Mutmachend zerpflückt. Zu einer Erinnerung Peter Horst Neumanns

Zu: Kleines Privatissimum zur deutschen Nachkriegsliteratur, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 11, 62. Jg., Nov. 2008, Klett-Cotta, Stuttgart, S. 1019-1027)

 

Peter Horst Neumann (1936-2009), der im wunderblock schon als Lyriker und Hochschullehrer vorgestellt worden ist, gehört zu den Autoren, die in der Nachfolge der großen Philologen der Weimarer Republik (wie Max Kommerell oder Erich Auerbach) Kunstformen an Lebensformen binden. Im November erschien im Merkur seine bemerkenswerte und nicht ganz private Erinnerung an eine ästhetische Initiierung: „Kleines Privatissimum zur deutschen Nachkriegsliteratur.“

Schon die Gattungsbeschreibung bedarf heute wohl der Erklärung: „Privatissimum“, das ist an traditionellen Hochschulen die Form des Gesprächs gewesen, muss man sagen, an den Professoren einen kleinen Kreis von ausgesuchten Studierenden einluden, die „aus der Anomymität in die Präsenz treten“: So schrieb es Neumann Mitte der 1980er Jahre in einem Gutachten über mich, und das gilt auch für seine Vorstellung, von dem was ein Privatissimum sein soll in einer Zeit der Massenuniversitäten, ihrer Sprachverwaltung und ihrer unwirtlichen Hochschulbauten.

Neumann gibt in seinem „Privatissimum“ ein Zeugnis seiner ästhetischen Initiierung durch den vergessenen Schriftsteller und Schauspielers, Antifaschisten und Republikflüchtlings Horst Lommer (1904-1969). Neumann lernt ihn 1950 in der Ostberliner Wulheide, in einer Zeltstadt der Jungpioniere, kennen und vertraut ihm Schulhefte mit seinen Gedichten an. Einige Wochen später kommen sie zurück, mit einem „gnadenlos-freundlich[en]“ Brief: „So mutmachend“, schreibt Neumann rückblickend, „hat mich später niemand wieder jemand zerpflückt, so einleuchtend niemand zurechtgewiesen.“ (S. 1020f.) – Kurz darauf erfährt Neumann, dass Lommer nach Westberlin gegangen ist – und für den SFB, aus DDR-Sicht der Feindsender, arbeitet.

Neumann stellt seinen Begriff der „Nachkriegsliteratur“ ebenso lakonisch wie plausibel vor:

„Wenn wir von deutscher Nachkriegsliteratur sprechen, sollten wir nicht vergessen, dass ein bedeutender Teil dazugehörender Werke vor 1945 geschrieben wurden.“ (S. 1021f.)

Fällt es mir nicht schwer, mir meinen Lehrer als begeisterten Jungpionier vorzustellen, als entwurzeltes Kind schlesischer Katholiken? Nein, es hat mich, der ich es so nicht wusste, berührt. Jeder hat seine Geschichte, und jeder sollte versuchen dürfen, sie sprachlich zu objektivieren, um sie erlebt zu haben. Nur können wir nicht voraussetzen, dass alles gleich intersubjektiv werden kann. Schließlich geht es um geschichtliche und soziale Tatsachen, die eine solche Grundlage gemeinsamen Erlebens zerstört haben.

 

Was wir aus den Trümmern machen können, ist eine andere Frage, die sich nur im Beziehungsleben eines Einzelnen beantworten lässt. Und in diesem Punkt habe ich Neumann immer als vorbildlich und ermutigend erlebt. Nicht nur deswegen ist so ein Privatissimum nötig. Neumann spricht am Ende auch vom „Limbus der Bibliotheken“ (S. 1027), in dem Lommer verschwunden ist. „Limbus“ meint in der gebildeten nicht-offiziellen katholischen Tradition den Aufenthaltsort für Seelen, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind. Würde man die offizielle katholische Doktrin beim Wort nehmen, dann ist aber der Limbus patrum (der Ort der toten geistigen Väter), um den es hier geht, leer. Unverschuldet sind im Wesentlichen nur die geistigen Väter Christi, die Propheten, er aus dem Limbus herausgeholt hat. Getreu dem alten christlichen Vorurteil, dass mit Jesus das Genie in die Welt tritt.

 

Für Neumanns ästhetische Initiierung gilt das aber nicht wörtlich. Unser Limbus patrum ähnelt eher Heinrich Heines Literaturgeschichte: Sie ist bekanntlich „die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder womit er verwandt ist.“ Die Haltung, mit der Neumann an Lommer erinnert, entspricht dem Genre der Rettung, das wesentlich von Gotthold Ephraim Lessing geprägt ist. Rettungen nennt Lessing eine Reihe von Schriften, in denen er Autoren aus ganz verschiedenen Zeiten und Literaturgattungen öffentlich verteidigte, die das Unglück hatten, verfolgt, verdrängt oder vergessen zu sein.

 

Hier sind diese Besuche, so sagt es Neumann am Ende, „verbunden mit jenem fünfzehnjährigen Jungen, der sich diese Geschenke deutscher Nachkriegsliteratur zu eigen nahm und nicht mehr vergißt.“ – Dafür rechnet er nicht mit Zeugen:

„Leser, denen diese Verse heute nach sechs Jahrzehnten etwa zustoßen könnten […], werden Mühe haben, in deren hohen Ton und eine so tief gefühlte Anhänglichkeit an unser Land und den besseren Teil seiner Geschichte mitfühlend einzuschwingen.“

Auf den beiden letzten von neun Seiten seines „Privatissimum“ zitiert Neumann ausführlich aus Lommers 1946 beim Aufbau-Verlag erschienen Zyklus „Das tausendjährige Reich“. Es gehört, wie Neumann erklärt, zu jenem in der Adenauer-Republik verdrängten, vom Antifaschismus der DDR und später von den westdeutschen 1968er gepflegten (und zum Teil vereinnahmten) Erbe „politisch-satirischer Bekenntnisliteratur“ von Heinrich Heine und die Autoren des Vormärz bis Kraus, Tucholsky und Brecht. Ich gebe einige Verse wieder:

 

>>Treu<<, so spricht der braune Zwerg, / >>dem Parteiprogramme,/werf ich Heines Lebenswerk / in die braune Flamme.

 

Alle diese Schriften – sie / mögen hier verrauchen, / um im deutschen Volke nie / wieder aufzutauchen.<<

 

Horst Lommer: Das tausendjährige Reich

Neumann wäre nicht Neumann, wenn er seine Erinnerung nicht auch als Lehrer reflektieren würde. Denn jener Brief Lommers ist für ihn auch pädagogisch ein Maßstab: ein Brief, „der zwischen strenger Kritik und einfühlsamem Wohlwollen eine so sensible Balance hält, wie ich sie mir später oft selber oft wünschte, wenn es nötig war, irgendjemandes kritischer Wegweiser zu sein.“

 

Mir fiel an Neumanns Erinnerungen ein Bedauern auf, etwas schuldig geblieben zu sein. Hat er – so fragt er sich skrupulös – Lommer jemals gedankt? Solche Fragen sind dann auch den Verlusten geschuldet, die einer im Leben zu verbuchen hat.
Es mahnt mich aber umso mehr, nichts zu versäumen. Für mich ist Neumann schon in meinem Studium ein kritischer Wegweiser gewesen, den ich über akademische Verhältnisse hinaus gesucht habe. Auch diese Spätwirkung hält bis heute an, und ist angereichert durch seine Gedichte und seine Antworten auf meine Publikationen. Vor allem durch die Art seiner Antworten.

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