„Der Geist verabscheut die Gruppenbildung“. Paul Valérys Schrift „Politique de l’esprit“ von 1932

Paul Valéry schreibt in seinem Vortrag „Die Politik des Geistes“ : » L’esprit abhorre les groupements «, „Der Geist verabscheut die Gruppenbildung“ (La politique de l’esprit. Notre souverain bien).

Ich zitiere es hier deutsch nach der Ausgabe, die mir mein Freund Elazar Benyoëtz zu meinem 40. Geburtstag vor zwei Jahren geschenkt hat. Er konnte es sich nicht verkneifen, mir diesen Satz, augenzwinkernd und dezent mit Bleistift, in diese Ausgabe zu schreiben.

Mit dem Zusatz: „Für Dich, lieber Junge, der du ohne Gruppe gebildet bist.“ Was macht diese Ausgabe und die Widmung zu für mich zu einem wertvollen Geschenk?

Es sind die Jahreszahlen und die Namen, die wichtig sind. Der Vortrag Valérys stammt vom 16.11.1932, die deutsche Ausgabe des Bermann-Fischer-Verlags aus dem Geburtsjahr Elazars (1937) und noch dazu aus seinem Geburtsland (Wien) Es sind letzte Momente des Geistes.

Es geht um die Poetik, die Elazar mich nun schon 20 Jahre lang verbindet, seitdem ich sie 1994 in einer Monographie über sein Werk vorgestellt habe. Sie erschien mit einem Geleitwort von Harald Weinrich (Collège de France) unter dem Titel „Der israelische Ahoristiker Elazar Benyoëtz im Niemeyer-Verlag Tübingen. In diesem Jahr erschien nun mein Geschenk zu seinem 70. Geburtstag am 24. März: Das Buch „Keine Worte zu verlieren.“

Ich selbst habe mich in meinem Studium und während meiner Dissertation in der französischen Schweiz und in Israel) selbstverständlich an dieser Tradition orientiert. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, mich der Gunst oder Glaubwürdigkeit von Institutionen und Kollektiven zu versichern, um Ortswechsel und materielle Unsicherheiten leichter zu überstehen. Ich habe diese Umstände sogar gesucht.

Heute können sich Einsichten in den Geisteswissenschaften schwer behaupten, die individuell gewonnen, persönlich verantwortet und, oft unter gewissen Risiken, im Zuge eines Reifungsprozesses gewonnen sind. Stil als Mittel der Erkenntnis unterliegt der individuellen Reifung. Das Erlernen und Erproben von Methoden gehört dazu.

Kollektivierung, Arbeitsteiligkeit und Zentralismus sind in der Zwischenzeit verstärkt zum Kennzeichen geisteswissenschaftlicher Forschungen geworden. Motivation und inzwischen sogar die Themenwahl ihrer Akteure erscheinen wie die Verfahren ihrer Rekrutierung mehr und mehr an die Institution gebunden. Ebenso die EU-konforme Standardisierung des Geists in meist hoffnungslos überfüllten Lehrveranstaltungen.

Das Argument, man könne ein Pensum nicht allein bewältigen, gilt in diesem Feld nicht. Es spricht für Unerfahrenheit oder Mangel an Planung und Einschätzung der eigenen Kapazitäten.

Im Gegenteil: Auf dem Feld des Geistes bringt Zusammenarbeit nur etwas, wenn die Partner vorher ihre Erfahrungen auf eigene Faust gemacht haben, wenn ihre Arbeitsweisen zusammenpassen – und wenn sie einander schließlich die Möglichkeit schenken, ihre Einsichten der kritischen Auseinandersetzung zu überlassen. Ich habe dies dann und wann erlebt, verstärkt, seitdem ich bewußt institutionelle Zusammenhänge meide, und ich für verabredete Ziele solche Kooperationen selbstbeauftragt eingehe.

Die typische Form der Dokumentation von Erkenntnissen ist heute ein thematisch oft der diffuse und schlecht lektorierte Sammelband eines Kollektivs. Er hat meist bessere Chancen auf seinem Markt als die altmodisch erscheinende Monographie, weil die staatlichen Institutionen diesen Trend fördern. Wettbewerb entsteht wiederum nicht durch persönliche Motivation, sondern durch die Konkurrenz um bescheidener werdende Ressourcen. Sie fördert ein Milieu kleinbürgerlicher Ressentiments, und hemmt das, was man heute einen „Flow“ nennt, also das lustbetonte Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit.

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