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Peter Horst Neumann 1936-2009: Ein Lehrer der Liebe zum Gedicht

16. Dezember 2014

„Unter uns aber ist das reden, nur dass geredet werde, ausgeschlossen – finden wir uns doch seit geraumer zeit auf dem tröstenden gipfeln innerer geselligkeit.“

Stefan George, brieflich, Bingen jänner 1900 in: Briefe, Bildnisse [von Stefan George]; Berlin, Verlag Die Runde ohne Jahr

 

Peter Horst Neumann war Professor und Dichter. Dichter war er von Haus aus, auch bis zu seinem Tode als Direktor der Abteilung Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Und er war mein erster Professor, der mir an meiner zweiten Universität, Erlangen, wichtig wurde.

Anfang an den Enden der Humanität
Studiert habe ich bei ihm in den Jahren, ihn kennengelernt aber schon durch Vermittlung Paul Stöckleins 1984, der Neumann in den 1960er Jahren schätzen gelernt und mir noch vor meinem Abitur zu einer Beratung mit Neumann über mein Studium geraten hatte. Also verabredete ich mich damals mit Neumann in seiner Sprechstunde und fühlte sogleich herzlich angenommen.

Er nahm mich nicht allein durch die gemeinsame Neigung zur modernen Lyrik ein. Auch das Leichte, Musikalische und Liberale seines Stils, mit der er über ersthafte Fragen von Kunst und Leben sprach, zog mich an. Seine Stimme verriet die Gesangsausbildung: Stets frisch verliebt ins dichterische Wort.

Freund der Dichter

Befreundet war er mit Schriftstellern, vor allem mit Wolfgang Hildesheimer und Günter Eich. Als Autor war er mir schon durch sein Buch Zur Lyrik Paul Celans (1968) bekannt. Es war die erste Celan-Monographie, Neumann erhielt daraufhin mit 33 Jahren seinen ersten Ruf, an die Universität Fribourg in der Westschweiz.

Zu Beginn seiner Celan-Studien schildert er eindringlich als das Schisma der Poesie von der Sprache des Alltags als erste Urszene der modernen Dichtung:

„Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts haben die Rezeption des Französischen Symbolismus, die Wiederentdeckung der Barock-Dichtung, aber auch die wachsende Beschäftigung mit der dunklen Dichtung Hölderlins eine Differenz von Normal- und Dichtersprache ins allgemeine Bewusstsein treten lassen, an welcher seither die Modernität eines Sprachkunstwerks gemessen zu werden pflegt.“

Die andere Urszene ist „das geschichtliche Ende der Humanität“, von dem Neumann in einem Essay über Celans Todesfuge schreibt. Um sofort zu differenzieren: „doch sie [die Humanität] hat viele Enden, sie geht nicht auf einmal zugrunde.“ So ist es im Essay Schönheit des Grauens oder Greuel der Schönheit? zu lesen.

Noch wo er als Professor auf die Hermeneutik sich berief, sprach dabei ein Ende der  Humanität mit, die nicht vor der Kunst der interpretation Halt machen kann. Die Dinge, die Neumann anspricht, vertragen keine breitere Ausführung, keine Sinnstiftung und keine Letztbegründung.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens
In seinen Celan-Studien beschreibt Neumann eine lyrische Form, die weit entfernt ist von der Weimarer Erlebnis- und Gedankenlyrik, dem herrschenden Idealtyp der Germanistik. Neumann erwähnt den französischen Symbolismus. Wie man weiß, setzt bereits Baudelaires Habitus des reflektierten Selbstgesprächs setzt eine unausgesetzte Trennung zwischen dem Subjekt und seinen gegenständlichen correspondants voraus.

Entsprechend nimmt Neumann das Lyrische der Dichtung Celans als eine der musikalischen Komposition ähnlichen Form wahr: Als Silben-Musik. Eine solche Lyrik ist, nach einem glücklichen Wort Roman Jakobsons zur symbolistischen Dichtung, semantisch „herabgestimmt“, indem der Rhythmus der differenzierten Rede die Sprachen der Information und der geschichtlich diskreditierten konventionellen Versformen überformt.

Es ist die reine, die gemeinhin als schwierig geltende Dichtung, die Neumann von Jugend auf angezogen und geprägt hat. Nicht aber im Sinne von Weltflucht oder der Freude an Bürgerschreck-Ästhetik. Dazu ist die Dichtung, die Neumann im Auge und Ohr hat, zu sehr von den Genoziden und Vertreibungen des 20. Jahrhunderts gezeichnet.

Und diese Literatur kann sich die Erfahrungen der Allgemeinen Geschichte nicht mehr vom Leibe halten. Den einen bricht nur das geistige Erbe weg, wie etwa Rilke, andere, wie Celan oder Szondi, überleben ihr beschädigtes Leben nicht.

Neumanns Celan-Studien erschienen 1968. Beim Wiederlesen stelle ich im Vergleich zu anderen philologischen Schriften dieser Zeit fest, die ich seit meiner ersten Lektüre gelesen habe, dass es ihm hier auf bemerkenswerte Weise gelingt, sich dabei fernzuhalten von den damaligen Schlachten zwischen den Vertretern einer „werk-immanenten Interpretation“ und denen einer politischen Deutung absoluter Dichtung.

Vor allem sind ihm die gängigen Haltungen deutscher Interpreten fremd: Weder findet sich bei ihm das, was Adorno den „Schuldabwehr-Mechanismus“ nennt, noch die neuere Geste eines nachgeholten „Widerstands“. Neumanns Rede über das Politische der reinen Dichtung trifft einen – über diese Zeit hinaus – treffenden Ton, im Sinne von George Steiners lapidarer Bemerkung:

„We know that a man can read Goethe or Rilke in the evening, that he can play Bach and Schubert, and go to his day’s work at Auschwitz in the morning.“

Das Lapidare ist hier auch Zeichen für eine Skepsis gegenüber dem, was in der deutschen Tradition nach 1968 „Veränderung des Bewußtseins“ heißt, und für einen totalitär gewordenen Idealismus steht. Diese Skepsis erscheint auch dem Ton von Neumanns bevorzugter Poesie angemessen zu sein: Weil die Einheit der Erfahrung in der Welt zerbrochen ist, kann auch die moderne Lyrik ihre Struktur nicht aus einer gemeinsamen Sprache gewinnen. Neumann versteht sich unter dieser Voraussetzung ausdrücklich und mit Nachdruck immer wieder als Interpret, gewiss nicht im Sinne des Médiateur, der mit scheinbar Gleichem vertraut macht, sondern indem er die Klischees scheinbarer Vertrautheit zu jener Distanz zu bringen sucht, in der sie erkannt und respektiert werden können.

Stets war es seine Musikalität, die ihm half, auch angesichts solchen Zentrifugalkräften zu verbalisieren. Nach einem Wort des späten Schönberg geht der Komponist mit der ersten Note eine Verpflichtung ein. Adorno zitiert das in einem Essay zu Paul Valéry, um die Emanzipation der reinen Mitteln, Wort und Farbe, Laut und Form in der ästhetischen Moderne verständlich zu machen.

Mehrfach vertrieben
Neumanns eigener Weg auf eine Professur ist durch Fluchtbewegungen gekennzeichnet: 1945 aus Oberschlesien nach Sachsen, 1958 nach West-Berlin. Sein erstes Ordinariat bezog er 1968, nicht in der Bundesrepublik, sondern in westschweizer Fribourg. Der europäischen Formgesinnung der Moderne eher verwandt als dem deutschen Bildersturm der Studentenrevolte, lag Neumann auch an der Achtung der Formen im Leben mehr als am Schleifen der ästhetischen Bastionen.

Welchen Sinn sollte es auch haben, die Trümmer der Tradition weiter zu zerhacken? „Enttäuschte Liebe“ ist die verständnisvolle Antwort, die Neumann als Motiv angibt, in seinem Buch Die Rettung der Poesie im Unsinn. Der Anarchist Günter Eich (1981). Das Budget seines Fribourger Ordinariats erlaubte es Neumann, Eich und andere Dichter einzuladen und so die ästhetischen Kulturen im akademischen Milieu Asyl zu geben. In der Bundesrepublik wäre dies undenkbar, wie er gelegentlich forciert sachlich feststellte.

Der genius loci Fribourgs ist geprägt durch seine Lage im Übergang vom französischen zum deutschen Sprachbezirk und durch eine entschieden transkulturelle Atmosphäre der kleinen Universität. Markanter und wirkungsstärker als in Deutschland haben sich noch in der Zeit meines Studiums dort eine intellektuelle Selbstachtung und entsprechende Repräsentationsformen erhalten, an denen Intellektuelle mehrerer Generationen noch in gleicher Weise teilhaben. Daß die freien Geister unter den westdeutschen Hochschullehrern – wie Neumann, Theodor W. Adorno oder Peter Szondi – sich an einer Tradition orientierten, die klassisch-romantisch und symbolistisch war, konnte in der Bundesrepublik offenkundig von der jüngeren Generation der 68er Studenten kaum verstanden werden.

Lehrer in Leipzig: Ernst Bloch und Hans Mayer
Studiert hatte der aus Schlesien nach Sachsen vertriebene Neumann in Leipzig zunächst Gesang und Tonsatz an der Musikhochschule, dann an der Universität Philosophie, Musik-, Literatur- und Kunstgeschichte. Unter anderem bei Ernst Bloch und Hans Mayer. „Hoffnung ist enttäuschbar“, so heißt es in Blochs Klassiker „Das Prinzip Hoffnung“. Dass sie „enttäuschbar“ ist, unterscheidet Hoffnung von Erwartung, die mit ihrer Erfüllung vergeht. Ein anderes „Scheitern der bürgerlichen Aufklärung“, von dem Adorno und Horkheimer in Dialektik der Aufklärung sprechen. Bei Neumann sind es die „Enden der Humanität“.

Politisch war hier selbstverständlich auch der realsozialistische Totalitarismus eingeschlossen, den Neumann in der DDR erlebt hatte. In Deutschland pflegte man seine antitotalitäre – also genuin libertäre – Haltung oft mit Konservatismus zu verwechseln. Dergleichen würde in Frankreich niemandem in den Sinn gekommen, wo gerade die linke Intelligenz 1975 auch in Moskau einen Feind der Menschenrechte erkannte.

Bei Neumann sind die Folgen des Totolitarismus in den Werken der Literatur und der Musik zu finden. Er markiert dabei eine Tradition geschichtsphilosophischer Deutung von Kunstformen, an die Adornos Philosophie der neuen Musik und Georg Lukacs‘ Theorie des Romans ausdrücklich angeknüpft hatten. Wie jene entwirft Neumann die Gegenwart in den diskreditierten Bildern vom Menschen und seiner Zukunft. Die Kunstformen sind dann im Sinn eines Echos zu verstehen, das nicht reiner klingen könne als die Zeiten tönen. So heißt es in Adornos Philosophie der neuen Musik:

„Was einmal Zuflucht suchte bei der Form, besteht namenlos in deren Dauer. Die Formen der Kunst verzeichnen die Geschichte der Menschheit gerechter als die Dokumente. Keine Verhärtung der Form, die nicht als Negation des harten Lebens sich lesen ließe.“

Zwar hatte Neumann zur Geschichtsphilosophie, wie überhaupt der philosophischen Diagnose der eigenen Gegenwart, ein ungleich diskreteres Verhältnis als der frühe Lukács, als Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno es in ihrer Generation noch hatten. Sein Verhältnis zu Formen ist allerdings nicht minder sensibilisiert. Und auch das verband uns in einer Umgebung, die ich als formlos empfand.

So zeigte sich Neumann als Hochschullehrer ideosynkratisch, wenn Formen des Umgangs in der amorphen Masse-Universität untergingen. In den überfüllten bundesrepublikanischen Seminaren galt es in der 1980er Jahren längst als chick, dass die ersten Studierenden schon gegangen waren, wenn die letzten erst kamen. Neumann reagierte darauf irgendwann schneidend-distanziert: „Das Zuspät-Kommen“ zum Seminar werde „üblich“. Auch das Klappern von Stricknadeln in der Vorlesung empfand er keineswegs als Ausdrucks irgendeiner Emanzipationsbewegung, sondern schlicht als störend und „spießig“. Und in einer Prüfung sei eine unangemessene Kleidung – etwa verwaschene Jeans und ausgebeulter Pulli – nicht zu tolerieren. Das Examen könne unter solchen Umständen keinesfalls stattfinden. Dergleichen war charakteristisch für sein Pathos der Distanz, das Nietzsche brieflich gegenüber seinem Freund Köselitz so vertritt:

„Vornehm ist der Zweifel an der Mittheilbarkeit des Herzens; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben. Die Überzeugung (…), dass man fast immer verkleidet lebt, gleichsam incognito reist.“

Die Erfahrung der Modernen ist die von Einsamkeit. Was einer auch beginnt, es kommt aus einem keinem gemeinsamen Ursprung, sondern aus dem Unterschied. Solche Zurückhaltung gegenüber den kollektivierenden Programmen und dem abgegriffenen Wort aber gilt heute als elitär. Warum eigentlich? Gerade in demokratischen Massengesellschaften unterscheiden sich ja Lebensläufe nicht mehr groß – so dass die Literatur der Neuen Subjektivität oder umgekehrt der pseudo-objektive Protokollstil der dokumentarischen Prosa angesichts der überzeugenden Silbenmusik der symbolisitschen Moderne nicht sehr berührt.

