität eines vermeintlich immer abrufbaren kulturellen Erbes, Adorno dessen zweites Gesicht: Er porträtiert es, wie es im Augenblick von katastrophischen Zerstörungen des ersten wieder zum Vorschein kommt. Adornos Filter begünstigt die Desillusionsromantik.

Trotzdem war Stöcklein in einem entscheidenden Punkt ein erfreulich undeutscher Literaturpädagoge, weil er im strengen Sinne kunstsinnig war: Er hat die Literatur nicht mit Ansprüche auf religiöse Sinngebung umstellt und stattdessen stets ihren kritischen Unterhaltungswert zu vermitteln versucht. In diesem Zusammenhang war ihm die Kaffeehaus-Anekdote ein natürliches Instrument des Unterrichts wie der gelehrten Konversation. Wie Adorno schätzte Stöcklein Max Kommerell, der aus dem George-Kreis kam. Wenn ich mich nicht irre, war Kommerell für ihn der wichtigste Philologe, bezeichnenderweise eine Dichter und Philologe, der  Gesten „dichterischer Welterfahrung“ sammelte. Stöcklein war sicher in diesem Punkt Kommerell-Schüler: Er hielt es für selbstverständlich, daß ästhetische Erfahrung neben Glauben und Wissen ein eigenständiger Modus der Begegnung mit der Welt ist.

Deutsche Philologie 1968

Vielfach traute die Germanistik in ihrer Geschichte mehr den wechselnden Erklärungsmustern der Psychologie, Soziologie oder heute wieder der Theologie. Hat irgendeine andere wissenschaftliche Philologie ein so enges Bündnis mit Philosophie und Theologie gesucht wie die deutsche? Verwegenheit der Deutung und Resignation, Enthusiasmus und Enttäuschung sind unter diesen Umständen zwei Seiten einer Medaille. Stöcklein suchte die heitere Nüchternheit: „Literatur als Vergnügen und Erkenntnis“ heißt eine Essay-Sammlung, veröffentlicht 1974, im Jahr seiner Emeritierung. Ein Abschied vom Amt in einer ideologiekritisch aufgeregten Zeit. Er nimmt den Impuls der Studentenrevolte mit kritischer Empathie auf, und kritisiert die Haltung seiner deutschen Generation umso schärfer. Darauf bezieht sich das folgende Zitat:

„Jeder ist unvorstellbar vereinsamt; so glaubt er leichter, verzweifelter der Stimme irgendeiner totalen ‚Erklärungen’. – Ihn trifft dann der strafende Blick der Erwachsenen. Ihn trifft das unmenschliche Wort: ‚Wieso? Es geht euch doch so gut!’“

Der Aufsatz mündet auch eine Kritik an Kontinuitäten der deutschen Mentalität unter wechselnden politischen Vorzeichen. Sie zeigt Stöckleins, an Max Kommerell geschulte, leicht geplauderte Kunst, geistige Physiognomien darzustellen. Er spricht von der „gekonnten Verschmelzung von Erbaulichkeit und Schrecken“, der auf „den unbewußten Bereich des Gemüts wirkt“:

„Es gibt einen deutschen Respekt vor allem, was nach Philosophie und Forschung klingt – so wie es ein englisches misstrauen gibt gegenüber allem, was so zu klingen scheint –, so daß der Deutsche oft vor lauter Respekt gar nicht wagt, die primäre Situation zu durchschauen und etwa zu fragen, ob dieser Erklärer da überhaupt der philosophischen Dinge bedarf (…)“

Er zitiert im Finale dieses eminenten Abschnitts den polnischen Aphoristiker Lec: „Ich hätte viele Dinge verstanden, hätte man sie mir nicht erklärt.“ Der Aphorismus ist hier nicht irgendeine Form: Sie erklärt nichts endgültig, sondern stößt den Leser an, mitzudenken. Auch diese Vorliebe für das Anstößige verband uns schnell.

Heute kann man aber nüchterner sehen, dass der Marxismus nicht allein etwas Modisches war, das den Geisteswissenschaften in West-Europa künstlich von außen, durch „Verführung“, appliziert wurde. Vielmehr galt er in den 1960er Jahren unter zunehmend vielen Jungintellektuellen als eine bis dahin nicht opportune Weise, den Modernisierungsprozeß zu verstehen.

