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„Am Baum der Sprache lehnten wir und lehnten uns auf“ – Elazar Benyoëtz schreibt ein kurzes Buch über den Menschen und erinnert sich an seinen Freund, den Philosophen Ulrich Sonnemann

28. Dezember 2016

Elazar Benyoëtz: Was nicht zündet, leuchtet nicht ein. Ein Büchlein vom Menschen und seiner Ausgesprochenheit. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Andreas Steffens. NordPark Verlag Wuppertal 2016.

Zeugnis einer Freundschaft

Das neue Buch von Benyoëtz spricht vom großen gemeinsamen Thema zwischen ihm und seinem 1993 verstorbenen Freund, dem Philosophen Ulrich Sonnemann (1912-93). Was beiden seit ihrer ersten Begegnung in einem Münchner Kaffeehaus gemeinsam war, schreibt Benyoëtz:

„Am Baum der Sprache lehnten wir

und lehnten uns auf –

gegen alles, was das Sagen, ohne uns,

haben wollte“ (51)

So sind beider Werke auf unterschiedliche Weise Verweigerung und Antwort auf gesellschaftliche Zwänge zugleich.

Sonnemanns Hauptwerk von 1969 heißt Negative Anthropologie. Wie in Adornos Negativer Dialektik sollten hier die positiven Bilder vom Menschen und seiner Geschichte angegriffen werden, die den Menschen zum Objekt machen, auch wenn sie im Namen einer organisierten „Freiheit“ entworfen werden.

Unter dem identischen Titel Was nicht zündet, leuchtet nicht ein… erschien 1992 Benyoëtz‘ 15seitiger Beitrag zur Festschrift für Ulrich Sonnemann (Spontaneität und Prozess. Zur Gegenwärtigkeit Kritischer Theorie“, hrsg. Von Sabine Gürtler).

Aus 15 Seiten wurden 90, und auch die Textur hat sich erheblich verändert. Übernahmen aus dem Text von damals sind selten und gehen in neuer Umgebung andere Bezüge ein, in denen sich Nuancen und Facetten einer 26 Jahre währenden Freundschaft spiegeln. Hier soll es allein um dieses Buch gehen, denn zur dieser Freundschaft habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Das Buch lässt sich auch als Zeugnis eines ungemein produktiven und hoch aktuellen Dialogs zwischen Sonnemann als einem assimilierten Juden und einem Zeugen des Scheiterns der bürgerlichen Aufklärung und Benyoëtz als einem traditionellen Juden auffassen. Universell daran sind die Lehren von zwei Menschen, die Erfahrungen mit dem Unmenschlichen gemacht haben.

Benyoëtz und Sonnemann hatten nach ihrer Vertreibung bereits hebräisch und englisch publiziert, bevor sie ins Deutsche zurückkehrten. Als sie sich 1967 in München begegneten, herrschten in der Bundesrepublik noch Schulen der Sprachlosigkeit, um mit einem damaligen Titel Sonnenmanns über den Deutsch-Unterricht zu reden.

„Das Eigentliche im Menschen ist ausstehend“

Benyoëtz, Sonnemann und Steffens reden von dem, was die Menschen jenseits der trostlosen biologischen und ökonomischen Daten verbindet, mit der man uns heute erklären will, was der Mensch ist. „Das Eigentliche im Menschen wie in der Welt“, schreibt Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung, ist „ausstehend, wartend, steht in der Furcht, vereitelt zu werden, steht in der Hoffnung, zu gelingen.“

In erweiterter Fassung sollte das Büchlein vom Menschen mit einem Nachwort von Sonnemann erscheinen. Sein Tod kam dazwischen. Der Herausgeber Andreas Steffens, Freund und Schüler Sonnemanns, vermittelte die Publikation und hat sie mit einem Nachwort versehen. Nachwort ist fast zu wenig, handelt es sich doch um einen literarisch-philosophisch anspruchsvollen Essay von 20 Druckseiten.

Steffens ist ein publizistisch erfahrener Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur. Er hat einige Jahre in Paris gelebt, ist viel zwischen den Künsten unterwegs, und entwickelt als philosophischer Schriftsteller mit gelungenen aphoristisch-essayistischen Formversuchen selbständig und immer wieder kunstbegeistert und kunsterfrischt die Kritische Theorie und anderes fort.

Zünden und leuchten

Der Titel ist bei Benyoëtz immer schon ein Beispiel seiner poetischen Verfahren. In typischer Weise spricht er die Bildphantasie und zugleich die Klangphantasie an, um auf der sprachlichen Ebene einen Eindruck davon zu geben, wovon abstrakt die Rede ist. „Zünden“ und „leuchten“ sind stehende Metapher, die hier  als Selbstexemplifizierungen darauf verweisen, dass die Klang- und Bildphantasie angesprochen wird. Hinzu kommen die offenen, nebenordnenden Formen: Parataxis, Aphorismus und Zitat-Montage.

Zum l’art pour l’art neigt Benyoëtz bei alledem genauso wenig wie Sonnemann dazu neigte. Sprach-Artistik zielt bei beiden Autoren sowohl auf Einsicht als auch auf Handeln. „Leuchten“ verweist auf das Leitmotiv der Aufklärung, Lumière, Enlightenment. In diesem Bildfeld sind die Anthropologie des Philosophen Sonnemann und der Beginn der Genesis verbunden.

Wie geht das zusammen? 50 Jahre publiziert Benyoëtz nach Anfängen als hebräischer Lyriker nun in seiner zweiten Literatursprache, im Deutschen. Auch diese Sprache ist ihm ein Musik-Instrument, und das Gesprochene ein Lehrstück, bei dem man etwas über sich erfährt, was man vorher nicht wissen und anders nicht erfahren kann. Das heißt auch, ein sprachliches Kunstwerk ist bei ihm, wie jedes sprachliche Kunststück, auf Vorschein und Trug abgeklopft:

„Die Sinne lasen sich gern täuschen:

Das ist ihr Spiel,

nicht ihr Ernst“ (S. 20)

„Die heiklen Stellen in religiösen Texten

überwindet man am ehesten singend“ (64)

Dass alles stimmen müsse,

ist ein musikalischer Trugschluss“ (80)

 

Immer enthält das Schöne nach dem herrschenden westlichen Kulturverständnis das Versprechen des Wahren und auch noch des Guten. Aber auch die Möglichkeit der Täuschung. Die hebräische Bibel, aus der Benyoëtz kommt, hat diese Art einer sprachbezogenen Kritik der Erkenntnis schon in sich, indem sie fordert, den Namen des Herren nicht dauernd im Munde zu führen, etwa um etwas Ausgedachtes zu beglaubigen oder eine Handlung zu rechtfertigen.

Wie passt das zu zwei so sprachsinnlichen Autoren wie Benyoëtz und Sonnemann? Ihnen geht es gar nicht um Askese und Verbote, sondern um eine Reifung in der Wahrnehmung und in der Wirkung der ästhetischen Mittel.

Bei Sonnemann ist diese Haltung übertragen auf Bilder vom Menschen und seiner Geschichte. Benyoëtz erklärt daraus einen Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Weltauffassung:

„Umsonst versucht ein Jude,

Gott sich einzubilden

Dem Juden ward Gott eingeredet,

dem Christen eingebildet“ (S. 66)

Das Wort ist im Judentum das Medium, in dem der anfangs so skeptischen Moses die Offenbarung als ein Versprechen und einen Vertrag empfangen hatte. Aus dieser Ambivalenz gewinnt Benyoëtz, hier in der Tradition der aufklärerischen Sprachkritik von Seume bis Karl Kraus und Adorno, auch eindimensionalen deutschen Redensarten einen Witz ab:

„Vertrauen ist unglaubwürdig,

muss darum geschenkt werden.“ (S. 58)

Früher hatte er geraten, Vertrauen doch lieber „wie Verdacht zu schöpfen“.

Ausgesprochen

Im Untertitel wird eine Erwartung in Bedeutung entzogen, wiederum, um die lautliche und bildliche Einbildungskraft anzustoßen. Man mag über das Wort „Ausgesprochenheit“ stolpern. Man soll es auch. Als Adverb kann sich „ausgesprochen“ mit Vielem verbinden. Ausgesprochenheit aber, als Substantiv, ist ein Neologismus, wie er früher in der Fachsprache der Ontologen vorkam, der Philosophen, die es mit dem Sein und seinen Eigenschaften hatten. Vom Wortspiel zur Ontologie – für diese stilistischen Überraschungen ist Benyoëtz immer gut.

Es lässt sich zum Beispiel auf das Zeugnishafte von Benyoëtz‘ Aphorismen und Zitaten beziehen, die wieder als Teile einer Montage aufeinander bezogen sind.

Spricht ein traditioneller Jude vom „Wort“, ist damit immer auch Offenbarung, Beziehung und Beratung der mosaischen Gesetze gemeint. Das „Wort“ ist, mit Sonnemann zu reden, bei Benyoëtz „Ziel wie Anfang von Praxis“.

Hinzu kommt: Für Juden ist die Schrift, und dazu zählt auch die weltliche Literatur, nach Heinrich Heine ihr „portatives Vaterland“. So ist für Benyoëtz umgekehrt auch der Glaube „die Poesie der Religion“ (S. 63).

Umgekehrt erkannte Sonnemann in der Form des Aphorismus bei Benyoëtz den „Widerstand“ gegen die Welt des bürgerlichen Westens, die auch ihre Sprache und mit ihr die zwischenmenschlichen Beziehungen dem „Tauschprinzip“ unterworfen hat:

„Um ihn (diesen Widerstand) sich leisten zu können, muss ein Gedanke auf seine Selbstkommentierung verzichten, was wieder voraussetzt, dass er sich mit einem fugenlos in der Erinnerung bleibenden, in ihr nachhallenden Wort seinen Leib gewinnt: diesen bestimmten, unaustauschbaren, keinen von mehreren möglichen.“

Die gescheiterte Aufklärung

Benyoëtz greift Sonnemanns Gedanken der Negation in den Formen des Aphorismus und der Zitat-Montage auf. Er bestimmt seine Haltung zur Aufklärung auch selbst:

„Das Gebrechen der Aufklärung –

Ihre Übereinstimmung

Mit der Natur des Menschen.

Man kann den Menschen

Über das Böse aufklären,

nicht über das Gute“ (66)

„Aufklärung findet immer im Dunkeln statt, darum kann auch der Antisemitismus mit aufklärerischer Gebärde auftreten“ (33)

Es ist ein Denken, das aus dem Scheitern der bürgerlichen Aufklärung erwächst wie eine zarte Pflanze. Was dann als virtuose Sprachbeherrschung erscheinen mag, ist dem Könner, der sein Wort verantwortet, eine Qual. Denn was beweist die formale Meisterschaft für sich, wenn mit Formen und Höflichkeitsdichtung schon so viel gelogen, wenn mit Gedichten schon jedes Unrecht gerechtfertigt werden sollte?

Benyoëtz zitiert den formbewussten und zugleich immens welthaltigen Paul Valéry:

„… und dann endlich an die Form denken,

dieses gräßliche, endlose Geschäft.“ (S. 42)

„Scheitern, scheitern, besser Scheitern“

Auch die Rolle des Kunstschaffenden bleibt von diesen Haltungen nicht ausgeschlossen. Der Aphoristiker gilt in seiner starken deutschen Tradition als Verkünder von großen Worten. Heute reproduzieren sie sich in Form von Kalendersprüchen.

Benyoëtz‘ Eigenart, nicht nur offenlassend, sondern ohne Punkte zu schreiben, lässt jede Premiere und auch jede Wiederholung eines Einsatzes in neuer Montage-Umgebung als weitere Probe erscheinen. „Scheitern, scheitern, besser Scheitern“, heißt es nach Samuel Beckett bei George Tabori oder Peter Zadek, die Premieren ebenso als weitere Proben genommen haben.

Entsprechend bezieht sich Sonnemann 1977 in einer Rezension zu Benyoëtz‘ Aphorismen-Sammlung Worthaltung auf wesentliche Leitmotive von Benyoëtz‘ Werk, die auch hier wiederkehren. Benyoëtz unterscheidet, ähnlich wie Ernst Bloch, enttäuschbare Hoffnung von Erwartung (S. 54).

Im Büchlein vom Menschen ist der biblische Pakt, ist die Offenbarung als ein Vertrag stets mitgedacht.

 „Eine Welt bracht zusammen“ –

Es war nur ein Wort,

das gebrochen wurde (69)

Sonnemann nennt den hohen Stellenwert, den der traditionelle Jude Benyoëtz auch in einigen Aphorismen-Reihen des Büchleins Menschen dem Zweifel beimisst:

„Wenn seinen Glauben etwas vor Krisen rettet, wie Europa sie kennt, ist es dessen eigenes Kritisches, „Das Geglaubte“, lautet eine Sentenz, bleibt nicht aus, es ist das Ausbleibende.“

(Glückserfahrung einer Wortwerdung. Frankfurter Rundschau vom 2.7.1977)

In Benyoëtz‘ neuem Buch findet sich unter anderem ein Aphorismus hineinmontiert, den Sonnemann 1977 in einer Rezension kommentiert hatte. Der Aphorismus lautet:

„Alle Siege werden davongetragen“ (60)

Sonnemann schrieb damals luzide:

„Viel zu entschieden erscheint diese Aphoristikerexistenz selbst schon in Sprache verwandelt – ihre Bewegung und ihre Unüberschreitbarkeit –, um als gelinde Gegenwart irgendetwas davon anstatt heimzutragen; und wären es Siege.

Daher bleiben auch keine Besiegten zurück, geschweige Rollenträger für metaphysische Niederlagen (…)“

So bleibt Benyoëtz nie stehen, er war nie da zu finden, wo man ihn erwartet hätte. Ich hatte ihn durch eine frühere Aphorismen-Sammlung (Vielleicht  – Vielschwer) im Ramsch einer Berner Buchhandlung 1987 entdeckt. Nun ist er schon lange ohne festen Verlag, publizierte aber innerhalb eines Jahres fünf Bücher in fünf Verlagen, die jetzt innerhalb von zwei Jahren erschienen sind. „Scheitern, scheitern, bessern Scheitern“ sagt mir umso mehr das Fehlen der Schlusspunkte. In seinen Worten:

„Der Aphorismus wiegt immer so viel wie der Punkt, auf den er zustrebt.

Dank diesem erscheint der Gedanke zwar gut aufgehoben, doch kann er sich von ihm nicht mehr abheben. Er wollte den Rahmen sprengen, nun muss er im Bilde bleiben: ein schnaufender Mitläufer des Punktes, auf den er hinaus wollte“ (21)

Offene und geschlossene Formen

Die deutsche Literatur hat sich lange, und zum Teil bis heute, daran gewöhnt, eine Art moralische Belehrung zu geben. Und das Kunstpublikum hat sich kniend, in andächtiger Verehrung geübt und gelernt, blind zu rechtfertigen, was in klassisch gerundeter Form auftritt.

Benyoëtz misstraut dem vermeintlich Schönen, Reinen, Ausgewogenen wie dem glatten Zusammenhang, er zieht der makellosen Komposition die Montage vor, sofern es sich, um eine Unordnung von hoher Qualität handelt.

Der jüdische Witz

Und seine Lehre:

Perfekt ist inhuman und kunstwidrig“ (S. 76)

Wie auf andere Weise bei Sonnemann ist jeder seiner Einsätze ein Versuch, manchmal eine verzweifelte Aktion, um etwas über unser Leben zu sagen und sprachlich sedimentierte Denkgewohnheiten offenzulegen, die auch Handlungsmuster sind. Er fragt: Was macht Menschen glücklich und was tut Menschen weh. Und das heißt, dass man in der Literatur der Wollust, der Sucht und auch der Grausamkeit nicht ausweichen kann, weil man nicht lügen darf, wenn man die Frage stellt: Was ist der Mensch?

„Erschließung des Humanen aus seiner realen Verleugnung und Abwesenheit.“

Ich hatte diese Formel Sonnemanns aus seiner Negativen Anthropologie im Manuskript meiner Dissertation zitiert, am Ende eines Kapitels. Der Satz gab mir eine Sprache für meine Traurigkeit, meine Wut, auch meine Verzweiflung und auch meinen Hass. Nur hatte ich all das durch einen anschließenden Kommentar wieder zurückgenommen, erschrocken und akademisch damals allzu routiniert.

Elazar schrieb mir damals dazu: Wenn das Kapitel mit dem Zitat offen enden würde, „Würdest Du einen Schriftstellerkuss von mir bekommen.“ Mir wurde bewusst, dass ich meine Emotionen unbewusst zensiert hatte. Das lernt man so von anderen Lehrern, die bald schon Gutachter sind.

Benyoëtz tut nicht so, als werde das Alter, und hier nun die Erinnerung an einen Freund, wettgemacht durch Gelassenheit, Übersicht, Reife:

„Alle Ängste kann man miteinander teilen,

die Todesangst ausgenommen“ (82)

Benyoëtz‘ Aphoristik, durchsetzt mit Zitaten, auch erfundenen, verhält sich dann zum gerundeten Text wie eine Boulevard-Revue Peter Zadeks mit Fleisch und Blut zur anämischen Deklamation eines klassischen Dramas mit motorisch gestörten Darstellern des bürgerlichen Sprech-Theaters.

Die Spannung, das Zersetzende, das Collagierende, das Offene – Benyoëtz‘ Inszenierungen bleiben offen zum Leben. Sie haben immer Lücken, wo etwas herein- und herausschlüpfen kann, wo man sich etwas denken kann – oder auch nicht. Als briefliche Aufmunterung und Selbst-Aufmunterung von ihm: „Die Wahrheit ist ja immer nur eine Stilübung.“

Als Leser habe ich diese Einstellung immer als für mich „realistisch“ geschätzt, und dafür bis auf Flaubert, den offiziellen Realismus gern hergegeben, schon bevor ich Benyoëtz vor fast 30 Jahren entdeckte. Als Autor habe ich auf Quereinstiegen, auf unverbundenen Fragmenten und offenen Schlüssen bestanden, auch wenn das nicht immer im Sinne von Gutachtern, Kollegen oder Verlags-Agenten war, die das Geschlossene liebten. Das mag an der Schule liegen. Für Sonnemann waren deutsche Schulen, auch aus diesem Grund, „Schulen der Sprachlosigkeit“. Man kann sich unterschiedlich dazu verhalten, ohne sich aufzugeben. Adornitische Hypotaxen, wie ich sie seit meiner Schulzeit kannte, gaben mir eine Möglichkeit, Benyoëtz eine andere. Und sie wurde später für mich immer überzeugender.

„Ulrich meinte“, schreibt Benyoëtz über Sonnemann, „ein Satz könne nie trefflich genug sein; alle Trefflichkeiten gehören gleichsam in die Verschachtelung des eines Satzes hinein.

Einem deutschen Schöpfergott würde nicht einfallen: Es werde Licht! zu sagen.

Das Wort, das am hebräisch geschriebenen Anfang stand, war schon ein vollkommener Satz.

Ulrich nahm den Satz als Schule des Atmens und des Denkens zugleich.

Der Satz sollte nicht allein die Lehre enthalten, sondern auch die ganze, durchlaufene Schule.“ (50)

Damit spricht Benyoëtz  auch von der Gefahr eines solchen Werks, das sich so imponierend über den Durchschnitt deutscher Geistesverwaltung erhebt: Die Selbstversenkung in eine Lehre, die zugleich auch Schule sein will, kann, wenn sie Sache einer Minderheit bleibt, zu einem Mysterienspiel Eingeweihter werden und schnell der Vergessenheit anheim fallen. Sonnemann hatte durchaus ein weites Netzwerk, wie die Namen der Teilnehmer der Festschrift zeigen, in der Benyoëtz die erste kurze Fassung des Büchleins vom Menschen publizierte.

Umso mehr verdient Sonnemanns Werk neuerliche Überprüfung und Deutung. Die offene, poetische Form, das sagt Andreas Steffens in seinem Nachwort, legt uns dies nahe. In einer „mit abgedruckten Notiz“ zum Buch bemerkt Benyoëtz, er sei dankbar über die Möglichkeit gewesen, an die Freundschaft zu Sonnemann und die gemeinsame Sache zu erinnern. Er habe aber auch gezögert, weil er sich die neue „Lesergeneration“, die Steffens im Sinn hat, erst vorstellen musste:

„musste ich mir doch ein Bild von einer Idee machen, mir also etwas vom Kommenden einbilden.“ (91)

„Wir wurzeln im Traum…“

Benyoëtz ist ein Mensch, der einen sehen und auch hören will, egal, ob einer einen Zugang zu seinen Texten hat, ob er ein Leser oder ein professioneller Leser ist: „Rede, dass ich dich sehe!“ Das Verbildete ist ihm so suspekt wie dem Regisseur Peter Zadek ein fertiger Schauspieler war, der von seiner gelernten Gestik und Mimik lebt, es verlernt hat, normal zu gehen, und es gewohnt ist, von Regisseuren seine Rolle qua Dienst-Anweisung oder Belehrung erklärt zu  bekommen.

Man kann aus Benyoëtz‘ Aphoristik lernen, wie man einen Satz gliedert, wann man Tempo steigert oder vermindert, wie man einen Sound macht, die Stimme und den Stil in einen melodischen oder rätselhaften Ton überführt.  Es gibt aber auch Wirkungen, die sich unabhängig von Intentionen erst durch die Stimme dessen einstellen, der den Text spricht. Wenn wir uns treffen, lässt er mich ihm aus seinen Manuskripte hersagen, die er später lesen wird. Manchmal fragt er : „Hast Du ein Fragezeichen gelesen?“ – „Ja.“ – Nach zwei Sekunden folgt ein nachdenklich-entschlossenes „Guut“, dann gleich ein „weiter…“

Durch solche Einwürfe kommt man oft besser an Bereiche heran, die noch nicht zur Sprache gekommen sind, sei es, weil sie kaum bewusst oder auch sonst nicht erwünscht und vielfach ab-erzogen sind. Bei Proust schenkt die Phase des Erwachens mit seinen Übergängen von Laut und Bild in Bedeutung und syntaktische Ordnung der Welt eine Verbindung zur verschütteten Welt der Erinnerungen und Hoffnungen. Aus dieser Sphäre der mémoire involontaire kommen Benyoëtz‘ Sequenzen wie diese:

„Am ersten Phantasiebild

Befestigt sich die Erinnerung.“ (41)

„Wir wurzeln im Traum,

wachsen in die Wirklichkeit,

verästeln uns in der

Erinnerung“ (10)

„Kommst Du nicht aus Packistan?“ – Elazar Benyoëtz schreibt wieder sein letztes Buch, dem andere folgen werden

17. August 2016

Rezension zum Buch von Elazar Benyoëtz: „Beteuert & gebilligt“. Mit einem Cover von Metavel und einem Vorwort von Werner Helmich. Bellaprint Verlag (Mödling) 2016.

„Kommst Du nicht aus Packistan?“ Ich höre seine Frage noch nach fast… 25 Jahren. Damals kaufte ich zum ersten Mal in Jerusalem ein, und er zeigte mir alles. Es war für mich der Beginn eines halbjährigen Schreib-Aufenthalts in Israel. Zur Wortspieldichte kam die einnehmende Atmosphäre – so daß mir beim Einpacken der Lebensmittel die Konzentration fehlte.

Nun finde ich „Packistan“ auch in Benyoëtz‘ neuem Buch, wo er eine kleine Auswahl seiner Personen- und Ortsnamen in langen Reihen offeriert, wie üblich bei ihm strophenförmig auf Mitte gesetzt, wie dies sonst nur am Anfang der klassischen Moderne Arno Holz in seinem Gedicht-Zyklus Phantasus tat:

Kassandria

Mischmaschingen

Packistan

Unterganges

Spleenidad

Biestum Zoo

(S. 143)

Beglaubigungskraft des Wortspiels

Ein Titel von Benyoëtz aus den 1970er Jahren lautet „Vielleicht – Vielschwer“. Das ist auch hier der Kompass, denn wir finden hier viel Leichtes und viel Schweres. In Beteuert & gebilligt“ kann  Benyoëtz Aphoristik in der ihm eigenen charmanten Selbstironie als „Kunst des Danebentreffens“ nennen und mit Georg Christoph Lichtenberg sagen:

Einer der merkwürdigsten Züge

In meinem Charakter ist gewiss

der seltsame Aberglaube,

womit ich aus jeder Sache

eine Vorbedeutung ziehe

und in einem Tage hundert Dinge

zum Orakel mache.

