„Kommst Du nicht aus Packistan?“ – Elazar Benyoëtz schreibt wieder sein letztes Buch, dem andere folgen werden

Rezension zum Buch von Elazar Benyoëtz: „Beteuert & gebilligt“. Mit einem Cover von Metavel und einem Vorwort von Werner Helmich. Bellaprint Verlag (Mödling) 2016.

„Kommst Du nicht aus Packistan?“ Ich höre seine Frage noch nach fast… 25 Jahren. Damals kaufte ich zum ersten Mal in Jerusalem ein, und er zeigte mir alles. Es war für mich der Beginn eines halbjährigen Schreib-Aufenthalts in Israel. Zur Wortspieldichte kam die einnehmende Atmosphäre – so daß mir beim Einpacken der Lebensmittel die Konzentration fehlte.

Nun finde ich „Packistan“ auch in Benyoëtz‘ neuem Buch, wo er eine kleine Auswahl seiner Personen- und Ortsnamen in langen Reihen offeriert, wie üblich bei ihm strophenförmig auf Mitte gesetzt, wie dies sonst nur am Anfang der klassischen Moderne Arno Holz in seinem Gedicht-Zyklus Phantasus tat:

Kassandria

Mischmaschingen

Packistan

Unterganges

Spleenidad

Biestum Zoo

(S. 143)

Beglaubigungskraft des Wortspiels

Ein Titel von Benyoëtz aus den 1970er Jahren lautet „Vielleicht – Vielschwer“. Das ist auch hier der Kompass, denn wir finden hier viel Leichtes und viel Schweres. In Beteuert & gebilligt“ kann  Benyoëtz Aphoristik in der ihm eigenen charmanten Selbstironie als „Kunst des Danebentreffens“ nennen und mit Georg Christoph Lichtenberg sagen:

Einer der merkwürdigsten Züge

In meinem Charakter ist gewiss

der seltsame Aberglaube,

womit ich aus jeder Sache

eine Vorbedeutung ziehe

und in einem Tage hundert Dinge

zum Orakel mache.

(S. 65)

Benyoëtz zitiert diese Reflexion als Motto zum Kapitel „Frivolitäten des Wohllauts“. Charmante Selbstironie ist eine Gabe, die kultiviert sein will. Sie baut bekanntlich Hürden ab und kann ansteckend wirken.

Schon der Titel von Benyoëtz‘ neuem Buch ist, wie so oft bei ihm, ein subtiles Wortspiel: „Beteuert und gebilligt“. Zwei historische, erstarrte Metaphern werden dergestalt abwägend nebeneinander gestellt, daß die ursprünglichen Bedeutungen zur Geltung kommen. „Wo oft beteuert wird, da wird zu viel gebilligt“, hat er in einem früheren Buch als Aphorismus formuliert. Damit trifft er auch den zugleich sprachkritischen und beglaubigenden Charakter des Wortspiels. Beteuern kann verräterisch sein, doch wird in der Rede und Schrift oft beteuert, zumal wenn rhetorische Figuren ihren Zauber und ihre Überredungskünste spielen lassen.

Auf verlorenem Posten

Seit bald 50 Jahren nun publiziert Benyoëtz, der einst als hebräischer Lyriker begann, in deutscher Sprache Aphoristik und Verwandtes, stets Dichterisches. Als er Ende der 1960er Jahre damit begann, hielt man die Gattung für ausgestorben wie die Juden in der deutschen Literatur, die vor allem aus der österreichischen Aphoristik und artistischen Kurzprosa in der Klassischen Moderne Weltliteratur gemacht hatten.

Auch das Publikum kann nicht mehr das Gleiche sein. Es hat sich nicht nur in den 1960er Jahren, als Benyoëtz für einige Jahre in West-Berlin lebte, geändert, sondern auch seit seiner Rückkehr nach Israel 1969, als Benyoëtz seine erste Aphorismen-Sammlung in deutscher Sprache veröffentlichte mehrfach verändert. Auch die Welt der westdeutschen 68er war noch eine buchgläubige, keine digitale Kultur.

Schon damals sah Benyoëtz sich als Aphoristiker auf verlorenem Posten, den er sich ausgesucht hat, und den er wortmächtig und lebenskundig behaupten konnte, zur Lebensfreude seiner Leser:

Man muss eine Rolle spielen, wenn man keinen Platz einnehmen kann, und das kann der Aphoristiker auch bei wachsendem Gattungsinteresse nicht. Ich spiele keine Rolle, wenn ich meine spiele; meine Bereitschaft indes, keine Rolle zu spielen, schließt Inszenierungen nicht aus. Ich treibe Allotria und spiele den Dudensack.