Die oft maßlos übertriebenen wissenschaftlichen und auch noch moralischen Ansprüche bei der Erklärung hängen sicher mit einer verbissenen pietistischen Tradition, aber auch mit dem cultural lag der Bundesrepublik zusammen, was den Marxismus und seine westlichen Modifikationen in anderen Ländern angeht. Die „Einsamkeit“, von der Stöcklein spricht, lässt sich auch auf die alten Kategorien der Innerlichkeit, des Rückzugs auf das Private, aber auch eine rückwärtsgewandte Kulturkritik beziehen, die sich als bewährtes Mittel der Verdrängung während der Adenauer-Restauration anbot. Der Marxismus hingegen reduzierte die bürgerliche Intelligenz nicht auf die Rolle des Kommentators, sondern versprach, den Lauf der Geschichte verändern zu können. Eine Einschätzung, die Adorno und seine Weggefährten allerdings gar nicht teilten.

Hochschulpolitik

Mit Stöcklein sprach ich oft über Benjamin und Peter Szondi, den „Adorno adoptiert“ hatte, wie Stöcklein wohlwollend sagte. Stöcklein schätzte beide fachlich und als Stilisten, zumal ihre luzide Kraft, zu sehen, was im Kommen ist. Er stand auch in seinen Schriften dazu. In seinen Grenzen. Stöcklein blieb dem alten Humanismus-Diskurs als Lebensform verbunden, pflegte in diesem Horizont von „politisch wechselvollen“ Lebensläufen zu reden und zugleich Freundschaften mit Emigranten wie dem zurückgekehrten Schriftsteller Friedrich Torberg und seinem Kollegen Heinz Politzer (Berkeley) zu pflegen, die seelisch robuster waren als Szondi und sich nicht als Einzelkämpfer in politischen Debatten aufrieben.

Szondi Absage an den Humanismus und seinem Insistieren auf die Verflechtung dieses Diskurses mit dem Nationalsozialismus wollte Stöcklein allein den bedauerlichen Einfluß der Melancholie erkennen. Hätte er verstanden, daß das Schicksal und die Melancholie Szondis eigene „Erkenntniskraft“ war? Ich würde Stöcklein dies gern fragen können. Damals konnte ich nicht. Ich wusste auch damals nicht, dass Stöcklein 1964 aus fachlichen Gründen zunächst für eine Berufung Szondis war und dann ablehnte.

Szondi hatte einen politisch brisanten Leserbrief zugunsten Paul Celans in der F.A.Z. veröffentlicht. In der Szondi eigenen messerscharfen Diktion:

„Hans E. Holthusen darf im Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 2. Mai 1964) behaupten, der Ausdruck ‚Mühlen des Todes’ sei bei Celan der Ausdruck einer ‚Vorliebe für die surrealistische, in X-Beliebigkeiten schwelgende Genitivmetapher gewesen. Diese Koinzidenz ist kein Zufall: weder beim Dichter, dem der einstige Euphemismus ‚Mühlen des Todes’ [Eichmanns Wort für Vernichtungslager] noch gegenwärtig ist, noch beim Kritiker, der die Erinnerung an die an das, was gewesen ist, durch den Vorwurf der Beliebigkeit zu vereiteln trachtet.“

Holthusen durfte dergleichen behaupten, während Szondis Hinweis auf die seit 1960 bekannte SS-Mitgliedschaft Holthusens von der F.A.Z. nicht abgedruckt wurde. Die Frankfurter Germanisten in der Berufungs-Kommission lehnen daraufhin Adornos Kandidaten Szondi ab. 2005 wurde das Protokoll der damaligen Frankfurter Berufungskommission vom 22. Juli 1964 publiziert. (Engführungen. Peter Szondi und die Literatur. Marbach, S. 75)

„Zeugnis einer geistigen Krise“

Einer der Germanisten, Burger, versucht, fachliche Bedenken vorzuschieben: Er fürchte den Einfluß der Kritischen Theorie Adornos in seinem Institut. Allein in der Kommission saßen aber vier Germanisten, die alle ihre Gründe gegen Szondi vorbrachten. Darunter nun auch Stöcklein. Er sucht keine fachlichen Gründe, sondern will die „Koinzidenz“, die Szondi schlüssig erklären kann, nicht erkennen, sondern wertet die gesunde Aggression Szondis als „das Zeichen einer geistigen Krise“.

