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Hans Wollschläger: Freundschaften über den Zeiten

16. Dezember 2014

Viele Talente, wenig Erfolg, so könnte man den Eindruck zusammen fassen, der sich aus den vielen Nachrufen ergibt, die zum Tod Hans Wollschlägers (19. Mai 2007) erschienen. Allerdings: das Gefühl eines Verlusts ist da, das zeigen diese Nachrufe durchaus. Und: Jeder Nachrufer brachte andere Gründe vor, für die man Wollschläger zu schätzen habe. Das liegt an der oft zitierten Ambition Wollschlägers, der Spezialisierung zu entgehen und die altmodische Form des universell gebildeten Autors zu leben.

In einer Zeit, wo man in Zielgruppen denkt und schreibt, findet man dann auf vielen einzelnen Gebieten sicher noch wenige Menschen, mit denen man sich etwas zu sagen hat. Man erreicht aber kein Publikum. Mittlerweile wird sein Nachlaß zu einem Objekt der Spekulation. Er wurde dem Literatur-Archiv Marbach bereits für eine Million Euro angeboten

Welkende Blumen

Als ich ihn Ende 1983 besuchte, erklärte er mir die soziale Lage eines freien Schriftstellers in einem floralen Bild: „Wenn ich zur Bank gehe, welken da die Blumen.“ Wollschläger war Organist und Dirigent, einst junger Vorsitzender der Deutschen Sektion der Internationalen Gustav-Mahler-Gesellschaft, Musikologe und Komponist, Agnostiker und Psychoanalytiker, streitbarer Essayist, Literaturkritiker und Historiker, Romancier, Herausgeber und Übersetzer. Und Rezitator. Er hatte die betörendste Männer-Stimme, die ich bis dahin gehört hatte, als ich ihn 1983, ein Jahr vor meinem Abitur nach einer Lesung anschrieb, um einen Termin bat und herzlich eingeladen wurde.

Er gehörte neben dem Frankfurter Emeritus Paul Stöcklein zu meinen ersten geistig prägenden Begegnungen, Anfang der 1980er Jahre. Die beiden waren das Beste, was Bamberg, mein vierter Ort in der dritten Klasse, zu bieten hatte. Undenkbar, dass sie sie persönlichen Kontakt gepflegt hätten: Hier Stöcklein, ein liberaler, lebensfreudiger Katholik und Emeritus, der Wollschläger schätzte. Wollschläger, ein ex-protestantischer Agnostiker, der verständlicherweise seine Einsichten in Literatur höher schätzte als die der meisten Professoren.

Für mich war schon einmal ein Horizont und eine Balance. Hinzu kam am Horizont schon die jüdische Welt, und schon hätte man die intellektuelle Pubertät von Herrn G. Es war, in einer seiner geschichtlich-regionalen Varianten, schon da: Beide schätzten Adorno hoch.

Der Katholik Stöcklein hat eher die hedonistische Seite Adornos, der ex-Protestant Wollschläger eher seine Negative Dialektik wahrgenommen. Stöcklein konnte das Negative, so will es mir in der Erinnerung erscheinen, immer auch als eine Art Hyperbel oder Kontrapunkt wahrnehmen, die Tendenz teilte er durchaus nicht, aber er sprach mir gegenüber immer so warmherzig über Adorno, wie keine der zahllosen Biographen, die sich zu Adornos 100. Geburtstag 2002 gemeldet haben, um Vatermorde und ähnliches zu begehen.

„Moments musicaux“

Wollschläger ließ sich durch Adornos Verstöße gegen deutsche Innerlichkeit und deutsche kulturelle Werte wie Tiefsinn beunruhigen. Adornos Schwanken zwischen lautem Meditieren und Lamentieren, und seine eminente Begabung zum Small-talk: seine Eigenart, auch (scheinbare) Banalitäten einer virtuosen dialektischen Analyse zu unterziehen. Als fortgesetzte Übung am Instrument der Sprache konnte er sie gerade gelten lassen, auch wenn sie ihm nicht gegeben war. Seine Erinnerungen an Adorno, „Moments Musicaux“ sind zugleich ein Zeugnis für die Fähigkeiten Wollschlägers, noch im Rückblick auf sein Leben, Desillusionen unaufdringlich und musikalisch zu objektivieren. Es ist wie die wiedergefundene Zeit.

Stilistisch war Wollschläger an Schopenhauer und, wie Adorno, an Karl Kraus gereift. Arno Schmidt, der in einer völlig anderen, einer neo-expressionistischen, Sprache schrieb, war wohl sein wichtigster Mentor. Am Ende seines Lebens stellte Wollschläger einen wesentlichen Unterschied seiner geistig-seelischen Konstitution zu seinem literarischen Lehrer Arno Schmidts und vieler anderer Autoren fest: Die Maxime „Nulla dies sine linea“ habe keine Macht über ihn gehabt. Er habe also nie den Zwang verspürt, jeden Tag  schreiben zu müssen.

