Leonid Balaklav: The Face of Light

1991, auf einer Tagung in Osnabrück, machte mir Manfred Winkler, Lyriker, Bildhauer und Celan-Übersetzer, ein Angebot, das ich unmöglich ablehnen konnte:

“Ich verbringe gelegentlich einige Wochen im Negev, in Mizpe Ramon. Da gibt es ein Zentrum für Schöpferische Künste. Wenn du möchtest, kannst du dort einige Monate an deiner Doktor-Arbeit schreiben.” Elazar hatte mitbekommen, dass meine private Situation für mich belastend war. Und da hat er sein Netzwerk angezapft.

Mit dem Überseekoffer nach Mizpe Ramon

Bei meinem Aufbruch aus Frankfurt dachte in erster Linie an die Aussicht, in Ruhe schreiben zu können, und packte den Überseekoffer, mit dem meine Großeltern Ende der 1920er Jahre nach Afrika ausgewandert waren, landete im Oktober 1991 auf dem Flughafen Tel Aviv-Ben Gurion, stieg in ein Sherut (ein Sammeltaxi) und fuhr ins Zentrum von Jerusalem, wo mich Manfred in seinem Atelier erwartete und mich mit Vergnügen in alle praktischen und unpraktischen, also schönen, Dinge des Lebens in Israel einweihte. In seinem Atelier verbrachte ich die beiden ersten Wochen, um mich zu akklimatisieren. Es war ziemlich heiß, und hatte schnell einen fiebrigen Durchfall, der mich bis heute unempfindlich gemacht hat.

Die weitere Verabredung sah so aus: Manfred hatte mit Pieter Bugel gesprochen. Das war der Manager des Zentrums für schöpferische Künste in Mizpe Ramon. Ich solle ihn da anrufen, weil man nicht sagen könne, wann ein Bus ankomme. Ich fuhr also mit einem Bus in den Negev, wo es im Oktober noch 40 Grad war. Ab Beer Sheba, in der Mitte des Landes, wächst kein Grün mehr. Der Bus war voll.

Ich habe Erfahrungen mit dem Schwitzen gesammelt, und war völlig fertig, als der volle Bus in Mizpe ankam und konnte kaum noch “Regga, Regga!!” (Halt!) rufen. Eine Soldatin richtete das dem Busfahrer aus und komplementierte mich mit dem Koffer aus dem überfüllten Bus in die Pampa. Ich ging in den nächsten Kiosk und rief, wie verabredet, Pieter an, der mich dann abholte.

“Negev – mystica”

Das Zentrum für Schöpferische Künste: Ein Neubau, wie alle Gebäude dort Neubauten waren. Im Hauseingang kein Licht, dafür eine große Pfütze. Aus dem Dunkel tauchte, wie aus einem Bild Chagalls, eine fahle Gestalt mit Kipa und Tefillin (Gebetsriemen) entgegen: Es war der Maler Leonid Balaklav, ein Jahr zuvor aus Odessa immigriert. Das erste, was ich von ihm hörte, war ein geheimnisvolles: “Negev – mystica.“ Grüß Gott!

Ich hielt es zunächst allein für einen guten Scherz zur herzlichen Begrüßung, was es sicher auch war. Mehr muß der unwissende Gast auch nicht wissen. Ich lernte aber, dass Leonids Begeisterung aber eine religiöse war. Es war für mich auch eine ansteckende.

Visuelle Ausnüchterung

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte ansonsten sofort festgestellt, dass meine optische Wahrnehmung durch die funktionale, improvisierte Architektur gut mit meinen literarischen Absichten zu vereinbaren war. Ich suchte keine optische Ablenkung, sondern Ausnüchterung. Erst nach Wochen fand ich einen eigenen, visuellen Zugang zur Landschaft. Ich entdeckt bei Wanderungen in der steinigen Wüste des Kraters Ramon immer mehr mehr feine Farbtöne.

