Archive for the ‘Portraits’ Category

Eine ziemlich fleckige Kopie. Bruce Chatwin besucht Ernst Jünger, um mehr über Henry de Montherlant zu erfahren

16. Dezember 2014

Zwischen zwei Schichten ging ich neulich ins Weite: nämlich über das erfreulich unfreundliche Ernst-Jünger-Portrait Bruce Chatwins auf Henry de Montherlant. Und Chatwin hätte ein Aphoristiker sein können. Er hat ja Moralistisch-Tacitistisches ohne Ende zu bieten, soweit kann ihn also der deutsche Mann also kaum schrecken, über den Heiner Müller sagte, er habe erst den Krieg, dann die Frauen kennen gelernt. Chatwin kannte die Männer wie die Frauen, wie also Jünger die Männer nicht kannte, aber Montherlant.

Es gibt Texte und Sätze von Jünger, die sowohl in der DDR als auch später in der Bundesrepublik als präfaschistisch gelten. In der ersten Polemik gegen Jünger von Wolfgang Harich nach dem Zweiten Weltkrieg gilt er bereits als der „Präfaschist“ und so weiter.

Harich zitiert darin als besonders verwerflich einen Satz über die Somme-Schlacht im Ersten Weltkrieg.
Der Satz heißt:

„Bei einem Vorgang wie dem der Somme-Schlacht war der Angriff so etwas wie eine Erholung, ein geselliger Akt.“
Wolfgang Harich hat diesen Satz in der jungen DDR als Beleg für die Unmenschlichkeit von Jünger zitiert. Das ist nicht falsch, vielleicht genügt das aber nicht. Als Dokument für das, was eine solche historische Situation aus Menschen macht, ist es ja besonders aussagekräftig. Heiner Müller, als er schon vom Krebstod gezeichnet ist, sagt in einem seiner legendären Gespräche mit Alexander Kluge:

 

„Das versteht man in der Intensivstation, diesen Satz, weil der ist völlig richtig. Und man kriegt auch ein Verständnis – was ich wirklich sehr skeptisch betrachte, auch selbst – sogar für die Verachtung der Demokratie bei Leuten, die zum Beispiel aus der Somme-Schlacht kommen.“

 

Auch vor dem intellektuell übertönten Darwinismus Jüngers schreckt er nicht zurück: er lehnt ihn ebenso unmissverständlich wie beiläufig ab. Er unterscheidet sie von der Tradition des honnête homme. Das unterscheidet den guten vom schlechten Erzähler. Auch das Geheimnis, dass er um sein „Interesse“ am Montherlant macht, das er im Text als Faszination bezeugt.

 

Montherlant scheint kapriziöser zu sein als Jünger, und in den Unterschieden des Niveaus übertrifft er vielleicht sogar die üblichen französischen Journal- oder Carnet-Autoren. Er hielt diese Tagebuch-Formen für so etwas wie Vorstufen, Formulierungsübungen: Das entspricht dem Klischee, es widerspricht aber seinem entschiedenen Willen zur Form:

 

„Das einzige Rezept: schöne Werke schaffen. Dann komme, was mag.“ (Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S. 14)

 

Dann hielt ich Konferenz mit einem fernen Bekannten, Werner Helmich, mit seinem Standardwerk zum französischen Aphorismus. Und siehe da: Helmich kommt immer wieder und gar nicht selten wertschätzend auf Montherlant zu sprechen, wegen des Moralistischen und des Muts zur Subjektivität mit distinguiertem formalem Anspruch. Helmich ist ja fein, er hat die Ataraxia im Auge, zu der das Pathos der Distanz ebenso gehört wie das procul negotiis, das Fern der der Geschäfte und der  zeitgenössischen Gesellschaft:

 

„Wer mich besucht, erweist mir die Ehre, wer mich nicht besucht, macht mir eine Freude.

 

„Wer dem Publikum – seiner ‚Kundschaft‘ – nicht zu mißfallen wünscht, ist, wie er es auch anstellen mag, ein Krämer. Sogar und vor allem, wenn er Literat ist.“ (Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S.60)
Öffentliche Ereignisse des Tages werden nicht angesprochen.
Chatwin, so endet seine Geschichte, lässt sich von Jünger ein pièce justificative  nach dem anderen zeigen, man beginnt, einander zu langweilen, für ein Besuchs-Portrait  hätte es bis dahin nichts hergegeben. Der Autor vom Typ Jünger geht eben im Werk auf, seine empirische Person  ist meist wenig interessant. Dann aber bleibt man aber bei Montherlant hängen. Und Chatwin macht aus Flecken mit wenigen Handstrichen Geschichte:

 

„Da ich an Montherlant interessiert war, konnte ich das Gespräch mit Jünger etwas ausdehnen, und wieder kam er vom Aktenschrank zurück, diesmal eine ziemlich fleckige Kopie schwenkend, auf der geschrieben stand:

 

Le suicide fait partie du capital

de l’humanitè
Ernst Jünger

8. Juni 1972

Dieser Aphorismus Jüngers stammt aus den dreißiger Jahren, und es heißt, daß Alfred Rosenberg einmal gesagt habe: ‚Es ist ein Jammer, daß Herr Jünger aus seinem Kapital keinen Nutzen zieht.’ Doch man muß sich die Szene so vorstellen:

Montherlant, an Krebs erkrankt, sterbend, sitzt in seiner Wohnung am Quai Voltaire, umgeben von seiner Sammlung griechischer und römischer Marmorstatuetten. Auf seinem Tisch eine Flasche Champagner, ein Revolver, ein Füllfederhalter und ein Blatt Papper. Er schreibt: ‚Le suicide fait partie …’

Peng!

Die Flecken waren fotokopiertes Blut.“

(Bruce Chatwin: Was mache ich hier. Hanser, S. 335)

Satzgefüge. Portrait der Freundschaft zwischen Ulrich Sonnemann und Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

„Das Gesetz will Ruhe; der Satz, weil er die Bewegung des Gedankens ist, gibt keine.“

Ulrich Sonnemann: Negative Anthropologie (1969)

Was hier folgt, begann 1967 an einem Münchner Stammtisch. Die Journalistin Ursula von Kardorff nam den jungen hebräischen Dichter Elazar Benyoëtz mit zum Kreis um den politischen Publizisten, Philosophen und Psychologen Ulrich Sonnemann (1912 – 93).

Kam Benyoëtz später auf Lesereisen nach Deutschland, pflegte er regelmäßig ein paar Tage halt zu machen in Gudensberg bei Kassel, wo Sonnemann als spät berufener Kasseler Professor mit seiner Frau Brigitte Sonnemann im Alter lebte. Dann lasen er und Benyoëtz einander aus Manuskripten vor. Gelegentlich sollen Einschlaflieder aus solchen Lesungen geworden sein.

Ein Zwang in der Sache

Streitbare Buchtitel Sonnemanns aus den 1960er Jahren deuten die Atmosphäre der ersten Jahre von Benyoëtz in der Bundesrepublik der Adenauer-Restauration an: Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten (1963), Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland (1964) und Schulen der Sprachlosgkeit. Deutschunterricht in der Bundesrepublik (1970). Sonnemanns Hauptwerk Negative Anthropologie. Vorstudien zu einer Sabotage des Schicksals erschien 1969. – Für dieses Buch hatte Theodor W. Adorno in der Vorrede seiner Negativen Dialektik geworben: „Ulrich Sonnemann arbeitet an einem Buch, das den Titel Negative Anthropologie tragen soll. Weder er noch der Autor wußten etwas von der Übereinstimmung. Sie verweist auf einen Zwang in der Sache.“

Wie Adorno stammte Sonnemann aus dem liberalen deutschjüdischen Großbürgertum, das an Werten wie Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, ästhetischer Erziehung und Bildung an Fremdem orientiert war. Mit Adorno teilte Sonnemann auch das Schicksal des Remigranten. Beide standen sie habituell für den urbanen Typus des öffentlichkeitsfreudigen Intellektuellen, der durch die Rekrutierungsverfahren der deutschen Universitäten sonst nicht besonders begünstigt wird; zunehmend weniger auch durch die Neuen Medien.

Anders als die beiden gehört Benyoëtz nicht zu den Schriftstellern, die sich in politischen Debatten profilieren. Er streitet durchaus für seine Sache, die deutsch-jüdische Überlieferung. Als Dichter sieht er seine Aufgabe aber in erster Linie darin, durch forcierte sprachliche Individualisierung. Er schafft Adressen, an die keine Ideologie appellieren kann. Doch ist auch er gezeichnet vom Pessimismus des Intellekts und vom Optimismus des Willens: des Willens zur Form.

Wenn es um Fragen des Satzbaus ging, vertraten Sonnemann, der Meister des Schachtelsatzes (Hypotaxis) und Benyoëtz, der zugunsten von klanglichen, bildlichen und syntaktischen Correspondances meist auf sytaktische Unterordnung verzichtet (Parataxis), die unterschiedlichsten Positionen. Die seit der antiken Rethorik bewährten Formen des langen und des kurzen Satzbaus erhalten bei beiden als Schwundstufen des Humanen besonderen Wert.

„Alle Wörter Flüchtlinge„,

so lautet ein Vers der Nelly Sachs. Das Verhältnis von Biographie und Poesie hat sich seit dem 20. Jahrhundert fundamental geändert. Die Flucht der Menschen und ihrer Worte um uns herum wird sich weiter ausbreiten, und jeder, der ihnen aus innerer Notwendigkeit heraus zugetan ist oder gar folgt, lebt wohl in seinem je eigenen sprachlichen Exil. Darüber mit einiger Überzeugungskraft zu sprechen, ist außerordentlich schwer. Ein gewisser Gestus des Autonomen zog mich seit meinen ersten selbständigen Lektüren an, anderes weniger oder gar nicht. Das betrifft Texte, die man nach herkömmlichen Kategorien in poetische und philosophische Texte unterscheidet. Ich muß mir eingestehen, daß mich dieser Sog zugleich stets hinderte, meine Selbstgespräche mit solchen Texten unzensiert wiederzugeben. Jedenfalls in einer deutschsprachigen Umgebung.

Was macht die Anziehungskraft solcher Texte aus? Die Überholung der traditionellen Syntax, das Vorherrschen des Anakoluthes und die Verlagerung der poetischen Sensation ins einzelne Wort, Bildverknappungen und Bedeutungsschichtungen sind Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die in der deutschen Dichtung von Hölderlin über George zu Celan reicht und sich in Frankreich, ausgehend von der symbolistischen Bewegung, in den Avantgarden stets aufs Neue verjüngt hat. Wie man weiß, setzt Baudelaires Verfahren des reflektierten Selbstgesprächs eine Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraus. Es sind die schwierigen, die reinen Poeten, die Dichter ohne Alternative.

An ihrer Seite stehen Sonnemann und Benyoëtz. Spätestens seit dem symbolistischen Poème en prose sind ohnedies die Übergänge zwischen artistischer Prosa und absoluter Dichtung fließend geworden, auch die ihrer Sekundanten von Nietzsche und Valéry zu Adorno und Derrida, denen ihre eigene Theorie ästhetisch wird.

Sonnemanns Vertrauen in die Evidenz der eigenen akustischen Wahrnehmung war ungebrochen. Gelegentlich hat er Nietzsches Polemik zitiert, die Deutschen hätten „die Ohren in die Schublade gelegt“. Er ließ seine Ohren entscheiden. In seiner kurzen Verteidigung des langen Satzes nennt er die Vorzüge des langen (und, in Klammern, des überraschend kurzen) Satzes gegenüber der beziehungslosen Sprache der Information: Die musikalische Unergiebigkeit des Telegrammstils, seinen vollendeten Mangel an jeglichem Zauber der Form (sogar jenem der unerwarteten, überraschendem, plötzlichen Kürze!) (…).

In Spontaneität und Prozeß, der Festschrift zu Sonnemanns 80. Geburtstag, spricht der Parataktiker Benyoëtz denn auch solidarisch von der „Satzbauernschlauheit“ des Hypotaktikers Sonnemann. Beide betonen sie das Explosive an Verständigung gegenüber dem kognitiven Prozeß des Verstehens. Das besagt der Titel „Was nicht zündet, leuchtet nicht ein.“ Der Untertitel greift das zentrale Thema von Sonnemanns Werk auf: „Ein Büchlein vom Menschen und seiner Ausgesprochenheit“. Noch dort, wo Benyoëtz als Beiträger mit viel Humor und Liebe Differenzen zu Sonnemanns stilistischen Gesten nennt, tut er dies als beredter Anwalt seiner Freundschaft:

Vom Sonnemannschen Satzgefüge

Ob es auszuschließen gedenkt oder einzuklammern, ist so schwer einzusehen, wie leicht zu erkennen: das Ausgeschlossene wird verteidigt, das Eingeklammerte beschützt. Beides in einem gedacht und randvollzogen. Auch am Nachgetragenen weisen sich Spuren der Vorsetzlichkeit.“

Was ihn mit der Kritischen Theorie Sonnemanns verbindet, hat Benyoëtz hier schlicht ausgesprochen:

„Das Gebrechen der Aufklärung – ihre Übereinstimmung mit der Natur des Menschen. Man kann den Menschen (und dies immer mehr) über das Böse aufklären, nicht über das Gute.“

Über das Gute aufzuklären, das wäre den Vertretern der Kritischen Theorie hoffnungslos naiv oder verlogen vorgekommen – oder beides zugleich. Es hätte bedeutet, Werte der bürgerlichen Aufklärung zu beschwören, die für Sonnemann seit 1933 hoffnungslos diskreditiert waren. Nicht anders als Benyoëtz sprach er über Dinge, die rational nicht unter Kontrolle sind und im Prozeß des technischen Fortschritts verdrängt werden.

Über das Schlechte aufzuklären, bedeutet ein Programm des Negativen. Für Sonnemann bedeutete es, „das Humane aus seiner realen Verleugnung und Abwesenheit“ zu erschließen. So schrieb er in Negative Anthropologie (1969). Im Nachwort zur Neuauflage von 1981 bezieht er seine Negative Anthropologie der verdinglichenden Bildern vom Menschen und seiner Geschichte ausdrücklich auf das Bilderverbot. Von Bilderstürmern und Ideologiekritikern trennt diese Auffassung die Einsicht, daß es außerhalb der Wahrnehmung und der Medien keine Anschauung gibt. Allerdings war er davon überzeugt, daß im Verlauf des technischen Fortschritt die Sinne abgestumpft seien. Wovon Ideologien umso mehr profitieren.

In diesem wichtigen Punkt kommt er mit Benyoëtz überein. Das zeigt sich auch deutlich in Sonnemanns Rezension von Benyoëtz’ Buch Worthaltung. Sie heißt Glückserfahrung einer Wortwerdung (Frankfurter Rundschau Nr. 150/1977) und hebt stark auf die jüdische Überlieferung ab, im Sinne einer reflektierten und zur Diskussion gestellten Praxis. Ein Beispiel für eine solche Auseinandersetzung bietet der Rezensent selbst, wenn er seinen Freund bei seiner Suche nach einem „unverwechselbaren Ausdruck“ zugleich ermutigt und kritisiert. Sonnemann deutet Benyoëtz’ poetische Sprache als Protest gegen das „Tauschprinzip“, das die Verständigung einseitig auf Information verpflichte und dabei den expressiven und appellativen Charakter der Rede unterdrücke. Stets reflektiert Sonnemann dabei eine alte deutsche Mentalität, der eine solche Haltung verdächtig erscheint.

Gegen diese Mentalität traute er der moralistischen Entlarvung von Gleichgültigkeit und Ideologie gewiß mehr kollektivierende Kraft zu, als Benyoëtz dies wohl je tat, der auf Kollektivierung ohnehin nicht viel gibt. Es hätte Vertrauen in die Generation der Neuen Linken in der Bundesrepublik vorausgesetzt, einer Generation, der Benyoëtz selbst angehörte. Für Sonnemann mag dies anders gewesen sein. In den sozialen Konflikten der späten 1960er Jahre wird Sonnemann der Linken zugerechnet, aber er selbst hält sie teilweise nur für links gewendet. In diesem Zusammenhang spricht er ein klares „Ich“ gegen das „Wir“, wenn er darauf bestand, daß es Freiheit nicht schon als Insitution, sondern zuerst und zuletzt als Eigenschaft gibt.

Sonnemann hatte es sich dennoch zur Aufgabe macht, eine neue Generation kritisch zu begleiten. Benyoëtz zeigte sich im selben Jahr 1969 in seinem ersten deutschsprachigen Buch Sahadutha nicht zu einem Bleiben in der Bundesrepublik ermutigt: Liest man diese Bücher parallell, erkannt man wie Benyoëtz seine Jüdischkeit im Deutschen ein neues, aphoristisches Profil gewinnt. „Begegnung führt zum Stil”, schreibt Benyoëtz in Sahadutha. Wenn er recht hat, ist es nicht abwegig, sich das Verhältnis von Körper und Individualstil ähnlich basal vorzustellen wie andere Zugehörigkeiten (rass, class und gender), von denen jede ihren counterpart an sich markiert.

