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Erich Auerbach: Salat und gemischtes Gemüse. Ein Pasticcio zur Conditio humana

16. Dezember 2014

„Nicht besser vom Standpunkt der Anordnung ist Sermini, der seine Sammlung, der seine Sammlung mit Recht „gemischtes Gemüse“ (insalatella) nennt; er hilft sich durch ärmliches Kumulieren, zerdehnt die Situation ins Unerträgliche, um das Laszive ordentlich breit aufzutischen und ist überhaupt ganz unfähig, aus einem noch so schönen Motiv etwas herauszuholen.“

Erich Auerbach: Zur Technik der Frührenaissancenovelle in Italien und Frankreich (1921)

Das „Recht“, auf das sich Auerbach hier beruft, hat ihm ausnahmsweise einen lässlichen Übersetzungsfehler eingebrockt: Heißt doch insalatella Salat – und nicht „gemischtes Gemüse“.

Ob Salat oder gemischtes Gemüse: Wie leicht äußerte sich einst ein qualifiziertes Kunsturteil in der Kritik an dem, was als Zugeständnis an Konvention danebenging. Auerbachs Kritik hatte ein geschlossenes Bildungsmilieu zur Voraussetzung. Ein assimilierter Jude preußischen Rechts und protestantischer Sitte bis zum Exil in Istanbul und Neuengland, der einen atemberaubenden Sinn für die Sozialkritik der katholischen Romania entwickelte.

Zweifelhaft sind wohl weniger Auerbachs empfindlich gestörte Italienisch-Kenntnisse als seine Aufmerksamkeit für die feinen Unterschiede in den Dingen des leiblichen Wohls, zu dem das maßlose Übertreiben beim Erzählen einfach gehört. Maßlosigkeit setzt (mindestens) einen Maßstab voraus, den der Erzähler Sermini kennt, aber dem Geschmack der Masse zuliebe ignoriert.

Für das dramatische Durcheinander von Effekten der Form und allfälligen formalen Entgleisungen hatte er, ein stolzer preußischer Beamter, keinen Sinn. Im Unterschied zu den Menschen, über und für die Gentile Serminis schreibt. Bei solchen Erzählern denke ich immer, irgendwann muss es doch gut sein, aber sie setzen immer noch einen drauf.

Schicksal der bürgerlichen Moral

Auerbachs Dissertation ist der Form nach Rollenprosa eines Prozesses gegen die bürgerliche Moral, den er weder verklärend noch vernichtend, sondern mit kritischer Empathie führt.

Auerbach geht es um die Emanzipation der Frauen, wie sie einzig Boccaccio in der Form der Renaissance-Novelle zeigt: „Dieses Recht ist die Liebesmoral: dass jedes Wesen, nach seiner körperlichen und geistigen Anlage lieben und zurückweisen darf, wen es will, und dass die gesetzlichen Bindungen dieser Freiheit nachstehen.“ (S. 20)

Der Erzähler behält sich das Urteil vor: gegen ihren rechtlich verfassten Zustand mit den Mitteln des französischen Desillusion-Romans und der vergleichen-pointierten Portrait-Kunst der italienischen Novellistik. Ein typischer Auerbacher dazu:

„(…) ein Rassetheoretiker wird vielleicht geneigt sein, Boccaccios vergleichsweise breite und ‚malerische’ Manier dem Blute seiner französischen Mutter zuzuschreiben.“ (S. 50)

„Die edle Bildung ist der einzige Damm“

Boccaccio ist sein Idealtyp, auf dessen Seite er sich schlägt: nicht die Moral, aber die Konflikte seien bei ihm zu verallgemeinern (S. 30). Er betont sozialgeschichtlich den Hintergrund der Pest, der ewige Werte diskreditiert. Was hilft bei Boccaccio?

„Die edle Bildung ist der einzige Damm, der widerstanden hat; alles andere hat versagt, Religion, Staat, Familie, aber die vornehme Form ist unerschüttert.“ (S 7f.)

Unter der Voraussetzung, dass es keine Instanz und Zuständigkeit für moralische Fragen mehr geben kann, versucht Boccaccio gar nicht, dergleichen erzählerisch einzurichten. Wo andere neue Autoritäten einsetzen, die für Law and Order zu sorgen versprechen, führt Boccacccio ein Rotationsprinzip: In jeder Novelle, an jedem Tag ist ein anderer König oder Königin.

In der Breite wird bei Auerbachs untersuchten Novellen ein „moralischer Nihilismus“ (S. 30) deutlich, der die moderne Gesellschaft begleitet, als ihre Kehrseite:

„Wenn die Geschichte witzig und gut pointiert ist, so mögen die Leute nur darin treiben, was ihnen Spaß macht.“ (S. 30)

Die Handschrift des Könners ist schon in diesem frühreifen Werk zu erkennen: Wie üblich zeichnet Auerbach mit leichten Strichen die Tragödien und, lieber, die seltenen gelungenen Komödien von Kunst und Leben. Stets auch „das zweite Gesicht“ (S. 29), das Boccaccio fehlt:

„Ein neues Kleid, eine Reise, die Schwangerschaft – der Gimpelfang durch eine nicht mehr intakte Jungfrau – und daneben Themen, die sich überhaupt auf kein Ereignis stützen, sondern auf bloßes Ressentiment.“ (S. 31)

Ressentiment der männlichen Erzähler und ihrer Leser. Dem ideologiekritischen Impuls der gesamten Abhandlung folgend, besteht Auerbach darauf, sie frei von allen Dogmen, ja selbst von minima moralia ungedeckterVerabredungen zwischen zwei Menschen zu halten.

