Satzgefüge. Portrait der Freundschaft zwischen Ulrich Sonnemann und Elazar Benyoëtz

„Das Gesetz will Ruhe; der Satz, weil er die Bewegung des Gedankens ist, gibt keine.“

Ulrich Sonnemann: Negative Anthropologie (1969)

Was hier folgt, begann 1967 an einem Münchner Stammtisch. Die Journalistin Ursula von Kardorff nam den jungen hebräischen Dichter Elazar Benyoëtz mit zum Kreis um den politischen Publizisten, Philosophen und Psychologen Ulrich Sonnemann (1912 – 93).

Kam Benyoëtz später auf Lesereisen nach Deutschland, pflegte er regelmäßig ein paar Tage halt zu machen in Gudensberg bei Kassel, wo Sonnemann als spät berufener Kasseler Professor mit seiner Frau Brigitte Sonnemann im Alter lebte. Dann lasen er und Benyoëtz einander aus Manuskripten vor. Gelegentlich sollen Einschlaflieder aus solchen Lesungen geworden sein.

Ein Zwang in der Sache

Streitbare Buchtitel Sonnemanns aus den 1960er Jahren deuten die Atmosphäre der ersten Jahre von Benyoëtz in der Bundesrepublik der Adenauer-Restauration an: Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten (1963), Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland (1964) und Schulen der Sprachlosgkeit. Deutschunterricht in der Bundesrepublik (1970). Sonnemanns Hauptwerk Negative Anthropologie. Vorstudien zu einer Sabotage des Schicksals erschien 1969. – Für dieses Buch hatte Theodor W. Adorno in der Vorrede seiner Negativen Dialektik geworben: „Ulrich Sonnemann arbeitet an einem Buch, das den Titel Negative Anthropologie tragen soll. Weder er noch der Autor wußten etwas von der Übereinstimmung. Sie verweist auf einen Zwang in der Sache.“

Wie Adorno stammte Sonnemann aus dem liberalen deutschjüdischen Großbürgertum, das an Werten wie Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, ästhetischer Erziehung und Bildung an Fremdem orientiert war. Mit Adorno teilte Sonnemann auch das Schicksal des Remigranten. Beide standen sie habituell für den urbanen Typus des öffentlichkeitsfreudigen Intellektuellen, der durch die Rekrutierungsverfahren der deutschen Universitäten sonst nicht besonders begünstigt wird; zunehmend weniger auch durch die Neuen Medien.

Anders als die beiden gehört Benyoëtz nicht zu den Schriftstellern, die sich in politischen Debatten profilieren. Er streitet durchaus für seine Sache, die deutsch-jüdische Überlieferung. Als Dichter sieht er seine Aufgabe aber in erster Linie darin, durch forcierte sprachliche Individualisierung. Er schafft Adressen, an die keine Ideologie appellieren kann. Doch ist auch er gezeichnet vom Pessimismus des Intellekts und vom Optimismus des Willens: des Willens zur Form.

Wenn es um Fragen des Satzbaus ging, vertraten Sonnemann, der Meister des Schachtelsatzes (Hypotaxis) und Benyoëtz, der zugunsten von klanglichen, bildlichen und syntaktischen Correspondances meist auf sytaktische Unterordnung verzichtet (Parataxis), die unterschiedlichsten Positionen. Die seit der antiken Rethorik bewährten Formen des langen und des kurzen Satzbaus erhalten bei beiden als Schwundstufen des Humanen besonderen Wert.

„Alle Wörter Flüchtlinge„,

so lautet ein Vers der Nelly Sachs. Das Verhältnis von Biographie und Poesie hat sich seit dem 20. Jahrhundert fundamental geändert. Die Flucht der Menschen und ihrer Worte um uns herum wird sich weiter ausbreiten, und jeder, der ihnen aus innerer Notwendigkeit heraus zugetan ist oder gar folgt, lebt wohl in seinem je eigenen sprachlichen Exil. Darüber mit einiger Überzeugungskraft zu sprechen, ist außerordentlich schwer. Ein gewisser Gestus des Autonomen zog mich seit meinen ersten selbständigen Lektüren an, anderes weniger oder gar nicht. Das betrifft Texte, die man nach herkömmlichen Kategorien in poetische und philosophische Texte unterscheidet. Ich muß mir eingestehen, daß mich dieser Sog zugleich stets hinderte, meine Selbstgespräche mit solchen Texten unzensiert wiederzugeben. Jedenfalls in einer deutschsprachigen Umgebung.

