Wort-Musik als tröstlicher Unsinn. Wolfgang Hildesheimer und die Kunst der Schlaflosigkeit

„Es ist Schlafenszeit. Aber wann wäre es das nicht?“

Wolfgang Hildesheimer: Tynset

Wer keinen Schlaf findet, nehme ein, möglichst altes, norwegisches Kursbuch, um darin zu lesen wie in einer Partitur:

„Ich greife blind auf den Nachtisch nach einem Buch. Ich bekomme ein Telefonbuch zu fassen, ich lege es aus der Hand.

Ich greife nochmals und bekomme ein Kursbuch zu fassen, ich nehme es auf. Es ist ein Kursbuch der norwegischen Staatsbahn von 1963. Es ist also nicht mehr ganz neu.

Auf dem Gebiet der Eisenbahnen jedoch dürfte sich innerhalb der letzten Jahre nicht viel geändert haben, es werden keine neuen Linien mehr gelegt, zumindest nicht in Europa.“

Vielleicht hat sich etwas geändert, sei’s drum. Die Variablen sollen konstant gehalten werden. Das alte Kursbuch erfüllt seinen Zweck:

„Das norwegische Kursbuch ist ein gutes Kursbuch. Es enthält kein Wort, kein Zahl und kein Zeichen zuviel.“

Silben-Partituren gestalteter Lebenszeit

Man kann also ungestört hören: auf Namen, auf falsche Herztöne, auf anklingende Bedeutungen, Leitmotive, Reprisen. Ein Klang-Film, der die bedrohlich fortlaufende Lebenszeit an sich reißt und ihr eine persönliche, verbindliche Gestalt.

Eine solche Art, zu hören ist Medium und Stimulus der Phantasie Hildesheimers. „Mit jeder Zeile vergeht die Zeit“, heißt es in Tynset vom Kursbuch, als wäre es eine Partitur:

„Tynset, das Wort klingt nach […] Zerlege ich das Wort in seine beiden Silben, so habe ich das zuerst das ‚Tyn’, einen hohen Gongschlag, Beginn eines Rituals in einem Tempel, leer bis auf die Gegenwart des einzigen, in sich selbst versunkenen Zelebrierenden, sehr fern, ferner als Griechenland habe also das ‚Tyn’, das sich alsbald, jäh aus seinen Vibritationen gerissen gerissen, mit dem ‚set’ setzt, als sei das Schwingen des tynnernen Beckens von einer kurzen, schnellenden Bewegung eines einzigen flinken Fingers zum Stillstand gebracht und damit seinem Dröhnen ein strenges Ende gesetzt: Tynn-Sett.“

In Tynset will der Erzähler auf allen abenteuerlichen Schnorrwegen von Poschiavo im Tessin nach Tynset – „das ist beschlossen.“ – Nach 133 Seiten trifft er ein:

„Tynset. Da liegt es, eine Saat zwischen die Gedanken gestreut, in eine Ebene, flach zwischen Hügel und mageren Wald, und dann ein wenig ans Gelände angedrückt, so schlägt es Wurzeln, geht auf, wuchert wie Unkraut, schlingt sich wie Schlinggewächse, erstickt die Gedanken außer den Gedanken an es selbst, es breitet sich aus erobert Gelände, wächst in die Höhe, festigt sich, wird eigenmächtig, fordernd und beansprucht Stadtrecht, das ich verweigere: so weit bin ich noch nicht. Gestern vielleicht, vor meiner Stunde des Alterns aber heute noch nicht…“

Ein schlafloser Picaro ohne Stadtrecht

Der Erzähler erscheint als Ahashver und moderner Picaro zugleich, der jedes Stadtrecht zurückweist, dem kein genius loci sich als zu Hause offenbaren will.

Das Telefon steht neben seinem Winterbett. Die Sprechfunktion ist überflüssig geworden, es dient nur noch der Hörer. Auch Erinnerungen an ein soziales Leben der Kommunikation, an das Fegefeuer der Literaten. Auf Hildesheimers „Letzten Zetteln“ steht zu lesen:

„Mögen Sie eigentlich Bindfaden? Wann ist wieder Aschermittwoch? Haben Sie heute am Bach die elf Kardinäle gesehen, mit ihren Zelluloiden?“

Sinnfrei zerlegt und, als Material für die Nachtmusik, wieder zusammengesetzt, rauben sie nicht mehr den Schlaf.

