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Gegen sich denken. Zum Tod André Glucksmanns

10. November 2015

Die Libération zitiert heute Daniel Cohn-Bendit zum Tod seines Weggefährten André Glucksmann:

«On s’est rencontrés en Mai 68 et on ne s’est plus quitté». „Wir haben uns im Mai 68 getroffen und einander nicht mehr verlassen.“

Das mag überraschen, wenn man gewohnt ist, einen Transatlantiker, als der Glucksmann sich in den vergangenen Jahrzehnten zweifelsohne verstanden hat, von einem Kritiker der us-amerikanischen Interventionspolitik zu unterscheiden wie man hierzulande einen Ochsen von einem Esel unterscheiden kann.

Man darf das Nicht-Verlassen, das Beistehen wörtlich nehmen: Als Cohn-Bendit nach dem Mai 68 von de Gaulle aus Frankreich verbannt wurde und im Frankfurter Exil lebte, besuchte ihn Glucksmann. Und als dann Valéry Giscard d’Estaing Mitte der 1970er Jahre die nouveaux philosophes um Glucksmann und Bernard-Henri Lévy zum Mittagessen in den Elysée-Palast einlud, antwortete Glucksmann: „nein, ich nehme ihre Einladung nicht an, wenn sie nicht das Aufenthalts-Verbot gegen Dany unverzüglich aufheben.“ Und so geschah es.

In einem Punkt kamen sie sicher überein: Man läßt nicht die Opposition, man läßt nicht Minderheiten und Flüchtlinge aus Diktaturen im Stich, egal ob diese Diktaturen nun rechts, links, islamistisch oder was sonst alles sind oder sein wollen. Und man verteidigt als Franzose diese im besten Sinne westliche Tradition, Flüchtlinge und Verfolgte zu schützen. Es waren keine Lippen- oder Papier-Bekenntnisse: Glucksmann machte oft als einer der Ersten die Öffentlichkeit auf Verfolgte aufmerksam, gleich ob sie aus Vietnam, aus Argentinien, Chile, Osteuropa, Afghanistan, Algerien oder Tschetschenien kamen. Politik und Medien hätten dergleichen lieber bis zum geht nicht mehr verschwiegen.

In den Medien wurde er darauf angesprochen, daß er, untypisch für das Bild eines Medien-Intellektuellen, nicht in Saint-Germain-des-Prés lebte, sondern in einem Migranten-Viertel am Nordbahnhof. Er hielt es nicht als Ausweis von Authentizität vor sich her, sondern erklärte unprätentiös: „einfach, weil es da billiger ist.“

Daß er sich offen für die us-amerikanisch Intervention im Irak ausgesprochen hatte, empfand man auch im Pariser aufgeregten Meinungsklima als Makel, auch wenn niemand seine intellektuelle Redlichkeit bezweifelte. Pascal Brucker: „Er lebte in einer Respekt gebietenden Askese des Engagements nur für seine Bücher und Überzeugungen.“ Stets holt er die Kriegs-Empörung auf die Frage zurück: Was ist schlimmer – Völkermord, Vertreibung und Totalitarismus oder der Krieg dagegen?

Sind nicht die Zuordnungen in der Praxis zu unklar, die Fronten und Bündnisse zu wechselhaft und oft trügerisch? Manchmal sicher, aber es hieße, etwas Falsches von einem Philosophen zu erwarten, wenn man dies als Einwand oder gar als Vorwurf formulieren würde. Es hieße vor allem, wegzusehen. Glucksmann besetzt, wie manche französische Philosophen seit Voltaire eine Stelle zwischen der Tagespolitik, die von Sachzwängen geprägt ist, und der akademischen Philosophie; eine Stelle, die es in Deutschland nicht gibt.

„Wenn man den Mut hat, zu denken, kann man sich auch irren, sonst bleibt man stehen.”

