Das Allgemeine und das Besondere. Zur Erinnerung an Harald Fricke (1949-2012)

Ein Philosoph war nach langem Nachdenken zu der Überzeugung gekommen, die einzig legitime Form der Darstellung sei diejenige, die den Leser stets aufs Neue gegen die Illusion von Wahrheit, die der Text erwecken möchte, unempfindlich mache. […]

Ein anderer Philosoph gab ihm jedoch zu bedenken, daß eine solche Entscheidung widersprüchlich sei, da sie eine so hoffnungslos ernste Absicht des Autors erkennen lasse, daß dieser am Ende nicht anders könne, als sich von seinem Ausdruck zu distanzieren.

Giorgio Agamben: Idee des Rätsels

Lektüren sind oft Wegweiser, ebenso wie es Begegnungen mit Menschen sein können. In meinem ersten Semester, in Heidelberg, (1984/85) stieß ich auf Harald Frickes beim Beck-Verlag veröffentlichte Habilitationsschrift, auf die Poetik Norm und Abweichung. Das Buch traf auf meine Unzufriedenheit damit, wie ich den Umgang mit Literatur in den westdeutschen Massen-Seminaren erlebte, und darüber hinaus, was es mit Philologie als einer Wissenschaft auf sich haben könnte. Vielfach wurde das Fach ja auch nach allen möglichen Reformen und  Methoden-Streitigkeiten noch nach seinem Gegenstand benannt: „Literaturgeschichte“. Methodisch und theoretisch fundiert kam mir mein Grundstudium in Heidelberg nicht vor. Zu diesen Fragen, die sich für mich stellten, hatte Fricke innovative Vorschläge gemacht. Auch sein war anders als ich es von der Fachliteratur kannte: Betont nüchtern und leicht, unbestechlich in seinem Scharfsinn und in seiner Urteilsfreude wird hier vorgestellt, wie eminente Literatur die Grenzen der Erfahrung und des Denkbaren hinter sich lässt, und das, was wir Wirklichkeit nennen, in einem kritischen Licht erscheinen lässt. Geschichtsphilosophische Spekulationen und Sinnstiftungen lagen ihm fern, dafür  vertrat er entschieden, daß Literatur auch für den Wissenschaftler Vergnügen bereitet und lehrreich ist. Allein der Begriff der „Norm“ sprachlicher Wirklichkeit erscheint hier unter drei Aspekten: als statistischer Befund, als Institution und als Konsens.

Besuch in Fribourg 1984

Nun sondierte ich umso mehr, auf wen ich dort wohl treffen würde. An einem bundesrepublikanischen Feiertag 1984 setzte ich mich in Heidelberg in den Zug und besuchte zwei Vorlesungen in Fribourg. Es war mein zweiter Besuch in Fribourg. Ein Jahr vor meinem Abitur hatte mir mein Vater, Jurist und Redakteur, seinen Studienort gezeigt. Logieren konnte ich bei Freunden von ihm.

Zuerst besuchte ich eine Vorlesung Bernard Böschensteins, der in einem Gastsemester über Hölderlin und Celan las. Wie immer sprach der Genfer Altmeister der Littérature allemande et comparée anspruchsvoll, weltläufig und seduktiv. Seine Studien zur Tradition der schwierigen, der reinen Lyrik von Hölderlin über die Symbolisten zu Paul Celan waren in der gelehrten Welt schon ein Inbegriff, ebenso seine Verdienste als Übersetzer und Anthologe der französischen Symbolisten und ihrer Erben. Er pflegt im Sinne Baudelaires ein fortgesetztes reflektiertes Selbstgespräch mit seinen geistigen Ahnen; Selbstgepräch, das eine unausgesetzte Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraussetzt.

Nachher stellte ich mich ihm vor, grüßte ihn von seinem Freund Peter Horst Neumann, den ich vorher besucht hatte, und erzählte ihm von meiner Absicht, nach Fribourg zu wechseln, unter anderem meiner Abneigung gegen deutsche Massen-Universitäten. Böschenstein frohlockte im Ton von Hölderlins Poesie: „Jaaa, in Deutschland ist der Professor ein ferner Gott!“

So empfand ich es nicht, denn ich pflegte ja schon seit meinen letzten Schuljahren Umgang mit dem Frankfurter Emeritus Paul Stöcklein und Frickes Lehrstuhl-Vorgänger in Fribourg, Peter Horst Neumann. Böschenstein war in seiner Jugend durch George-Schüler initiiert worden. Und er hatte bei dem Zürcher einstigen Literaturpapst Emil Staiger studiert, der wenig von der Idee hielt, daß einer das Sprechen über Literatur lernen könne. „Die Kunst der Interpretation“, so sein Klassiker von 1951, sei den gebildeten Ständen vorbehalten: Eine Art erblicher Aristokratie des Geists.

Etwas anderes ist an Böschensteins Haltung für mich selbstverständlich: Für mich ist es natürlich, daß der Zugang zur Dichtung an den Eros einer Initiation gebunden ist, die man in einer angemessenen Umgebung und Überlieferung kultiviert. Daß man aber das Sprechen über Literatur lernen kann, wollte ich nun für mich festellen. So ging ich von Böschenstein direkt in Frickes Vorlesung zu Methoden der Literaturwissenschaft. Fricke war, mit 35 Jahren, soeben aus Göttingen auf das zweite neugermanistische Ordinariat in Fribourg berufen worden, das seit dem Abschied Peter Horst Neumanns vier Jahre lang verwaist war. Ich merkte gleich, daß mir seine Nüchternheit kontrapunktisch gut bekommen würde. Nach der Vorlesung sprach ich ihn an. Er nahm sich Zeit und ging gleich auf pragmatische und bürokratische Fragen des Wechsels ein. Die Atmosphäre war deutlich entspannter, als ich von deutschen Massen-Universitäten gewohnt war.

„… ein merkwüdiges Gespann“

Gewechselt bin ich dann im Frühjahr 1987 nach Fribourg. Ich nutzte die Zeit bestens, um mich bei Peter Horst Neumann, dem Essayisten und Lyriker, in Erlangen vor allem stilitisch und literaturgeschichtlich zu schulen. Dabei hatte ich auch schon Gelegenheit, Frickes Poetik des Aphorismus (Metzler 1984) zu erproben. Im Wintersemester 1986/87 konnte ich sie für eine Arbeit in einem Oberseminar Peter Horst Neumanns zu Karl Kraus’ polemischer Aphoristik nutzen. Innerhalb der Schriften Frickes ist diese Monographie eine Anwendung seiner Poetik „Norm und Abweichung“ (1981).