Ähnlichkeit und Unterschied wirken als Angebote stabilisierend diesseits der großen sinnstiftenden und Gruppen bildenden Ideologien, die hier zu bloßen Stoffen werden. Die Operationen des Wahrnehmens und Denkens, die in ihrem Zeichen stehen stehen, wirken nicht durch Überzeugung (etwa weil es gut oder sinnvoll wäre, ihnen zu folgen), sondern weil sie den Menschen Impulse vermitteln: Form, das ist die Distanz, die einer zu sich selber hat. In den Formen, nicht nur den poetischen, erscheint das Leben in seiner Möglichkeit. Darin wird es tiefer erfaßt als in der jeweiligen Wirklichkeit, die immer einschränkt.

Neben der klassischen und romantischen Literatur und der Literatur der Gegenwart wurde die Beziehungen von Poesie und Musik ein wesentlicher Schwerpunkt von Neumanns Esayistik, vor allem die Vertonungen von Lyrik in der Romantik und in den Avantgarden. Seine Mehrfachbegabung als Musikologe, Kritiker und philologischer Essayist zeigte sich früh. Er ist in der Lage, überzeugend auch für eminente zeitgenössische Dichtung zu streiten und zu werben. So gehörte er zu den Stammautoren von Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“ und war Juror der Bestenliste des Südwestfunks.

Ein Lehrstuhl ist bei einem solchen Lebensweg und einer dreifachen Begabung gewiss eine willkommene, aber offensichtlich nicht befriedigende Ergänzung, ein sicherer Brotberuf, vielleicht in diesem Fall sogar eine Art Exil?

Der deutsche Professor als Dichter – ein Coming Out
Als Dichter hat Neumann sich erst 1994 geoutet. Mit dem Buch Gedichte. Sprüche. Zeitansagen. Es folgten bis jetzt sieben weitere Gedichtbände. Neumanns Gedichte bezeugen den untrüglichen Sinn für die Stelle, in der das Wort im Vers sitzt, unprästentiöse Zeugnisse von Gesten einem reichen ästhetischen Lebenswissen. Ihm liegen Erfahrungen von den Enden der Humanität zugrunde, die eine neue Art von Zuwendung aus dem Zeugnis des dichterischen Worts heraus erst möglich machen:

Wanderlied

(Kurzfassung, reimlos,
für einen gehbehinderten
Freund:)

Bleib stehen.
Es kommt
auf dich zu.

Und so war es in seinem Stil als Professor schon wahrzunehmen: Er zeigte heitere Zuwendung, und dies auch noch in einem Tonfall, der souverän auf billigen Trost verzichten kann und dabei keine Unterschiede, und seien es ästhetische, überhört und übersieht. Leichtigkeit und Klarheit, ja Heiterkeit der Rede werden in der deutschen Sprachkultur oft unterschätzt, die von Haus aus eher tiefsinning und betroffen tönt. Es scheint, dass Neumanns Habitus in der lyrischen Form seine Bleibe gefunden hatte: Und dieser Habitus ist klar, anmutig, bei allem Schweren der Erinnerungen sogar heiter gelöst, und diese Gelöstheit ist immer durch Ernst geformt. „Ernst“ meint hier nicht deutschen Tiefsinn, sondern die römisch-romanische Tugend der gravitas.

Dichter und Hochschule – Zwei Welten
Neumann verkörpert ein Verhältnis zwischen den Wissenschaften und den Künsten, wie es in der Universitätsgeschichte unserer abendländischen Tradition alles andere als selbstverständlich ist. Natürlich wurde es Neumann von Kollegen unter die Nase gerieben. Und es schmerzte mich. Wo sonst gibt es so abschätzige Wörter wie „Professorenprosa“ oder „Gedankendichtung“, wenn nicht im Deutschen? Kaum ein deutscher Kritiker läßt sich das bei derartigen, freilich in Deutschland fast undenkbaren Gelegenheit, der Verleihung eines Literaturpreises, entgehen, um so weniger, als Neumann eher beiläufig und selbstverständlich, seine akademische Profession und deren Eigenarten erwähnte.

Selbst Goethe, der es in der Praxis doch anders hielt, hat wiederholt davor gewarnt, dass das Dichten dem Denken schaden könne und vice versa. Ich werde den Verdacht nicht los, dass solche bis heute wiederkehrenden Bekenntnisse, wo sie nicht bloß gedankenlos mit dem Mainstream reden, ihren Autoren vielfach nur dazu dienen, sich ein in dieser verhinderten Sprachkultur vorzeigbares Gesicht zu geben.

So dass es nicht mehr so sehr wundert, wenn man bei Paul Stöcklein, bei Gelegenheit einer Rede auf einem Germanistentag die saloppe Bemerkung liest:

„Meine Laufbahn wäre futsch, vielleicht, würde ich mich plötzlich zu den Dichtern schlagen.“

(Literatur als Vergnügen und Erkenntnis, 1974)

Machen wir uns nichts vor, besonders die deutsche Wissenschaftsgeschichte ist gegen die Künste so voreingenommen wie generell gegen ästhetische Kultur. Der publizistische Rückzug Neumanns selbst aus der essayistischen Philologie deutete sich bereits an, als ich in den 1980er Jahren bei ihm studierte. Er hatte zwischen 1966 und 1981 bereits fünf Bücher über Lessing, Jean Paul, Bert Brecht, Paul Celan und Günter Eich vorgelegt, daneben zahlreiche Essays und Abhandlungen zur Literatur und Musik vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Nun wurde seine Stimme als Publizist leiser, bis er sich nach 13 Jahren als Lyriker zeigte. Als Lehrer, der für die Dichtung warb, wirkte er auf mich gleichwohl so leidenschaftlich und überzeugend, dass mir das nicht einmal auffiel. Was wiegt dagegen ein publizistischer Kampf gegen die philologische Industrie.

Wissenschaftstheorie
Ich verstehe heute sehr gut, dass ihn dieses akademische Klima zu manchen einseitigen Aussagen über sein Fach verleiten ließ: An einer Philologie, „die sich mit sich selbst beschäftigt“ (die Literaturtheorie) zeigte er sich desinteressiert. Für die Poetik der Dichter hatte er ja auch ein spontanes Verständnis.

Neumann hält sich dabei als Autor wie als Lehrer insgeheim an die Maxime: Ein Wissenschaftler wäre ein Schuft, wenn er nicht die Ordnung der Begriffe so weit wie möglich ausdehnen wollen würde. Wozu wäre er sonst da? Er wäre aber auch ein Narr, wenn er hoffen würde, damit je zu Ende zu kommen. Der Anspruch, Thesen an Kunstwerken zu „beweisen“, erschien ihm als anmaßend, fast als frevelhaft. Er hatte ja auch alles, was man braucht, um darauf zu verzichten, und doch ein exzellenter Lehrer des anspruchsvollen Lesens und Schreibens zu sein. Dabei bezog er sich vor allem auf den Bereich der Interpretation: Wo es dichtungssprachlichen Konsens kaum mehr gibt, eine Verbindlichkeit selbst von Wort- und Satzbau, Groß- und Kleinschreib-Regeln und einer Formenlehre der Dichtung nicht mehr erkennbar ist, wollen Gedichte mehr und mehr kommentiert, gedeutet und vermittelt werden.

War allerdings eine handwerklich-philologische Voraussetzung in einem Referat eines Kommilitonen nicht erfüllt, wurde Neumann in seinen Seminaren deutlich. Gewiss gab er der Kunst der Interpretation auch entschieden Vorrang vor der Theorie oder einer philosophischen Begründung von Philologie. Bei den drei Arbeiten, die ich ihm vorlegte, achtete er vor allem auf meinen Stil, das „Handwerkszeug“, wie er es nannte, sei vorhanden. Formulierungen wie „gräßliche Floskel“ wurden dabei von mal zu mal weniger.

Der Essayist
Neumann verstand sich virtuos auf das, was man Frankreich „critique académique“ nennt: Er verkörpert die in Deutschland seltene Verbindung zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik. Präsenz in den Medien war und ist für ihn eine unkomplizierte Selbstverständlichkeit, wie es das für einen Professor in Frankreich und Italien auch wäre. Er schreibt als Essayist eine literarisch durchgearbeitete Prosa, die den Lyriker verrät, und beiläufig kommt dabei auch eine ungenierte Freude an offenbarten Lesefrüchten und verdeckten Stilvariationen, an Lebenswissen und Bildung zur Sprache.

Musikalisch aufgewachsen in der Jugendbewegung und im romantischen Volkslied, hat Neumann den kollektivierenden Impuls des gemeinsamen Singens bewahrt, ohne zu übersehen, das gerade dieser Impuls meist missbraucht wird: In seinem Essay Das Singen als symbolische Form spricht er vom „Fortdauern der verordneten Massengesänge in den Ritualen des Glaubens und der politischen Macht.“

Privates und Öffentliches
Wichtig war mir die Schulung an Neumanns Aufmerksamkeit für die alltägliche Symbolik von Kunst-Formen. Er hat eine schwere berufliche Entscheidung zum Thema eines Essays gemacht, wie 1980 im Essay „Die Kunst des Abschiednehmens“ den Wechsel von Fribourg nach Gießen. Neumann war, daraus macht der Text keinen Hehl, im Streit mit seinem Kollegen Hans Zeller gegangen.

Den Begriff der Anarchie und des Unsinns führt er aufgrund seiner Kenntnis des Werks seines Freunds Günter Eich als literaturgeschichtlichen Terminus ein: Die Rettung der Poesie im Unsinn. Der Anarchist Günter Eich (1981). Auch die Aktualität der Klassiker zeigt Neumann beispielhaft. So schreibt er 1977 über die Vaterrolle und der Utopie der Mündigkeit in der bürgerlichen Aufklärung: „Der Preis der Mündigkeit. Über Lessings Dramen.

Ein aufgeklärter Monarch
Neumann hat sein Amt als Professor als aufgeklärter Monarch interpretiert. Vielleicht ist an dieser Stelle eine Korrektur des üblichen Bilds eines Ordinarius seiner Generation möglich: Neumann war kein General wie viele andere, die ich erlebt habe, sondern ein akademischer Lehrer, der Studenten ernst nimmt, wenn sie, mit ihren, noch unsicher artikulierten, von dieser oder jener Desillusion vielleicht angekratzten, Glücksverlangen auf ihn zu kamen; wenn sie „aus der Anonymität heraustreten“, wie er einmal in einem Gutachten über mich schrieb. Er nahm diese unsicheren Glücksverlangen ernst, aber nicht todernst. Nicht unwesentlich scheint es mir hier zu bemerken, wie ich seine Stimme in Erinnerung habe. Sie war ja ausgebildet durch ein Gesangs-Studium, und insofern gehört sie nicht nur zur Information, sondern auch zur Aufmerksamkeit für sein Gegenüber.

Das Eros ästhetischer Initiierung und der Preis der Mündigkeit
Wie heikel können nicht solche Übertragungen zwischen Lehrer und Schüler traditionell sein, wenn sie, wie im George-Kreis einer Verrenkung pädagogischer Beziehungen dienen.

Dennoch habe ich nicht nur bei Neumann erfahren, daß ästhetische Erziehung nicht rational, also etwa im Studieren von Lehrbüchern, vor sich geht, sondern an den Eros einer Initiation gebunden ist. Die geglückte Initiation heißt Mündigkeit: Mündigkeit auch des Schülers, der so frei wählt wie der Lehrer. Liegt aber die Paradoxie pädagogischer Verhältnisse nicht stets darin, dass sie auf etwas zielen, was sie voraussetzen, nämlich Mündigkeit, nicht als administratives Programm eines Studien-Reglements, sondern als Begehren?