Umgelehrt empfand ich nun bei zwei Fahrten nach Jerusalem und Tel Aviv das Grün ab Beer Sheva als auf aggressive Weise undifferenziert. Und war aufgewühlt durch die dramatischen Sonnenaufgänge im Negev, die ich beim Schreiben um fünf Uhr morgens in meinem kärglich und funktional eingerichteten Appartement. Wir erlebten bald auch die Gewalt der Natur in Mizpe in der unfreundlichen Gestalt eines jährlichen Ausläufers des Monsuns, mit Überschwemmungen und Stromausfall. Einige Autos kamen nicht mehr aus dem Krater Ramon, die Straße zwischen Mizpe und Eilat war kaum noch zu erkennen.

Leonid und ich freundeten uns an. Unsere visuellen Erlebnisse der Umgebung verbanden uns. Ich hatte Grund, mich beeindruckt und aufmerksam für seine Malerei zu zeigen, und tat es. Ich fühlte mich auch wohl, wenn ich ihn einen Stock höher in seinem improvisierten Atelier besuchte. Seine obesessive, auch ruinöse Arbeitsweise zog mich an. Er wurde einige Jahre später sehr schwer krank, was wir befürchteten. Er hat sich aber wie durch ein Wunder offenbar erholt, und malt unverdrossen weiter.

Im Bild Leonid Balaklavs

Leonid begnete mir auf seine Weise anerkennend: Er schmeichelte mir: “Professore litteratura.” Ich nahm es mit einem Schmunzeln an und ahnte, was kommt. Nun wollte er den “Professore litteratura” auch malen. Natürlich konnte ich ihm gar nichts zeigen, von dem was ich las und schrieb. Doch als observanter Jude zeigte er auf diese Weise seinen Respekt vor dem Wort und vielleicht auch für meine gegen alle Widerstände auf das Wort gerichtete Lebensweise, die mich glücklich in den Negev verschlagen hatte.

Undeutlich noch hing meine Neigung zum Aphorismus damit zusammen, der ohne den Zusammenhang eines kohärenten Texts und einer konkreten Situation steht. Auf der Suche nach der Stelle, die von Schrift noch nicht besetzt ist. Auch Leonid stand ästhetisch in einer Reihe, die sich auf die Emanzipation der reinen Mittel, hier der Form und der Farbe, des Lichts und des Schattens, beruft, und ihr den Vorrang vor dem geschlossenen Kunstwerk gibt.

Und er ermutigte mich damit auf seine Weise und auf einer Ebene, wie sie in den westlichen Kulturen kaum angesprochen wird, eher noch in der frankophonen Umgebung meines Studienorts Fribourg als in Deutschland, das zwischen Bilderdienst und Bildersturm hin- und her-wütet.

Wo gegenwärtig das Verlangen nach Bildern als Mittel der Unterhaltung und der angeblich authentischen Information am heftigsten wird, so beruft man sich auf ihren scheinbar größeren sinnlichen Reichtum den Gedanken und dem Wort gegenüber. Ich hatte für mich in meiner europäischen Umgebung längst das größere ästhetische Potential nicht in attraktiven Stoffen und Themen, sondern in einem distinguierten, stets neu differenzierenden Gebrauch des Worts entdeckt.

Exkurs im Russenkittel

Was bedeutete es damals für mich, bei Leonid Portrait zu sitzen? Als Kind wurde ich bereits 1969 einmal gemalt. Auch damals ging es um eine Symbolik der Form. Es entsprach einem Familien-Ritual der alten europäischen Oberschicht. Ich fand es als Kind lustig, durfte ich mich doch mit einem Russen-Kittel verkleiden. Das war vor 100 Jahren der informelle Dress-Code von Jungs aus den höheren Ständen bei Spaziergängen oder Reisen. Die Mutter meines Vaters hatte es sich gewünscht, bevor wir aus Niedersachsen nach Niederbayern gezogen sind. Nun also Niederisrael, der mystische Negev, um mit dem Meister Balaklav zu sprechen.

