Interdit d’interdire d‘interdire. Ein Rezensions-Essay zu Elazar Benyoëtz‘ Buch „Auch Kürze hat ihre Maßlosigkeit“ (Brockmeyer-Verlag)

Das wirklich Soziale aber in der Literatur ist: die Form.

Georg Lukács: Schriften zur Literatursoziologie

Als ich vor bald 25 Jahren eine Zeit lang vor dem Abschluß meiner Dissertation steckte, änderte Elazar sein Konzept. Keine Aphorismen-Sammlungen mehr, sondern Zitat-Montagen. Mein Thema zerlief mir zwischen den Händen. Mit einem der üblichen akademischen Taschenspieler-Tricks kriegte ich die Kurve: Der gattungstheoretische Ansatz mußte nur leicht Richtung Textlinguistik verschoben werden.

Langweilig wurde es nie. Eben noch meinte ich, der ihn mehr als 25 Jahre kennt und über ihn vor über 20 Jahren das erste Buch geschrieben hat, er habe sich vom deutschsprachigen Aphorismus verabschiedet und wird vielleicht doch wieder Hebräisch schreiben. So schien es vor einigen Jahren, er sprach davon, sich aus der deutschen Literatur zu verabschieden, dem Hebräischen noch etwas schuldig zu sein.

Interdit d’interdire

Nun kommt er wieder mit vier Büchern auf einen Schlag, eins davon erschien im Brockmeyer-Verlag und bietet Aphorismen über den Aphorismen, über die Poesie, über das Jüdische im Deutschen.

In seinen Worten:

„Man kann sagen, was man will:

nicht weniger“ (S. 37)

Er wird immer durch seine Haltung sagen, was im Pariser Mai 68 auf den Häuserwänden zu lesen war: „Il est interdit d’interdire.“ Es ist verboten, zu verbieten. Überflüssig zu sagen, daß die christliche Religion mit Verboten wie üblich an der Macht kräftig beteiligt war. Hier gibt es gar nichts zu vermissen.

Damals war das eine geistreiche Reaktion auf die vielen Verbotsschilder, die die alte Gesellschaft Westeuropas aufgestellt hatte. Und sie entsprach der frechen literarischen Tradition des Aufstands gegen die Religion im französischen Hochmittelalter und der Renaissance: Dem Roman de Renard und Rabelais Gargantua und Pantagruel.

Aber wir sind an einem anderen Punkt. Längst hat auch Daniel Cohn-Bendit 2007 zu einer neuen Debatte über 68 gesagt: „Interdit d’interdire d’interdire.“ – Auch das Verbot, Verbote zu verbieten, ist im 21. Jahrhundert verboten, das heißt: nichts ist unbesehen legitimer als Verbote selbst.

Der Aphoristiker Benyoëtz gibt in seinen bisher rund 50 Büchern Zeugnis davon. Und er erwartet dies auch im Umgang mit Menschen. Das heißt: Habe den Mut, Deine Gedanken in Deinen Worten freizusprechen, Irrtum in Kauf nehmen, und dann wieder gegen Dich zu denken, insofern bereit sein, Dir zu widersprechen.

So bleibt es spannend. Er ist vom Sternzeichen „Widder“, schreibt er in einer seiner charmanten Selbstreflexionen im Buch (S. 55). Das kenne ich von Haus aus. Mein Vater war Widder, ein Draufgänger in anderer Richtung. Widder sind Menschen, die ihre Hörner behalten, auch wenn die deutsche Redensart es will, daß sie abgestoßen werden. Die Hörner sind, wie wir von Gustav Mahler und Adorno wissen, das Beste am Menschen.

Leere Zeilen

Menschen, die wenig schreiben, fürchten, wenn sie etwas zu schreiben haben, leere Zeilen. Ebenso Auftrags-Schreiber, die leergeschrieben sind. Beim Aphoristiker verhält es sich umgekehrt. Wie der Rhetor in Kunstpausen seine Botschaften verstärkt oder sogar transportiert, so der Aphoristiker durchweg in den leeren Zeilen und auch in den Lücken der Wörter und selbst an den unsichtbaren Grenzen der Morpheme.