Diesen Sachverhalt hat George Steiner in seinem Buch „Lessons of the Masters“ in seiner umstrittenen Bedeutung für die Geschichte der westlichen ästhetischen Bildung beleuchtet:

„Diese Emotionen haben zu einem beträchtlichen Teil eine unmittelbare oder indirekte Affinität zur Sphäre der Liebe. (…)

Eine Meisterklasse, ein Tutorium, ein Seminar, ja, sogar eine Vorlesung kann eine Atmosphäre erzeugen, die von Spannungen des Herzens gesättigt ist. Die Intimitäten, die Eifersuchtsregungen, die Ernüchterungen gehen in Liebe oder Haß oder komplizierte Mischungen aus beidem über.“

Mich berührte in erster Linie etwas Anderes: Wo Neumann emphatisch über die produktiven Desillusionen der Dichter und Musiker sprach, schien sie mir selbst selbst etwas Gebrochenes anzunehmen. Zugleich wuchs die Entschlossenheit dieser Stimme. Damit zeigt er eine unheilbare Wunde zwischen den künstlerischen Avantgarden und ihrer Gesellschaft, ja zwischen Individuum und Gesellschaft an. Ich war darauf ansprechbar, so daß mich dieser Habitus prägen konnte.

Neumann wurde darüber nicht sprachlos, sondern nahm diese Haltung in die Form seiner eigenen wissenschaftlich-didaktischen Aussagen auf, selbst wo diese der Sache nach als Thesen, durchaus auch forciert sachlich, ja apodiktisch, formuliert werden. Auch darauf war ich ansprechbar, ich suchte aber keine Dogmatik sondern einen Lehrer, der meiner eigenen physischen und seelischen Konstitution entsprach.

Weil sie sich solche Interaktionen, nein: klanglichen Schwingungen, nicht in einen subjektiven und einen objektiven Teil zerlegen lassen, sind sie verletzlich. Den Umgang mit ihnen kann man nur aus reflektierter Erfahrung lernen.  In solchen pädagogischen Verhältnissen scheint es sich in der Tat ähnlich zu verhalten, wie beim Zustand der wenigstens zeitweise Liebe oder jener gelungenen Kunstwerke, die nach einem demütigen Wort Adorno, „an den heiklen Stellen Glück haben“. Dazu gehören dann Prozesse der Übertragung und Gegen-Übertragung wie das glückliche Werben des Lehrers um Verständnis für seine stets persönliche Deutung oder der verzauberte Blick des Schülers, der an den Lippen des Lehrers hängt.

Demokratisierung
Neumann teilte seine Freundschaft zu Literaten seinen Studenten auf Wunsch sehr bereitwillig und großzügig mit, dies ohne Prätention und Indiskretion, aber mit Verve. Er nahm sich Zeit für Gespräche mit Studenten, die Rat suchten, nicht nur wissenschaftlichen. Wenn ein Student aus der Anonymität heraustrat und Neumann Potential sah. Besuchte ich ihn, erwartete mich, den meist abgehetzten Studenten, eine Atmosphäre der Aufmerksamkeit. Auf diese Weise rekrutierte er seine Oberseminare. Und was blieb ihm auch anderes übrig, wenn er nicht bloß eine anonyme Masse bildungsindustriell mit Scheinen und Examina versorgen wollte. Er war nicht der einzige, aber der erste, Professor in Westdeutschland, der mir gegenüber einmal in der Sprechstunde offen und sachlich über seine Einsamkeit an einer Massenuniversität sprach. Man wisse in einer Vorlesung kaum, zu wem man spreche.

Die Rede von „Demokratisierung“ oder heute „Exellenz-Initiativen“ der Hochschulen scheint mir ohne Beziehung gar keinen Sinn zu haben. Die bundesdeutsche Reformwut sein 1968 schon gar nicht. Neumann ging es, wenn ich das Schlagwort von 1968 aufgreifen darf, um eine wirkliche, das heißt qualifizierte Demokratisierung der Hochschule und zu ihrer Öffnung auch gegenüber den brotlosen Künsten.

Gremienpolitik, diesen Kampf gegen Windmühlen, Seilschaften und Betonköpfe, tat er sich nicht an, soviel ich weiß. Es blieb ihm im Amt, aus dem er 2001 schied, erspart, die 2004 sparpolitisch forcierten, konzeptionell ganz unzureichend durchdachten und geradezu dilettantisch organisierten neueste „Universitätsreform“ umzusetzen. Einem, der jedes sich bietende Schlupfloch nutzt, um den begabten Studierenden die Möglichkeit zu einem selbstverantworteten und -gestalteten Studium aufrecht zu erhalten, dem muß ja die Reduktion der Bildung auf Ausbildung wohl einem weiteren Akt in der Tragödie der Barbarei gleichkommen.

„Jeder darf sagen, was er verantworten kann“
Als mich Neumann 1986 nach zwei Hauptseminar-Arbeiten brieflich in sein Oberseminar zu Karl Kraus einlud, war ich gerade 21. Er ermutigte und forderte mich nun weiter: Auch sein Lehrer Walter Killy habe ihn schon früh zu einem Oberseminar über Rilkes Lyrik eingeladen. „Und man darf auch scheitern.“ – In seinem Oberseminar, wo er eine gesunde Auswahl aus seinen Studenten traf, galt seine Regel: „Jeder darf hier sagen, was er verantworten kann.“ Erwünscht war bei Neumann eine Auseinandersetzung von Historikern und Sozialwissenschaftlern, Hermeneutikern und Dekonstruktivisten oder Adorniten, eine Auseinandersetzung, die er mit kritischer Empathie begleitete. Nur eine Spezies gab es in seinem Kreis nicht: Schwarze Schafe. Dass ich außerdem meine Interessen an Literaturtheorie bei seinem Erlanger Antipoden Theo Verweyen verfolgte, störte eher meine Kommilitonen. Wie könne man nur bei Neumann UND Verweyen studieren?

Neumann war – wie Verweyen – auch hier wieder so frei, an meinen Arbeiten festzustellen, dass auch das mich weiterbrachte. Der Maxime folgend, daß in der Welt der Literatur keine Demokratie herrscht. Jeder Autor und Lehrer ist Monarch, und seine Anhängerschaft ist, indem sie von einem zum anderen geht, immer aufs Neue promisk und schamlos in ihrer Neugier und Hingabebereitschaft. Das Wissen und die Lust, die jeder von ihnen unter diesem Vorzeichen bereitet, sind einmalig und unverwechselbar.

Die Bedingung für eine solche Vielfalt von Versuchen ist ein Milieu, in dem die Achtung vor dem Kommilitonen den Vorrang hat vor den Unterschieden der Hierarchie und der Differenz in den Wissenschaften. Ein solcher Raum schafft die Voraussetzung für uneingeschüchterte, wechselseitig respektierte und ermutigte Selbstentfaltung. Verstand er etwa einen Ansatz Derridas in der Erklärung einer Kommilitonin nicht, sagte er das unbekümmert, und bat empathisch um Erklärung. Dann erst gab er sein Urteil ab: „Es ist schon richtig, dass man in dieser Welt als sensibler Mensch den Verstand verlieren kann. Aber da weigere ich mich.“ So interpretierte er seine pädagogische Verantwortung.

Der Stilist als Leser und Lehrer
Prägend wirkte er auch Stilist. Ging es im Seminar um die romantische Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“, flehte er die Referentin ironisch an: „Sagen Sie doch bitte ‚Die Stimmgabel der Romantik’.“ Ging es um den Lebensstil oder die politische Haltung von Autoren, wurde es ernst. Hier konnte ihm ein Übersehen und Überhören von Unterschieden als primitiv und verwerflich erscheinen. Sprach etwa ein Student „vom beschaulichen Dichterleben“, wurde ihm drastisch vor Augen geführt, wie viel Drogen einer braucht, und was die Pharma-Industrie an ihm verdient, damit er so eine Existenz führen kann. Nannte einmal ein anderer Student seine Leipziger Lehrer Bloch und Mayer „Stalinisten“, rief er knurrig dazwischen: „Dann bin ich auch Stalinist!“ Dabei biß er fast auf seine Pfeife, die deutlichste Form der Entrüstung. Einige wertvolle Pfeifenköpfe hatte ihm sein Freund Wolfgang Hildesheimer geschenkt, als der Arzt diesem das Rauchen untersagt hatte.

Flucht aus den Betontürmen
Die Betontürme der philosophischen Fakultät in Erlangen behagten ihm als Orte des dichterischen Worts so wenig wie mir. Neumann debattierte nicht lange über „die Unwirtlichkeit unserer Städte“, um mit einem Titel von Mitscherlich zu sprechen. In der ersten Sitzung eines Seminars pflegte er lediglich Organisatorisches zu besprechen, also in erster Linie Referatsthemen, vor allem aber Ort und Zeit für das nächste Treffen des Seminars zu verabreden: Z.B. in einem Hotel in der Fränkischen Schweiz, wegen der Romantiker, die diese Landschaft liebten. Er lebte eine Gesprächskultur vor, für die er eine entsprechende Konstitution hat: Stets war er abends beim Wein bei den Letzten, um dann morgens pünktlich und hellwach das erste Referat zu erwarten. Gewandert wurde ja auch viel, und in wie vielen Baum- und Weggabeln fand nicht Neumann sogleich wieder Stimmgabeln der Romantik.

Nach dem letzten Oberseminar, das ich als Student Neumanns im Frühjahr 1987 besuchte, schloß er wie üblich gegen 22 Uhr den Seminarraum neben seinem Büro ab. Und er rief mir in einer unverhohlenen Abschiedslaune hinterher: „Jetzt wird er gut. Jetzt geht er.“ Später kam ich ihn regelmäßig, wenn ich Deutschland besuchte. Wir tauschten vor allem unsere Erfahrungen über Fribourg aus, und meine Entwicklung. Er machte keinen Hehl daraus, dass er lieber gesehen, wenn ich zu Bernhard Böschenstein, Jean Starobinski und George Steiner nach Genf gewechselt wäre. Ansonsten spielte er auf Kafka an: „Im Haus der Germanistik gibt es viele Zimmer, und Sie sind eben bei Neumann und bei Fricke zu Hause.“

Händedruck

Die Wege von Neumann und mir kreuzten sich zuletzt in Jena vor etwa 10 Jahren, wo ich Assistent für Vergleichende Literaturwissenschaft war. Eines Tages klopfte an der Tür meines Büros, Neumann hatte einen Kollegen besucht, und wollte nicht versäumen, seinen Schüler zu begrüßen. Er wird gehört haben, dass ich gerade wegen Depressionen behandelt worden war. So bekam der Händedruck, in den er stets eine verbindende Emphase legte, eine andere Bedeutung.

Zuletzt fiel er mir, spät, wie ich zugeben muss, als Dichter auf, die Präsenz der Begegnung und nun auch die Wertschätzung für den Lyriker war so lebendig, dass ich hm Anfang 2006 schrieb. Als Antwort kam die nummerierte Auflage seines Gedichtbands „Kreidequartiere“. Die Widmung lautet: „Für Christoph Grubitz. Mit herzlichem Händedruck.“

Die Bedeutung, die er dem Händedruck stets gibt, verstand ich als Anspielung an etwas Verbindendes: „Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht.“ Dieser Satz findet sich in einem 1960 publizierten Brief Paul Celans an Hans Bender. Zum Dichter wird man nicht durch das Verfassen von Versen, sondern dadurch, dass man menschlich, verbindlich, spricht.

Ohne solche Zeichen der Nähe gibt es keine Verständigung. Solche Zeichen wollen kein ungedeckter Scheck sein. Sie gewähren dem Anderen auch einen Freiraum, indem er ihm noch vor jeder Botschaft verspricht, seine Fremdheit zu achten und ihm in seiner Einsamkeit beizustehen. Die seelische Konstitution hätte bei Celan zweifellos umso mehr diese Achtung eines Distanzraums erfordert, wie sie ihm sein Interpret Neumann 1968 mit der ersten Monographie über Celans Dichtung erwies. Gerade in sprachfernen Situationen des Lebens, in denen es uns von innen oder außen zu überwältigen droht, scheint das Bedürfnis stark zu werden, sich selbst in derartigen Lebenszeichen innezuhaben.

Das Gedichts als Geste

Dieser basso ostinato von Neumanns Essays und Umgangsformen bestimmte  seit 1994 seine Gedichte, in denen er immer wieder eine außerkulturelle Welt ansprach, eine Sprache für die allfälligen sprachfernen Zeiten:

„In die Luft
Wären wir
stimmlos und taub,
ich stotterte mein Gedicht
in der Fingersprache laut in die Luft.
Ihr hörtet es mit den Augen
Und müsstest mich
ansehn dabei.“

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Ein Jude in deutschen Briefen. Bei Gelegenheit einer Auswahl aus dem Briefwechsel von Elazar Benyoëtz

16. Dezember 2014

Rezension von 2007 zu: Die Rede geht im Schweigen vor Anker. Aphorismen & Briefe. Herausgegeben von Friedemann Spicker. Brockmeyer Verlag 2007. 9,90 Euro
„Am liebsten würde ich Ihnen die Abschriften der zahllosen Briefe schicken, die ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe -: alle diese Briefe waren richtig, alle Adressaten waren falsch, bis auf Sie, Hans Mayer und einen Jugendfreund aus der Schillergasse in Czernowitz.