Kaum in Fribourg angekommen, entdeckte ich Anfang 1987 bei meinen üblichen Streifzügen durch Antiquariate und Buchhandlungen das Werk von Elazar Benyoëtz. Mein Zugang zum Aphorismus war zunächst kein akademischer, sondern eher der eines anspruchsvollen Sammlers. Ich trat bald in den Briefwechsel mit dem Autor. Dass Fricke – damals noch – aus Überzeugung Distanz zu Dichtern pflegte, war mir fremd.

Der Germanist Jürgen Stenzel (Braunschweig), den ich Ende 1991 bei Benyoëtz in Tel Aviv kennenlernte, kommentierte die Konstellation seinerzeit in einem Brief vielsagend:

„Sie, Benyoëtz und Fricke – ein merkwürdiges Gespann.“

Das kann man so sehen. Fricke erzählte mir einmal, daß Stenzel als Assistent in Göttingen um 1970 herum dem jungen Studenten Harald Fricke eine Arbeit zu Gedichten von Novalis beleidigt verrissen hatte, weil er darin die Sprache der Romantiker in einer provokativ analytischen Sprache der Logiker und Wissenschaftstheoretiker analysierte. Fricke erzählte das, weil er mich gerade wieder einmal über die poetischen Figuren und „poststrukturalistischen Fallrückzieher“ in der frühen, experimentellen Phase meiner Dissertation frotzelnd hingewiesen hatte.

Ich habe Kollegen von Fricke erlebt, die dies als Kunstfremdheit etikettierten. Ich kann das überhaupt nicht bestätigen. Schließlich ließ sich Fricke immer leicht für meine eigenen literarischen Entdeckungen  und Fragestellungen begeistern und wurde für mich ein verbindlicher, kritischer Ansprechpartner. Es gab ja auch eine gemeinsame Affinität zum Aphorismus, als einer Form, die in der Gattungs-Poetik lange als Stiefkind behandelt wurde und von Germanisten über viele Jahrzehnte als Beleg mal für nationale, mal für revolutionäre Sinnstiftung benutzt wurde. Daß diese Gattung in ihren Höhepunkten ein Potential der Dichtung eröffnet, wie sonst nur die moderne Lyrik nach Mallarmé, hatte sich allenfalls in der Romanistik hier und da herum gesprochen. Aus dieser gemeinsamen Sache  entstanden sous la direction de Harald Fricke meine Lizentiats-Arbeit (1989) und meine Dissertation (1992/93) zu Elazar Benyoëtz.

Erst 10 Jahre nach meiner Promotion hat Fricke Elazar kennengelernt. Daraus wurde eine bemerkenswerte Kooperation, wie sie in der Klassischen Moderne zwischen Philologen und Dichtern üblich war, heute aber selten geworden ist. Der eine wurde dem anderen zum kritischen Lektor. Das sind Begleitumstände der Bücher „Gesetz und Freiheit. Eine Philosophie der Kunst“ (von Harald Fricke, Beck-Verlag 2000) und „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (von Elazar, im Hanser-Verlag 2000).

„Ein Studium in Fribourg ersetzt ein Studium der Komparatistik“

Der Studienort Fribourg bot mir eine meinen Neigungen und Interessen angemessene Situation. Es ging mir dabei nicht um eine gut möblierte Nische abseits der Probleme einer deutschen Massenuniversität, die hatte ich bereits vorher in einem Oberseminar bei Peter Horst Neumann im Wintersemester 1986/87. Es ging mir vielmehr darum, meine Entdeckungen im Wechsel sprachlicher und fachlicher Perspektiven zu leben. Außerdem fand ich in Fribourg all das, was deutsche Hochschul-Reformen seit 1967 so oft vollmundig erklärten, um sich immer weiter davon zu entfernen: Eine internationale Auswahl von Professoren und Assistenten, ein mehrsprachiges Studium und die nicht von Bürokratie gestörte Möglichkeit eines interdisziplinären Studiums und ein äußerst günstiges Verhältnis der Zahlen von Dozenten und Studierenden. Von einer „Exzellenz-Universität“ zu reden, wäre uns nicht in den Sinn gekommen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass er meine Situation und meine Neigungen spontan sehr synthetisch aufgefasst hat, so wenn er auf seine selbstbewusste und zugleich Selbstbewusstsein schätzende Weise sagte: „Ein Studium in Fribourg ersetzt ein Studium der Komparatistik.“ Oder, bei der Vorlage eines Kapitels im Doktoranden-Kolloquium: „Schreiben Sie doch lieber: … bei Benyoëtz“ in einer Überschrift. Auf diese Weise zeigte er mir, dass er meine Art schätzte, das Allgemeine im Besonderen zu suchen, aber mich dann wieder vor euphorischen Verallgemeinerungen zu warnen. In der Tat: Meine Auffassung der Bedeutung von Benyoëtz in seinen Zusammenhängen mit der französisch-deutschen Aphoristik, der modernen europäischen Lyrik und dem skeptischen biblischen Spruchdichter Kohelet war intuitiv, und nicht akademisch, schon gar nicht germanistisch-nationalphilologisch. Fricke hat die theoretischen Schwächen der Arbeit durch seine beständig fordernden Kommentierungen einzelner Kapitel glimpflich gemacht.

Mit Fricke auf dem Weg zur Promotion und darüber hinaus im Austausch

Als ich seine Aphorismensammlung Vielleicht – Vielschwer im Frühjahr 1987 in Bern entdeckte. In seiner aphoristischen Dichtung hörte ich einen Ton der symbolistischen Bewegung, der sonst nur noch in der Romania lebt. Das dichterische Wort löst sich von Situation, Verständigung und Inhalt. Mit Benyoëtz:

„Das Wort sucht den Satz und ist mit seinem Ursprung und meinem Ziel unterwegs.“

Es fiel mir spielerisch leicht, im Alltag sprachliche und literarische Muster aneinander zu relativieren, aber schwer zu verallgemeinern. Deutsch wurde mir auch im Privaten zu einer Sprache neben anderen, genauer: zu einer nicht mehr lebendigen Sprache der Literatur und Erkenntnis. Die deutsche Semantik wurde durch die lateinisch-französische mehr und mehr überlagert. In meiner frankophonen Umgebung steigerte sich meine Sensibilität für die anspruchsvolle und in ihren Bezügen hybride Aphoristik und Poesie von Benyoëtz. Ihre Silbenmusik und Tanz der Satzglieder sind dem Symbolismus und der hebräischen Versdichtung in vielem verwandter als die deutsche Aphoristik der Gegenwart. Ich machte nolens volens die Probe auf Adornos versonnene, Fricke würde vielleicht sagen verstiegene Bemerkung:

„Nur der verfügt über die Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Heute ist mir bewusster, daß ich in diesen Jahren zwischen mehreren Sprachkulturen unbewusst eine Haltung kultiviert habe, die nur durch eine Distanz zum Gegenstand der Erkenntnis, also selbst der deutschen Rede, möglich ist. Die Sprachphilosophie des deutschen Idealismus erscheint mir, wo ich ihr begegne, fremd, wenn nicht ausgrenzend. Sie besagt, nach Wilhelm von Humboldt, dass „die verschiedenen Sprachen die Organe der eigenthümlichen Denk- und Empfindungsvoraussetzungen der Nationen ausmachen“.