Das ist die Eigenart des Aphorismus, die sich von Formen der Lyrik und anderen Arten der fiktionalen Prosa unterscheidet, und mit allen Höhen und Tiefen genauso eine anspruchsvolle Kunstform zu nennen ist wie die „Windstriche“ Paul Valérys oder die feinen Übergänge in den vielfach aphoristisch genannten Kompositionen Alban Bergs. Es ist die Feinheit einer Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der man Form im Sinne Adornos noch als Schule des Protests verstehen konnte. Die Fortschritte der digitalen Mediation laufen demgegenüber auf eine standardisierte Wahrnehmung hinaus.

So ist es nicht als Anflug von privater Sentimentalität des Alters angesichts einer begrenzten Leserschaft abzutun, wenn Benyoëtz zur Legitimation seiner Aphoristik sagt:

„Ich stehe hinter meinem Wort,

kein Wort steht hinter mir.“ (S. 64)

Die bedingungslose Verantwortung für das eigene Wort ist hier kein Handel nach dem Muster bürgerlicher Religion, wo man Glaube für Gnade kaufen kann, und für alles einen Sinn, eine Erklärung findet.

Am Anfang der poetischen Moderne Ende des 19. Jahrhunderts in Paris steht ein doppeltes Unbehagen an der überkommenen öffentlichen Rede und an der aufbrechenden Gesellschaft der Information und Kommunikation. Die Nuancen brachten zwei Dichter: Baudelaire, der uns lehrte, den Blick nicht von den bösen, satanischen Seiten der Welt abzuwenden, und Mallarmé, der uns zeigte, daß man den Sinn der Rede nicht bestimmen und nicht festhalten kann, sich aber dennoch zu verantworten hat. Noch für Emil Cioran gilt:

„Ne cultivent l’aphorisme que ceux qui ont connu la peur au milieu des mots, cette peur de crouler avec tous les mots.“ (Syllogismes de l’amertumes) – Nur die pflegen den Aphorismus, die die Angst mitten in den Wörtern kennengelernt haben, diese Angst, mit den Wörtern zusammenzubrechen.“

ohne Autor

Und doch stößt der Aphoristiker gerade in diesem Punkt auf wenig Gegenliebe. Gibt man den Namen „Benyoëtz“ in der google-Suche ein, wird man vielfach Seiten finden, die als Blütenlesen angelegt sind:

„Das ist ein Problem der Aphorismen“, schreibt Benyoëtz (S. 61),

„sie kreisen, urheberrechtlich ungeschützt, als wären sie herrenlos, geflügelte Worte, wie Tauben abzufangen, auszuschlachten oder mit neuen Adressen auf weitere Postwege zu entsenden.

Geflügelte Worte beschwingen den Räuber. Das ist die Praxis bis heute.“

Montesquieu waren Aphorismen die „Sprichwörter der gebildeten Menschen“. Auch im Fall dieses Aphorismus: Friedrich Schlegel übersetzte diesen Aphorismus und gab ihn als seinen eigenen aus. Erschwerend kommt ein älterer Begriff von Aphorismus hinzu.  Gemeint ist die Tradition der humanistischen Kommentar-Essays zu alten Worten der gebildeten Welt, vor allem der Antike. In diesem Sinn sind etwa Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ zu verstehen. In Frankreich spricht man deswegen im Unterschied dazu vom „aphorisme poétique“.

Bei Benyoëtz ist die Genese von Aphoristik aus der jüdischen Kommentar-Tradition zu beachten. Das schriftkundige Infrage-Stellen von Interpretationen, das Isolieren von Textstellen und Verschieben von Text-Zusammenhängen und das im Talmud geratene ‚Drehen und Wenden‘ der Wörter – und alten Worte – ist für den gelernten Rabbiner selbstverständlich. Nach Heinrich Heine ist die Schrift für Juden das „portative Vaterland“, und dazu gehört auch die Literatur der jeweils zugänglichen Sprachen.

Zugleich deutet er an, daß das ausdrückliche Zitieren in seiner Aphoristik noch eine andere Rolle spielt: Er will gar nicht das letzte Wort haben, will es nicht besser wisse, sondern nur anders:

„Der Aphoristiker schreibt so,

als hätte er das letzte Wort.