Ich bin ebenfalls – wörtlich, lieber Alfred Margul-Sperber!- der, den es nicht gibt.“

Brief Paul Celans an Alfred Margul-Sperber

Im besonderen Fall dieses Buchs – Die Rede geht im Schweigen vor Anker – verhält es sich anders. Es ist Zeugnis einer solidarischen Beziehung eines Autors und eines Interpreten, die zunächst nur zwei Dinge verbinden: Eine kleine Leserschaft und die Leidenschaft für den poetischen Aphorismus.

Anlaß des Buchs ist eine Lesung und Ausstellung in Wuppertal im Mai 2007 aus Anlaß des Geburtstags von Benyoëtz. Wer das nicht weiß, wird aus der Einführung Friedemann Spickers leider nicht erfahren, warum hier so viele unterschiedliche Materialien versammelt sind. Allein der linksbündige Flatterrand dieser zweispaltigen Einführung ist ein Layout-Fehler. Medien-Profis waren hier nicht am Werk. Liebhaber durchaus, und das zählt für mich im Zweifel mehr. Die dreiseitige Einführung verrät allein den Kenner des deutschen Aphorismus, der Spicker ist, wenig über den Inhalt des Buchs.

Dem Briefwechsel beigefügt sind erstmals veröffentlichte lyrisch-aphoristische Dichtungen (S. 7-30), eine Auswahl von Briefen des Autors aus den 1960er Jahren (S. 30-63), der Zeit als er von West-Berlin aus eine Dokumentation der jüdischen Literatur deutscher Sprache eine bebilderte Dokumentation der Ausstellung von Benyoëtz’ Frau Métavel (bürgerlich: Renée Koppel, S. 64-68), sowie erstmals eine Auswahl des Briefwechsels von Benyoëtz mit einem seiner Interpreten (S. 69-105), Briefe.

Die Briefpartner

Benyoëtz gilt als der einzige zeitgenössische internationale anerkannte Aphoristiker deutscher Sprache, dazu als Lyriker und als Schöpfer einer eigenständigen Erinnerungsprosa in Zitat-Montagen; Friedemann Spicker als der Historiker und Archivar der deutschen Aphoristik.

Beides, deutsch und Aphorismus, stimmt – und stimmt nicht. Was die Gattung angeht, sagt es Spicker selbst:

„Die Aphorismen von EB haben mit solchen Texten nur den Namen gemeinsam.“

Spicker ist publizistisch mit der deutschsprachigen Aphoristik vertraut wie kein anderer. Dies seit 30 Jahren – und längst wie kein anderer. Gerade diese Spezialisierung ermöglicht in diesem Fall einen Briefwechsel, der eine sehr feine, sehr lehrreiche poetologische Auseinandersetzung bezeugt. In den ausgewählten Briefen geht es vordergründig um den deutschsprachigen Aphoristiker und seinen Interpreten.

Der Herausgeber kann nach eigenen Angaben seine Bekanntschaft mit dem Werk des Autors bis 1976 zurückverfolgen. Der Briefwechsel begann 1997, im Zusammenhang mit einem publizistischen Projekt Spickers, einer sehr verdienstvollen Anthologie mit dem Titel Aphorismen der Weltliteratur, die bei Reclam erschien. Es wird eine wechselseitige Prüfung von Manuskripten verabredet, deren briefliche Zeugnisse von einer klaren Unterscheidung von persönlicher Wertschätzung und Lust an der kritischen Abwägung gekennzeichnet sind.

Zahlreiche Briefe kreisen um die anspruchsvolle Poetik von Benyoëtz’ Werk und die bescheidenden Markt-Chancen anspruchsvoller Literatur.

Hier will ich mich das briefliche Gespräch des Autors mit seinem Interpreten zum Anlaß einiger Überlegungen über die Rolle des Epistographen Benyoëtz in einer Zeit einzunehmen, in der gelehrte und persönliche Briefe einem längst todgesagten Park gleichen. Und eine Quelle für das, ich hier das Gesellschaftliche am Leben des Geists und der Poesie nennen möchte.

„Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung“

Das zeigen nicht nur die wochenlangen Lesereisen, die den Autor jedes Jahr ein- bis zweimal durch Deutschland führen. Aufwand und Ergebnis stehen oft in keinem Verhältnis. So auch bei einer gewiss liebevoll von Spicker in einer Kölner Buchhandlung vermittelten Lesung in 2000. Benyoëtz antwortet seinem treuen Leser nach seiner Rückkehr nach Jerusalem am 21.11.:

„Es schmerzte Sie, dass ich sagte, „Köln ist nicht meine Stadt“: dass sie es an jedem Abend nicht war, haben wir doch gesehen. Dreißig Jahre auf dem Büchermarkt, zwanzig Leute bei meiner Lesung. (…)

Köln aber ist für mich die verbotene deutsche Erde, die ich – dafür noch und noch gestraft – 1963 zum ersten Mal betreten habe. Der Wendepunkt. Und nun war’s meine erste Lesung in Köln. Sie können sich die Erwartung vielleicht denken. Und es sah ja vielversprechend aus. Nun aber sind Sie in Köln und insofern ist Köln meine Stadt, auch gibt es eine Buchhändlerin da, die nun eine Ahnung mehr von mir hat.

Es liegt nicht am ‚Professionellen’, sondern einzig am Feuer, das mein Wort entzündet oder nicht. Wer feuerdicht ist, der schafft auch beim besten Willen keine ansehnliche Lesung. Das ist die Regel, die ich bestätigen kann.“ (S. 79f.)

Bei aller Sprachkunst: Benyoëtz ist alles andere als ein Bewohner des apollinisch eingefriedeten Sonderbezirks einer im Deutschen fast ausgestorbenen Kunstform.

Ernster als Kunst

Spicker andererseits hat, abgesehen von der klassisch-romantischen und der klassisch-modernen Aphoristik, sehr viel auf und noch viel mehr unter dem Durchschnitt lesen müssen. So ist er gewohnt, Aphorismus für Aphorismus, statt einer Dichtung in ihren leichten und schweren Partien, den Wechsel der sprachlichen Gesten und unterschiedlichen Tonfällen zwischen der deutschen und der jüdischen Sprachkultur zu lesen. Schließlich gilt nach Rabbi Hillel, wer den Talmud interpretiert, solle mit dem Leichteren beginnen und zwischen ihm und dem Schweren variieren. Auch diese Haltung gehört ganz bewusst zum Habitus des Autors Benyoëtz, der dem gebildeten Leser Spicker erläutert:

„Freilich, ich muss Ihnen genügen können, doch ebenso jungen Menschen, die noch gar nicht wissen können, was ein Aphorismus vermag, und die zunächst nur einem Wink folgen, einem angeschlagen Ton, einer Stimme, der sie sich anvertrauen. Auch wenn meine Bücher immer nur von wenigen Dingen sprechen, die mir wichtig sind, schreibe ich jedes für sich, als wärs ein Buch fürs Leben, ein Ganzes (in der Ahnung oder im Abglanz) enthaltend, ein Buch vom Menschen. So hoch ich meine Kunst auch schätze, dies nehme ich ernster.“ (S. 82)

So antwortet Benyoëtz am 26.6.2001 auf einen Einwand des gebildeten Lesers Spickers, es gebe einige leichte Partien und Spielformen in seinen Montage:

„(…) es gilt nach wie vor: streng bleiben und streng sieben. In der Ausgabe letzter Hand fallen dann die letzten Schlacken ab, jetzt müssen einige bleiben, weil ein Leser es nicht mag, so ganz streng in die Zucht genommen zu werden; er verliert die Lust am Lesen, wenn ihm überall nur Bärenernst begegnet. Das ist der Grund, weswegen ich in jedes Buch einige Kalauer aufnehme, Wortspiele, Spielereien, auch harmlose Sprachwitze, die ich einzeln nicht verteidigen könnte. Sie gereichen mir alle nicht zur Ehre, aber sie lockern auf. In gleicher Absicht nehme ich auch ‚Didaktisches’ und ‚Eindimensionales’ auf, es sind – nicht Erbaulichkeiten, aber Zusprüche, Regeln und Verhaltensweisen, die man leicht vergisst und umso leichter übergeht. Wo soll man sie aber sonst finden?
Benyoëtz, Epistograph

Gemessen an seiner Bedeutung, fällt mir als Seitenstück zu seinen Briefen in der deutschen Literatur nach 1933 allenfalls der Komponist, Literat und Universalgelehrte und Wanderer Jürgen von der Wense ein. Auf ganz andere und für die deutsche Sprachkultur bezeichnende Weise geht er ab 1933 als Solitär in meist wohl unbeantworteten Briefen auf. Wenn Wense nicht an den Entwürfen seiner Werke saß, in der Göttinger Bibliothek Kuriosa sammelte oder wanderte, dann schrieb er Briefe. Bis zu 30 Seiten pro Tag, am Ende seines Lebens waren es ca. 40.000 Seiten. In ihnen beschreibt er, wie sein Werk hätte aussehen können, wenn es ihm nicht so gleichgültig gewesen wäre. So wirft er ein Licht auf den politischen Zerfall einer sozialen Seite des Geists. Für sich hat dieser hoch musikalische und genuin poetische Aristokrat eine Möglichkeit gefunden, diesen Zerfall als Gewinn zu leben: Durch eine, an Rudolf Borchardt erinnernde, Überhöhung von Kulturlandschaften zwischen Nordhessen und Südhessen, die er erwanderte, und in Gestalt einer exzentrisch-enzyklopädischen Bildungswut. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod (1966) wird dieses Werk allmählich in gediegenen Ausgaben einem kleinen Publikum zugänglich gemacht.

Auch Benyoëtz’ eminenter Briefwechsel war lange so gut wie unbekannt, es ist auch in Publikationen über ihn meist getrennt von seinem publizierten aphoristischen Werk betrachtet worden. Inzwischen wird bereits nach und nach und publiziert. Kostenlos verfügbar ist die online-Edition des Brenner-Archivs der Universität Innsbruck.

Bereits 1989 erschien Benyoëtz’ Briefwechsel mit Clara von Bodman unter dem poetischen Titel „Solange wie das eingehaltene Licht“, 1994 folgte als Anhang der Druckfassung meiner Dissertation eine Auswahl von Briefen des Autors, die zwischen 1988 und 1992 entstanden sind und mich mal in der Bundesrepublik, der französischen Schweiz und im Negev erreichten. Sie wirkten auf meinen Stil prägend, für den Stil meines Lebensstils als Anker, vor den die Rede gelegentlich geht, um Erholung zu finden. An solche Konstellationen denke ich beim Titel des geschmackvollen Buchs, das Spicker vorgelegt hat.

Auszüge aus seinen Briefen der Jahre an mich finden sich im Anhang meines Buchs Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Mit einem Geleitwort von Harald Weinrich (Niemeyer 1994), weitere an diverse Adressaten sind Teil seiner Zitat-Montagen seit Treffpunkt Scheideweg (1990). Mittlerweile werden solche Briefe in Forschung und Kritik als Quellen und von einigen auch als Leseanweisungen zitiert und interpretiert.

Ein Jude in seinen deutschen Briefen

Dort wurde der Brief als Form der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis entdeckt. Als Formen moralischer Selbstbegegnung knüpft sein kaum übersehbarer deutschsprachiger Briefwechsel in deutscher Sprache an die jüdische Tradition der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an, wie sie Gert Mattenklott in seinem Buch Über Juden in Deutschland (Jüdischer Verlag 1992) vorstellt.

Kennzeichen der von Mattenklott vorgestellten Briefliteratur von Juden, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft, Gelehrtheit und Welthaltigkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichens Verhaltens als besonders erfindungsreich. Für Benyoëtz trifft das jedenfalls zu. Als Aphoristiker und Lyriker hat er den besonders im deutschen Sprachraum vereinsamten Ton der Klassischen Moderne weiterentwickelt, als Epistograph deutscher Sprache – gegensinnig – die Tradition der Diaspora von Israel aus fort. Ein symbolischer Gegensinn, der sich in seinem (bereits publizierten) Brief vom 3.1.06 ausspricht:

Geändert hat sich die Gruppe der Adressaten gegenüber früheren Briefen. Nur in seltenen Ausnahmen sind es Juden in Deutschland oder die Nachfahren von Assimilierten, an die Benyoëtz sich in diesen Briefen adressiert. Auch bei den Ausnahmen, und auch, wo es um den Aphorismus geht, besteht die Gemeinsamkeit in der Einsamkeit, in der man einander, Briefe wechselnd, zusammen trifft.