Erst Arno Schmidt war es, der den damals dreißigjährigen Wollschläger 1965 ultimativ aufgefordert hat, er müsse nun endlich einmal mit einem Buch herauskommen. Bevor seine vielen Talente vergeudet seien, möchte man hinzufügen. Was er dann auch anpackte, wenn er es anpackte, war nicht mehr mit autodidatischen Fähigkeiten zu erklären. Wollschläger kam immer wie aus dem Nichts.

Eine Übersetzung als Hauptwerk

Was war eigentlich sein Hauptwerk? Das wird jeder anders sehen. Für mich ist es seine Übersetzung des Ulysses, die zu den größten Verdeutschungen des 20. Jahrhunderts gehört, neben Bubers und Rosenzweigs Verdeutschung der Schrift in die Literatursprache des Expressionismus. Alle Entsprechungen für Joyces Spiele mit Sprache und Sprachen, mit ihren historischen und regionalen Erscheinungsformen finden bei Wollschläger ein ästhetisches Äquivalent, die Zitate hat er aufgedeckt. Und er konnte als Rezitator die Vielstimmigkeit seiner Übersetzung auch noch verkörpern.

Für den zweiten Band seines manieristischen Opus Magmum, „Herzgewächse“ fehlte ihm nach der Jahrhundert-Leistung des Ulysses die seelisch-physische Konstitution. Der Roman „Herzgewächse“ ist das Tagebuch eines Remigranten, reflektiert auch die Existenz des gebildeten Künstlers anhand vieler Intarsien aus Künstler-Biographien, den Faustschen Pakt mit dem Teufel eingeschlossen.

Wollschläger war auch ein monomanischer Autodidakt, auch ein virtuoser, hochsensibler Musikologe, Psychoanalytiker, Religions- und Zivilisationskritiker. Literatur als Komposition. Bekannt wurde er aber aufgrund seiner kongenialen und monomanischen Übersetzung des Ulysses von James Joyce. In der komplizierten Seele der Künstler und Intellektuellen war er der am meisten reflektierte und dabei auch der am wenigsten dogmatische.

 

Die erste Diagnose

Als ich Wollschläger vor 25 Jahren besuchte, meinte der vergeistigte Mann nach einiger Zeit ganz sachlich: „Sie werden immer zu Depressionen neigen. aber sie haben einen starken Kopf. Das schützt Sie.“ Das war die erste Diagnose, ich bin froh, dass ich sie von einem sprachlich besonders sensiblen Literaten hören konnte.

Er kannte sich aus mit den Schatten, die aus der Seele heraufsteigen, alle Wahrnehmung verdunkeln, die Phantasie und die Schaffenskraft lähmen. Harry Rowohlt, der geniale Säufer, riet ihm mal, Wilhelm Reichs Orgon-Maschine auszuprobieren. Im Zusammenhang mit seinem Mentor Arno Schmidt, hatte Wollschläger eine Haltung, auf die Seele des Künstlers bezogen:

„Die Zufriedenheit ist eine Gleichgewichtsübung. Man muss sie erreichen, um in der Balance zu bleiben. Und Schmidt war nie in der Balance. Er hatte einen Arbeitsantrieb von solcher Zwanghaftigkeit, dass er in seine Bestandteile zerfallen wäre, wenn er dem nicht pariert hätte. Das mag bei großen Genies ihre Größe mit ausmachen, dass das so ist.“

Woher kam bei Wollschläger das Gleichgewicht? Aus der Stimme vielleicht. Er spielte sie wie ein Musik-Instrument, im Gespräch und im Vortrag. Ich empfinde das so auch mit dem Stil seiner Text-Partituren, die mir wie nachlebende Stellvertreter der Stimme im Text erscheinen. Als er mich 1983 empfing, bat er mich, ich solle ihn nicht für verrückt halten, aber er führe auf eben diese Weise „Geistergespräche“ mit Schopenhauer, Kraus und anderen. Genau hier suchte ich ja eine Balance, die er mir auf seine Weise als modus vivendianbot.

Allein: Es war neben der monomanischen universellen Bildung wohl die schwermütige Seite, die mich davon abhielt, den persönlichen Kontakt zu pflegen. Oft werden dann Texte für den regelmäßigen Zustrom von Lebens-Energie wichtiger als die Begegnung mit Menschen.