Daniel Cohn-Bendit sprach heute Morgen im Deutschland-Radio Kultur über seinen verstorbenen Freund Glucksmann. Es ging auch darum, die üblichen deutsch-französischen Mißverständnisse über politische Positionen auszuräumen. Wie konnte Glucksmann Sarkozy, einen Neo-Gaullisten untersützen. Ob das nicht „so ein typischer Alters-Konserativismus“ gewesen sei, fragte der Radio-Journalist. Cohn-Bendit: „Nein, nein. Er hat in Sarkozy einen Politiker gesehen, der eine Krankheit der französischen Gesellschaft, nämlich die Arbeitslosigkeit, bekämpfen, und eine neue Dynamik in die französische Gesellschaft bringen wollte.“

Sarkozy hatte dann die 68er und besonders Cohn-Bendit angegriffen. Als Antwort schrieb Glucksmann mit seinem Sohn Raphaël das Buch Mai 68, expliqué à Nicolas Sarkozy (Éditions Denoël 2008). Der hatte den ‚Geist von 68‘ für Gleichgültigkeit und Werteverfall verantwortlich gemacht. Glucksmann unterscheidet: Die Werte der vor-68er Zeit seien nicht bewahrenswert gewesen (S. 181).Und er gibt zu verstehen, daß Sarkozy die französische Tradition eines selbsironischen Umgangs mit Verboten und Revolutionen nicht verstanden hat. Glucksmann bindet Cohn-Bendit luzide ein in eine französische Rhetorik, die nicht nur das verbieten verbietet, sondern auch das Verbot des Verbots.  So weist er einen Spontanismus französischer Revolutionen und in ihren verbalen Zeugnissen eine Komik der Ideen nach, die eine fatale Konfrontation von erstarrter Macht und eskalierender Gegengewalt in Frankreich verhinderte. Er erwähnt im Unterschied dazu die „Roten Armeen“ der postfaschistischen Länder Japan, Italien und der Bundesrepublik.

In dem Buch wird sehr hübsch und leidenschaftlich erklärt, daß Sarkozy ohne 68 gar nicht möglich gewesen wäre. Schließlich gab es auch bei Sarkozy anfangs Zeichen einer Bereitschaft zum Aufbruch, auch in der vielfach opportunistischen französischen Menschenrechtspolitik.  Sie bestätigten sich zu selten. Und als sich Sarkozy Putin annäherte, korrigierte sich Glucksmann und kündigte seine Unterstützung auf.

„Wenn man den Mut hat, zu denken, kann man sich auch irren. Sonst bleibt man stehen”,

faßte Dany Cohn-Bendit zusammen.

Glucksmann gehört neben Daniel Cohn-Bendit zu den französischen 68ern, die aus Flüchtlingsfamilien Deutschlands und des Habsburger Reichs stammten. Sie waren im Sinne Hannah Arendts „Parias“ ihrer Gesellschaften, wenn auch in Frankreich, wo die Aufnahme von Flüchtlingen eine republikanische Tradition ist. Und diese Tradition begriffen beide als französisch, als westlich, und wollten sie verteidigt wissen. Anders als in der Bundesrepublik solidarisierten sich in Frankreich erst die Gewerkschaften, dann weite Teile der Bevölkerung offen mit allen Studenten solidarisierte, als die Regierung hart gegen die Studenten-Unruhen vorging. 10 Millionen Menschen legten die Arbeit nieder. Am Ende gewann zwar de Gaulle wieder, aber es entstand kein Terrorismus in Frankreich. Die Rolle von Revolutions-Ikonen haben beide früher oder später abgewiesen. Die Zeit ging weiter, sie prägten sie auf andere Weise weiter.

1974 erschien Solschenizyns Archipel Gulak. In französischen Fernsehdiskussionen der 1970er Jahre pflegte sich die Bourgeoise darauf herauszureden, daß man die Zahlen der politischen Gefangenen in der UdSSR ja nicht kenne. Glucksmann sprach dann gegen diese Wand laut und deutlich von „Konzentrationslagern“. Zur Not auch so lange, bis seine Gesprächspartner es nicht mehr ertragen konnten und gingen.