Solche Fragen des deutschen Idealismus stehen in allzu realen Zusammenhängen ideologischen Wahns, als dass man sie vergessen könnte. So war es der NS-Komparatist Kurt Wais, der bei Gelegenheit Prousts, die Zersetzung des deutschen Idealismus witterte in allen seinen kulturellen Konstrukten witterte:

„Weibische Männer, männische Damen, die er mit dem haarspalterischen Geplauder seiner pausenlos gehäuften Vergleiche umgaukelt und mit talmudischer Ultra-Intelligenz ausdeutet.“

Ich brauche es kaum zu sagen: Zu Beginn meiner Promotion musste Fricke mich mühsam dazu bewegen, mit solchen allfälligen, auch geschichtlichen Abgründen des Vergleichens zu einem vorläufigen Ende zu kommen. Das Nebeneinander von französischer und deutscher Sprache fördert eine Distanz und zugleich eine Spannung der ästhetischen Wahrnehmung, die ich nur empfehlen kann.

Die begriffliche Schulung folgte bei Fricke. Was man dann vertritt, muss, nach der gültigen wissenschaftstheoretischen Staatsreligion an seinem Lehrstuhl, bestreitbar sein: Durch die Poesie und ihre Analyse, die der jeweilige Forscher vielleicht gar nicht kennt oder (noch) nicht gut genug durchdacht hat.

Als wir uns später brieflich und dann per mail alle paar Monate über unsere Publikationen austauschten, kamen wir auch auf Kollegen, die ich in Deutschlang als Schriftsteller und als Menschen hoch schätzen gelernt hatte. Viele waren es nicht, aber mein erster Lehrer Peter Horst Neumann selbstredend, und später Gert Mattenklott. Als beide wie auch mein Vater im Jahr 2009 gestorben waren, schickte ich Harald meine Erinnerungs-Portraits. Er antwortete:

„Die anderen beiden Todesfälle haben auch mich nicht unberührt und nicht tatenlos gelassen. Die SZ-Todesanzeige von PHN – wir sahen uns zuletzt bei seinem Gastvortrag in der Berner Musicologie ca. 2003 samt anekdotemreichem Nachtessen  –  habe ich wochenlang an meine Bürotür gehängt, mit dem Zusatz „Inhaber dieses Büros von 1970 bis 1981“. Ähnlich den SZ-Nachruf auf Mattenklott  –  er war nicht nur Doktorvater der uns gerade wieder verlassenden Würffel-Assistentin Dr.Stefanie Leuenberger, sondern durch mehrere Tagungs-Beiträge (sowie über seine Tochter Caroline Torra am Deutschen Seminar Zürich) auch persönlich ein langjähriger Freund des Hauses. Als Germanist / Komparatist war er nicht unbedingt mein Ideal (sowenig wie mein Vorgänger Neumann), aber merkwürdigerweise schien er mich und meinen logischen Rigorismus zu mögen. Ein ungewöhnlich herzlicher Mensch unter sonstigen bloßen ‚Kollegen‘.

Auch von mir die allerbesten Wünsche für das Neue Jahr, lieber Christoph – ich werde mich immer freuen, von Ihnen zu hören oder auch zu lesen!
Stets Ihr Harald / 8.1.2010″

Zur Nachricht vom Tod meines Vaters hatte er mir ein halbes Jahr zuvor geschrieben:

„Da ich Ihren Herrn Vater, in besseren Zeiten, ja noch selber kennen gelernt habe, sende ich Ihnen mein aufrichtiges Mitgefühl zu seinem nicht mehr unerwarteten Ableben. Irgendwie fühlt man sich auch als längst Erwachsener erst richtig verwaist auf der Welt, wenn die Eltern nicht mehr leben, oder?

Ich jedenfalls bleibe lebenslang

herzlichst Ihr Harald / 23.7.09“

Die Sprache der Literaturwissenschaft

Fricke, so entnahm ich dem Buch, hatte in Göttingen über die Sprache der Literaturwissenschaft promoviert. In Philosophie. Das Buch ist eine empirische Bestandsaufnahme, und bleibt bis heute eine für die Tradition der deutschen Germanistik ungewöhnliche Antwort auf die ideologiekritische Phase der Germanistik: Er fand sie bei seinem philosophischen Lehrer Günter Patzig und in der angelsächsischen Wissenschaftstheorie. In der Regel dominiert ja in der deutschen Germanistik bis heute eine Form der Literaturpädagogik, wie ihn wohl nur die Geschichte der deutschen Universität hervorgebracht hat. Nirgendwo anders als hier ist der Literatur soviel zugetraut und wohl auch zugemutet worden. Hat je eine andere Nation hat ihre Dichtungen mit so hohen Ansprüchen auf Sinngebung umstellt und ihren anspruchsvollen Unterhaltungswert so beiläufig behandelt? Dagegen hält Fricke den Strukturalismus und die linguistisch-sprachlogische Poetik als ein Rückgrat gegen alle Art von Ideologisierung im Umgang mit Literatur. Das allein ist ungewöhnlich für die deutsche Germanistik, die gemeinhin stets zur (seit 1968 links gewendeten) hegelschen Geschichtsphilosophie neigte. Vor allem aber zu Total-Erklärungen der Welt.

Als junger Student fand ich dann eine Situation vor, die durch einen massiven Vertrauensverlust in die westlichen Theoriesprachen und in die Programme der Avantgarden gekennzeichnet war. Als ich 1984 mit meinem Studium begonnen hatte, waren die Jahre der Theorie-Diskussionen vorbei. Autoritäre, dogmatische Ordinarien gab es immer noch, unter vielen anderen aber hatte sich eine Ratlosigkeit breit gemacht, gelegentlich auch zynische Skepsis enttäuschter Weltrevolutionäre unter den Professoren.