Ein Deutscher auf Widerruf und ein Israeli

Man hat Sonnemann in Nachrufen als „linken Patrioten“ gefeiert. Wird er nicht, wie einige andere Remigranten auch, im Alter immer mehr „Ein Deutscher auf Widerruf“, um mit dem Titel des Philologen Hans Mayer ) zu sprechen? Diesen Eindruck vermittelt mir der von Sonnemann im Jahr vor seinem Tod herausgegebene Sammelband Nation (konkursbuch 27), in dem er ausdrücklich von „deutschen Juden“ und für sie spricht: Sie würden sich, so Sonnemann, von dem „Wurzelwahn“ nach der Wende von 1989 wieder einmal ausgeschlossen fühlen. Da war sie noch einmal: die reflexhafte Geste des gelernten Therapeuten und Moralisten. Und die verkörperte Differenz.

Bildung in der Form, in der sie Sonnemann noch erstrebenswert war, degeneriert heute zum Restbestand einer Geschichte der Faszination durch das streitbare Wort. Weil sie minoritär ist, läßt sie sich auch so wenig weiterreichen wie künstlerisches Vermögen und die Kraft vergleichender Begriffsbildung. Sonnemanns Rezension von Worthaltung und Benyoëtz’ Beitrag zu dessen Festschrift bilden Werte außerhalb der Ordnung des Markts. Beide Texte gehören der Sphäre primärer sozialer Beziehungen an. Sie dürfen als Ausdruck einer Sezessionskultur gelten. Im Hintergrund steht bei beiden die erzwungene Aufspaltung der Existenz in Mensch und Zugehörigkeit. Deswegen ist Benyoëtz als Beiträger der Festschrift für Sonnemann gerade an der Jüdischkeit des Freundes gelegen. Unter der Überschrift „Revolutionäres Ungestüm und messianische Kleinschritte“ heißt es:

„Jüdisch gedacht: der Glaube soll nicht nur in den Himmel ragen, sondern auch immer Boden gewinnen, denn er muß standhalten. Standhaft ist mehr als beflügelt, auch wiegt der Beständige mehr als der Beschwingte.“

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(Dieser Text beruht auf meiner (hier veränderten und erweiterten) Print-Publikation: Christoph Grubitz: Benyoëtz als Beiträger der Festschrift für Ulrich Sonnemann. Portrait einer Freundschaft; in: Christoph Grubitz et al. (Hrsg.): Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag. Herrlinger Drucke 2007, S. 158-162)

Ulrich Sonnemann: Die verwaltete Welt, beim Wort genommen

16. Dezember 2014

„Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung; daher hat die Gedächstlosigkeit keine.“

Ulrich Sonnemann

1988 erhielt Elazar Benyoëtz den Chamisso-Preis in München. Da lernte ich ihn kennen. Wir hatten erst gerade einen Briefwechsel begonnen.

Abends nach einer Lesung fand ich mich an einem Tisch mit ihm und dem Philosophen Ulrich Sonnemann. Sie waren über 20 Jahre befreundet. Begonnen hatte die Freundschaft in München. Ich wußte das damals nicht, merkte aber, dass das Wiedersehen Elazar wichtiger war als anderes.

Es war ihm aber auch nicht unwichtig, dass ich seinen Freund kennenlernte: „Kennen Sie Sonnemann?“ Das war, wie ich heute weiß, deutlich genug. Ich mußte passen. Ich kannte damals noch nicht einmal den Namen Sonnemanns. Seidem wußte ich, dass es einem entscheidende Möglichkeiten der Konversation nehmen kann, Vorreden und andere Texte neben den Haupttexten zu überblättern. Ich kannte und schätzte ja Adornos Negative Dialektik. In der Vorrede heißt: „Ulrich Sonnemann arbeitet an einem Buch, das den Titel Negative Anthropologie tragen soll. Weder er noch der Autor wußten etwas von der Übereinstimmung. Sie verweist auf einen Zwang in der Sache.“ Sonnemanns Hauptwerk Negative Anthropologie. Vorstudien zu einer Sabotage des Schicksals erschien 1969.

Was ist mir erinnerlich von dieser ersten von drei Begegnungen mit Sonnemann? Ich hatte den Eindruck geistiger Präsenz, aber auch Bedrückung. Einmal teilten wir einen thematischen Anlaß dafür. Ich sprach über mein Studium in Fribourg. Beim Namen Emmanuel Lévinas hakte er nach und stellte eine Frage, in der sich das Bedrückte in ein jähes Bangen verwandelte: Ob es möglich wäre, ihn an sein Institut nach Kassel zu einem Vortrag und zum Diskutieren einzuladen? Ich hielt es für ausgeschlossen. Lévinas reiste aus nicht ganz privaten Gründen seit dem Nationalsozialismus nicht nach Deutschland. Sonnemann zog sich ins Schweigen zurück. Er hatte sich wie Adorno, anders als Lévinas, der bei Husserl und Heidegger studiert hatte, zu einer Rückkehr entschieden. Später erfuhr ich von Elazar, dass er diese Entscheidung widerrufen hat. An diesem Münchner Abend merkte ich, dass es ein wunder Punkt bei Sonnemann ist, der vielleicht nicht wenig mit seiner Bedrückung zu tun hatte.

Schnitt.

Anfang 1989 reichte ich meine Lizentiatsarbeit über Benyoëtz’ Aphoristik ein. Elazar forderte mich auf, das Manuskript Sonnemann zu schicken. Eines Tags im Frühling klingelte das Telefon in meinem Dachzimmer in der Fribourger Rue d’Or: “Sonnemann.” Er melde sich wegen meiner Arbeit. Erst kam mit seiner bedrückten, aber entschlossenen Stimme eine ebenso knappe wie harsche Kritik: “Zu viel Linguistik, viele Tippfehler.” Und dann Lob: “Aber Sie sind auf einem guten Weg.”

Schnitt.

Die dritte Begegnung fand in einer Buchhandlung in Kassel statt. Sonnemann las mit Elazar. Es mag 1990 oder 1991 im Sommer gewesen sein. Als ich kam gab Sonnemann ein Beispiel seines Humors: “Elazar ist in Prag ausgeraubt worden. Das sind die wichtigen Ereignisse.” Die Rezeptionsformen waren nicht bürgerlich. Es gab Wein, es wurde geraucht, weil Sonnemann nicht ohne Zigaretten denken konnte. Als er einen Text zwischen Philosophie und Tagespolitik vortrug fiel mir an seiner Modulation etwas auf, was mir eine damals neue Einsicht in seine, an Adorno geschulten, Kunst der Hypotaxis vermittelte. Er zitierte und verdrehte einen Satz aus der deutschen Verwaltungssprache. Die Hypotaxen der Kritischen Theorie als Parodie deutscher Verwaltungssprache? So höre ich sie.

Schnitt.

Im Januar 1993 beendete ich mein Doktorat mit meiner Thesenverteidigung. Ulrich Sonnemann starb am 27.3.1993 an Krebs. Inzwischen kannte ich ihn vor allem aus seinen Schriften, die auch in meiner Dissertation über seinen Freund Elazar Benyoëtz als Abschied vom Humanismus wichtig wurden.

Das Allgemeine und das Besondere. Zur Erinnerung an Harald Fricke (1949-2012)

16. Dezember 2014

Ein Philosoph war nach langem Nachdenken zu der Überzeugung gekommen, die einzig legitime Form der Darstellung sei diejenige, die den Leser stets aufs Neue gegen die Illusion von Wahrheit, die der Text erwecken möchte, unempfindlich mache. […]

Ein anderer Philosoph gab ihm jedoch zu bedenken, daß eine solche Entscheidung widersprüchlich sei, da sie eine so hoffnungslos ernste Absicht des Autors erkennen lasse, daß dieser am Ende nicht anders könne, als sich von seinem Ausdruck zu distanzieren.

Giorgio Agamben: Idee des Rätsels

Lektüren sind oft Wegweiser, ebenso wie es Begegnungen mit Menschen sein können. In meinem ersten Semester, in Heidelberg, (1984/85) stieß ich auf Harald Frickes beim Beck-Verlag veröffentlichte Habilitationsschrift, auf die Poetik Norm und Abweichung. Das Buch traf auf meine Unzufriedenheit damit, wie ich den Umgang mit Literatur in den westdeutschen Massen-Seminaren erlebte, und darüber hinaus, was es mit Philologie als einer Wissenschaft auf sich haben könnte. Vielfach wurde das Fach ja auch nach allen möglichen Reformen und  Methoden-Streitigkeiten noch nach seinem Gegenstand benannt: „Literaturgeschichte“. Methodisch und theoretisch fundiert kam mir mein Grundstudium in Heidelberg nicht vor. Zu diesen Fragen, die sich für mich stellten, hatte Fricke innovative Vorschläge gemacht. Auch sein war anders als ich es von der Fachliteratur kannte: Betont nüchtern und leicht, unbestechlich in seinem Scharfsinn und in seiner Urteilsfreude wird hier vorgestellt, wie eminente Literatur die Grenzen der Erfahrung und des Denkbaren hinter sich lässt, und das, was wir Wirklichkeit nennen, in einem kritischen Licht erscheinen lässt. Geschichtsphilosophische Spekulationen und Sinnstiftungen lagen ihm fern, dafür  vertrat er entschieden, daß Literatur auch für den Wissenschaftler Vergnügen bereitet und lehrreich ist. Allein der Begriff der „Norm“ sprachlicher Wirklichkeit erscheint hier unter drei Aspekten: als statistischer Befund, als Institution und als Konsens.

Besuch in Fribourg 1984

Nun sondierte ich umso mehr, auf wen ich dort wohl treffen würde. An einem bundesrepublikanischen Feiertag 1984 setzte ich mich in Heidelberg in den Zug und besuchte zwei Vorlesungen in Fribourg. Es war mein zweiter Besuch in Fribourg. Ein Jahr vor meinem Abitur hatte mir mein Vater, Jurist und Redakteur, seinen Studienort gezeigt. Logieren konnte ich bei Freunden von ihm.

Zuerst besuchte ich eine Vorlesung Bernard Böschensteins, der in einem Gastsemester über Hölderlin und Celan las. Wie immer sprach der Genfer Altmeister der Littérature allemande et comparée anspruchsvoll, weltläufig und seduktiv. Seine Studien zur Tradition der schwierigen, der reinen Lyrik von Hölderlin über die Symbolisten zu Paul Celan waren in der gelehrten Welt schon ein Inbegriff, ebenso seine Verdienste als Übersetzer und Anthologe der französischen Symbolisten und ihrer Erben. Er pflegt im Sinne Baudelaires ein fortgesetztes reflektiertes Selbstgespräch mit seinen geistigen Ahnen; Selbstgepräch, das eine unausgesetzte Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraussetzt.

Nachher stellte ich mich ihm vor, grüßte ihn von seinem Freund Peter Horst Neumann, den ich vorher besucht hatte, und erzählte ihm von meiner Absicht, nach Fribourg zu wechseln, unter anderem meiner Abneigung gegen deutsche Massen-Universitäten. Böschenstein frohlockte im Ton von Hölderlins Poesie: „Jaaa, in Deutschland ist der Professor ein ferner Gott!“

So empfand ich es nicht, denn ich pflegte ja schon seit meinen letzten Schuljahren Umgang mit dem Frankfurter Emeritus Paul Stöcklein und Frickes Lehrstuhl-Vorgänger in Fribourg, Peter Horst Neumann. Böschenstein war in seiner Jugend durch George-Schüler initiiert worden. Und er hatte bei dem Zürcher einstigen Literaturpapst Emil Staiger studiert, der wenig von der Idee hielt, daß einer das Sprechen über Literatur lernen könne. „Die Kunst der Interpretation“, so sein Klassiker von 1951, sei den gebildeten Ständen vorbehalten: Eine Art erblicher Aristokratie des Geists.

Etwas anderes ist an Böschensteins Haltung für mich selbstverständlich: Für mich ist es natürlich, daß der Zugang zur Dichtung an den Eros einer Initiation gebunden ist, die man in einer angemessenen Umgebung und Überlieferung kultiviert. Daß man aber das Sprechen über Literatur lernen kann, wollte ich nun für mich festellen. So ging ich von Böschenstein direkt in Frickes Vorlesung zu Methoden der Literaturwissenschaft. Fricke war, mit 35 Jahren, soeben aus Göttingen auf das zweite neugermanistische Ordinariat in Fribourg berufen worden, das seit dem Abschied Peter Horst Neumanns vier Jahre lang verwaist war. Ich merkte gleich, daß mir seine Nüchternheit kontrapunktisch gut bekommen würde. Nach der Vorlesung sprach ich ihn an. Er nahm sich Zeit und ging gleich auf pragmatische und bürokratische Fragen des Wechsels ein. Die Atmosphäre war deutlich entspannter, als ich von deutschen Massen-Universitäten gewohnt war.

„… ein merkwüdiges Gespann“

Gewechselt bin ich dann im Frühjahr 1987 nach Fribourg. Ich nutzte die Zeit bestens, um mich bei Peter Horst Neumann, dem Essayisten und Lyriker, in Erlangen vor allem stilitisch und literaturgeschichtlich zu schulen. Dabei hatte ich auch schon Gelegenheit, Frickes Poetik des Aphorismus (Metzler 1984) zu erproben. Im Wintersemester 1986/87 konnte ich sie für eine Arbeit in einem Oberseminar Peter Horst Neumanns zu Karl Kraus’ polemischer Aphoristik nutzen. Innerhalb der Schriften Frickes ist diese Monographie eine Anwendung seiner Poetik „Norm und Abweichung“ (1981).

Kaum in Fribourg angekommen, entdeckte ich Anfang 1987 bei meinen üblichen Streifzügen durch Antiquariate und Buchhandlungen das Werk von Elazar Benyoëtz. Mein Zugang zum Aphorismus war zunächst kein akademischer, sondern eher der eines anspruchsvollen Sammlers. Ich trat bald in den Briefwechsel mit dem Autor. Dass Fricke – damals noch – aus Überzeugung Distanz zu Dichtern pflegte, war mir fremd.

Der Germanist Jürgen Stenzel (Braunschweig), den ich Ende 1991 bei Benyoëtz in Tel Aviv kennenlernte, kommentierte die Konstellation seinerzeit in einem Brief vielsagend:

„Sie, Benyoëtz und Fricke – ein merkwürdiges Gespann.“

Das kann man so sehen. Fricke erzählte mir einmal, daß Stenzel als Assistent in Göttingen um 1970 herum dem jungen Studenten Harald Fricke eine Arbeit zu Gedichten von Novalis beleidigt verrissen hatte, weil er darin die Sprache der Romantiker in einer provokativ analytischen Sprache der Logiker und Wissenschaftstheoretiker analysierte. Fricke erzählte das, weil er mich gerade wieder einmal über die poetischen Figuren und „poststrukturalistischen Fallrückzieher“ in der frühen, experimentellen Phase meiner Dissertation frotzelnd hingewiesen hatte.

Ich habe Kollegen von Fricke erlebt, die dies als Kunstfremdheit etikettierten. Ich kann das überhaupt nicht bestätigen. Schließlich ließ sich Fricke immer leicht für meine eigenen literarischen Entdeckungen  und Fragestellungen begeistern und wurde für mich ein verbindlicher, kritischer Ansprechpartner. Es gab ja auch eine gemeinsame Affinität zum Aphorismus, als einer Form, die in der Gattungs-Poetik lange als Stiefkind behandelt wurde und von Germanisten über viele Jahrzehnte als Beleg mal für nationale, mal für revolutionäre Sinnstiftung benutzt wurde. Daß diese Gattung in ihren Höhepunkten ein Potential der Dichtung eröffnet, wie sonst nur die moderne Lyrik nach Mallarmé, hatte sich allenfalls in der Romanistik hier und da herum gesprochen. Aus dieser gemeinsamen Sache  entstanden sous la direction de Harald Fricke meine Lizentiats-Arbeit (1989) und meine Dissertation (1992/93) zu Elazar Benyoëtz.

Erst 10 Jahre nach meiner Promotion hat Fricke Elazar kennengelernt. Daraus wurde eine bemerkenswerte Kooperation, wie sie in der Klassischen Moderne zwischen Philologen und Dichtern üblich war, heute aber selten geworden ist. Der eine wurde dem anderen zum kritischen Lektor. Das sind Begleitumstände der Bücher „Gesetz und Freiheit. Eine Philosophie der Kunst“ (von Harald Fricke, Beck-Verlag 2000) und „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (von Elazar, im Hanser-Verlag 2000).

„Ein Studium in Fribourg ersetzt ein Studium der Komparatistik“

Der Studienort Fribourg bot mir eine meinen Neigungen und Interessen angemessene Situation. Es ging mir dabei nicht um eine gut möblierte Nische abseits der Probleme einer deutschen Massenuniversität, die hatte ich bereits vorher in einem Oberseminar bei Peter Horst Neumann im Wintersemester 1986/87. Es ging mir vielmehr darum, meine Entdeckungen im Wechsel sprachlicher und fachlicher Perspektiven zu leben. Außerdem fand ich in Fribourg all das, was deutsche Hochschul-Reformen seit 1967 so oft vollmundig erklärten, um sich immer weiter davon zu entfernen: Eine internationale Auswahl von Professoren und Assistenten, ein mehrsprachiges Studium und die nicht von Bürokratie gestörte Möglichkeit eines interdisziplinären Studiums und ein äußerst günstiges Verhältnis der Zahlen von Dozenten und Studierenden. Von einer „Exzellenz-Universität“ zu reden, wäre uns nicht in den Sinn gekommen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass er meine Situation und meine Neigungen spontan sehr synthetisch aufgefasst hat, so wenn er auf seine selbstbewusste und zugleich Selbstbewusstsein schätzende Weise sagte: „Ein Studium in Fribourg ersetzt ein Studium der Komparatistik.“ Oder, bei der Vorlage eines Kapitels im Doktoranden-Kolloquium: „Schreiben Sie doch lieber: … bei Benyoëtz“ in einer Überschrift. Auf diese Weise zeigte er mir, dass er meine Art schätzte, das Allgemeine im Besonderen zu suchen, aber mich dann wieder vor euphorischen Verallgemeinerungen zu warnen. In der Tat: Meine Auffassung der Bedeutung von Benyoëtz in seinen Zusammenhängen mit der französisch-deutschen Aphoristik, der modernen europäischen Lyrik und dem skeptischen biblischen Spruchdichter Kohelet war intuitiv, und nicht akademisch, schon gar nicht germanistisch-nationalphilologisch. Fricke hat die theoretischen Schwächen der Arbeit durch seine beständig fordernden Kommentierungen einzelner Kapitel glimpflich gemacht.

