Form als Protest. Paul Valérys Inaugural-Rede vor der Académie française

Als Paul Valéry 1925 den Platz Anatole France in der Académie française einnahm, brachte er bei seiner Inaugural-Rede das rhetorische Kunststück fertig, ganz konform mit den Regeln dieses pietätvollen Rituals, seinen Vorgänger zu vernichten, ohne auch nur ein schlechtes Wort über ihn zu sagen.

Im Gegenteil: Valéry hat sich standesgemäß benommen. Er praktiziert eine vornehme Haltung, die Freiräume und Pietät läßt. Und doch macht er keine Abstriche bei seinen Maßstäben.

Er spricht von „meinem berühmten Vorgänger“ oder vom „künftigen Autor des Jean Sevien“. An Stelle seines Vorgängers nennt Valéry immer wieder Racine. Die Linie ist deutlich: Hier soll Racine gegen einen mißratenen und seinerzeit maßlos überschätzten Bewunderer verteidigt werden.

Ökonomie der Mittel

Valéry läßt am Ende keinen Zweifel daran, was ihm bei seiner Rede wichtig ist: dass er mit ihr „gewiß diese erstaunliche Ökonomie der Mittel gewürdigt habe, die Racine eigen ist“.

Das ist frech. Und leicht. Bei Valéry denke ich immer, irgendwann muß es doch gut sein, aber er setzt sein Etudenspiel immer weiter fort. Kurz und trocken. Das trauen sich nur die, die wissen, dass sie gut sind. Sollen sich die politisch Korrekten empören, Valéry hat dergleichen jahrzehntelang in Notizbücher geschrieben.

Anatole France war dessen Ökonomie der ästhetischen Mittel zwar auch Vorbild. Er ist aber ein sehr gutes Beispiel dafür, wie begnadete Stilisten sich im Zeitalter der Ideologien prostituieren. 1921 hatte er, 76jährig, den Nobelpreis gewonnen. Es war, wie so oft beim Nobelpreis, ein Geschenk des Zeitgeists an einen brillanten Stilisten, der seine Fahne nach dem Wind hing.

Anatole France ist heute vergessen, Paul Valéry wird von Literaten wie von Philosophen und Wissenschaftlern hoch geschätzt. In erster Linie wegen seiner aphoristischen Cahiers, die er über 40 Jahre lang führte. Die Ökonomie der Mittel gehört auch zur Gattung des Aphorismus. Jedenfalls bei den Könnern.

Verschwiegenes

Die Aphorismensammlung Choses tue (Verschwiegenes) zeigt, daß er keine Illusionen über den schönen Schein hatte, den die feinen Unterschiede mit sich bringen. Er hat sie nur objektiert. Ich zitiere hier nicht nach der Pleiade-Ausgabe, sondern nach der subtilen Übersetzung Peter Szondis, der, an Valéry geschult, Interpretation und Übersetzung als radikalste Formen der Subjektivität zur Lebensform entwickelte:

„Jeder ein Mörder

Es gibt diese kleine geheime Bewegung, diesen Reflex, der tötet – der den tief innen auslöscht, vernichtet, der uns etwas sagt, wovon wir nichts wissen wollen.“

Die Welt der Académie français war durchaus das angemessene Feld für diese Stilübung. Hier fand sich seit Richelieu eine homogen gehaltene und bis heute konstante Elite. Sie zeichnet sich innerhalb durch Interaktion in gleichberechtigten Rollen aus. Eben das ist ein Kennzeichen von „Interaktion in Oberschichten“, wie Niklas Luhmann in seiner gleichnamigen eminenten Studie zeigt.

Freier Zwang

Als Vulgata dieser Interaktion gilt Giovanni Della Casas kleines Traktat Galateo über die „customi“, die Sitten. Sie beruhen darauf, dass man die eigene Freiheit hintangestellt, um es mit sich und den anderen besser auszuhalten. Della Casa gilt irrtümlich, auch in der Ideologiekritik, als der italienische Knigge. Bei beiden finden sich aber keine Anweisungen, wie man den Tisch politisch korrekt deckt. Die Analyse Della Casas verhalten sich wie die Grammatik zu solchen Maximen. Er beschreibt mit desillusionierter Contenance, eine Verschränkung von Zwang und Freiheit, die das Zusammenleben charakterisiert, noch bevor Konventionen gelten oder andere.

Eben diese Lebensklugheit gilt in liberal-demokratischen Milieus als verlogen. Diese Ablehnung ist dem Ideal des Authentischen und dem Ressentiment gegen die geistige Freiheit der Elite geschuldet. Bei der Wahl der Themen und Mittel fand das Kind der Oberschicht zwischen Relevanz und Stilebenen leichter die Balance: Valérys „Ökonomie der Mittel“. Der Bürger aber mußte die Regeln auf freier Wildbahn aushandeln und durchsetzen. Freiheit erlebt er in Wirklichkeit oft nur als die Freiheit der Ellenbogen. In einer solchen Gesellschaft verkehrt die bloße Sehnsucht nach Vertrautheit zum „Terror der Intimität“, wie Richard Sennett in seinem gleichnamigen Klassiker der Soziologie es beschrieben hat. Sennett sieht darin den „Verfall des öffentlichen Lebens“ und meint damit z.B. das endlose Berichten aller Details des alltäglichen Lebens, für das es zu kurz ist.

Form als Abgrenzung 

Allein als Stilist hat Valéry ein gleichzeitig artistisches und engagiertes Formpathos vertreten, das er selbst durch die Maxime: „Eine Schreibweise schließt die andere aus“ ausdrückt, Adorno durch die Formel „Form konvergiert mit Kritik“. Was den Essayisten und Aphoristikern hier vor Augen steht, ist zu verständlich als Idiosynkrasie gegen die billige Pointe, gegen den vorformulierten Klang, gegen die Redensart; schließlich gegen die Muster gedanklicher Kontrolle der Form.

Ähnliches dürfte auch für den heute eminentesten deutschsprachigen Aphoristiker Elazar Benyoëtz gelten, der diese Poetik ausdrücklich auf den Umgang mit sich und den anderen erweitert: „Protestiere nicht, deine Haltung sei dein Protest.“

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