(S. 65)

Benyoëtz zitiert diese Reflexion als Motto zum Kapitel „Frivolitäten des Wohllauts“. Charmante Selbstironie ist eine Gabe, die kultiviert sein will. Sie baut bekanntlich Hürden ab und kann ansteckend wirken.

Schon der Titel von Benyoëtz‘ neuem Buch ist, wie so oft bei ihm, ein subtiles Wortspiel: „Beteuert und gebilligt“. Zwei historische, erstarrte Metaphern werden dergestalt abwägend nebeneinander gestellt, daß die ursprünglichen Bedeutungen zur Geltung kommen. „Wo oft beteuert wird, da wird zu viel gebilligt“, hat er in einem früheren Buch als Aphorismus formuliert. Damit trifft er auch den zugleich sprachkritischen und beglaubigenden Charakter des Wortspiels. Beteuern kann verräterisch sein, doch wird in der Rede und Schrift oft beteuert, zumal wenn rhetorische Figuren ihren Zauber und ihre Überredungskünste spielen lassen.

Auf verlorenem Posten

Seit bald 50 Jahren nun publiziert Benyoëtz, der einst als hebräischer Lyriker begann, in deutscher Sprache Aphoristik und Verwandtes, stets Dichterisches. Als er Ende der 1960er Jahre damit begann, hielt man die Gattung für ausgestorben wie die Juden in der deutschen Literatur, die vor allem aus der österreichischen Aphoristik und artistischen Kurzprosa in der Klassischen Moderne Weltliteratur gemacht hatten.

Auch das Publikum kann nicht mehr das Gleiche sein. Es hat sich nicht nur in den 1960er Jahren, als Benyoëtz für einige Jahre in West-Berlin lebte, geändert, sondern auch seit seiner Rückkehr nach Israel 1969, als Benyoëtz seine erste Aphorismen-Sammlung in deutscher Sprache veröffentlichte mehrfach verändert. Auch die Welt der westdeutschen 68er war noch eine buchgläubige, keine digitale Kultur.

Schon damals sah Benyoëtz sich als Aphoristiker auf verlorenem Posten, den er sich ausgesucht hat, und den er wortmächtig und lebenskundig behaupten konnte, zur Lebensfreude seiner Leser:

Man muss eine Rolle spielen, wenn man keinen Platz einnehmen kann, und das kann der Aphoristiker auch bei wachsendem Gattungsinteresse nicht. Ich spiele keine Rolle, wenn ich meine spiele; meine Bereitschaft indes, keine Rolle zu spielen, schließt Inszenierungen nicht aus. Ich treibe Allotria und spiele den Dudensack.

Das heißt dann: beteuert und gebilligt“ (S. 243)

Seit Jahren pflegt er Freunden sein jeweils neuestes Buch als „letztes Buch“ anzukündigen. Werner Helmich berichtet im Vorwort davon, und er sagt, er habe sich „immer geweigert, es zu glauben.“ Sein „jugendlicher Sprachübermut“ spreche einfach dagegen, und die anhaltende Freude seiner Leser.

Der Gedanke ans „letzte Buch“ macht jedenfalls Benyoëtz zu schaffen, macht ihn immer produktiver, vitaler und auch sprachwitziger: „Galgenhumor – / Sargasmus“, schreibt er. An anderer Stelle heißt es: „Wortspiele vertreiben die Todesangst vor der Sprache.“ Dieser Satz findet sich bereits im 1990 erschienen Buch „Treffpunkt Scheideweg“.

Ein Buch der Namen

„Beteuert & gebilligt“ ist auch, und im Zentrum immer mehr, ein Buch der Wortspiele mit Namen. Mit ihnen wird allerhand Allotria getrieben. Benyoëtz bezeichnet selbst kurz danach Namen als „erste Kleidung eines Menschen“ (S. 157). Und Kleider machen bekanntlich Leute.

Er widmet Wortspielen mit Namen ein eigenes Kapitel unter der Überschrift „Namen, wie sie kamen“ (S. 155). Schnell folgen Salven von erfunden sprechenden Namen. Eine davon ist Besteck und Geschirr gewidmet (S. 156): Von einem „Christian Friedrich August Tafel“ ist die Rede, auch von „Erwin Teller“ und „Hedda Gabler“. Eingebaut sind die Namen von zwei bekannten Österreichern: „Wolfgang Schüssel“ und „Elisabeth Löffler.“ Nach dieser Prozession von Geschirr und Besteck winken die Narren.

Auf geringste Auslöser hin setzt eine hochproduktive Wortphantasie ein, die wie von selbst Euphonien und andernorts vielfach rhythmisierte Strophen hervorbringt, und dabei stets die Konnotationen im Auge hat. In mehrfachen Durchgängen wird dann gestrichen, erweitert, umgestellt, mit aphoristischen Überschriften gerahmt und in Strophenformen geordnet.

Auch wenn die Literatur vielfach mit sprechenden Namen operiert, ist das das doch in dieser Dichte ungewöhnlich. Mit fällt nur „Tynset“ von Wolfgang Hildesheimer ein, der Ähnliches in einem inneren Monolog eines schlaflosen Ich-Erzählers erprobt hat. Dort geht es um dem die Ortsnamen eines norwegischen Kursbuchs von 1963, und nebenbei, wegen der Personen-Namen, ein Telefonbuch Gedankenfluchten auslöst. „Tynset, der Name klingt nach…“ Hildesheimer spielt mit der alten Vorstellung, es gebe geheime Zusammenhänge zwischen dem Klang eines Wortes und seiner darin versteckten Bedeutung, die uns der Dichter deutet. Hildesheimer schreibt als Absurdist bewusst von seinem grandiosen Scheitern.

Woher kommt die Sprache?

Wörter sind gemäß der rationalen Sprachauffassung willkürliche Bedeutungsträger. Für geheimnisvolle Zusammenhänge können sie nicht zeugen. Johann Gottfried Herder hat auf eine Preis-Frage der Preußischen Akademie, ob die Sprache von den Engeln käme, geantwortet: Nein, sie kommt von den Schafen. Die moderne Linguistik bestätigte unterdessen diese Erkenntnis, dass das so etwas wie das Blöken der Schafe der Beginn einer differenzierten und bewussten Laut-und Zeichensprache ist. Auch Wittgenstein bemüht einen Tier-Vergleich, wenn er die Situation des Menschen in seiner immer sprachlich gebundenen Erkennt-nis mit einer Fliege vergleicht, die nicht mehr aus einer Limonaden-Flasche herausfindet.

Entsprechend gibt es bei Benyoëtz Sprach-Skepsis und Wort-Vertrauen nebeneinander:

Poesie –

Silbenbestechung

(S. 107)

Über das Wortspiel ins noch nicht Ausgesprochene“ (S. 244)

Vom Erhabenem zum Lächerlichen

Für sprachmoralisch ernsthafte Aufklärer des 18. Jahrhunderts aber war „Wortspiel“ geradezu ein „Schimpfwort“, wie der Wortspiel-Experte Christian Wagenknecht zu berichten weiß. Das ist berechtigt, wenn damit eine Sprachprosa getroffen werden soll, die vorgibt, mit Begriffen und Argumenten zu operieren, den Leser aber mit rhetorischen Mitteln zum Einverständnis verführt, noch ehe er etwas verstanden hat.

Doch ist damit gar nichts gegen poetischen Nonsens gesagt. In der deutschen Forschung begegnet neben der kultischen Verlockung durch Sprachmagie häufig auch das Gegenteil: die überzogene Auffassung nämlich, Wortspiele würden die Seriösität eines Autors herabsetzen.

Allen Vorbehalten zum Trotz ist das Wortspiel jedoch „eine Sinn- und nicht bloß eine Klangfigur“, wie Wagenknecht im Lexikon der Germanistischen Literaturwissenschaft zweifelsfrei festgestellt hat. Zudem nutzt Benyoëtz auf artistische Weise die im Französischen sprichwörtliche Einsicht, daß es vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt sei: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas.

Für Sprachmagier der alten Schule wie Karl Kraus ist die Verschränkung einer Utopie, der erkennenden Sprache, mit einem verlorenen Ursprung, den erstarrten Metaphern, wesentlich. Diese Figur begegnet uns auch bei Benyoëtz, auch ein gewisser Anarchismus gegen die fremdbestimmten Übereinkünfte zwischen Wort und Sinn. Nur verzichtet er auf die Geste des Sehers, und ermutigt seine Leser stattdessen zu Selbstbestimmung:

Sinnvoll ist,

was wir bedeutend machen“ (S. 207)

Jeder muss, wie du und ich,

sein verlorenes Paradies erfinden“ (S. 147)

Ein Sprechtheater

Hier geht es auch um eine Balance in der Textur, in den dramatischen Rollen wechseln. Benyoëtz nennt sein Buch „Eine Lesung“. Und Lesungen sind für ihn so etwas wie Gattungs-Bezeichnungen. (Ich habe das an anderer Stelle erörtert.)

In der Tat wird hier, um mit Helmich zu sprechen, aus der artistischen Textur ein „Sprech-Theater“, mit dramatischen Effekten, die über die Rezitation hinaus-gehen. Ernste Reflexionen werden hier artistisch reflektiert und damit tiefergehängt. Die Haltung ist aus der poetischen Moderne von Gustave Flaubert bis zu seinem Schüler Italo Calvino als „comique des idées“, als „Ideen-Komik“ bekannt. Sie ist durchaus verwandt mit dem absurden Drama, bei dem die alte Rolle des Dichters als Weltdeuter infrage steht. Bei einer solchen Betrachtung käme Benyoëtz die Poesie, die auch Einsichten vermitteln, Vergnügen bereiten und Erbau-ung bieten kann, zu kurz. Helmich weist in seinem Vorwort nicht zum ersten Mal darauf eindringlich. So gehören zum Verhältnis des Dichters zur Welt stets  auch seine Leser.

Magie und Kritik des Wortspiels

Werner Helmich nennt Benyoëtz im Vorwort zu „Beteuert & gebilligt“ mit Augenzwinkern einen „poetischen Kratylos“. In einem der platonischen Dialoge ist er Gesprächs-Partner von Sokrates und Hermogenes. Kratylos vertritt die Position, daß die Wörter Namen der Dinge wären. Für Hermogenes handelt es sich um Übereinkünfte. Das entspricht der rationalistischen, modernen Sprachauffassung.

Wo Benyoëtz zum Wortspieler wird, ist sein Motiv vielfach ein aufmunterndes Frotzeln und ein Tieferhängen vom drückenden Ernst überzogener Sinnzuschreibungen oder tiefsinniger Reflexionen. Er tut dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern, wie Helmich treffend sagt, mit „jugendlichem Sprachübermut“.

Conrad Wiedemann hat unseren Autor einmal anerkennend einen „Sprachmagier“ genannt. Gemeint ist damit doch offenbar nicht mehr, als daß uns die Lektüre und Rezitation ungemeines Vergnügen und auch unerhörte Einsichten bescheren kann. Denn der Gedanke hält nicht immer Wort, / jedoch das Wort hält mancherlei Gedanken“, heißt es in den Gedichten von Karl Kraus.

Wenn man dies „Magie“ nennt, hat das offenbar nicht mehr die Implikationen, die man aus der Ethnologie von Marcel Mauss oder Aby Warburg kennt. Es geht ja bei Benyoëtz nicht um eine Geisterbeschwörung durch die Sprache als Medium, das eine sonst verstellte Beziehung  zu den Dingen zur Erscheinung bringen würde. So wie die Jünger von Karl Kraus oder Stefan George immer wieder ernsthaft vertreten, daß in den Wortspielen ihres Meisters ein geheimer Zusammenhang zwischen den Wörtern und den Dingen verbürgt sei. Es scheint, als wären solche Deuter damit beschäftigt sein, durch ihre gefühlte Bewußtseins-Erweiterung selbst Einlaß in die Ewigkeit und in die Heiligkeit zu finden.

All das schwingt als historisches Thema in Benyoëtz‘ Werk mit, wenn er immer wieder erneut einsetzt, um in seiner Textur Ekstase und Askese, Leichtes und Tiefes im Wortgebrauch in die Balance zu bringen, das scheinbar Feststehende fragwürdig zu machen und das Ernste mit einem Sprachwitz tiefer zu hängen. Schon der Talmud empfiehlt das „Drehen und Wenden“ der Wörter. Und daher weht der frische Wind, wenn Benyoëtz schreibt:

Der jüdische Witz –

Ein bewährtes Zupfinstrument.

                                                                                                              

Humor – Leichtsinn

Der Schwermut“ (S. 192)

Charme des Absurden

Die Schönheit liegt gerade in den performativen Kunstformen wie dem Aphorismus, nicht ausschließlich im Resultat, sondern auch im ästhetischen Prozeß, in der Überwindung des Gegebenen, das vielfach nur das Gewordene ist oder als gegeben angesehen wird. Je drückender das Gegebene, und desto mehr dürstet uns nach Poesie.  Gleichzeit aber hat sich die Welt weltweit von der Sprache entfernt, und das, was die Welt-Beherrscher sagen, hat mit Sprache nichts zu tun.

Nach Albert Camus entsteht das Absurde aus dem vernunftwidrigen Schweigen der Welt. Die Vernunft selbst verliere dabei ihre Rolle, die Welt zu erklären. Das Leben, das man zu planen glaubt, werde zu einer „Versuchstrecke“, schreibt in ähnlichem Sinn Dieter Wellershoff. Folgt man dieser Einsicht, bleibt leicht ein Unwille, die private Wirklichkeit mitzuteilen, weil man sie dann stets dem Unverständnis jener kenntlich zu macht, für die in der Welt alles in bester Ordnung und verständlich ist.

Wie viele eminente Komponisten, Dichter und Intellektuelle scheinen vollkommen humorlos gewesen zu sein. In der Ernsthaftigkeit liegt aber die Gefahr, sich und die anderen auf Rollen einzuschwören, wie man sie zur Genüge kennt: Hier der einsame Künstler, dort das verständnislose Publikum. Andere Artisten setzen sich die Narrenkappe auf, als Selbstschutz. Die Psychologie der modernen Artisten,  ihre Nebenwege, ihre Umwege und ihre Irrwege kennt Benyoëtz nur zu gut:

Der Stolze vereinsamt,

der Einsame verstolzt

(S. 133)

 

Man muss weise sein, um Dummheiten machen zu können; vor Dummheit schützt einzig Narrenfreiheit. Der Narr ist allerwegs im Vorteil: Man kann den Narren spielen, den Weisen nicht, es sei denn, er heißt Nathan (S. 244)

Der Humor kann dann das Absurde übertönen und zum Selbstschutz werden. Er würde aber keine Gemeinsamkeit aufkommen lassen, wie sie aus dem Vorwort von Helmich spricht, wenn er als anspruchsvoller Leser und treuer Freund des Autors stellvertretend für viele andere von einer wirklichen „Erbauung“ und „Freude der Leserschaft“ bezeugt, die Benyoëtz bereitet.

***

Ich vermißte einzig den „Bonapark“, den ich bei ihm kennengelernt habe, weil es seine Frau Renée Koppel (als Künstlerin: Métavel) auch in Münster vor gut fünf Jahrenwieder aus der Stadt in einen Park zog, und sie eine algerische Französin ist. Sie pflegt dann ein höheres Niveau anzumahnen.

So beginnen dann die familiären Frotzeleien und Rituale, zu denen schon lange auch die Titelbilder gehören. Métavel ist Miniaturenmalerin und Kalligraphin. Was für Elazar Laute sind, sind für sie Farben. Zu „Beteuert & gebilligt“ schuf sie als Coverbild einen fein strukturierten und kolorierten, buschartigen Baum. Der Busch zeigt in seiner linken und rechten  Hälfte unterschiedliche Strukturen. Ying und Yang, Klang und Sinn… und Bonapark.

„Von der dunklen Ahnung bis zum hellsten Wahnsinn“. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ (Verlag Hentrich & Hentrich)

11. Dezember 2015

„Damit aber aus einem Gefühl Form werde, muß es lange in den Menschen leben“

Georg Lukács: Geschichte des modernen Dramas (1911)

Vor über 10 Jahren begann Elazar, immer wieder seufzend „sein letztes Buch“ anzukündigen. Es sind jene Momente, die jeder Autor kennt: Wenn das Adrenalin des Flows plötzlich leer läuft, wenn das Buch auf den Markt kommt und der Autor auf einer oft über zwei Monate zerrissenen Lesereise hinterher. Irgendwann erwiderte ich gespielt ungerührt: „Schon wieder?“ Er lachte sein ausgelassenstes Lachen, das ich immer mithöre beim Lesen, weil es Lebensmut versprüht.

Über 50 Bücher hat er seit 1969 im Deutschen veröffentlicht, in den vergangenen Wochen allein vier.

Wir kennen einander nun seit 1987, da war Benyoëtz so jung wie ich heute alt bin. Es wurde seither ein immer mal durch Widrigkeiten unterbrochenes, dann wieder in Schüben sich steigerndes Gespräch über Formen, allmählich auch ein Gespräch in Formen. Denn ich war lange in einem inneren Konflikt mit der den Sprachen der akademische Bildung und des Journalismus, die mich vor geraumer Zeit entließen, zu meiner Erleichterung.

„Ich bin, der ich nicht bin“

Im Frühjahr 1987 entdeckte ich seine Aphorismen-Sammlung Vielleicht – Vielschwer, im Ramsch einer Buchhandlung in Bern. Viel Leichtes und viel Schweres war auch da schon drin. Das Leichte schätze ich in der artistischen Prosa wie in der symbolistischen Lyrik. Etwas anderes kam hinzu. Sofort zog es mich hinein in die dezent-raffinierte Sillage jener neomysthischen Sachlichkeits-Emphase hinein, die vom frühen Lukács, von Bloch, von Georg Simmel und anderen her bekannt ist.

Sie und einige andere schrieben zwischen 1915 und 1930  artistische Prosa, von der Giorgio Agamben in den Denkbildern seiner Idea della Prosa sagt, sie hätten die „letzte gültige Bestimmung unserer Stimmungen und Gefühle“ geliefert. Ohne es mir bewußt machen zu können, hielt ich diese Sillage für verweht und auch nicht für erneuerbar, bis ich auf Benyoëtz stieß.

Er selbst schreibt dazu:

„Ich bin, der ich nicht bin:

Ein deutscher Jude

Und dies vor hundert Jahren“ (S. 37)

Das alles ist höre ich mit, wenn er in seinem neuen Buch „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ rückblickend anhebt:

 „Der Schlussstrich wird in die Länge gezogen,

über Jahre“ (S. 7)

Stille Selbstironie, im Nachsatz: „… über Jahre.“ So sardonisch und zugleich leicht sprach er schon damals über die ersten und die letzten Dinge – und alles, was dazwischen liegt.

Anders könnten, nach dem strengen Hofmannsthal, die „schweren Dinge“ des Lebens in der leichten Dichtung nur leben „als eine Kuh in den Wipfeln der Bäume.“

Wird im Titel des Buchs – „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“ – die chronologische Reihenfolge artistisch verdreht, so wird sie hier hinausschoben. Eminente Dichtung, stellt der Linguist und Literaturwissenschaftler Roman Jakobson fest, läßt uns eine „Unterbrechung der natürlichen Zeit“ erleben. Und die ist gnadenlos: „Time waits für no one“.

Damit sich das dann so federnd und leicht anhört, wie es sich anhört, müssen die Bild- und Klangbeziehungen stimmen, muß das Wort im Satz sitzen. „Silbe um Silbe wahrgenommen“, wie er selbst im Zentrum des Buchs (S. 34) schreibt.

Das Nacheinander der Zeit, das nach den bürgerlichen Lebensläufen und dem Begriff des linearen Fortschritt sich ausrichtet, gilt nicht für die Dichtung, besonders nicht für den Aphorismus in Benyoëtz‘ Silbenmusik mit ihren Präludien, ihrem jähen Auf- und Untertauchen von Motiven und ihren Akkorden.

Streichsatz

Tom Waits macht aus alltäglichen Gesprächsfetzen Songs. Das Unvollständige ist dann ein Reizmittel der künstlerischen Einbildungskraft. Ein Aphoristiker geht den umgekehrten Weg: Er nimmt formelhafte Denkgewohnheiten auseinander, Benyoëtz tut es „Silbe für Silbe“. Das Redigieren ist in diesem Prozess vom Schreiben vielfach nicht zu trennen. Poetisch an Aphorismen sind gerade leere Zeilen. Und die gibt es bei Benyoëtz besonders oft. Mit einem Minimum von sprachlichen Zeichen sollen, so will es eine aphoristische Tradition, ganze Bücher überflüssig gemacht werden. Eindeutiges und Widerspruchsfreies findet man dann nicht – aber gezielt gesetzte Anstöße für den Leser. Selbstredend ist das das Ergebnis von Entscheidungen, wie der Autor witzig erklärt:

„Ich liebe das Streichen,

es holt mich ins Wort,

ich werde nicht müd‘“ (S. 26)

Nicht genug damit, diesem modernen Til Eulenspiegel sind Fehler gerade recht, weil sie ihn zu dieser seiner Lieblingsbeschäftigung anhalten:

„Keine Fehler, die ich gern aufgäbe.

Während ich nach ihnen fahnde,

bessern sich meine Gedanken,

das Krumme wird gerade, das Falsche zurechtgebogen.

Wie auf höheres Geheiß finden sich neue Fehler bei mir ein,

verdrießlich, ersprießlich“

„In die Leere sprechen“

Ähnlichkeiten im Klang von Silben, paradoxe  Zuspitzung und Mehrdeutigkeit eröffnen dann die poetische Kommunikation:

„In die Leere sprechen ist raumfüllend, erbauend, konkret. Das erste ‚es werde!‘ offenbarte die Leere als seine Voraussetzung. Der Gedanke trägt Licht in die Endlichkeit, die Dichtung malt sie aus“ (S. 38)

Typischerweise und selbstverständlich kommt bei Benyoëtz an solchen, für die Poetik und Semiotik entscheidenden, Stellen, ein biblischer Bezug hinein. Ich bin konfessionslos, im Sinne Voltaires in politischen Dingen Atheist, in anderen Deist. Der Bezug zur hebräischen Bibel bei Benyoëtz kommt mir aber keineswegs so exotisch oder gar kunstfremd und peinlich vor, wie ich es bei Reaktionen von westlichen Menschen, auch bei assimilierten Juden, erlebe.

Es erlaubt bei näherem Hinsehen auch wenig Anknüpfungspunkte für katholische Theologen, die über ihn schreiben oder vortragen. Für mich hat sich die Vermutung bestätigt, daß eine Konfession im christlichen Sinn bestenfalls eine entfremdete Form von Kunst oder ästhetischer Weltauffassung ist, zumal wenn sie als universitäre Wissenschaft auftritt. Das Christentum, das sich heute den Künsten, auch Benyoëtz zu öffnen vorgibt, bezieht sich vielfach nur auf das wenige Eigene im Fremden, und nennt seine Haltung dann tolerant und allumfassend.

 „Von der dunklen Ahnung bis zum hellsten Wahnsinn“

Hartnäckig hält sich das Gerücht, daß Poesie die Wirklichkeit abbilde, Ausdruck von etwas sei (was ebenso gut anders gesagt werden könnte) oder die Offenbarung eines Genies sei. Ausgeblendet wird die Frage, wer hier zu wem spricht.