Was fiel mir zuerst an Frickes Norm und Abweichung auf? Nicht der Ballast von Theorie, sondern gemeinsame literarische Vorlieben und ihr beredtes Zeugnis! Ich merkte sofort bei meiner Lektüre, dass Fricke und ich nicht wenige deutliche literarische Vorlieben und Abneigungen teilten: Vorlieben z.B. für eine formbezogene Sicht der Literatur, auch für Polemik und Sprach-Akrobatik, zumal für Karl Kraus; Abneigungen gegen den Erfolg von dicken Romanen, die ihren Erfolg den Stoffen verdanken, bei oft mäßiger, wenn nicht rückständiger Form.

Frickes Ambition gilt einer logisch kohärenten Sprache der Beschreibung von Texten. Er ist gewiss kein Stilist wie meine Lehrer Paul Stöcklein und Peter Horst Neumann, sondern ein scharfer Analytiker, der seine oft kantigen Thesen dem Widerspruch aussetzt. Dass er meine literarische Schule als elitär empfand, und auch aus seiner Abneigung gegen alles Bohèmehafte keinen Hehl machte, störte nur vorübergehend den für mich produktiven Austausch. Ich erinnere mich an ein Doktoranden-Kolloquium, wo er mir vorhielt, ich schriebe für „Eingeweihte“ aus einer alten ästhetisch geprägten Bildungs-Elite.

Dass ich den Winter 1991/92 nutzte, um ein Stipendium des Center of Creative Arts anzunehmen, musste ihm wohl wie die Fortsetzung einer Bildungsreise erschienen sein, die wenig mit seinen Begriffen von moderner Wissenschaft zu tun hat. Disziplinär beginnt das mit einer gewissen Nonchalance gegenüber konsistenter Theoriebildung und meinen „terminologischen Mischungen“, wie dies sein damaliger Assistent Rüdiger Zymner sehr treffend nannte; in der Darstellung geht es dann weiter mit meinem Hang zur Essayistik und meine Neugier für Grenzgebiete, urbane Subkulturen, die mich verführbar für Dilettantismus macht.

In seiner Rede bei Gelegenheit meiner Promotionsfeier konnte Fricke seine Befürchtungen hoch erfreut und stolz auf seinen Schüler korrigieren:

„Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben. Als mir Christoph sagte, daß er auch noch nach Israel geht, dachte ich, das wird nichts mehr mit seiner Dissertation. So viele neue Eindrücke… Aber dann hat er sich dort sogar theoretisch entschieden verbessert. “

Das Gutachten Fricke vom Januar 1993 zeigt auf andere Weise, dass er die Auseinandersetzung mit seinem Schüler unter dem Strich ebenso genossen hat wie ich die mit meinem Lehrer Fricke:

„Im Typenspektrum möglicher Thesen [der eingedeutschte französische Ausdruck für Dissertationen] stellt die Arbeit von Herrn Grubitz ein etwas anderes Genre als üblich da: keine neuen Detailaspekte zu bereits wohlbekannten literarischen Werken oder jedenfalls Autoren, sondern die nahezu erstmalige Präsentation eines hoch bedeutenden, hoch kompetenten und auch hochproduktiven ‚unbekannten‘ Verfassers – also das Genre der ‚Entdeckung‘, das dem Genre der ‚literaturhistorischen Rettung‘ in vieler Hinsicht vergleichbar sein dürfte.
Ungeachtet mancher Einwände muss zusammenfassend hervorgehoben werden, dass es sich hier um eine gelungene Arbeit mit einem enorm weiten Horizont handelt, von ungewöhnlich vielseitiger Bildung und gewandter, häufig origineller Formulierung.“

Wissenschaftstheorie als aufgeklärte Staatsreligion

Die Ergebnisse des Hochschullehrers Fricke sprechen ohnedies für sich: Seit 1989 liegen aus dem Kreis seines Forschungs-Kolloquiums nun bis dato 25 abgeschlossene Dissertationen und sechs Habilitationen vor, die bei ihm – und seit 1994 auch bei seinem neugermanistischen Kollegen Stefan Bodo Würffel – entstanden sind.

Die aufgeklärte Staatsreligion an Frickes Lehrstuhl ist die Logik und Wissenschaftstheorie, die mit den Namen wie Gottlob Frege und Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap, Günther Patzig und Gottfried Gabriel verbunden ist. Auch, wenn es sich um Philosophen aus dem deutschen Sprachraum handelt, ist ein solcher Umgang gerade in der Zeit seiner Qualifikationsarbeiten, den 1970er Jahren für die Bundesrepublik alles andere als üblich gewesen. Keine andere Nation hat ihre Dichtungen, meist im Gefolge Hegels, mit so hohen Ansprüchen auf Sinngebung umstellt, ihr Lebenswissen dermaßen mißbraucht und ihren Unterhaltungswert so beiläufig behandelt. Auf die enttäuschte Erwartung der Weltrevolution folgte in jenen 1970er Jahren bekanntlich die dogmatische Rezeption von Derridas sinn-skeptischer Dekonstruktion. Verwegenheit der Deutung und Resignation, Enthusiasmus und Enttäuschung sind unter diesen Umständen zwei Seiten einer Medaille.

Dagegen bietet sich Fricke ein Stilideal das einer nüchternen Deutlichkeit und souveränen Auswahl der relevanten Informationen, die man geben soll, um einen poetischen Text verständlicher zu machen: Keine dekorative Gelehrsamkeit also, aber das Selbstvertrauen, Thesen zu entwickeln und zu erproben, die durch die Kenntnisse und Einsichten anderer natürlich wie immer bestreitbar sind. Auch das ist keine Besonderheit philologischer Erkenntnis.

Es war Kurt Gödel, der eminente Mathematiker, Logiker und Wissenschaftstheoretiker, der den blinden Fleck jeder systematisch gewonnenen Erkenntnis begründet hat:

„Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.“

Aus diesem Geist entstand unter Frickes Herausgeberschaft mit deutschen und Schweizer Kollegen die völlig neu konzipierte Auflage des Reallexikons der Literaturwissenschaft bei de Gruyter (drei Bände, Berlin u.a., 22007).

Frickes Überlegungen zum Begriff der ästhetischen Abweichung von Konvention und Logik habe ich in Bereichen des Imaginären aufgenommen, zu denen mein Lehrer (bei aller persönlichen Wertschätzung) Distanz hält: in der ästhetischen Ambivalenz von Vorschein und Trug, von Verführung und Macht, von Unterschieden des Habitus, des Milieus und der Sprachkultur, von Sinn und Wahn.