Wollschläger hat eine ähnliche Veranlagung bei mir als erster ausdrücklich angesprochen und das sehr dezent, indem er mich ermutigte, meine intellektuellen Fähigkeiten auszuschöpfen. Dafür bin ich ihm dankbar. Allein aus materiellen Gründen könne er mir nicht zu- und nicht abraten, freier Autor zu sein. Vor allem seine Kritiken und Essays und zuletzt seine Erinnerungen an Adorno habe ich weiter mit Gewinn und immer neuem Erstaunen gelesen über die Kraft der Objektivierung und Formulierungen gelesen. Er verkörperte für mich als erster die Möglichkeit, Stil nicht allein als Ausdruck des Inhalts, sondern als autonomes Mittel der Erkenntnis zu verfeinern. Und mehr, er vermittelte mir als erster die tröstliche Erfahrung des gebildeten Autors,

„dass es möglich ist, die Freundschaften über den Zeiten zu schließen. Mit den Büchern, mit den Verfassern von Büchern, mit den Urhebern von Bildern, von Musik. Dass etwas so riesenhaft Großartiges – also mir erscheint das Leben nicht lebenswert, wenn diese Möglichkeit nicht wäre.“

Und dies, unabhängig davon, wie weit man damit im Leben kommen kann.

Mit den „Freundschaften über den Zeiten“ steht es wohl ähnlich mit der Partnerwahl: Zum Lebensthema wurde diese damals für noch unscharfe Traditionswahl wohl durch die schon früh am eigenen Leib und in der eigenen Intelligenz empfundene Spannung zwischen der gerechten und der sinnlich einnehmenden Welt, erst durch ein Hin- und Hergerissensein zwischen anarchisch-häretischer Bilderlust und wütender Verachtung der pervertierenden Bildkultur. Kurz: Ich bekam von Wollschläger eine Möglichkeit geschenkt, diese Spannung zu objektivieren. Auch die Möglichkeit, wenigstens aus einer großen Pallette an Dysfunktionen wählen zu dürfen.

Das fallengelassene Opus Magnum

Er selbst seine Dysfunktionen offensichtlich korrigiert: Er hat ein halbes Opus magnum veröffentlich, den ersten Teil eines höchst manieristischen Romans mit dem Titel „Herzgewächse oder der Fall Adams“, die Geschichte eines Remigranten entlang der deutschen Faust-Ikonographie (1984). Es stört mich nicht, dass es also nur ein halbes Opus magnum von ihm gibt, weil es genug anderes zu schätzen gibt, was mir bleibt. Andere vermissten große Bücher anstelle seiner dichten Essays und Rezensionen. Der Roman war für ihn vielleicht die am wenigsten geeignete Form für diesen Menschen. Allein konstitutionell. Er war ein Hemd, und kam mir, als ich ihn traf, vor wie ein fertiger Bauarbeiter. Er sprach es selbst an: „Mir wäre es ausreichend, wenn ich die wesentlichen Nährstoffe in Form von Tabletten zu mir nehmen könnte.“ Es schockierte mich nicht. In produktiven Phasen am Schreibtisch hatte ich diese Tendenz bei mir schon wahrgenommen, auch wenn ich die Überzeugung nicht teile.

Da war er erst 50. Hat er nicht sowieso die Gattung des Romans überschätzt und das gute Essen unterschätzt? Das ästhetische und das kulinarische Verhalten hat er in seiner Erinnerung an Adorno (Moments musicaux, Wallstein-Verlag 2005) angesprochen: Bei Adorno erinnere ihn im Rückblick dessen unerschöpfliche Leidenschaft am Sehen, Hören und Formulieren „an die Nahrungsaufnahme bei Muttern“.

War es ein Zugeständnis an eine Sprachkultur, die, mit bemerkenswerten, einsamen Ausnahmen, wie Nietzsche und Adorno, dem doppelten Ideal von exakter Wissenschaft und autonomer Kunst verpflichtet ist und den Versuch als Lebensform als Zwitter diskriminiert? Den zweiten Teil der Herzgewächse gab es jedenfalls auch nie, denn er ließ, so berichteten Freunde, am Ende kaum einen Satz des ersten Teils mehr gelten.

Ich verdanke ihm Einblicke in die Fähigkeit, sich selbst zu objektivieren. Und das ist mehr, als man von einem Werk der Wissenschaft oder der Kunst erwarten kann. In „Moments musicaux“, seiner Erinnerung an Adorno, gibt er ein Beispiel:

„Rückblicke in die eigenen früheren Jahre sind eine heikle Sache: man bekommt da gleichsam embryonale, insuffiziente, jedenfalls unzulängliche Zustände seiner selbst zu Gesicht, die, gerade weil sie überwunden wurden und deshalb grell erkennbar geworden sind, Schamgefühle hervorrufen und mit deren Dreinreden ins Gedächtnis auch wie von selbst Retuschen. Wer sich entwickelt, sieht das Geduldmaß, das nötig war, ihn und seine frühere Zeit ertragen zu haben, so riesengroß, wie es der Abstand ist, den er zwischen sie und sich hat legen können: gegenüber allen Elternfiguren gerät man so bleibend in Schulden – und damit nur in weitere Gründe, seinem Gedächtnis zu misstrauen.“

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