Was macht die Anziehungskraft solcher Texte aus? Die Überholung der traditionellen Syntax, das Vorherrschen des Anakoluthes und die Verlagerung der poetischen Sensation ins einzelne Wort, Bildverknappungen und Bedeutungsschichtungen sind Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die in der deutschen Dichtung von Hölderlin über George zu Celan reicht und sich in Frankreich, ausgehend von der symbolistischen Bewegung, in den Avantgarden stets aufs Neue verjüngt hat. Wie man weiß, setzt Baudelaires Verfahren des reflektierten Selbstgesprächs eine Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraus. Es sind die schwierigen, die reinen Poeten, die Dichter ohne Alternative.

An ihrer Seite stehen Sonnemann und Benyoëtz. Spätestens seit dem symbolistischen Poème en prose sind ohnedies die Übergänge zwischen artistischer Prosa und absoluter Dichtung fließend geworden, auch die ihrer Sekundanten von Nietzsche und Valéry zu Adorno und Derrida, denen ihre eigene Theorie ästhetisch wird.

Sonnemanns Vertrauen in die Evidenz der eigenen akustischen Wahrnehmung war ungebrochen. Gelegentlich hat er Nietzsches Polemik zitiert, die Deutschen hätten „die Ohren in die Schublade gelegt“. Er ließ seine Ohren entscheiden. In seiner kurzen Verteidigung des langen Satzes nennt er die Vorzüge des langen (und, in Klammern, des überraschend kurzen) Satzes gegenüber der beziehungslosen Sprache der Information: Die musikalische Unergiebigkeit des Telegrammstils, seinen vollendeten Mangel an jeglichem Zauber der Form (sogar jenem der unerwarteten, überraschendem, plötzlichen Kürze!) (…).

In Spontaneität und Prozeß, der Festschrift zu Sonnemanns 80. Geburtstag, spricht der Parataktiker Benyoëtz denn auch solidarisch von der „Satzbauernschlauheit“ des Hypotaktikers Sonnemann. Beide betonen sie das Explosive an Verständigung gegenüber dem kognitiven Prozeß des Verstehens. Das besagt der Titel „Was nicht zündet, leuchtet nicht ein.“ Der Untertitel greift das zentrale Thema von Sonnemanns Werk auf: „Ein Büchlein vom Menschen und seiner Ausgesprochenheit“. Noch dort, wo Benyoëtz als Beiträger mit viel Humor und Liebe Differenzen zu Sonnemanns stilistischen Gesten nennt, tut er dies als beredter Anwalt seiner Freundschaft:

Vom Sonnemannschen Satzgefüge

Ob es auszuschließen gedenkt oder einzuklammern, ist so schwer einzusehen, wie leicht zu erkennen: das Ausgeschlossene wird verteidigt, das Eingeklammerte beschützt. Beides in einem gedacht und randvollzogen. Auch am Nachgetragenen weisen sich Spuren der Vorsetzlichkeit.“

Was ihn mit der Kritischen Theorie Sonnemanns verbindet, hat Benyoëtz hier schlicht ausgesprochen:

„Das Gebrechen der Aufklärung – ihre Übereinstimmung mit der Natur des Menschen. Man kann den Menschen (und dies immer mehr) über das Böse aufklären, nicht über das Gute.“

Über das Gute aufzuklären, das wäre den Vertretern der Kritischen Theorie hoffnungslos naiv oder verlogen vorgekommen – oder beides zugleich. Es hätte bedeutet, Werte der bürgerlichen Aufklärung zu beschwören, die für Sonnemann seit 1933 hoffnungslos diskreditiert waren. Nicht anders als Benyoëtz sprach er über Dinge, die rational nicht unter Kontrolle sind und im Prozeß des technischen Fortschritts verdrängt werden.

Über das Schlechte aufzuklären, bedeutet ein Programm des Negativen. Für Sonnemann bedeutete es, „das Humane aus seiner realen Verleugnung und Abwesenheit“ zu erschließen. So schrieb er in Negative Anthropologie (1969). Im Nachwort zur Neuauflage von 1981 bezieht er seine Negative Anthropologie der verdinglichenden Bildern vom Menschen und seiner Geschichte ausdrücklich auf das Bilderverbot. Von Bilderstürmern und Ideologiekritikern trennt diese Auffassung die Einsicht, daß es außerhalb der Wahrnehmung und der Medien keine Anschauung gibt. Allerdings war er davon überzeugt, daß im Verlauf des technischen Fortschritt die Sinne abgestumpft seien. Wovon Ideologien umso mehr profitieren.