Mit Fricke auf dem Weg zur Promotion und darüber hinaus im Austausch

Als ich seine Aphorismensammlung Vielleicht – Vielschwer im Frühjahr 1987 in Bern entdeckte. In seiner aphoristischen Dichtung hörte ich einen Ton der symbolistischen Bewegung, der sonst nur noch in der Romania lebt. Das dichterische Wort löst sich von Situation, Verständigung und Inhalt. Mit Benyoëtz:

„Das Wort sucht den Satz und ist mit seinem Ursprung und meinem Ziel unterwegs.“

Es fiel mir spielerisch leicht, im Alltag sprachliche und literarische Muster aneinander zu relativieren, aber schwer zu verallgemeinern. Deutsch wurde mir auch im Privaten zu einer Sprache neben anderen, genauer: zu einer nicht mehr lebendigen Sprache der Literatur und Erkenntnis. Die deutsche Semantik wurde durch die lateinisch-französische mehr und mehr überlagert. In meiner frankophonen Umgebung steigerte sich meine Sensibilität für die anspruchsvolle und in ihren Bezügen hybride Aphoristik und Poesie von Benyoëtz. Ihre Silbenmusik und Tanz der Satzglieder sind dem Symbolismus und der hebräischen Versdichtung in vielem verwandter als die deutsche Aphoristik der Gegenwart. Ich machte nolens volens die Probe auf Adornos versonnene, Fricke würde vielleicht sagen verstiegene Bemerkung:

„Nur der verfügt über die Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Heute ist mir bewusster, daß ich in diesen Jahren zwischen mehreren Sprachkulturen unbewusst eine Haltung kultiviert habe, die nur durch eine Distanz zum Gegenstand der Erkenntnis, also selbst der deutschen Rede, möglich ist. Die Sprachphilosophie des deutschen Idealismus erscheint mir, wo ich ihr begegne, fremd, wenn nicht ausgrenzend. Sie besagt, nach Wilhelm von Humboldt, dass „die verschiedenen Sprachen die Organe der eigenthümlichen Denk- und Empfindungsvoraussetzungen der Nationen ausmachen“.

Solche Fragen des deutschen Idealismus stehen in allzu realen Zusammenhängen ideologischen Wahns, als dass man sie vergessen könnte. So war es der NS-Komparatist Kurt Wais, der bei Gelegenheit Prousts, die Zersetzung des deutschen Idealismus witterte in allen seinen kulturellen Konstrukten witterte:

„Weibische Männer, männische Damen, die er mit dem haarspalterischen Geplauder seiner pausenlos gehäuften Vergleiche umgaukelt und mit talmudischer Ultra-Intelligenz ausdeutet.“

Ich brauche es kaum zu sagen: Zu Beginn meiner Promotion musste Fricke mich mühsam dazu bewegen, mit solchen allfälligen, auch geschichtlichen Abgründen des Vergleichens zu einem vorläufigen Ende zu kommen. Das Nebeneinander von französischer und deutscher Sprache fördert eine Distanz und zugleich eine Spannung der ästhetischen Wahrnehmung, die ich nur empfehlen kann.

Die begriffliche Schulung folgte bei Fricke. Was man dann vertritt, muss, nach der gültigen wissenschaftstheoretischen Staatsreligion an seinem Lehrstuhl, bestreitbar sein: Durch die Poesie und ihre Analyse, die der jeweilige Forscher vielleicht gar nicht kennt oder (noch) nicht gut genug durchdacht hat.

Als wir uns später brieflich und dann per mail alle paar Monate über unsere Publikationen austauschten, kamen wir auch auf Kollegen, die ich in Deutschlang als Schriftsteller und als Menschen hoch schätzen gelernt hatte. Viele waren es nicht, aber mein erster Lehrer Peter Horst Neumann selbstredend, und später Gert Mattenklott. Als beide wie auch mein Vater im Jahr 2009 gestorben waren, schickte ich Harald meine Erinnerungs-Portraits. Er antwortete:

„Die anderen beiden Todesfälle haben auch mich nicht unberührt und nicht tatenlos gelassen. Die SZ-Todesanzeige von PHN – wir sahen uns zuletzt bei seinem Gastvortrag in der Berner Musicologie ca. 2003 samt anekdotemreichem Nachtessen  –  habe ich wochenlang an meine Bürotür gehängt, mit dem Zusatz „Inhaber dieses Büros von 1970 bis 1981“. Ähnlich den SZ-Nachruf auf Mattenklott  –  er war nicht nur Doktorvater der uns gerade wieder verlassenden Würffel-Assistentin Dr.Stefanie Leuenberger, sondern durch mehrere Tagungs-Beiträge (sowie über seine Tochter Caroline Torra am Deutschen Seminar Zürich) auch persönlich ein langjähriger Freund des Hauses. Als Germanist / Komparatist war er nicht unbedingt mein Ideal (sowenig wie mein Vorgänger Neumann), aber merkwürdigerweise schien er mich und meinen logischen Rigorismus zu mögen. Ein ungewöhnlich herzlicher Mensch unter sonstigen bloßen ‚Kollegen‘.

Auch von mir die allerbesten Wünsche für das Neue Jahr, lieber Christoph – ich werde mich immer freuen, von Ihnen zu hören oder auch zu lesen!
Stets Ihr Harald / 8.1.2010″

Zur Nachricht vom Tod meines Vaters hatte er mir ein halbes Jahr zuvor geschrieben:

„Da ich Ihren Herrn Vater, in besseren Zeiten, ja noch selber kennen gelernt habe, sende ich Ihnen mein aufrichtiges Mitgefühl zu seinem nicht mehr unerwarteten Ableben. Irgendwie fühlt man sich auch als längst Erwachsener erst richtig verwaist auf der Welt, wenn die Eltern nicht mehr leben, oder?

Ich jedenfalls bleibe lebenslang

herzlichst Ihr Harald / 23.7.09“

Die Sprache der Literaturwissenschaft

Fricke, so entnahm ich dem Buch, hatte in Göttingen über die Sprache der Literaturwissenschaft promoviert. In Philosophie. Das Buch ist eine empirische Bestandsaufnahme, und bleibt bis heute eine für die Tradition der deutschen Germanistik ungewöhnliche Antwort auf die ideologiekritische Phase der Germanistik: Er fand sie bei seinem philosophischen Lehrer Günter Patzig und in der angelsächsischen Wissenschaftstheorie. In der Regel dominiert ja in der deutschen Germanistik bis heute eine Form der Literaturpädagogik, wie ihn wohl nur die Geschichte der deutschen Universität hervorgebracht hat. Nirgendwo anders als hier ist der Literatur soviel zugetraut und wohl auch zugemutet worden. Hat je eine andere Nation hat ihre Dichtungen mit so hohen Ansprüchen auf Sinngebung umstellt und ihren anspruchsvollen Unterhaltungswert so beiläufig behandelt? Dagegen hält Fricke den Strukturalismus und die linguistisch-sprachlogische Poetik als ein Rückgrat gegen alle Art von Ideologisierung im Umgang mit Literatur. Das allein ist ungewöhnlich für die deutsche Germanistik, die gemeinhin stets zur (seit 1968 links gewendeten) hegelschen Geschichtsphilosophie neigte. Vor allem aber zu Total-Erklärungen der Welt.

Als junger Student fand ich dann eine Situation vor, die durch einen massiven Vertrauensverlust in die westlichen Theoriesprachen und in die Programme der Avantgarden gekennzeichnet war. Als ich 1984 mit meinem Studium begonnen hatte, waren die Jahre der Theorie-Diskussionen vorbei. Autoritäre, dogmatische Ordinarien gab es immer noch, unter vielen anderen aber hatte sich eine Ratlosigkeit breit gemacht, gelegentlich auch zynische Skepsis enttäuschter Weltrevolutionäre unter den Professoren.

Was fiel mir zuerst an Frickes Norm und Abweichung auf? Nicht der Ballast von Theorie, sondern gemeinsame literarische Vorlieben und ihr beredtes Zeugnis! Ich merkte sofort bei meiner Lektüre, dass Fricke und ich nicht wenige deutliche literarische Vorlieben und Abneigungen teilten: Vorlieben z.B. für eine formbezogene Sicht der Literatur, auch für Polemik und Sprach-Akrobatik, zumal für Karl Kraus; Abneigungen gegen den Erfolg von dicken Romanen, die ihren Erfolg den Stoffen verdanken, bei oft mäßiger, wenn nicht rückständiger Form.

Frickes Ambition gilt einer logisch kohärenten Sprache der Beschreibung von Texten. Er ist gewiss kein Stilist wie meine Lehrer Paul Stöcklein und Peter Horst Neumann, sondern ein scharfer Analytiker, der seine oft kantigen Thesen dem Widerspruch aussetzt. Dass er meine literarische Schule als elitär empfand, und auch aus seiner Abneigung gegen alles Bohèmehafte keinen Hehl machte, störte nur vorübergehend den für mich produktiven Austausch. Ich erinnere mich an ein Doktoranden-Kolloquium, wo er mir vorhielt, ich schriebe für „Eingeweihte“ aus einer alten ästhetisch geprägten Bildungs-Elite.

Dass ich den Winter 1991/92 nutzte, um ein Stipendium des Center of Creative Arts anzunehmen, musste ihm wohl wie die Fortsetzung einer Bildungsreise erschienen sein, die wenig mit seinen Begriffen von moderner Wissenschaft zu tun hat. Disziplinär beginnt das mit einer gewissen Nonchalance gegenüber konsistenter Theoriebildung und meinen „terminologischen Mischungen“, wie dies sein damaliger Assistent Rüdiger Zymner sehr treffend nannte; in der Darstellung geht es dann weiter mit meinem Hang zur Essayistik und meine Neugier für Grenzgebiete, urbane Subkulturen, die mich verführbar für Dilettantismus macht.

In seiner Rede bei Gelegenheit meiner Promotionsfeier konnte Fricke seine Befürchtungen hoch erfreut und stolz auf seinen Schüler korrigieren:

„Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben. Als mir Christoph sagte, daß er auch noch nach Israel geht, dachte ich, das wird nichts mehr mit seiner Dissertation. So viele neue Eindrücke… Aber dann hat er sich dort sogar theoretisch entschieden verbessert. “

Das Gutachten Fricke vom Januar 1993 zeigt auf andere Weise, dass er die Auseinandersetzung mit seinem Schüler unter dem Strich ebenso genossen hat wie ich die mit meinem Lehrer Fricke:

„Im Typenspektrum möglicher Thesen [der eingedeutschte französische Ausdruck für Dissertationen] stellt die Arbeit von Herrn Grubitz ein etwas anderes Genre als üblich da: keine neuen Detailaspekte zu bereits wohlbekannten literarischen Werken oder jedenfalls Autoren, sondern die nahezu erstmalige Präsentation eines hoch bedeutenden, hoch kompetenten und auch hochproduktiven ‚unbekannten‘ Verfassers – also das Genre der ‚Entdeckung‘, das dem Genre der ‚literaturhistorischen Rettung‘ in vieler Hinsicht vergleichbar sein dürfte.
Ungeachtet mancher Einwände muss zusammenfassend hervorgehoben werden, dass es sich hier um eine gelungene Arbeit mit einem enorm weiten Horizont handelt, von ungewöhnlich vielseitiger Bildung und gewandter, häufig origineller Formulierung.“

Wissenschaftstheorie als aufgeklärte Staatsreligion

Die Ergebnisse des Hochschullehrers Fricke sprechen ohnedies für sich: Seit 1989 liegen aus dem Kreis seines Forschungs-Kolloquiums nun bis dato 25 abgeschlossene Dissertationen und sechs Habilitationen vor, die bei ihm – und seit 1994 auch bei seinem neugermanistischen Kollegen Stefan Bodo Würffel – entstanden sind.

Die aufgeklärte Staatsreligion an Frickes Lehrstuhl ist die Logik und Wissenschaftstheorie, die mit den Namen wie Gottlob Frege und Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap, Günther Patzig und Gottfried Gabriel verbunden ist. Auch, wenn es sich um Philosophen aus dem deutschen Sprachraum handelt, ist ein solcher Umgang gerade in der Zeit seiner Qualifikationsarbeiten, den 1970er Jahren für die Bundesrepublik alles andere als üblich gewesen. Keine andere Nation hat ihre Dichtungen, meist im Gefolge Hegels, mit so hohen Ansprüchen auf Sinngebung umstellt, ihr Lebenswissen dermaßen mißbraucht und ihren Unterhaltungswert so beiläufig behandelt. Auf die enttäuschte Erwartung der Weltrevolution folgte in jenen 1970er Jahren bekanntlich die dogmatische Rezeption von Derridas sinn-skeptischer Dekonstruktion. Verwegenheit der Deutung und Resignation, Enthusiasmus und Enttäuschung sind unter diesen Umständen zwei Seiten einer Medaille.

Dagegen bietet sich Fricke ein Stilideal das einer nüchternen Deutlichkeit und souveränen Auswahl der relevanten Informationen, die man geben soll, um einen poetischen Text verständlicher zu machen: Keine dekorative Gelehrsamkeit also, aber das Selbstvertrauen, Thesen zu entwickeln und zu erproben, die durch die Kenntnisse und Einsichten anderer natürlich wie immer bestreitbar sind. Auch das ist keine Besonderheit philologischer Erkenntnis.

Es war Kurt Gödel, der eminente Mathematiker, Logiker und Wissenschaftstheoretiker, der den blinden Fleck jeder systematisch gewonnenen Erkenntnis begründet hat:

„Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.“

Aus diesem Geist entstand unter Frickes Herausgeberschaft mit deutschen und Schweizer Kollegen die völlig neu konzipierte Auflage des Reallexikons der Literaturwissenschaft bei de Gruyter (drei Bände, Berlin u.a., 22007).

Frickes Überlegungen zum Begriff der ästhetischen Abweichung von Konvention und Logik habe ich in Bereichen des Imaginären aufgenommen, zu denen mein Lehrer (bei aller persönlichen Wertschätzung) Distanz hält: in der ästhetischen Ambivalenz von Vorschein und Trug, von Verführung und Macht, von Unterschieden des Habitus, des Milieus und der Sprachkultur, von Sinn und Wahn.

Vielleicht hat mit solchen Fragen auch der Begriff pädagogischer Verantwortung zu tun. Man kann keinen Schüler davor bewahren, sich zu verrennen, aber kann ihm ein Kontrapunkt sein, manchmal auch ein advocatus diaboli. Der Punkt zum Kontrapunkt, das waren in meinem Fall die von Adorno so geschätzten „Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“

Frickes Randglossen zu Seminar-Arbeiten bis hin zu Manuskripten sind berüchtigt und von manchen – wie mir – als Aufmerksamkeit geschätzt. Die Vorlage eines Exposés zu einer Dissertation kann eine einfache Frage enthalten wie: „Müssen Sie schon wieder größenwahnsinnig werden?“ – Nimmt man die Herausforderung sportlich an, liest man zu einem späteren Kapitel schon mal handwerklich-salopp: „Sitzt, wackelt und hat Luft.“

Frickes didaktisches Nicht-Verstehen-Wollen ist ein Training, das einen anhalten kann (und soll), seine oft in einsamen konzentrierten Selbstgesprächen mit der Literatur gewonnenen Einsichten deutlicher zu formulieren und vielleicht einem breiteren Kreis zu erschließen.

Eine solche intensive Betreuung ist in der Bundesrepublik nach meiner Erfahrung seit den 1960er Jahren die Ausnahme geworden. Dass es zu viel Verwaltung und zu viele Studenten und im Verhältnis dazu zu wenig Dozenten gibt, mag zum Teil stimmen. Aber ist das nicht nur die Folge eines Phänomens, das die Sozialgeschichte der Bildung betrifft?

Der seit den 1960er Jahren rekrutierten Bildungsschicht der BRD hielt Gert Mattenklott schon 1988 vor, sie gebe „die eigene Unterscheidungsschwäche als anarchische Tugend des Gewährenlassens aus“; oder aber der „meistgefragte[n] Fertigkeit eines strukturbildenden Abstrahierens“ zu huldigen. Die Verluste hat er damals schon deutlich vor Augen geführt:

„Was ist eine Wissenschaft wert, die keinen Maßstab begründen kann, der es erlaubt, zwischen dem Ulysses von James Joyce und der Fernsehwerbung eine Rangfolge herzustellen?“

Gemeinsache Sachen. Am Beispiel der Aphorismus-Forschung

Anders als für die Tragödie, das Epos und deren dramatische und narrative Spielarten, haben für die Reflexion der aphoristischen und lyrischen Formen seit je Künstler-Ästhetiken besonderes Gewicht. In den Ästhetiken der Philosophen seit Kant und dem deutschen Idealismus stehen Aphorismen und Gedichte aber meist entweder im Dienst heteronomer Zwecke oder sie erscheinen als theoretisch wenig ergiebige Außenseiter. Dazu steht die spielerische Aufmerksamkeit der Aphoristiker und Lyriker für ihre eigene Praxis im Gegensatz.