Ein solches Hören ist wie das Hören von Musik eine erinnernde Tätigkeit, erinnernd ohne die Last des Gedächtnisses, des geschichtlichen hier vor allem, das die Flucht in die Bewußstlosigkeit des Schlafs nicht mehr zulässt. Dazu verhält sich Musik wie ein Kontrapunkt, nicht wie ein Flucht- oder Heilmittel. Anklänge mögen auch zu einem Namen führen, der an eine verdämmerte Liebe erinnert, selbst diese Erinnerung ist nur durch das Motiv der Schlaflosigkeit ausgelöst:

„Jetzt fällt es mir wieder ein: Vanessa hieß sie. Vanessa, ein guter Name. Und ich muß sie geliebt haben. Ich erinnere mich –

ich erinnere mich, daß ich mich manchmal nachts im Dunkel, in jäher lähmender Angst um ihr Leben, über die Schlafende neigte, um zu horchen ob sie noch atme.

Ob sie noch atmet?“

Der bezwingende Gedanke an den Tod löst eine Erinnerung an eine verdämmerte Liebe aus, deren Erfüllung er im Wege stand, schlafraubend, wie es das erzählerische Gesetz des traumwandlerischen Romans will.

In seinen „Letzten Aufzeichnungen“ findet sich ein „Versuch, Depression vage zu beschreiben“: die Depression des Erzählers von Tynset, die psychotische Depression, an der Hildesheimer laborierte:

„Man ist außer sich oder neben sich, bekommt die Gedanken nicht von sich los, sie haften wie Kletten an der Haut und darunter, obgleich man sie dauernd abzustoßen oder abzustreigen versucht, – sie sollen das Weite suchen oder besser: hier haften bleiben, während ich das Weite suche. Und wenn es gelingt, über einen Gegenstand zu sprechen so hört man sich selbst, wie man über den Gegenstand spricht. Unmöglichkeit, sich zu objektivieren. Trost: das schaffen die meisten auch ohne Depression nicht.“

Musik und Humor, Kontrapunkte des drückenden Sinns

Wie aber kommen die Musik und der Humor in die Melancholie? In seinem Buch über Mozart ist es Hildesheimer gelungen, diesen Komplex zu objektivieren, oder doch: zu beleuchten. Es ist zugleich ein Betrag zum Verständnis der Seele des

„Überbegabten, als deren ausschließliches Privileg man ihn [den Humor] nicht betrachten kann, aber gern betrachten würde – denn das Maß der Erträglichkeit nimmt nach unten rapide ab.“ (Hildesheimer: Mozart, S. 124)

Anders als beim Nicht-Überbegabten also „entspringt“ Humor, nach Hildesheimer,

„nicht etwa dem Wunsch, zu heiterem Lebensgenuss beizutragen oder etwa die Welt lustig zu sehen, sondern eher dem Gegenteil: dem Drang, die Schwere des täglichen Lebensvollzugs des ‚Handwerks des Lebens’ (Cesare Pavese) hervorzukehren, indem es, kontrapunktisch zu seinem Ernst, im Unernst entlarvt, das Absurde betont, das Groteske, Widersinnige, Ungerechte, grimmig unterstrichen wird.“

 

„Wo war ich?“

Mit dieser Frage erwacht der Erzähler in Tynset aus seiner Eigenschaft als Hörer.

Eleganz heißt die Kunst, im richtigen Moment einzusetzen, und im richtigen Moment abzusetzen:

„in diesem Bett der Winternächte, der Mondnächte und der dunklen Nächte, in dem ich nun wieder liege, tief gebettet, obgleich es Tag ist, liege ich und für immer liegenbleibe und Tynset entschwinden lasse -, ich sehe es dort hinten entschwinden, es ist schon wieder weit weg, jetzt ist es entschwunden, der Name vergessen, verweht wie Schall und Rauch, wie ein letzter Atemzug –“

Es wird hell. Um das aufwachende Zusichkommen in die sinnvolle Ordnung der Dinge erträglicher zu machen, ist dann wieder Marcel Proust zu konsultieren.

 

 

Literatur

Wolfgang Hildesheimer: Tynset. Frankfurt am Main: Bibliothek Suhrkamp 1973

– : Mozart. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch 1980

– : Die letzten Zettel, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur 89/90, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Wolfgang Hildesheimer Januar 1986, S. 8-19

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