Nun sollte ich bei Leonid Balaklav eine mir noch wenig vertraute Bild-Kultur entdecken, die aus diesem Verständnis des Worts kommt. Dazu gehört bei ihm die bedingungslose Geltung von Habitus und Gebärde und das unbeirrbare Vertrauen in die Zeugungskraft von Ritualen, auch eine harte Hausordnung für das Leben in diesen Regeln.

Portrait sitzend

Leonid, der sich lieber hebräisch “Ari” nennen ließ, und ich kauderwelschten mit Vergnügen zwischen allen Sprachen, die wir nicht kannten, und verstanden uns irgendwie. Unmißverständlich und unvergeßlich seine ungeduldigen Anweisungen und fuchtelnden Gesten, wenn ich eine nachlässige Haltung einnehmen wollte: “Shester kell!!” “Dreh den Kopf!” Er stand unter Strom, ich hatte nun regelmäßige Arbeits-Pausen, und konnte dabei auch noch meine visuelle Wahrnehmung schärfen. Das alles gab meinem Schreiben neue Nahrung.

Er malte mich mit den Augen seiner Tradition: das heißt in der Tradition Marc Chagalls, im Stil der jüdischen Pariser Schule und des frühen figurativen Modernismus. Ort und Zeit interessieren bei dieser Art der Wahrnehmung nicht, aber der Eindruck der Person, den er ins Licht und in die Farblichkeit setzt.

Ein Leonid Balaklav sucht natürlich nicht einen kommenden “Professore literatura”, wenn man darunter eine vorzeigbare bürgerliche Existenz versteht. Ich saß auch nicht Portrait, wie das Wort im Satz sitzen soll. Er malte mich schließlich in gar nicht repräsentativen Momenten, in Phasen, wo ich aus dem Wort oben in seinem Atelier auftauche, benommen, weil es mich nicht entlassen wollte, in Phasen, in denen es weiter in mir formuliert. Für die Teilnahme am sozialen Leben sind solche verpeilten Phasen weniger geeignet, Leonid sucht sie. Sein Blick trifft Im Moment höchster Konzentration auf eine mimische Gebärde und taxiert ihre Nuancen im Nu.

Ich fand mich in Mizpe wieder im Rhythmus von Zitat und Kommentar. Sofern eine Gebärde auch sprachlich interpretiert werden kann, ist ihr ein pragmatischer Sinn äußerlich ist: äußerlich je nach kulturellem Kontext, in dem sie auf konventionelles Verständnis angewiesen ist, auf ein Publikum also, das die gemeinten Bedeutungen auch versteht. Die Gebärde im Blick Leonids und die in meiner entstehenden Doktorarbeit sind eins, sie gehört aber in zwei Kontexte.

Meine Lebensumstände und Arbeitsweise sprachen entschieden gegen die Möglichkeit einer Harmonisierung der pragmatischen Kontexte. Ich suchte auch keine Harmonisierung. Es drängte mich zu einem Wechsel der kulturellen Perspektiven und pragmatischen Kontexte. Wo er später im beruflichen Leben nicht möglich war, fühlte ich mich unwohl.

Monat für Monat schickte ich ein Kapitel an Harald Fricke, bei dem ich promovierte. Er fand genügend Gründe, sich wesentlich zustimmender zu äußern als vor meiner Abreise nach Israel. Es überraschte ihn angenehmst. Er hat das bei Gelegenheit einer herzlichen Ansprache anläßich einer privaten Feier meiner Promotion im Januar 1993 in Fribourg festgestellt. Dabei stellte sich heraus, dass er schon jahrelang Stoff für Anekdoten gesammelt hatte, “Grubitziana”, wie er das nannte, um dann mit einer glänzenden Pointe zu erklären: “Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben.”

Anwesenheit des Abwesenden, Abwesenheit des Anwesenden

The Face of the Light (2002) heißt ein Bildband Leonid Balaklavs. Auf dem Cover sieht man ihn in einem anderen Selbstbildnis.