Ich überlasse in meinen Büchern gern anderen

das letzte Wort;

ich will kein Letztes gesagt haben“

(S. 56)

Maßlose Kürze

Den Aphorismus durch Kürze zu definieren, ist ein beliebtes Geschäft der Germanistik. Meist ist es so, wie Reich-Ranicki seine Abgrenzungen vorzunehmen pflegte: Ab 500 Seiten handele es sich um einen Roman.

Dergleichen bleibt immer dezisionistisch, und es kann nicht das Geschäft der Literaturtheoretiker oder Kritiker sein, Längenmaße zu bestimmen, wenn sie nicht ihren Gegenstand verfehlen wollen.

Benyoëtz nannte seine in den 1970er Jahren „Einsätze“, hier nun wieder. Kurz ist ein Satz, nicht mehr. Eher weniger, denn viele Aphorismen von Benyoëtz bestehen aus Wortpaaren. Der hohe Kunst-Anspruch verweist auf kleine Zahl von Aphoristikern, für die es wenige Beispiele wie den Franzosen Renard oder Marie von Ebner-Eschenbach gibt.

Um das Paradox ‚maßloser Kürze‘ geht es auch schon im Titel des Buchs. Ein Einwand gegen die Gattung ist darin verborgen. Er wird vielfach von sehr gebildeten Menschen vorbegracht. „I need arguments“, sagte mir einmal ein englischer Privatgelehrter, als er von sich aus seine Ablehnung der Aphoristik erklärte. Dafür sind Aphorismen nun wirklich zu kurz. Ein sehr geschätzter früherer philosophischer Kollege, Gottfried Gabriel nannte einmal den „Aphorismus: die Pointe eines Vorurteils“. Er tat es aphoristisch, weil er die Gabe hat, selbstironisch und undogmatisch zu sprechen.

Benyoëtz zitiert aus anderer Quelle mit anderer Tendenz:

Der Aphoristiker ist ein Euphoristiker. Aphorismen zu produzieren ist eine euphoristische Beschäftigung. Aussagen von Bestimmtheit zu machen, Beobachtungen Allgemeingültigkeit zuzuschreiben, dies erzeugt einen Zustand, in welchen man über die eigenen Verhältnisse.“

Werner Bergengruen

Bergengruens  verkürzt die Dimensionen des Aphorismus und letztlich auch der Sprache auf Abbildung. Er unterschlägt die expressiven und die appelativen Funktionen der Sprache. Eine solche autistische Sprachauffassung hört man von Deutschen auch gern, wenn sie auf lateinische Hyperbeln treffen.

Falsche Verallgemeinerung gibt es in der Wissenschaft. In der Poesie und Rhetorik können Übertreibungen das gebotene Mittel sein. Und beides zu verwechseln hieße, nach Paul Valéry, mit den Regeln des Schachspiels Mühle zu spielen.

Der EinSatz als begründete Entscheidung

Mir geht darum, die Poetik von Dichtern aus ihren Reflexionen und vor allem Verfahren zu rekonstruieren und ihre Verfahren zu erläutern. Der Kritiker oder Philologe wird sie dann als begründete Entscheidung zu erklären haben. Benyoëtz schreibt:

„Alles in der Kunst Entbehrliche

ist Zeichen von Arroganz“ (S. 24)

Was nicht nötig ist, ist auch überflüssig. Ein Ockhamsches Rasiermesser für die Aphoristik? Nein. Dem Sprachlogiker und Wissenschaftstheoretiker Wilhelm von Ockham ging es darum, aus gescheiten Annahmen heraus mit sauber definierten Begriffen zu Schlüssen zu kommen. Schein-Argumente, Wissens-Ballast und autoritäre Theologen-Begriffe wie „Gott“ sind verboten.

Der Aphoristiker sagt noch weniger, als nötig wäre. Er schließt in Mehrdeutigkeiten und Paradoxien ein, was sich anders nicht sagen läßt. Aber dabei gilt zugleich:

„Man kann sagen, was man will: nicht weniger“ (S. 37)

Benyoëtz‘ EinSatz-Kunst entspricht einem Ökonomismus gegen eine von ihm zweifellos in Vielem als hohl oder verbraucht empfundene Tradition oder gegen den Omnipräsenz- und Vollständigkeits-Wahn unserer Informations- und Kommunikations-Gesellschaft, die den Türöffner zum Wissen für einen Weisen hält, und in den Bereichen der Wissenschaft, der Kunst und der Unterhaltung nur für ennui sorgen kann.

sous ta glace au trou profond

Valérys Lehrer Mallarmé, Ahnherr dieser zeitgemäßen poetischen Weltwahrnehmung, vermochte es, im Spiegel einer Eisfläche einen zugefrorenen Brunnen anzureden. Was er Hérodiade sous ta glace au trou profond (unter deinem Eis am wahren Grunde) sehen läßt, ist die Vergangenheit, immer noch unzugänglich, aber so sichtbar wie das Herbstlaub unter dem winterlichen Eis.

