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Von ausbleibenden Dingen. Hans Mayer liest Walther Rathenau

16. Dezember 2014

AnSpruch:
Das Eigentliche im Menschen wie
in der Welt ist
ausstehend, wartend, steht
in der Furcht, vereitelt zu werden, steht
in der Hoffnung, zu gelingen.

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung

 

Lion Feuchtwanger berichtet in einem Werkstattbericht, dass die Lebensgeschichte Walther Rathenaus den Anstoß zu seinem vordergründig historischen Roman Jud Süß gab.

Dessen Konversation verwirrt bekanntlich Hofschranzen, die sich gleich danach vergewissern müssen, ob er denn nun wirklich Kinder fresse.

Auch hierin zeigt sich, wie sehr Rathenau zu den Außenseitern der gescheiterten bürgerlichen Aufklärung zählt, an denen der Literaturhistoriker und Kritiker Hans Mayer (1907-2001) „das Prinzip der undichten Identität“ erläutert, das er immer wieder anhand der beiden prototypischen jüdischen Außenseitern der modernen Literatur in Prousts Recherche verdeutlicht hat: Hier der gereifte Aussteiger, der seine verlorene Lebenszeit ‚wiederfindet’, dort der Parvenu, der sich in seinen Identitätskorrekturen verliert. Hier Swann, der sich in gutem Glauben an die bürgerliche Gesellschaft assimiliert, um sich zu desillusionieren und am Ende zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Da sein Klassenkamerad Albert Bloch, der unbedingt irgendeine Rolle spielen will, und mit einem Doppelleben zunächst als Arrivist und Bürgerschreck (mit einem Wort: als Mufle), am Ende als Konvertit und Ehemann einer Aristokratin aus antisemitisch geprägten Verhältnissen bezahlt. Beider Lebenswege sind als typologische Gegensätze konstruiert, und lassen so keinen Zweifel darüber aufkommen, daß es hier um ein fiktionales Erproben sozialgeschichtlich möglicher, immer auch vorgezeichneter Rollen geht. Und um das Rebellieren gegen sie.

Hans Mayer war 15 Jahre alt, als Rathenau 1922 ermordet wurde. 1933 gelang ihm, nach seinem juristischen Staatsexamen in Berlin, die Flucht. Nach dem Schweizer Exil kehrte er zurück.

Die Karriere Rathenaus ließ die Hoffnungen vieler Juden in Deutschland auf Gleichberechtigung wachsen, wie stellvertretend die autobiographische Notiz des aus Israel remigrierten Malers und Schriftstellers Arie Goral (1909 -1996) bezeugen mag:

„Wer von unseren Eltern bewunderte und verehrte nicht [den Reeder und HAPAG-Begründer] Albert Ballin und Walther Rathenau? Wer sah in ihnen nicht die Juden, die die höchsten Stufen der gesellschaftlichen Hierarchie erreicht hatten, sie, die Juden und trotzdem so deutsch warnen? Die Juden und Deutschen konnten stolz auf sie sein. Sie saßen mit den Mächtigen an einem Tisch und sprachen im Namen Deutschlands. In diesen beiden so mächtigen Juden sahen unsere Eltern und besonders unsere Väter die höchste Vollendung und Erfüllung ihrer Wünsche als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. In Ballin und Rathenau hatten sie die gültigsten Repräsentanten ihrer eigenen Identität.“

Eine verratene Hoffnung. Ballin nahm sich das Leben, Rathenau wurde ermordet.

Rathenaus ästhetische Bindung an den preußischen Klassizismus hätte Mayer wohl trotzdem als „Remedium gegen eine Kunst im Dienste der gesellschaftlichen Veränderung“ und als Symptom einer „ängstlich gewordene(n) Aufklärung“ verstanden. Wobei ihm der oft narzistische Klassizismus von Außenseitern verzeihlicher erscheinen mochte als das Scheitern der bürgerlichen Aufklärung, das sich darin zeigt. Zudem wird man bei Rathenau den Eindruck nicht los, dass seine preußisch-klassizistische Variante des Dandyismus seinen politischen Zielen und seinen abweichenden sexuellen Neigungen einfach ein vorzeigbares Erscheinungsbild geben sollte.