Das heißt dann: beteuert und gebilligt“ (S. 243)

Seit Jahren pflegt er Freunden sein jeweils neuestes Buch als „letztes Buch“ anzukündigen. Werner Helmich berichtet im Vorwort davon, und er sagt, er habe sich „immer geweigert, es zu glauben.“ Sein „jugendlicher Sprachübermut“ spreche einfach dagegen, und die anhaltende Freude seiner Leser.

Der Gedanke ans „letzte Buch“ macht jedenfalls Benyoëtz zu schaffen, macht ihn immer produktiver, vitaler und auch sprachwitziger: „Galgenhumor – / Sargasmus“, schreibt er. An anderer Stelle heißt es: „Wortspiele vertreiben die Todesangst vor der Sprache.“ Dieser Satz findet sich bereits im 1990 erschienen Buch „Treffpunkt Scheideweg“.

Ein Buch der Namen

„Beteuert & gebilligt“ ist auch, und im Zentrum immer mehr, ein Buch der Wortspiele mit Namen. Mit ihnen wird allerhand Allotria getrieben. Benyoëtz bezeichnet selbst kurz danach Namen als „erste Kleidung eines Menschen“ (S. 157). Und Kleider machen bekanntlich Leute.

Er widmet Wortspielen mit Namen ein eigenes Kapitel unter der Überschrift „Namen, wie sie kamen“ (S. 155). Schnell folgen Salven von erfunden sprechenden Namen. Eine davon ist Besteck und Geschirr gewidmet (S. 156): Von einem „Christian Friedrich August Tafel“ ist die Rede, auch von „Erwin Teller“ und „Hedda Gabler“. Eingebaut sind die Namen von zwei bekannten Österreichern: „Wolfgang Schüssel“ und „Elisabeth Löffler.“ Nach dieser Prozession von Geschirr und Besteck winken die Narren.

Auf geringste Auslöser hin setzt eine hochproduktive Wortphantasie ein, die wie von selbst Euphonien und andernorts vielfach rhythmisierte Strophen hervorbringt, und dabei stets die Konnotationen im Auge hat. In mehrfachen Durchgängen wird dann gestrichen, erweitert, umgestellt, mit aphoristischen Überschriften gerahmt und in Strophenformen geordnet.

Auch wenn die Literatur vielfach mit sprechenden Namen operiert, ist das das doch in dieser Dichte ungewöhnlich. Mit fällt nur „Tynset“ von Wolfgang Hildesheimer ein, der Ähnliches in einem inneren Monolog eines schlaflosen Ich-Erzählers erprobt hat. Dort geht es um dem die Ortsnamen eines norwegischen Kursbuchs von 1963, und nebenbei, wegen der Personen-Namen, ein Telefonbuch Gedankenfluchten auslöst. „Tynset, der Name klingt nach…“ Hildesheimer spielt mit der alten Vorstellung, es gebe geheime Zusammenhänge zwischen dem Klang eines Wortes und seiner darin versteckten Bedeutung, die uns der Dichter deutet. Hildesheimer schreibt als Absurdist bewusst von seinem grandiosen Scheitern.

Woher kommt die Sprache?

Wörter sind gemäß der rationalen Sprachauffassung willkürliche Bedeutungsträger. Für geheimnisvolle Zusammenhänge können sie nicht zeugen. Johann Gottfried Herder hat auf eine Preis-Frage der Preußischen Akademie, ob die Sprache von den Engeln käme, geantwortet: Nein, sie kommt von den Schafen. Die moderne Linguistik bestätigte unterdessen diese Erkenntnis, dass das so etwas wie das Blöken der Schafe der Beginn einer differenzierten und bewussten Laut-und Zeichensprache ist. Auch Wittgenstein bemüht einen Tier-Vergleich, wenn er die Situation des Menschen in seiner immer sprachlich gebundenen Erkennt-nis mit einer Fliege vergleicht, die nicht mehr aus einer Limonaden-Flasche herausfindet.

Entsprechend gibt es bei Benyoëtz Sprach-Skepsis und Wort-Vertrauen nebeneinander:

Poesie –

Silbenbestechung

(S. 107)

Über das Wortspiel ins noch nicht Ausgesprochene“ (S. 244)

Vom Erhabenem zum Lächerlichen

Für sprachmoralisch ernsthafte Aufklärer des 18. Jahrhunderts aber war „Wortspiel“ geradezu ein „Schimpfwort“, wie der Wortspiel-Experte Christian Wagenknecht zu berichten weiß. Das ist berechtigt, wenn damit eine Sprachprosa getroffen werden soll, die vorgibt, mit Begriffen und Argumenten zu operieren, den Leser aber mit rhetorischen Mitteln zum Einverständnis verführt, noch ehe er etwas verstanden hat.