Dass Szondi Melancholiker war, kann er wohl nicht dem Leserbrief entnommen haben. Stöcklein diskreditiert eine Argumentation, indem er die psychischen Probleme ihres Urhebers anführt. Er macht aus einer sehr präzisen Erinnerung Szondis sein privates Problem, das eine Berufung ausschließt. Solche Argumentations-Weisen lassen sich auch nicht damit rechtfertigen, dass sie unter wechselnden Vorzeichen eine gängige Praxis nicht nur in der Hochschulpolitik sind.

Stöcklein gehörte zu den Dagebliebenen, die offen blieben für freundschaftliche Kontakte mit Juden, auf deren kollegialen Intellekt er nicht verzichten wollte. Mit ihren Erinnerungen wollte er weniger zu tun haben. Das ist nicht nur für seine Generation nichts Besonderes. Er versuchte, diese Schweigezone zu umkreisen. In immer neuen Anläufen hat er eine Kontinuität der Verführbarkeit durch Total-Erklärungen analysiert.

Hätte ich mich gern mit ihm beraten, bevor ich 1996 in Jena ebenfalls in eine „geistige Krise“ geriet? In einem hochschulpolitischen Zusammenhang hatte ich fast alle Lebensenergie eingebüßt. Und mußte allein lernen, dass der Zustand solcher Gremien und Institutionen nicht von Individuen und deren Kompetenz und Urteil abhängt, sondern mehr oder weniger politisch vorprogrammierten Beschlüssen zweifelhafter Gremien und ferngesteuerter Funktionsträger. Meine persönliche Ansprache beanspruchte damals eine Integrität von Professoren, die zu unterstellen in den seltensten Fällen Anlaß bestand.

Ende

 

Den Abschluß meines Doktorats im Januar 1993 konnte er nicht mehr erleben. Er starb am 29.4.1992. Ich war im Januar 1992 von einem viermonatigen Aufenthalt aus Israel zurückgekehrt.

Stöcklein machte sich, wie andere auch, Gedanken, wie mir Klima und Situation in Israel bekommen würden. Es bekam mir bestens. Stöcklein und ich wechselten in dieser Zeit weiter Briefe. Bald nach meiner Rückkehr erfuhr ich, daß er auf der Isolierstation liegt. Ich besuchte ihn dort. Er wirkte physisch sehr geschwächt, war aber geistig hellwach und bat mich, ihm die üblichen Zeitungen mitzubringen. Ich tat es gerne.

Neuerscheinung: Elazar Benyoëtz: Fraglicht. Aphorismen 1977-2007. Braumüller-Verlag Wien

30. Mai 2010

Cover von Elazar Benyoetz: Fraglicht

Soeben erschienen im Wiener Braumüller-Verlag unter dem Titel „Fraglicht“ die gesammelten Aphorismen von Elazar Benyoëtz. Die Wurzeln des Werks liegen in der jüdischen Überlieferung, zugleich steht es am Übergang von moralistischer Kunstprosa zur absoluten Lyrik der Klassischen Moderne Europas. Dabei ist Benyoëtz in seinen Schriften immer im Gespräch mit Kohelet, dem biblischen Prediger Salomo, dem Ahnherren seiner Aphoristik, der  Zuversicht nach einer Desillusion schöpft – und somit ein durch und durch moderner Autor ist.

Leinen mit Schutzumschlag, 540 Seiten
ISBN: 978-3-99200-010-4

Einzelpreis: 34.90 EUR

„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt.“ Zu Elazar Benyoëtz‘ neuem Buch „Scheinhellig“

21. Dezember 2009

Das Bedürfnis nach Konsistenz, nach Stimmigkeit, ist insgeheim das Bedürfnis nach einer heilen Welt. Ohne es kann Vernunft nicht rückhaltlos aufklären: über die Welt wie über sich selbst.

Christoph Türcke: Kassensturz. Zur Lage der Theologie

Intro

In Zvi Kolitz‘ Erzählung Jossel Rakovers Wendung zu Gott (1946) formuliert der imaginäre Titelheld sein folgenreiches Bekenntnis:

Ich habe Ihn [den Gott Israels] lieb. Doch Seine Thora habe ich lieber. Selbst wenn ich mich in ihm getäuscht hätte, Seine Tora würde ich weiter hüten. Gott heißt Religion. Seine Tora aber bedeutet eine Lebensweise! Und je mehr wir sterben für diese Lebensweisung, so unsterblicher wird sie werden.