Für Mayer mag sein Außenseitertum oft auch Veranlassung zum Monologisieren und zum Einstreuen von Anekdoten gewesen sein, die durchaus auch von höherem Umgang und diplomatischem Geschick zeugen und zeugen sollen. Im Gespräch war die genaue Kenntnis seiner jüngsten Werke durchaus erwünscht. Dies ist nicht bloß eine verzeihliche Eitelkeit, sondern vor allem auch die nicht zu verachtende Strategie eines Außenseiters, um das Leben nicht der Theorie oder den Interessen der Mächte zu opfern, und um weiter und immer weiter klar sprechen zu können. Die Lage, in der sich der doppelte Außenseiter Rathenau als deutscher Außenminister nach dem Ersten Weltkrieg befand, wird bei Mayer in einem Satz deutlich:

„Ein Außenminister, von dem mitgeteilt werden wird, er sei nicht verheiratet,

wobei vieles mitgesagt werden soll, und dem rühmend ins Grab nachgerufen wird, er habe sich diskret verhalten, macht nicht vergessen, dass die erwiesenen Homosexuellen in allen Ländern als ‚Sicherheitsrisiko’ behandelt (…) werden (…).“

Der Geniekult hat solche Begleitumstände von besonderer Produktivität übersehen wollen, indem er darauf bestand, im Werk die Offenbarung einer Persönlichkeit zu sehen. Wird dagegen in neueren Rathenau-Biographien nicht mit derselben moralischen Verdruckstheit, Strenge und zum Teil auch Häme, mit der die Gesellschaft der Rathenau-Zeit über homosexuelle Juden richtete, über die mangelnde sexuelle Leistungsfähigkeit desselben Menschen gerichtet? Die ohnedies homosozialen ästhetischen Oppositionsbewegungen und urbanen Subkulturen des Fin de Siècle boten neue Chancen für ein produktives Doppelleben.

Als Anwalt von Außenseitern der gescheiterten bürgerlichen Aufklärung zeigt der Jurist und Literaturhistoriker Mayer sich in der Praxis oft keineswegs als Ideologiekritiker, der eine Form auf eine (affirmative oder kritische) Funktion festlegt, sondern als Schriftsteller, der das „Plädoyer als Form“ kultiviert hat. In guter talmudischer Didaktik versucht er dabei den besseren Möglichkeiten Rathenaus gerecht zu werden, um ihrer Wirkung willen.

Zwei Kulturen
Das ästhetische Programm des Fin de Siècle besteht in einer Abspaltung des Künstlers von der Welt des „Wirtschaftsmenschen“, wie ihn Werner Sombart („Der Bourgeois“) 1913 in seinen Erscheinungsformen beschreiben sollte: in jener „höchst eigenthuemlichen und neuzeitlichen Trennung intellektueller Schichten“, die Walther Rathenau selbst in seiner „Physiologie des Kunstempfindens“ (1901) beklagt. Die Fragen, die hier angesprochen sind, setzen sich fort bis in die heutigen Debatten über das Verhältnis von ökonomisch-logischem und ästhetischem Denken sowie zwischen den Denkern von Identität und Differenz. Die Antworten, die Rathenau zumindest bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs darauf gab, ähneln vielfach denen seiner reaktionären Widersacher. In dieser Tradition erscheint auch in seiner Kulturkritik der sozialisierte Mensch als halbierter. Diese Vorstellung ist sehr viel älter als etwa Adornos Kritik an der arbeitsteiligen Gesellschaft des Industriekapitalismus.

Rathenau widerstand zwar der Mythisierung von technischer Rationalität, die bei einem promovierten Naturwissenschaftler gelegentlich nahe liegt, nicht aber der in der deutschen Kulturkritik unvermeidlichen Klage über die angeblich unentrinnbare Zurichtung und Enteignung der „Seele“ durch den „Geist“. Sein Hauptwerk „Zur Mechanik des Geistes oder Vom Reich der Seele“ (1913) und Ludwig Klages, der den Geist als „Widersacher der Seele“ verstand, sind denn auch fast beliebige Beispiele für eine von Hans Mayer festgestellte „Deutsche Antithese“ zwischen (deutscher) Seele und (artfremdem) Geist in der Kulturkritik des Wilhelminismus und der Weimarer Republik:

„Das Reich der Seele, mit Rathenau zu sprechen, wurde offenbar des Geistes nur dadurch mächtig, dass es mit Hilfe modernster Wissenschaft und Todestechnik die Welt des Intellekts zu ‚liquidieren’ sucht.“ [10]

 

Rathenau lieferte auch der Gegenaufklärung Vorschub mit Bestsellern wie „Von kommenden Dingen“ (1917).

Auf diese Weise pflegte er sich als Publizist widerstandslos gegenüber der nationaltherapeutischen Gegenaufklärung seiner Zeit und der Antithese von Seele und Geist (Zweckrationalität) zeigt, so wie er sich Gesprächspartnern gegenüber apologetisch als Jude vorstellte: Hyperkorrektheit des Ausgeschlossenen, der übereifrig nachahmt, was die Umgebung gern hört.