Doch ist damit gar nichts gegen poetischen Nonsens gesagt. In der deutschen Forschung begegnet neben der kultischen Verlockung durch Sprachmagie häufig auch das Gegenteil: die überzogene Auffassung nämlich, Wortspiele würden die Seriösität eines Autors herabsetzen.

Allen Vorbehalten zum Trotz ist das Wortspiel jedoch „eine Sinn- und nicht bloß eine Klangfigur“, wie Wagenknecht im Lexikon der Germanistischen Literaturwissenschaft zweifelsfrei festgestellt hat. Zudem nutzt Benyoëtz auf artistische Weise die im Französischen sprichwörtliche Einsicht, daß es vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt sei: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas.

Für Sprachmagier der alten Schule wie Karl Kraus ist die Verschränkung einer Utopie, der erkennenden Sprache, mit einem verlorenen Ursprung, den erstarrten Metaphern, wesentlich. Diese Figur begegnet uns auch bei Benyoëtz, auch ein gewisser Anarchismus gegen die fremdbestimmten Übereinkünfte zwischen Wort und Sinn. Nur verzichtet er auf die Geste des Sehers, und ermutigt seine Leser stattdessen zu Selbstbestimmung:

Sinnvoll ist,

was wir bedeutend machen“ (S. 207)

Jeder muss, wie du und ich,

sein verlorenes Paradies erfinden“ (S. 147)

Ein Sprechtheater

Hier geht es auch um eine Balance in der Textur, in den dramatischen Rollen wechseln. Benyoëtz nennt sein Buch „Eine Lesung“. Und Lesungen sind für ihn so etwas wie Gattungs-Bezeichnungen. (Ich habe das an anderer Stelle erörtert.)

In der Tat wird hier, um mit Helmich zu sprechen, aus der artistischen Textur ein „Sprech-Theater“, mit dramatischen Effekten, die über die Rezitation hinaus-gehen. Ernste Reflexionen werden hier artistisch reflektiert und damit tiefergehängt. Die Haltung ist aus der poetischen Moderne von Gustave Flaubert bis zu seinem Schüler Italo Calvino als „comique des idées“, als „Ideen-Komik“ bekannt. Sie ist durchaus verwandt mit dem absurden Drama, bei dem die alte Rolle des Dichters als Weltdeuter infrage steht. Bei einer solchen Betrachtung käme Benyoëtz die Poesie, die auch Einsichten vermitteln, Vergnügen bereiten und Erbau-ung bieten kann, zu kurz. Helmich weist in seinem Vorwort nicht zum ersten Mal darauf eindringlich. So gehören zum Verhältnis des Dichters zur Welt stets  auch seine Leser.

Magie und Kritik des Wortspiels

Werner Helmich nennt Benyoëtz im Vorwort zu „Beteuert & gebilligt“ mit Augenzwinkern einen „poetischen Kratylos“. In einem der platonischen Dialoge ist er Gesprächs-Partner von Sokrates und Hermogenes. Kratylos vertritt die Position, daß die Wörter Namen der Dinge wären. Für Hermogenes handelt es sich um Übereinkünfte. Das entspricht der rationalistischen, modernen Sprachauffassung.

Wo Benyoëtz zum Wortspieler wird, ist sein Motiv vielfach ein aufmunterndes Frotzeln und ein Tieferhängen vom drückenden Ernst überzogener Sinnzuschreibungen oder tiefsinniger Reflexionen. Er tut dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern, wie Helmich treffend sagt, mit „jugendlichem Sprachübermut“.

Conrad Wiedemann hat unseren Autor einmal anerkennend einen „Sprachmagier“ genannt. Gemeint ist damit doch offenbar nicht mehr, als daß uns die Lektüre und Rezitation ungemeines Vergnügen und auch unerhörte Einsichten bescheren kann. Denn der Gedanke hält nicht immer Wort, / jedoch das Wort hält mancherlei Gedanken“, heißt es in den Gedichten von Karl Kraus.