Aus dieser Epoche, aus dieserm Geist stammen die Aphorismen des Mathematikers Felix Hausdorff (1868-1942), als Dichter Mongré. Benyoëtz zitierte ihn schon gelegentlich, in diesem Buch über die maßlose Kürze des Aphorismus mehrfach:

„Kein Mensch wagt sich heute noch

Mit einer Syntax hervor,

aus Furcht unterbrochen zu werden.“

Paul Mongré (S. 13)

Dem Fin de siècle war etwas Widerständiges kostbar, was die Informations-Gesellschaft längst unterdrückt hat: die differenzierende Wahrnehmung für Nuancen und ihre wechselvolle Beleuchtung besonders kostbar, beispielhaft nicht allein an der Dichtung, sondern auch an der bevorzugten Beleuchtung durch Glaslampenschirme, die in verschiedenen Farben schillern und feinste Nuancen zwischen Hell und Dunkel sichtbar machen.

In der Moderne sind die Probleme des Dichters Formprobleme, deswegen nicht „bloß formale“. Denn ohne Form gibt es keinen Inhalt, vielleicht nicht einmal Leben. Die Grenzen der Gattungen und selbst der Künste fransen aus, weil neue Lebensbedingungen neue Formen nötig machen.

Insofern ist der Aphorismus vielleicht mehr ein Schauplatz dieser Probleme als eine Gattung. Er gehört zu den offenen, zu den fragmentarischen Formen, die in den 1960er Jahren in der Literaturwissenschaft allmählich legitimiert wurden. Auf dem Buchmarkt aber regieren heute wieder geschlossene fiktional-erzählende Formen eines imitierten Realismus, die alten bürgerlichen Fluchtwelten. Alte Wahrnehmungsmuster, die sedieren.

 

Die Dichter der frühen Moderne liebten wie die Glas- und Beleuchtungs-Künstler der Zeit liebten Kaleidoskope. Und sie verwendeten Wörter artistisch wie Kaleidoskope: Mit einer möglichst knappen Drehung soll dabei die größtmögliche Veränderung erzielt werden. So wandelt sich auch bei Benyoëtz Kürze in Maßlosigkeit, und auch sonst das eben Bezeichnete in sein Gegenteil. Oder es wird wie in antirealistischer Malerei verfremdet:

„Die Kürze verwischt Farbe und Gesichtszug“ (S. 23)

Lyrische Aphoristik

„Man muß kein Lyriker sein, um Aphorismen hohen Ranges zu schreiben, aber in jedem großen Aphoristiker steckt ein Quäntchen Lyrik.“

Manche haben das erkannt. Unter dem Titel „lyrische Aphoristik“ erläuterte Harald Fricke in seiner Mainzer Preisrede von 2004 das Besondere an Benyoëtz‘ Dichtung und stellte seine begeisterten Ausführungen unter den Titel „Lyrische Aphoristik“. Lyrik und Aphorismus? Wie geht das zusammen? Fricke war ein rationalistisch geprägter Gattungstheoretiker und hatte den Aphorismus in seiner gleichnamigen Monographie in einer zuvor nicht erreichten Trennschärfe als nichtfiktionale Prosaform bestimmt, die durch ihre fragmentarische Struktur und Pointierung poetisch wird.

Aber er war eben auch kunstsinnig und konnte sich widersprechen, wenn er auf eminente Dichtung traf, die die Grenzen der Gattung überschreitet. Nun ist jede Bestimmung einer Gattung eine Lesart, die am besten formuliert und dem Widerspruch ausgesetzt wird.