Die Novelle der Renaissance ist für Auerbach realistisch, indem sie als Grundlage die empirische Welt voraussetzt. Sie ist ihr soziologischer Ort; sie ist es zugleich auch nicht, indem sie „die Realität nur als geformtes Bild, nicht als rohes Material enthalten darf“ (Auerbach).

Philologie als Programm des Lebens

In diesem Sinne schreibt Auerbach in der Einleitung, als hätte er mit der Studie über Novellentechnik zugleich das Programm seines Lebens zu formulieren:

„Seiner eigenen Person bewusst werden, sich in einem irdischen Dasein zu sehen, das ergriffen und beherrscht zu sein fordert, ist das entscheidende Streben der Renaissance; aus ihm entstand die ,gebildete Gesellschaft‘ und zugleich die Novelle.“

Gut dreißig Jahre später, als Professor in Yale, wird er in einem Aufsatz über „Philologie der Weltliteratur“ noch im selben Sinne schreiben:

„Die innere Geschichte der letzten Jahrtausende, welche die Philologie als historische Disziplin behandelt, ist die Geschichte der zum Selbstausdruck gelangten Menschheit. Sie enthält die Dokumente des gewaltigen und abenteuerlichen Vorstoßes der Menschen zum Bewusstsein ihrer Lage und zur Aktualisierung der ihnen gegebenen Möglichkeiten.“

Der Mann war der Ausbildung (und den Usancen seiner Schicht) nach, auch gelernter Jurist, wollte aber nicht usw. Berliner des Jahrgangs 1892 wie sein Freund Walter Benjamin.

„Das Rom, in dem Christus Römer ist“

Liest man die genialen romantischen Stilkritiker Auerbach und Leo Spitzer nebeneinander, so begegnen einem zwei Gesichter ihres Gegenstands, der romanischer Literaturen und Sprachkulturen: Auf der einen Seite das alltäglich zu bewährende Pathos des Angemessenen bei Auerbach und auf der anderen Seite das lebenslang fortgesetztes Etüdenspiel der Sprachmasken bei Spitzer.

Auerbach war habituell von einer Formgesinnung geprägt, die als Halt in den abendländischen, vor allem in den romanischen Literaturen oft ja auch fand. Als Erzähler vergleichender und romanischer Literaturgeschichten konnte er seine Haltung erproben und seine Rolle finden. Als deutscher Professor kultivierte er bis zu seiner Amtsenthebung die Rolle des ungläubigen Mitglieds der abendländischen Kultur. Dies selbstbewusst im Schatten von Leo Spitzer. An Authentizität hing Auerbach sehr, ganz im Unterschied zu seinem Wiener Rivalen Leo Spitzer, der sich mal in dieser, mal in jener Sprachmaske gefiel, auch an der Fiktion ewiger Werte des Abendlands.

Bei Gelegenheit eines Gastvortrags bei Spitzer in Köln schrieb der stolze preußische Geheimrat dem Schlawiener Spitzer ins Gästebuch seines Instituts:

„Unser Gegenstand ist nicht die Kunde von Sein und Kultur, sondern ‚das Rom, in dem Christus Römer ist´.“

Die milde Ironie, die Auerbach später entwickelt hat, erinnert an den Ton der desillusionierten romanischen Ideenkomik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Selbst über seine Situation als gefährderter jüdischer Professor zu Beginn des Nationalsozialismus und dann im Exil pflegte er wie ein außenstehender Beobachter zu sprechen.

Figurationen und Mimesis des Menschlichen

Auerbach führte in einem Aufsatz 1938 den Begriff der Figuration für den Prozess der stets gefährdeten Individualisierung des selbstverantworteten Ichs in der Renaissance ein. Er greift, wie es einer traditionellen Wissenschaft von Büchern ansteht, auf den von Augustinus gebrauchten rhetorisch-theologischen Begriff der „Figura“, der Fleischwerdung des Wortes. Der assimilierte preußische Jude Auerbach erkennt darin eine zeitgebundene christliche Vorstellung vom Menschen und verfolgt ihr Schicksal durch die Literaturgeschichte.

Er prägt den Begriff der „Figuration“, der eng zusammenhängt mit dem Problem des Wechselverhältnisses von Wort und Bild in den europäischen Darstellungsformen von (geschichtlicher) Wirklichkeit, von aristotelischer Mimesis. Dieser Frage widmet sich sein zweites, in Istanbul im Exil geschriebenes Hauptwerk „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“, ein Klassiker der Komparatistik. Auerbach schrieb das Buch, den Umständen entsprechend, ohne Sekundärliteratur.

Dort zeigt er, wie die „tragische Fallhöhe“ durch den sardonischen Alltagsrealismus eines Stendhal oder Balzac überwunden wird. Als Lebensform hat Auerbach diesen Alltagrealismus noch im Exil bewahrt.

Kürzlich erschien in Paris eine französische Neuauflage von Auerbachs Studien zum Begriff der „Figura“, im Untertitel steht das Recht, als jüdisches Gesetz im Vordergrund: „La Loi juive et la Promesse chrétienne“, das jüdische Gesetz und das christliche Versprechen. Wo war der Ort seines Rechts, den er sich bis ins Exil erhalten hat? Er hat ihn in der Formgesinnung abendländischer Dichtung gefunden, die mit seiner Expatriierung zu Ende ging.

In Kürschners Deutschem Gelehrtemkalender erscheint Auerbach 1935 zum letzten Mal. Keine deutsche Institution, weder in der BRD noch in der DDR hat ihn gebeten, zurückzukommen.