Wer Benyoëtz‘ Dichtung hoch schätzt und sie mit Argumenten vertritt, wird nicht unter den hohen Kunstanspruch gehen dürfen, den Hofmannsthal 1896 in seinem Essay Poesie und Leben gegen das mangelnde Kunstbewußtsein seiner Gegenwart richtete:

„Man hat den Begriff der Dichtung erniedrigt zu dem eines verzierten Bekenntnisses.“

Nun gibt es bei Benyoëtz zweifellos Bekenntnisse, aber sie betreffen nichts im Sinne von Konfession, sondern bezeugen Solidarität zum vermeintlich Abwegigen, Stigmatisierten, Vergessenen, Übersehenen oder Unterbewerteten.

In seinem neuen Buch ist zunehmend vom Gebet die Rede. Was er „Gebet“ nennt, beginnt mit dem Hinweis auf Grenzerfahrungen:

„vom Seufzer bis zum Aufatmen,

von der dunklen Ahnung

bis zum hellsten Wahnsinn

(…)

Auch Denken läuft aufs Beten hinaus“ (S. 64)

„Es wäre nicht falsch, nur zu billig“, sagt er, dies alles auf den Begriff des Gebets zu bringen.

Gelegentlich und sogar phasenweise streut er in seinem Werk kunstvoll verdichtete Kommentare zu Stellen der Bibel ein: den Bußspalm 51,17, dann das Opfer Isaaks. Wenn er dabei an einigen wenigen Stellen auch das hebräische Original neben die deutsche Übersetzung setzt, kann es einem vorkommen wie bei Miles Davis, der mit dem Rücken zum Publikum spielt: Eine Verdeutlichung des Fremden, der Situation, in der ein israelischer Autor aus bekannten Gründen zu einem deutschen Publikum spricht. Benyoëtz möchte mit seiner Identität als traditioneller Jude und Zionist wahrgenommen werden. Er will es dabei, wie er immer wieder betont, „nicht besser, aber anders wissen“.

Nach menschlichem Ermessen geht es an den Stellen, die Benyoëtz zitiert, wie so oft in der Tora, um Ereignisse, die uns unverständlich, ja sogar ungerecht sind. Es wäre eine Verhöhnung der Geschlagenen, für solche Ereignisse immer noch den „lieben Gott“ verantwortlich zu machen. Ermutigen kann Benyoëtz wie kein Zweiter, wenn es um Scheitern und Mißlingen, um menschliches Handeln geht. Hier aber verbietet sich ihm das:

Abraham anzuzweifeln ist kurzsichtig,

Gott zu rechtfertigen – scheukläppisch (S. 25).

Er schließt daraus:

„Alles Göttliche ist nicht Gott

Alles Ähnliche ist ein Vergleichnis“ (S. 27)

Es sind solche Einsichten der Bibel, die ihn im Judentum „die älteste Erinnerung an Gott“ sehen lassen.

Zu wem spricht Benyoëtz‘ Dichtung?

Ich höre gelegentlich den Einwand, Benyoëtz‘ Dichtung sei „zu religiös“. Dann müßte man die wertvollsten Werke der Moderne als „nicht-diskursfähig“, wie man heute vornehm zu sagen pflegt, streichen. Gesellschaftlich ist der Umgang mit Kunst heute größtenteils auf einsame Lektüre oder die eingeschränkte Öffentlichkeit von Leser-Kreisen eingeschränkt. Von Teilhabern der sogenannten „social communities“, wird eine solche Rechtfertigung nicht verlangt. Denn die Maske der Neugier ist neutral. Hinter ihr können sich geschäftliche Interessen und krypto-religiöse wie para-erotische Wünsche verbergen, Provinzialität kann im globalen Dorf als Ausweis praktischer Intelligenz oder Weltoffenheit erscheinen.

Nun hat bereits die Klassische Moderne eine immer wieder überraschende Produktivität im Rückbezug auf verdrängte und damit ästhetisch unverbrauchte archaische Phänomene entwickelt, die als gegen-aufklärerisch gelten. Aus Protest geht sie dann sogar vielfach hinter das Christentum und sogar hinter den Monotheismus zurück in animistische Lehren. Es wäre nicht schwer, die Belege zu anthologisieren. Ich denke an Satanistisches bei Baudelaire, an die Berufung auf Sprach-Magie bei Karl Kraus, an den „Dämons der Analogie“, dem Stéphane Mallarmé begegnete und dergleichen mehr. Stravinskys Sacre du printemps, Richard Strauss’ Salomé wären Beispiele aus dem neo-sakralen Musiktheater; in der bildenden Kunst wäre beispielhaft zu erinnern an die bewußte Regression zu primitiven Farb- und Formensprachen als Verweigerung der klassizistischen imitatio naturae bei Kandinsky und den Expressionisten, um beinahe willkürlich einige Namen und Stichworte für zahllose denkbare herauszugreifen.

Wenn sich die modernen Künste vor 100 Jahren mit einer lange angestauten produktiven Energie auf solche Traditionen zurückbesinnen, so tun sie dies nicht etwa, weil ihnen der Sinn nach einer Regression stünde, oder weil sie übertriebene Sympathien für vor- oder gegenaufklärerische Kulturkritik hätten.

Ist der Mensch dadurch gekennzeichnet, daß er das Andere seiner selbst, nämlich das Unmenschliche denken und praktizieren kann, so verdunkelt sich in der antiklassizistischen Moderne auch vielfach der monotheistische Gott.

In den Jahren, als Gershom die Kabbala neu entdeckte, übersetzte Ernst Müller den Sohar des 13. Jahrhunderts aus dem Aramäischen ins Deutsche (1932). Die biblische und talmudische Überlieferung wird hier angesichts der immer neuen Erfahrung der Verfolgung im Exil neu ausgelegt. Die Schechina (hebr.: שְׁכיִנָה), die „Einwohnung“ Gottes in der Welt, vollzieht sich demnach in einem Akt der Selbstverfinsterung, ja in radikalen Versionen dieser Lehre nur im Moment der eigenen Abwesenheit. Hier auch findet sich eine neo-gnostische Auffassung, die besagt, daß Mann und Frau, Gut und Böse, Hell und Dunkel, Tag und Nach gleichen Ursprungs sind.

Es ist die Freiheit, die sich öffnet, wenn man bereit ist, Kants Einsicht aus der Vorrede der 2. Auflage zur Kritik der reinen Vernunft zu verantworten: „Die Vernunft erkennt nur, was sie selbst entwirft.“ Sie tut dies sprachgebunden, wie uns die spätere Theorie der Erkenntnis zeigt: nach dem Vergleich Wittgensteins wie eine Fliege, die sich auf Nahrungssuche in eine Flasche verirrt hat, und nicht mehr aus ihr herausfindet. Paul Valéry spricht zur gleichen Zeit als Schüler Mallarmés und als Aphoristiker in seinen cahiers vorwiegend epistemologisch vom „Bau des Bibers“ in uns.

Als „Geistersprache“ hat Heinz Schlaffer in seinem gleichnamigen Buch die Vorgeschichte der Lyrik in unserem Sinne erklärt: Einst diente der Anrufung der Götter, dem Erntedank oder dem Liebeszauber.  Zwar sind diese Zwecke der Lyrik verblaßt, aber ihre Mittel wirken nach, indem sie durch ihre besondere Sprache und ihre eigentümliche formale Ordnung den Leser an seine Grenzen stoßen, ja ihn über sie hinaus führen können:

„Der Archaismus des Gedichts fördert und erfüllt das Verlangen zu denken, zu fühlen, zu sagen, wofür die Pragmatik und die Logik des aufgeklärten Zeitalters keine Worte mehr haben.“

Interdit d’interdire d‘interdire. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Auch Kürze hat ihre Maßlosigkeit“ (Brockmeyer-Verlag)

22. November 2015

Das wirklich Soziale aber in der Literatur ist: die Form.

Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie

Als ich vor bald 25 Jahren eine Zeit lang vor dem Abschluß meiner Dissertation steckte, änderte Elazar sein Konzept. Keine Aphorismen-Sammlungen mehr, sondern Zitat-Montagen. Mein Thema zerlief mir zwischen den Händen. Mit einem der üblichen akademischen Taschenspieler-Tricks kriegte ich die Kurve: Der gattungstheoretische Ansatz mußte nur leicht Richtung Textlinguistik verschoben werden.

Langweilig wurde es nie. Eben noch meinte ich, der ihn mehr als 25 Jahre kennt und über ihn vor über 20 Jahren das erste Buch geschrieben hat, er habe sich vom deutschsprachigen Aphorismus verabschiedet und wird vielleicht doch wieder Hebräisch schreiben. So schien es vor einigen Jahren, er sprach davon, sich aus der deutschen Literatur zu verabschieden, dem Hebräischen noch etwas schuldig zu sein.

Interdit d’interdire

Nun kommt er wieder mit vier Büchern auf einen Schlag, eins davon erschien im Brockmeyer-Verlag und bietet Aphorismen über den Aphorismen, über die Poesie, über das Jüdische im Deutschen.

In seinen Worten:

„Man kann sagen, was man will:

nicht weniger“ (S. 37)

Er wird immer durch seine Haltung sagen, was im Pariser Mai 68 auf den Häuserwänden zu lesen war: „Il est interdit d’interdire.“ Es ist verboten, zu verbieten. Überflüssig zu sagen, daß die christliche Religion mit Verboten wie üblich an der Macht kräftig beteiligt war. Hier gibt es gar nichts zu vermissen.

Damals war das eine geistreiche Reaktion auf die vielen Verbotsschilder, die die alte Gesellschaft Westeuropas aufgestellt hatte. Und sie entsprach der frechen literarischen Tradition des Aufstands gegen die Religion im französischen Hochmittelalter und der Renaissance: Dem Roman de Renard und Rabelais Gargantua und Pantagruel.

Aber wir sind an einem anderen Punkt. Längst hat auch Daniel Cohn-Bendit 2007 zu einer neuen Debatte über 68 gesagt: „Interdit d’interdire d’interdire.“ – Auch das Verbot, Verbote zu verbieten, ist im 21. Jahrhundert verboten, das heißt: nichts ist unbesehen legitimer als Verbote selbst.

Der Aphoristiker Benyoëtz gibt in seinen bisher rund 50 Büchern Zeugnis davon. Und er erwartet dies auch im Umgang mit Menschen. Das heißt: Habe den Mut, Deine Gedanken in Deinen Worten freizusprechen, Irrtum in Kauf nehmen, und dann wieder gegen Dich zu denken, insofern bereit sein, Dir zu widersprechen.

So bleibt es spannend. Er ist vom Sternzeichen „Widder“, schreibt er in einer seiner charmanten Selbstreflexionen im Buch (S. 55). Das kenne ich von Haus aus. Mein Vater war Widder, ein Draufgänger in anderer Richtung. Widder sind Menschen, die ihre Hörner behalten, auch wenn die deutsche Redensart es will, daß sie abgestoßen werden. Die Hörner sind, wie wir von Gustav Mahler und Adorno wissen, das Beste am Menschen.

Leere Zeilen

Menschen, die wenig schreiben, fürchten, wenn sie etwas zu schreiben haben, leere Zeilen. Ebenso Auftrags-Schreiber, die leergeschrieben sind. Beim Aphoristiker verhält es sich umgekehrt. Wie der Rhetor in Kunstpausen seine Botschaften verstärkt oder sogar transportiert, so der Aphoristiker durchweg in den leeren Zeilen und auch in den Lücken der Wörter und selbst an den unsichtbaren Grenzen der Morpheme.

Das ist die Eigenart des Aphorismus, die sich von Formen der Lyrik und anderen Arten der fiktionalen Prosa unterscheidet, und mit allen Höhen und Tiefen genauso eine anspruchsvolle Kunstform zu nennen ist wie die „Windstriche“ Paul Valérys oder die feinen Übergänge in den vielfach aphoristisch genannten Kompositionen Alban Bergs. Es ist die Feinheit einer Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der man Form im Sinne Adornos noch als Schule des Protests verstehen konnte. Die Fortschritte der digitalen Mediation laufen demgegenüber auf eine standardisierte Wahrnehmung hinaus.

So ist es nicht als Anflug von privater Sentimentalität des Alters angesichts einer begrenzten Leserschaft abzutun, wenn Benyoëtz zur Legitimation seiner Aphoristik sagt:

„Ich stehe hinter meinem Wort,

kein Wort steht hinter mir.“ (S. 64)

Die bedingungslose Verantwortung für das eigene Wort ist hier kein Handel nach dem Muster bürgerlicher Religion, wo man Glaube für Gnade kaufen kann, und für alles einen Sinn, eine Erklärung findet.

Am Anfang der poetischen Moderne Ende des 19. Jahrhunderts in Paris steht ein doppeltes Unbehagen an der überkommenen öffentlichen Rede und an der aufbrechenden Gesellschaft der Information und Kommunikation. Die Nuancen brachten zwei Dichter: Baudelaire, der uns lehrte, den Blick nicht von den bösen, satanischen Seiten der Welt abzuwenden, und Mallarmé, der uns zeigte, daß man den Sinn der Rede nicht bestimmen und nicht festhalten kann, sich aber dennoch zu verantworten hat. Noch für Emil Cioran gilt:

„Ne cultivent l’aphorisme que ceux qui ont connu la peur au milieu des mots, cette peur de crouler avec tous les mots.“ (Syllogismes de l’amertumes) – Nur die pflegen den Aphorismus, die die Angst mitten in den Wörtern kennengelernt haben, diese Angst, mit den Wörtern zusammenzubrechen.“

ohne Autor

Und doch stößt der Aphoristiker gerade in diesem Punkt auf wenig Gegenliebe. Gibt man den Namen „Benyoëtz“ in der google-Suche ein, wird man vielfach Seiten finden, die als Blütenlesen angelegt sind:

„Das ist ein Problem der Aphorismen“, schreibt Benyoëtz (S. 61),

„sie kreisen, urheberrechtlich ungeschützt, als wären sie herrenlos, geflügelte Worte, wie Tauben abzufangen, auszuschlachten oder mit neuen Adressen auf weitere Postwege zu entsenden.

Geflügelte Worte beschwingen den Räuber. Das ist die Praxis bis heute.“

Montesquieu waren Aphorismen die „Sprichwörter der gebildeten Menschen“. Auch im Fall dieses Aphorismus: Friedrich Schlegel übersetzte diesen Aphorismus und gab ihn als seinen eigenen aus. Erschwerend kommt ein älterer Begriff von Aphorismus hinzu.  Gemeint ist die Tradition der humanistischen Kommentar-Essays zu alten Worten der gebildeten Welt, vor allem der Antike. In diesem Sinn sind etwa Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ zu verstehen. In Frankreich spricht man deswegen im Unterschied dazu vom „aphorisme poétique“.

Bei Benyoëtz ist die Genese von Aphoristik aus der jüdischen Kommentar-Tradition zu beachten. Das schriftkundige Infrage-Stellen von Interpretationen, das Isolieren von Textstellen und Verschieben von Text-Zusammenhängen und das im Talmud geratene ‚Drehen und Wenden‘ der Wörter – und alten Worte – ist für den gelernten Rabbiner selbstverständlich. Nach Heinrich Heine ist die Schrift für Juden das „portative Vaterland“, und dazu gehört auch die Literatur der jeweils zugänglichen Sprachen.

Zugleich deutet er an, daß das ausdrückliche Zitieren in seiner Aphoristik noch eine andere Rolle spielt: Er will gar nicht das letzte Wort haben, will es nicht besser wisse, sondern nur anders:

„Der Aphoristiker schreibt so,

als hätte er das letzte Wort.

Ich überlasse in meinen Büchern gern anderen

das letzte Wort;

ich will kein Letztes gesagt haben“

(S. 56)

Maßlose Kürze

Den Aphorismus durch Kürze zu definieren, ist ein beliebtes Geschäft der Germanistik. Meist ist es so, wie Reich-Ranicki seine Abgrenzungen vorzunehmen pflegte: Ab 500 Seiten handele es sich um einen Roman.

Dergleichen bleibt immer dezisionistisch, und es kann nicht das Geschäft der Literaturtheoretiker oder Kritiker sein, Längenmaße zu bestimmen, wenn sie nicht ihren Gegenstand verfehlen wollen.

Benyoëtz nannte seine in den 1970er Jahren „Einsätze“, hier nun wieder. Kurz ist ein Satz, nicht mehr. Eher weniger, denn viele Aphorismen von Benyoëtz bestehen aus Wortpaaren. Der hohe Kunst-Anspruch verweist auf kleine Zahl von Aphoristikern, für die es wenige Beispiele wie den Franzosen Renard oder Marie von Ebner-Eschenbach gibt.

Um das Paradox ‚maßloser Kürze‘ geht es auch schon im Titel des Buchs. Ein Einwand gegen die Gattung ist darin verborgen. Er wird vielfach von sehr gebildeten Menschen vorbegracht. „I need arguments“, sagte mir einmal ein englischer Privatgelehrter, als er von sich aus seine Ablehnung der Aphoristik erklärte. Dafür sind Aphorismen nun wirklich zu kurz. Ein sehr geschätzter früherer philosophischer Kollege, Gottfried Gabriel nannte einmal den „Aphorismus: die Pointe eines Vorurteils“. Er tat es aphoristisch, weil er die Gabe hat, selbstironisch und undogmatisch zu sprechen.

Benyoëtz zitiert aus anderer Quelle mit anderer Tendenz:

Der Aphoristiker ist ein Euphoristiker. Aphorismen zu produzieren ist eine euphoristische Beschäftigung. Aussagen von Bestimmtheit zu machen, Beobachtungen Allgemeingültigkeit zuzuschreiben, dies erzeugt einen Zustand, in welchen man über die eigenen Verhältnisse.“

Werner Bergengruen

Bergengruens  verkürzt die Dimensionen des Aphorismus und letztlich auch der Sprache auf Abbildung. Er unterschlägt die expressiven und die appelativen Funktionen der Sprache. Eine solche autistische Sprachauffassung hört man von Deutschen auch gern, wenn sie auf lateinische Hyperbeln treffen.

Falsche Verallgemeinerung gibt es in der Wissenschaft. In der Poesie und Rhetorik können Übertreibungen das gebotene Mittel sein. Und beides zu verwechseln hieße, nach Paul Valéry, mit den Regeln des Schachspiels Mühle zu spielen.

Der EinSatz als begründete Entscheidung

Mir geht darum, die Poetik von Dichtern aus ihren Reflexionen und vor allem Verfahren zu rekonstruieren und ihre Verfahren zu erläutern. Der Kritiker oder Philologe wird sie dann als begründete Entscheidung zu erklären haben. Benyoëtz schreibt:

„Alles in der Kunst Entbehrliche

ist Zeichen von Arroganz“ (S. 24)

Was nicht nötig ist, ist auch überflüssig. Ein Ockhamsches Rasiermesser für die Aphoristik? Nein. Dem Sprachlogiker und Wissenschaftstheoretiker Wilhelm von Ockham ging es darum, aus gescheiten Annahmen heraus mit sauber definierten Begriffen zu Schlüssen zu kommen. Schein-Argumente, Wissens-Ballast und autoritäre Theologen-Begriffe wie „Gott“ sind verboten.

Der Aphoristiker sagt noch weniger, als nötig wäre. Er schließt in Mehrdeutigkeiten und Paradoxien ein, was sich anders nicht sagen läßt. Aber dabei gilt zugleich:

„Man kann sagen, was man will: nicht weniger“ (S. 37)

Benyoëtz‘ EinSatz-Kunst entspricht einem Ökonomismus gegen eine von ihm zweifellos in Vielem als hohl oder verbraucht empfundene Tradition oder gegen den Omnipräsenz- und Vollständigkeits-Wahn unserer Informations- und Kommunikations-Gesellschaft, die den Türöffner zum Wissen für einen Weisen hält, und in den Bereichen der Wissenschaft, der Kunst und der Unterhaltung nur für ennui sorgen kann.

sous ta glace au trou profond

Valérys Lehrer Mallarmé, Ahnherr dieser zeitgemäßen poetischen Weltwahrnehmung, vermochte es, im Spiegel einer Eisfläche einen zugefrorenen Brunnen anzureden. Was er Hérodiade sous ta glace au trou profond (unter deinem Eis am wahren Grunde) sehen läßt, ist die Vergangenheit, immer noch unzugänglich, aber so sichtbar wie das Herbstlaub unter dem winterlichen Eis.

Aus dieser Epoche, aus dieserm Geist stammen die Aphorismen des Mathematikers Felix Hausdorff (1868-1942), als Dichter Mongré. Benyoëtz zitierte ihn schon gelegentlich, in diesem Buch über die maßlose Kürze des Aphorismus mehrfach:

„Kein Mensch wagt sich heute noch

Mit einer Syntax hervor,

aus Furcht unterbrochen zu werden.“

Paul Mongré (S. 13)

Dem Fin de siècle war etwas Widerständiges kostbar, was die Informations-Gesellschaft längst unterdrückt hat: die differenzierende Wahrnehmung für Nuancen und ihre wechselvolle Beleuchtung besonders kostbar, beispielhaft nicht allein an der Dichtung, sondern auch an der bevorzugten Beleuchtung durch Glaslampenschirme, die in verschiedenen Farben schillern und feinste Nuancen zwischen Hell und Dunkel sichtbar machen.

In der Moderne sind die Probleme des Dichters Formprobleme, deswegen nicht „bloß formale“. Denn ohne Form gibt es keinen Inhalt, vielleicht nicht einmal Leben. Die Grenzen der Gattungen und selbst der Künste fransen aus, weil neue Lebensbedingungen neue Formen nötig machen.

Insofern ist der Aphorismus vielleicht mehr ein Schauplatz dieser Probleme als eine Gattung. Er gehört zu den offenen, zu den fragmentarischen Formen, die in den 1960er Jahren in der Literaturwissenschaft allmählich legitimiert wurden. Auf dem Buchmarkt aber regieren heute wieder geschlossene fiktional-erzählende Formen eines imitierten Realismus, die alten bürgerlichen Fluchtwelten. Alte Wahrnehmungsmuster, die sedieren.

 

Die Dichter der frühen Moderne liebten wie die Glas- und Beleuchtungs-Künstler der Zeit liebten Kaleidoskope. Und sie verwendeten Wörter artistisch wie Kaleidoskope: Mit einer möglichst knappen Drehung soll dabei die größtmögliche Veränderung erzielt werden. So wandelt sich auch bei Benyoëtz Kürze in Maßlosigkeit, und auch sonst das eben Bezeichnete in sein Gegenteil. Oder es wird wie in antirealistischer Malerei verfremdet:

„Die Kürze verwischt Farbe und Gesichtszug“ (S. 23)

Lyrische Aphoristik

„Man muß kein Lyriker sein, um Aphorismen hohen Ranges zu schreiben, aber in jedem großen Aphoristiker steckt ein Quäntchen Lyrik.“

Manche haben das erkannt. Unter dem Titel „lyrische Aphoristik“ erläuterte Harald Fricke in seiner Mainzer Preisrede von 2004 das Besondere an Benyoëtz‘ Dichtung und stellte seine begeisterten Ausführungen unter den Titel „Lyrische Aphoristik“. Lyrik und Aphorismus? Wie geht das zusammen? Fricke war ein rationalistisch geprägter Gattungstheoretiker und hatte den Aphorismus in seiner gleichnamigen Monographie in einer zuvor nicht erreichten Trennschärfe als nichtfiktionale Prosaform bestimmt, die durch ihre fragmentarische Struktur und Pointierung poetisch wird.

Aber er war eben auch kunstsinnig und konnte sich widersprechen, wenn er auf eminente Dichtung traf, die die Grenzen der Gattung überschreitet. Nun ist jede Bestimmung einer Gattung eine Lesart, die am besten formuliert und dem Widerspruch ausgesetzt wird.

Es geht nicht mit und auch nicht ohne Gattungs-Definitionen, die immer vorläufig und nachträglich sind. Ohne eine Gattungs-Definition jedenfalls lassen sich die Abweichungen der Ausnahmen und ihrer Schulen aber nicht einmal bemerken und behaupten. Etwas Bestimmtes ist immer etwas anderes… Das Differenzgefüge sind immer Vorschläge, und sie verändern sich auch mit dem Lesehorizont und sicher auch mit den Vorlieben. In der Germanistik herrscht dagegen nach wie vor eine platonische Tradition, die Wörter als Namen der Dinge versteht, und dann gegen Begriffe kämpft wie Don Quijote gegen eingebildete Windmühlen.