Der Mangel an begrifflicher Konsistenz wird in den programmatischen oder performativen Überlegungen von Friedrich Schlegel über Paul Valéry und Karl Kraus bis Edmond Jabès und Benyoëtz reichlich aufgewogen. Diese Reflexion des Genres durch seine Produzenten fällt so breit aus wie das Spektrum moderner Poesie. Ihr theoretischer Fundus ist deswegen auch ergiebiger als die philologische Industrie über „das aphoristische Denken“ oder die stereotype Klage über den „Verlust von Totalität und Kontinuität im modernen Fragment“, die Fricke in seiner Poetik des Aphorismus mit leichter Feder hinter sich lässt.

Traditionell betrachten Germanisten Aphoristik nach dem Muster der Weimarer Dichtung: als Aussageform, die das Subjektive in der Form des Erlebnisses oder des Gedankens fasst.

Dass man oft nicht recht wisse, was die Deutschen an Lichtenberg oder Karl Kraus schätzen, ist nicht nur dem Aphoristiker Elazar Benyoëtz gelegentlich aufgefallen. Es war die italienische Germanistin Giulia Cantarutti aus Bologna, die genau das 1982 in ihrer Studie zur deutschen Aphorismus-Forschung festgestellt hat.

Wie in der Philologie Italiens üblich, hat sie Benedetto Croces emphatisch-gespanntes Begriffspaar der Einzigartigkeit eines Kunstwerks und der „Legitimität“ von Gattungsbegriffen produktiv individualisiert. Form ist nach dieser avantgardistisch gedeckten Auffassung nicht konventioneller Ausdruck von Inhalt, sondern seine Begrenzung. Diese Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen belebt die Diskussionen um Gattungen und Kunstwerke vielleicht mehr als der Streit von Schulen. Zudem hat sie dem Aphorismus eine nahe Zukunft im Streit um die Grenzen von Literatur und Philosophie vorhergesagt.

So kam es dann auch. In seiner Monographie „Der Aphorismus“ von 1984 hat Fricke erstmals in einer germanistischen Arbeit die Legitimität des Gattungs-Begriffs „Aphorismus“ zu begründen versucht. Poetisch ist ein Aphorismus nach Fricke, indem er  Textzusammenhang und Situationsbezug offen lässt. Als Gattung unterscheidet ihn das, so Fricke weiter, von Formen der Versdichtung und der fiktionalen Erzählliteratur.

Seine Definition des integrierten Aphorismus und seine Trennung von Philosophie und Aphoristik sind bis heute vor allem unter deutschen Literaturwissenschaftlern umstritten geblieben. Das zeigt, wie sehr seine Poetik des Aphorismus eben jenen Nerv getroffen hat, von dem Giulia Cantarutti spricht.

So hat Fricke seine bleibenden Verdienste nicht nur um sein Fach, sondern auch um die Aphoristik. Und das war ein sachlicher Grund, weswegen ich zu ihm nach Fribourg ging.

Seine Haltung zu theoretischen Fragen kann man auf die deutsche Bezeichnung seines Lehrstuhls beziehen: Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft. Für meinen rastlos suchenden Umgang mit Texten lag sehr viel näher die französische: Littérature allemande et comparée.

Die französische, für die vielsprachige Schweiz naheliegende Bezeichnung betont die Sprache, den Gegenstand und den Vergleich von Literatursprachen, die deutsche die Frage der wissenschaftlichen Verallgemeinerbarkeit. Zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ist durch Vergleichen zu vermitteln, egal ob das Vergleichen beim Erkenntnisziel von Allgemeinheit Zusammenschau oder beim Erkenntnisziel von Besonderheit Kontrastierung bedeutet. So auch in meiner Dissertation zu Benyoëtz, die stilistisch ebenso auf die klassische und klassisch-moderne deutsche wie auf die Desillusions-Aphoristik Kohelet (Eccelsiastes, Prediger Salomo), die Moralistik und den Symbolismus der französischen Tradition verweist.

Selbstverständlich habe ich die Ergänzung gesucht. Auch das Reizklima. Am Ende liegt der Minimalkonsens immer in einer transkulturellen Poetik und Ästhetik von Formen. Als Kontrapunkt war Fricke aber für mich ein außerordentlicher wichtiger Lehrer und bis heute auch Ansprechpartner im Austausch von Publikationen. Fachliche Kompetenz und ästhetische Sozialisierung wären ohne solchen kritischen Austausch verschenkt.

Gelegentlich fürchtete ich noch bei Vorlage von Kapiteln meiner entstehenden Dissertation, er könnte über meinen sprachlogischen Schnitzern meine historisch-philologischen übersehen. Berühmt sind seine Randglossen. Doch diese ungewöhnlich intensive Art der Betreuung zahlte sich besonders im Winter 1991/92 aus, den ich in Mizpe Ramon (Israel) als Gast des Center for Creative Arts sowie in Jerusalem und Tel Aviv verbrachte. Postwendend kamen die immer mehr zustimmenden Randglossen aus Fribourg. In seiner informellen Ansprache nach meiner Thesenverteidigung gab Fricke zu, er habe nicht gedacht, dass ich in Israel so gut schreiben könne. Um gleich zu korrigieren: „Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben.“ Eine wesentliche Bedingung für meinen Weg kann ich doch feststellen: Ich bin auf den Wechsel der sprachlichen Perspektiven angewiesen, um produktiv zu werden – und vielleicht mehr auf Littérature comparée als auf Allgemeine Literaturwissenschaft.

Philologische Erkenntnis

„Wissenschaft“ im Sinn der harten „Sciences“ beansprucht die akademische Beschäftigung mit Literatur nur in Deutschland zu sein. Die meist in Westeuropa und in den U.S.A. verwendeten Begriffe für eine Beschäftigung mit Literatur an Universitäten und im öffentlichen Leben unterscheiden – bis heute wirksam – sehr unterschiedliche Traditionen im deutschsprachigen, angelsächsischen und romanischen Bereich: Literaturwissenschaft, Criticism, critique.

Die entsprechenden romanischen und angelsächsischen Schulen stellen den Moment der Kritik, des Entscheidens ins Zentrum ihres Umgangs mit Literatur – und relativierend den Unterschied von Wissenschaft und Kritik.

Nun formuliert die Poetik, wie Fricke immer wieder betont, weder Naturgesetze noch Wesens-Bestimmungen von Kunstformen oder Total-Erklärungen der Wirklichkeit. Ihre Sprache solle begriffliche Bestimmungen vorschlagen und deutliche Behauptungen auf Widerruf vertreten.

Von neuen Kunstwörtern etwa der Poststrukturalisten hält er so wenig wie vom gedankenlosen Nachsagen traditioneller Begriffe. System und Geschichte von Begriffen unterscheidet er, indem er notwendige und alternative Kennzeichen von Gattungen und Stilzügen nennt. Am Beispiel des Aphorismus:

 

„NOTWENDIGE MERKMALE und ALTERNATIVE MERKMALE
(alle zu erfüllen) (mindestens 1 zu erfüllen)
Kotextuelle Isolation Einzelsatz
und und/oder
Prosaform Konzision
und und/oder
Nichtfiktionalität Sachliche Pointe“

Diese Merkmale werden Punkt für Punkt an Aphorismen erläutert. Und am Ende in der traditionellen Form des Satzes wiederholt.

Frickes wissenschaftstheoretisch begründete Neigung zu formelhafter und tabellarischer Darstellung habe ich nicht übernommen. Mir schien allein schon die Frontstellung zwischen Logikern und virtuosen Stilisten, zwischen Wissenschaftstheoetikern und Ideologiekritikern lediglich den Nebenschauplatz des germanistischen Methodenstreits der 1970er Jahre zu sein. In der symbolischen Ordnung der Methoden, Schulen und Theorien legen solche Tabellen und Formeln für viele Kollegen den Anschein nahe, Kunstwerke würden hier allzu sehr „more geometrico“ klassifiziert, wie der Romanist Werner Helmich sachlich feststellt, um dann in seiner eminenten Studie Der moderne französische Aphoristik Frickes textlinguistischen Ansatz sehr überzeugend zu individualisieren. Häufiger noch haben deutsche Germanisten den oft affektiven und sachlich falschen Vorwurf gegen Fricke erhoben, er würde eine Regelpoetik formulieren.

Vergleichende Literaturwissenschaft und Poetik. Am Beispiel der Benyoëtz-Forschung

Frickes transnationale Poetik und Ästhetik von Formen ist das Ergebnis einer Emanzipation von den chauvinistischen Ursprüngen der Nationalphilologien. Ohne die übliche Aufregung, mit der deutsche Germanisten häufig solche Diskussionen austragen, halte ich fest: Es erscheint mir nicht bloß als eine Frage des Geschmacks oder selbst des persönlichen Habitus, sondern der erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und des Erkenntnis-Interesses, die ein Literaturwissenschaftler bei seinen Forschungen unterstellt. Fricke formuliert keine Regeln für Schriftsteller und Kollegen, sondern Vorschläge, die an der empirischen Wirklichkeit scheitern können. Auch, wo man sich mit seinen deutlichen Thesen irrt, erscheinen sie wertvoller als die Ergebnisse einer philologischen Industrie, die vorwiegend Wissen anhäuft, ohne auch nur ihre Gegenstände nach dem Kriterium der Relevanz und der Lesbarkeit auszuwählen und zu bewerten.

Dies gilt vor allem für die Frage, inwieweit eine nationalphilologische Erörterung poetologischer Fragen dem wissenschaftstheoretischen Anspruch auf Verallgemeinerung überhaupt genügen kann. Vom Standpunkt des logischen Empirismus ist Fricke bei aller selbstbewußten Formulierung doch klar, dass auch der je individuelle Lesehorizont und der Grad der Vertrautheit mit dem Strichcode von Sprachkulturen und Milieus – also die empirische Seite jeder Verallgemeinerung – auf die vergleichende Begriffsbildung Einfluß hat. Das betrifft nicht zuletzt die Vorlieben und Wertmaßstäbe, die Fricke in seiner Poetik des Aphorismus vorwiegend aus seiner geschmackvollen Kenntnis der deutschen und der französischen Moralistik ableitet.

Das bewahrt ihn vor Faktengläubigkeit, die methodisch geschulte und theoretisch gebildete Literaturwissenschaftler immer wieder dazu verführt hat, diesen subjektiven Faktor asketisch ihn zu verdrängen und damit auch erkenntnistheoretisch an der besonderen Verfasstheit sprachlicher Kunstwerke zu scheitern.

Hier zeigt sich, dass die poetologische Erkenntnis und Urteilskraft von Literaturwissenschaftlern oft nicht besser sein kann als der Stand der Kultur-Vermittlung und der Vertrautheit mit mehreren Sprachkulturen. Dies hat Ulrich Schulz-Buschhaus am Beispiel des Zusammenhangs von Kanonbildung und deutschen Übersetzungen italienischer Literatur auf höchstem epistemologischen Niveau gezeigt:

„In höherem Maß, als man gemeinhin annimmt, sind Rezeptionsvorgänge zwischen verschiedenen Literaturen von gleichsam objektiven Prämissen abhängig, die allen Aktivitäten individueller Literaturkritik vorausgehen.“ [7]

Auch Frickes Poetik des Aphorismus von 1984 enthält in diesem Punkt einige sehr selbstsichere – und unzulängliche – Behauptungen über ihm offensichtlich nicht vertraute Literaturen:

Italien und Spanien spielten im Grunde nur in der tacitistischen Frühzeit eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der Gattung [des Aphorismus]; ähnlich ist auch aus Frankreich nach Joubert als letztem Aphoristiker der Revolutionszeit nichts mehr in die aphoristische Weltliteratur eingegangen.“[8]

Das ist sehr selbstbewusst formuliert. Und nicht einmal weit entfernt vom damaligen Stand der im deutschen Kontext erreichbaren Forschung und der Übersetzungen, die etwa französische Aphoristik nur als Moralistik kannte und die bis heute hochkarätige italienische oder spanische Tradition fast gar nicht. Gerade in der Korrektur solcher Thesen zeigt sich aber, dass wesentliche romanistische und germanistische Forschungen zur Ästhetik und Geschichte des Aphorismus seit den 1990er Jahren ohne Auseinandersetzung mit Frickes Poetik gar nicht mehr denkbar sind.

Was Frankreich angeht, kann Frickes These spätestens seit Werner Helmichs acht Jahre später erschienener Monographie „Der moderne französische Aphorismus“ (1992) als widerlegt gelten. Für Italien genügt an dieser Stelle ein verlinkter Hinweis auf die eminenten Studien Gino Ruozzis (Bologna), die seit den 1990er Jahren erschienen sind. Und selbst für die von Fricke erwähnte spanisch-sprachige Aphoristik wird man in der Gegenwart die eminenten lateinamerikanischen Autoren Nicolás Gómez Dávila und Antonio Porchia nicht übergehen können.

Für die Gattungspoetik Frickes mag dies geringere Folgen haben als für die Historiographie und die Analyse und Interpretation einer Form oder eines Werks. Hier sind seit den späten 1990er Jahren die singulären dokumentarisch-erschließenden Arbeiten Friedemann Spickers zu nennen, die auch als Erzählungen und Portraits von Autoren mit Gewinn zu lesen sind. Er betrachtet vor allem den international angesehenen Aphoristiker und Dichter Benyoëtz in den nach Kraus vergleichsweise so bescheidenen Maßstäben der deutschen Gattung.

Spicker hat aus seiner empirisch-historischen Kenntnis heraus einen Methodenstreit begründet. Im Kern erscheint er mir nicht ergiebig. Schließlich erkennt auch die Historiographie der Literatur das Besondere (hier: eines Aphorismus) als Exemplar eines durch empirischen Vergleich gewonnenen, mehr oder weniger engen Begriffs bzw. als ästhetisch produktive Abweichung. Dies gilt umso stärker für Renées katholisch-theologische Dissertation zu Benyoëtz, der dessen Aphorismen im wesentlichen als Abweichung von der Sprache der katholischen Dogmatik liest und diese Abweichung wiederum zum Anlass einer skeptischen Glaubensprüfung nimmt.

Demgegenüber sehe ich an der Kritik meines Ansatz durch Spicker und andere meinen Ansatz als Kontrapunkt zu germanistischen und neuerdings theologischen Interpretationen wie zur Allgemeinen Literaturwissenschaft: Meines Erachtens würde das ästhetisch Gleiche – und sei es einer Sprache, einer Literatur oder einer Gattung – eine Gemeinsamkeit des Lebens voraussetzen, deren Mangel der Ursprung der Avantgardisten und Post-Avantgardisten ist. Ihr Gegenstück ist, auch in der Aphorismusforschung, jene „Diversifizierung von Bildungsmilieus“, wie sie Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu als Mittel der symbolischen Differenzierung von demokratischen Massen-Gesellschaften festgestellt haben.

Vielleicht liegt es an der rückwärtsgewandten Perspektive der Historiographie wie der Theorie der Literaturen, die ja beide in erster Linie traditionelle Bauformen auf Widerruf zu rekonstruieren und Abweichungen zu erkennen suchen. Das weite Spektrum allein der historischen Phänomene einer Nationalliteratur oder der Weltliteratur wird dann arbeitsteilig, und leider selten vernetzt, beackert.

Fricke ist bekannt dafür, dass er zu seinen Fehlern genau so steht wie zu seinen bewährten Thesen. Schließlich erweist sich der Wert von Frickes Poetik des Aphorismus am besten, wenn man sie an verschiedenen Nationalliteraturen oder anhand der Variationen der Aphoristik in den Werken einzelner hochkarätigen Autoren erprobt.

Umgekehrt ist natürlich auch der komparative Ansatz meiner Benyoëtz-Monographie von Wissenschaftstheoretikern oder Spezialwissenschaftlern selbst der deutschen Literaturgeschichte angreifbar: Der empirische Rahmen der Bezüge, in denen ein Werk wie das von Benyoëtz steht, ist ja weitgehend offen – und im Grunde nicht durch spezialwissenschaftliche Kenntnisse, sondern allenfalls durch ihre Vernetzung zu erschließen. Dies gilt umso mehr, wenn man sich die zunehmende Internationalisierung gerade der eminenten deutschsprachigen Aphoristiker nach Kraus – Canetti und Benyoëtz – vor Augen hält. Die seither erschienenen Forschungen zu seinem Werk und zur internationalen Aphoristik bestätigen meinen Eindruck. Insofern freute es mich sehr, dass Helmich in der von mir herausgebebenen Festschrift zum 70. Geburtstag von Benyoëtz Bezüge vor allem zur eminenten französischen Entwicklung des Genres zeigen und so die internationale Bedeutung dieses Autors zeigen konnte.

