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Eine ziemlich fleckige Kopie. Bruce Chatwin besucht Ernst Jünger, um mehr über Henry de Montherlant zu erfahren

16. Dezember 2014

Zwischen zwei Schichten ging ich neulich ins Weite: nämlich über das erfreulich unfreundliche Ernst-Jünger-Portrait Bruce Chatwins auf Henry de Montherlant. Und Chatwin hätte ein Aphoristiker sein können. Er hat ja Moralistisch-Tacitistisches ohne Ende zu bieten, soweit kann ihn also der deutsche Mann also kaum schrecken, über den Heiner Müller sagte, er habe erst den Krieg, dann die Frauen kennen gelernt. Chatwin kannte die Männer wie die Frauen, wie also Jünger die Männer nicht kannte, aber Montherlant.

Es gibt Texte und Sätze von Jünger, die sowohl in der DDR als auch später in der Bundesrepublik als präfaschistisch gelten. In der ersten Polemik gegen Jünger von Wolfgang Harich nach dem Zweiten Weltkrieg gilt er bereits als der „Präfaschist“ und so weiter.

Harich zitiert darin als besonders verwerflich einen Satz über die Somme-Schlacht im Ersten Weltkrieg.
Der Satz heißt:

„Bei einem Vorgang wie dem der Somme-Schlacht war der Angriff so etwas wie eine Erholung, ein geselliger Akt.“
Wolfgang Harich hat diesen Satz in der jungen DDR als Beleg für die Unmenschlichkeit von Jünger zitiert. Das ist nicht falsch, vielleicht genügt das aber nicht. Als Dokument für das, was eine solche historische Situation aus Menschen macht, ist es ja besonders aussagekräftig. Heiner Müller, als er schon vom Krebstod gezeichnet ist, sagt in einem seiner legendären Gespräche mit Alexander Kluge:

 

„Das versteht man in der Intensivstation, diesen Satz, weil der ist völlig richtig. Und man kriegt auch ein Verständnis – was ich wirklich sehr skeptisch betrachte, auch selbst – sogar für die Verachtung der Demokratie bei Leuten, die zum Beispiel aus der Somme-Schlacht kommen.“

 

Auch vor dem intellektuell übertönten Darwinismus Jüngers schreckt er nicht zurück: er lehnt ihn ebenso unmissverständlich wie beiläufig ab. Er unterscheidet sie von der Tradition des honnête homme. Das unterscheidet den guten vom schlechten Erzähler. Auch das Geheimnis, dass er um sein „Interesse“ am Montherlant macht, das er im Text als Faszination bezeugt.

 

Montherlant scheint kapriziöser zu sein als Jünger, und in den Unterschieden des Niveaus übertrifft er vielleicht sogar die üblichen französischen Journal- oder Carnet-Autoren. Er hielt diese Tagebuch-Formen für so etwas wie Vorstufen, Formulierungsübungen: Das entspricht dem Klischee, es widerspricht aber seinem entschiedenen Willen zur Form:

 

„Das einzige Rezept: schöne Werke schaffen. Dann komme, was mag.“ (Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S. 14)

 

Dann hielt ich Konferenz mit einem fernen Bekannten, Werner Helmich, mit seinem Standardwerk zum französischen Aphorismus. Und siehe da: Helmich kommt immer wieder und gar nicht selten wertschätzend auf Montherlant zu sprechen, wegen des Moralistischen und des Muts zur Subjektivität mit distinguiertem formalem Anspruch. Helmich ist ja fein, er hat die Ataraxia im Auge, zu der das Pathos der Distanz ebenso gehört wie das procul negotiis, das Fern der der Geschäfte und der  zeitgenössischen Gesellschaft:

 

„Wer mich besucht, erweist mir die Ehre, wer mich nicht besucht, macht mir eine Freude.

 

„Wer dem Publikum – seiner ‚Kundschaft‘ – nicht zu mißfallen wünscht, ist, wie er es auch anstellen mag, ein Krämer. Sogar und vor allem, wenn er Literat ist.“ (Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S.60)
Öffentliche Ereignisse des Tages werden nicht angesprochen.
Chatwin, so endet seine Geschichte, lässt sich von Jünger ein pièce justificative  nach dem anderen zeigen, man beginnt, einander zu langweilen, für ein Besuchs-Portrait  hätte es bis dahin nichts hergegeben. Der Autor vom Typ Jünger geht eben im Werk auf, seine empirische Person  ist meist wenig interessant. Dann aber bleibt man aber bei Montherlant hängen. Und Chatwin macht aus Flecken mit wenigen Handstrichen Geschichte:

 

„Da ich an Montherlant interessiert war, konnte ich das Gespräch mit Jünger etwas ausdehnen, und wieder kam er vom Aktenschrank zurück, diesmal eine ziemlich fleckige Kopie schwenkend, auf der geschrieben stand:

 

Le suicide fait partie du capital

de l’humanitè
Ernst Jünger

8. Juni 1972

Dieser Aphorismus Jüngers stammt aus den dreißiger Jahren, und es heißt, daß Alfred Rosenberg einmal gesagt habe: ‚Es ist ein Jammer, daß Herr Jünger aus seinem Kapital keinen Nutzen zieht.’ Doch man muß sich die Szene so vorstellen:

Montherlant, an Krebs erkrankt, sterbend, sitzt in seiner Wohnung am Quai Voltaire, umgeben von seiner Sammlung griechischer und römischer Marmorstatuetten. Auf seinem Tisch eine Flasche Champagner, ein Revolver, ein Füllfederhalter und ein Blatt Papper. Er schreibt: ‚Le suicide fait partie …’

Peng!

Die Flecken waren fotokopiertes Blut.“

(Bruce Chatwin: Was mache ich hier. Hanser, S. 335)