Ob es Einzelverse gibt, mag umstritten bleiben, es ist schwer denkbar, denn ein Vers allein wäre keiner. Wir erkennen aber mithilfe von Herder, Hopkins und Jakobson  den biblischen Parallelismus membrorum als Keimzelle vieler Versformen wieder. Allerdings arbeiten Wortakzente und Prosodie des Deutschen dem Lyrischen entgegen, nicht so die des Hebräischen. In der analogen Wortbildung und -stellung von Lexem- und Syntagmen mag bei Benyoëtz Lyrisches angelegt sein.

Als lyrisch konnte im Symbolismus und in der ihm folgenden Klassischen Moderne nicht mehr unbedingt die traditionelle Vers-Dichtungen mit ihren festen Formen und Metren gelten, sondern im Gegenteil auch etwa ein Drama gelten, in dem die fiktionale Rede nicht mehr auf gattungsgeschichtlich präformierte Handlung zustrebt, sondern die Selbstverständigung von Menschen im Moment ihres Vollzugs zeigt, dies oft in Grenzsituationen von Todesnähe und Liebe, die für die teleologisch angelegte klassische Tragödie nur transitorische Erscheinungen bleiben.

Für diese Momente ist nach deutschem Verständnis exklusiv die Lyrik zuständig. In Frankreich kommt die ältere, seit dem 19. Jahrhundert aufgefrischte Tradition von Pascals diskontinuierlichen cahiers hinzu. Hier wird laut raisonniert und zur Diskussion gestellt, und der Mut dazu gilt dort als intellektuell. Anders im Deutschen, wo man dergleichen, zumal als Mann, für sich behält oder wissenschaftlich als Gedankendichtung und literarisch als ‚bloße‘ Förmlichkeit abtut.

Ein Aphoristiker des 21. Jahrhunderts
Heute fragt sich Benyoëtz:

„Bin ich noch, – bin ich schon

Aphoristiker des 21. Jahrhunderts?

Die es behaupten oder entscheiden könnten,

stammen aus dem vorigen Jahrhundert.“ (S. 48)

Wir erleben heute auch in Europa, daß Religiöse wie Atheisten nihilistische und menschenverachtend sind, wie es schon Dostojewski in Verbrechen und Strafe beschrieben hat. Die standardisierte Kommunikation und politisch korrekter Information verfällt in Kategorien des vergangenen Jahrhunderts, sie bemüht Sozialpädagogen oder Toleranz gegen Haß. Sie bleibt vor diesem Phänomen wortreich sprachlos. Der Aphoristiker Benyoëtz nicht.

Wo dann von seiner religiösen Aphoristik die Rede ist, greift die Aphorismus-Forschung weit zurück: zu Pascals skeptischer Glaubensprüfung, die sich in Gestalt fragmentarischer Kurzprosa artikuliert. Noch viel älter, vorchristlich, ist das „Dubito ergo cogito“. Ich zweifle, also denke ich. Es ist sokratisch, also im besten Sinne altes Europa.  „Dubito ergo credo“ – ich zweifle, also glaube ich, ist Benyoëtz. So steht er einer besseren europäischen, französischen Tradition nahe, die aus ihrem Atheismus keine Konfession und erst recht keinen Glaubensakt macht:

„Keine Konfession,

die nicht zugleich Werbung wäre.“ (S. 63)

Er beraubt uns absoluter Lösungen und zeigt Momente von erfahrener Freiheit, die gegen unsere Narrative von Fortschritt und Verfall bestehen:

„Von der Überzeugung verlassen,

werden Zweifel andächtig

Völker müssen ihren Gott in Maßen halten

oder ihr Ende nehmen“ (S. 70)

Benyoëtz‘ Buch der Lesungen. Ein Rezensions-Essay zum Buch von  Elazar Benyoëtz: Das Feuer ist nicht das ganze Licht. Lesungen. Mit Miniaturen von Metavel.  Edition Eupalinos (Schaan, Liechtenstein) 2015

22. Oktober 2015

Die Kunst, die zu sich selbst kommt, würde Kunst selber übersteigen und sich erfüllen im richtigen Leben der Menschen.

Theodor W. Adorno: Der Artist als Statthalter (Noten zur Literatur)

Benyoëtz‘  gerade erschienenes Buch Das Feuer ist nicht das ganze Licht enthält die mit neuen Texten und Erläuterungen umrahmten Texte von vier Lesungen von Elazar Benyoëtz aus den Jahren 2009 bis 2014, aus Wien, Berlin, Schaan in Liechtentstein und Chur in Graubünden.

Hinzu kommen neun Miniaturen Métavels, seiner Frau Renée Koppel, als Künstlerin Métavel, und zwei CDs mit Erläuterungen. Darin sind unter dem Titel Hell- und dunkelhörig zwei Lesungen mit Flöten-Begleitung durch Hieronymus Schädler zu hören, einen Liechtensteiner Flötisten, Improvisateur und Komponisten. Die Aufnahmen sind in Ton-Studios in Chur und Zürich entstanden.

So wie Benyoëtz seit 20 Jahren gern mit Musikbegleitung auftritt, sucht Schädler bei seinen Auftritten immer wieder die Verbindung zur Poesie. Auf seiner Website ruft Schädler die Weltliteratur zum Zeugen seiner Tonkunst auf: E.T.A. Hofmann, Nietzsche, Victor Hugo, Oscar Wilde. In der Begleitbroschüre zur CD erklärt Schädler, was er an laut gelesener Dichtung schätzt: Sie steht wegen ihrer lautlichen Präsenz der Musik nahe und eröffnet ihr eine Verbindung zu einer konkreten Bildwelt, die Musik allein nicht haben kann.

Autor und Musiker begegneten sich nicht nur auf seinen Lesungen, sondern auch bei den „12. liechtensteiner literaturtagen“ 6.-8. juni 2014. Sie waren minimalistischen Kunstformen gewidmet.

Verleger hajqu ist seit dem Jahr 2000 auch Dozent für Bildnerisches Gestalten an der Universität von Liechtenstein. Er studierte vor drei Jahrzehnten Malerei im Land der Künste und des Designs, an den Kunstakademien von Bologna und Urbino. Das Studium schloß er ab mit einer Studie zum Malerbuch des 20. Jahrhunderts: Il libro come architettura ideale. Die These wurde zum Programm.

Als Minimalist der Wortkunst und Silben-Komponist paßt Benyoëtz hervorragend in eine solche Landschaft. Und in diesem Kontext kommen auch die Miniaturen-Malereien seiner Frau Renée Koppel, als Künstlerin Métavel, hervorragend zur Geltung.

Eupalinos

Hansjörg Quaderers Liechtenteiner edition eupalinos setzt im Bereich der Buchgestaltung Maßstäbe in einer Zeit, der, wollte man den großen Medien-Konzernen glauben, es angeblich an Kunden fehlt, die Geschmack genug haben, um dergleichen zu schätzen. Hat man sie nicht erst dazu erzogen?

Eupalinos war Ingenieur des antiken Tunnels von Samos (6. Jh. v. Chr.), der mehr als einen Kilometer lang ist, und eine atemberaubende Spitzenleistung der Antike darstellt. Der Name der Edition soll über diesen Namen sicher auf Paul Valérys fiktionalen Dialog Eupalinos ou l’Architecte (1923) hinweisen. Darin wird ein Zusammenhang künstlerischer Praktiken und kunstphilosophischer Debatten entfaltet, die auf den ganzen Menschen zielen.

Bei Valéry treffen sich Phaidros und Sokrates im Hades. Sie sprechen über Eupalinos, über die Verwandtschaft von Baukunst und Musik, von Musik und Dichtung, von Malerei und Tanz. Die Loslösung vom Leib soll, jedenfalls nach platonischer Vorstellung, der optimale Zustand für die Anschauung des Schönen sein. Doch Valéry widerspricht. Über den Maler sagt er: „Er kann die Farbe nicht trennen von irgendeinem Wesen.

Das gilt auch für Renée Koppel, Métavel, die von sich sagt, sie denke in Farben. Und es gilt auch für dieses Buchs der Lesungen von Benyoëtz: So nämlich, wie es ohne Form keinen Inhalt gibt, gibt es kein Sein der Künste ohne ihre Erscheinung. Form ist, in diesem Verständnis, nicht Ausdruck von Inhalt, sondern seine Begrenzung: Begrenzung im emphatischen Sinn eines symbolischen Akts der Selbstbestimmung.

Das laute Sprechen erhält hier seinen Sinn nicht aus der kommunikativen oder informativen Funktion, auf die die Sprache heute vielfach sich reduziert. Benyoëtz‘ lyrische Aphorismen und seine Vergegenwärtigung der Stimmen anderer in Zitaten sind Zeichen eines Nachlebens wie sie in wirkungsmächtigen Traditionen der modernen Poetik und Ästhetik angelegt sind. Am Anfang dürfte der „Chor der Verwandelten“ in Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik stehen. Die Tragödie bedarf hier des Stimmkörpers, in dem erst sich die Leiden vergegenwärtigen, von denen sie selbst handelt.

Bei Benyoëtz kommt, dem jüdischen Verständnis von Tradition folgend, der Blick auf das Hier und Jetzt zum Tragen, und auch hier nicht auf das, was ohnehin schon ist, sondern was an dem, was war und ist, im Kommen ist: Die Überlieferung, so steht es im Talmud, ist erst zu Ende, wenn der letzte aus der Reihe der Überliefernden nicht mehr da ist. Aufgegeben werden darf sie nicht. Die Überlieferung enthält, wie üblich, ebenso die Bibel wie die Weltliteratur oder auch andere Zeugnisse, Denkgewohnheiten oder Redensarten.

Die Lesung als „dritte Werkform“

Einen Schriftsteller wird es immer von einer Gattung zur anderen treiben“, so beginnt der Autor selbst die Erläuterungen zu diesem Buch (S. 171). Auch von einer eigenen „Werkform“, der Lesung“ spricht er, das Überschreiten der Grenzen von Poesie, Malerei und Musik ist im Buch angelegt. Die Buchgestaltung kommt hinzu.

Man könnte gegen die besondere Betonung der Lesung als Gattung oder gar „Werkform“, wie es Benyoëtz nennt, einwenden, daß eine Lesung im besten Fall eine mündliche Gattung der darstellenden Künste ist. Sie wird in der Regel vorbereitet durch Publikationen, die vorzustellen sind. Hier verhält es sich anders.

Ich habe keine deutsche Umwelt, kein Deutsch um die Ohren, ich muss mein eigenes Herz essen

Das schreibt der Autor im rund 50seitigen Text, der seiner Briefauswahl  Vielzeitig (Brockmeyer-Verlag) voransteht.

Benyoëtz lebt in Jerusalem und Tel Aviv. In den 1950er und 60er Jahren begann er als hebräischer Lyriker. In den 1960er Jahren kam er nach West-Berlin, um mit einem Stipendium der Ford-Foundation alles damals Verbrannte und Verdrängte festzuhalten, was Juden zur deutschen Kultur beigetragen hatten. Was er darin entdeckte, war „eine Art Talmud“, wie er in seinem Buch Allerwegsdahin in der ihm eigenen lakonischen Weise bemerkt.

Seit 1988 besuche ich Lesungen von Benyoëtz, und konnte feststellen, daß ihm dergleichen viel mehr bedeutet als anderen Autoren, die in mehr oder minder unmittelbarer Nachbarschaft mit ihrem Publikum leben und dann vielfach Refugien in der Peripherie suchen.

Bald fiel mir auch auf, wie genau er sich auf den jeweiligen Anlaß und, soweit möglich, auf sein Publikum an wechselnden Orten vorbereitete, und sei es durch Bezüge auf Namen und Texte, die etwas mit diesen Orten zu tun haben. Ich konnte erleben, was ich zuvor nur als brachliegendes soziales Potential annehmen durfte, nämlich wie die Aphoristik tatsächlich individuell ganz unterschiedlich die Einbildungskraft einzelner Leser und Zuhörer belebt, die bei diesen Lesungen zusammenkamen.

Situationen sind in Aphorismen kunstvoll ausgespart, so wie die Redner, als es sie noch gab, ihre Kunstpausen zu setzen pflegten. Auf diese Weise wird Spannung erzeugt, wird die Phantasie des einzelnen Lesers anstoßen. Aphorismen wirken wie komponierte und präzise gestaltete Ausschnitte aus einem zu ergänzenden Text. Kaum sind sie aber so minimalistisch verdichtet wie bei Benyoëtz. Harald Fricke sprach deswegen von „lyrischen Aphorismen“.

Seine deutschsprachigen Leser sind ja nicht allein vier Flug-Stunden von ihm entfernt, auch die politischen Lebens-Geschichten und die unterschiedlichen Umgebungen trennen ihn von ihnen und sie von ihm. Benyoëtz bezeichnet in diesem Buch die Lesung als seine „dritte Werkform“, neben oder nach der Aphoristik und Zitat-Montage sowie dem Brief.

Das Lautsprechen habe ich mit den Jahren eingebüßt, dafür traten meine Lesungen, die eine dritte Werkform werden sollten. Einmal im Jahr konnte ich meine Stimme vernehmen und meine unbestimmten EinSätze mit Akzenten versehen.

Rollenprosa und performative Wechselrede

Aphorismen kommen ohne den ausgeführten situativen und textuellen Zusammenhang daher. So schaffen sie poetischen Mehrwert. Hinzu kommen nicht erst bei den musikalisch begleiteten Lesungen, sondern bereits in Benyoëtz‘ Zitat-Montagen performative und dramatische Elemente: Sie sind durch Rollenprosa und durch Wechselrede gekennzeichnet, die sich vielfach als hintergründige Selbstverständigung zu erkennen geben.

Oft ist unter diesem Vorzeichen auch für belesene Kenner schwer zu entscheiden, aber auch sekundär, ob es sich im Einzelfall um eine Auswahl und ein Arrangement aus Texten anderer handelt, oder ob er unter anderem Namen selbst spricht. Die Grenze von der Montage zum fiktionalen sprachlichen Handeln und damit zur Sphäre der darstellenden Künste wird vielfach überschritten. Die herausgelösten Zitate gehen neue Bindungen ein, so auch in diesem Buch, das über acht Seiten mit präludierenden Zitaten anhebt.

Konzert, Lesung und Drama

Meine Lesungen, seit dem Erscheinen von Variationen über ein verlorenes Thema (München/Wien 1997), fanden alle in musikalischer Begleitung statt. Die eigene Sprachmelodie betäubt den Gedankengang, die Flöte erweckt die Ferne, die Geige lockt sie heran.

Mit Orgelmusik ward ich reichlich verwöhnt, die besten Organisten Deutschlands, aber auch der Schweiz, gesellten sich zu meinen Lesungen.“ (S. 173)

Eine Lesung mit Musikbegleitung verbindet sich zum einen mit die Aufführungs-Form des Konzerts, zum anderen mit der Stimme des Autors, der sich und der öffentlichen Rede Fragen öffentlich stellt, und in Form von aphoristischen Mantras spricht.

Für jeden Leseabend gibt es eine eigene Partitur“, sagt der Autor: „Jede ist mein Gesamtwerk in nuce; mein Gesamtwerk in einer anderen Brechung“. Nun ist ein Konzert auf andere Weise performativ als die Aufführung eines Dramas oder Benyoëtz‘ Lesungen lyrischer Aphorismen.

Und deswegen zieht Benyoëtz auch in seinen musikalisch begleiteten Lesungen eine Grenze zum Drama. Hier wird Rudolf Kassners Bemerkung wichtig, der Schauspieler Josef Kainz habe bei der Rezitation von Hofmannsthals Gedichten das Geschehen „auf eine unsichtbare Bühne“ gestellt, statt es schöpferisch entstehen zu lassen durch den Rhythmus. Benyoëtz dagegen spricht, um dieser Gefahr zu entgehen gleichförmig, bedächtig und mit Pausen, die der Bild- und Klang-Phantasie der einzelnen Zuhörer Raum geben sollen.

Auf teilweise ähnliche Weise sollte das gleichförmige „Hersagen“ im George-Kreis das dichterisches Wort zur Geltung bringen. Das Wort wird dem Prozeß zurückgegeben, durch den es ein Gedicht wurde. Das Performative der Lesung tritt also nicht in den Dienst des Theatralischen, sondern des dichterischen Vorgangs.

Die Stimme des Autors

Lesungen hatten ihre große Zeit in der klassischen Moderne. Von Hofmannsthals Rezitationen eigener Dichtungen wird berichtet, daß er in einen rituellen Sprechduktus gelegentlich einen fast privat anmutenden Singsang als zweite Stimme hineinlegte, eine musikalische Intonation, die der Feierlichkeit entgegensteht. Nur wird man die charmante Selbstironie hier nicht finden, mit der Benyoëtz das Präludium zu seinem Buch unter der Zwischen-Überschrift „Wortraum Meditation“ beendet: „In einer Stunde bin ich wieder da“ (S. 12).

Die rituellen Lesungen Georgekreis hatten eine gruppenbildende Funktion. Sie stehen im Zeichen katholischer Liturgie und Verkündigung. Zeugnisse der „Überwältigung“ und der Abwehr  wurden von den gescheitesten und kunstinnigsten Menschen seiner Zeit berichtet, die George hörten. Gesellschaftlich ist ein solcher Umgang mit sprachlichen Kunstwerken heute meistens auf einsame Lektüre und Kleingruppen verwiesen. Wie der anti-imperialistische Widerstand und Technologie-Kritik der 1970er und 80er Jahre gerät er nach der gegenwärtigen geistigen Ordnung der westlichen Sprach-Agenturen des Neoliberalismus leicht in den Geruch des Fundamentalismus.

Man kann heute klarer sehen, daß George Sehnsüchte seiner Jünger und seine ungewöhnliche Begabung benutzt hat, um sich zu erhöhen. Bis heute suchen vielen in der Dichtung eine Verbindung zu einem Lebensgrund, der ihnen von der verwalteten Welt, von den Technologien der Information und Kommunikation und den Agenturen der politisch korrekten Sprachregelungen abgeschnitten scheint. Adorno insistierte deswegen auf eine Aufklärung über das, was er „die schimärische Sehnsucht der Sprache nach dem Unmöglichen“ nennt, die wirkungsmächtig wie erotische Sehnsüchte sein können. Bis hin zu einer Verschränkung von Lebensangst und Sektenterror.

Die Folgen der nationalsozialistischen Sprachverführung stehen zwischen unseren Erfahrungen und denen der klassischen Moderne. Vier Flugstunden zwischen Jerusalem und Berlin oder München und die Geschwindigkeit der heutigen Kommunikations-Mitteln täuschen darüber hinweg. Der Buchtitel Treffpunkt Scheideweg könnte nach meinem Verständnis auch eine zentrale Funktion seiner Lesungen beschreiben. Er lauscht in seinen Lesungen gestisch dem Aufflackern von Sprachverführung, auch durch Denkgewohnheiten und Redensarten nach. Er tut dies mit den Mitteln seiner talmudischen Schulung: er wendet die Wörter hin und her, er gibt anderen, zitierten Stimmen das Wort, läßt keine Autorität, keine Denkgewohnheit, keine Redensart unbefragt. Der Zweifel ist ihm, und das sagt er auch entschieden, wertvoller als der Glaube. Katholische Theologen müssen deswegen oft einräumen, er komme selbst bei der Auslegung einer Bibelstelle auf Fragen, die ihnen  nie kämen. Und das liegt an einer Schule, an der er seine Lesern und Zuhörer teilnehmen läßt.

„das Bleistift spitzende Lesen“

 

Benyoëtz spricht in der Widmung selbst heiter von seinem „Buch der Lesungen„:

„Karel Čapek sagte von Karl Kraus:

»Er lehrte uns lesen«;

Mich lehrte Dr. Josef Hager

(Radautz 1885 – Tel Aviv 1951)

das Bleistift spitzende Lesen;

seinem Andenken

sei dieses Buch der Lesungen gewidmet“

Benyoëtz‘ Verständnis von dem, was eine Lesung ist hier nicht an eine Mündlichkeit und auch indirekt auf den Akt des Lesens, sondern an ein Lernen, aus dem ein Lehren, an ein Lesen, aus dem ein Schreiben wurde.  Nach diesem Zeugnis ist seine Art zu lesen gestisch, das Lesen selbst eine Personifikation: als ein Lesen, das den Bleistift spitzt. Erst danach begann er hebräische Gedichte zu veröffentlichen, ein Rabbiner-Studium absolvierte und später erst vorwiegend auf Deutsch schrieb.  In Jerusalem hatte er kaum eine deutschsprachige Umgebung.

Wenn man versucht, aus den Äußerungen des Autors eine Poetogenese zu entwerfen, kommt man allerdings an seiner Jüdischkeit nicht vorbei. Und hier sind, so vermute ich, noch andere Bestimmungen, wirksam. So mag eine Rolle spielen, daß im traditionellen jüdischen Verständnis das nur geschriebene, einsame Wort der Moderne ein religiöses Unbehagen und ein Ungenügen gegenüber der mündlichen Anrede des Herren hinterläßt. Dieses Motiv spielte für Martin Buber expressionistischer Verdeutschung der Schrift eine entscheidende Rolle. Sie sind dem Mündlichen angenähert, das hier den Wert einer Befreiung hin zum Authentischen, zum Unmittelbaren hat.

Allein der Hinweis auf die expressionistische Betonung des Ausdrucks des Autors wird aber weder Buber noch der jüdischen Tradition noch Benyoëtz gerecht. Sie bliebe selbstbezüglich, und das wäre nur ein Umweg, den die Sprache in einer Welt aus Information und Kommunikation zu gehen hat, die sie  mit dem Ziel gehen muß, die Hörer an einer dichterischen Selbstverständigung teilhaben zu lassen, also Anrede zu werden.

Ob er ankommt, kann er nicht wissen. Zumal mächtige Gegen-Kräfte aufbrechen. Er spricht von seiner Situation, in Jerusalem als deutschsprachiger Autor keine deutschsprachige Umgebung zu haben. Dann trieb ihn diese Not auf Lese-Reisen. Dabei zeigen sich immer wieder historische Rollen-Panzer, wenn er sich in Lesungen, die ich erlebte, mal als Opfer bemitleidet, mal als Beichtvater angesprochen sah.

Benyoëtz zieht sich auch dann nicht zurück, sondern vertraut auf seine so seltene Gabe, die feinsten Wahrnehmungen und schwierigsten Erfahrungen in äußerster Kürze spielerisch und aufheiternd zu formulieren, nicht nur in seinen Büchern, nicht nur in seinen Lesungen, sondern auch im Umgang. Er nimmt diese Gabe als Verpflichtung und entwickelt dabei in seinen Lesern und Hörern einen Zugang zu dieser Welt, die in jedem Menschen liegt, und über diese Welt hinaus einen Zugang zueinander.

In seinem präludierenden Zitaten läßt er den Lektor Samuel Fischers und Autor Moritz Heimann sagen:

„Das Geistige eines Kunstwerks besteht nicht darin, über was es spricht, sondern zu wem es spricht.“ (S. 12)

Und Benyoëtz selbst appelliert in seinen Lesungen nach einer solcher Einstimmung an ein aktives Zuhören:

„Das Zuhören wird geleistet,

oder man bleibt sitzen

In einer Stunde bin ich wieder da“ (S. 18)

 

Silben-Kompositionen

Jedes Wort trägt Klang und Sinn, es ist als Wort aus dem Lexikon wie als Wort in einem Satz doppelt markiert. In der Poesie hat es zudem eine Funktion wie die Note in der Musik. So erscheint es nicht abwegig, an Arnold Schönbergs essayistisches Spätwerk Style and Idea zu erinnern. Dort hält der Revolutionär des Tonsystems eine ähnliche Erfahrung fest, wenn er festhält, daß der Komponist mit der ersten Note eine Verpflichtung eingeht.