Es geht bei Kolitz um die Frage der Möglichkeit eines Glaubens nach Auschwitz. Die Antwort ist dann doch älter: Bereits Heinrich Heine erkennt in der Schrift das „portative Vaterland“ der Juden. Hier reiht sich auch Elazar Benyoëtz ein, wenn er schreibt:

„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt nach diesem Plan.“ (S. 37)

Als unentbehrliches Überlebensmittel erscheint bei ihm – zusätzlich zur Tora, den fünf Bücher Mose – die gebundene Rede der Psalmen. Diese lyrische Form erst verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft:

Ohne Tora gäbe es kein Judentum, ohne Psalmen könnten die Juden die Tora aber nicht so weit durch die Zeiten tragen.

Erst die Psalmen erscheinen aus dieser Sicht als persönlicher und zugleich verbindender Ausdruck von Trauer und Lebensfreude, von Sehnsucht, Leid und Zauber. Für Benyoëtz ist dieser Horizont erweitert um seinen jüdische-deutschen Talmud, die jüdische Literatur deutscher Sprache.

***

Scheinhellig ist ein Buch über den ästhetischen Schein und über das Verhältnis des Menschen zu sich und den anderen, über das Religiöse also, über das „verlorene Thema“. Als gescheitert sieht Benyoëtz die bürgerliche Kunstreligion an. Seit der deutschen Frühromantik war dies, besonders in Deutschland, einmal State of the art: Kunstreligion, das war in den Generationen von Schlegel über Nietzsche bis Adorno und seinen Schülern der Versuch, metaphysische Wahrheiten ästhetisch zu bewähren.

Wegweisend für ein Verständnis dieses Buchs ist der Begriff der »Variationen«, der hier, wie so oft bei Benyoëtz, nicht einen Inhalt bezeichnet, sondern eine Kunstformen auf Lebensformen zurückführt. Sie folgt der Tendenz der modernen Künste zu Variationen, in denen, nach Adornos Philosophie der neuen Musik, überlebe, »was sonst vergessen ist(,) und unmittelbar nicht mehr zu reden vermag«.

Der Gedanke, dass Kunst Offenbarung von Wahrheit sei, diese aber lediglich in einer ihr unwesentlichen, nämlich sinnlichen Form zum Ausdruck bringe, ist der Grund für die Ambivalenz, mit der sich Kunstreligion zwischen Hegels Ästhetik und Adornos Ästhetischer Theorie zu artikulieren pflegte: Alles, was demnach positiv zum Ausdruck  kommt, erscheint demnach als trügerischer Vorschein einer besseren Welt. Anschaulichkeit gilt der künstlerischen Intelligenz daher seit über 100 Jahren schon als trivial. Was gilt, ist allenfalls das Ephemere einer schnelllebigen urbanen ästhetischen Erfahrung nach dem Vorbild Baudelaires und der Symbolisten. Seither  dominierten Epiphanien mit einem zeitlichen Index. Benyoëtz‘ „Variationen über ein verlorenes Thema“ – das Religiöse – üben im Sinne Adornos Negativer Dialektik „Solidarität mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“. Das verlorene Thema wieder zu finden oder seinen Sinn zu erneuern, steht nicht in der Macht von Aphoristik, und selbstredend auch nicht in der dieser Besprechung.

Es erscheint hingegen nicht abwegig, auf dieser Spur das Thema, das Benyoëtz hier variiert, zu politisieren. Dafür spricht der Auftakt, in dem Bezüge zur Conditio humana überdeutlich sind, so in einem der präludierenden Zitate. Es stammt von Hermann Broch:

„Alles was geschieht – das wird immer deutlicher und deutlicher – ist ein Ringen um die neue Religiosität und dies ist wahrscheinlich auch das einzige, was den Menschen wahrhaft interessiert, mag es auch danach aussehen, als wäre die Weltwirtschaft das einzig Interessante.“ (S. 7)

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Exkurs: Mein verlorenes Thema

