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1902: Das erste Auto am Gotthard. Und die Folgen

16. Dezember 2014

Für Randy Kaufmann, den Reisenden und August-Scherl-Kenner

 

Einem Gerücht zufolge, dessen Quelle im alten Berliner Zeitungsviertel (wo sonst?!) zu liegen scheint, ist im Juli 1902 ein Auto über den Gotthard gefahren: Zum ersten Mal und nicht legal.

 

Der Sünder ist der in Berlin sesshafte und heimatberechtigte Schelm und Literat Otto Julius Bierbaum (1865-1910). Er hat vom Berliner Großverleger August Scherl (1849-1921) ein acht PS starkes Cabrio der Marke „Adler“ samt Fahrer zur Verfügung gestellt bekommen. Bierbaum reist in journalistischer Mission von Berlin über Prag nach Sorrent und zurück über die Schweiz.

1902 ist der Gotthard der angeblich einzige Schweizer Pass, für den eine Nutzung mit Motorwagen nicht verboten war. Bierbaum bewältigt die 136 Kilometer lange Strecke von Bellinzona (Ticino) über Graubünden nach Brunnen (Uri) in neun Stunden.  „Allerdings nach der Melodie ‚Immer langsam voran“, wie Bierbaum in einem Brief mitteilt: „Das läßt sich nicht im Galopp machen.“ Er kommt gerade in Göschenen an, als ihm ein Bär von einem Polizist den Weg versperrt und ihn anröhrt: „Anhalte! Usstiege!“ Bierbaum findet das unhöflich, was aber nichts hilft. Ihm wird mitgeteilt, dass die Polizei in Andermatt ein Telegramm gesandt habe: „Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten. Stellt es und verfügt nach Gesetz!“

Es stellt sich heraus, dass zwar der Kanton Tessin das Befahren des Gotthards erlaubt, nicht aber der Kanton Uri das Befahren der altehrwürdigen Teufels-Brücke über die Schöllenenschlucht. Das Recht des angeblichen Urkantons Uri sieht in dieser Zeit nämlich vor, dass man in Andermatt, dem ersten Kaff von Uri, einen Ochsen vor seinen Kraftwagen spannen muss. Also hat Bierbaum 20 Franken Strafe zu zahlen, worauf er seinen Weg fortsetzen darf.

Bierbaum holt das Geld nebenbei locker wieder rein: Er veröffentlicht  alsbald ein Auswahl seiner Tagebuch-Notizen und Briefe von dieser Reise in einem Buch: Eine empfindsame Reise im Automobil (1902), in dem das Auto zum ersten Mal ein Gegenstand der deutschen Literatur ist. Der Titel muss noch an vertraute Muster der Reise als einem individuellen Abenteuer erinnern: an einen Bestseller von Lawrence Sterne aus dem 18. Jahrhundert (A Sentimental Journey Through France and Italy, 1768). In Sternes Buch stehen erstmals die Erlebnisse und Empfindungen des Reisenden und nicht humanistische Bildungsinteressen oder die zielgerichtete Brautschau im Vordergrund. So auch bei Bierbaum. Im Vorwort klärt er auf:

Empfindsamkeit heißt mir der Zustand und die Gabe stets bereiter Empfänglichkeit für alles, was auf die Empfindung wirkt, die Fähigkeit und Bereitschaft, neue Eindrücke frisch und stark aufzunehmen.

Wenige Jahre vor Bierbaums Autofahrt über den Gotthard ist Gott gestorben. So jedenfalls registrieren sensiblere Zeitgenossen den Lauf der bürgerlichen Aufklärung. Ohne festes Engagement sehen sie sich in einem langen Aufzug von Medienmenschen und Motorisierten, Dekadenten und Perversen, Nervösen und Hysterikern des Fin de siècle, teils mit metaphysischem Grauen, teils mit allerlei Abenteuerlust – wie Bierbaum.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts ist der Reigen der Statisten für den Kehraus neu besetzt. Es hat sich längst weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus herumgesprochen, dass man über den Gotthard mit dem Auto fahren kann. Ein Kilometer langer Stau vor dem Gotthard-Straßentunnel ist so „empfindsam“ und individuell wie jeder Aufenthalt in einem der postmodernen Transitpferchs, von denen es heute im öffentlichen Raum immer mehr gibt.

Die Strafe, die Bierbaum zahlen mußte, ist inzwischen durch Gebühren im Maßstab der EU ersetzt. Er und seine metaphysisch obdachlosen Zeitgenossen sind ausgewechselt gegen das graue globale Heer von Arbeitslosen, Stadt- und Weltstreichern und Drogenabhängigen, den Taugenichtsen und Antriebsgestörten aller möglichen Ursachen und Erscheinungsformen. Jedermann darf sich aussuchen, ob, wo und wie er noch Bilder findet für diesen letzten Blick um die Ecke und zurück: Ende des Lebens, Fin de siècle, Endgame, Postmoderne.

„Verloren ist, wer den Humor verlor.“ Das antwortet Bierbaum seiner Zeit in seinem Gedicht Glück auf die Reise! Er wird gewußt haben, warum.

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