Identitätskorrekturen
Der amerikanische Germanist Sander Gilman ist in seinen Studien zur Imagologie des Jüdischen auf wenig erforschte Phänomene gestoßen, die als Reaktion auf Vorurteile gegen Juden zu gelten haben.  Dazu gehören signifikant häufige Nasenoperationen  von Juden im deutschen Sprachbezirk in der Zeit Rathenaus ebenso wie Rathenaus Bindung an Werte wie Sprachreinheit. An der Selbststilisierung Rathenaus zeigt sich die Kehrseite der bürgerlichen Aufklärung allerdings am deutlichsten:

„Dass er seine vermeintlich orientalische Physiognomie so sehr hasste, dass er sich im Stil römischer Portraitbüsten und ohne ‚Negerlippen’ und Kraushaar modellieren ließ, steht auf einem anderen Blatt.“
Einflüsse Kants sind bei Rathenaus Anverwandlung der von ihm zu Beginn seiner publizistischen Tätigkeit physiologischen Schreibweise im Zusammenhang mit der Geschäftswelt, mit den Künsten und der Moral zu beobachten: Bereits in der „Physiologie der Geschäfte“ dominiert mikro-ökonomisch die Vorstellung eines fairen, d.h. im aufgeklärt-egoistischen Eigeninteresse der Verhandlungspartner und makro-ökonomisch die Reproduktion einer besitzenden Herrschafts-Schicht unterbunden werden. Den Verführungen der Ideologien und des Antisemitismus soll eine freie Gesellschaft den Wind nehmen, die geeignet ist, für die Erosion religiös gebundener Lebensformen zu entschädigen und die eruptiven Urgewalten, hier die Entfesselung von Technik und Kapital, zu bändigen, das Unvorhersehbare und Zufällige neutralisieren und zu einer materiellen Gleichheit von Lebenschancen führen. Kleinere Themen würde man bei Rathenau, wie allgemein bei Kulturkritikern in der Weimarer Republik, fast vergeblich suchen.

Gnostisches bei Rathenau
Die Simultanität von Aufklärung und Gegenaufklärung gehört zu den Widersprüchen des Rathenau-Bilds – ebenso wie seine durchaus aufklärerisch einzuschätzende post-nationale Wende im politischen Denken und Handeln. Sollte es da etwa bedeutungslos sein, dass Rathenau seine Utopie vom „Reich der Seele“ in der Schrift „Eine Streitschrift vom Glauben“ (1917) im Ersten Weltkrieg als etwas eminent Jüdisches behandelt?

Rathenaus Schriften lassen sich vorderhand keiner der herrschenden Optionen jüdischen Lebens und Denken des deutschen Sprachraums um 1900 glatt zuordnen: nicht der Assimilation, nicht dem Konfessionsjudentum und schon gar nicht dem Zionismus, der ohnedies kaum Anhänger hatte.

Und doch lassen sich bisher wenig untersuchte Teilanalogien von Rathenaus Schriften zu Versuchen der religiösen Selbstermächtigung und Laienfrömmigkeit feststellen, die – gegen die Vorstellungen von Evolution und Kontinuität – die Abbrüche und Diskontinuitäten des geschichtlichen Verlaufs in den Vordergrund stellen. Wie produktiv diese Tendenzen gerade im deutschen Sprachraum sind, zeigt Harlod Bloosms Buch „Kafka. Freud. Scholem. Drei Essays“. Ein wichtiges Symptom in den ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sind neumystische Strömungen, die sich als eklektizistische Wiederaufnahme platonischer, gnostischer und kabbalistischer Intentionen, Auffassungen und als Neuauflagen vergessener Texte zu erkennen gibt. [13]

Innerhalb der jüdischen Welt erfolgt die Wiederentdeckung der jüdischen Gnosis, die auf einer Reduktion von Gegenbegriffen auf einen gemeinsamen Ursprung beruht: Nach der kabbalistischen Schöpfungskraft des „Zim-Zum“, die sich mal als retardierende, mal als aufbrechende Bewegung zeigt.

Staat und Judentum im Bild Rathenaus
Ähnlich dualistisch, nämlich gleichursprünglich, scheint bei Rathenau das Verhältnis von „Staat und Judentum“ (1911), dem er eine gleichnamige Schrift gewidmet hat, sowie von der Welt der Geschäfte und der der Künste angelegt zu sein: Den existenziell bedrohlichen Nachteil, im Zeitalter des Nationalismus als Volk keinen Staat zu haben, wendet er zur postnationalen Aufgabe des Judentums. Die Überwindung der dem modernen europäischen Nationalstaats inhärenten Feindseligkeit war für Rathenau durch die Idee eines kantianisch begründeten Vertrags zwischen den verfeindeten europäischen Nationen seiner Zeit erreichbar. Weil er den idealen Gehalt des Judentums nicht aus der stigmatisierten Solidargemeinschaft und nicht aus Riten, sondern aus der Kritik seiner Zeit erschloß, konnte diese Position keinen Beifall finden: nicht innerhalb der breiten jüdischer Optionen der Zeit zwischen Assimilation und Zionismus, aber auch nicht bei der Mehrheitsbevölkerung, deren allfällige Verschwörungstheorien in Rathenau einen neuen Repräsentanten fanden.