In diesem wichtigen Punkt kommt er mit Benyoëtz überein. Das zeigt sich auch deutlich in Sonnemanns Rezension von Benyoëtz’ Buch Worthaltung. Sie heißt Glückserfahrung einer Wortwerdung (Frankfurter Rundschau Nr. 150/1977) und hebt stark auf die jüdische Überlieferung ab, im Sinne einer reflektierten und zur Diskussion gestellten Praxis. Ein Beispiel für eine solche Auseinandersetzung bietet der Rezensent selbst, wenn er seinen Freund bei seiner Suche nach einem „unverwechselbaren Ausdruck“ zugleich ermutigt und kritisiert. Sonnemann deutet Benyoëtz’ poetische Sprache als Protest gegen das „Tauschprinzip“, das die Verständigung einseitig auf Information verpflichte und dabei den expressiven und appellativen Charakter der Rede unterdrücke. Stets reflektiert Sonnemann dabei eine alte deutsche Mentalität, der eine solche Haltung verdächtig erscheint.

Gegen diese Mentalität traute er der moralistischen Entlarvung von Gleichgültigkeit und Ideologie gewiß mehr kollektivierende Kraft zu, als Benyoëtz dies wohl je tat, der auf Kollektivierung ohnehin nicht viel gibt. Es hätte Vertrauen in die Generation der Neuen Linken in der Bundesrepublik vorausgesetzt, einer Generation, der Benyoëtz selbst angehörte. Für Sonnemann mag dies anders gewesen sein. In den sozialen Konflikten der späten 1960er Jahre wird Sonnemann der Linken zugerechnet, aber er selbst hält sie teilweise nur für links gewendet. In diesem Zusammenhang spricht er ein klares „Ich“ gegen das „Wir“, wenn er darauf bestand, daß es Freiheit nicht schon als Insitution, sondern zuerst und zuletzt als Eigenschaft gibt.

Sonnemann hatte es sich dennoch zur Aufgabe macht, eine neue Generation kritisch zu begleiten. Benyoëtz zeigte sich im selben Jahr 1969 in seinem ersten deutschsprachigen Buch Sahadutha nicht zu einem Bleiben in der Bundesrepublik ermutigt: Liest man diese Bücher parallell, erkannt man wie Benyoëtz seine Jüdischkeit im Deutschen ein neues, aphoristisches Profil gewinnt. „Begegnung führt zum Stil”, schreibt Benyoëtz in Sahadutha. Wenn er recht hat, ist es nicht abwegig, sich das Verhältnis von Körper und Individualstil ähnlich basal vorzustellen wie andere Zugehörigkeiten (rass, class und gender), von denen jede ihren counterpart an sich markiert.

Ein Deutscher auf Widerruf und ein Israeli

Man hat Sonnemann in Nachrufen als „linken Patrioten“ gefeiert. Wird er nicht, wie einige andere Remigranten auch, im Alter immer mehr „Ein Deutscher auf Widerruf“, um mit dem Titel des Philologen Hans Mayer ) zu sprechen? Diesen Eindruck vermittelt mir der von Sonnemann im Jahr vor seinem Tod herausgegebene Sammelband Nation (konkursbuch 27), in dem er ausdrücklich von „deutschen Juden“ und für sie spricht: Sie würden sich, so Sonnemann, von dem „Wurzelwahn“ nach der Wende von 1989 wieder einmal ausgeschlossen fühlen. Da war sie noch einmal: die reflexhafte Geste des gelernten Therapeuten und Moralisten. Und die verkörperte Differenz.

Bildung in der Form, in der sie Sonnemann noch erstrebenswert war, degeneriert heute zum Restbestand einer Geschichte der Faszination durch das streitbare Wort. Weil sie minoritär ist, läßt sie sich auch so wenig weiterreichen wie künstlerisches Vermögen und die Kraft vergleichender Begriffsbildung. Sonnemanns Rezension von Worthaltung und Benyoëtz’ Beitrag zu dessen Festschrift bilden Werte außerhalb der Ordnung des Markts. Beide Texte gehören der Sphäre primärer sozialer Beziehungen an. Sie dürfen als Ausdruck einer Sezessionskultur gelten. Im Hintergrund steht bei beiden die erzwungene Aufspaltung der Existenz in Mensch und Zugehörigkeit. Deswegen ist Benyoëtz als Beiträger der Festschrift für Sonnemann gerade an der Jüdischkeit des Freundes gelegen. Unter der Überschrift „Revolutionäres Ungestüm und messianische Kleinschritte“ heißt es:

„Jüdisch gedacht: der Glaube soll nicht nur in den Himmel ragen, sondern auch immer Boden gewinnen, denn er muß standhalten. Standhaft ist mehr als beflügelt, auch wiegt der Beständige mehr als der Beschwingte.“

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(Dieser Text beruht auf meiner (hier veränderten und erweiterten) Print-Publikation: Christoph Grubitz: Benyoëtz als Beiträger der Festschrift für Ulrich Sonnemann. Portrait einer Freundschaft; in: Christoph Grubitz et al. (Hrsg.): Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag. Herrlinger Drucke 2007, S. 158-162)

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