Absolute Dichtung im Sog des Lebens

Bei Gelegenheit Heines schreibt Adorno:

„Nur derjenige verfügt über Sprache wie über ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist.“

Das gilt auch für Benyoëtz’ Sprache. Sie gehört zu seinem Habitus, der Kunst und Brief verbindet. Sein Deutsch trägt nicht nur in seinen poetischen Werken, sondern auch in seinen Briefen die Spuren der Avantgarden. Dies ist am Übergang von absoluter Dichtung zu artistischer Kunstprosa zu erkennen, die sein Werk kennzeichnet. Deutlich ist sie aber auch gezeichnet durch die Geschichte verratener Hoffnungen einzelner Juden im deutschen Sprachbezirk, die ohne seine Zitat-Kunst vergessen blieben. Es sind zugleich die verratenen Hoffungen von Juden im deutschen Sprachbezirk, sondern ein zunehmend globalisierter Aspekt der conditio humana: 40 Millionen Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft schätzt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Refugees – UNHCR) weltweit.

In Benyoëtz’ Dichtung wird auch deutlich, dass Deutsch eine historische Sprache der Dichtung und der Erkenntnis neben anderen ist – nein: gewesen ist, muss man sagen, denn Benyoëtz’ Sprache ist biblisch und symbolistisch zugleich. bleiben zugleich doch auch Merkmale einer poetischen Schule, einer geheimen Dichter-Akademie, die von Kohelet über die europäische Aphoristik bis zur modernen Lyrik reicht. Er gehört zu den „schwierigen“, den „reinen“, auch die desillusionierten Poeten, die Dichter ohne Alternative. Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Exil, wenn auch nicht im gefährdeten Jerusalem, sondern wie Spicker im sicheren Köln oder ich im sicheren Berlin.

Benyoëtz begann als hebräischer Dichter, gründete in Berlin das Archiv Bibliographia Judaica, und wechselte nach Rückkehr nach Israel die Literatursprache. Der Wechsel der Literatursprache und der Wechsel zwischen sprachlicher und poetischer Umgebung ist zu einem unverzichtbaren Filter des sprachlichen Verhaltens und der Erkenntnis geworden. Was er dabei aufgegeben, abgewehrt oder auch überhöht sehen wollte, kann auch der beste Kenner nur ahnen. Auszeichnungen für sein eminentes deutschsprachiges Werk gibt es durchaus, so den Chamisso-Preis, den er 1987 durch die Bayerische Akademie der Künste erhielt, und den Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften 2002. Auch der Bundesverdienstorden fehlt nicht, sicher aber der Büchner-Preis, wenn nicht der Nobel-Preis. So stehen auch die bisher erwiesenen Auszeichnungen bis jetzt in keinem Verhältnis zu seinem internationalen Rang, den international angesehene Kenner wie Harald Weinrich schon in den 1980er Jahren ermessen haben.

Concernant quelques lettres sur Emil Cioran (2008)

16. Dezember 2014

» Une seule chose importe: Apprendre à être perdant. «
Emil Cioran: De l’inconvénient d’être né

Pour Werner Helmich
Elle est finie, la geste avant-gardiste du triomphe d’une conscience assurée de la future ou des jeux sportifs des maximes. Un défaut humain? Bien au contraire: Ce qu’apparaît après ce désarmement textuel, mais l’organisme respirant consistant en os, en muscles, en chair et en sang.

Les amis d’E. M. Cioran, ce ne sont pas des gens sombres, mais des gens qui ont passés leur désillsions. Quand même, ils ont assez de sens de la forme pour être disponibles et attirants.

Pour le connaisseur, ce désarmement des moyens esthétiques est le label de qualité de l’aphorisme contemporain. Aujourd’hui son terrain favorable, c’est les littératures romandes, surtout la littérature française. Et ce Werner Helmich qui nous le montre avec tout ce qu’il dit et tout ce qu’il écrit.

Chez Émil Cioran, on se souvient de l’économie des moyens pures de Paul Valéry, à sa définition subtile: « La poésie – cette hésitation entre le son et le sense. » Cioran, lui aussi, est un maître de l’ataraxia, de la balance spirituelle, de la tranquillité, de l’esprit équilibré.

Dans ce sense-là, nous préférons des aphorismes avec un design délicat du texte et de la théoríe: Lisez Cioran !

Nachlaßakte. Ein Gedicht vom Oktober 2009

16. Dezember 2014

Jahr um Jahr,

Monat für Monat,

verzeichneten seine Kontoumsätze

den Posten:

Hofapotheke Wilhelm Alzheimer,

200,- Euro.

 

Denkbild für eine Welt voller Bilder,

aus denen das Leben abfließt,

unaufhaltsam und unwiederbringlich.

Visite dans un hospice. Pour E.G. Ein Gedicht aus dem Jahr 2007

16. Dezember 2014

Il a 76 ans.
Il a deux bonnes rentes.
Il a le droit de
Visiter des paradis artificiels.

Il n’a pas le droit de
Mourir.
Car il est nourri
Artificiellement.

Il porte des couches.
Il se trouve dans
Un lit d’enfant avec
Télécommande.
Depuis des années.

Il écarquille les yeux
Deux fois par jour.
Il regarde n’importe où,
Où il ne se trouve personne,
Où il ne se trouve rien.

J’en parle avec
Émil M. Cioran.
Il m’encourage:

« Comment ne pas se tourner alors vers la poésie?
Elle a – comme la vie – l’excuse de ne rien prouver. »
(Emil M. Cioran : Précis de décomposition)

1902: Das erste Auto am Gotthard. Und die Folgen

16. Dezember 2014

Für Randy Kaufmann, den Reisenden und August-Scherl-Kenner

 

Einem Gerücht zufolge, dessen Quelle im alten Berliner Zeitungsviertel (wo sonst?!) zu liegen scheint, ist im Juli 1902 ein Auto über den Gotthard gefahren: Zum ersten Mal und nicht legal.

 

Der Sünder ist der in Berlin sesshafte und heimatberechtigte Schelm und Literat Otto Julius Bierbaum (1865-1910). Er hat vom Berliner Großverleger August Scherl (1849-1921) ein acht PS starkes Cabrio der Marke „Adler“ samt Fahrer zur Verfügung gestellt bekommen. Bierbaum reist in journalistischer Mission von Berlin über Prag nach Sorrent und zurück über die Schweiz.

1902 ist der Gotthard der angeblich einzige Schweizer Pass, für den eine Nutzung mit Motorwagen nicht verboten war. Bierbaum bewältigt die 136 Kilometer lange Strecke von Bellinzona (Ticino) über Graubünden nach Brunnen (Uri) in neun Stunden.  „Allerdings nach der Melodie ‚Immer langsam voran“, wie Bierbaum in einem Brief mitteilt: „Das läßt sich nicht im Galopp machen.“ Er kommt gerade in Göschenen an, als ihm ein Bär von einem Polizist den Weg versperrt und ihn anröhrt: „Anhalte! Usstiege!“ Bierbaum findet das unhöflich, was aber nichts hilft. Ihm wird mitgeteilt, dass die Polizei in Andermatt ein Telegramm gesandt habe: „Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten. Stellt es und verfügt nach Gesetz!“

Es stellt sich heraus, dass zwar der Kanton Tessin das Befahren des Gotthards erlaubt, nicht aber der Kanton Uri das Befahren der altehrwürdigen Teufels-Brücke über die Schöllenenschlucht. Das Recht des angeblichen Urkantons Uri sieht in dieser Zeit nämlich vor, dass man in Andermatt, dem ersten Kaff von Uri, einen Ochsen vor seinen Kraftwagen spannen muss. Also hat Bierbaum 20 Franken Strafe zu zahlen, worauf er seinen Weg fortsetzen darf.

Bierbaum holt das Geld nebenbei locker wieder rein: Er veröffentlicht  alsbald ein Auswahl seiner Tagebuch-Notizen und Briefe von dieser Reise in einem Buch: Eine empfindsame Reise im Automobil (1902), in dem das Auto zum ersten Mal ein Gegenstand der deutschen Literatur ist. Der Titel muss noch an vertraute Muster der Reise als einem individuellen Abenteuer erinnern: an einen Bestseller von Lawrence Sterne aus dem 18. Jahrhundert (A Sentimental Journey Through France and Italy, 1768). In Sternes Buch stehen erstmals die Erlebnisse und Empfindungen des Reisenden und nicht humanistische Bildungsinteressen oder die zielgerichtete Brautschau im Vordergrund. So auch bei Bierbaum. Im Vorwort klärt er auf:

Empfindsamkeit heißt mir der Zustand und die Gabe stets bereiter Empfänglichkeit für alles, was auf die Empfindung wirkt, die Fähigkeit und Bereitschaft, neue Eindrücke frisch und stark aufzunehmen.

Wenige Jahre vor Bierbaums Autofahrt über den Gotthard ist Gott gestorben. So jedenfalls registrieren sensiblere Zeitgenossen den Lauf der bürgerlichen Aufklärung. Ohne festes Engagement sehen sie sich in einem langen Aufzug von Medienmenschen und Motorisierten, Dekadenten und Perversen, Nervösen und Hysterikern des Fin de siècle, teils mit metaphysischem Grauen, teils mit allerlei Abenteuerlust – wie Bierbaum.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts ist der Reigen der Statisten für den Kehraus neu besetzt. Es hat sich längst weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus herumgesprochen, dass man über den Gotthard mit dem Auto fahren kann. Ein Kilometer langer Stau vor dem Gotthard-Straßentunnel ist so „empfindsam“ und individuell wie jeder Aufenthalt in einem der postmodernen Transitpferchs, von denen es heute im öffentlichen Raum immer mehr gibt.

Die Strafe, die Bierbaum zahlen mußte, ist inzwischen durch Gebühren im Maßstab der EU ersetzt. Er und seine metaphysisch obdachlosen Zeitgenossen sind ausgewechselt gegen das graue globale Heer von Arbeitslosen, Stadt- und Weltstreichern und Drogenabhängigen, den Taugenichtsen und Antriebsgestörten aller möglichen Ursachen und Erscheinungsformen. Jedermann darf sich aussuchen, ob, wo und wie er noch Bilder findet für diesen letzten Blick um die Ecke und zurück: Ende des Lebens, Fin de siècle, Endgame, Postmoderne.

„Verloren ist, wer den Humor verlor.“ Das antwortet Bierbaum seiner Zeit in seinem Gedicht Glück auf die Reise! Er wird gewußt haben, warum.

Maimondes mit Berliner Schnauze. Gershom Scholem in seinen Briefen

16. Dezember 2014

„Ich gebe zu, dass ich nicht mehr weiß, ob und wenn, so warum ich Sie in Zürich ‚gelegentlich besorgt von der Seite zu mustern’ hatte. Was sollte denn dahinter gesteckt haben? Wenn meine Seitenblicke so präzis wären wie Ihre deutsche Prosa, könnte ich sie (nämlich die Blicke) der Interpretation ja würdig halten. Ich fürchte aber, dass ich es so weit auch in punkto Seitenblicke nicht gebracht habe. In der Prosa habe ich mich freilich eher um Präzision bemüht.“

Gershom Scholem an Uwe Johnson, Jerusalem, 13.3.1973

Kürzlich nahm sich mein väterlicher Freund Elazar Benyoëtz bei Gelegenheit einer sehr seltenen Razzia in meiner Bibliothek den Briefwechsel Peter Szondis vor, während ich mich mit Elazars Frau, der Miniaturenmalerin Renée Koppel, in der anderen Ecke meiner Bibliothek über unsere Lieblinge in der französischen Literatur, über Algerien und das intellektuelle Frankreich und die Pariser Menschenrechtler André Glucksmann und Bernard Henri Levy unterhielten. Elazar weiß, dass Szondi immer wieder bei mir vorkommt, wenn es um Vergleichende Literaturwissenschaft und deutsche Kultur geht.

Irgendwann gingen wir in Tucholskys „Lietzenpark“, der beiden sofort zusagte. Auf einer Parkbank las und übersetzte ich mit Renée das Berliner Museumsjournal. Rechts von uns las Elazar in Szondis Briefen – um irgendwann zugleich ad rem und ad personam zu bemerken: „Szondi hat nicht zu viel gesagt. Und er hat sich nur in der vornehmsten Umgebung bewegt.“

Zwischen uns war unausgesprochen mitgesprochen, dass das auf den Leser, Schriftsteller und Korrespondierenden bezogen war, nur in Ausnahmen auf die Umgebung seiner Wohnorte und Arbeitsplätze. Elazar schien nicht beruhigt, die akademische Schule ist für Juden wichtig, aber das Wohl des Schülers am Ende wichtiger. Es dauerte nicht lange, und Elazar legte mir den Briefwechsel von Gershom Scholem nahe.