Im Vergleich zu Friedemann Spickers positivistischen Studien zur Geschichte des deutschsprachigen Aphorismus zeigt sich an Helmichs Studien deutlich, dass die deutsche Aphoristik seit Karl Kraus mit Ausnahme von Canetti und Benyoëtz in der Breite qualitativ deutlich hinter der bis heute reichen und lebendigen Produktion der französischen Aphoristik zurückbleibt. Mit Spicker bin ich in einem Punkt uneins: In seinen Interpretationen von Benyoëtz bleibt er Einflüssen der deutschsprachigen Aphoristik verhaftet. Ich ging davon aus, dass die deutsche Aphoristik ein Beispiel für sprachlich mehrfachgebundene, heute würde man sagen „hybride“, Literaturen ist. So etwas wie eine Einheit der einzelsprachlichen Erfahrung kann nach meiner Einschätzung offensichtlich nicht einmal zwischen Interpreten unterstellt werden kann.

Aus dem unterscheidenden Vergleich ergibt sich ein deutlicheres Bild, als ich es bei meine Dissertation vor Augen haben konnte: Für die Aphoristik deutscher Sprache seit dem III. Reich ein dramatischer Verlust an Qualität in der Breite, aber eine zunehmende Internationalisierung bei den Leuchttürmen Canetti und Benyoëtz festzustellen. Der Bezug zur deutschen Tradition erschien mir während meiner Dissertation über Elazar Benyoëtz als viel zu eng. In den Kategorien der Wissenschaftstheorie gesprochen, ist er viel weniger relevant als die offensichtlichen Bezüge des Autors Kohelet und zur internationalen Literatursprache der symbolistischen Bewegung, die am Beginn der Avantgarden steht.

„…ein Element romanistischer Literaturwissenschaft“

Der Romanist Harald Weinrich hatte vermutlich Ähnliches im Sinn, als er im Geleitwort zu meiner Benyoëtz-Monographie gleich im ersten Satz lakonisch feststellte, dass „der Aphorismus in der deutschen Literatur nur noch wenig von sich vernehmen [hat] lassen.“ (S. IX) Er betont meine komparativen Bezüge zur modernen und zeitgenössischen europäischen Lyrik und Aphoristik von Mallarmé zu Jabès wie zur hebräischen Spruchdichtung Kohelet.

Es scheint mir auffällig, dass gerade Romanisten, die von Haus aus komparativ arbeiten, und dabei traditionell oft sprach- und formbewußter argumentieren als Germanisten, der empirische Rahmen meiner Dissertation spontan und sehr viel leichter einleuchtete als deutschen Literaturhistorikern oder in den vergangenen Jahren auch deutschen Theologen, die sich mit Benyoëtz beschäftigen. Mir erschien – und erscheint – die klassische deutsche Aphoristik von Lichtenberg zu Kraus, also der germanistische Idealtyp, als historische Variante; ein Argument, das in diesem Zusammenhang nicht besonders wichtig ist. Hier ist die Prognose entscheidend. Ich war allen historischen Rettungsversuchen der deutschen Aphoristik gegenüber so skeptisch wie voreiligen Nachrufen. Allerdings beobachte nicht nur ich, und nicht nur für die Literatur, einen deutschen Vorbehalt gegen ästhetischen Wahnsinn und eine Neigung zum  drückenden Ernst.

Die Wissenschaftsgeschichte der Einzelphilologien ist geprägt von Verkennungen und Übertreibungen, auch von ideologischer Verbohrtheit. So war die einst dominante Poetik Emil Staigers universalistisch ausgerichtet, ihr Kanon aber von der klassisch-romantischen deutschen Erlebnis- und Gedankendichtung geprägt. Selbstverständlich leitet jeder Forscher seine Erkenntnisse nur aus dem ab, was er kennt, oder was er sich an Erkenntnissen anderer erschließen kann. Und eine fortschreitende Arbeitsteiligkeit erscheint im Sinne einer Professionalisierung auch unvermeidlich. Beruht nicht unser Selbstvertrauen in der vergleichenden Begriffsbildung gelegentlich darauf, dass wir unsere blinden Flecken als Empirie ausgeben und uns zu wenig mit der Vernetzung unserer Ergebnisse mit den jeweils relevanten Nachbardisziplinen befassen? Abhilfe verspricht hier einer der sehr reflektierten und elegant formulierten Vorschläge von Ulrich Schulz-Buschhaus:

„Was hier fehlt, ist offensichtlich eine Verständigung zwischen den Verwaltern verschiedener nationalliterarischer und epochaler Spezialitäten: ein Blick von der eigenen Spezialität nicht allein auf neuere Theorie, sondern auf die andere, benachbarte Spezialität, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede und damit historische Spezifizität sichtbar machen könnte. Es fehlt hier also, wie ich zum Schluß etwas unbescheiden sagen möchte, ein Element romanistischer Literaturwissenschaft.“

______________________

Theodor W. Adorno: Die Wunde Heine, in: Noten zur Literatur I, Bibliothek Suhrkamp: Frankfurt/Main 1958, 144- 152, hier S. 148f.

Wilhelm von Humboldt: Werke III. Schriften zur Sprachphilosophie, hg. von Andreas Filtner und Klaus Giel. Stuttgart 1963, S. 26.

Kurt Wais: Französische und französisch-belgische Dichtung, in: Die Gegenwartsdichtung der europäischen Völker, hg. v. Kurt Wais. Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag 1939, S. 214.

Gert Mattenklott: Kanon und Neugier, in: Kursbuch 91/März 1988: Wozu Geisteswissenschaften. S. 99-107, hier S. 106. Berlin-West: Rotbuch-Verlag.

Vgl. Giulia Cantarutti: La fortuna critica dell’aforismo nell’area tedesca. Abao Terme: Piovan Editore; deutsch: Aphoristikforschung im deutschen Sprachraum. Frankfurt am Main: Peter Lang 1984.

Die Tabelle findet sich so in: Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Sammlung Metzler, S. 14.

Ulrich-Schulz-Buschhaus: Notizen zur deutschsprachigen Rezeption italienischer Literatur. Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 37, 1996, S. 363–379.

Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Sammlung Metzler, S. 62.

Vgl. Werner Helmich: Erbauung ohne Trivialität, in: Christoph Grubitz u.a. (Hrsg.): Keine Worte zu verlieren. Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag. Ulm : Herrlinger Drucke, S. 38-42.

Ders., Romanistische Literaturwissenschaft, in Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 39, 1998, Kapitel: Zukunftsperspektiven der Romanistik, hg. zus. mit G. Ernst und A. Hahn, S. 277–296, eigener Beitrag: S. 285–291.

Dan Tsalka. Der Erzähler und die Bauformen der Erbaulichkeit

10. Mai 2013

1991/92 lebte ich im Zusammenhang mit meiner Dissertation über Elazar Benyoëtz einige Monate in Israel. Ich lernte bald einige seiner Freunde kennen, die meinen Besuch erwarteten. Darunter war auch der Romancier Dan Tsalka, der 1936 in Warschau geboren wurde und 2005 in Tel Aviv starb. Dan zeigte er sich herzlich-neugierig auf mich, das Französische konnte als Brücke dienen. Während seiner philologischen Studien hatte er in Frankreich den Nachlaß Stendhals erforscht.

Stundenlang unterhielten wir uns dann im Oktober 1991 auf seinem Balkon in Tel Aviv. Ich ließ mir von seinem Werk erzählen. Sein Roman “Tausend Herzen” (“Elaf levavot”), das den Staat Israel in Vorgeschichten von Einwanderungen schildert, war gerade mit dem Hayetzira-Preis aufgezeichnet worden. Eine deutsche Ausgabe bei Suhrkamp sei ihm Gespräch gewesen. Das habe sich leider zerschlagen. (Sie folgte erst 2002 bei der Deutschen Verlags-Anstalt.)
Dan war im Umgang sehr formbewußt und aufmerksam. Und so war er auch als Autor, der über sein Handwerk spricht. Er behelligte mich nicht mit Überzeugungen und Intentionen, sondern erklärte mir konzis seine Arbeitsweise und die Bauform dieses Romans aus dem Motto aus der “Einführung in die Kunst der Renaissance” des israelischen Kunsthistorikers Moshe Barasch, das ihm voransteht. Barasch erklärt dabei die vier distinkte Termini, die die italienische Renaissance bereit hält, um vier Stufen der Ausarbeitung eines Kunstwerks zu bezeichnen: pensieroschizzostudio und disegno.
Dann sprachen wir über den Roman als Kunstform, über den Entwicklungsroman vom Typ „Wilhelm Meister” und den Desillusionsroman vom Typ der „Éducation sentimentale” Gustave Flauberts kamen wir auf Christoph Ransmayer „Letzte Welt”. Er war an meiner Einschätzung interessiert, was mir wohl mehr gab als ihm. Seine Argumente waren natürlich deutlich ausgereifter als meine. Er stellte durch seine Fragen keine Situation der Prüfung her, sondern schärfte meine Aufmerksamkeit für das Erfinden, Erzählen und seine Bauformen. Es ging ihm um die Erörterung handwerklicher Maßstäbe des Schreibens, die er im Gespräch zur Diskussion stellte. Ransmayers Letzte Welt schätzte ich, weil hier antikisierende Epik als Wahrnehmung des heutigen Alltags aufgeht. Dan fand das zutreffend, bedauerte aber, daß das Buch sich nach starkem Anfang sich aus dem genuin Epischen wieder ins Gedankenschwere verlaufe. Auf diese Weise lernte ich Dans eigene Epik kennen, ohne sie lesen konnte. Die Elemente des historischen Romans und der Leichtigkeit des Erzählens waren präsent.
Tsalka selbst entsprach in seiner psychisch-physischen Konstitution so gar nicht dem Bild des gedankenschweren deutschen poeta doctus, der sich am Schreibtisch verausgabt, um der Kunst Opfer zu bringen, sondern eher dem eines französischen Intellektuellen mit einer Herzensbildung, die die Sonntagsschule verrät. Später habe ich einen Beitrag von ihm übersetzt und erstmals auf Deutsch in der Festschrift zum 70. Geburtstag veröffentlicht. Drei Aspekte waren für meine Entscheidung verantwortlich, diesen Text aufzunehmen: Tsalka stellt Elazars hebräisches Buch “Die Ränder des Dunkels” vor, das die Technik der aphoristisch-lyrischen Zitat-Montagen deutscher Sprache vorbereitet. Außerdem war es, in aller Kürze, nicht allein ein exzellent formuliertes, weltliterarisch hochgebildetes Portrait von Elazars Schreibweise in ihren hebräisch-jüdischen Bezügen. Und es war, was so selten ist zwischen Autoren, auch das Zeugnis der Freundschaft.
Die Schreibtisch-Arbeit an opulenten Romanen braucht gewiß auch konstitutionelle Grundlagen. Und Dan wirkte nicht nur geistig frisch, formulierungs- und meinungsfreudig, sondern auch drahtig, ja sportlich: Er hatte eine présence physique. Von Haus war er kein Bulle. Aber in seiner Warschauer Jugend war er Boxer gewesen.
Wir sprachen natürlich auch über Elazar und deutsche Aphoristik. Tsalka zeigte sich auch hier erstaunlich informiert, aber genauso wichtig war ihm das Leben seines Freundes zwischen den Sprachen und Ländern. Über den Einsatz Elazar, zumal auf seinen anstrengenden Lesereisen durch Deutschland, meinte er voller Anerkennung: “He is a hero.” Er selbst habe nicht einmal die Kapazitäten, sich seinem israelischen Publikum in dieser exzessiven Weise auszusetzen. Aber wie war es bei Dan? Hatte er seine eigenen Kapazitäten wie ein Sportler dosiert? Wie auch immer: Für den Freund Elazar setzte er sie ein, als er, der in Israel wohl sehr viel bekanntere Autor, in seiner Rundfunk-Besprechung für das hebräischen Buch seines Freunds Elazar geworben hat. Über solchen Themen vergaßen wir die Zeit. Irgendwann kam sie wieder, in Gestalt seiner Frau, die uns – nun auf Englisch – besorgt darauf aufmerksam machte, daß wir besser hereinkommen sollten. Ein Gewitter ziehe auf: “in one minute”, meinte sie dringend. Dan war gar nicht beunruhigt und wertete den vergänglichen Moment auf: “But this minute is important.”

Emmanuel Lévinas: Ich, in Beziehung. Ein Portrait

25. September 2011

Emmanuel Lévinas lernte ich als Student in Fribourg kennen. Er las dort, auf Einladung der dortigen Communauté Israélite, als Emeritus einige Semester lang über La pensée juive après Kant. Alle 14 Tage reiste er mit dem TGV aus Paris an.

Er war 82 Jahre alt. Ich war einer von vielleicht fünf Studentinnen und Studenten in seiner Vorlesung. Sie war nicht das, was man in Deutschland mit einem häßlichen Wort „prüfungsrelevant“ nennt. Ich beschäftigte mich damals mit Judaica, wenn auch mehr von der Literatur und Geschichte her. Ich studierte zwar im Nebenfach Philosophie, begeisterte mich aber für die zerstrittenen Schulen der Kritischen Theorie und der Analytischen Sprachphilosophie – und damit für eine Denken in Gegensätzen und Widersprüchen. Mit der Phänomenologie hatte ich wenig Berührungen. Das „Zurück zu den Sachen!“, den Kampfruf der Phämonologen, hielt ich für einen emotiven Reflex auf die Erfahrung einer zu Tatsachen verendlichten Welt. Es fehlte die Dimension der Menschen, zwischen denen nicht nur soziale Tatsachen erst zu Tatsachen werden. Und Lévinas bezog diese Dimension ein, er führte sie zurück auf die einzelnen Menschen in ihrer unverwechselbaren Eigenart.

„Hors sujet“

Die heute verbreitete Frage, ob man ihn religiös oder philosophisch verstehen solle, stellte sich mir nicht: Seine Philosophie kreist immer um das Verhältnis eines Menschen zu sich und den anderen. Die Verschiebung der traditionellen Kontexte – vom Ontologischen zum Ethischen – und die Entgrenzung der Begriffe empfand ich poetisch und aufrichtig. Vor allem die Transgressionen in Titeln wie „Hors Sujet“ – „Außer sich“ / „Außerhalb des Subjekts“. Das war auch sprachbewußt. Ganze Sätze oder Begriffe, die nicht sofort talmudisch hin und hergewendet werden, finden sich in seinen Schriften nicht oft.

Das war mir in der Philosophie neu, und manche, die es besser beurteilen können als ich, sagen, es ist ein Aspekt seines Werks, das philosophisch weiterführt. Für mich war es neben der beginnenden Freundschaft zum Aphoristiker Elazar Benyoëtz eine Öffnung angesichts der Grenzen, die man in dieser Zeit zum religiösen Denken zog, ich auch. Ich bin familiär nicht mono-konfessionell gebunden, also bestand für mich nicht der Druck, einen „Dialog“ inszenieren zu müssen, wie dies katholische Theologen in Deutschland heute tun. Er war in mir schon da. Der Dialog zwischen analytischer Sprachphilosophie und Kritischer Theorie für mich und meine widersprüchlichen philosophischen Neigungen auch. Die Phänomenolgie gar nicht. Was hatte ich da von Lévinas, außer einer philosophie-historischen Einführung ins jüdische, vor allem deutsch-jüdische Denken zu erwarten?

Das Gesicht des Anderen

Ich war sehr eingenommen, der Stil seiner Vorlesungen war mir neu. Nach einer offenbar alten Gewohnheit, hatte er die Vorlesung in Form von Notizen auf kleinen Zetteln vorbereitet. Das Suchen war ein Event. Wirklich elektrisierend wurde es aber erst, wenn er den Faden verloren hatte, und improvisieren mußte. Das hörte sich dann (hier übersetzt) so an: „Selbstreflexion: ein schwieriges Wort…“ Dann hellte sich seine Miene auf, er schaute uns strahlend an und definierte das „schwierige Wort“ ad hoc: „Wenn ich etwas über mich erfahren will, brauche ich nur in Ihre Gesichter zu schauen.“

Das „Gesicht des Anderen“ ist ein zentrales Motiv seiner Philosophie und Ausgangspunkt seiner unterschiedlich interpretierten und wohl auch interpretierbaren Ethik. Wo sehe ich Lévinas in den Diskussionen um die Philosophie der Geisteswissenschaften der vergangenen Jahrzehnte? Dort dominieren zwei Vorstellungen, die einander ausschließen:

Die traditionelle Hermeneutik geht von einer relativen Stabilität des Subjekts aus. Das Andere soll als Variation des Einen gelten, als Fall von X dem erkennenden Subjekt einverleibt werden. Die Dekonstruktion hingegen setzt auf die Profilierung des Anderen, insofern es sich von anderem unterscheidet. Beide Positionen betonen das Verhältnis des Geistes zu sich selbst. Lévinas setzt den Akzent auf Beziehung: Auf Beziehung, die nicht abgeschlossen ist oder noch aussteht. Auch die Erkenntnis und die philosophische Erkenntnistheorie verhalten sich aus seiner Sicht zugleich zu ihrem Urheber, zu ihren Gegenständen und zu ihrem Adressaten: zum Beispiel vereinnahmend, neutral oder fremd. Denn bei Lévinas wirkt eine minoritäre Erfahrung, die er mit Formulierungen wie „Geisel des Anderen“ umschreibt, und die sich mit zunehmendem Alter der Moderne immer mehr als eine graduell gewiß sehr unterschiedliche allgemeine Erfahrung erweist. Menschliche Intelligenz ist hier dadurch bestimmt, dass sie sich das Andere ihrer selbst vorstellen kann: Das Unmenschliche wie die Verantwortung.