Es geht nicht mit und auch nicht ohne Gattungs-Definitionen, die immer vorläufig und nachträglich sind. Ohne eine Gattungs-Definition jedenfalls lassen sich die Abweichungen der Ausnahmen und ihrer Schulen aber nicht einmal bemerken und behaupten. Etwas Bestimmtes ist immer etwas anderes… Das Differenzgefüge sind immer Vorschläge, und sie verändern sich auch mit dem Lesehorizont und sicher auch mit den Vorlieben. In der Germanistik herrscht dagegen nach wie vor eine platonische Tradition, die Wörter als Namen der Dinge versteht, und dann gegen Begriffe kämpft wie Don Quijote gegen eingebildete Windmühlen.

Ob es Einzelverse gibt, mag umstritten bleiben, es ist schwer denkbar, denn ein Vers allein wäre keiner. Wir erkennen aber mithilfe von Herder, Hopkins und Jakobson  den biblischen Parallelismus membrorum als Keimzelle vieler Versformen wieder. Allerdings arbeiten Wortakzente und Prosodie des Deutschen dem Lyrischen entgegen, nicht so die des Hebräischen. In der analogen Wortbildung und -stellung von Lexem- und Syntagmen mag bei Benyoëtz Lyrisches angelegt sein.

Als lyrisch konnte im Symbolismus und in der ihm folgenden Klassischen Moderne nicht mehr unbedingt die traditionelle Vers-Dichtungen mit ihren festen Formen und Metren gelten, sondern im Gegenteil auch etwa ein Drama gelten, in dem die fiktionale Rede nicht mehr auf gattungsgeschichtlich präformierte Handlung zustrebt, sondern die Selbstverständigung von Menschen im Moment ihres Vollzugs zeigt, dies oft in Grenzsituationen von Todesnähe und Liebe, die für die teleologisch angelegte klassische Tragödie nur transitorische Erscheinungen bleiben.

Für diese Momente ist nach deutschem Verständnis exklusiv die Lyrik zuständig. In Frankreich kommt die ältere, seit dem 19. Jahrhundert aufgefrischte Tradition von Pascals diskontinuierlichen cahiers hinzu. Hier wird laut raisonniert und zur Diskussion gestellt, und der Mut dazu gilt dort als intellektuell. Anders im Deutschen, wo man dergleichen, zumal als Mann, für sich behält oder wissenschaftlich als Gedankendichtung und literarisch als ‚bloße‘ Förmlichkeit abtut.

Ein Aphoristiker des 21. Jahrhunderts
Heute fragt sich Benyoëtz:

„Bin ich noch, – bin ich schon

Aphoristiker des 21. Jahrhunderts?

Die es behaupten oder entscheiden könnten,

stammen aus dem vorigen Jahrhundert.“ (S. 48)

Wir erleben heute auch in Europa, daß Religiöse wie Atheisten nihilistische und menschenverachtend sind, wie es schon Dostojewski in Verbrechen und Strafe beschrieben hat. Die standardisierte Kommunikation und politisch korrekter Information verfällt in Kategorien des vergangenen Jahrhunderts, sie bemüht Sozialpädagogen oder Toleranz gegen Haß. Sie bleibt vor diesem Phänomen wortreich sprachlos. Der Aphoristiker Benyoëtz nicht.

Wo dann von seiner religiösen Aphoristik die Rede ist, greift die Aphorismus-Forschung weit zurück: zu Pascals skeptischer Glaubensprüfung, die sich in Gestalt fragmentarischer Kurzprosa artikuliert. Noch viel älter, vorchristlich, ist das „Dubito ergo cogito“. Ich zweifle, also denke ich. Es ist sokratisch, also im besten Sinne altes Europa.  „Dubito ergo credo“ – ich zweifle, also glaube ich, ist Benyoëtz. So steht er einer besseren europäischen, französischen Tradition nahe, die aus ihrem Atheismus keine Konfession und erst recht keinen Glaubensakt macht:

„Keine Konfession,

die nicht zugleich Werbung wäre.“ (S. 63)

Er beraubt uns absoluter Lösungen und zeigt Momente von erfahrener Freiheit, die gegen unsere Narrative von Fortschritt und Verfall bestehen:

„Von der Überzeugung verlassen,

werden Zweifel andächtig

Völker müssen ihren Gott in Maßen halten

oder ihr Ende nehmen“ (S. 70)

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