 

Gewalt der Erinnerung

Ich wusste: Scholem war ein Jahrhundertkopf, bei dem viele Lebenswege, auch Todeswege zusammenkommen. Er wollte Szondi, wie Walter Benjamin, nach Jerusalem holen: primo, weil er viel von ihm hielt, und secundo, weil er spürte, dass dieser junge Professor und Jude in der Nachkriegs-BRD es „verlernt hatte, zu Hause zu sein“, wie Szondi selbst brieflich bestätigte. Szondis Schüler und legitimer deutscher Zeuge Gert Mattenklott bemerkt dazu gelegentlich lapidar:

„Die Gewalt der Erinnerung ist gelegentlich so furchtbar, dass sie die Menschen vernichtet, die ihr standzuhalten versuchen.

Dass Szondi schließlich als ungarischer Jude, dessen Familie in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte, sich ausgerechnet in einem deutschsprachigen kulturellen Milieu einrichten mußte, kann seine Bereitschaft, in diesem Milieu wahrhaft heimisch zu werden, unmöglich befördert haben.“

Dass er wohl auch einer vernichtenden innerer Notwendigkeit folgte, ist dem Korrespondenten Scholem nicht engangen: Szondi habe es „verlernt, zu Hause zu sein“.

Ich lies mir umgehend die dreibändige Ausgabe von Scholems Briefen antiquarisch aus München kommen. Sein Stil in wissenschaftlichen Schriften schätze ich bereits seit über 20 Jahren: Er gibt ein Beispiel von Klarheit, Verbindlichkeit und Relevanz. Er sucht keinen Streit, stellt sich aber jedem, der um des Himmelsreichs wichtig ist.

Es stellte sich, jedenfalls bei meiner Lektüre, außerdem heraus, dass es bei Scholem auch eine hedonistische Freude an Geselligkeit bei einer feisten Ente gibt, die zweifellos einen wuchtigen Wein braucht, um zu schwimmen. Und angemessene Tischgespräche, versteht sich. Das liest man ja bei Benjamin und Szondi nicht.

Außerdem entdeckte ich noch etwas anderes bei Scholem, dem Korrespondenten: Die Erfahrung der Stigmatisierung war für ihn wie für seine Freunde Benjamin und Scholem eine wichtige Erkenntniskraft. Seine physisch-psychische Konstitution lies ihn das Scheitern der Assimalition schon früh erkennen – und zu einem Briefpartner, der seinen selbstbewußten Standpunkt hat, seine Fragen unbefangen stellt und den Unschlüssigen seine starke Schulter anbietet: Von Marx hielt er wenig: Er selbst sei für das „niedrige Niveau“ verantwortlich, mit der über das Judentum auch im Westen nach 1968 geredet werde. Er begründete dies mit der marxistischen Gleichsetzung von Judentum mit Finanzjudentum. Was man „neuerdings“ von Pastoren wie Martin Niemöller im Zusammenhang mit dem Judentum lese, sei ja löblich, allein, er halte sich an die Geschichte von 2000 Jahren Vorurteil, die er bis in die Theologien dieser Jahre belegte.

Scholems „schnoddrige Grazie“

Ich verstehe jetzt sehr gut, dass er aufrichtig einverstanden war mit Adornos Brief zu Scholems 70. Geburtstag, der ihm „schnoddrige Grazie“ bescheinigte. Das Schnoddrige mag Adorno, der mit Scholem Benjamins herausgab, zunächst erschrocken haben. Die boshaften Diffamierungen in der BRD, die sich auf Adornos Edition der Briefe Benjamins bezogen haben, entkräftete Scholem als Mitherausgeber glaubhaft, indem er bescheinigte, dass Adorno koscher sei, aber andere Vorzüge habe, als sich durch Berge von Manuskripten zu wälzen.

Und das ist seine Grazie. Dass die Neue Linke in der BRD Scholem nachredete, er habe Benjamin jüdisch (statt marxistisch) frisiert, gehört zu ihrem totalitären Erbe. Es hat Scholem brieflich allenfalls zu gespielt verständnislosen Bemerkungen über die neuere „germanische, bajuwarische, um nicht zu sagen österreichische“ Rezeption Benjamins veranlasst. Ich habe bei der Lektüre befreit gelacht.

Das Aas

Der ungewöhnlichen Ansprechbarkeit und Mitteilungsbereitschaft dieses Mannes eignet eine Berliner Schnauze mit gesundem Herz ist auch in aller Fülle anwesend: Ja, das „Aas“ Asja Lacis, er wisse auch nicht, was Benjamin mit der wollte, das sei zwar rätselhaft, aber für die Biographie Benjamnis unwichtig. Nebenbei trifft er dabei einiges von den Mythen auf, den die sexuelle Befreiung von pietistischen Zwängen in der BRD seit 1968 befördert hat.

Die Vertracktheit der Partnerwahl und der ideologischen Orientierungen bei Benjamin waren ihm als Freund in den Briefen ohnedies weniger wichtig als die Frage, ob für ihn ein eheliches Zusammenleben mit einer Frau geeignet sei. Scholem war sexualpoltisch in erster Linie liberal und diskret. Entscheidender ist die Beobachtung, das seine Frau Fania in seinen Briefen immer mit spricht, als ständige Antithese, humorvoll und offen, wie es in jüdischen Familien üblich ist.

„Lieber Steiner“

Wohltuend auch der ungemein vitale Sarkasmus, den er mit dem „lieben Steiner“ (George Steiner) teilt, als es um seine Erfahrungen mit gewissen Umgangsformen an hiesigen, hier knapp als „gojisch“ bezeichneten, Unis ging. Das ist der Zustand. In diesem Fall also Zürich. Die Staiger-Leute waren ja schon vorher gegen Szondis Berufung, der sich dort eigentlich nach Berlin „entpolitisieren“ wollte.

Szondi hatte das Wort von Scholem in die Hand, seine Laufbahn als Komparatist in Jerusalem fortsetzten zu können. Aber Szondi hatte die Option so wenig wie Benjamin: Aus der inneren Notwendigkeit des gelebten Lebens heraus. Und das wusste auch Scholem, wie sein publizierter Briefwechsel mit Szondi zeigt.

Scholem, davon konnte ich mich inzwischen weiter aufs Erfreulichste überzeugen, hatte eine bemerkenswerte Unerschrockenheit im Umgang mit Gefährdeten. Eine Gabe. Was Maimonides für das Judentum in der spanischen Diaspora war, könnte Scholem sein für die heutigen Unschlüssigen der vornehm-gebildeten Welt.

„Das Moment des Entfremdens“

Dem Schriftsteller und Kritiker Rudolf Hartung schrieb er zu dessen Rezension der Briefe Walter Benjamins:

„(…) Ich stimme Ihnen durchaus zu, wenn Sie das Moment des Entfremdens, des sich Verabschiedens in diesen Briefen wahrnehmen. Wer ihn nicht in dieser Weise nehmen konnte, konnte überhaupt nicht mit ihm umgehen.“

Scholem hat Verwandte überlebt, die von Staats wegen ausgeraubt und ermordet wurden, auch Freunde, die sich das Leben nahmen. Noch eine Gabe.

Seinen Abschied überleben

An seinen Freund, den aus Berlin stammenden Politologen und Philosophen, George Lichtheim (1912-1973) in London schrieb er am 3. Januar 1973 nach dessen ersten, noch gescheiterten Suizid-Versuchs:

„Lieber George,

ich weiß nicht ob es angebracht ist, dass wir Ihnen Glück dazu wünschen sollen oder dürfen, dass sie Ihren Abschied überlebt haben, obwohl wir das gern täten. Aber in diesem Sinn ist das vielleicht gar nicht angebracht, was gut zu verstehen ist. Jedenfalls möchten wir hoffen, daß Sie doch wieder einigen Geschmack finden, am Leben zu leben zu sein. Eigentlich darf man da, wenn ich mich ernstlich prüfe, niemandem hineinreden. (…)

Ihr Gershom Scholem“

Eine ziemlich fleckige Kopie. Bruce Chatwin besucht Ernst Jünger, um mehr über Henry de Montherlant zu erfahren

16. Dezember 2014

Zwischen zwei Schichten ging ich neulich ins Weite: nämlich über das erfreulich unfreundliche Ernst-Jünger-Portrait Bruce Chatwins auf Henry de Montherlant. Und Chatwin hätte ein Aphoristiker sein können. Er hat ja Moralistisch-Tacitistisches ohne Ende zu bieten, soweit kann ihn also der deutsche Mann also kaum schrecken, über den Heiner Müller sagte, er habe erst den Krieg, dann die Frauen kennen gelernt. Chatwin kannte die Männer wie die Frauen, wie also Jünger die Männer nicht kannte, aber Montherlant.

Es gibt Texte und Sätze von Jünger, die sowohl in der DDR als auch später in der Bundesrepublik als präfaschistisch gelten. In der ersten Polemik gegen Jünger von Wolfgang Harich nach dem Zweiten Weltkrieg gilt er bereits als der „Präfaschist“ und so weiter.

Harich zitiert darin als besonders verwerflich einen Satz über die Somme-Schlacht im Ersten Weltkrieg.
Der Satz heißt:

„Bei einem Vorgang wie dem der Somme-Schlacht war der Angriff so etwas wie eine Erholung, ein geselliger Akt.“
Wolfgang Harich hat diesen Satz in der jungen DDR als Beleg für die Unmenschlichkeit von Jünger zitiert. Das ist nicht falsch, vielleicht genügt das aber nicht. Als Dokument für das, was eine solche historische Situation aus Menschen macht, ist es ja besonders aussagekräftig. Heiner Müller, als er schon vom Krebstod gezeichnet ist, sagt in einem seiner legendären Gespräche mit Alexander Kluge:

 

„Das versteht man in der Intensivstation, diesen Satz, weil der ist völlig richtig. Und man kriegt auch ein Verständnis – was ich wirklich sehr skeptisch betrachte, auch selbst – sogar für die Verachtung der Demokratie bei Leuten, die zum Beispiel aus der Somme-Schlacht kommen.“

 

Auch vor dem intellektuell übertönten Darwinismus Jüngers schreckt er nicht zurück: er lehnt ihn ebenso unmissverständlich wie beiläufig ab. Er unterscheidet sie von der Tradition des honnête homme. Das unterscheidet den guten vom schlechten Erzähler. Auch das Geheimnis, dass er um sein „Interesse“ am Montherlant macht, das er im Text als Faszination bezeugt.

 

Montherlant scheint kapriziöser zu sein als Jünger, und in den Unterschieden des Niveaus übertrifft er vielleicht sogar die üblichen französischen Journal- oder Carnet-Autoren. Er hielt diese Tagebuch-Formen für so etwas wie Vorstufen, Formulierungsübungen: Das entspricht dem Klischee, es widerspricht aber seinem entschiedenen Willen zur Form:

 

„Das einzige Rezept: schöne Werke schaffen. Dann komme, was mag.“ (Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S. 14)

 

Dann hielt ich Konferenz mit einem fernen Bekannten, Werner Helmich, mit seinem Standardwerk zum französischen Aphorismus. Und siehe da: Helmich kommt immer wieder und gar nicht selten wertschätzend auf Montherlant zu sprechen, wegen des Moralistischen und des Muts zur Subjektivität mit distinguiertem formalem Anspruch. Helmich ist ja fein, er hat die Ataraxia im Auge, zu der das Pathos der Distanz ebenso gehört wie das procul negotiis, das Fern der der Geschäfte und der  zeitgenössischen Gesellschaft:

 

„Wer mich besucht, erweist mir die Ehre, wer mich nicht besucht, macht mir eine Freude.

 

„Wer dem Publikum – seiner ‚Kundschaft‘ – nicht zu mißfallen wünscht, ist, wie er es auch anstellen mag, ein Krämer. Sogar und vor allem, wenn er Literat ist.“ (Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S.60)
Öffentliche Ereignisse des Tages werden nicht angesprochen.
Chatwin, so endet seine Geschichte, lässt sich von Jünger ein pièce justificative  nach dem anderen zeigen, man beginnt, einander zu langweilen, für ein Besuchs-Portrait  hätte es bis dahin nichts hergegeben. Der Autor vom Typ Jünger geht eben im Werk auf, seine empirische Person  ist meist wenig interessant. Dann aber bleibt man aber bei Montherlant hängen. Und Chatwin macht aus Flecken mit wenigen Handstrichen Geschichte:

 

„Da ich an Montherlant interessiert war, konnte ich das Gespräch mit Jünger etwas ausdehnen, und wieder kam er vom Aktenschrank zurück, diesmal eine ziemlich fleckige Kopie schwenkend, auf der geschrieben stand:

 

Le suicide fait partie du capital

de l’humanitè
Ernst Jünger

8. Juni 1972

Dieser Aphorismus Jüngers stammt aus den dreißiger Jahren, und es heißt, daß Alfred Rosenberg einmal gesagt habe: ‚Es ist ein Jammer, daß Herr Jünger aus seinem Kapital keinen Nutzen zieht.’ Doch man muß sich die Szene so vorstellen:

Montherlant, an Krebs erkrankt, sterbend, sitzt in seiner Wohnung am Quai Voltaire, umgeben von seiner Sammlung griechischer und römischer Marmorstatuetten. Auf seinem Tisch eine Flasche Champagner, ein Revolver, ein Füllfederhalter und ein Blatt Papper. Er schreibt: ‚Le suicide fait partie …’

Peng!