1983 erschien La Force du vertige, Philosophie der Abschreckung, ein Buch, über das ich mit meiner Mutter seinerzeit gestritten hatte. An die Adresse der deutschen Friedensbewegung erklärte er, daß die Angst vor dem Aggressor und die neue deutsche Appeasement-Politik diesem eine Stärke gibt, die er sonst nicht hätte. Ich habe dies damals nicht so gesehen, meine Mutter schon. Die Linie Glucksmann, auch sein Deutschlandbild, sind aus meiner heutigen Sicht zum Teil ganz richtig. Und er hatte dabei nur die Meinung seines Lehrers Raymond Aron bestätigen können, der zwischen 1930 und 33 als Forscher und Dozent gelebt hatte: Die Verachtung des westlichen Lebens habe die Deutschen in die Arme des Totalitären getrieben: „Die Deutschen haben immer Angst vor den falschen Dingen“, meinte Glucksmann. Er erkannte Analogien zur Erfahrung Arons, der zeit Lebens ein großer Verehrer der deutschen Philosophie und Literatur war, im Verhalten des Westens zum NATO-Doppelbeschluß und zu einer nicht nur in Deutschland verbreiteten antiamerikanischen Appeasement-Stimmung nach 9/11.

Später wurde er Assistent von Raymond Aron, einem seinerzeit sehr komplexen und einflußreichen konservativ-liberalen Philosophen und Soziologen. Aron hatte als Forschungs-Assistent von 1930 bis 33 in Deutschland gelebt, die deutsche Philosophie lieben gelernt, aber feststellen müssen, daß die deutsche Intelligenz die westliche Welt zu sehr verachtete, um den Nationalsozialismus zu fürchten und wirkungsvoll zu bekämpfen.

Ludwig Börne schrieb Briefe aus Paris. Von seinen Mitstreitern in Deutschland nach dem Grund gefragt, antwortet der jüdische Anwalt der deutschen Volkssouveränität, indem er sie herausfordert: „weil ich die Freiheit mehr liebe als ihr“.

„athée en politique“

Der Historiker Sebastian Voigt hat diesen beiden neben dem kaum mehr bekannten Pierre Goldmann zuletzt ein Buch gewidmet, mit interessanten Aspekten, aber mit dem zu plakativen Titel Der jüdische Mai 68. Es mögen zum Teil deutsche Projektionen sein, die hier bedient werden. Der Titel läßt an die Generationen übergreifende Meinungsführerschaft einer homogenen Gruppe denken und wird damit falsch. Schließlich sah das französische Establishment 68, zumal de Gaulle, im Franzosen Cohn-Bendit einen deutschen Juden, wie Sartre bitter-sympathisierend über ihn schrieb.

Glucksmann war 10 Jahre älter als Cohn-Bendit, und hatte eine ganz andere politische Biographie. Sohn eines im Widerstand gefallenen kommunistischen Funktionärs, Rubin Glucksmanns, empfand er nach dem Krieg den Parti communiste zunächst als seine Ersatzfamilie und auch als die Instanz der Menschenrechte. 1957 verstieß ihn diese Familie, weil er im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn wiederum Menschenrechte reklamierte. Cohn-Bendits Vater war ein links-libertärer Anwalt. Kommunistisch erzogen war er nicht. Sein Lektor und Freund Fritz J. Raddatz hat sich später über seine Unkenntnis des Marxismus klar geäußert, die ihm nicht anders vorkam als bei vielen bürgerlichen Linken.

Auch innerhalb der 68er Bewegung positionierten sich Glucksmann und Cohn-Bendit innerhalb der Linken unterschiedlich,  beide später auch wechselvoll. Cohn-Bendit war 68 kein Maoist wie Glucksmann, sondern träumte damals den Traum eines libertären, herrschaftsfreien Anarchismus. Seine Marx-Kenntnisse waren nach Auskunft seines mit befreundeten Lektors Fritz J. Raddatz so bescheiden wie bei vielen bürgerlichen 68ern. Für Glucksmann war die Wende zur Totalitarismus-Krieg aus seiner Familiengeschichte heraus ein schwieriger Prozess von Emanzipation. Früher oder später übertrugen sie die Familien-Erfahrung des Totalitarismus und einer stalinistisch gescheiterten Utopie in ein Engagement für universelle Menschenrechte. Auch das Wort „links“ übergeht Unterschiede, wenn damit nicht eine Wendung zum globalen Schicksal von Vertreibung gemeint sein soll. Und das haben Cohn-Bendit und Glücksmann allenfalls in sehr jungen Jahren unter besonderen Umständen exklusiv bei der Linken garantiert sehen können, wie auch immer man sie definieren mag. Die Entschiedenheit, sich seine Allianzen und Freundschaften frei zu suchen und zu korrigieren, haben sicher beide für sich in Anspruch genommen, und dabei auch immer riskiert, Zugehörigkeiten zu verlieren, als Renegaten verschrien zu sein. Jeder auf seine Weise, jeder nie ein für alle Mal.