Cover von „The Face of the Light“

Der Blick hat sich soeben vom Spiegel abgewandt und ist nicht auf etwas Unsichtbares gerichtet, auf etwas, was auf der unsichtbaren Leinwand erst entsteht. Dieser intime Moment wird nicht an ein Abbild verraten. Wir sehen Ausschnitte von Kopf und Körper. Das Unfertige, Imperfekte gehört zur symbolischen Form von Balaklavs Malerei wie der magische Eindruck, der durch Hell-Dunkel-Kontraste, durch reduzierte Farblichkeit und weiche Übergänge entseht.

Der Titel „The Face of the Light“ vergegenwärtigt eine der prophetischen Erfahrungen. Es entspricht der Sprache der hebräischen Bibel, dass solche Erfahrungen nicht an den Begriff verraten verraten werden. Es geht um ein überliefertes Selbstbewußtsein, das zugleich von Demut zeugt und sich keiner Autorität versichern kann. Die Tradition jüdischer Auslegung bekräftigt diese Haltung. Sie kennt keinen Katechismus und keine systematische Theologie. Es gibt eine Erzählung der jüdischen Literatur, in der sieben Propheten über das sprechen, was sie im Gesicht des Lichtes erkennen.

Vielleicht meint es ähnliche Erfahrungen, wie sie die moderne ästhetische Theorie ausspricht, wenn sie Erfahrungen des „Schocks“ (von Baudelaire bis Bohrer) und der „profanen Erleuchtung“ (bei Benjamin), Wahrnehmungen der „symbolische Form“ (bei Aby Warburg und Erwin Panofsky) und der Unterbrechung der Zeit (in der Poetik Roman Jakobsons) oder dem Nachleben des Dionysischen im Chor-Gesang, wie ihn Nietzsches Tragödienschrift bezeugt. Vergegenwärtigung in Bild und Stimme, diese Annäherung der Kunst und Philologie ans Ritual, dient nicht einer neuen Frömmigkeit. Sie blendet vielmehr die Wirklichkeit einer außerkulturellen Welt ein, das andere Gesicht der bürgerlichen Aufklärung, deren Gedächtnis immer wieder auf verhängnisvolle Weise verdrängt wird.

Im Vorschein

Sicher, solche Erinnerungen an Inkunbeln der kunstphilosophischen Moderne verhalten sich zu Leonids Bildern wie Texte zur Grammatik. So auch das, das was ich sagen habe, wenn ich ein Bild von ihm gebe: Der unermüdliche Antrieb Leonids kommt aus dem Spannungsverhältnis zwischen faszinierender Bildkultur und moralischer Besinnung, aber auch erotischer Verführungskraft der Sinne und ihrer Anstiftung zur Erkenntnis. Diese Spannung geht durch seine Malerei und durch seinen Körper, sein eigenes Gesicht, wie er es in Selbst-Portraits zeigt, ist das Doppelgesicht des ästhetischen Scheins: Es zeigt sich als Vorschein und Trug.

Ästhetische Erfahrung ist hier nicht eine Sache der Intuition, wie in der bürgerlichen Genie-Ästhetik, sondern eine des Lesens von Gestaltens und Gesichtern, die selbst noch so bewegt und unfertig, ja unerlöst sind, wie Natur und Geschichte. Was bei Leonig Balaklav je nach Ansicht als Artistik, Barock, Expressionismus oder magischer Realismus erscheinen mag, ist sein Midrasch, seine Exegese der Schöpfung.

Die Bilder, ich weiß nicht mehr, wie viele es am Ende waren, wollte er mir schenken. Ich kannte diesen von seiner Sache erfüllten Maler inzwischen aber gut genug, um ihm nicht übelzunehmen, dass er sich beim Abschied doch von ihnen nicht trennen konnte. Als ich 1998 wieder für einige Wochen in Jerusalem war, konnte ich mir wieder begegnen: Ich hing in einer Ausstellung in der Nähe der Ben Yehuda Street, in der Nähe auch von Manfreds Winklers Atelier.

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