Kein Stein zuhanden. Aber ein Schneeball. Peter Horst Neumanns „Lesereise zum eigenen Gedicht“

Rezension zu: Peter Horst Neumann: Die allegorische Spinne. Kleine Lesereise zum eigenen Gedicht. Edition Toni Pongratz 87

War alles
zugeschneit,
in dieser Welt
aus Stein kein Stein
zuhanden.

Wir legten
Einen Schneeball
Auf sein Grab.

Peter Horst Neumann: Poschiavo im Winter. Hildesheimers Grab

 

So spricht ein Mann, der sein „Handwerk des Lebens“ (Cesare Pavese) autodidaktisch und literarisch gelernt hat. Neumanns Gedicht erinnert – ebenso wie die vitale Geste des Totengedenkens – an seinen verstorbenen Freund, den Autor Wolfgang Hildesheimer. Not macht erfinderisch – und Neumann eben poetisch. Treffend erläutert Neumann, „dass diese Worte selbst der Schneeball sind, von dem sie sprechen.“ Auf solche Art sammelt der Dichter Gesten poetischer Begegnung mit der Welt.

In seinem Buch „Die allegorische Spinne“ geht Peter Horst Neumann ebenso handwerklich von einem ebenso bekannten, wie meist folgenlosen Befund über Dichtungen aus, die dem Publikum dunkel erscheinen mögen:

„Auch wenden sich neuere Gedichte weniger ans Ohr als an Auge. […] Dem Hörenden gleicht selbst ein zweimaliges Lesen den Nachteil nicht aus, besonders dann nicht, wenn Reime und strophisches Gleichmaß als Merkstützen fehlen.“

Neumanns Buch bietet eine ungewöhnliche Form der Präsentation eigener Gedichte. Zwar werden Lesungen von Gedichten gelegentlich als Stationen eines Wegs in einen räumlichen Zusammenhang gestellt. Aber solche Hinführungen und Überleitungen werden gemeinhin aber nicht in einen Lyrikband aufgenommen.

Der Dichter nennt sein Buch im Untertitel eine „Lesereise zum lyrischen Gedicht“. Entstanden ist das Buch mit seinen Hinweisen tatsächlich im Zusammenhang mit Lesereisen. Als Stationen also, nicht als feste Orte wollen solche Gedichte gelesen werden.

Wer wäre geeigneter für einen solchen Versuch als Neumann. Er hat in seinem langen Berufsleben immer wieder zeugniskräftige Formen in verschiedenen Rollen erprobt: als Essayist und Emeritus für Literaturgeschichte, als Kritiker und Juror, immer wieder auch als Moderator von Lesungen und nicht zuletzt als Freund vieler Autoren.

Neumann ist ein anspruchsvoller Leser und Lyriker, aber auch ein Mensch, der bereit und fähig ist, den Zugang zur Poesie nicht allein den schon Eingeweihten vorzuenthalten. Die souveräne Auswahl aus einem Fundus klassischer und moderner Formen, kommt dabei ebenso selbstbewußt wie beiläufig und leicht daher. Neumann beherrscht auf virtuose Weise das Wechselspiel des diskreten Verbergens privater Ereignisse und ihres persönlich-verbindlichen Zeugnisses. Sardonisch stellt er ein Gedicht vor, in dem er das lyrische Ich als Gesprächspartner und Spiegel preisgibt:

„Weil ein Gedicht nur bedingt zur Selbstverleugnung seines Verfassers taugt, ist die Versuchung groß, das lyrische Ich für den Dichter zu halten. Das ist selten ganz falsch, noch seltener trifft es ganz zu.“

Das so eingeleitete Gedicht heißt „Der gute Kamerad“, das lyrische Ich ist angesprochen, ihm berichtet der Autor indiskrete Fragen von Lesern. Am Ende erfahren wir aus der schelmischen Anrede:

„Fragt ihn doch selber,
hab ich zu ihnen gesagt,
und nun glauben sie,
daß du männlich bist.“

Der Philosoph Manfred Riedel, stellte die Gedichte seines Freunds Peter Horst Neumanns einmal so vor:

„Seine Gedichte sind Anreden und Erwiderungen, Selbstgespräche und Dialoge mit lebenden und toten Gefährten. Neumann sammelt lang Beschwiegenes, das seinem Dichten lapidare Ausdruckskraft verleiht, wie in Stein geschrieben.“

Der Eindruck des Steinernen, des Bezeugens, ist hier nicht als persönliche Eigenschaft aufzufassen – bei dem höchst kontaktfreudigen und verbindlichen Menschen Peter Horst Neumann schon gar nicht –, sondern als Hinweis auf Literatur in der Sozialgeschichte. Seit der symbolistischen Bewegung neigen Gedichte zu einer Abkehr von Konventionen zugunsten eines Tonfalls, der nichts anderes als ein persönlicher zu sein beansprucht. Um 1900 war dieser Ton auch im deutschen Sprachbezirk in den ästhetischen Kulturen üblich; in Frankreich hat er sich heute erhalten.

Dergestalt gründen die Wege der Modernen auf dem Unterschied, den jeder jedem bestätigt. Das ästhetisch Gleiche würde eine Gemeinsamkeit des Lebens voraussetzen, deren Mangel allererst der Ursprung moderner Kunst ist.

Seit dem Band „Zeitansagen“ von 1994 hat Neumann sich entschieden, vorwiegend Gedichte zu publizieren. In den vergangenen Jahren erschienen von ihm parallel zu seinen poetischen Werken Essays und gedruckte Vorträge, die die Entfremdung des Gedichts von Gesang und Rezitation zugleich diagnostizieren und widerrufen. Beispiele sind sprechende Titel wie: „Wie der deutschen Lyrik das Singen verging. Von Eichendorff zu Paul Celan“ und „Von der Geselligkeit ungeselliger Gedichte“.

Neumann selbst flüchte schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts zweimal, früh im Leben: als Schulkind von Schlesien nach Sachsen, als junger Student von Leipzig nach West-Berlin. Stets hatte er eine Neigung zu Dichtungen, die er „sprachfest“ zu nennen pflegt, auch zum Fragmentarischen, das mit den Kunstformen auch die Lebensformen als historisch gebrochene ausweist: Als gebrochene nämlich, die sich individuell zu Stationen formen lassen.

Ist es müßig oder gar unstatthaft, hier an die Biographie des Autors zu erinnern? Ganz und gar nicht – wenn man sie nicht als Schlüssel zu seinen Gedichten missversteht. Die Hinweise auf Orte, Personen und Situationen in Neumanns Gedichten markieren vielmehr Stellen der Erinnerung, die von Schrift nicht – oder noch nicht – besetzt sind.

Was hier verstanden werden kann, ist, daß der fugenlosen und logischen Vertextung der Welt Erfahrungen im Wege stehen, die an dieser Stelle nicht anders zu bezeugen sind als mit Stellen, die sich dem Verständnis nicht ohne weiteres erschließen: vom Standpunkt der absoluten Dichtung gesehen ein Mangel, der den Gedichten Neumanns aber um ihres Sinns willen nötig ist.

In seiner Laudatio auf den seit 1958 in Finnland lebenden Dichter Manfred Peter Hein stellt Neumann auch in eigener Sache fest:

„Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Finnland.“

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