Von Mazzino Montinari (1928-1986), neben seinem Lehrer Giorgio Colli (1917-1979) Erstherausgeber der alleingültigen Werkausgabe Nietzsches, ist folgende Anekdote überliefert: Man fragte ihn während der marxistisch inspirierten Wiederentdeckung von Nietzsches Kunstphilosophie in Italien, in den späten 1960er Jahren, was ihn und Colli ausgerechnet an Nietzsche interessiert? Die Antwort des italienischen Katholiken war ein Luther-Zitat: „Das Wort sie sollen lassen stán.“

Montinari und Colli waren Männer des antifaschistischen Widerstands, zumindest Montinari ist bis zum Ende seines Lebens Marxist und Kommunist geblieben. Die Revolution beginnt als Revolte im Kopf. Dort betrifft sie zuerst die Sprache.

Lebendige Rede herstellen bedeutet, das Denken vom Kopf auf die Füße stellen – eine eigenwillige Marx-Auslegung. Ist das nicht das nächste verlorene Thema? Immerhin: Bei solchen Anregungen meiner intellektuellen Pubertät begann unabhängig von Nietzsche mein Umgang mit Sprache, Rede und Texten, der mich bis heute – diesseits des Repertoire-Theaters von Konfessionen, Eiferern und Sektierern – zur Sprachfrömmigkeit anhält.

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Hier ist von vorsprachlichen Präokkupationen die Rede, von denen wir doch allein ihren sprachlichen Niederschlag kennen. Der Dichter zögert hier. Und dieses Zögern hat Paul Valéry in einem Aphorismus zum Merkmal des Gedichts erhoben:

Le poème – cette hésitation prolongée entre le son et le sense.

(Das Gedicht – dieses verlängerte Zögern zwischen dem Laut und dem Sinn.)

Heute ist Elazar Benyoëtz auf ähnliche Weise wie Valéry vor 100 Jahren der reflektierteste Virtuose des ästhetischen Scheins, dessen Doppelsinn von metaphysischen Vorschein und Täuschung sich schon im Titelwortspiel „Scheinhellig“ artikuliert. Sein Werk steht an einem Ort, der für ihn publizistisch zur Heimat geworden ist: aus der hebräischen Lyrik kommend, am Übergang zur artistischen Prosa deutscher Sprache.

Die Legierung dieser Ästhetik ist eine stets schon Negative Theologie. Sie liegt in der semiotischen Aufklärung durch das Bilderverbot des Tanach begründet:

„Aller Kult tendiert zu künstlicher Vollendung. Diese wird notwendig zur Vollendung des Gottesbildnisses, das somit entlarvt wird. Was man in Handwerk und Kunstfertigkeit vollenden will, wird als Vollendung im Bilde (Gottes) selbst geglaubt. Die Kunst macht glauben und lässt den Menschen im Bilde dieses Glaubens allein sein“ (S. 79)

Die Skepsis gegen den apollinisch eingefriedeten Bereich der klassisch-idealistischen Kunstformen teilt er mit Edmond Jabès, der einzig die gebrochene Form gelten ließ.

Das verlorene Thema, das ist eine vergessene Zone der Intensität, die dem „totgesagten Park“ Stefan Georges gleicht. Dem „Hier und Jetzt“ der Künste fehlt ein Ort in einer Welt, die nach Schätzungen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen mit 40 Millionen Flüchtlingen aller Art und Herkunft lebt.  Aus dieser Sicht geht es um eine Welt, die weniger einem in den Weltmaßstab vergrößerten „globalen Dorf“ als einem Lager gleicht. Mir scheint diese Erinnerung an die conditio humana nicht ganz abwegig zu sein, um den Umstand zu erklären, daß ortsbezogene Realpräsenz in der Poesie des 20. und 21. Jahrhunderts  selten eine gelungene Rolle spielt. Anschauung gilt seither in den Künsten überhaupt als ästhetisch fragwürdig. In diesem Sinn hat Walter Benjamin die Sprache als „ein Archiv unsinnlicher Ähnlichkeiten“ bezeichnet, eine These, deren Formulierung gegen sich selbst rebelliert: Er gebraucht das Bild des „Archivs“, um die behauptete Tendenz zur Entsinnlichung des Worts im Zeitalter der Information zu unterlaufen. Wo hingegen sonst allzu stark die Sinne ins Spiel kommen, geraten alle positiven Bilder von Einbildungskraft selbst in den Bann der Grenzen, deren Heilsamkeit sie beschwören. Positive Bilder, das heißt in der Literatur: geschlossene Formen. Radikal hat dies bereits 1916 der frühen Georg Lukács in seiner Theorie des Romans in seinem Verdacht gegen die klassisch-bildungsbürgerlich gerundeten Kunstformen ausgesprochen:

„Die hierarchische Frage von Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit ist das ethische Problem der Utopie.“

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Die Aphoristik und Montagetechnik von Benyoëtz scheint in ihren nicht-hierarchischen, sondern von Nebenordnung geprägten, Verhältnissen vor dem Verdacht geschützt, letzte Weisheit zu verkünden. Zumindest für das Bürgertum im Zeitalter der Ideologen aber waren Sinnsprüche und geschlossene Formen der Spiegel, mit dem es über sich ins Reine kommen wollte. Heute sind Sinnsprüche, so scheint mir, bei naturwissenschaftlichen, allenfalls noch philosophischen Medien-Experten besser aufgehoben. Ihnen traut das Massenpublikum eher als den künstlerischen Intelligenzen zu, zu deuten, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wer auf Qualität und politische Moral Wert legt, den werden alle positiven Bilder vom Menschen und seiner Geschichte ohne Ausnahme abstoßen. Er wird es mit dem Partisanen des Kunstfilms Jean-Luc Godard halten. Gefragt, warum seine Film, keinen klaren Anfang, keinen Mittelteil und kein Ende haben, antwortet er dialektisch: „Ein Film sollte einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende haben – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“

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In Scheinhellig begegnen sich das Poetische und das Religiöse als Verhältnisformen eines Menschen zu sich und den anderen, die Freiheitsimpulse wecken, sich bewähren oder nicht, jedenfalls Vertrag und Verrat begründen. Entsprechend wird man sich an die Verkehrsformen und die kumulierenden Begegnungen und Lektüren des Autors halten können, die in diesem zitatenreichen Werk ihren Niederschlag finden. Deutlich ist durchweg eine Haltung, in der die Lehre als reflektierte Praxis gilt:

„Die Thora ist die Lehre, die vierzig Wüstenjahre aber die Schule.“

In dieser mal ausgelassenen, mal stoischen Heiterkeit der letzten Dinge bleibt er dann auch nicht befangen in Negativer Theologie, an der er zweifellos Anteil hat. Geht man von Moses Maimonides‘ aus, erkennt man die Dinge am besten durch das, was sie nicht sind. Dies gilt auch für Benyoëtz. Und sicher läßt sich an seiner Sprache feststellen, dass er wie Walter Benjamin und andere dunkle Interessenten der Negative Theologen und der Mystiker der Bestimmung aus dem Unterschied seine luzidesten Einsichten verdankt.

Die lyrische Aphoristik erscheint dann als die subjektivste Form. Wie sonst nur das symbolistische Gedicht hat sie häufig sich selbst zum Gegenstand. Auf die anarchische Selbst-Auslieferung hin, so die Hoffnung, die sich mit einem solchen Impuls verbinden mag, bricht die entfremdete Seite der Gesellschaft auf. Er ist also von seinen Anfängen an nicht daran interessiert, zu metaphysischen Überhöhungen des geschichtlichen Prozesses gleich selbst die Anleitung zu geben. Es geht ihm vielmehr um eine Zersplitterung der Oberfläche in vielschichtige Sprachwahrnehmungen, die zeigen, was von einstiger Größe oder Hoffnung übriggeblieben ist. Ästhetisch umstritten ist seine Neigung zum Klangwortspiel, zur Amphibolie. Neuerdings will Chaim Vogt-Moykopf in dieser habituellen Eigenart aber eine „Degermanisierung“ des Deutschen erkennen:

„Il s’agit d’une tentative de dégermaniser l’allemand, de réorganiser sa structure et son vocabulaire, bref de l’hébraïser.“

Hier kann nur auf eine ausstehende Debatte hingewiesen werden. Allerdings erscheint mir diese Art der Politisierung zu vage, ähnlich wie der mit Heideggers ontologisierender Wortspielerei begründeten Präokkupationen gegen Klangwortspiele, die vielleicht nur auf harmlose kulturelle Unterschiede zwischen Nordeuropäern und mediterranen Menschen verweisen. Allemal erweist sich hier Peter Szondis Diktum gültig, dass philologische Erkenntnis nicht den Text in die Geschichte zu stellen, sondern die Geschichte im einzelnen Text aufzuzeigen hat.