Die Flecken waren fotokopiertes Blut.“

(Bruce Chatwin: Was mache ich hier. Hanser, S. 335)

Emmanuel Lévinas: Ich, in Beziehung

16. Dezember 2014

Erinnerung
täuscht Gegenwart
des Gedächtnisses vor

Erinnerungen halten alles ein,
was man sich je versprochen hat

Erinnerung –
das sich hier ansammelnde
Jenseits

Erinnerung
macht vergessen

Elazar Benyoëtz: Einsätze

 

Emmanuel Lévinas lernte ich als sein Student in Fribourg kennen. Er las dort, auf Einladung der dortigen Communauté juive, als Emeritus einige Semester lang über La pensée juive après Kant. Alle 14 Tage reiste er mit dem TGV aus Paris an.

Er war 82 Jahre alt. Ich war einer von vielleicht fünf Studentinnen und Studenten in seiner Vorlesung. Sie war nicht das, was man in Deutschland mit einem häßlichen Wort „prüfungsrelevant“ nennt. Ich beschäftigte mich damals mit Judaica, wenn auch mehr von der Literatur und Geschichte her. Als Student der Philosophie hatte ich wenig Berührungen zur Phänomenologie. Das „zurück zu den Sachen“ boten mir die Literatur und ein Studium in der französischen Schweiz, auch bei Lévinas.

„Hors sujet“

Die heute verbreitete Frage, ob man ihn religiös oder philosophisch verstehen solle, stellte sich mir nicht: Seine Philosophie kreist immer um das Verhältnis eines Menschen zu sich und den anderen. Die Verschiebung der traditionellen Kontexte – vom Ontologischen zum Ethischen – und die Entgrenzung der Begriffe empfand ich poetisch und aufrichtig. Vor allem die Transgressionen in Titeln wie „Hors Sujet“ – „Außer sich“ / „Außerhalb des Subjekts“. Das war auch sprachbewußt. Ganze Sätze oder Begriffe, die nicht sofort talmudisch hin und hergewendet werden, finden sich in seinen Schriften nicht oft.

Das war mir in der Philosophie neu, und manche, die es besser beurteilen können als ich, sagen, es ist ein Aspekt seines Werks, das philosophisch weiterführt. Für mich war es neben der beginnenden Freundschaft zum Aphoristiker Elazar Benyoëtz eine Öffnung angesichts der Grenzen, die man in dieser Zeit zum religiösen Denken zog, ich auch. Ich bin familiär nicht mono-konfessionell gebunden, also bestand für mich nicht der Druck, einen „Dialog“ inszenieren zu müssen, wie dies katholische Theologen in Deutschland heute tun. Er war schon da. Der Dialog zwischen analytischer Sprachphilosophie und Kritischer Theorie für mich und meine widersprüchlichen philosophischen Neigungen auch.  Die Phänomenolgie gar nicht. Was hatte ich da von Lévinas, außer einer philosophie-historischen Einführung ins jüdische, vor allem deutsch-jüdische Denken zu erwarten?

Das Gesicht des Anderen

Ich war sehr eingenommen, der Stil der Vorlesung war mir neu. Nach einer offenbar alten Gewohnheit, hatte er die Vorlesung in Form von Notizen auf kleinen Zetteln vorbereitet. Das Suchen war ein Event. Wirklich elektrisierend wurde es aber erst, wenn er den Faden verloren hatte und improvisierte. Das hörte sich dann (hier übersetzt) so an: „Selbstreflexion: ein schwieriges Wort…“ Dann hellte sich seine Miene auf, er schaute uns strahlend an und definierte das „schwierige Wort“ ad hoc: „Wenn ich etwas über mich erfahren will, brauche ich nur in Ihre Gesichter zu schauen.“

Das „Gesicht des Anderen“ ist ein zentrales Motiv seiner Philosophie und Ausgangspunkt seiner unterschiedlich interpretierten und wohl auch interpretierbaren Ethik. Wo sehe ich Lévinas in den Diskussionen um die Philosophie der Geisteswissenschaften der vergangenen Jahrzehnte? Dort dominieren zwei Vorstellungen, die einander ausschließen:

Die traditionelle Hermeneutik geht von einer relativen Stabilität des Subjekts aus. Das Andere soll als Variation des Einen gelten, als Fall von X dem erkennenden Subjekt einverleibt werden. Die Dekonstruktion hingegen setzt auf die Profilierung des Anderen, insofern es sich von anderem unterscheidet.

Beide Positionen betonen das Verhältnis des Geistes zu sich sich selbst. Lévinas setzt den Akzent auf Beziehung: Auf Beziehung, die noch aussteht. Auch die Erkenntnis verhält sich zugleich zu ihrem Urheber, zu ihren Gegenständen und zu ihrem Adressaten: zum Beispiel vereinnahmend, neutral oder fremd. Bei Lévinas wirkt eine minoritäre Erfahrung, die er mit Formulierungen wie „Geisel des Anderen“ umschreibt. Menschliche Intelligenz ist hier dadurch bestimmt, dass sie das Andere ihrer selbst vorstellen kann: Das Unmenschliche wie die Verantwortung.

Vorlesung als Improvisiation

Manche Improvisationen hatten auch dialektische, ja poetische Qualität, die ich als Liebhaber der Aphoristik schätzte. Aber ich schrieb sie nicht mit. Der Unterschied zwischen einem Aphorismus und einer These war mir aus der Tradition der analytischen Wissenschaftstheorie bewußt. Ein Aphorismus kann gelingen oder nicht, eine These ist eine, wenn sie widerlegbar ist, wenn ihre Begriffe eindeutig sind, und ihre Aussage frei von Widerspruch.

So weiß ich heute nicht mehr, um welches Aperçu es ging, als Lévinas sich plötzlich unterbrach, mit den Händen fuchtelte und erschrocken sagte: „Schreiben Sie das nicht auf, das ist ein Aphorismus!“ Lévinas’ Erschrecken entspringt seiner religiösen Scheu vor der Verwechslung von Aussage und Bild.

Mir war es spontan verständlich, es war etwas Performatives, das mich bei den Philosophen, die ich schätzte, immer angezogen hat. Ich war von der Bewegung seiner Gedanken, durchaus auch von seinem Ringen um Worte, fasziniert. Ohne mir darüber schon Gedanken zu machen, empfand ich den Reiz des Spontanen dieser Rede, die sich von Verzettelung, von der Angst vor dem Bild, befreit hatte. Es machte mir den Wert des Scheiterns eines Gedankens oder einer Formulierung deutlich. Notizen hätten meine Aufmerksamkeit für diesen Tanz auf der Rasierklinge gestört.

Das Unfertige, musikalisch betrachtet

Lévinas liebte auch das Unfertige an den Kompositionen seines Sohnes Michael, der recht hat, wenn er – nach der Biographie Malkas – sagt, gerade darin habe sich die pädagogische Berufung des Vaters gezeigt. Für sich selbst, so berichtet sein Sohn, habe er mit dem Schriftlichen stets gerungen. Er habe befürchtet, sich zu wiederholen, und Mühe gehabt, einen Gedanken bis zum Ende auszuführen. Nicht aus intellektuellen Gründen. Bücher zählen nur aufgrund ihrer Geschichte und des Lebens, das in sie hineinlegt.

Malka berichtet von seiner Angst vor Kommunikationsmitteln. Wie kein anderer Denker des 20. Jahrhunderts hat er die „Andersheit“ (altérité) des Anderen betont. Es mittlerweile fast zu einem blutleeren Wort der Geisteswissenschaften geworden. Man kann es sich nich nicht konkret genug denken: Lévinas war außerstande, seine Vorlesungen und Vorträge zu beginnen, wenn er sich nicht zuvor der Anwesenheit seiner Frau Raissa vergewissert hatte, so berichte Malka berichtet. Sie saß, kaum wahrnehmbar, in der ersten Reihe.

In den Vorlesungen und in den Gesprächen meinte ich auch, an einer brüchigen Situation teilzunehmen, auf gefährdetem Grund zu stehen, was bis in den Stil seiner Mitteilung hinein. Es war wie ein flow, „ein Punkt der Existenz, an dem das denken trifft, und die größtmögliche Zahl der Kräfte eines Lebens bündelt“, um es mit Paul Valéry zu sagen. Ich war gefährdet, diese Begegnung half mir weiter.

Mit Ecken und Kanten

In Pausen war er nahbar, ein fast großväterlicher Gesprächspartner und zugleich ein Denker mit allen Ecken und Kanten. Auf meine jugendliche Ungeduld reagierte er gelassen und ganz klar. Ich wünschte mir Walter Benjamin und Theodor W. Adorno in diesem Zusammenhang. Er schaute mich prüfend an: Benjamin? War für Lévinas „ein Journalist.“ Er sagte es nicht verachtend, er legte seine Prioritäten dar. Adorno? „Sein Jargon der Eigentlichkeit… Das ist eine Parodie auf Heidegger.“ Provokation für Provokation. Eigensinn für Eigensinn. Ich konnte es sportlich nehmen. Die Art, wie im akademischen Betrieb im Nachhinein rationale Gründe angeführt werden, um eine Schulmeinung gegen die andere auszuspielen, war mir immer unangenehm, weil sie scheinobjektiv ist, und schnell zu Glaubenkriegen werden. Ich lernte Lévinas wegen seiner Haltung schätzen, auch wenn wir unsere Einschätzungen nicht teilten.

1989 gab ich Lévinas meine Lizentiatsarbeit über Elazar Benyoëtz zu lesen. Vor seiner nächsten Vorlesung sprach er mich aufgeregt an, es war ihm sichtlich unwirklich, einen deutsch-jüdischen Aphoristiker zu entdecken: „Benyoëtz… Le Fils de celui qui donne des conseils! C’est un aphoriste allemand… Et Grubitz!?“ – Dann wechselte er die Tonart und verlangte ultimativ: „Il faut que vous publiez ça.“ So weit war es noch nicht, auch wenn ich eine gewisse Verpflichtung empfand.

Wirkung – Entstellung?

Manchmal verstellt der Erfolg in bestimmten Milieus das Verständnis eines Werks der Kunst oder der Philosophie. Hier scheint es mir so zu sein. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, daß man, wie es heute geschieht, Lévinas zu einem Repräsentanten des Judentums macht, um an ihm in Deutschland das Bußritual eines christlich-jüdischen Dialogs aufzuziehen. Wäre Lévinas allein ein bedeutender Philosoph, und kein observanter Jude gewesen, er würde kaum als „Repräsentant des Dialogs“ gelten. So wie man ihn umgekehrt lange gar nicht wahrgenommen hat, weil er observanter Jude war.

Ich lernte schon vor meiner Beschäftigung mit Lévinas die verschlungensten Haupt- und Nebenwege der Assimilierten kennen, die der Zionisten, die der Anarchisten, die der Kommunisten, die der wenigen Zionisten oder der jüdischen Heideggerianer.

Und ich wußte, dass Lévinas aus einer observanten Familie stammte und so lebte. Als Philosoph bezog er sich auf diese Tradition wie auf das gesamte europäische Denken. Vielleicht sollte man ihn in der Tradition von jüdischen Philosophen sehen, die zugleich auf ihre Kultur wie auf ihre Umgebung wirkten: Ich denke an Moses Maimonides oder Moses Mendelssohn.

Lévinas selbst hatte zu den zufälligen Bedingungen seiner Wirkung einen ironischen Abstand. Nach 68 begann er eine Konferenz mit den Worten: „Ich werde über Gott sprechen… Heute muß man ja fast sagen: Entschuldigen Sie den Ausdruck.“

Als sich in den 1970er Jahren, vermittelt durch seinen Freund Paul Ricoeur, ein Interesse des Vatikan anbahnte, und Papst Johannes Paul II. ihn als Husserlianer grüßen ließ, frotzelte Lévinas seines evangelischen Kollegen: „Muß man jetzt einen Protestanten schicken, damit ein Papst mit einem Juden ins Gespräch kommt?“

Lévinas selbst hat sich gegen die Bezeichnung „jüdischer Philosoph“ verwahrt. Für einen Philosophen ist dergleichen zu unscharf. Und unscharfe Begriffe reduzieren, indem sie die Proportionen verzerren.

 

Wie Lévinas verstehen die jüngeren französischen Juden, Derrida, Alain Finkielkraut, André Glucksmann darunter, den Nationalsozialismus als einen radikalen Bruch mit dem westlichen Humanismus. Sie versuchen, über die Einsicht eines Scheiterns der bürgerlichen Aufklärung hinauszukommen, die Adorno als einer der ersten im kalifornischen Exil vertreten hat.