Vielleicht hat mit solchen Fragen auch der Begriff pädagogischer Verantwortung zu tun. Man kann keinen Schüler davor bewahren, sich zu verrennen, aber kann ihm ein Kontrapunkt sein, manchmal auch ein advocatus diaboli. Der Punkt zum Kontrapunkt, das waren in meinem Fall die von Adorno so geschätzten „Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“

Frickes Randglossen zu Seminar-Arbeiten bis hin zu Manuskripten sind berüchtigt und von manchen – wie mir – als Aufmerksamkeit geschätzt. Die Vorlage eines Exposés zu einer Dissertation kann eine einfache Frage enthalten wie: „Müssen Sie schon wieder größenwahnsinnig werden?“ – Nimmt man die Herausforderung sportlich an, liest man zu einem späteren Kapitel schon mal handwerklich-salopp: „Sitzt, wackelt und hat Luft.“

Frickes didaktisches Nicht-Verstehen-Wollen ist ein Training, das einen anhalten kann (und soll), seine oft in einsamen konzentrierten Selbstgesprächen mit der Literatur gewonnenen Einsichten deutlicher zu formulieren und vielleicht einem breiteren Kreis zu erschließen.

Eine solche intensive Betreuung ist in der Bundesrepublik nach meiner Erfahrung seit den 1960er Jahren die Ausnahme geworden. Dass es zu viel Verwaltung und zu viele Studenten und im Verhältnis dazu zu wenig Dozenten gibt, mag zum Teil stimmen. Aber ist das nicht nur die Folge eines Phänomens, das die Sozialgeschichte der Bildung betrifft?

Der seit den 1960er Jahren rekrutierten Bildungsschicht der BRD hielt Gert Mattenklott schon 1988 vor, sie gebe „die eigene Unterscheidungsschwäche als anarchische Tugend des Gewährenlassens aus“; oder aber der „meistgefragte[n] Fertigkeit eines strukturbildenden Abstrahierens“ zu huldigen. Die Verluste hat er damals schon deutlich vor Augen geführt:

„Was ist eine Wissenschaft wert, die keinen Maßstab begründen kann, der es erlaubt, zwischen dem Ulysses von James Joyce und der Fernsehwerbung eine Rangfolge herzustellen?“

Gemeinsache Sachen. Am Beispiel der Aphorismus-Forschung

Anders als für die Tragödie, das Epos und deren dramatische und narrative Spielarten, haben für die Reflexion der aphoristischen und lyrischen Formen seit je Künstler-Ästhetiken besonderes Gewicht. In den Ästhetiken der Philosophen seit Kant und dem deutschen Idealismus stehen Aphorismen und Gedichte aber meist entweder im Dienst heteronomer Zwecke oder sie erscheinen als theoretisch wenig ergiebige Außenseiter. Dazu steht die spielerische Aufmerksamkeit der Aphoristiker und Lyriker für ihre eigene Praxis im Gegensatz.

Der Mangel an begrifflicher Konsistenz wird in den programmatischen oder performativen Überlegungen von Friedrich Schlegel über Paul Valéry und Karl Kraus bis Edmond Jabès und Benyoëtz reichlich aufgewogen. Diese Reflexion des Genres durch seine Produzenten fällt so breit aus wie das Spektrum moderner Poesie. Ihr theoretischer Fundus ist deswegen auch ergiebiger als die philologische Industrie über „das aphoristische Denken“ oder die stereotype Klage über den „Verlust von Totalität und Kontinuität im modernen Fragment“, die Fricke in seiner Poetik des Aphorismus mit leichter Feder hinter sich lässt.

Traditionell betrachten Germanisten Aphoristik nach dem Muster der Weimarer Dichtung: als Aussageform, die das Subjektive in der Form des Erlebnisses oder des Gedankens fasst.

Dass man oft nicht recht wisse, was die Deutschen an Lichtenberg oder Karl Kraus schätzen, ist nicht nur dem Aphoristiker Elazar Benyoëtz gelegentlich aufgefallen. Es war die italienische Germanistin Giulia Cantarutti aus Bologna, die genau das 1982 in ihrer Studie zur deutschen Aphorismus-Forschung festgestellt hat.

Wie in der Philologie Italiens üblich, hat sie Benedetto Croces emphatisch-gespanntes Begriffspaar der Einzigartigkeit eines Kunstwerks und der „Legitimität“ von Gattungsbegriffen produktiv individualisiert. Form ist nach dieser avantgardistisch gedeckten Auffassung nicht konventioneller Ausdruck von Inhalt, sondern seine Begrenzung. Diese Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen belebt die Diskussionen um Gattungen und Kunstwerke vielleicht mehr als der Streit von Schulen. Zudem hat sie dem Aphorismus eine nahe Zukunft im Streit um die Grenzen von Literatur und Philosophie vorhergesagt.

So kam es dann auch. In seiner Monographie „Der Aphorismus“ von 1984 hat Fricke erstmals in einer germanistischen Arbeit die Legitimität des Gattungs-Begriffs „Aphorismus“ zu begründen versucht. Poetisch ist ein Aphorismus nach Fricke, indem er  Textzusammenhang und Situationsbezug offen lässt. Als Gattung unterscheidet ihn das, so Fricke weiter, von Formen der Versdichtung und der fiktionalen Erzählliteratur.

Seine Definition des integrierten Aphorismus und seine Trennung von Philosophie und Aphoristik sind bis heute vor allem unter deutschen Literaturwissenschaftlern umstritten geblieben. Das zeigt, wie sehr seine Poetik des Aphorismus eben jenen Nerv getroffen hat, von dem Giulia Cantarutti spricht.

So hat Fricke seine bleibenden Verdienste nicht nur um sein Fach, sondern auch um die Aphoristik. Und das war ein sachlicher Grund, weswegen ich zu ihm nach Fribourg ging.

Seine Haltung zu theoretischen Fragen kann man auf die deutsche Bezeichnung seines Lehrstuhls beziehen: Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft. Für meinen rastlos suchenden Umgang mit Texten lag sehr viel näher die französische: Littérature allemande et comparée.

Die französische, für die vielsprachige Schweiz naheliegende Bezeichnung betont die Sprache, den Gegenstand und den Vergleich von Literatursprachen, die deutsche die Frage der wissenschaftlichen Verallgemeinerbarkeit. Zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ist durch Vergleichen zu vermitteln, egal ob das Vergleichen beim Erkenntnisziel von Allgemeinheit Zusammenschau oder beim Erkenntnisziel von Besonderheit Kontrastierung bedeutet. So auch in meiner Dissertation zu Benyoëtz, die stilistisch ebenso auf die klassische und klassisch-moderne deutsche wie auf die Desillusions-Aphoristik Kohelet (Eccelsiastes, Prediger Salomo), die Moralistik und den Symbolismus der französischen Tradition verweist.