Vorlesung als Improvisiation

Manche Improvisationen hatten auch dialektische, ja poetische Qualität, die ich als Liebhaber der Aphoristik schätzte. Aber ich schrieb sie nicht mit. Der Unterschied zwischen einem Aphorismus und einer These war mir aus der Tradition der analytischen Wissenschaftstheorie bewusst. Ein Aphorismus kann gelingen oder nicht, eine These ist eine, wenn sie bestreitbar ist. Trotzdem bedauere ich, daß ich nicht mitgeschrieben habe: So weiß ich heute nicht mehr, um welches Aperçu es ging, als Lévinas sich plötzlich unterbrach, mit den Händen fuchtelte und erschrocken sagte: „Schreiben Sie das nicht auf, das ist ein Aphorismus!“ Lévinas’ Erschrecken entspringt seiner religiösen Scheu vor der Ontologisierung der Wunsch- und Schreckens-Bilder, zu denen unsere bildlastige Mediengesellschaft so sehr neigt.

Mir war es spontan verständlich, es war etwas Performatives, das mich bei den Philosophen, die ich schätzte, immer angezogen hat. Ich war von der Bewegung seiner Gedanken, durchaus auch von seinem Ringen um Worte, fasziniert. Ohne mir darüber schon Gedanken zu machen, empfand ich den Reiz des Spontanen dieser Rede, die sich von Verzettelung, von der Angst vor der Verfestigung des Denkens in Selbst- und Fremd-Bildern, befreit hatte. Es machte mir den Wert des Scheiterns eines Gedankens oder einer Formulierung deutlich. Notizen hätten meine Aufmerksamkeit für diesen Tanz auf der Rasierklinge gestört.

Das Unfertige, musikalisch betrachtet

Lévinas liebte auch das Unfertige an den Kompositionen seines Sohnes Michael, der recht hat, wenn er – nach der im C. H. Beck-Verlag erschienen Biographie Salomon Malkas – sagt, gerade darin habe sich die pädagogische Berufung des Vaters gezeigt. Für sich selbst, so berichtet sein Sohn, habe er mit dem Schriftlichen stets gerungen. Er habe befürchtet, sich zu wiederholen, und Mühe gehabt, einen Gedanken bis zum Ende auszuführen. Bücher zählen hier nur als Teile des gelebten Lebens des Autors und seiner Leserschaft, aus dem sie kommen und in das sie zurückstrahlen möchten.

Lévinas die „Andersheit“ (altérité) des Anderen. Der Begriff ist unterdessen mittlerweile fast zu einem blutleeren Wort der Geisteswissenschaften geworden. Ich verstehe sie auch durch Adornos Polemik gegen das alte autoritäre Ideal der „Identität“ der Person, das seit der Wiedervereinigung von 1990 an deutschen Universitäten wieder zu faulem Ansehen kam. Auch die Neue Rechte griff das wieder salonfähige Wort dankbar auf, und klinkte sich so in die bürgerliche Mitte ein.  Man kann sich Lévinas‘ eigene Nicht-Identität, seine altérité nicht konkret genug denken: Malka berichtet von seiner Angst vor Kommunikationsmitteln. Und in seinen Vorlesungen und in den Gesprächen mit ihm meinte ich auch, an einer brüchigen Situation teilzunehmen, mit ihm gefährdetem Grund zu betreten, was sich nicht allein in seinen doppeldeutigen Buch-Titeln und Wort-Verwendungen, sondern bis in den Stil seiner Mitteilung hinein zeigte. Es war ein flow, und damit traf es bei mir, um es mit Paul Valéry zu sagen „ein Punkt der Existenz, an dem das denken trifft, und die größtmögliche Zahl der Kräfte eines Lebens bündelt“.

Mit Ecken und Kanten

In Pausen war er nahbar, ein fast großväterlicher Gesprächspartner und zugleich ein Denker mit allen Ecken und Kanten. Auf meine jugendliche Ungeduld reagierte er gelassen und ganz klar. Ich wünschte mir Walter Benjamin und Theodor W. Adorno in diesem Zusammenhang. Er schaute mich prüfend an: Benjamin? War für Lévinas „ein Journalist.“ Er sagte es nicht verachtend, er legte seine Prioritäten dar. Adorno? „Sein Jargon der Eigentlichkeit… Das ist eine Parodie auf Heidegger.“ Also nur so etwas eine Rivalität zwischen den Platzhirschen der westdeutschen Nachkriegs-Philosophie. Provokation für Provokation. Eigensinn für Eigensinn. Ich konnte es sportlich nehmen. Die Art, wie im akademischen Betrieb im Nachhinein rationale Gründe angeführt werden, um eine Schulmeinung gegen die andere auszuspielen, war mir immer zuwider, weil sie scheinobjektiv ist, und schnell zu Glaubenskriegen werden. Ich lernte Lévinas wegen seiner Haltung schätzen, auch wenn wir unsere Einschätzungen nicht teilten.

1989 gab ich Lévinas meine Lizentiats-Arbeit über Elazar Benyoëtz zu lesen. Vor seiner nächsten Vorlesung sprach er mich aufgeregt an, es erschien ihm sichtlich unwirklich, noch einmal einen deutsch-jüdischen Aphoristiker nach der Expatriierung dieser Gattung aus dem deutschen Sprachbezirk 1933 zu entdecken: „Benyoëtz… Le Fils de celui qui donne des conseils! C’est un aphoriste allemand…“ – „Benyoëtz… Der Sohn des Ratgebers! Das ist ein deutscher Aphoristiker.“ Dann wechselte er die Tonart und verlangte ultimativ: „Il faut que vous publiez ça.“ – „Sie müssen das veröffentlichen!“ So weit war es noch nicht, auch wenn ich eine starke Verpflichtung empfand.

„mehr oder weniger, jedenfalls anderes“

Lévinas selbst hat sich gegen die Bezeichnung „jüdischer Philosoph“ verwahrt. Für einen Philosophen ist dergleichen zu unscharf. Und unscharfe Begriffe reduzieren, in diesem Fall möglicherweise auf die Rolle des Opfers, in der sich die Nachfahren der Täter lediglich spiegeln. Wie Lévinas kommen sehr unterschiedliche französisch-jüdische Intellektuelle wie Jacques Derrida, Alain Finkielkraut oder André Glucksmann darin überein, daß der Nationalsozialismus ein radikalen Bruch mit dem westlichen Humanismus ist. Sie versuchen durch ein anti-totalitäres Engagement über die Einsicht eines Scheiterns der bürgerlichen Aufklärung hinauszukommen, die Adorno seit seinem kalifornischen Exil vertreten hat.

Das Denken von Lévinas sei „mehr oder weniger, jedenfalls anderes als ein bloßer Dialog zwischen jüdischem und anderem Denken“, sagte sein Freund Derrida in „Adieu“, der Rede, die er am Grab von Lévinas hielt. Für die bereits einsetzende katholische Rezeption in Deutschland gab es kein abwägendes „mehr oder weniger“. Man griff zu und identifizierte. Manchmal verstellt der Erfolg, den ein Werk in bestimmten Milieus hat, das Verständnis. Hier scheint es mir vielfach so zu sein. Wäre Lévinas allein ein bedeutender Philosoph, und kein observanter Jude gewesen, er würde kaum als „Repräsentant des deutsch-jüdischen (oder katholisch-deutsch-jüdischen) Dialogs“ gelten. So wie man ihn umgekehrt in den Geistes- und Sozialwissenschaften lange gar nicht wahrgenommen hat – vielleicht nur, weil er observanter Jude war.

Ich lernte schon vor meiner Begegung mit Lévinas die verschlungensten Haupt- und Nebenwege der Assimilierten vor 1933 kennen, die der Zionisten, die der Kommunisten, die der – wenigen – Zionisten oder der jüdischen Heideggerianer und Georgianer. Und er bezog sich durchaus auf diese heterogenen Lebensversuche und Allianzen vor dem Scheitern der bürgerlichen Aufklärung. Sein „Humanismus des Anderen“ steht aus meiner Sicht quer zu den älteren, immer noch wirkungsmächtigen Sozialethiken, Theologien und Humanismen, die auf dem Verstehen – und damit die Verständlichkeit – des je Anderen bestehen und ihn damit reduzieren. Glaubt man seinem Biographen Malka, und dazu neige ich, hatte Lévinas selbst zu den wechselvollen Bedingungen seiner Wirkung einen ironischen Abstand. Nach 1968 begann er eine Konferenz mit den Worten: „Ich werde über Gott sprechen… Heute muß man ja fast sagen: Entschuldigen Sie den Ausdruck.“ – Als sich in den 1970er Jahren, vermittelt durch seinen Freund Paul Ricoeur, ein Interesse des Vatikan anbahnte, und Papst Johannes Paul II. ihn grüßen ließ, frotzelte Lévinas mit seinem evangelischen Kollegen: „Muß man jetzt einen Protestanten schicken, damit ein Papst mit einem Juden ins Gespräch kommt?“

Ein Lehrer der Liebe zum Gedicht. Peter Horst Neumann (23.4.1936-27.7.2009)

25. September 2011

Flachliegende Grabplatte

Unsterblich war ich

Noch am letzten Tag,

als mir der Tod

die Sterblichkeit bewies.

Glaubt ihm kein Wort.

Peter Horst Neumann. Abgedruckt auf der Anzeige seines Todes


Peter Horst Neumann war Professor und Dichter. Dichter war er von Haus aus, und auch als Lehrer war er ein genuin poetischer Mensch. Und er war mein erster Professor, der mir an meiner zweiten Universität, Erlangen, wichtig wurde.

Wir haben einander in den vergangenen Jahren, die seine letzten sein sollten, durch unsere Veröffentlichungen wieder neu kennengelernt. Durch das beziehungslose Getöse hindurch, das man heute „Informationsgesellschaft“ nennt, ist es ein stiller Kontakt mit wenigen Chiffren – und wortfesten Schneebällen. „Wortfest“ war sein Lieblingswort, wenn er über Gedichte improvisierte, und „wortfest“ sollten nicht nur die Schriften seiner Schüler, sondern auch die Formen des Umgangs sein.

Es begann am 18.9.2007, als ich Neumann ein Porträt mit dem Titel „Ein Lehrer der Liebe zum Gedicht“ widmete. Am Ende gehe ich an einem persönlichen Beispiel auf die Bedeutung des Händedrucks im Kreis um Paul Celan und als Schlußformel in Neumanns Briefen. Händedruck signalisiert hier Verbindlichkeit und Ermutigung. Es ist ein Beziehungswort, in dem sich die Formen der Kunst und des  gelebten Lebens verbinden. Er antwortete darauf im Dezember 2007 mit der Widmung seines numerierten und signierten Gedichtbands Die allegorische Spinne: „Für Christoph Grubitz abermals ein Händedruck, herzlich, von Peter Horst Neumann.“

Es drängte mich, das mitzuteilen, und so besprach ich den  Gedichtband mit Empathie. Diesmal begann ich, ermutigt, sogleich mit einem Beziehungswort: dem Schneeball. Das Gedicht, in dem das Wort vorkommt, ist der Erinnerung an Neumanns Freund Wolfgang Hildesheimer gewidmet; der Schneeball wird hierin zu einer improvisierten Form des Totengedenkens. Das Wort „Schneeball“ ist also hier auch ein Beziehungswort wie „Händedruck“ und eine selbstbezügliche poetischen Formbestimmung.

Zuletzt meldete sich Neumann im vergangenen Jahr brieflich zu Weihnachten, in seiner unverwechselbaren Kalligraphie:

Lieber Herr Grubitz,

beim Blättern im privaten Adreßbuch: Ihr Name und der leise Appell, Sie zu grüßen, was hiermit freundlichst geschieht zum Fest, das wir uns selbst erhellen müssen, und in ein Jahr, das Ihnen Gutes zum Gelingen bringen möge. Zu alledem ein Händedruck Ihres Peter H. Neumann / 22. XII.08

Die Antwort auf meine Besprechung  und besonders auf das Gedicht zum Gedenken an Hildesheimer findet sich auf der Rückseite: ein gedrucktes Gedicht Neumanns, das ich an andererer Stelle schon wieder gegeben habe.  ebenso wie  dann der „Schneeblick“ („des Schriftgelehrten“) in Neumanns Gedicht an mich. In diesem Gedicht an mich auch die Rede vom „Schatten“, einer Anspielung auf die Stimmung, die uns wohl auch verband. Aber der Schatten hat nicht das letzte Wort: „Er beweist das Licht“, schreibt Neumann ermutigend.

Wie viel davon nicht nur nun ein verwandt gestimmter Ton war, weiß ich auch heute nicht. Aber ich merkte noch einmal, wie sehr er erhellen konnte und mit seinen Gedichten, auch mit seinen Essays weiter  hier und da im Verborgenen erhellen wird.

Ich habe bei Neumann gelernt, wie sehr solche zerbechlichen Formen der Ermutigung davon leben, dass sie bezeugt werden: Nur so stiften sie den Traditionszusammenhang der Beziehungen, die einer zu sich und den anderen hat. Vermutlich wäre es um ihren Bestand noch schlechter  bestellt, wenn es solche Zeichen der Verbindlichkeit nur als pflichtschuldiges Wohlverhalten gäbe, das die jeweils Jüngeren den Altvorderen erst erweisen, wenn sie nicht mehr da sind. Er wußte so, was mir das in sprachfernen Zeiten bedeutete.

Der Anfang. An den Enden der Humanität

Studiert habe ich bei ihm in den Jahren, ihn kennengelernt aber schon durch Vermittlung Paul Stöckleins 1984, der Neumann in den 1960er Jahren schätzen gelernt und mir noch vor meinem Abitur zu einer Beratung mit Neumann über mein Studium geraten hatte. Also verabredete ich mich damals mit Neumann in seiner Sprechstunde und fühlte sogleich herzlich angenommen.

Er nahm mich nicht allein durch die gemeinsame Neigung zur modernen Lyrik ein. Auch das Leichte, Musikalische und Liberale seines Stils, mit der er über ersthafte Fragen von Kunst und Leben sprach, zog mich an. Seine Stimme verriet die Gesangsausbildung: Stets frisch verliebt ins dichterische Wort.

Als Autor war er mir schon durch sein Buch Zur Lyrik Paul Celans (1968) bekannt. Es war die erste Celan-Monographie, Neumann erhielt daraufhin mit 33 Jahren seinen ersten Ruf, an die Universität Fribourg in der Westschweiz. Zu Beginn seiner Celan-Studien schildert er eindringlich als das Schisma der Poesie und der Sprache des Alltags als erste Urszene der modernen Dichtung:

„Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts haben die Rezeption des Französischen Symbolismus, die Wiederentdeckung der Barock-Dichtung, aber auch die wachsende Beschäftigung mit der dunklen Dichtung Hölderlins eine Differenz von Normal- und Dichtersprache ins allgemeine Bewusstsein treten lassen, an welcher seither die Modernität eines Sprachkunstwerks gemessen zu werden pflegt.“

Die andere Urszene ist „das geschichtliche Ende der Humanität“, von dem Neumann in einem Essay über Celans Todesfuge schreibt. Um sofort zu differenzieren: „doch sie [die Humanität] hat viele Enden, sie geht nicht auf einmal zugrunde.“ So ist es im Essay Schönheit des Grauens oder Greuel der Schönheit? zu lesen.

Noch, wo er als Professor auf die Kunst der Interpretation sich beruft, spricht hier ein Ende der Humanität mit, die nicht vor der Kunst der Auslegung Halt machen kann. Die Dinge, die Neumann anspricht, vertragen keine breitere Ausführung, keine Sinnstiftung und keine Letztbegründung.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens

In seinen Celan-Studien beschreibt Neumann eine lyrische Form, die weit entfernt ist von der Weimarer Erlebnis- und Gedankenlyrik, dem herrschenden Idealtyp der Germanistik. Neumann erwähnt den französischen Symbolismus. Wie man zumal aus den Schriften Bernhard Böschensteins weiß, setzt Baudelaires Habitus des reflektierten Selbstgesprächs eine unausgesetzte Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraus.

Entsprechend nimmt Neumann das Lyrische der Dichtung Celans als eine der musikalischen Komposition ähnlichen Form wahr: Als Silben-Musik. Eine solche Lyrik ist, nach einem glücklichen Wort Roman Jakobsons zur symbolistischen Dichtung, semantisch „herabgestimmt“, indem der Rhythmus der differenzierten Rede die Sprachen der Information und der geschichtlich diskreditierten konventionellen Versformen überformt.

Es ist die reine, die gemeinhin als schwierig geltende Dichtung, die Neumann von Jugend auf angezogen und geprägt hat. Nicht aber im Sinne von Weltflucht oder der Freude an Bürgerschreck-Ästhetik. Dazu ist die Dichtung, die Neumann im Auge und Ohr hat, zu sehr von den Genoziden und Vertreibungen des 20. Jahrhunderts gezeichnet.

Und diese Literatur kann sich die Erfahrungen der Allgemeinen Geschichte nicht mehr vom Leibe halten. Den einen bricht nur das geistige Erbe weg, wie etwa Rilke, andere, wie Celan oder Szondi, überleben ihr beschädigtes Leben nicht.

Neumanns Celan-Studien erschienen 1968. Beim Wiederlesen stelle ich im Vergleich zu anderen philologischen Schriften dieser Zeit fest, die ich seit meiner ersten Lektüre gelesen habe, dass es ihm hier auf bemerkenswerte Weise gelingt, sich dabei fernzuhalten von den damaligen Schlachten zwischen den Vertretern einer werk-immanenten Interpretation und denen einer politischen Deutung absoluter Dichtung.