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Benyoëtz‘ jüdisch-deutscher Talmud wird in der jüngeren Forschung vielfach als Negative Theologie oder Mystik verstanden, ohne dass dieser Hinweis intertextuell belegt oder durch ideengeschichtliche Fluchtlinien konkretisiert würde. In der Tat ähnelt sein Vorgehen dem, was etwa der evangelische Theologe Rudolf Otto (Das Heilige, 1917) oder Aby Warburg, der Pionier der Bildwissenschaft, mit seinem Bildatlas Mnemosyne zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im Sinn hatten, als sie die Kontinuität von archaischen Erfahrungswelten und ihren medialen Verkehrsformen mit Begriffen wie Ideogramme oder Pathosformeln zu umschreiben suchten. In den vergangenen Jahrzehnten wandelte Jean Starobinski mit seinen Büchern über die Embleme der Französischen Revolution und der Aufklärung auf dieser Spur. Stets sind solche Zeugnisse von einer eigentümlichen Mischung aus animalischer Angst und einer an Ausgelassenheit grenzenden Faszination gekennzeichnet. So auch bei Benyoëtz.

Anfangs erinnert er an die 1962 in Tel Aviv begründete Zeitschrift Prozdor (Vorhalle), an der er mitwirkte; „Gott gewidmet“, will sie den Glauben anstacheln, seinen Wortbestand erschüttern. Deutlich knüpfte er dann schon vor seinem Wechsel der Literatursprache an die expressionistischen Aufbrüche in der deutschen Literatur an, zu der im Bereich der jüdischen Erneuerungsbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg Franz Rosenzweig in seinem Stern der Erlösung oder mit Martin Bubers in der ‚Verdeutschung‘ der Schrift beigetragen. Diese frühe Neigung zum Expressionismus begegnete mir auch in seiner kürzlich bei Brockmeyer unter dem Titel Vielzeitig erschienenen Auswahl aus seinem extensiven Briefwechsel deutlich.

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Benyoëtz ist ein Autor, bei dem höchste Kunstfertigkeit ein eigentümliches Spannungsverhältnis eingeht mit dem sehr starken Bedürfnis, Zeugnis von Begegnungen mit Sätzen und Menschen abzulegen, die in seinen Aphorismen und Montagen fortleben. Das „verlorene Thema“ wird bei Wort genommen, und das hier: beim Zitat aus einem reichen Erbe der Weltkultur. Die Vielfalt der dabei entfalteten bedeutungskonstituierenden Möglichkeiten von Zitaten lassen sich kaum andeuten; noch weniger sind sie bislang vorgestellt und untersucht worden. Einige davon sind:

–        Die Zitierten sind vergessene, die Zitate stets überraschend. Durch diese homiletische Gabe werden die Zitierten dem Vergessen entrissen.

–        Zitate werden zum Medium erinnerter Beziehungen, so im einleitenden „Widmungsblatt“ (S. 13)

–        Zitate werden über ein gemeinsames Wort kombiniert:

„Was Einer weiß,

ist immer das Beste.

Die Edda

Einer war Abraham…

Ezechiel 33,24“ (S. 17)

–        Zitate werden Partnern eines inneren Dialogs mit den aus früheren Büchern von Benyoëtz schon bekannten generischen Namen Kosal Vanít und Lazarus Trost (S. 7) zugeschrieben

Im Nachwort des Autors heißt es, auch im Sinne einer Lese-Orientierung: „Zitieren heißt hervorrufen und vernehmbar machen, was besagen will, dass die Toten nicht auch wörtlich tot sind. Zitieren heißt auch weiterführen.“ (S. 244)

Es gehört zu dieser Art der ästhetischen Organisation, dass der Autor auch sich selbst zitierend weiterführt: „Manche Aphorismen dieses Buches“, schreibt er, „standen schon einmal, in einem anderen Zusammenhang, zwischen anderen zwei Deckeln, auf ihrem verloren scheinenden Posten.“ – Was verloren ist, findet,  jedenfalls nach Hegelscher Lesart , seinen „Niederschlag“ in der Form: Die aphoristische Isolation und die musikalisch-montagehaften Kombination mit Zitaten verweisen auf das „verlorene Thema“  von Scheinhellig.