Selbstverständlich habe ich die Ergänzung gesucht. Auch das Reizklima. Am Ende liegt der Minimalkonsens immer in einer transkulturellen Poetik und Ästhetik von Formen. Als Kontrapunkt war Fricke aber für mich ein außerordentlicher wichtiger Lehrer und bis heute auch Ansprechpartner im Austausch von Publikationen. Fachliche Kompetenz und ästhetische Sozialisierung wären ohne solchen kritischen Austausch verschenkt.

Gelegentlich fürchtete ich noch bei Vorlage von Kapiteln meiner entstehenden Dissertation, er könnte über meinen sprachlogischen Schnitzern meine historisch-philologischen übersehen. Berühmt sind seine Randglossen. Doch diese ungewöhnlich intensive Art der Betreuung zahlte sich besonders im Winter 1991/92 aus, den ich in Mizpe Ramon (Israel) als Gast des Center for Creative Arts sowie in Jerusalem und Tel Aviv verbrachte. Postwendend kamen die immer mehr zustimmenden Randglossen aus Fribourg. In seiner informellen Ansprache nach meiner Thesenverteidigung gab Fricke zu, er habe nicht gedacht, dass ich in Israel so gut schreiben könne. Um gleich zu korrigieren: „Über diesen Mann kann man keine Prognosen abgeben.“ Eine wesentliche Bedingung für meinen Weg kann ich doch feststellen: Ich bin auf den Wechsel der sprachlichen Perspektiven angewiesen, um produktiv zu werden – und vielleicht mehr auf Littérature comparée als auf Allgemeine Literaturwissenschaft.

Philologische Erkenntnis

„Wissenschaft“ im Sinn der harten „Sciences“ beansprucht die akademische Beschäftigung mit Literatur nur in Deutschland zu sein. Die meist in Westeuropa und in den U.S.A. verwendeten Begriffe für eine Beschäftigung mit Literatur an Universitäten und im öffentlichen Leben unterscheiden – bis heute wirksam – sehr unterschiedliche Traditionen im deutschsprachigen, angelsächsischen und romanischen Bereich: Literaturwissenschaft, Criticism, critique.

Die entsprechenden romanischen und angelsächsischen Schulen stellen den Moment der Kritik, des Entscheidens ins Zentrum ihres Umgangs mit Literatur – und relativierend den Unterschied von Wissenschaft und Kritik.

Nun formuliert die Poetik, wie Fricke immer wieder betont, weder Naturgesetze noch Wesens-Bestimmungen von Kunstformen oder Total-Erklärungen der Wirklichkeit. Ihre Sprache solle begriffliche Bestimmungen vorschlagen und deutliche Behauptungen auf Widerruf vertreten.

Von neuen Kunstwörtern etwa der Poststrukturalisten hält er so wenig wie vom gedankenlosen Nachsagen traditioneller Begriffe. System und Geschichte von Begriffen unterscheidet er, indem er notwendige und alternative Kennzeichen von Gattungen und Stilzügen nennt. Am Beispiel des Aphorismus:

 

„NOTWENDIGE MERKMALE und ALTERNATIVE MERKMALE
(alle zu erfüllen) (mindestens 1 zu erfüllen)
Kotextuelle Isolation Einzelsatz
und und/oder
Prosaform Konzision
und und/oder
Nichtfiktionalität Sachliche Pointe“

Diese Merkmale werden Punkt für Punkt an Aphorismen erläutert. Und am Ende in der traditionellen Form des Satzes wiederholt.

Frickes wissenschaftstheoretisch begründete Neigung zu formelhafter und tabellarischer Darstellung habe ich nicht übernommen. Mir schien allein schon die Frontstellung zwischen Logikern und virtuosen Stilisten, zwischen Wissenschaftstheoetikern und Ideologiekritikern lediglich den Nebenschauplatz des germanistischen Methodenstreits der 1970er Jahre zu sein. In der symbolischen Ordnung der Methoden, Schulen und Theorien legen solche Tabellen und Formeln für viele Kollegen den Anschein nahe, Kunstwerke würden hier allzu sehr „more geometrico“ klassifiziert, wie der Romanist Werner Helmich sachlich feststellt, um dann in seiner eminenten Studie Der moderne französische Aphoristik Frickes textlinguistischen Ansatz sehr überzeugend zu individualisieren. Häufiger noch haben deutsche Germanisten den oft affektiven und sachlich falschen Vorwurf gegen Fricke erhoben, er würde eine Regelpoetik formulieren.

Vergleichende Literaturwissenschaft und Poetik. Am Beispiel der Benyoëtz-Forschung

Frickes transnationale Poetik und Ästhetik von Formen ist das Ergebnis einer Emanzipation von den chauvinistischen Ursprüngen der Nationalphilologien. Ohne die übliche Aufregung, mit der deutsche Germanisten häufig solche Diskussionen austragen, halte ich fest: Es erscheint mir nicht bloß als eine Frage des Geschmacks oder selbst des persönlichen Habitus, sondern der erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und des Erkenntnis-Interesses, die ein Literaturwissenschaftler bei seinen Forschungen unterstellt. Fricke formuliert keine Regeln für Schriftsteller und Kollegen, sondern Vorschläge, die an der empirischen Wirklichkeit scheitern können. Auch, wo man sich mit seinen deutlichen Thesen irrt, erscheinen sie wertvoller als die Ergebnisse einer philologischen Industrie, die vorwiegend Wissen anhäuft, ohne auch nur ihre Gegenstände nach dem Kriterium der Relevanz und der Lesbarkeit auszuwählen und zu bewerten.

Dies gilt vor allem für die Frage, inwieweit eine nationalphilologische Erörterung poetologischer Fragen dem wissenschaftstheoretischen Anspruch auf Verallgemeinerung überhaupt genügen kann. Vom Standpunkt des logischen Empirismus ist Fricke bei aller selbstbewußten Formulierung doch klar, dass auch der je individuelle Lesehorizont und der Grad der Vertrautheit mit dem Strichcode von Sprachkulturen und Milieus – also die empirische Seite jeder Verallgemeinerung – auf die vergleichende Begriffsbildung Einfluß hat. Das betrifft nicht zuletzt die Vorlieben und Wertmaßstäbe, die Fricke in seiner Poetik des Aphorismus vorwiegend aus seiner geschmackvollen Kenntnis der deutschen und der französischen Moralistik ableitet.

Das bewahrt ihn vor Faktengläubigkeit, die methodisch geschulte und theoretisch gebildete Literaturwissenschaftler immer wieder dazu verführt hat, diesen subjektiven Faktor asketisch ihn zu verdrängen und damit auch erkenntnistheoretisch an der besonderen Verfasstheit sprachlicher Kunstwerke zu scheitern.