Wenn man dies „Magie“ nennt, hat das offenbar nicht mehr die Implikationen, die man aus der Ethnologie von Marcel Mauss oder Aby Warburg kennt. Es geht ja bei Benyoëtz nicht um eine Geisterbeschwörung durch die Sprache als Medium, das eine sonst verstellte Beziehung  zu den Dingen zur Erscheinung bringen würde. So wie die Jünger von Karl Kraus oder Stefan George immer wieder ernsthaft vertreten, daß in den Wortspielen ihres Meisters ein geheimer Zusammenhang zwischen den Wörtern und den Dingen verbürgt sei. Es scheint, als wären solche Deuter damit beschäftigt sein, durch ihre gefühlte Bewußtseins-Erweiterung selbst Einlaß in die Ewigkeit und in die Heiligkeit zu finden.

All das schwingt als historisches Thema in Benyoëtz‘ Werk mit, wenn er immer wieder erneut einsetzt, um in seiner Textur Ekstase und Askese, Leichtes und Tiefes im Wortgebrauch in die Balance zu bringen, das scheinbar Feststehende fragwürdig zu machen und das Ernste mit einem Sprachwitz tiefer zu hängen. Schon der Talmud empfiehlt das „Drehen und Wenden“ der Wörter. Und daher weht der frische Wind, wenn Benyoëtz schreibt:

Der jüdische Witz –

Ein bewährtes Zupfinstrument.

                                                                                                              

Humor – Leichtsinn

Der Schwermut“ (S. 192)

Charme des Absurden

Die Schönheit liegt gerade in den performativen Kunstformen wie dem Aphorismus, nicht ausschließlich im Resultat, sondern auch im ästhetischen Prozeß, in der Überwindung des Gegebenen, das vielfach nur das Gewordene ist oder als gegeben angesehen wird. Je drückender das Gegebene, und desto mehr dürstet uns nach Poesie.  Gleichzeit aber hat sich die Welt weltweit von der Sprache entfernt, und das, was die Welt-Beherrscher sagen, hat mit Sprache nichts zu tun.

Nach Albert Camus entsteht das Absurde aus dem vernunftwidrigen Schweigen der Welt. Die Vernunft selbst verliere dabei ihre Rolle, die Welt zu erklären. Das Leben, das man zu planen glaubt, werde zu einer „Versuchstrecke“, schreibt in ähnlichem Sinn Dieter Wellershoff. Folgt man dieser Einsicht, bleibt leicht ein Unwille, die private Wirklichkeit mitzuteilen, weil man sie dann stets dem Unverständnis jener kenntlich zu macht, für die in der Welt alles in bester Ordnung und verständlich ist.

Wie viele eminente Komponisten, Dichter und Intellektuelle scheinen vollkommen humorlos gewesen zu sein. In der Ernsthaftigkeit liegt aber die Gefahr, sich und die anderen auf Rollen einzuschwören, wie man sie zur Genüge kennt: Hier der einsame Künstler, dort das verständnislose Publikum. Andere Artisten setzen sich die Narrenkappe auf, als Selbstschutz. Die Psychologie der modernen Artisten,  ihre Nebenwege, ihre Umwege und ihre Irrwege kennt Benyoëtz nur zu gut:

Der Stolze vereinsamt,

der Einsame verstolzt

(S. 133)

 

Man muss weise sein, um Dummheiten machen zu können; vor Dummheit schützt einzig Narrenfreiheit. Der Narr ist allerwegs im Vorteil: Man kann den Narren spielen, den Weisen nicht, es sei denn, er heißt Nathan (S. 244)

Der Humor kann dann das Absurde übertönen und zum Selbstschutz werden. Er würde aber keine Gemeinsamkeit aufkommen lassen, wie sie aus dem Vorwort von Helmich spricht, wenn er als anspruchsvoller Leser und treuer Freund des Autors stellvertretend für viele andere von einer wirklichen „Erbauung“ und „Freude der Leserschaft“ bezeugt, die Benyoëtz bereitet.

***

Ich vermißte einzig den „Bonapark“, den ich bei ihm kennengelernt habe, weil es seine Frau Renée Koppel (als Künstlerin: Métavel) auch in Münster vor gut fünf Jahrenwieder aus der Stadt in einen Park zog, und sie eine algerische Französin ist. Sie pflegt dann ein höheres Niveau anzumahnen.

So beginnen dann die familiären Frotzeleien und Rituale, zu denen schon lange auch die Titelbilder gehören. Métavel ist Miniaturenmalerin und Kalligraphin. Was für Elazar Laute sind, sind für sie Farben. Zu „Beteuert & gebilligt“ schuf sie als Coverbild einen fein strukturierten und kolorierten, buschartigen Baum. Der Busch zeigt in seiner linken und rechten  Hälfte unterschiedliche Strukturen. Ying und Yang, Klang und Sinn… und Bonapark.

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