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Der Romancier Dan Tsalka hat auf Benyoëtz‘ halachische Gabe des Zitierens hingewiesen, die ihm auch einen Satz von Montaigne lesen lasse, wie man ihn noch nie gelesen habe. Er könnte, so Tsalka, wie Walter Benjamin in seinem Passagenwerk, der mit einem ähnlichen melancholischen Wortgedächtnis geschlagen, also gesegnet war, auch ein Buch nur aus Zitaten schreiben.

Wie Benjamin ist Benyoëtz bei alldem alles andere als ein Gesinnungsautor: Er kann beim Wort im Satz verweilen, ohne bei jeder Wahrnehmung einer Person, einer Aussage, einer Empfindung oder einer luziden Eingebung des Augenblicks, sofort zu exzessiven weltanschaulichen Deutungen und salbadernden Überhöhungen ausholen müsste, wie dies auf dem Feld der christlichen Homiletik und ihrer Literatur allzu oft begegnet. Sein Gespür für die Stelle, an der ein Satz, eine Wahrnehmung keine weitere Ausführung erlaubt, ist bereits in den 1970er Jahren zum Kennzeichen des Autors geworden.

Dabei ist die Allgemeine Geschichte bis in ihre sprachliche Verschalung überdeutlich: In der symbolischen Kultur des Deutschen erscheint das Jüdische etwa bei Heinrich Heine als sinnlich bis zur hedonistischen Ekstase, dann wieder wie bei Karl Kraus als strengstes Sprachgericht, mal sprachverlegen, dann wieder bilderreich, Punkt für Punkt im Gegensatz zu einer deutschen Mentalität, der das Authentische und Identische als höchste Werte gelten. Das ist umso bemerkenswerter, weil sich diese Konstellation von ästhetischer Ekstase im Widerstreit mit politischer Moral heute selten mehr in Werken zeigt, sondern sich in Schwundstufen eines Habitus von zwiespältigen Menschen allgemein niederschlägt, denen Benyoëtz eine Sprache gibt.

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Was das spezifisch Poetische angeht, ist es die lyrische Verdichtung, selbst im Anekdotischen oder im wörtlichen Wahrnehmen von Personen und kulturellen Differenzen und ihren tiefgestaffelten Traditionen, die mir literarisch nun schon seit 22 Jahren besonders zusagt: Benyoëtz schreibt – mit einer glücklichen Formel des Romanisten Werner Helmich – erbaulich, ohne trivial zu sein. So entgehen sie aber auch jener zweiten, von Lukács profilierten Gefahr der „Desillusionsromantik“, der „Selbstauflösung der Form in einen trostlosen Pessimismus“ oder, gattungsspefizifischer, in der entlarvenden Haltung nach dem Muster, das Karl Kraus mit seinen Aphorismen Sprüche und Widersprüche gibt. Adorno wird diese Scheu vor dem abgegriffenen Wort von seinem Lehrer Kraus erben, sich eine Lehre vom richtigen Leben versagen, und stattdessen nur noch Minima Moralia formulieren, deren fragmentierte Form aber doch den Gedanken an die Wahrheit wachhält. In dieser Tradition formuliert Gert Mattenklott 1968 in Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang:

„Ergriffen und furios bewegt von der geschichtlichen Möglichkeit, redet die Avantgarde oft in der Form ekstatisch und leidenschaftlich in der Sprache der Körper, aber illusionslos und resigniert dem literarischen Wortsinn nach.“

Auf ähnliche Weise ist, wie man weiß, Kohelet, der Hamlet der Bibel, für Benyoëtz der wichtigste Ansprechpartner: Auch er leidenschaftlich dem Hier und Jetzt verpflichtet, auch wenn seine Worte nach ihrem positiven Sinn illusionslos und resigniert sind. So schaffen sie sich ihren übersinnlichen Leib:

„‚Durch tiefes Denken‘ – sagt Hippel – ‚gewöhnen wir unsere Seele zu einer Art Existenz außerhalb des Körpers.‘“ (S. 27)