„Dostojewski in Manhattan“

Glucksmann war einer, der dem Haß in die Augen gesehen hat, wo ihn uns die Sozialarbeiter wegerklärten. Davon spricht sein Buch Discours de la Haine. Und einer, der der Erkenntniskraft der Weltliteratur vertraute, wenn er sich angesichts von 9/11 an Dostojewski und Tschechow orientierte.

Dostojewski ist für ihn im Zusammenhang mit den Motiven von Terrorismus wichtig, weil er eine an immer anderen Stellen der Welt wiederkehrende Konstellation und Erfahrung freilegt, in der alles erlaubt ist, in der Menschen zu Richtern über Leben und Tod anderer werden, in der unsere westlichen Vorstellungen von Erziehung zum Besseren scheitern. Und deswegen wollen wir ihn ignorieren, kleinreden.

Was erkennt Glucksmann durch die russische Literatur nun besser? In Dostojewskis Dämonen gibt es sowohl Atheisten wie Gläubige (wie die Figur Schatow), die sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft haben. In Verbrechen und Strafe ist es die Titelfigur Roskalnikov. Sie haben eines gemeinsam: Sie glauben an ihre moralische Überlegenheit, die ihnen das Recht gibt, zu töten, zu bomben, um tabula rasa zu machen. Die Tat beweist diesen Figuren, daß sie nicht nur können, sondern dürfen: Das Prinzip der „Propaganda der Tat“. Und diese Botschaft sollen spektakuläre Anschläge senden und die Bevölkerung der anderen Seite zumindest an der Stärke oder gar an der Legitimität von Staat und Recht zweifeln lassen.

Tschechows satirische Komödie Der Kirschgarten zeigt eine dekadente Adelsgesellschaft, die nur zu dekorativen Zwecken fortbesteht wie ihr wunderschöner Kirschgarten, der am Ende der am Ende abgeholzt wird, ohne daß die Bewohner des Herrensitzes die Zeichen der Zeit mitbekommen. Hierin erkennt Glucksmann Westeuropa, das mal auf überholte linke, mal auf alte xenophobe Erklärungsmuster zurückgreift, um sich zu sedieren: Den einen gilt  9/11 als Folge (wenn nicht Ursache) des us-amerikanischen und israelischen Imperialismus, die anderen führt den islamistischen Terror auf die Ideologie dieser oder jener religiösen Gruppe zurück, die in anderen Konstellationen ebenso gut atheistisch motiviert sein könnten.

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Positiv wurde auch in der linken Zeitung „Libération“ Glucksmanns letztes Werk Voltaire contre-attaque (2014) aufgenommen. Die Überschrift der Einleitung formuliert, typisch für Glucksmann, eine klare These: L’Europe sera volterienne ou ne sera pas, Europa wird volterianisch sein, oder es wird nicht sein. Glucksmann rehabilitiert vordergründig Voltaires Helden Candide, der am Ende ’seinen Garten pflegt‘. Candide ist nicht der „Drückeberger“ und Voltaire verkörpert vielmehr die besseren Anlagen Europas als alle Hegels, Marx‘ und Heideggers, die ihn vergessen machten:

„So wenig wie Voltaire macht auch das heutige Europa aus dem Atheismus eine Religion. Noch weniger einen Glaubensakt. Sein Wille zur Toleranz erfordert, dass jedem das Recht zugestanden wird, anzubeten, wen er will. Unter der Bedingung, dass niemand versucht, seine persönliche Definition des Höchsten allen anderen zu diktieren oder die Frage nach seiner Existenz denjenigen aufzudrängen, die sie leugnen oder darüber hinweggehen.“

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