Noch in neuerer Zeit hat Julia Kristeva in ihrem Buch „Étrangers à nous-mêmes“ („Fremde sind wir uns selbst“) die biblische Rede vom „auserwählten Volk“ so auffassen wollen – allerdings nicht im Sinne einer zuschreibenden Forderung, mit der das Selbstbewusstsein von Juden stünde und fiele, sondern in dem eines universalistischen Appells, den die Tora einer häufig wiederkehrenden Interpretation zufolge enthält: die aufklärerische Forderung nach materieller Gleichheit von Lebenschancen richtet sich an alle einzelnen Menschen, so wie nach den Antisemitismus-Theorien Sartres und der Kritischen Theorie der Antisemitismus eine Art Leerstelle im Bewusstsein besetzt, die bald auch von Brillenträgern, bald von US-Amerikanern besetzt werden kann. Nun ist unbestritten, daß dieses Versprechen der Aufklärung bis heute nicht eingelöst ist.

Bei den Gründen beginnen die Debatten: Jeschajahu Leibowitz wollte sie in unseren Tagen in der Verbindung von Religion und Nationalstaat erkennen; die religiöse Rechtfertigung des Judenstaats hat der orthodoxe Jude, der sich als Naturwissenschaftler in der Tradition des über seine Religion in die spanische-islamische wie in die abendländische Kultur hinein wirkenden Moses ben Maimon verstehen wollte, allerdings streng zurückgewiesen.

Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula. Eine Auswahl. Zusammengestellt und herausgeben von Wolfgang Berndt. Rudolstadt 1956, S. 511

Hans Mayer: Gelebte Literatur. Frankfurter Vorlesungen. Frankfurt/Main 1987, S. 39

Arie Goral: Jeckepotz. Eine jüdisch-deutsche Jugend 1914-1933.Hamburg 1996, S. 61. Ich verdanke die Fundstelle der Autorin Eva Sternheim-Peters.

Hans Mayer: Goethe. Frankfurt/Main 1999, S. 119.

Hans Mayer: Außenseiter. Frankfurt/Main 1981, S. 461.

Hans Mayer: Gelebte Literatur. Frankfurt/Main1987, S. 86

Zit. nach Werner Fuld: Zwischen den Stühlen. Walter Benjamin: Eine Biographie. Frankfurt/Main 1981, S. 234.

Vgl. Gert Mattenklott: Plädoyer als Form, in: Sinn und Form, 49. Jahr, 2/1997, S. 206-215.

Hier und im Folgenden zitiert aus: Walther Rathenau: Impressionen. Leipzig 4. Aufl., 1902, S. 246

Hans Mayer: Der Widerruf. Über Deutsche und Juden. Frankfurt/Main 1994, S. 179.

Gert Mattenklott: Jüdisches Städtebild Berlin. Frankfurt/Main 1997, S. 144

Harry Graf Kessler: Aus den Tagebüchern 1918-1937. München 1965, S. 262

Vgl. dazu Gert Mattenklott: Ähnlichkeit. Jenseits von Expression, Abstraktion und Zitation, in: Ästhetik des Ähnlichen. Zur Poetik und Kunstphilosophie der Moderne, hg. V. Gerald Funk, Gert Mattenklott u. Michael Plauen, S. 167-183, bes. S. 173-175. Neben solchen ideengeschichtlich weiten und subtil abwogegenen Überlegungen hat Harold Bloom den drei großen Gnostikern der deutsch-jüdischen Geschichte vor 1933 eine Portrait-Sammlung gewidmet: Harold Bloom: Kafka, Freud, Scholem. 3 Essays. Basel, Frankfurt/Main 1990

Clemens Picht: „Er will der Messias der Juden werden“, in: Walther Rathenau 1867-1922. Die Extreme berühren sich, hrsg. v. Hans Wilderotter. Berlin o. .J. S. 117-128, hier S. 66, hier: S. 125

Vgl. Julia Kristeva: Le peuple élu et l’élection de l’étrangeté, in : Etrangers à nous-mêmes. Paris (Gallimard) 1988, S. 95-111.

Yeshayahou Leibovitz: Judaïsme, peuple juif et Etat d’Israel. Traduit de L’hebreu par Gabriel Roth (Thor). Paris (Jean-Claude Lattès) 1985.

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