Musikbegleitung wurde für den Lesereisenden Benyoëtz mehr und mehr eine Freude, Erbauung und Verstärkung geworden. Darüber hinaus geht es aber um einen wesentlichen Bereich moderner, symbolistischer Dichtung, die ihr eminenter Interpret Bernhard Böschenstein immer wieder treffend als „Silben-Kompositionen“ erläutert hat. Nach einer glücklichen Bemerkung Roman Jakobsons ist moderne, die symbolistische Dichtung Mallarmés „semantisch herabgestimmt“. Derrida überschreibt seine frühen Mallarmé-Studien mit dem Kunstwort der „dissémination“. Allemal geht es um Kunst, in dem kein Element, kein Wort, keine Note, kein Strich, vertauscht oder ersetzt werden kann.

Benyoëtz selbst spricht im Buch von seinen „Partituren“ und verweist auf Chiffren wie Thema und Variation in seinen Buchtiteln, Montagen und Texturen. Rhythmisiert waren seine Aphorismen von Anfang an, und zwar nach dem Gesetz des Parallelismus membrorum der biblischen Psalmen und Sprüche.

Wie moderne Lyrik erschließt sich Benyoëtz‘ Aphoristik allenfalls dem geübten Ohr, meistens dem inneren Ohr. Denn im Wesentlichen ist dergleichen eine Sache vereinzelter Leser in abgelegenen Schreib- und Lesezimmern geworden, also an einem jener Ort, an dem auch der Autor seine Texturen in Jerusalem verfaßt. Ihre Lektüre wird von Themen, Variationen, auch von Klang- und Bildbeziehungen geleitet. Die Lesegemeinde ist im Wesentlichen eine imaginäre.

Das alles ist dem Autor bewußt:

Dass man mit Aphorismen keinen Abend füllen kann, ist unleugbar, darum sind meine Lesungen für die Aphoristik überlebenswichtig“ (S. 173)

Im Unterschied zum Hörer kann der Leser zurückblättern und er wird nach und nach über Klang- und Bildfiguren Querverbindungen erkennen. Wird die Klang-Phantasie durch Musik zusätzlich geweckt, wird diese Haltung auch beim Zuhören unterstützt und eingeübt.

Die eminente moderne Dichtung hat stets mit Selbstverständigung zu tun, und sie stößt Selbstverständigung auch an, bei jedem Leser, bei jedem Lesen anders.

So stößt uns Benyoëtz immer wieder auch auf die Gemachtheit der sprachlichen Wirklichkeit. Er stellt diese Fragen in fragendem Ton, mit Sprachwitz und oft mit einem nachsinnenden Kraulen im Bart verbunden. Beim ihm artikuliert sie sich sardonisch, und stets auf sein Publikum bezogen:

„Die mir zuhörten, bleiben, schweigend vor sich hin, sitzen.

Stehen sie auf, waren sie zu sich gekommen“

Auf der Suche nach dem unverwechselbaren Ausdruck

Paul Valéry hat seine Ablehnung rein beschreibender Texte in seinem Essay Degas: Danse dessin (deutsche Übersetzung: „Tanz, Zeichnung und Degas“) damit begründet, daß sie „die Schwächung der geistigen Seite der Kunst“ fördern:

Eine Beschreibung setzt sich aus Sätzen zusammen, die man, im allgemeinen miteinander vertauschen kann: ich vermag ein Zimmer vermittels einer Reihe von Sätzen zu schildern, deren Aufeinanderfolge beinahe belanglos ist. Der Blick schweift, wie er will.

Folgt man dem Ton, so wird man als Schreibender sehr gut den nicht bloß privaten Überdruß eines sensiblen Dichters gegenüber einer Reduktion von Sprache auf Mitteilung und Kommunikation heraushören. Der Eindruck des ‚Belanglosen‘ hat mit der Austauschbarkeit mit Wörtern und Sätzen zu tun: Es ist eine reine Unterwerfung unter die natürliche Zeit, eine Ordnung, die eine Zurichtung der menschlichen Einbildungskraft bedeutet.

Den Pariser Symbolisten des späten 19. Jahrhunderts ging es dabei darum, die Sprache von ihrer Versklavung durch Information und Kommunikation zu befreien. Und diese Versklavung hat im digitalen Zeitalter so deutlich zugenommen, daß sie kaum noch als sozialpolitisches Problem, als strukturelle Gewalt  angesprochen wird. 1977 hatte Ulrich Sonnemann in seiner Rezension des Aphorismenbands Worthaltung den „unverwechselbaren Ausdruck“ als das Ziel der Schreibweise seines Freunds Benyoëtz benannt und ihn als Widerstand gegen den Waren-Charakter der öffentlichen Rede gesehen.

Ähnliches dürfte Sonnemanns Exilgefährte Adorno im Sinn gehabt haben, als er bei Gelegenheit Stefan Georges von einer Dichtung sprach, bei der sich das Ich in minimale Differenzierungen zurückzieht, und deswegen „zur Stimme der Menschen“ werden kann, „zwischen denen die Schranke fiel“.

 

Ein Jude in deutschen Briefen. Bei Gelegenheit einer Auswahl aus dem Briefwechsel von Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

Rezension von 2007 zu: Die Rede geht im Schweigen vor Anker. Aphorismen & Briefe. Herausgegeben von Friedemann Spicker. Brockmeyer Verlag 2007. 9,90 Euro
„Am liebsten würde ich Ihnen die Abschriften der zahllosen Briefe schicken, die ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe -: alle diese Briefe waren richtig, alle Adressaten waren falsch, bis auf Sie, Hans Mayer und einen Jugendfreund aus der Schillergasse in Czernowitz.

Ich bin ebenfalls – wörtlich, lieber Alfred Margul-Sperber!- der, den es nicht gibt.“

Brief Paul Celans an Alfred Margul-Sperber

Im besonderen Fall dieses Buchs – Die Rede geht im Schweigen vor Anker – verhält es sich anders. Es ist Zeugnis einer solidarischen Beziehung eines Autors und eines Interpreten, die zunächst nur zwei Dinge verbinden: Eine kleine Leserschaft und die Leidenschaft für den poetischen Aphorismus.

Anlaß des Buchs ist eine Lesung und Ausstellung in Wuppertal im Mai 2007 aus Anlaß des Geburtstags von Benyoëtz. Wer das nicht weiß, wird aus der Einführung Friedemann Spickers leider nicht erfahren, warum hier so viele unterschiedliche Materialien versammelt sind. Allein der linksbündige Flatterrand dieser zweispaltigen Einführung ist ein Layout-Fehler. Medien-Profis waren hier nicht am Werk. Liebhaber durchaus, und das zählt für mich im Zweifel mehr. Die dreiseitige Einführung verrät allein den Kenner des deutschen Aphorismus, der Spicker ist, wenig über den Inhalt des Buchs.

Dem Briefwechsel beigefügt sind erstmals veröffentlichte lyrisch-aphoristische Dichtungen (S. 7-30), eine Auswahl von Briefen des Autors aus den 1960er Jahren (S. 30-63), der Zeit als er von West-Berlin aus eine Dokumentation der jüdischen Literatur deutscher Sprache eine bebilderte Dokumentation der Ausstellung von Benyoëtz’ Frau Métavel (bürgerlich: Renée Koppel, S. 64-68), sowie erstmals eine Auswahl des Briefwechsels von Benyoëtz mit einem seiner Interpreten (S. 69-105), Briefe.

Die Briefpartner

Benyoëtz gilt als der einzige zeitgenössische internationale anerkannte Aphoristiker deutscher Sprache, dazu als Lyriker und als Schöpfer einer eigenständigen Erinnerungsprosa in Zitat-Montagen; Friedemann Spicker als der Historiker und Archivar der deutschen Aphoristik.

Beides, deutsch und Aphorismus, stimmt – und stimmt nicht. Was die Gattung angeht, sagt es Spicker selbst:

„Die Aphorismen von EB haben mit solchen Texten nur den Namen gemeinsam.“

Spicker ist publizistisch mit der deutschsprachigen Aphoristik vertraut wie kein anderer. Dies seit 30 Jahren – und längst wie kein anderer. Gerade diese Spezialisierung ermöglicht in diesem Fall einen Briefwechsel, der eine sehr feine, sehr lehrreiche poetologische Auseinandersetzung bezeugt. In den ausgewählten Briefen geht es vordergründig um den deutschsprachigen Aphoristiker und seinen Interpreten.

Der Herausgeber kann nach eigenen Angaben seine Bekanntschaft mit dem Werk des Autors bis 1976 zurückverfolgen. Der Briefwechsel begann 1997, im Zusammenhang mit einem publizistischen Projekt Spickers, einer sehr verdienstvollen Anthologie mit dem Titel Aphorismen der Weltliteratur, die bei Reclam erschien. Es wird eine wechselseitige Prüfung von Manuskripten verabredet, deren briefliche Zeugnisse von einer klaren Unterscheidung von persönlicher Wertschätzung und Lust an der kritischen Abwägung gekennzeichnet sind.

Zahlreiche Briefe kreisen um die anspruchsvolle Poetik von Benyoëtz’ Werk und die bescheidenden Markt-Chancen anspruchsvoller Literatur.

Hier will ich mich das briefliche Gespräch des Autors mit seinem Interpreten zum Anlaß einiger Überlegungen über die Rolle des Epistographen Benyoëtz in einer Zeit einzunehmen, in der gelehrte und persönliche Briefe einem längst todgesagten Park gleichen. Und eine Quelle für das, ich hier das Gesellschaftliche am Leben des Geists und der Poesie nennen möchte.

„Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung“

Das zeigen nicht nur die wochenlangen Lesereisen, die den Autor jedes Jahr ein- bis zweimal durch Deutschland führen. Aufwand und Ergebnis stehen oft in keinem Verhältnis. So auch bei einer gewiss liebevoll von Spicker in einer Kölner Buchhandlung vermittelten Lesung in 2000. Benyoëtz antwortet seinem treuen Leser nach seiner Rückkehr nach Jerusalem am 21.11.:

„Es schmerzte Sie, dass ich sagte, „Köln ist nicht meine Stadt“: dass sie es an jedem Abend nicht war, haben wir doch gesehen. Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung. (…)

Köln aber ist für mich die verbotene deutsche Erde, die ich – dafür noch und noch gestraft – 1963 zum ersten Mal betreten habe. Der Wendepunkt. Und nun war’s meine erste Lesung in Köln. Sie können sich die Erwartung vielleicht denken. Und es sah ja vielversprechend aus. Nun aber sind Sie in Köln und insofern ist Köln meine Stadt, auch gibt es eine Buchhändlerin da, die nun eine Ahnung mehr von mir hat.

Es liegt nicht am ‚Professionellen’, sondern einzig am Feuer, das mein Wort entzündet oder nicht. Wer feuerdicht ist, der schafft auch beim besten Willen keine ansehnliche Lesung. Das ist die Regel, die ich bestätigen kann.“ (S. 79f.)

Bei aller Sprachkunst: Benyoëtz ist alles andere als ein Bewohner des apollinisch eingefriedeten Sonderbezirks einer im Deutschen fast ausgestorbenen Kunstform.

Ernster als Kunst

Spicker andererseits hat, abgesehen von der klassisch-romantischen und der klassisch-modernen Aphoristik, sehr viel auf und noch viel mehr unter dem Durchschnitt lesen müssen. So ist er gewohnt, Aphorismus für Aphorismus, statt einer Dichtung in ihren leichten und schweren Partien, den Wechsel der sprachlichen Gesten und unterschiedlichen Tonfällen zwischen der deutschen und der jüdischen Sprachkultur zu lesen. Schließlich gilt nach Rabbi Hillel, wer den Talmud interpretiert, solle mit dem Leichteren beginnen und zwischen ihm und dem Schweren variieren. Auch diese Haltung gehört ganz bewusst zum Habitus des Autors Benyoëtz, der dem gebildeten Leser Spicker erläutert:

„Freilich, ich muss Ihnen genügen können, doch ebenso jungen Menschen, die noch gar nicht wissen können, was ein Aphorismus vermag, und die zunächst nur einem Wink folgen, einem angeschlagen Ton, einer Stimme, der sie sich anvertrauen. Auch wenn meine Bücher immer nur von wenigen Dingen sprechen, die mir wichtig sind, schreibe ich jedes für sich, als wärs ein Buch fürs Leben, ein Ganzes (in der Ahnung oder im Abglanz) enthaltend, ein Buch vom Menschen. So hoch ich meine Kunst auch schätze, dies nehme ich ernster.“ (S. 82)

So antwortet Benyoëtz am 26.6.2001 auf einen Einwand des gebildeten Lesers Spickers, es gebe einige leichte Partien und Spielformen in seinen Montage:

„(…) es gilt nach wie vor: streng bleiben und streng sieben. In der Ausgabe letzter Hand fallen dann die letzten Schlacken ab, jetzt müssen einige bleiben, weil ein Leser es nicht mag, so ganz streng in die Zucht genommen zu werden; er verliert die Lust am Lesen, wenn ihm überall nur Bärenernst begegnet. Das ist der Grund, weswegen ich in jedes Buch einige Kalauer aufnehme, Wortspiele, Spielereien, auch harmlose Sprachwitze, die ich einzeln nicht verteidigen könnte. Sie gereichen mir alle nicht zur Ehre, aber sie lockern auf. In gleicher Absicht nehme ich auch ‚Didaktisches’ und ‚Eindimensionales’ auf, es sind – nicht Erbaulichkeiten, aber Zusprüche, Regeln und Verhaltensweisen, die man leicht vergisst und umso leichter übergeht. Wo soll man sie aber sonst finden?
Benyoëtz, Epistograph

Gemessen an seiner Bedeutung, fällt mir als Seitenstück zu seinen Briefen in der deutschen Literatur nach 1933 allenfalls der Komponist, Literat und Universalgelehrte und Wanderer Jürgen von der Wense ein. Auf ganz andere und für die deutsche Sprachkultur bezeichnende Weise geht er ab 1933 als Solitär in meist wohl unbeantworteten Briefen auf. Wenn Wense nicht an den Entwürfen seiner Werke saß, in der Göttinger Bibliothek Kuriosa sammelte oder wanderte, dann schrieb er Briefe. Bis zu 30 Seiten pro Tag, am Ende seines Lebens waren es ca. 40.000 Seiten. In ihnen beschreibt er, wie sein Werk hätte aussehen können, wenn es ihm nicht so gleichgültig gewesen wäre. So wirft er ein Licht auf den politischen Zerfall einer sozialen Seite des Geists. Für sich hat dieser hoch musikalische und genuin poetische Aristokrat eine Möglichkeit gefunden, diesen Zerfall als Gewinn zu leben: Durch eine, an Rudolf Borchardt erinnernde, Überhöhung von Kulturlandschaften zwischen Nordhessen und Südhessen, die er erwanderte, und in Gestalt einer exzentrisch-enzyklopädischen Bildungswut. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod (1966) wird dieses Werk allmählich in gediegenen Ausgaben einem kleinen Publikum zugänglich gemacht.

Auch Benyoëtz’ eminenter Briefwechsel war lange so gut wie unbekannt, es ist auch in Publikationen über ihn meist getrennt von seinem publizierten aphoristischen Werk betrachtet worden. Inzwischen wird bereits nach und nach und publiziert. Kostenlos verfügbar ist die online-Edition des Brenner-Archivs der Universität Innsbruck.

Bereits 1989 erschien Benyoëtz’ Briefwechsel mit Clara von Bodman unter dem poetischen Titel „Solange wie das eingehaltene Licht“, 1994 folgte als Anhang der Druckfassung meiner Dissertation eine Auswahl von Briefen des Autors, die zwischen 1988 und 1992 entstanden sind und mich mal in der Bundesrepublik, der französischen Schweiz und im Negev erreichten. Sie wirkten auf meinen Stil prägend, für den Stil meines Lebensstils als Anker, vor den die Rede gelegentlich geht, um Erholung zu finden. An solche Konstellationen denke ich beim Titel des geschmackvollen Buchs, das Spicker vorgelegt hat.

Auszüge aus seinen Briefen der Jahre an mich finden sich im Anhang meines Buchs Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Mit einem Geleitwort von Harald Weinrich (Niemeyer 1994), weitere an diverse Adressaten sind Teil seiner Zitat-Montagen seit Treffpunkt Scheideweg (1990). Mittlerweile werden solche Briefe in Forschung und Kritik als Quellen und von einigen auch als Leseanweisungen zitiert und interpretiert.

Ein Jude in seinen deutschen Briefen

Dort wurde der Brief als Form der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis entdeckt. Als Formen moralischer Selbstbegegnung knüpft sein kaum übersehbarer deutschsprachiger Briefwechsel in deutscher Sprache an die jüdische Tradition der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an, wie sie Gert Mattenklott in seinem Buch Über Juden in Deutschland (Jüdischer Verlag 1992) vorstellt.

Kennzeichen der von Mattenklott vorgestellten Briefliteratur von Juden, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft, Gelehrtheit und Welthaltigkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichens Verhaltens als besonders erfindungsreich. Für Benyoëtz trifft das jedenfalls zu. Als Aphoristiker und Lyriker hat er den besonders im deutschen Sprachraum vereinsamten Ton der Klassischen Moderne weiterentwickelt, als Epistograph deutscher Sprache – gegensinnig – die Tradition der Diaspora von Israel aus fort. Ein symbolischer Gegensinn, der sich in seinem (bereits publizierten) Brief vom 3.1.06 ausspricht:

Geändert hat sich die Gruppe der Adressaten gegenüber früheren Briefen. Nur in seltenen Ausnahmen sind es Juden in Deutschland oder die Nachfahren von Assimilierten, an die Benyoëtz sich in diesen Briefen adressiert. Auch bei den Ausnahmen, und auch, wo es um den Aphorismus geht, besteht die Gemeinsamkeit in der Einsamkeit, in der man einander, Briefe wechselnd, zusammen trifft.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens

Bei Gelegenheit Heines schreibt Adorno:

„Nur derjenige verfügt über Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Das gilt auch für Benyoëtz’ Sprache. Sie gehört zu seinem Habitus, der Kunst und Brief verbindet. Sein Deutsch trägt nicht nur in seinen poetischen Werken, sondern auch in seinen Briefen die Spuren der Avantgarden. Dies ist am Übergang von absoluter Dichtung zu artistischer Kunstprosa zu erkennen, die sein Werk kennzeichnet. Deutlich ist sie aber auch gezeichnet durch die Geschichte verratener Hoffnungen einzelner Juden im deutschen Sprachbezirk, die ohne seine Zitat-Kunst vergessen blieben. Es sind zugleich die verratenen Hoffungen von Juden im deutschen Sprachbezirk, sondern ein zunehmend globalisierter Aspekt der conditio humana: 40 Millionen Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft schätzt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Refugees – UNHCR) weltweit.

In Benyoëtz’ Dichtung wird auch deutlich, dass Deutsch eine historische Sprache der Dichtung und der Erkenntnis neben anderen ist – nein: gewesen ist, muss man sagen, denn Benyoëtz’ Sprache ist biblisch und symbolistisch zugleich. bleiben zugleich doch auch Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die von Kohelet über die europäische Aphoristik bis zur modernen Lyrik reicht. Er gehört zu den „schwierigen“, den „reinen“, auch die desillusionierten Poeten, die Dichter ohne Alternative. Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Exil, wenn auch nicht im gefährdeten Jerusalem, sondern wie Spicker im sicheren Köln oder ich im sicheren Berlin.

Benyoëtz begann als hebräischer Dichter, gründete in Berlin das Archiv Bibliographia Judaica, und wechselte nach Rückkehr nach Israel die Literatursprache. Der Wechsel der Literatursprache und der Wechsel zwischen sprachlicher und poetischer Umgebung ist zu einem unverzichtbaren Filter des sprachlichen Verhaltens und der Erkenntnis geworden. Was er dabei aufgegeben, abgewehrt oder auch überhöht sehen wollte, kann auch der beste Kenner nur ahnen. Auszeichnungen für sein eminentes deutschsprachiges Werk gibt es durchaus, so den Chamisso-Preis, den er 1987 durch die Bayerische Akademie der Künste erhielt, und den Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften 2002. Auch der Bundesverdienstorden fehlt nicht, sicher aber der Büchner-Preis, wenn nicht der Nobel-Preis. So stehen auch die bisher erwiesenen Auszeichnungen bis jetzt in keinem Verhältnis zu seinem internationalen Rang, den international angesehene Kenner wie Harald Weinrich schon in den 1980er Jahren ermessen haben.

Concernant quelques lettres sur Emil Cioran (2008)

16. Dezember 2014

» Une seule chose importe: Apprendre à être perdant. «
Emil Cioran: De l’inconvénient d’être né

Pour Werner Helmich
Elle est finie, la geste avant-gardiste du triomphe d’une conscience assurée de la future ou des jeux sportifs des maximes. Un défaut humain? Bien au contraire: Ce qu’apparaît après ce désarmement textuel, mais l’organisme respirant consistant en os, en muscles, en chair et en sang.

Les amis d’E. M. Cioran, ce ne sont pas des gens sombres, mais des gens qui ont passés leur désillsions. Quand même, ils ont assez de sens de la forme pour être disponibles et attirants.

Pour le connaisseur, ce désarmement des moyens esthétiques est le label de qualité de l’aphorisme contemporain. Aujourd’hui son terrain favorable, c’est les littératures romandes, surtout la littérature française. Et ce Werner Helmich qui nous le montre avec tout ce qu’il dit et tout ce qu’il écrit.

Chez Émil Cioran, on se souvient de l’économie des moyens pures de Paul Valéry, à sa définition subtile: « La poésie – cette hésitation entre le son et le sense. » Cioran, lui aussi, est un maître de l’ataraxia, de la balance spirituelle, de la tranquillité, de l’esprit équilibré.

Dans ce sense-là, nous préférons des aphorismes avec un design délicat du texte et de la théoríe: Lisez Cioran !

Das Allgemeine und das Besondere. Zur Erinnerung an Harald Fricke (1949-2012)

16. Dezember 2014

Ein Philosoph war nach langem Nachdenken zu der Überzeugung gekommen, die einzig legitime Form der Darstellung sei diejenige, die den Leser stets aufs Neue gegen die Illusion von Wahrheit, die der Text erwecken möchte, unempfindlich mache. […]

Ein anderer Philosoph gab ihm jedoch zu bedenken, daß eine solche Entscheidung widersprüchlich sei, da sie eine so hoffnungslos ernste Absicht des Autors erkennen lasse, daß dieser am Ende nicht anders könne, als sich von seinem Ausdruck zu distanzieren.

Giorgio Agamben: Idee des Rätsels

Lektüren sind oft Wegweiser, ebenso wie es Begegnungen mit Menschen sein können. In meinem ersten Semester, in Heidelberg, (1984/85) stieß ich auf Harald Frickes beim Beck-Verlag veröffentlichte Habilitationsschrift, auf die Poetik Norm und Abweichung. Das Buch traf auf meine Unzufriedenheit damit, wie ich den Umgang mit Literatur in den westdeutschen Massen-Seminaren erlebte, und darüber hinaus, was es mit Philologie als einer Wissenschaft auf sich haben könnte. Vielfach wurde das Fach ja auch nach allen möglichen Reformen und  Methoden-Streitigkeiten noch nach seinem Gegenstand benannt: „Literaturgeschichte“. Methodisch und theoretisch fundiert kam mir mein Grundstudium in Heidelberg nicht vor. Zu diesen Fragen, die sich für mich stellten, hatte Fricke innovative Vorschläge gemacht. Auch sein war anders als ich es von der Fachliteratur kannte: Betont nüchtern und leicht, unbestechlich in seinem Scharfsinn und in seiner Urteilsfreude wird hier vorgestellt, wie eminente Literatur die Grenzen der Erfahrung und des Denkbaren hinter sich lässt, und das, was wir Wirklichkeit nennen, in einem kritischen Licht erscheinen lässt. Geschichtsphilosophische Spekulationen und Sinnstiftungen lagen ihm fern, dafür  vertrat er entschieden, daß Literatur auch für den Wissenschaftler Vergnügen bereitet und lehrreich ist. Allein der Begriff der „Norm“ sprachlicher Wirklichkeit erscheint hier unter drei Aspekten: als statistischer Befund, als Institution und als Konsens.