Vor allem sind ihm die gängigen Haltungen deutscher Interpreten fremd: Weder findet sich bei ihm das, was Adorno den „Schuldabwehrmechanismus“ nennt, noch die neuere Geste eines nachgeholten „Widerstands“. Neumanns Rede über das Politische der reinen Dichtung trifft einen – über diese Zeit hinaus – treffenden Ton, im Sinne von George Steiners lapidarer Bemerkung:

„We know that a man can read Goethe or Rilke in the evening, that he can play Bach and Schubert, and go to his day’s work at Auschwitz in the morning.“

Das Lapidare ist hier auch Zeichen für eine Skepsis gegenüber dem, was in der deutschen Tradition nach 1968 „Veränderung des Bewußtseins“ heißt. Diese Skepsis erscheint auch dem Ton von Neumanns bevorzugter Poesie angemessen zu sein: Weil die Einheit der Erfahrung in der Welt zerbrochen ist, kann auch die moderne Lyrik ihre Struktur nicht aus einer gemeinsamen Sprache gewinnen. Neumann versteht sich unter dieser Voraussetzung ausdrücklich und mit Nachdruck immer wieder als Interpret, gewiss nicht im Sinne des Médiateur, der mit scheinbar Gleichem vertraut macht, sondern indem er die Klischees scheinbarer Vertrautheit zu jener Distanz zu bringen sucht, in der sie erkannt und respektiert werden können.

Stets war es seine Musikalität, die ihm half, auch angesichts solcher Zentrifugalkräfte zu verbalisieren. Nach einem Wort des späten Schönberg geht der Komponist mit der ersten Note eine Verpflichtung ein. Adorno zitiert das in einem Essay zu Paul Valéry, um die Emanzipation der reinen Mitteln, Wort und Farbe, Laut und Form in der ästhetischen Moderne verständlich zu machen.

Mehrfach vertrieben

Neumanns eigener Weg auf eine Professur ist durch Fluchtbewegungen gekennzeichnet: 1945 aus Oberschlesien nach Sachsen, 1958 nach West-Berlin. Sein erstes Ordinariat bezog er 1968, nicht in der Bundesrepublik, sondern in westschweizer Fribourg. Der europäischen Formgesinnung der Moderne eher verwandt als dem deutschen Bildersturm der Studentenrevolte, lag Neumann auch an der Achtung der Formen im Leben mehr als am Schleifen der ästhetischen Bastionen.

Welchen Sinn sollte es auch haben, die Trümmer der Tradition weiter zu zerhacken? „Enttäuschte Liebe“ ist die verständnisvolle Antwort, die Neumann als Motiv angibt, in seinem Buch Die Rettung der Poesie im Unsinn. Der Anarchist Günter Eich (1981). Das Budget seines Fribourger Ordinariats erlaubte es Neumann, Eich und andere Dichter einzuladen und so die ästhetischen Kulturen im akademischen Milieu Asyl zu geben. In der Bundesrepublik wäre dies undenkbar, wie er gelegentlich forciert sachlich feststellte.

Der genius loci Fribourgs ist geprägt durch seine Lage an der Grenze vom französischen zum deutschen Sprachbezirk und durch eine entschieden transkulturelle Atmosphäre der kleinen Universität. Markanter und wirkungsstärker als in Deutschland haben sich noch in der Zeit meines Studiums dort eine intellektuelle Selbstachtung und entsprechende Repräsentationsformen erhalten, an denen Intellektuelle mehrerer Generationen noch in gleicher Weise teilhaben. Daß die freien Geister unter den westdeutschen Hochschullehrern – wie Neumann, Theodor W. Adorno oder Peter Szondi – sich an einer Tradition orientierten, die klassisch-romantisch und symbolistisch war, konnte in der Bundesrepublik offenkundig von der jüngeren Generation der 68er Studenten nur wenig verstanden werden.

Lehrer in Leipzig: Ernst Bloch und Hans Mayer

Studiert hatte der aus Schlesien nach Sachsen vertriebene Neumann in Leipzig zunächst Gesang und Tonsatz an der Musikhochschule, dann an der Universität Philosophie, Musik-, Literatur- und Kunstgeschichte. Unter anderem bei Ernst Bloch und Hans Mayer. „Hoffnung ist enttäuschbar“, so heißt es in Blochs Klassiker „Das Prinzip Hoffnung“. Dass sie „enttäuschbar“ ist, unterscheidet Hoffnung von Erwartung, die mit ihrer Erfüllung vergeht. Ein anderes „Scheitern der bürgerlichen Aufklärung“, von dem Adorno und Horkheimer in Dialektik der Aufklärung sprechen. Bei Neumann sind es die „Enden der Humanität“.

Politisch war hier selbstverständlich auch der realsozialistische Totalitarismus eingeschlossen, den Neumann in der DDR erlebt hatte. In Deutschland pflegte man seine antitotalitäre – also genuin libertäre – Haltung oft mit Konservatismus zu verwechseln. Dergleichen würde in Frankreich niemandem in den Sinn gekommen, wo gerade die linke Intelligenz 1975 auch in Moskau einen Feind der Menschenrechte erkannte.

Neumann spricht bereits in seinem kritischen und in seinem lyrischen Werk die Folgen des Totalitarismus in den Werken der Literatur und der Musik deutlich an. Vor allem ist es sein unverwechselbarer Tonfall, der an eine Tradition geschichtsphilosophischer Deutung von Kunstformen, an die Adornos Philosophie der neuen Musik und Georg Lukacs‘ Theorie des Romans ausdrücklich anknüpft. Die Kunstformen sind hier im Sinn eines Echos zu verstehen, das nicht reiner klingen könne als die Zeiten tönen. Entsprechend heißt es in Adornos Philosophie der neuen Musik:

„Was einmal Zuflucht suchte bei der Form, besteht namenlos in deren Dauer. Die Formen der Kunst verzeichnen die Geschichte der Menschheit gerechter als die Dokumente. Keine Verhärtung der Form, die nicht als Negation des harten Lebens sich lesen ließe.“

Zwar hielt Neumann zur Geschichtsphilosophie, wie überhaupt der philosophischen Diagnose der eigenen Gegenwart, ein ungleich diskreteres Verhältnis als der frühe Lukács, als Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno es in ihrer Generation noch hatten. Sein Verhältnis zu Formen war allerdings nicht minder sensibilisiert. Und auch das verband uns in einer Umgebung, die ich als formlos empfand.

So zeigte sich Neumann als Hochschullehrer idiosynkratisch, wenn Formen des Umgangs in der amorphen Masse-Universität untergingen. Ich erinnere mich an die zugigen Betontürme der Erlanger Geisteswissenschaften. Vor den Sprechzimmern waren primitive Sitzgelegenheiten diebstahlsicher angekettet. In denen In den überfüllten bundesrepublikanischen Seminaren galt es in der 1980er Jahren längst als chic, wenn die ersten Studierenden schon gegangen waren, wenn die letzten erst kamen. Neumann reagierte darauf irgendwann schneidend-distanziert: „Das Zuspät-Kommen“ zum Seminar werde „üblich“. Auch das Klappern von Stricknadeln in der Vorlesung empfand er keineswegs als Ausdruck irgendeiner Emanzipationsbewegung, sondern schlicht als störend und „spießig“. Und in einer Prüfung sei eine unangemessene Kleidung – etwa verwaschene Jeans und ausgebeulter Pulli – nicht zu tolerieren. Das Examen könne unter solchen Umständen keinesfalls stattfinden. Dergleichen war charakteristisch für sein Pathos der Distanz, das Nietzsche brieflich gegenüber seinem Freund Köselitz so vertritt:

„Vornehm ist der Zweifel an der Mittheilbarkeit des Herzens; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben. Die Überzeugung (…), dass man fast immer verkleidet lebt, gleichsam incognito reist.“

Die Erfahrung der Modernen ist die von Einsamkeit. Was einer auch beginnt, es kommt aus einem keinem gemeinsamen Ursprung, sondern aus dem Unterschied. Daraus entspringt eine sehr bestimmte Zurückhaltung gegenüber den kollektivierenden Programmen und dem abgegriffenen Wort. Sie gilt heute in Deutschland als elitär. Warum eigentlich? Gerade in demokratischen Massengesellschaften unterscheiden sich ja Lebensläufe nicht mehr groß – so dass die Literatur der Neuen Subjektivität oder umgekehrt der pseudo-objektive Protokollstil der dokumentarischen Prosa angesichts der überzeugenden Silbenpartituren der nach-symbolistischen Moderne das Massenpublikum nicht berührt.

Ähnlichkeit und Unterschied wirken als Angebote stabilisierend diesseits der großen sinnstiftenden und Gruppen bildenden Ideologien, die hier zu bloßen Stoffen werden. Die Operationen des Wahrnehmens und Denkens, die in ihrem Zeichen stehen, wirken nicht durch Überzeugung (etwa weil es gut oder sinnvoll wäre, ihnen zu folgen), sondern weil sie den Menschen Freiheits-Impulse vermitteln: Form, das ist die Distanz, die einer zu sich selber hält. In den Formen, nicht nur den poetischen, erscheint das Leben in seiner Möglichkeit. Darin wird es tiefer erfaßt als in der jeweiligen Wirklichkeit, die immer einschränkt.

Neben der klassischen und romantischen Literatur und der Literatur der Gegenwart wurde die Beziehungen von Poesie und Musik ein wesentlicher Schwerpunkt von Neumanns Esayistik, vor allem die Vertonungen von Lyrik in der Romantik und in den Avantgarden. Seine Mehrfachbegabung als Musikologe, Kritiker und philologischer Essayist zeigte sich früh. Er ist in der Lage, überzeugend auch für eminente zeitgenössische Dichtung zu streiten und zu werben. So gehörte er zu den Stammautoren von Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“ und war Juror der Bestenliste des Südwestfunks.

Ein Lehrstuhl ist bei einem solchen Lebensweg und einer dreifachen Begabung gewiss eine willkommene, aber offensichtlich nicht befriedigende Ergänzung, ein sicherer Brotberuf, vielleicht in diesem Fall sogar wiederum eine Art Exil?

Der deutsche Professor als Dichter – ein Coming Out

Als Dichter hat Neumann sich erst 1994 geoutet. Mit dem Buch Gedichte. Sprüche. Zeitansagen. Es folgten bis jetzt sieben weitere Gedichtbände. Sie bezeugen den untrüglichen Sinn für die Stelle, in der das Wort im Vers sitzt, unprästentiöse Zeugnisse von Gesten einer reichen ästhetischen Welterfahrung. Ihr liegen Erfahrungen von den Enden der Humanität zugrunde, die eine neue Art von Zuwendung aus dem Zeugnis des dichterischen Worts heraus erst möglich machen:

„Wanderlied

(Kurzfassung, reimlos,

für einen gehbehinderten

Freund:)

Bleib stehen.

Es kommt

auf dich zu.“

Und so war es in seinem Stil als Professor schon wahrzunehmen: Er zeigte heitere Zuwendung, und dies auch noch in einem Tonfall, der souverän auf billigen Trost verzichten kann und dabei keine Unterschiede, und seien es ästhetische, überhört und übersieht. Leichtigkeit und Klarheit der Rede werden in der deutschen Sprachkultur oft unterschätzt, die von Haus aus eher tiefsinning und betroffen tönt. Es scheint, dass Neumanns Habitus in der lyrischen Form seine Bleibe gefunden hat: Und dieser Habitus ist klar, anmutig, bei allem Schweren der Erinnerungen sogar heiter gelöst, und diese Gelöstheit ist immer durch Ernst geformt. „Ernst“ meint hier nicht deutschen Tiefsinn, sondern die römisch-romanische Tugend der gravitas.

Dichter und Hochschule – Zwei Welten

Neumann verkörpert ein Verhältnis zwischen den Wissenschaften und den Künsten, wie es in der Universitätsgeschichte unserer abendländischen Tradition alles andere als selbstverständlich ist. Natürlich wurde es Neumann von Kollegen unter die Nase gerieben. Und es schmerzte mich. Wo sonst gibt es so abschätzige Wörter wie „Professorenprosa“ oder „Gedankendichtung“, wenn nicht im Deutschen? Kaum ein deutscher Kritiker läßt sich das bei derartigen, freilich in Deutschland fast undenkbaren Gelegenheit, der Verleihung eines Literaturpreises, entgehen, um so weniger, als Neumann eher beiläufig und selbstverständlich, seine akademische Profession und deren Eigenarten erwähnte.

Selbst Goethe, der es in der Praxis doch anders hielt, hat wiederholt davor gewarnt, dass das Dichten dem Denken schaden könne und vice versa. Ich werde den Verdacht nicht los, dass solche bis heute wiederkehrenden Bekenntnisse, wo sie nicht bloß gedankenlos mit dem Mainstream reden, ihren Autoren vielfach nur dazu dienen, sich ein in dieser verhinderten Sprachkultur vorzeigbares Gesicht zu geben.

So dass es nicht mehr so sehr wundert, wenn man bei Paul Stöcklein in seinem Essay-Band Literatur als Vergnügen und Erkenntnis (1974) die saloppe Bemerkung liest:

„Meine Laufbahn wäre futsch, vielleicht, würde ich mich plötzlich zu den Dichtern schlagen.“

Machen wir uns nichts vor, besonders die deutsche Wissenschaftsgeschichte ist gegen die Künste so voreingenommen wie generell gegen ästhetische Kultur. Der publizistische Rückzug Neumanns selbst aus der essayistischen Philologie deutete sich bereits an, als ich in den 1980er Jahren bei ihm studierte. Er hatte zwischen 1966 und 1981 bereits fünf Bücher über Lessing, Jean Paul, Bert Brecht, Paul Celan und Günter Eich vorgelegt, daneben zahlreiche Essays und Abhandlungen zur Literatur und Musik vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Nun wurde seine Stimme als Publizist leiser, bis er sich nach 13 Jahren als Lyriker zeigte. Als Lehrer, der für die Dichtung warb, wirkte er auf mich gleichwohl so leidenschaftlich und überzeugend, dass mir das nicht einmal auffiel. Was wiegt dagegen ein publizistischer Kampf gegen die philologische Industrie.

Wissenschaftstheorie

Ich verstehe heute sehr gut, dass ihn dieses akademische Klima zu manchen einseitigen Aussagen über sein Fach verleiten ließ: An einer Philologie, „die sich mit sich selbst beschäftigt“ (der Literaturtheorie) zeigte er sich offen desinteressiert. Für die Poetik der Dichter hatte er ohnedies ein spontanes Verständnis.

Neumann hält sich dabei als Autor wie als Lehrer insgeheim an die Maxime: Ein Wissenschaftler wäre ein Schuft, wenn er nicht die Ordnung der Begriffe so weit wie möglich ausdehnen wollen würde. Wozu wäre er sonst da? Er wäre aber auch ein Narr, wenn er hoffen würde, damit je zu Ende zu kommen. Der Anspruch, Thesen an Kunstwerken zu „beweisen“, erschien ihm als anmaßend, fast als frevelhaft. Er hatte ja auch alles, was man braucht, um darauf zu verzichten, und doch ein exzellenter Lehrer des anspruchsvollen Lesens und Schreibens zu sein. Dabei bezog er sich vor allem auf den Bereich der Interpretation: Wo es dichtungssprachlichen Konsens kaum mehr gibt, wo eine Verbindlichkeit selbst von Wort- und Satzbau, Groß- und Kleinschreib-Regeln und einer Formenlehre der Dichtung nicht mehr erkennbar ist, da wollen Gedichte wieder und wieder kommentiert, gedeutet und vermittelt werden.

War allerdings eine handwerklich-philologische Voraussetzung in einem Referat eines Kommilitonen nicht erfüllt, wurde Neumann in seinen Seminaren deutlich. Gewiss gab er der Kunst der Interpretation auch entschieden Vorrang vor der Theorie oder einer philosophischen Begründung von Philologie. Bei den drei Arbeiten, die ich ihm vorlegte, achtete er vor allem auf meinen Stil, das „Handwerkszeug“, wie er es nannte, sei vorhanden. Ich besserte mich offenbar, so daß seine Randbemerkungen wie „gräßliche Floskel“ wurden dabei von Mal zu Mal weniger wurden.

Der Essayist

Neumann verstand sich virtuos auf das, was man Frankreich critique académique nennt: Er verkörpert die in Deutschland seltene Verbindung zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik. Präsenz in den Medien war und ist für ihn eine unkomplizierte Selbstverständlichkeit, wie es das für einen Professor in Frankreich und Italien auch wäre. Er schreibt als Essayist eine literarisch durchgearbeitete Prosa, die den Lyriker verrät, und beiläufig kommt dabei auch eine ungenierte Freude an offenbarten Lesefrüchten und verdeckten Stilvariationen, an Lebenswissen und Bildung zur Sprache.

Musikalisch aufgewachsen in der Jugendbewegung und im romantischen Volkslied, hat Neumann den kollektivierenden Impuls des gemeinsamen Singens bewahrt, ohne zu übersehen, das gerade dieser Impuls meist missbraucht wird: In seinem Essay Das Singen als symbolische Form spricht er vom „Fortdauern der verordneten Massengesänge in den Ritualen des Glaubens und der politischen Macht.“

Privates und Öffentliches

Wichtig war mir die Schulung an Neumanns Aufmerksamkeit für die alltägliche Symbolik von Kunst-Formen. Er hat eine schwere berufliche Entscheidung zum Thema eines Essays gemacht, wie 1980 im Essay Die Kunst des Abschiednehmens den Wechsel von Fribourg nach Gießen. Neumann war, daraus macht der Text keinen Hehl, im Streit mit seinem Kollegen Hans Zeller gegangen.