Hier zeigt sich, dass die poetologische Erkenntnis und Urteilskraft von Literaturwissenschaftlern oft nicht besser sein kann als der Stand der Kultur-Vermittlung und der Vertrautheit mit mehreren Sprachkulturen. Dies hat Ulrich Schulz-Buschhaus am Beispiel des Zusammenhangs von Kanonbildung und deutschen Übersetzungen italienischer Literatur auf höchstem epistemologischen Niveau gezeigt:

„In höherem Maß, als man gemeinhin annimmt, sind Rezeptionsvorgänge zwischen verschiedenen Literaturen von gleichsam objektiven Prämissen abhängig, die allen Aktivitäten individueller Literaturkritik vorausgehen.“ [7]

Auch Frickes Poetik des Aphorismus von 1984 enthält in diesem Punkt einige sehr selbstsichere – und unzulängliche – Behauptungen über ihm offensichtlich nicht vertraute Literaturen:

Italien und Spanien spielten im Grunde nur in der tacitistischen Frühzeit eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der Gattung [des Aphorismus]; ähnlich ist auch aus Frankreich nach Joubert als letztem Aphoristiker der Revolutionszeit nichts mehr in die aphoristische Weltliteratur eingegangen.“[8]

Das ist sehr selbstbewusst formuliert. Und nicht einmal weit entfernt vom damaligen Stand der im deutschen Kontext erreichbaren Forschung und der Übersetzungen, die etwa französische Aphoristik nur als Moralistik kannte und die bis heute hochkarätige italienische oder spanische Tradition fast gar nicht. Gerade in der Korrektur solcher Thesen zeigt sich aber, dass wesentliche romanistische und germanistische Forschungen zur Ästhetik und Geschichte des Aphorismus seit den 1990er Jahren ohne Auseinandersetzung mit Frickes Poetik gar nicht mehr denkbar sind.

Was Frankreich angeht, kann Frickes These spätestens seit Werner Helmichs acht Jahre später erschienener Monographie „Der moderne französische Aphorismus“ (1992) als widerlegt gelten. Für Italien genügt an dieser Stelle ein verlinkter Hinweis auf die eminenten Studien Gino Ruozzis (Bologna), die seit den 1990er Jahren erschienen sind. Und selbst für die von Fricke erwähnte spanisch-sprachige Aphoristik wird man in der Gegenwart die eminenten lateinamerikanischen Autoren Nicolás Gómez Dávila und Antonio Porchia nicht übergehen können.

Für die Gattungspoetik Frickes mag dies geringere Folgen haben als für die Historiographie und die Analyse und Interpretation einer Form oder eines Werks. Hier sind seit den späten 1990er Jahren die singulären dokumentarisch-erschließenden Arbeiten Friedemann Spickers zu nennen, die auch als Erzählungen und Portraits von Autoren mit Gewinn zu lesen sind. Er betrachtet vor allem den international angesehenen Aphoristiker und Dichter Benyoëtz in den nach Kraus vergleichsweise so bescheidenen Maßstäben der deutschen Gattung.

Spicker hat aus seiner empirisch-historischen Kenntnis heraus einen Methodenstreit begründet. Im Kern erscheint er mir nicht ergiebig. Schließlich erkennt auch die Historiographie der Literatur das Besondere (hier: eines Aphorismus) als Exemplar eines durch empirischen Vergleich gewonnenen, mehr oder weniger engen Begriffs bzw. als ästhetisch produktive Abweichung. Dies gilt umso stärker für Renées katholisch-theologische Dissertation zu Benyoëtz, der dessen Aphorismen im wesentlichen als Abweichung von der Sprache der katholischen Dogmatik liest und diese Abweichung wiederum zum Anlass einer skeptischen Glaubensprüfung nimmt.

Demgegenüber sehe ich an der Kritik meines Ansatz durch Spicker und andere meinen Ansatz als Kontrapunkt zu germanistischen und neuerdings theologischen Interpretationen wie zur Allgemeinen Literaturwissenschaft: Meines Erachtens würde das ästhetisch Gleiche – und sei es einer Sprache, einer Literatur oder einer Gattung – eine Gemeinsamkeit des Lebens voraussetzen, deren Mangel der Ursprung der Avantgardisten und Post-Avantgardisten ist. Ihr Gegenstück ist, auch in der Aphorismusforschung, jene „Diversifizierung von Bildungsmilieus“, wie sie Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu als Mittel der symbolischen Differenzierung von demokratischen Massen-Gesellschaften festgestellt haben.

Vielleicht liegt es an der rückwärtsgewandten Perspektive der Historiographie wie der Theorie der Literaturen, die ja beide in erster Linie traditionelle Bauformen auf Widerruf zu rekonstruieren und Abweichungen zu erkennen suchen. Das weite Spektrum allein der historischen Phänomene einer Nationalliteratur oder der Weltliteratur wird dann arbeitsteilig, und leider selten vernetzt, beackert.

Fricke ist bekannt dafür, dass er zu seinen Fehlern genau so steht wie zu seinen bewährten Thesen. Schließlich erweist sich der Wert von Frickes Poetik des Aphorismus am besten, wenn man sie an verschiedenen Nationalliteraturen oder anhand der Variationen der Aphoristik in den Werken einzelner hochkarätigen Autoren erprobt.

Umgekehrt ist natürlich auch der komparative Ansatz meiner Benyoëtz-Monographie von Wissenschaftstheoretikern oder Spezialwissenschaftlern selbst der deutschen Literaturgeschichte angreifbar: Der empirische Rahmen der Bezüge, in denen ein Werk wie das von Benyoëtz steht, ist ja weitgehend offen – und im Grunde nicht durch spezialwissenschaftliche Kenntnisse, sondern allenfalls durch ihre Vernetzung zu erschließen. Dies gilt umso mehr, wenn man sich die zunehmende Internationalisierung gerade der eminenten deutschsprachigen Aphoristiker nach Kraus – Canetti und Benyoëtz – vor Augen hält. Die seither erschienenen Forschungen zu seinem Werk und zur internationalen Aphoristik bestätigen meinen Eindruck. Insofern freute es mich sehr, dass Helmich in der von mir herausgebebenen Festschrift zum 70. Geburtstag von Benyoëtz Bezüge vor allem zur eminenten französischen Entwicklung des Genres zeigen und so die internationale Bedeutung dieses Autors zeigen konnte.