Besuch in Fribourg 1984

Nun sondierte ich umso mehr, auf wen ich dort wohl treffen würde. An einem bundesrepublikanischen Feiertag 1984 setzte ich mich in Heidelberg in den Zug und besuchte zwei Vorlesungen in Fribourg. Es war mein zweiter Besuch in Fribourg. Ein Jahr vor meinem Abitur hatte mir mein Vater, Jurist und Redakteur, seinen Studienort gezeigt. Logieren konnte ich bei Freunden von ihm.

Zuerst besuchte ich eine Vorlesung Bernard Böschensteins, der in einem Gastsemester über Hölderlin und Celan las. Wie immer sprach der Genfer Altmeister der Littérature allemande et comparée anspruchsvoll, weltläufig und seduktiv. Seine Studien zur Tradition der schwierigen, der reinen Lyrik von Hölderlin über die Symbolisten zu Paul Celan waren in der gelehrten Welt schon ein Inbegriff, ebenso seine Verdienste als Übersetzer und Anthologe der französischen Symbolisten und ihrer Erben. Er pflegt im Sinne Baudelaires ein fortgesetztes reflektiertes Selbstgespräch mit seinen geistigen Ahnen; Selbstgepräch, das eine unausgesetzte Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraussetzt.

Nachher stellte ich mich ihm vor, grüßte ihn von seinem Freund Peter Horst Neumann, den ich vorher besucht hatte, und erzählte ihm von meiner Absicht, nach Fribourg zu wechseln, unter anderem meiner Abneigung gegen deutsche Massen-Universitäten. Böschenstein frohlockte im Ton von Hölderlins Poesie: „Jaaa, in Deutschland ist der Professor ein ferner Gott!“

So empfand ich es nicht, denn ich pflegte ja schon seit meinen letzten Schuljahren Umgang mit dem Frankfurter Emeritus Paul Stöcklein und Frickes Lehrstuhl-Vorgänger in Fribourg, Peter Horst Neumann. Böschenstein war in seiner Jugend durch George-Schüler initiiert worden. Und er hatte bei dem Zürcher einstigen Literaturpapst Emil Staiger studiert, der wenig von der Idee hielt, daß einer das Sprechen über Literatur lernen könne. „Die Kunst der Interpretation“, so sein Klassiker von 1951, sei den gebildeten Ständen vorbehalten: Eine Art erblicher Aristokratie des Geists.

Etwas anderes ist an Böschensteins Haltung für mich selbstverständlich: Für mich ist es natürlich, daß der Zugang zur Dichtung an den Eros einer Initiation gebunden ist, die man in einer angemessenen Umgebung und Überlieferung kultiviert. Daß man aber das Sprechen über Literatur lernen kann, wollte ich nun für mich festellen. So ging ich von Böschenstein direkt in Frickes Vorlesung zu Methoden der Literaturwissenschaft. Fricke war, mit 35 Jahren, soeben aus Göttingen auf das zweite neugermanistische Ordinariat in Fribourg berufen worden, das seit dem Abschied Peter Horst Neumanns vier Jahre lang verwaist war. Ich merkte gleich, daß mir seine Nüchternheit kontrapunktisch gut bekommen würde. Nach der Vorlesung sprach ich ihn an. Er nahm sich Zeit und ging gleich auf pragmatische und bürokratische Fragen des Wechsels ein. Die Atmosphäre war deutlich entspannter, als ich von deutschen Massen-Universitäten gewohnt war.

„… ein merkwüdiges Gespann“

Gewechselt bin ich dann im Frühjahr 1987 nach Fribourg. Ich nutzte die Zeit bestens, um mich bei Peter Horst Neumann, dem Essayisten und Lyriker, in Erlangen vor allem stilitisch und literaturgeschichtlich zu schulen. Dabei hatte ich auch schon Gelegenheit, Frickes Poetik des Aphorismus (Metzler 1984) zu erproben. Im Wintersemester 1986/87 konnte ich sie für eine Arbeit in einem Oberseminar Peter Horst Neumanns zu Karl Kraus’ polemischer Aphoristik nutzen. Innerhalb der Schriften Frickes ist diese Monographie eine Anwendung seiner Poetik „Norm und Abweichung“ (1981).

Kaum in Fribourg angekommen, entdeckte ich Anfang 1987 bei meinen üblichen Streifzügen durch Antiquariate und Buchhandlungen das Werk von Elazar Benyoëtz. Mein Zugang zum Aphorismus war zunächst kein akademischer, sondern eher der eines anspruchsvollen Sammlers. Ich trat bald in den Briefwechsel mit dem Autor. Dass Fricke – damals noch – aus Überzeugung Distanz zu Dichtern pflegte, war mir fremd.

Der Germanist Jürgen Stenzel (Braunschweig), den ich Ende 1991 bei Benyoëtz in Tel Aviv kennenlernte, kommentierte die Konstellation seinerzeit in einem Brief vielsagend:

„Sie, Benyoëtz und Fricke – ein merkwürdiges Gespann.“

Das kann man so sehen. Fricke erzählte mir einmal, daß Stenzel als Assistent in Göttingen um 1970 herum dem jungen Studenten Harald Fricke eine Arbeit zu Gedichten von Novalis beleidigt verrissen hatte, weil er darin die Sprache der Romantiker in einer provokativ analytischen Sprache der Logiker und Wissenschaftstheoretiker analysierte. Fricke erzählte das, weil er mich gerade wieder einmal über die poetischen Figuren und „poststrukturalistischen Fallrückzieher“ in der frühen, experimentellen Phase meiner Dissertation frotzelnd hingewiesen hatte.

Ich habe Kollegen von Fricke erlebt, die dies als Kunstfremdheit etikettierten. Ich kann das überhaupt nicht bestätigen. Schließlich ließ sich Fricke immer leicht für meine eigenen literarischen Entdeckungen  und Fragestellungen begeistern und wurde für mich ein verbindlicher, kritischer Ansprechpartner. Es gab ja auch eine gemeinsame Affinität zum Aphorismus, als einer Form, die in der Gattungs-Poetik lange als Stiefkind behandelt wurde und von Germanisten über viele Jahrzehnte als Beleg mal für nationale, mal für revolutionäre Sinnstiftung benutzt wurde. Daß diese Gattung in ihren Höhepunkten ein Potential der Dichtung eröffnet, wie sonst nur die moderne Lyrik nach Mallarmé, hatte sich allenfalls in der Romanistik hier und da herum gesprochen. Aus dieser gemeinsamen Sache  entstanden sous la direction de Harald Fricke meine Lizentiats-Arbeit (1989) und meine Dissertation (1992/93) zu Elazar Benyoëtz.

Erst 10 Jahre nach meiner Promotion hat Fricke Elazar kennengelernt. Daraus wurde eine bemerkenswerte Kooperation, wie sie in der Klassischen Moderne zwischen Philologen und Dichtern üblich war, heute aber selten geworden ist. Der eine wurde dem anderen zum kritischen Lektor. Das sind Begleitumstände der Bücher „Gesetz und Freiheit. Eine Philosophie der Kunst“ (von Harald Fricke, Beck-Verlag 2000) und „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (von Elazar, im Hanser-Verlag 2000).

„Ein Studium in Fribourg ersetzt ein Studium der Komparatistik“

Der Studienort Fribourg bot mir eine meinen Neigungen und Interessen angemessene Situation. Es ging mir dabei nicht um eine gut möblierte Nische abseits der Probleme einer deutschen Massenuniversität, die hatte ich bereits vorher in einem Oberseminar bei Peter Horst Neumann im Wintersemester 1986/87. Es ging mir vielmehr darum, meine Entdeckungen im Wechsel sprachlicher und fachlicher Perspektiven zu leben. Außerdem fand ich in Fribourg all das, was deutsche Hochschul-Reformen seit 1967 so oft vollmundig erklärten, um sich immer weiter davon zu entfernen: Eine internationale Auswahl von Professoren und Assistenten, ein mehrsprachiges Studium und die nicht von Bürokratie gestörte Möglichkeit eines interdisziplinären Studiums und ein äußerst günstiges Verhältnis der Zahlen von Dozenten und Studierenden. Von einer „Exzellenz-Universität“ zu reden, wäre uns nicht in den Sinn gekommen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass er meine Situation und meine Neigungen spontan sehr synthetisch aufgefasst hat, so wenn er auf seine selbstbewusste und zugleich Selbstbewusstsein schätzende Weise sagte: „Ein Studium in Fribourg ersetzt ein Studium der Komparatistik.“ Oder, bei der Vorlage eines Kapitels im Doktoranden-Kolloquium: „Schreiben Sie doch lieber: … bei Benyoëtz“ in einer Überschrift. Auf diese Weise zeigte er mir, dass er meine Art schätzte, das Allgemeine im Besonderen zu suchen, aber mich dann wieder vor euphorischen Verallgemeinerungen zu warnen. In der Tat: Meine Auffassung der Bedeutung von Benyoëtz in seinen Zusammenhängen mit der französisch-deutschen Aphoristik, der modernen europäischen Lyrik und dem skeptischen biblischen Spruchdichter Kohelet war intuitiv, und nicht akademisch, schon gar nicht germanistisch-nationalphilologisch. Fricke hat die theoretischen Schwächen der Arbeit durch seine beständig fordernden Kommentierungen einzelner Kapitel glimpflich gemacht.

Mit Fricke auf dem Weg zur Promotion und darüber hinaus im Austausch

Als ich seine Aphorismensammlung Vielleicht – Vielschwer im Frühjahr 1987 in Bern entdeckte. In seiner aphoristischen Dichtung hörte ich einen Ton der symbolistischen Bewegung, der sonst nur noch in der Romania lebt. Das dichterische Wort löst sich von Situation, Verständigung und Inhalt. Mit Benyoëtz:

„Das Wort sucht den Satz und ist mit seinem Ursprung und meinem Ziel unterwegs.“

Es fiel mir spielerisch leicht, im Alltag sprachliche und literarische Muster aneinander zu relativieren, aber schwer zu verallgemeinern. Deutsch wurde mir auch im Privaten zu einer Sprache neben anderen, genauer: zu einer nicht mehr lebendigen Sprache der Literatur und Erkenntnis. Die deutsche Semantik wurde durch die lateinisch-französische mehr und mehr überlagert. In meiner frankophonen Umgebung steigerte sich meine Sensibilität für die anspruchsvolle und in ihren Bezügen hybride Aphoristik und Poesie von Benyoëtz. Ihre Silbenmusik und Tanz der Satzglieder sind dem Symbolismus und der hebräischen Versdichtung in vielem verwandter als die deutsche Aphoristik der Gegenwart. Ich machte nolens volens die Probe auf Adornos versonnene, Fricke würde vielleicht sagen verstiegene Bemerkung:

„Nur der verfügt über die Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Heute ist mir bewusster, daß ich in diesen Jahren zwischen mehreren Sprachkulturen unbewusst eine Haltung kultiviert habe, die nur durch eine Distanz zum Gegenstand der Erkenntnis, also selbst der deutschen Rede, möglich ist. Die Sprachphilosophie des deutschen Idealismus erscheint mir, wo ich ihr begegne, fremd, wenn nicht ausgrenzend. Sie besagt, nach Wilhelm von Humboldt, dass „die verschiedenen Sprachen die Organe der eigenthümlichen Denk- und Empfindungsvoraussetzungen der Nationen ausmachen“.

Solche Fragen des deutschen Idealismus stehen in allzu realen Zusammenhängen ideologischen Wahns, als dass man sie vergessen könnte. So war es der NS-Komparatist Kurt Wais, der bei Gelegenheit Prousts, die Zersetzung des deutschen Idealismus witterte in allen seinen kulturellen Konstrukten witterte:

„Weibische Männer, männische Damen, die er mit dem haarspalterischen Geplauder seiner pausenlos gehäuften Vergleiche umgaukelt und mit talmudischer Ultra-Intelligenz ausdeutet.“

Ich brauche es kaum zu sagen: Zu Beginn meiner Promotion musste Fricke mich mühsam dazu bewegen, mit solchen allfälligen, auch geschichtlichen Abgründen des Vergleichens zu einem vorläufigen Ende zu kommen. Das Nebeneinander von französischer und deutscher Sprache fördert eine Distanz und zugleich eine Spannung der ästhetischen Wahrnehmung, die ich nur empfehlen kann.

Die begriffliche Schulung folgte bei Fricke. Was man dann vertritt, muss, nach der gültigen wissenschaftstheoretischen Staatsreligion an seinem Lehrstuhl, bestreitbar sein: Durch die Poesie und ihre Analyse, die der jeweilige Forscher vielleicht gar nicht kennt oder (noch) nicht gut genug durchdacht hat.

Als wir uns später brieflich und dann per mail alle paar Monate über unsere Publikationen austauschten, kamen wir auch auf Kollegen, die ich in Deutschlang als Schriftsteller und als Menschen hoch schätzen gelernt hatte. Viele waren es nicht, aber mein erster Lehrer Peter Horst Neumann selbstredend, und später Gert Mattenklott. Als beide wie auch mein Vater im Jahr 2009 gestorben waren, schickte ich Harald meine Erinnerungs-Portraits. Er antwortete:

„Die anderen beiden Todesfälle haben auch mich nicht unberührt und nicht tatenlos gelassen. Die SZ-Todesanzeige von PHN – wir sahen uns zuletzt bei seinem Gastvortrag in der Berner Musicologie ca. 2003 samt anekdotemreichem Nachtessen  –  habe ich wochenlang an meine Bürotür gehängt, mit dem Zusatz „Inhaber dieses Büros von 1970 bis 1981“. Ähnlich den SZ-Nachruf auf Mattenklott  –  er war nicht nur Doktorvater der uns gerade wieder verlassenden Würffel-Assistentin Dr.Stefanie Leuenberger, sondern durch mehrere Tagungs-Beiträge (sowie über seine Tochter Caroline Torra am Deutschen Seminar Zürich) auch persönlich ein langjähriger Freund des Hauses. Als Germanist / Komparatist war er nicht unbedingt mein Ideal (sowenig wie mein Vorgänger Neumann), aber merkwürdigerweise schien er mich und meinen logischen Rigorismus zu mögen. Ein ungewöhnlich herzlicher Mensch unter sonstigen bloßen ‚Kollegen‘.

Auch von mir die allerbesten Wünsche für das Neue Jahr, lieber Christoph – ich werde mich immer freuen, von Ihnen zu hören oder auch zu lesen!
Stets Ihr Harald / 8.1.2010″

Zur Nachricht vom Tod meines Vaters hatte er mir ein halbes Jahr zuvor geschrieben:

„Da ich Ihren Herrn Vater, in besseren Zeiten, ja noch selber kennen gelernt habe, sende ich Ihnen mein aufrichtiges Mitgefühl zu seinem nicht mehr unerwarteten Ableben. Irgendwie fühlt man sich auch als längst Erwachsener erst richtig verwaist auf der Welt, wenn die Eltern nicht mehr leben, oder?

Ich jedenfalls bleibe lebenslang

herzlichst Ihr Harald / 23.7.09“

Die Sprache der Literaturwissenschaft

Fricke, so entnahm ich dem Buch, hatte in Göttingen über die Sprache der Literaturwissenschaft promoviert. In Philosophie. Das Buch ist eine empirische Bestandsaufnahme, und bleibt bis heute eine für die Tradition der deutschen Germanistik ungewöhnliche Antwort auf die ideologiekritische Phase der Germanistik: Er fand sie bei seinem philosophischen Lehrer Günter Patzig und in der angelsächsischen Wissenschaftstheorie. In der Regel dominiert ja in der deutschen Germanistik bis heute eine Form der Literaturpädagogik, wie ihn wohl nur die Geschichte der deutschen Universität hervorgebracht hat. Nirgendwo anders als hier ist der Literatur soviel zugetraut und wohl auch zugemutet worden. Hat je eine andere Nation hat ihre Dichtungen mit so hohen Ansprüchen auf Sinngebung umstellt und ihren anspruchsvollen Unterhaltungswert so beiläufig behandelt? Dagegen hält Fricke den Strukturalismus und die linguistisch-sprachlogische Poetik als ein Rückgrat gegen alle Art von Ideologisierung im Umgang mit Literatur. Das allein ist ungewöhnlich für die deutsche Germanistik, die gemeinhin stets zur (seit 1968 links gewendeten) hegelschen Geschichtsphilosophie neigte. Vor allem aber zu Total-Erklärungen der Welt.

Als junger Student fand ich dann eine Situation vor, die durch einen massiven Vertrauensverlust in die westlichen Theoriesprachen und in die Programme der Avantgarden gekennzeichnet war. Als ich 1984 mit meinem Studium begonnen hatte, waren die Jahre der Theorie-Diskussionen vorbei. Autoritäre, dogmatische Ordinarien gab es immer noch, unter vielen anderen aber hatte sich eine Ratlosigkeit breit gemacht, gelegentlich auch zynische Skepsis enttäuschter Weltrevolutionäre unter den Professoren.

Was fiel mir zuerst an Frickes Norm und Abweichung auf? Nicht der Ballast von Theorie, sondern gemeinsame literarische Vorlieben und ihr beredtes Zeugnis! Ich merkte sofort bei meiner Lektüre, dass Fricke und ich nicht wenige deutliche literarische Vorlieben und Abneigungen teilten: Vorlieben z.B. für eine formbezogene Sicht der Literatur, auch für Polemik und Sprach-Akrobatik, zumal für Karl Kraus; Abneigungen gegen den Erfolg von dicken Romanen, die ihren Erfolg den Stoffen verdanken, bei oft mäßiger, wenn nicht rückständiger Form.

Frickes Ambition gilt einer logisch kohärenten Sprache der Beschreibung von Texten. Er ist gewiss kein Stilist wie meine Lehrer Paul Stöcklein und Peter Horst Neumann, sondern ein scharfer Analytiker, der seine oft kantigen Thesen dem Widerspruch aussetzt. Dass er meine literarische Schule als elitär empfand, und auch aus seiner Abneigung gegen alles Bohèmehafte keinen Hehl machte, störte nur vorübergehend den für mich produktiven Austausch. Ich erinnere mich an ein Doktoranden-Kolloquium, wo er mir vorhielt, ich schriebe für „Eingeweihte“ aus einer alten ästhetisch geprägten Bildungs-Elite.

Dass ich den Winter 1991/92 nutzte, um ein Stipendium des Center of Creative Arts anzunehmen, musste ihm wohl wie die Fortsetzung einer Bildungsreise erschienen sein, die wenig mit seinen Begriffen von moderner Wissenschaft zu tun hat. Disziplinär beginnt das mit einer gewissen Nonchalance gegenüber konsistenter Theoriebildung und meinen „terminologischen Mischungen“, wie dies sein damaliger Assistent Rüdiger Zymner sehr treffend nannte; in der Darstellung geht es dann weiter mit meinem Hang zur Essayistik und meine Neugier für Grenzgebiete, urbane Subkulturen, die mich verführbar für Dilettantismus macht.

In seiner Rede bei Gelegenheit meiner Promotionsfeier konnte Fricke seine Befürchtungen hoch erfreut und stolz auf seinen Schüler korrigieren:

„Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben. Als mir Christoph sagte, daß er auch noch nach Israel geht, dachte ich, das wird nichts mehr mit seiner Dissertation. So viele neue Eindrücke… Aber dann hat er sich dort sogar theoretisch entschieden verbessert. “

Das Gutachten Fricke vom Januar 1993 zeigt auf andere Weise, dass er die Auseinandersetzung mit seinem Schüler unter dem Strich ebenso genossen hat wie ich die mit meinem Lehrer Fricke:

„Im Typenspektrum möglicher Thesen [der eingedeutschte französische Ausdruck für Dissertationen] stellt die Arbeit von Herrn Grubitz ein etwas anderes Genre als üblich da: keine neuen Detailaspekte zu bereits wohlbekannten literarischen Werken oder jedenfalls Autoren, sondern die nahezu erstmalige Präsentation eines hoch bedeutenden, hoch kompetenten und auch hochproduktiven ‚unbekannten‘ Verfassers – also das Genre der ‚Entdeckung‘, das dem Genre der ‚literaturhistorischen Rettung‘ in vieler Hinsicht vergleichbar sein dürfte.
Ungeachtet mancher Einwände muss zusammenfassend hervorgehoben werden, dass es sich hier um eine gelungene Arbeit mit einem enorm weiten Horizont handelt, von ungewöhnlich vielseitiger Bildung und gewandter, häufig origineller Formulierung.“

Wissenschaftstheorie als aufgeklärte Staatsreligion

Die Ergebnisse des Hochschullehrers Fricke sprechen ohnedies für sich: Seit 1989 liegen aus dem Kreis seines Forschungs-Kolloquiums nun bis dato 25 abgeschlossene Dissertationen und sechs Habilitationen vor, die bei ihm – und seit 1994 auch bei seinem neugermanistischen Kollegen Stefan Bodo Würffel – entstanden sind.

Die aufgeklärte Staatsreligion an Frickes Lehrstuhl ist die Logik und Wissenschaftstheorie, die mit den Namen wie Gottlob Frege und Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap, Günther Patzig und Gottfried Gabriel verbunden ist. Auch, wenn es sich um Philosophen aus dem deutschen Sprachraum handelt, ist ein solcher Umgang gerade in der Zeit seiner Qualifikationsarbeiten, den 1970er Jahren für die Bundesrepublik alles andere als üblich gewesen. Keine andere Nation hat ihre Dichtungen, meist im Gefolge Hegels, mit so hohen Ansprüchen auf Sinngebung umstellt, ihr Lebenswissen dermaßen mißbraucht und ihren Unterhaltungswert so beiläufig behandelt. Auf die enttäuschte Erwartung der Weltrevolution folgte in jenen 1970er Jahren bekanntlich die dogmatische Rezeption von Derridas sinn-skeptischer Dekonstruktion. Verwegenheit der Deutung und Resignation, Enthusiasmus und Enttäuschung sind unter diesen Umständen zwei Seiten einer Medaille.

Dagegen bietet sich Fricke ein Stilideal das einer nüchternen Deutlichkeit und souveränen Auswahl der relevanten Informationen, die man geben soll, um einen poetischen Text verständlicher zu machen: Keine dekorative Gelehrsamkeit also, aber das Selbstvertrauen, Thesen zu entwickeln und zu erproben, die durch die Kenntnisse und Einsichten anderer natürlich wie immer bestreitbar sind. Auch das ist keine Besonderheit philologischer Erkenntnis.

Es war Kurt Gödel, der eminente Mathematiker, Logiker und Wissenschaftstheoretiker, der den blinden Fleck jeder systematisch gewonnenen Erkenntnis begründet hat:

„Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.“

Aus diesem Geist entstand unter Frickes Herausgeberschaft mit deutschen und Schweizer Kollegen die völlig neu konzipierte Auflage des Reallexikons der Literaturwissenschaft bei de Gruyter (drei Bände, Berlin u.a., 22007).

Frickes Überlegungen zum Begriff der ästhetischen Abweichung von Konvention und Logik habe ich in Bereichen des Imaginären aufgenommen, zu denen mein Lehrer (bei aller persönlichen Wertschätzung) Distanz hält: in der ästhetischen Ambivalenz von Vorschein und Trug, von Verführung und Macht, von Unterschieden des Habitus, des Milieus und der Sprachkultur, von Sinn und Wahn.

