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Dan Tsalka. Der Erzähler und die Bauformen der Erbaulichkeit

10. Mai 2013

1991/92 lebte ich im Zusammenhang mit meiner Dissertation über Elazar Benyoëtz einige Monate in Israel. Ich lernte bald einige seiner Freunde kennen, die meinen Besuch erwarteten. Darunter war auch der Romancier Dan Tsalka, der 1936 in Warschau geboren wurde und 2005 in Tel Aviv starb. Dan zeigte er sich herzlich-neugierig auf mich, das Französische konnte als Brücke dienen. Während seiner philologischen Studien hatte er in Frankreich den Nachlaß Stendhals erforscht.

Stundenlang unterhielten wir uns dann im Oktober 1991 auf seinem Balkon in Tel Aviv. Ich ließ mir von seinem Werk erzählen. Sein Roman “Tausend Herzen” (“Elaf levavot”), das den Staat Israel in Vorgeschichten von Einwanderungen schildert, war gerade mit dem Hayetzira-Preis aufgezeichnet worden. Eine deutsche Ausgabe bei Suhrkamp sei ihm Gespräch gewesen. Das habe sich leider zerschlagen. (Sie folgte erst 2002 bei der Deutschen Verlags-Anstalt.)
Dan war im Umgang sehr formbewußt und aufmerksam. Und so war er auch als Autor, der über sein Handwerk spricht. Er behelligte mich nicht mit Überzeugungen und Intentionen, sondern erklärte mir konzis seine Arbeitsweise und die Bauform dieses Romans aus dem Motto aus der “Einführung in die Kunst der Renaissance” des israelischen Kunsthistorikers Moshe Barasch, das ihm voransteht. Barasch erklärt dabei die vier distinkte Termini, die die italienische Renaissance bereit hält, um vier Stufen der Ausarbeitung eines Kunstwerks zu bezeichnen: pensieroschizzostudio und disegno.
Dann sprachen wir über den Roman als Kunstform, über den Entwicklungsroman vom Typ „Wilhelm Meister” und den Desillusionsroman vom Typ der „Éducation sentimentale” Gustave Flauberts kamen wir auf Christoph Ransmayer „Letzte Welt”. Er war an meiner Einschätzung interessiert, was mir wohl mehr gab als ihm. Seine Argumente waren natürlich deutlich ausgereifter als meine. Er stellte durch seine Fragen keine Situation der Prüfung her, sondern schärfte meine Aufmerksamkeit für das Erfinden, Erzählen und seine Bauformen. Es ging ihm um die Erörterung handwerklicher Maßstäbe des Schreibens, die er im Gespräch zur Diskussion stellte. Ransmayers Letzte Welt schätzte ich, weil hier antikisierende Epik als Wahrnehmung des heutigen Alltags aufgeht. Dan fand das zutreffend, bedauerte aber, daß das Buch sich nach starkem Anfang sich aus dem genuin Epischen wieder ins Gedankenschwere verlaufe. Auf diese Weise lernte ich Dans eigene Epik kennen, ohne sie lesen konnte. Die Elemente des historischen Romans und der Leichtigkeit des Erzählens waren präsent.
Tsalka selbst entsprach in seiner psychisch-physischen Konstitution so gar nicht dem Bild des gedankenschweren deutschen poeta doctus, der sich am Schreibtisch verausgabt, um der Kunst Opfer zu bringen, sondern eher dem eines französischen Intellektuellen mit einer Herzensbildung, die die Sonntagsschule verrät. Später habe ich einen Beitrag von ihm übersetzt und erstmals auf Deutsch in der Festschrift zum 70. Geburtstag veröffentlicht. Drei Aspekte waren für meine Entscheidung verantwortlich, diesen Text aufzunehmen: Tsalka stellt Elazars hebräisches Buch “Die Ränder des Dunkels” vor, das die Technik der aphoristisch-lyrischen Zitat-Montagen deutscher Sprache vorbereitet. Außerdem war es, in aller Kürze, nicht allein ein exzellent formuliertes, weltliterarisch hochgebildetes Portrait von Elazars Schreibweise in ihren hebräisch-jüdischen Bezügen. Und es war, was so selten ist zwischen Autoren, auch das Zeugnis der Freundschaft.
Die Schreibtisch-Arbeit an opulenten Romanen braucht gewiß auch konstitutionelle Grundlagen. Und Dan wirkte nicht nur geistig frisch, formulierungs- und meinungsfreudig, sondern auch drahtig, ja sportlich: Er hatte eine présence physique. Von Haus war er kein Bulle. Aber in seiner Warschauer Jugend war er Boxer gewesen.
Wir sprachen natürlich auch über Elazar und deutsche Aphoristik. Tsalka zeigte sich auch hier erstaunlich informiert, aber genauso wichtig war ihm das Leben seines Freundes zwischen den Sprachen und Ländern. Über den Einsatz Elazar, zumal auf seinen anstrengenden Lesereisen durch Deutschland, meinte er voller Anerkennung: “He is a hero.” Er selbst habe nicht einmal die Kapazitäten, sich seinem israelischen Publikum in dieser exzessiven Weise auszusetzen. Aber wie war es bei Dan? Hatte er seine eigenen Kapazitäten wie ein Sportler dosiert? Wie auch immer: Für den Freund Elazar setzte er sie ein, als er, der in Israel wohl sehr viel bekanntere Autor, in seiner Rundfunk-Besprechung für das hebräischen Buch seines Freunds Elazar geworben hat. Über solchen Themen vergaßen wir die Zeit. Irgendwann kam sie wieder, in Gestalt seiner Frau, die uns – nun auf Englisch – besorgt darauf aufmerksam machte, daß wir besser hereinkommen sollten. Ein Gewitter ziehe auf: “in one minute”, meinte sie dringend. Dan war gar nicht beunruhigt und wertete den vergänglichen Moment auf: “But this minute is important.”