Im Vergleich zu Friedemann Spickers positivistischen Studien zur Geschichte des deutschsprachigen Aphorismus zeigt sich an Helmichs Studien deutlich, dass die deutsche Aphoristik seit Karl Kraus mit Ausnahme von Canetti und Benyoëtz in der Breite qualitativ deutlich hinter der bis heute reichen und lebendigen Produktion der französischen Aphoristik zurückbleibt. Mit Spicker bin ich in einem Punkt uneins: In seinen Interpretationen von Benyoëtz bleibt er Einflüssen der deutschsprachigen Aphoristik verhaftet. Ich ging davon aus, dass die deutsche Aphoristik ein Beispiel für sprachlich mehrfachgebundene, heute würde man sagen „hybride“, Literaturen ist. So etwas wie eine Einheit der einzelsprachlichen Erfahrung kann nach meiner Einschätzung offensichtlich nicht einmal zwischen Interpreten unterstellt werden kann.

Aus dem unterscheidenden Vergleich ergibt sich ein deutlicheres Bild, als ich es bei meine Dissertation vor Augen haben konnte: Für die Aphoristik deutscher Sprache seit dem III. Reich ein dramatischer Verlust an Qualität in der Breite, aber eine zunehmende Internationalisierung bei den Leuchttürmen Canetti und Benyoëtz festzustellen. Der Bezug zur deutschen Tradition erschien mir während meiner Dissertation über Elazar Benyoëtz als viel zu eng. In den Kategorien der Wissenschaftstheorie gesprochen, ist er viel weniger relevant als die offensichtlichen Bezüge des Autors Kohelet und zur internationalen Literatursprache der symbolistischen Bewegung, die am Beginn der Avantgarden steht.

„…ein Element romanistischer Literaturwissenschaft“

Der Romanist Harald Weinrich hatte vermutlich Ähnliches im Sinn, als er im Geleitwort zu meiner Benyoëtz-Monographie gleich im ersten Satz lakonisch feststellte, dass „der Aphorismus in der deutschen Literatur nur noch wenig von sich vernehmen [hat] lassen.“ (S. IX) Er betont meine komparativen Bezüge zur modernen und zeitgenössischen europäischen Lyrik und Aphoristik von Mallarmé zu Jabès wie zur hebräischen Spruchdichtung Kohelet.

Es scheint mir auffällig, dass gerade Romanisten, die von Haus aus komparativ arbeiten, und dabei traditionell oft sprach- und formbewußter argumentieren als Germanisten, der empirische Rahmen meiner Dissertation spontan und sehr viel leichter einleuchtete als deutschen Literaturhistorikern oder in den vergangenen Jahren auch deutschen Theologen, die sich mit Benyoëtz beschäftigen. Mir erschien – und erscheint – die klassische deutsche Aphoristik von Lichtenberg zu Kraus, also der germanistische Idealtyp, als historische Variante; ein Argument, das in diesem Zusammenhang nicht besonders wichtig ist. Hier ist die Prognose entscheidend. Ich war allen historischen Rettungsversuchen der deutschen Aphoristik gegenüber so skeptisch wie voreiligen Nachrufen. Allerdings beobachte nicht nur ich, und nicht nur für die Literatur, einen deutschen Vorbehalt gegen ästhetischen Wahnsinn und eine Neigung zum  drückenden Ernst.

Die Wissenschaftsgeschichte der Einzelphilologien ist geprägt von Verkennungen und Übertreibungen, auch von ideologischer Verbohrtheit. So war die einst dominante Poetik Emil Staigers universalistisch ausgerichtet, ihr Kanon aber von der klassisch-romantischen deutschen Erlebnis- und Gedankendichtung geprägt. Selbstverständlich leitet jeder Forscher seine Erkenntnisse nur aus dem ab, was er kennt, oder was er sich an Erkenntnissen anderer erschließen kann. Und eine fortschreitende Arbeitsteiligkeit erscheint im Sinne einer Professionalisierung auch unvermeidlich. Beruht nicht unser Selbstvertrauen in der vergleichenden Begriffsbildung gelegentlich darauf, dass wir unsere blinden Flecken als Empirie ausgeben und uns zu wenig mit der Vernetzung unserer Ergebnisse mit den jeweils relevanten Nachbardisziplinen befassen? Abhilfe verspricht hier einer der sehr reflektierten und elegant formulierten Vorschläge von Ulrich Schulz-Buschhaus:

„Was hier fehlt, ist offensichtlich eine Verständigung zwischen den Verwaltern verschiedener nationalliterarischer und epochaler Spezialitäten: ein Blick von der eigenen Spezialität nicht allein auf neuere Theorie, sondern auf die andere, benachbarte Spezialität, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede und damit historische Spezifizität sichtbar machen könnte. Es fehlt hier also, wie ich zum Schluß etwas unbescheiden sagen möchte, ein Element romanistischer Literaturwissenschaft.“

______________________

Theodor W. Adorno: Die Wunde Heine, in: Noten zur Literatur I, Bibliothek Suhrkamp: Frankfurt/Main 1958, 144- 152, hier S. 148f.

Wilhelm von Humboldt: Werke III. Schriften zur Sprachphilosophie, hg. von Andreas Filtner und Klaus Giel. Stuttgart 1963, S. 26.

Kurt Wais: Französische und französisch-belgische Dichtung, in: Die Gegenwartsdichtung der europäischen Völker, hg. v. Kurt Wais. Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag 1939, S. 214.

Gert Mattenklott: Kanon und Neugier, in: Kursbuch 91/März 1988: Wozu Geisteswissenschaften. S. 99-107, hier S. 106. Berlin-West: Rotbuch-Verlag.

Vgl. Giulia Cantarutti: La fortuna critica dell’aforismo nell’area tedesca. Abao Terme: Piovan Editore; deutsch: Aphoristikforschung im deutschen Sprachraum. Frankfurt am Main: Peter Lang 1984.

Die Tabelle findet sich so in: Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Sammlung Metzler, S. 14.

Ulrich-Schulz-Buschhaus: Notizen zur deutschsprachigen Rezeption italienischer Literatur. Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 37, 1996, S. 363–379.

Harald Fricke: Der Aphorismus. Stuttgart: Sammlung Metzler, S. 62.

Vgl. Werner Helmich: Erbauung ohne Trivialität, in: Christoph Grubitz u.a. (Hrsg.): Keine Worte zu verlieren. Elazar Benyoëtz zum 70. Geburtstag. Ulm : Herrlinger Drucke, S. 38-42.

Ders., Romanistische Literaturwissenschaft, in Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 39, 1998, Kapitel: Zukunftsperspektiven der Romanistik, hg. zus. mit G. Ernst und A. Hahn, S. 277–296, eigener Beitrag: S. 285–291.

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