Vielleicht hat mit solchen Fragen auch der Begriff pädagogischer Verantwortung zu tun. Man kann keinen Schüler davor bewahren, sich zu verrennen, aber kann ihm ein Kontrapunkt sein, manchmal auch ein advocatus diaboli. Der Punkt zum Kontrapunkt, das waren in meinem Fall die von Adorno so geschätzten „Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“

Frickes Randglossen zu Seminar-Arbeiten bis hin zu Manuskripten sind berüchtigt und von manchen – wie mir – als Aufmerksamkeit geschätzt. Die Vorlage eines Exposés zu einer Dissertation kann eine einfache Frage enthalten wie: „Müssen Sie schon wieder größenwahnsinnig werden?“ – Nimmt man die Herausforderung sportlich an, liest man zu einem späteren Kapitel schon mal handwerklich-salopp: „Sitzt, wackelt und hat Luft.“

Frickes didaktisches Nicht-Verstehen-Wollen ist ein Training, das einen anhalten kann (und soll), seine oft in einsamen konzentrierten Selbstgesprächen mit der Literatur gewonnenen Einsichten deutlicher zu formulieren und vielleicht einem breiteren Kreis zu erschließen.

Eine solche intensive Betreuung ist in der Bundesrepublik nach meiner Erfahrung seit den 1960er Jahren die Ausnahme geworden. Dass es zu viel Verwaltung und zu viele Studenten und im Verhältnis dazu zu wenig Dozenten gibt, mag zum Teil stimmen. Aber ist das nicht nur die Folge eines Phänomens, das die Sozialgeschichte der Bildung betrifft?

Der seit den 1960er Jahren rekrutierten Bildungsschicht der BRD hielt Gert Mattenklott schon 1988 vor, sie gebe „die eigene Unterscheidungsschwäche als anarchische Tugend des Gewährenlassens aus“; oder aber der „meistgefragte[n] Fertigkeit eines strukturbildenden Abstrahierens“ zu huldigen. Die Verluste hat er damals schon deutlich vor Augen geführt:

„Was ist eine Wissenschaft wert, die keinen Maßstab begründen kann, der es erlaubt, zwischen dem Ulysses von James Joyce und der Fernsehwerbung eine Rangfolge herzustellen?“

Gemeinsache Sachen. Am Beispiel der Aphorismus-Forschung

Anders als für die Tragödie, das Epos und deren dramatische und narrative Spielarten, haben für die Reflexion der aphoristischen und lyrischen Formen seit je Künstler-Ästhetiken besonderes Gewicht. In den Ästhetiken der Philosophen seit Kant und dem deutschen Idealismus stehen Aphorismen und Gedichte aber meist entweder im Dienst heteronomer Zwecke oder sie erscheinen als theoretisch wenig ergiebige Außenseiter. Dazu steht die spielerische Aufmerksamkeit der Aphoristiker und Lyriker für ihre eigene Praxis im Gegensatz.

Der Mangel an begrifflicher Konsistenz wird in den programmatischen oder performativen Überlegungen von Friedrich Schlegel über Paul Valéry und Karl Kraus bis Edmond Jabès und Benyoëtz reichlich aufgewogen. Diese Reflexion des Genres durch seine Produzenten fällt so breit aus wie das Spektrum moderner Poesie. Ihr theoretischer Fundus ist deswegen auch ergiebiger als die philologische Industrie über „das aphoristische Denken“ oder die stereotype Klage über den „Verlust von Totalität und Kontinuität im modernen Fragment“, die Fricke in seiner Poetik des Aphorismus mit leichter Feder hinter sich lässt.

Traditionell betrachten Germanisten Aphoristik nach dem Muster der Weimarer Dichtung: als Aussageform, die das Subjektive in der Form des Erlebnisses oder des Gedankens fasst.

Dass man oft nicht recht wisse, was die Deutschen an Lichtenberg oder Karl Kraus schätzen, ist nicht nur dem Aphoristiker Elazar Benyoëtz gelegentlich aufgefallen. Es war die italienische Germanistin Giulia Cantarutti aus Bologna, die genau das 1982 in ihrer Studie zur deutschen Aphorismus-Forschung festgestellt hat.

Wie in der Philologie Italiens üblich, hat sie Benedetto Croces emphatisch-gespanntes Begriffspaar der Einzigartigkeit eines Kunstwerks und der „Legitimität“ von Gattungsbegriffen produktiv individualisiert. Form ist nach dieser avantgardistisch gedeckten Auffassung nicht konventioneller Ausdruck von Inhalt, sondern seine Begrenzung. Diese Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen belebt die Diskussionen um Gattungen und Kunstwerke vielleicht mehr als der Streit von Schulen. Zudem hat sie dem Aphorismus eine nahe Zukunft im Streit um die Grenzen von Literatur und Philosophie vorhergesagt.

So kam es dann auch. In seiner Monographie „Der Aphorismus“ von 1984 hat Fricke erstmals in einer germanistischen Arbeit die Legitimität des Gattungs-Begriffs „Aphorismus“ zu begründen versucht. Poetisch ist ein Aphorismus nach Fricke, indem er  Textzusammenhang und Situationsbezug offen lässt. Als Gattung unterscheidet ihn das, so Fricke weiter, von Formen der Versdichtung und der fiktionalen Erzählliteratur.

Seine Definition des integrierten Aphorismus und seine Trennung von Philosophie und Aphoristik sind bis heute vor allem unter deutschen Literaturwissenschaftlern umstritten geblieben. Das zeigt, wie sehr seine Poetik des Aphorismus eben jenen Nerv getroffen hat, von dem Giulia Cantarutti spricht.

So hat Fricke seine bleibenden Verdienste nicht nur um sein Fach, sondern auch um die Aphoristik. Und das war ein sachlicher Grund, weswegen ich zu ihm nach Fribourg ging.

Seine Haltung zu theoretischen Fragen kann man auf die deutsche Bezeichnung seines Lehrstuhls beziehen: Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft. Für meinen rastlos suchenden Umgang mit Texten lag sehr viel näher die französische: Littérature allemande et comparée.

Die französische, für die vielsprachige Schweiz naheliegende Bezeichnung betont die Sprache, den Gegenstand und den Vergleich von Literatursprachen, die deutsche die Frage der wissenschaftlichen Verallgemeinerbarkeit. Zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ist durch Vergleichen zu vermitteln, egal ob das Vergleichen beim Erkenntnisziel von Allgemeinheit Zusammenschau oder beim Erkenntnisziel von Besonderheit Kontrastierung bedeutet. So auch in meiner Dissertation zu Benyoëtz, die stilistisch ebenso auf die klassische und klassisch-moderne deutsche wie auf die Desillusions-Aphoristik Kohelet (Eccelsiastes, Prediger Salomo), die Moralistik und den Symbolismus der französischen Tradition verweist.

Selbstverständlich habe ich die Ergänzung gesucht. Auch das Reizklima. Am Ende liegt der Minimalkonsens immer in einer transkulturellen Poetik und Ästhetik von Formen. Als Kontrapunkt war Fricke aber für mich ein außerordentlicher wichtiger Lehrer und bis heute auch Ansprechpartner im Austausch von Publikationen. Fachliche Kompetenz und ästhetische Sozialisierung wären ohne solchen kritischen Austausch verschenkt.

Gelegentlich fürchtete ich noch bei Vorlage von Kapiteln meiner entstehenden Dissertation, er könnte über meinen sprachlogischen Schnitzern meine historisch-philologischen übersehen. Berühmt sind seine Randglossen. Doch diese ungewöhnlich intensive Art der Betreuung zahlte sich besonders im Winter 1991/92 aus, den ich in Mizpe Ramon (Israel) als Gast des Center for Creative Arts sowie in Jerusalem und Tel Aviv verbrachte. Postwendend kamen die immer mehr zustimmenden Randglossen aus Fribourg. In seiner informellen Ansprache nach meiner Thesenverteidigung gab Fricke zu, er habe nicht gedacht, dass ich in Israel so gut schreiben könne. Um gleich zu korrigieren: „Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben.“ Eine wesentliche Bedingung für meinen Weg kann ich doch feststellen: Ich bin auf den Wechsel der sprachlichen Perspektiven angewiesen, um produktiv zu werden – und vielleicht mehr auf Littérature comparée als auf Allgemeine Literaturwissenschaft.

Philologische Erkenntnis

„Wissenschaft“ im Sinn der harten „Sciences“ beansprucht die akademische Beschäftigung mit Literatur nur in Deutschland zu sein. Die meist in Westeuropa und in den U.S.A. verwendeten Begriffe für eine Beschäftigung mit Literatur an Universitäten und im öffentlichen Leben unterscheiden – bis heute wirksam – sehr unterschiedliche Traditionen im deutschsprachigen, angelsächsischen und romanischen Bereich: Literaturwissenschaft, Criticism, critique.

Die entsprechenden romanischen und angelsächsischen Schulen stellen den Moment der Kritik, des Entscheidens ins Zentrum ihres Umgangs mit Literatur – und relativierend den Unterschied von Wissenschaft und Kritik.

Nun formuliert die Poetik, wie Fricke immer wieder betont, weder Naturgesetze noch Wesens-Bestimmungen von Kunstformen oder Total-Erklärungen der Wirklichkeit. Ihre Sprache solle begriffliche Bestimmungen vorschlagen und deutliche Behauptungen auf Widerruf vertreten.

Von neuen Kunstwörtern etwa der Poststrukturalisten hält er so wenig wie vom gedankenlosen Nachsagen traditioneller Begriffe. System und Geschichte von Begriffen unterscheidet er, indem er notwendige und alternative Kennzeichen von Gattungen und Stilzügen nennt. Am Beispiel des Aphorismus:

 

„NOTWENDIGE MERKMALE und ALTERNATIVE MERKMALE
(alle zu erfüllen) (mindestens 1 zu erfüllen)
Kotextuelle Isolation Einzelsatz
und und/oder
Prosaform Konzision
und und/oder
Nichtfiktionalität Sachliche Pointe“

Diese Merkmale werden Punkt für Punkt an Aphorismen erläutert. Und am Ende in der traditionellen Form des Satzes wiederholt.

Frickes wissenschaftstheoretisch begründete Neigung zu formelhafter und tabellarischer Darstellung habe ich nicht übernommen. Mir schien allein schon die Frontstellung zwischen Logikern und virtuosen Stilisten, zwischen Wissenschaftstheoetikern und Ideologiekritikern lediglich den Nebenschauplatz des germanistischen Methodenstreits der 1970er Jahre zu sein. In der symbolischen Ordnung der Methoden, Schulen und Theorien legen solche Tabellen und Formeln für viele Kollegen den Anschein nahe, Kunstwerke würden hier allzu sehr „more geometrico“ klassifiziert, wie der Romanist Werner Helmich sachlich feststellt, um dann in seiner eminenten Studie Der moderne französische Aphoristik Frickes textlinguistischen Ansatz sehr überzeugend zu individualisieren. Häufiger noch haben deutsche Germanisten den oft affektiven und sachlich falschen Vorwurf gegen Fricke erhoben, er würde eine Regelpoetik formulieren.

Vergleichende Literaturwissenschaft und Poetik. Am Beispiel der Benyoëtz-Forschung

Frickes transnationale Poetik und Ästhetik von Formen ist das Ergebnis einer Emanzipation von den chauvinistischen Ursprüngen der Nationalphilologien. Ohne die übliche Aufregung, mit der deutsche Germanisten häufig solche Diskussionen austragen, halte ich fest: Es erscheint mir nicht bloß als eine Frage des Geschmacks oder selbst des persönlichen Habitus, sondern der erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und des Erkenntnis-Interesses, die ein Literaturwissenschaftler bei seinen Forschungen unterstellt. Fricke formuliert keine Regeln für Schriftsteller und Kollegen, sondern Vorschläge, die an der empirischen Wirklichkeit scheitern können. Auch, wo man sich mit seinen deutlichen Thesen irrt, erscheinen sie wertvoller als die Ergebnisse einer philologischen Industrie, die vorwiegend Wissen anhäuft, ohne auch nur ihre Gegenstände nach dem Kriterium der Relevanz und der Lesbarkeit auszuwählen und zu bewerten.

Dies gilt vor allem für die Frage, inwieweit eine nationalphilologische Erörterung poetologischer Fragen dem wissenschaftstheoretischen Anspruch auf Verallgemeinerung überhaupt genügen kann. Vom Standpunkt des logischen Empirismus ist Fricke bei aller selbstbewußten Formulierung doch klar, dass auch der je individuelle Lesehorizont und der Grad der Vertrautheit mit dem Strichcode von Sprachkulturen und Milieus – also die empirische Seite jeder Verallgemeinerung – auf die vergleichende Begriffsbildung Einfluß hat. Das betrifft nicht zuletzt die Vorlieben und Wertmaßstäbe, die Fricke in seiner Poetik des Aphorismus vorwiegend aus seiner geschmackvollen Kenntnis der deutschen und der französischen Moralistik ableitet.

Das bewahrt ihn vor Faktengläubigkeit, die methodisch geschulte und theoretisch gebildete Literaturwissenschaftler immer wieder dazu verführt hat, diesen subjektiven Faktor asketisch ihn zu verdrängen und damit auch erkenntnistheoretisch an der besonderen Verfasstheit sprachlicher Kunstwerke zu scheitern.

Hier zeigt sich, dass die poetologische Erkenntnis und Urteilskraft von Literaturwissenschaftlern oft nicht besser sein kann als der Stand der Kultur-Vermittlung und der Vertrautheit mit mehreren Sprachkulturen. Dies hat Ulrich Schulz-Buschhaus am Beispiel des Zusammenhangs von Kanonbildung und deutschen Übersetzungen italienischer Literatur auf höchstem epistemologischen Niveau gezeigt:

„In höherem Maß, als man gemeinhin annimmt, sind Rezeptionsvorgänge zwischen verschiedenen Literaturen von gleichsam objektiven Prämissen abhängig, die allen Aktivitäten individueller Literaturkritik vorausgehen.“ [7]

Auch Frickes Poetik des Aphorismus von 1984 enthält in diesem Punkt einige sehr selbstsichere – und unzulängliche – Behauptungen über ihm offensichtlich nicht vertraute Literaturen:

Italien und Spanien spielten im Grunde nur in der tacitistischen Frühzeit eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der Gattung [des Aphorismus]; ähnlich ist auch aus Frankreich nach Joubert als letztem Aphoristiker der Revolutionszeit nichts mehr in die aphoristische Weltliteratur eingegangen.“[8]

Das ist sehr selbstbewusst formuliert. Und nicht einmal weit entfernt vom damaligen Stand der im deutschen Kontext erreichbaren Forschung und der Übersetzungen, die etwa französische Aphoristik nur als Moralistik kannte und die bis heute hochkarätige italienische oder spanische Tradition fast gar nicht. Gerade in der Korrektur solcher Thesen zeigt sich aber, dass wesentliche romanistische und germanistische Forschungen zur Ästhetik und Geschichte des Aphorismus seit den 1990er Jahren ohne Auseinandersetzung mit Frickes Poetik gar nicht mehr denkbar sind.

Was Frankreich angeht, kann Frickes These spätestens seit Werner Helmichs acht Jahre später erschienener Monographie „Der moderne französische Aphorismus“ (1992) als widerlegt gelten. Für Italien genügt an dieser Stelle ein verlinkter Hinweis auf die eminenten Studien Gino Ruozzis (Bologna), die seit den 1990er Jahren erschienen sind. Und selbst für die von Fricke erwähnte spanisch-sprachige Aphoristik wird man in der Gegenwart die eminenten lateinamerikanischen Autoren Nicolás Gómez Dávila und Antonio Porchia nicht übergehen können.

Für die Gattungspoetik Frickes mag dies geringere Folgen haben als für die Historiographie und die Analyse und Interpretation einer Form oder eines Werks. Hier sind seit den späten 1990er Jahren die singulären dokumentarisch-erschließenden Arbeiten Friedemann Spickers zu nennen, die auch als Erzählungen und Portraits von Autoren mit Gewinn zu lesen sind. Er betrachtet vor allem den international angesehenen Aphoristiker und Dichter Benyoëtz in den nach Kraus vergleichsweise so bescheidenen Maßstäben der deutschen Gattung.

Spicker hat aus seiner empirisch-historischen Kenntnis heraus einen Methodenstreit begründet. Im Kern erscheint er mir nicht ergiebig. Schließlich erkennt auch die Historiographie der Literatur das Besondere (hier: eines Aphorismus) als Exemplar eines durch empirischen Vergleich gewonnenen, mehr oder weniger engen Begriffs bzw. als ästhetisch produktive Abweichung. Dies gilt umso stärker für Renées katholisch-theologische Dissertation zu Benyoëtz, der dessen Aphorismen im wesentlichen als Abweichung von der Sprache der katholischen Dogmatik liest und diese Abweichung wiederum zum Anlass einer skeptischen Glaubensprüfung nimmt.

Demgegenüber sehe ich an der Kritik meines Ansatz durch Spicker und andere meinen Ansatz als Kontrapunkt zu germanistischen und neuerdings theologischen Interpretationen wie zur Allgemeinen Literaturwissenschaft: Meines Erachtens würde das ästhetisch Gleiche – und sei es einer Sprache, einer Literatur oder einer Gattung – eine Gemeinsamkeit des Lebens voraussetzen, deren Mangel der Ursprung der Avantgardisten und Post-Avantgardisten ist. Ihr Gegenstück ist, auch in der Aphorismusforschung, jene „Diversifizierung von Bildungsmilieus“, wie sie Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu als Mittel der symbolischen Differenzierung von demokratischen Massen-Gesellschaften festgestellt haben.

Vielleicht liegt es an der rückwärtsgewandten Perspektive der Historiographie wie der Theorie der Literaturen, die ja beide in erster Linie traditionelle Bauformen auf Widerruf zu rekonstruieren und Abweichungen zu erkennen suchen. Das weite Spektrum allein der historischen Phänomene einer Nationalliteratur oder der Weltliteratur wird dann arbeitsteilig, und leider selten vernetzt, beackert.

Fricke ist bekannt dafür, dass er zu seinen Fehlern genau so steht wie zu seinen bewährten Thesen. Schließlich erweist sich der Wert von Frickes Poetik des Aphorismus am besten, wenn man sie an verschiedenen Nationalliteraturen oder anhand der Variationen der Aphoristik in den Werken einzelner hochkarätigen Autoren erprobt.

Umgekehrt ist natürlich auch der komparative Ansatz meiner Benyoëtz-Monographie von Wissenschaftstheoretikern oder Spezialwissenschaftlern selbst der deutschen Literaturgeschichte angreifbar: Der empirische Rahmen der Bezüge, in denen ein Werk wie das von Benyoëtz steht, ist ja weitgehend offen – und im Grunde nicht durch spezialwissenschaftliche Kenntnisse, sondern allenfalls durch ihre Vernetzung zu erschließen. Dies gilt umso mehr, wenn man sich die zunehmende Internationalisierung gerade der eminenten deutschsprachigen Aphoristiker nach Kraus – Canetti und Benyoëtz – vor Augen hält. Die seither erschienenen Forschungen zu seinem Werk und zur internationalen Aphoristik bestätigen meinen Eindruck. Insofern freute es mich sehr, dass Helmich in der von mir herausgebebenen Festschrift zum 70. Geburtstag von Benyoëtz Bezüge vor allem zur eminenten französischen Entwicklung des Genres zeigen und so die internationale Bedeutung dieses Autors zeigen konnte.

Im Vergleich zu Friedemann Spickers positivistischen Studien zur Geschichte des deutschsprachigen Aphorismus zeigt sich an Helmichs Studien deutlich, dass die deutsche Aphoristik seit Karl Kraus mit Ausnahme von Canetti und Benyoëtz in der Breite qualitativ deutlich hinter der bis heute reichen und lebendigen Produktion der französischen Aphoristik zurückbleibt. Mit Spicker bin ich in einem Punkt uneins: In seinen Interpretationen von Benyoëtz bleibt er Einflüssen der deutschsprachigen Aphoristik verhaftet. Ich ging davon aus, dass die deutsche Aphoristik ein Beispiel für sprachlich mehrfachgebundene, heute würde man sagen „hybride“, Literaturen ist. So etwas wie eine Einheit der einzelsprachlichen Erfahrung kann nach meiner Einschätzung offensichtlich nicht einmal zwischen Interpreten unterstellt werden kann.

Aus dem unterscheidenden Vergleich ergibt sich ein deutlicheres Bild, als ich es bei meine Dissertation vor Augen haben konnte: Für die Aphoristik deutscher Sprache seit dem III. Reich ein dramatischer Verlust an Qualität in der Breite, aber eine zunehmende Internationalisierung bei den Leuchttürmen Canetti und Benyoëtz festzustellen. Der Bezug zur deutschen Tradition erschien mir während meiner Dissertation über Elazar Benyoëtz als viel zu eng. In den Kategorien der Wissenschaftstheorie gesprochen, ist er viel weniger relevant als die offensichtlichen Bezüge des Autors Kohelet und zur internationalen Literatursprache der symbolistischen Bewegung, die am Beginn der Avantgarden steht.

„…ein Element romanistischer Literaturwissenschaft“

Der Romanist Harald Weinrich hatte vermutlich Ähnliches im Sinn, als er im Geleitwort zu meiner Benyoëtz-Monographie gleich im ersten Satz lakonisch feststellte, dass „der Aphorismus in der deutschen Literatur nur noch wenig von sich vernehmen [hat] lassen.“ (S. IX) Er betont meine komparativen Bezüge zur modernen und zeitgenössischen europäischen Lyrik und Aphoristik von Mallarmé zu Jabès wie zur hebräischen Spruchdichtung Kohelet.

Es scheint mir auffällig, dass gerade Romanisten, die von Haus aus komparativ arbeiten, und dabei traditionell oft sprach- und formbewußter argumentieren als Germanisten, der empirische Rahmen meiner Dissertation spontan und sehr viel leichter einleuchtete als deutschen Literaturhistorikern oder in den vergangenen Jahren auch deutschen Theologen, die sich mit Benyoëtz beschäftigen. Mir erschien – und erscheint – die klassische deutsche Aphoristik von Lichtenberg zu Kraus, also der germanistische Idealtyp, als historische Variante; ein Argument, das in diesem Zusammenhang nicht besonders wichtig ist. Hier ist die Prognose entscheidend. Ich war allen historischen Rettungsversuchen der deutschen Aphoristik gegenüber so skeptisch wie voreiligen Nachrufen. Allerdings beobachte nicht nur ich, und nicht nur für die Literatur, einen deutschen Vorbehalt gegen ästhetischen Wahnsinn und eine Neigung zum  drückenden Ernst.

Die Wissenschaftsgeschichte der Einzelphilologien ist geprägt von Verkennungen und Übertreibungen, auch von ideologischer Verbohrtheit. So war die einst dominante Poetik Emil Staigers universalistisch ausgerichtet, ihr Kanon aber von der klassisch-romantischen deutschen Erlebnis- und Gedankendichtung geprägt. Selbstverständlich leitet jeder Forscher seine Erkenntnisse nur aus dem ab, was er kennt, oder was er sich an Erkenntnissen anderer erschließen kann. Und eine fortschreitende Arbeitsteiligkeit erscheint im Sinne einer Professionalisierung auch unvermeidlich. Beruht nicht unser Selbstvertrauen in der vergleichenden Begriffsbildung gelegentlich darauf, dass wir unsere blinden Flecken als Empirie ausgeben und uns zu wenig mit der Vernetzung unserer Ergebnisse mit den jeweils relevanten Nachbardisziplinen befassen? Abhilfe verspricht hier einer der sehr reflektierten und elegant formulierten Vorschläge von Ulrich Schulz-Buschhaus:

„Was hier fehlt, ist offensichtlich eine Verständigung zwischen den Verwaltern verschiedener nationalliterarischer und epochaler Spezialitäten: ein Blick von der eigenen Spezialität nicht allein auf neuere Theorie, sondern auf die andere, benachbarte Spezialität, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede und damit historische Spezifizität sichtbar machen könnte. Es fehlt hier also, wie ich zum Schluß etwas unbescheiden sagen möchte, ein Element romanistischer Literaturwissenschaft.“

______________________

Theodor W. Adorno: Die Wunde Heine, in: Noten zur Literatur I, Bibliothek Suhrkamp: Frankfurt/Main 1958, 144- 152, hier S. 148f.