Den Begriff der Anarchie und des Unsinns führt er aufgrund seiner Kenntnis des Werks seines Freunds Günter Eich als literaturgeschichtlichen Terminus ein: Die Rettung der Poesie im Unsinn. Der Anarchist Günter Eich (1981). Auch die Aktualität der Klassiker zeigt Neumann beispielhaft. So schreibt er 1977 über die Vaterrolle und der Utopie der Mündigkeit in der bürgerlichen Aufklärung: Der Preis der Mündigkeit. Über Lessings Dramen.

Ein aufgeklärter Monarch

Neumann hat sein Amt als Professor als aufgeklärter Monarch interpretiert. Vielleicht ist an dieser Stelle eine Korrektur des üblichen Bilds eines Ordinarius seiner Generation möglich: Neumann war kein General wie viele andere, die ich erlebt habe, sondern ein akademischer Lehrer, der Studenten ernst nimmt, wenn sie, mit ihren, noch unsicher artikulierten, von dieser oder jener Desillusion vielleicht angekratzten, Glücksverlangen auf ihn zu kamen; wenn sie „aus der Anonymität heraustreten“, wie er einmal in einem Gutachten über mich schrieb. Er nahm dieses unsichere Glücksverlangen ernst, aber nicht todernst. Nicht unwesentlich scheint es mir hier zu bemerken, wie ich seine Stimme in Erinnerung habe. Sie war ja ausgebildet durch ein Gesangs-Studium, und insofern gehört sie nicht nur zur Information, sondern auch zur Aufmerksamkeit für sein Gegenüber.

Das Eros ästhetischer Initiierung und der Preis der Mündigkeit

Wie heikel können nicht solche Übertragungen zwischen Lehrer und Schüler traditionell sein, wenn sie, wie im George-Kreis einer Verrenkung pädagogischer Beziehungen dienen.

Dennoch habe ich nicht nur bei Neumann erfahren, daß ästhetische Erziehung nicht rational, also etwa im Studieren von Lehrbüchern und im Einübungen von begrifflich-logischen Standards, vor sich geht, sondern an den Eros einer Initiation gebunden ist. Die geglückte Initiation heißt Mündigkeit: Mündigkeit auch des Schülers, der so frei wählt wie der Lehrer. Liegt aber die Paradoxie pädagogischer Verhältnisse nicht stets darin, dass sie auf etwas zielen, was sie voraussetzen, nämlich Mündigkeit, nicht als administratives Programm eines Studien-Reglements, sondern als Begehren?

Diesen Sachverhalt hat George Steiner in seinem Buch Lessons of the Masters in seiner umstrittenen Bedeutung für die Geschichte der westlichen ästhetischen Bildung beleuchtet:

„Diese Emotionen haben zu einem beträchtlichen Teil eine unmittelbare oder indirekte Affinität zur Sphäre der Liebe. (…) Eine Meisterklasse, ein Tutorium, ein Seminar, ja, sogar eine Vorlesung kann eine Atmosphäre erzeugen, die von Spannungen des Herzens gesättigt ist. Die Intimitäten, die Eifersuchtsregungen, die Ernüchterungen gehen in Liebe oder Haß oder komplizierte Mischungen aus beidem über.“

Mich berührte in erster Linie etwas Anderes: Wo Neumann emphatisch über die produktiven Desillusionen der Dichter und Musiker sprach, schien sie mir selbst etwas Gebrochenes anzunehmen. Zugleich wuchs die Entschlossenheit dieser Stimme. Damit zeigt er eine unheilbare Wunde zwischen den künstlerischen Avantgarden und ihrer Gesellschaft, ja zwischen Individuum und Gesellschaft an. Ich war darauf ansprechbar, so daß mich dieser Habitus prägen konnte.

Neumann wurde darüber nicht sprachlos, sondern nahm diese Haltung in die Form seiner eigenen wissenschaftlich-didaktischen Aussagen auf, selbst wo diese der Sache nach als Thesen, durchaus auch forciert sachlich, ja apodiktisch, formuliert werden. Auch darauf war ich ansprechbar, ich suchte aber keine Dogmatik sondern einen Lehrer, der meiner eigenen physischen und seelischen Konstitution entsprach.

Weil sie sich solche Interaktionen, nein: klanglichen Schwingungen, nicht in einen subjektiven und einen objektiven Teil zerlegen lassen, sind sie verletzlich. Den Umgang mit ihnen kann man nur aus reflektierter Erfahrung lernen. In solchen pädagogischen Verhältnissen scheint es sich in der Tat ähnlich zu verhalten, wie beim Zustand der wenigstens zeitweise Liebe oder jener gelungenen Kunstwerke, die nach einem demütigen Wort Adorno, „an den heiklen Stellen Glück haben“. Dazu gehören dann Prozesse der Übertragung und Gegen-Übertragung wie das glückliche Werben des Lehrers um Verständnis für seine stets persönliche Deutung oder der verzauberte Blick des Schülers, der an den Lippen des Lehrers hängt.

Demokratisierung

Neumann teilte seine Freundschaft zu Literaten und eng befreundeten Gelehrten seinen Studenten auf Wunsch sehr bereitwillig und großzügig mit, dies ohne Prätention und Indiskretion, aber mit Verve. Er nahm sich Zeit für Gespräche mit Studenten, die Rat suchten, nicht nur wissenschaftlichen. Wenn ein Student aus der Anonymität heraustrat und Neumann Potential sah. Besuchte ich ihn, erwartete mich, den meist abgehetzten Studenten, eine Atmosphäre der Aufmerksamkeit. Auf diese Weise rekrutierte er seine Oberseminare. Und was blieb ihm auch anderes übrig, wenn er nicht bloß eine anonyme Masse bildungsindustriell mit Scheinen und Examina versorgen wollte. Er war nicht der einzige, aber der erste, Professor in Westdeutschland, der mir gegenüber einmal in der Sprechstunde offen und sachlich über seine Einsamkeit an einer Massenuniversität sprach. Man wisse in einer Vorlesung kaum, zu wem man spreche.

Die Rede von „Demokratisierung“ oder heute „Exellenz-Initiativen“ der Hochschulen scheint mir ohne Beziehung gar keinen Sinn zu haben. Die Reformwut seit 1968 schon gar nicht. Neumann ging es, wenn ich das Schlagwort von 1968 aufgreifen darf, um eine wirkliche, das heißt qualifizierte Demokratisierung der Hochschule und zu ihrer Öffnung auch gegenüber den randständigen Künsten.

Gremienpolitik, diesen Kampf gegen Windmühlen, Seilschaften und Betonköpfe, tat er sich nicht an, soviel ich weiß. Es blieb ihm im Amt, aus dem er 2001 schied, erspart, die 2004 sparpolitisch forcierten, konzeptionell ganz unzureichend durchdachten und geradezu dilettantisch organisierten neueste „Universitätsreform“ umzusetzen. Einem, der jedes sich bietende Schlupfloch nutzt, um den begabten Studierenden die Möglichkeit zu einem selbstverantworteten und -gestalteten Studium aufrecht zu erhalten, dem muß ja die Reduktion der Bildung auf Ausbildung wohl einem weiteren Akt in der Tragödie der Barbarei gleichkommen.

„Jeder darf sagen, was er verantworten kann“

Als mich Neumann 1986 nach zwei Hauptseminar-Arbeiten brieflich in sein Oberseminar zu Karl Kraus einlud, war ich gerade 21. Er ermutigte und forderte mich nun weiter: Auch sein Lehrer Walter Killy habe ihn schon früh zu einem Oberseminar über Rilkes Lyrik eingeladen. „Und man darf auch scheitern.“ – In seinem Oberseminar, wo er eine gesunde Auswahl aus seinen Studenten traf, galt seine Regel: „Jeder darf hier sagen, was er verantworten kann.“ Erwünscht war bei Neumann eine Auseinandersetzung von Historikern und Sozialwissenschaftlern, Hermeneutikern und Dekonstruktivisten oder Adorniten, eine Auseinandersetzung, die er mit kritischer Empathie begleitete. Nur eine Spezies gab es in seinem Kreis nicht: Schwarze Schafe. Dass ich außerdem meine Interessen an Literaturtheorie bei seinem Erlanger Antipoden Theo Verweyen verfolgte, störte eher meine Kommilitonen. Wie könne man nur bei Neumann UND Verweyen studieren?

Neumann war – wie Verweyen – auch hier wieder so frei, an meinen Arbeiten festzustellen, dass auch das mich weiterbrachte. Der Maxime folgend, daß in der Welt der Literatur keine Demokratie herrscht. Jeder Autor und Lehrer ist Monarch, und seine Anhängerschaft ist, indem sie von einem zum anderen geht, immer aufs Neue promisk und schamlos in ihrer Neugier und Hingabebereitschaft. Das Wissen und die Lust, die jeder von ihnen unter diesem Vorzeichen bereitet, sind einmalig und unverwechselbar.

Die Bedingung für eine solche Vielfalt von Versuchen ist ein Milieu, in dem die Achtung vor dem Kommilitonen den Vorrang hat vor den Unterschieden der Hierarchie und der Differenz in den Wissenschaften. Ein solcher Raum schafft die Voraussetzung für uneingeschüchterte, wechselseitig respektierte und ermutigte Selbstentfaltung. Verstand er etwa einen Ansatz Derridas in der Erklärung einer Kommilitonin nicht, sagte er das unbekümmert, und bat empathisch um Erklärung. Dann erst gab er sein Urteil ab: „Es ist schon richtig, dass man in dieser Welt als sensibler Mensch den Verstand verlieren kann. Aber da weigere ich mich.“ So interpretierte er seine pädagogische Verantwortung.

Der Stilist als Leser und Lehrer

Prägend wirkte er auch Stilist. Ging es im Seminar um die romantische Liedsammlung Des Knaben Wunderhorn, flehte er die Referentin ironisch an: „Sagen Sie doch bitte ‚Die Stimmgabel der Romantik’.“ Ging es um den Lebensstil oder die politische Haltung von Autoren, wurde es ernst. Hier konnte ihm ein Übersehen und Überhören von Unterschieden als primitiv und verwerflich erscheinen. Sprach etwa ein Student „vom beschaulichen Dichterleben“, wurde ihm drastisch vor Augen geführt, wie viel Drogen einer braucht, und was die Pharma-Industrie an ihm verdient, damit er so eine Existenz führen kann. Nannte einmal ein anderer Student seine Leipziger Lehrer Bloch und Mayer „Stalinisten“, rief er knurrig dazwischen: „Dann bin ich auch Stalinist!“ Dabei biß er fast auf seine Pfeife, die deutlichste Form der Entrüstung. Einige wertvolle Pfeifenköpfe hatte ihm sein Freund Wolfgang Hildesheimer geschenkt, als der Arzt diesem das Rauchen untersagt hatte.

Flucht aus den Betontürmen

Die Betontürme der philosophischen Fakultät in Erlangen behagten ihm als Orte des dichterischen Worts so wenig wie mir. Neumann debattierte nicht lange über „die Unwirtlichkeit unserer Städte“, um mit einem Titel von Mitscherlich zu sprechen. In der ersten Sitzung eines Seminars pflegte er lediglich Organisatorisches zu besprechen, also in erster Linie Referatsthemen, vor allem aber Ort und Zeit für das nächste Treffen des Seminars zu verabreden: Z.B. in einem Hotel in der Fränkischen Schweiz, wegen der Romantiker, die diese Landschaft liebten. Er lebte eine Gesprächskultur vor, für die er eine entsprechende Konstitution hat: Stets war er abends beim Wein bei den Letzten, um dann morgens pünktlich und hellwach das erste Referat zu erwarten. Gewandert wurde ja auch viel, und in wie vielen Baum- und Weggabeln fand nicht Neumann sogleich wieder Stimmgabeln der Romantik.

Nach dem letzten Oberseminar, das ich als Student Neumanns im Frühjahr 1987 besuchte, schloß er wie üblich gegen 22 Uhr den Seminarraum neben seinem Büro ab. Und er rief mir in einer unverhohlenen Abschiedslaune hinterher: „Jetzt wird er gut. Jetzt geht er.“ Später kam ich ihn regelmäßig, wenn ich Deutschland besuchte. Wir tauschten vor allem unsere Erfahrungen über Fribourg aus, und meine Entwicklung. Er machte keinen Hehl daraus, dass er lieber gesehen, wenn ich zu Bernhard Böschenstein, Jean Starobinski und George Steiner nach Genf gewechselt wäre. Ansonsten spielte er auf Kafka an: „Im Haus der Germanistik gibt es viele Zimmer, und Sie sind eben bei Neumann und bei Fricke zu Hause.“

Händedruck

Die Wege von Neumann und mir kreuzten sich zuletzt in Jena 1998, wo ich damals Assistent für Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft war. Eines Tages klopfte an der Tür meines Büros, Neumann hatte einen Kollegen besucht, und wollte nicht versäumen, seinen Schüler zu begrüßen. Er wird gehört haben, dass ich gerade wegen Depressionen behandelt worden war. So bekam der Händedruck, in den er stets eine verbindende Emphase legte, eine andere Bedeutung.

Zuletzt fiel er mir, spät, wie ich zugeben muss, als Dichter auf, die Präsenz der Begegnung und nun auch die Wertschätzung für den Lyriker waren so lebendig, dass ich hm Anfang 2006 schrieb. Als Antwort kam die nummerierte Auflage seines Gedichtbands Kreidequartiere. Die Widmung lautet:

 „Für Christoph Grubitz. Mit herzlichem Händedruck.“

Die Bedeutung, die er dem Händedruck stets gab, verstand ich als äußerst diskrete Anspielung an etwas Verbindendes: „Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht.“ Dieser Satz findet sich in einem 1960 publizierten Brief Paul Celans an Hans Bender. Zum Dichter wird man nicht durch das Verfassen von Versen, sondern dadurch, dass man menschlich, verbindlich, spricht.

Ohne solche Zeichen der Nähe gibt es keine Verständigung. Solche Zeichen wollen kein ungedeckter Scheck sein. Sie gewähren dem Anderen auch einen Freiraum, indem er ihm noch vor jeder Botschaft verspricht, seine Fremdheit zu achten und ihm in seiner Einsamkeit beizustehen. Die seelische Konstitution hätte bei Celan zweifellos umso mehr diese Achtung eines Distanzraums erfordert, wie sie ihm sein Interpret Neumann 1968 mit der ersten Monographie über Celans Dichtung erwies. Gerade in sprachfernen Situationen des Lebens, in denen es uns von innen oder außen zu überwältigen droht, scheint das Bedürfnis stark zu werden, sich selbst in derartigen Lebenszeichen innezuhaben.

1994 erst hat Neumann sich entschieden, seine Gedichte zu publizieren. Der Zyklus „Zeitansagen“ erschien. Bis zu seinem Tod im Jahre 2009 erschienen von ihm parallel zu seinen poetischen Werken Essays und gedruckte Vorträge, die die Entfremdung des Gedichts von Gesang und Rezitation zugleich diagnostizieren und widerrufen. Beispiele sind sprechende Titel wie: „Wie der deutschen Lyrik das Singen verging. Von Eichendorff zu Paul Celan“ und „Von der Geselligkeit ungeselliger Gedichte“.

Neumann selbst flüchte schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts zweimal, früh im Leben: als Schulkind von Schlesien nach Sachsen, als junger Student von Leipzig nach West-Berlin. Stets hatte er eine Neigung zu Dichtungen, die er „sprachfest“ zu nennen pflegt, auch zum Fragmentarischen, das mit den Kunstformen auch die Lebensformen als historisch gebrochene ausweist: Als gebrochene nämlich, die sich individuell zu Stationen formen lassen.

Ist es müßig oder gar unstatthaft, hier an die Biographie des Autors zu erinnern? Ganz und gar nicht – wenn man sie nicht als Schlüssel zu seinen Gedichten missversteht. Die Hinweise auf Orte, Personen und Situationen in Neumanns Gedichten markieren vielmehr Stellen der Erinnerung, die von Schrift nicht, oder noch nicht, besetzt sind. Was hier verstanden werden kann, ist, daß der fugenlosen und logischen Vertextung der Welt Erfahrungen im Wege stehen, die an dieser Stelle nicht anders zu bezeugen sind als mit Stellen, die sich dem Verständnis nicht ohne weiteres erschließen: vom Standpunkt der absoluten Dichtung gesehen ein Mangel, der den Gedichten Neumanns aber um ihres Sinns willen nötig ist.

In seiner Laudatio auf den seit 1958 in Finnland lebenden Dichter Manfred Peter Hein stellt Neumann auch in eigener Sache fest:

„Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Finnland.“

Dieser basso ostinato von Neumanns Essays und Umgangsformen bestimmte von 1994 bis zu seinem jähen Tod seine Gedichte, in denen immer wieder eine außerkulturelle Welt angesprochen wird, eine Sprache für die sprachfernen Zeiten aufscheint:

 „In die Luft

Wären wir

stimmlos und taub,

ich stotterte mein Gedicht

in der Fingersprache laut in die Luft.

Ihr hörtet es mit den Augen

Und müsstest mich

ansehn dabei.“