Wilhelm von Humboldt: Werke III. Schriften zur Sprachphilosophie, hg. von Andreas Filtner und Klaus Giel. Stuttgart 1963, S. 26.

Kurt Wais: Französische und französisch-belgische Dichtung, in: Die Gegenwartsdichtung der europäischen Völker, hg. v. Kurt Wais. Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag 1939, S. 214.

Gert Mattenklott: Kanon und Neugier, in: Kursbuch 91/März 1988: Wozu Geisteswissenschaften. S. 99-107, hier S. 106. Berlin-West: Rotbuch-Verlag.

Vgl. Giulia Cantarutti: La fortuna critica dell’aforismo nell’area tedesca. Abao Terme: Piovan Editore; deutsch: Aphoristikforschung im deutschen Sprachraum. Frankfurt am Main: Peter Lang 1984.

Die Tabelle findet sich so in: Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Sammlung Metzler, S. 14.

Ulrich-Schulz-Buschhaus: Notizen zur deutschsprachigen Rezeption italienischer Literatur. Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 37, 1996, S. 363–379.

Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Sammlung Metzler, S. 62.

Vgl. Werner Helmich: Erbauung ohne Trivialität, in: Christoph Grubitz u.a. (Hrsg.): Keine Worte zu verlieren. Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag. Ulm : Herrlinger Drucke, S. 38-42.

Ders., Romanistische Literaturwissenschaft, in Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 39, 1998, Kapitel: Zukunftsperspektiven der Romanistik, hg. zus. mit G. Ernst und A. Hahn, S. 277–296, eigener Beitrag: S. 285–291.

Neuerscheinung: Elazar Benyoëtz: Fraglicht. Aphorismen 1977-2007. Braumüller-Verlag Wien

30. Mai 2010

Cover von Elazar Benyoetz: Fraglicht

Soeben erschienen im Wiener Braumüller-Verlag unter dem Titel „Fraglicht“ die gesammelten Aphorismen von Elazar Benyoëtz. Die Wurzeln des Werks liegen in der jüdischen Überlieferung, zugleich steht es am Übergang von moralistischer Kunstprosa zur absoluten Lyrik der Klassischen Moderne Europas. Dabei ist Benyoëtz in seinen Schriften immer im Gespräch mit Kohelet, dem biblischen Prediger Salomo, dem Ahnherren seiner Aphoristik, der  Zuversicht nach einer Desillusion schöpft – und somit ein durch und durch moderner Autor ist.

Leinen mit Schutzumschlag, 540 Seiten
ISBN: 978-3-99200-010-4

Einzelpreis: 34.90 EUR

„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt.“ Zu Elazar Benyoëtz‘ neuem Buch „Scheinhellig“

21. Dezember 2009

Das Bedürfnis nach Konsistenz, nach Stimmigkeit, ist insgeheim das Bedürfnis nach einer heilen Welt. Ohne es kann Vernunft nicht rückhaltlos aufklären: über die Welt wie über sich selbst.

Christoph Türcke: Kassensturz. Zur Lage der Theologie

Intro

In Zvi Kolitz‘ Erzählung Jossel Rakovers Wendung zu Gott (1946) formuliert der imaginäre Titelheld sein folgenreiches Bekenntnis:

Ich habe Ihn [den Gott Israels] lieb. Doch Seine Thora habe ich lieber. Selbst wenn ich mich in ihm getäuscht hätte, Seine Tora würde ich weiter hüten. Gott heißt Religion. Seine Tora aber bedeutet eine Lebensweise! Und je mehr wir sterben für diese Lebensweisung, so unsterblicher wird sie werden.

Es geht bei Kolitz um die Frage der Möglichkeit eines Glaubens nach Auschwitz. Die Antwort ist dann doch älter: Bereits Heinrich Heine erkennt in der Schrift das „portative Vaterland“ der Juden. Hier reiht sich auch Elazar Benyoëtz ein, wenn er schreibt:

„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt nach diesem Plan.“ (S. 37)

Als unentbehrliches Überlebensmittel erscheint bei ihm – zusätzlich zur Tora, den fünf Bücher Mose – die gebundene Rede der Psalmen. Diese lyrische Form erst verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit und der Zukunft:

Ohne Tora gäbe es kein Judentum, ohne Psalmen könnten die Juden die Tora aber nicht so weit durch die Zeiten tragen.

Erst die Psalmen erscheinen aus dieser Sicht als persönlicher und zugleich verbindender Ausdruck von Trauer und Lebensfreude, von Sehnsucht, Leid und Zauber. Für Benyoëtz ist dieser Horizont erweitert um seinen jüdische-deutschen Talmud, die jüdische Literatur deutscher Sprache.

***

Scheinhellig ist ein Buch über den ästhetischen Schein und über das Verhältnis des Menschen zu sich und den anderen, über das Religiöse also, über das „verlorene Thema“. Als gescheitert sieht Benyoëtz die bürgerliche Kunstreligion an. Seit der deutschen Frühromantik war dies, besonders in Deutschland, einmal State of the art: Kunstreligion, das war in den Generationen von Schlegel über Nietzsche bis Adorno und seinen Schülern der Versuch, metaphysische Wahrheiten ästhetisch zu bewähren.

Wegweisend für ein Verständnis dieses Buchs ist der Begriff der »Variationen«, der hier, wie so oft bei Benyoëtz, nicht einen Inhalt bezeichnet, sondern eine Kunstformen auf Lebensformen zurückführt. Sie folgt der Tendenz der modernen Künste zu Variationen, in denen, nach Adornos Philosophie der neuen Musik, überlebe, »was sonst vergessen ist(,) und unmittelbar nicht mehr zu reden vermag«.

Der Gedanke, dass Kunst Offenbarung von Wahrheit sei, diese aber lediglich in einer ihr unwesentlichen, nämlich sinnlichen Form zum Ausdruck bringe, ist der Grund für die Ambivalenz, mit der sich Kunstreligion zwischen Hegels Ästhetik und Adornos Ästhetischer Theorie zu artikulieren pflegte: Alles, was demnach positiv zum Ausdruck  kommt, erscheint demnach als trügerischer Vorschein einer besseren Welt. Anschaulichkeit gilt der künstlerischen Intelligenz daher seit über 100 Jahren schon als trivial. Was gilt, ist allenfalls das Ephemere einer schnelllebigen urbanen ästhetischen Erfahrung nach dem Vorbild Baudelaires und der Symbolisten. Seither  dominierten Epiphanien mit einem zeitlichen Index. Benyoëtz‘ „Variationen über ein verlorenes Thema“ – das Religiöse – üben im Sinne Adornos Negativer Dialektik „Solidarität mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“. Das verlorene Thema wieder zu finden oder seinen Sinn zu erneuern, steht nicht in der Macht von Aphoristik, und selbstredend auch nicht in der dieser Besprechung.

Es erscheint hingegen nicht abwegig, auf dieser Spur das Thema, das Benyoëtz hier variiert, zu politisieren. Dafür spricht der Auftakt, in dem Bezüge zur Conditio humana überdeutlich sind, so in einem der präludierenden Zitate. Es stammt von Hermann Broch:

„Alles was geschieht – das wird immer deutlicher und deutlicher – ist ein Ringen um die neue Religiosität und dies ist wahrscheinlich auch das einzige, was den Menschen wahrhaft interessiert, mag es auch danach aussehen, als wäre die Weltwirtschaft das einzig Interessante.“ (S. 7)

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Exkurs: Mein verlorenes Thema

Von Mazzino Montinari (1928-1986), neben seinem Lehrer Giorgio Colli (1917-1979) Erstherausgeber der alleingültigen Werkausgabe Nietzsches, ist folgende Anekdote überliefert: Man fragte ihn während der marxistisch inspirierten Wiederentdeckung von Nietzsches Kunstphilosophie in Italien, in den späten 1960er Jahren, was ihn und Colli ausgerechnet an Nietzsche interessiert? Die Antwort des italienischen Katholiken war ein Luther-Zitat: „Das Wort sie sollen lassen stán.“

Montinari und Colli waren Männer des antifaschistischen Widerstands, zumindest Montinari ist bis zum Ende seines Lebens Marxist und Kommunist geblieben. Die Revolution beginnt als Revolte im Kopf. Dort betrifft sie zuerst die Sprache.

Lebendige Rede herstellen bedeutet, das Denken vom Kopf auf die Füße stellen – eine eigenwillige Marx-Auslegung. Ist das nicht das nächste verlorene Thema? Immerhin: Bei solchen Anregungen meiner intellektuellen Pubertät begann unabhängig von Nietzsche mein Umgang mit Sprache, Rede und Texten, der mich bis heute – diesseits des Repertoire-Theaters von Konfessionen, Eiferern und Sektierern – zur Sprachfrömmigkeit anhält.

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Hier ist von vorsprachlichen Präokkupationen die Rede, von denen wir doch allein ihren sprachlichen Niederschlag kennen. Der Dichter zögert hier. Und dieses Zögern hat Paul Valéry in einem Aphorismus zum Merkmal des Gedichts erhoben:

Le poème – cette hésitation prolongée entre le son et le sense.

(Das Gedicht – dieses verlängerte Zögern zwischen dem Laut und dem Sinn.)

Heute ist Elazar Benyoëtz auf ähnliche Weise wie Valéry vor 100 Jahren der reflektierteste Virtuose des ästhetischen Scheins, dessen Doppelsinn von metaphysischen Vorschein und Täuschung sich schon im Titelwortspiel „Scheinhellig“ artikuliert. Sein Werk steht an einem Ort, der für ihn publizistisch zur Heimat geworden ist: aus der hebräischen Lyrik kommend, am Übergang zur artistischen Prosa deutscher Sprache.

Die Legierung dieser Ästhetik ist eine stets schon Negative Theologie. Sie liegt in der semiotischen Aufklärung durch das Bilderverbot des Tanach begründet:

„Aller Kult tendiert zu künstlicher Vollendung. Diese wird notwendig zur Vollendung des Gottesbildnisses, das somit entlarvt wird. Was man in Handwerk und Kunstfertigkeit vollenden will, wird als Vollendung im Bilde (Gottes) selbst geglaubt. Die Kunst macht glauben und lässt den Menschen im Bilde dieses Glaubens allein sein“ (S. 79)

Die Skepsis gegen den apollinisch eingefriedeten Bereich der klassisch-idealistischen Kunstformen teilt er mit Edmond Jabès, der einzig die gebrochene Form gelten ließ.

Das verlorene Thema, das ist eine vergessene Zone der Intensität, die dem „totgesagten Park“ Stefan Georges gleicht. Dem „Hier und Jetzt“ der Künste fehlt ein Ort in einer Welt, die nach Schätzungen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen mit 40 Millionen Flüchtlingen aller Art und Herkunft lebt.  Aus dieser Sicht geht es um eine Welt, die weniger einem in den Weltmaßstab vergrößerten „globalen Dorf“ als einem Lager gleicht. Mir scheint diese Erinnerung an die conditio humana nicht ganz abwegig zu sein, um den Umstand zu erklären, daß ortsbezogene Realpräsenz in der Poesie des 20. und 21. Jahrhunderts  selten eine gelungene Rolle spielt. Anschauung gilt seither in den Künsten überhaupt als ästhetisch fragwürdig. In diesem Sinn hat Walter Benjamin die Sprache als „ein Archiv unsinnlicher Ähnlichkeiten“ bezeichnet, eine These, deren Formulierung gegen sich selbst rebelliert: Er gebraucht das Bild des „Archivs“, um die behauptete Tendenz zur Entsinnlichung des Worts im Zeitalter der Information zu unterlaufen. Wo hingegen sonst allzu stark die Sinne ins Spiel kommen, geraten alle positiven Bilder von Einbildungskraft selbst in den Bann der Grenzen, deren Heilsamkeit sie beschwören. Positive Bilder, das heißt in der Literatur: geschlossene Formen. Radikal hat dies bereits 1916 der frühen Georg Lukács in seiner Theorie des Romans in seinem Verdacht gegen die klassisch-bildungsbürgerlich gerundeten Kunstformen ausgesprochen:

„Die hierarchische Frage von Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit ist das ethische Problem der Utopie.“

***

Die Aphoristik und Montagetechnik von Benyoëtz scheint in ihren nicht-hierarchischen, sondern von Nebenordnung geprägten, Verhältnissen vor dem Verdacht geschützt, letzte Weisheit zu verkünden. Zumindest für das Bürgertum im Zeitalter der Ideologen aber waren Sinnsprüche und geschlossene Formen der Spiegel, mit dem es über sich ins Reine kommen wollte. Heute sind Sinnsprüche, so scheint mir, bei naturwissenschaftlichen, allenfalls noch philosophischen Medien-Experten besser aufgehoben. Ihnen traut das Massenpublikum eher als den künstlerischen Intelligenzen zu, zu deuten, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wer auf Qualität und politische Moral Wert legt, den werden alle positiven Bilder vom Menschen und seiner Geschichte ohne Ausnahme abstoßen. Er wird es mit dem Partisanen des Kunstfilms Jean-Luc Godard halten. Gefragt, warum seine Film, keinen klaren Anfang, keinen Mittelteil und kein Ende haben, antwortet er dialektisch: „Ein Film sollte einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende haben – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“

***

In Scheinhellig begegnen sich das Poetische und das Religiöse als Verhältnisformen eines Menschen zu sich und den anderen, die Freiheitsimpulse wecken, sich bewähren oder nicht, jedenfalls Vertrag und Verrat begründen. Entsprechend wird man sich an die Verkehrsformen und die kumulierenden Begegnungen und Lektüren des Autors halten können, die in diesem zitatenreichen Werk ihren Niederschlag finden. Deutlich ist durchweg eine Haltung, in der die Lehre als reflektierte Praxis gilt:

„Die Thora ist die Lehre, die vierzig Wüstenjahre aber die Schule.“

In dieser mal ausgelassenen, mal stoischen Heiterkeit der letzten Dinge bleibt er dann auch nicht befangen in Negativer Theologie, an der er zweifellos Anteil hat. Geht man von Moses Maimonides‘ aus, erkennt man die Dinge am besten durch das, was sie nicht sind. Dies gilt auch für Benyoëtz. Und sicher läßt sich an seiner Sprache feststellen, dass er wie Walter Benjamin und andere dunkle Interessenten der Negative Theologen und der Mystiker der Bestimmung aus dem Unterschied seine luzidesten Einsichten verdankt.

Die lyrische Aphoristik erscheint dann als die subjektivste Form. Wie sonst nur das symbolistische Gedicht hat sie häufig sich selbst zum Gegenstand. Auf die anarchische Selbst-Auslieferung hin, so die Hoffnung, die sich mit einem solchen Impuls verbinden mag, bricht die entfremdete Seite der Gesellschaft auf. Er ist also von seinen Anfängen an nicht daran interessiert, zu metaphysischen Überhöhungen des geschichtlichen Prozesses gleich selbst die Anleitung zu geben. Es geht ihm vielmehr um eine Zersplitterung der Oberfläche in vielschichtige Sprachwahrnehmungen, die zeigen, was von einstiger Größe oder Hoffnung übriggeblieben ist. Ästhetisch umstritten ist seine Neigung zum Klangwortspiel, zur Amphibolie. Neuerdings will Chaim Vogt-Moykopf in dieser habituellen Eigenart aber eine „Degermanisierung“ des Deutschen erkennen:

„Il s’agit d’une tentative de dégermaniser l’allemand, de réorganiser sa structure et son vocabulaire, bref de l’hébraïser.“

Hier kann nur auf eine ausstehende Debatte hingewiesen werden. Allerdings erscheint mir diese Art der Politisierung zu vage, ähnlich wie der mit Heideggers ontologisierender Wortspielerei begründeten Präokkupationen gegen Klangwortspiele, die vielleicht nur auf harmlose kulturelle Unterschiede zwischen Nordeuropäern und mediterranen Menschen verweisen. Allemal erweist sich hier Peter Szondis Diktum gültig, dass philologische Erkenntnis nicht den Text in die Geschichte zu stellen, sondern die Geschichte im einzelnen Text aufzuzeigen hat.

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Benyoëtz‘ jüdisch-deutscher Talmud wird in der jüngeren Forschung vielfach als Negative Theologie oder Mystik verstanden, ohne dass dieser Hinweis intertextuell belegt oder durch ideengeschichtliche Fluchtlinien konkretisiert würde. In der Tat ähnelt sein Vorgehen dem, was etwa der evangelische Theologe Rudolf Otto (Das Heilige, 1917) oder Aby Warburg, der Pionier der Bildwissenschaft, mit seinem Bildatlas Mnemosyne zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im Sinn hatten, als sie die Kontinuität von archaischen Erfahrungswelten und ihren medialen Verkehrsformen mit Begriffen wie Ideogramme oder Pathosformeln zu umschreiben suchten. In den vergangenen Jahrzehnten wandelte Jean Starobinski mit seinen Büchern über die Embleme der Französischen Revolution und der Aufklärung auf dieser Spur. Stets sind solche Zeugnisse von einer eigentümlichen Mischung aus animalischer Angst und einer an Ausgelassenheit grenzenden Faszination gekennzeichnet. So auch bei Benyoëtz.

Anfangs erinnert er an die 1962 in Tel Aviv begründete Zeitschrift Prozdor (Vorhalle), an der er mitwirkte; „Gott gewidmet“, will sie den Glauben anstacheln, seinen Wortbestand erschüttern. Deutlich knüpfte er dann schon vor seinem Wechsel der Literatursprache an die expressionistischen Aufbrüche in der deutschen Literatur an, zu der im Bereich der jüdischen Erneuerungsbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg Franz Rosenzweig in seinem Stern der Erlösung oder mit Martin Bubers in der ‚Verdeutschung‘ der Schrift beigetragen. Diese frühe Neigung zum Expressionismus begegnete mir auch in seiner kürzlich bei Brockmeyer unter dem Titel Vielzeitig erschienenen Auswahl aus seinem extensiven Briefwechsel deutlich.

***

Benyoëtz ist ein Autor, bei dem höchste Kunstfertigkeit ein eigentümliches Spannungsverhältnis eingeht mit dem sehr starken Bedürfnis, Zeugnis von Begegnungen mit Sätzen und Menschen abzulegen, die in seinen Aphorismen und Montagen fortleben. Das „verlorene Thema“ wird bei Wort genommen, und das hier: beim Zitat aus einem reichen Erbe der Weltkultur. Die Vielfalt der dabei entfalteten bedeutungskonstituierenden Möglichkeiten von Zitaten lassen sich kaum andeuten; noch weniger sind sie bislang vorgestellt und untersucht worden. Einige davon sind:

–        Die Zitierten sind vergessene, die Zitate stets überraschend. Durch diese homiletische Gabe werden die Zitierten dem Vergessen entrissen.

–        Zitate werden zum Medium erinnerter Beziehungen, so im einleitenden „Widmungsblatt“ (S. 13)

–        Zitate werden über ein gemeinsames Wort kombiniert:

„Was Einer weiß,

ist immer das Beste.

Die Edda

Einer war Abraham…

Ezechiel 33,24“ (S. 17)

–        Zitate werden Partnern eines inneren Dialogs mit den aus früheren Büchern von Benyoëtz schon bekannten generischen Namen Kosal Vanít und Lazarus Trost (S. 7) zugeschrieben

Im Nachwort des Autors heißt es, auch im Sinne einer Lese-Orientierung: „Zitieren heißt hervorrufen und vernehmbar machen, was besagen will, dass die Toten nicht auch wörtlich tot sind. Zitieren heißt auch weiterführen.“ (S. 244)

Es gehört zu dieser Art der ästhetischen Organisation, dass der Autor auch sich selbst zitierend weiterführt: „Manche Aphorismen dieses Buches“, schreibt er, „standen schon einmal, in einem anderen Zusammenhang, zwischen anderen zwei Deckeln, auf ihrem verloren scheinenden Posten.“ – Was verloren ist, findet,  jedenfalls nach Hegelscher Lesart , seinen „Niederschlag“ in der Form: Die aphoristische Isolation und die musikalisch-montagehaften Kombination mit Zitaten verweisen auf das „verlorene Thema“  von Scheinhellig.

***

Der Romancier Dan Tsalka hat auf Benyoëtz‘ halachische Gabe des Zitierens hingewiesen, die ihm auch einen Satz von Montaigne lesen lasse, wie man ihn noch nie gelesen habe. Er könnte, so Tsalka, wie Walter Benjamin in seinem Passagenwerk, der mit einem ähnlichen melancholischen Wortgedächtnis geschlagen, also gesegnet war, auch ein Buch nur aus Zitaten schreiben.

Wie Benjamin ist Benyoëtz bei alldem alles andere als ein Gesinnungsautor: Er kann beim Wort im Satz verweilen, ohne bei jeder Wahrnehmung einer Person, einer Aussage, einer Empfindung oder einer luziden Eingebung des Augenblicks, sofort zu exzessiven weltanschaulichen Deutungen und salbadernden Überhöhungen ausholen müsste, wie dies auf dem Feld der christlichen Homiletik und ihrer Literatur allzu oft begegnet. Sein Gespür für die Stelle, an der ein Satz, eine Wahrnehmung keine weitere Ausführung erlaubt, ist bereits in den 1970er Jahren zum Kennzeichen des Autors geworden.

Dabei ist die Allgemeine Geschichte bis in ihre sprachliche Verschalung überdeutlich: In der symbolischen Kultur des Deutschen erscheint das Jüdische etwa bei Heinrich Heine als sinnlich bis zur hedonistischen Ekstase, dann wieder wie bei Karl Kraus als strengstes Sprachgericht, mal sprachverlegen, dann wieder bilderreich, Punkt für Punkt im Gegensatz zu einer deutschen Mentalität, der das Authentische und Identische als höchste Werte gelten. Das ist umso bemerkenswerter, weil sich diese Konstellation von ästhetischer Ekstase im Widerstreit mit politischer Moral heute selten mehr in Werken zeigt, sondern sich in Schwundstufen eines Habitus von zwiespältigen Menschen allgemein niederschlägt, denen Benyoëtz eine Sprache gibt.

***

Was das spezifisch Poetische angeht, ist es die lyrische Verdichtung, selbst im Anekdotischen oder im wörtlichen Wahrnehmen von Personen und kulturellen Differenzen und ihren tiefgestaffelten Traditionen, die mir literarisch nun schon seit 22 Jahren besonders zusagt: Benyoëtz schreibt – mit einer glücklichen Formel des Romanisten Werner Helmich – erbaulich, ohne trivial zu sein. So entgehen sie aber auch jener zweiten, von Lukács profilierten Gefahr der „Desillusionsromantik“, der „Selbstauflösung der Form in einen trostlosen Pessimismus“ oder, gattungsspefizifischer, in der entlarvenden Haltung nach dem Muster, das Karl Kraus mit seinen Aphorismen Sprüche und Widersprüche gibt. Adorno wird diese Scheu vor dem abgegriffenen Wort von seinem Lehrer Kraus erben, sich eine Lehre vom richtigen Leben versagen, und stattdessen nur noch Minima Moralia formulieren, deren fragmentierte Form aber doch den Gedanken an die Wahrheit wachhält. In dieser Tradition formuliert Gert Mattenklott 1968 in Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang:

„Ergriffen und furios bewegt von der geschichtlichen Möglichkeit, redet die Avantgarde oft in der Form ekstatisch und leidenschaftlich in der Sprache der Körper, aber illusionslos und resigniert dem literarischen Wortsinn nach.“

Auf ähnliche Weise ist, wie man weiß, Kohelet, der Hamlet der Bibel, für Benyoëtz der wichtigste Ansprechpartner: Auch er leidenschaftlich dem Hier und Jetzt verpflichtet, auch wenn seine Worte nach ihrem positiven Sinn illusionslos und resigniert sind. So schaffen sie sich ihren übersinnlichen Leib:

„‚Durch tiefes Denken‘ – sagt Hippel – ‚gewöhnen wir unsere Seele zu einer Art Existenz außerhalb des Körpers.‘“ (S. 27)