„mehr oder weniger, jedenfalls anderes“

Das Denken von Lévinas sei „mehr oder weniger, jedenfalls anderes als ein bloßer Dialog zwischen jüdischem und anderem Denken“, sagte sein Freund Derrida auf seine abgründige Weise in „Adieu“, dem Vortrag, den er anlässlich des Todes von Lévinas hielt. Man könnte auch sagen, Theologie, im christlichen Sinn, verhält sich wie ein Text zur Grammatik. Oder, „mehr oder weniger“: Vielleicht ist es das Schicksal der Juden, zu sehen, was im Kommen ist, und dabei die Ängste zu haben und die Träume zu ersinnen, die sich dann die anderen zu Eigen machen?

Im Kontext eines christlich- oder deutsch-jüdischen Dialogs habe ich Lévinas auch damals nicht wahrgenommen. Heute entdecken mehr und mehr katholische Theologen in Deutschland, reichlich verspätet, Philosophen und Schriftsteller, die Juden sind.

Mich würde dabei die Frage interessieren, ob es eine deutsch-katholische Identität in Deutschland gibt? Und wenn ja: Warum artikuliert sie sich bei Professoren vorzugsweise in der Frage nach der jüdischen Identät?

Bleibt nicht am Ende wieder der Jude, von dem man eine Auffrischung der Sprache gerne nimmt?

Nein, nicht überall. Ich erinnere mich, dass ich in Deutschland zuerst Peter Horst Neumann aufsuchte, um ihm von meinem Eindrücken von Fribourg, wo er von 1968-80 Professor war, zu berichten. Ich begann aufgeregt mit Lévinas. Die Aufregung belebte ihn in seinem Betrieb. Das Verbindende und Anregende war dann nicht mehr Fribourg: „Wissen Sie, dass Celan Lévinas sprechen wollte?“

Erich Auerbach: Salat und gemischtes Gemüse. Ein Pasticcio zur Conditio humana

16. Dezember 2014

„Nicht besser vom Standpunkt der Anordnung ist Sermini, der seine Sammlung, der seine Sammlung mit Recht „gemischtes Gemüse“ (insalatella) nennt; er hilft sich durch ärmliches Kumulieren, zerdehnt die Situation ins Unerträgliche, um das Laszive ordentlich breit aufzutischen und ist überhaupt ganz unfähig, aus einem noch so schönen Motiv etwas herauszuholen.“

Erich Auerbach: Zur Technik der Frührenaissancenovelle in Italien und Frankreich (1921)

Das „Recht“, auf das sich Auerbach hier beruft, hat ihm ausnahmsweise einen lässlichen Übersetzungsfehler eingebrockt: Heißt doch insalatella Salat – und nicht „gemischtes Gemüse“.

Ob Salat oder gemischtes Gemüse: Wie leicht äußerte sich einst ein qualifiziertes Kunsturteil in der Kritik an dem, was als Zugeständnis an Konvention danebenging. Auerbachs Kritik hatte ein geschlossenes Bildungsmilieu zur Voraussetzung. Ein assimilierter Jude preußischen Rechts und protestantischer Sitte bis zum Exil in Istanbul und Neuengland, der einen atemberaubenden Sinn für die Sozialkritik der katholischen Romania entwickelte.

Zweifelhaft sind wohl weniger Auerbachs empfindlich gestörte Italienisch-Kenntnisse als seine Aufmerksamkeit für die feinen Unterschiede in den Dingen des leiblichen Wohls, zu dem das maßlose Übertreiben beim Erzählen einfach gehört. Maßlosigkeit setzt (mindestens) einen Maßstab voraus, den der Erzähler Sermini kennt, aber dem Geschmack der Masse zuliebe ignoriert.

Für das dramatische Durcheinander von Effekten der Form und allfälligen formalen Entgleisungen hatte er, ein stolzer preußischer Beamter, keinen Sinn. Im Unterschied zu den Menschen, über und für die Gentile Serminis schreibt. Bei solchen Erzählern denke ich immer, irgendwann muss es doch gut sein, aber sie setzen immer noch einen drauf.

Schicksal der bürgerlichen Moral

Auerbachs Dissertation ist der Form nach Rollenprosa eines Prozesses gegen die bürgerliche Moral, den er weder verklärend noch vernichtend, sondern mit kritischer Empathie führt.

Auerbach geht es um die Emanzipation der Frauen, wie sie einzig Boccaccio in der Form der Renaissance-Novelle zeigt: „Dieses Recht ist die Liebesmoral: dass jedes Wesen, nach seiner körperlichen und geistigen Anlage lieben und zurückweisen darf, wen es will, und dass die gesetzlichen Bindungen dieser Freiheit nachstehen.“ (S. 20)

Der Erzähler behält sich das Urteil vor: gegen ihren rechtlich verfassten Zustand mit den Mitteln des französischen Desillusion-Romans und der vergleichen-pointierten Portrait-Kunst der italienischen Novellistik. Ein typischer Auerbacher dazu:

„(…) ein Rassetheoretiker wird vielleicht geneigt sein, Boccaccios vergleichsweise breite und ‚malerische’ Manier dem Blute seiner französischen Mutter zuzuschreiben.“ (S. 50)

„Die edle Bildung ist der einzige Damm“

Boccaccio ist sein Idealtyp, auf dessen Seite er sich schlägt: nicht die Moral, aber die Konflikte seien bei ihm zu verallgemeinern (S. 30). Er betont sozialgeschichtlich den Hintergrund der Pest, der ewige Werte diskreditiert. Was hilft bei Boccaccio?

„Die edle Bildung ist der einzige Damm, der widerstanden hat; alles andere hat versagt, Religion, Staat, Familie, aber die vornehme Form ist unerschüttert.“ (S 7f.)

Unter der Voraussetzung, dass es keine Instanz und Zuständigkeit für moralische Fragen mehr geben kann, versucht Boccaccio gar nicht, dergleichen erzählerisch einzurichten. Wo andere neue Autoritäten einsetzen, die für Law and Order zu sorgen versprechen, führt Boccacccio ein Rotationsprinzip: In jeder Novelle, an jedem Tag ist ein anderer König oder Königin.

In der Breite wird bei Auerbachs untersuchten Novellen ein „moralischer Nihilismus“ (S. 30) deutlich, der die moderne Gesellschaft begleitet, als ihre Kehrseite:

„Wenn die Geschichte witzig und gut pointiert ist, so mögen die Leute nur darin treiben, was ihnen Spaß macht.“ (S. 30)

Die Handschrift des Könners ist schon in diesem frühreifen Werk zu erkennen: Wie üblich zeichnet Auerbach mit leichten Strichen die Tragödien und, lieber, die seltenen gelungenen Komödien von Kunst und Leben. Stets auch „das zweite Gesicht“ (S. 29), das Boccaccio fehlt:

„Ein neues Kleid, eine Reise, die Schwangerschaft – der Gimpelfang durch eine nicht mehr intakte Jungfrau – und daneben Themen, die sich überhaupt auf kein Ereignis stützen, sondern auf bloßes Ressentiment.“ (S. 31)

Ressentiment der männlichen Erzähler und ihrer Leser. Dem ideologiekritischen Impuls der gesamten Abhandlung folgend, besteht Auerbach darauf, sie frei von allen Dogmen, ja selbst von minima moralia ungedeckterVerabredungen zwischen zwei Menschen zu halten.

Die Novelle der Renaissance ist für Auerbach realistisch, indem sie als Grundlage die empirische Welt voraussetzt. Sie ist ihr soziologischer Ort; sie ist es zugleich auch nicht, indem sie „die Realität nur als geformtes Bild, nicht als rohes Material enthalten darf“ (Auerbach).

Philologie als Programm des Lebens

In diesem Sinne schreibt Auerbach in der Einleitung, als hätte er mit der Studie über Novellentechnik zugleich das Programm seines Lebens zu formulieren:

„Seiner eigenen Person bewusst werden, sich in einem irdischen Dasein zu sehen, das ergriffen und beherrscht zu sein fordert, ist das entscheidende Streben der Renaissance; aus ihm entstand die ,gebildete Gesellschaft‘ und zugleich die Novelle.“

Gut dreißig Jahre später, als Professor in Yale, wird er in einem Aufsatz über „Philologie der Weltliteratur“ noch im selben Sinne schreiben:

„Die innere Geschichte der letzten Jahrtausende, welche die Philologie als historische Disziplin behandelt, ist die Geschichte der zum Selbstausdruck gelangten Menschheit. Sie enthält die Dokumente des gewaltigen und abenteuerlichen Vorstoßes der Menschen zum Bewusstsein ihrer Lage und zur Aktualisierung der ihnen gegebenen Möglichkeiten.“

Der Mann war der Ausbildung (und den Usancen seiner Schicht) nach, auch gelernter Jurist, wollte aber nicht usw. Berliner des Jahrgangs 1892 wie sein Freund Walter Benjamin.

„Das Rom, in dem Christus Römer ist“

Liest man die genialen romantischen Stilkritiker Auerbach und Leo Spitzer nebeneinander, so begegnen einem zwei Gesichter ihres Gegenstands, der romanischer Literaturen und Sprachkulturen: Auf der einen Seite das alltäglich zu bewährende Pathos des Angemessenen bei Auerbach und auf der anderen Seite das lebenslang fortgesetztes Etüdenspiel der Sprachmasken bei Spitzer.

Auerbach war habituell von einer Formgesinnung geprägt, die als Halt in den abendländischen, vor allem in den romanischen Literaturen oft ja auch fand. Als Erzähler vergleichender und romanischer Literaturgeschichten konnte er seine Haltung erproben und seine Rolle finden. Als deutscher Professor kultivierte er bis zu seiner Amtsenthebung die Rolle des ungläubigen Mitglieds der abendländischen Kultur. Dies selbstbewusst im Schatten von Leo Spitzer. An Authentizität hing Auerbach sehr, ganz im Unterschied zu seinem Wiener Rivalen Leo Spitzer, der sich mal in dieser, mal in jener Sprachmaske gefiel, auch an der Fiktion ewiger Werte des Abendlands.

Bei Gelegenheit eines Gastvortrags bei Spitzer in Köln schrieb der stolze preußische Geheimrat dem Schlawiener Spitzer ins Gästebuch seines Instituts:

„Unser Gegenstand ist nicht die Kunde von Sein und Kultur, sondern ‚das Rom, in dem Christus Römer ist´.“

Die milde Ironie, die Auerbach später entwickelt hat, erinnert an den Ton der desillusionierten romanischen Ideenkomik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Selbst über seine Situation als gefährderter jüdischer Professor zu Beginn des Nationalsozialismus und dann im Exil pflegte er wie ein außenstehender Beobachter zu sprechen.

Figurationen und Mimesis des Menschlichen

Auerbach führte in einem Aufsatz 1938 den Begriff der Figuration für den Prozess der stets gefährdeten Individualisierung des selbstverantworteten Ichs in der Renaissance ein. Er greift, wie es einer traditionellen Wissenschaft von Büchern ansteht, auf den von Augustinus gebrauchten rhetorisch-theologischen Begriff der „Figura“, der Fleischwerdung des Wortes. Der assimilierte preußische Jude Auerbach erkennt darin eine zeitgebundene christliche Vorstellung vom Menschen und verfolgt ihr Schicksal durch die Literaturgeschichte.

Er prägt den Begriff der „Figuration“, der eng zusammenhängt mit dem Problem des Wechselverhältnisses von Wort und Bild in den europäischen Darstellungsformen von (geschichtlicher) Wirklichkeit, von aristotelischer Mimesis. Dieser Frage widmet sich sein zweites, in Istanbul im Exil geschriebenes Hauptwerk „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“, ein Klassiker der Komparatistik. Auerbach schrieb das Buch, den Umständen entsprechend, ohne Sekundärliteratur.

Dort zeigt er, wie die „tragische Fallhöhe“ durch den sardonischen Alltagsrealismus eines Stendhal oder Balzac überwunden wird. Als Lebensform hat Auerbach diesen Alltagrealismus noch im Exil bewahrt.

Kürzlich erschien in Paris eine französische Neuauflage von Auerbachs Studien zum Begriff der „Figura“, im Untertitel steht das Recht, als jüdisches Gesetz im Vordergrund: „La Loi juive et la Promesse chrétienne“, das jüdische Gesetz und das christliche Versprechen. Wo war der Ort seines Rechts, den er sich bis ins Exil erhalten hat? Er hat ihn in der Formgesinnung abendländischer Dichtung gefunden, die mit seiner Expatriierung zu Ende ging.

In Kürschners Deutschem Gelehrtemkalender erscheint Auerbach 1935 zum letzten Mal. Keine deutsche Institution, weder in der BRD noch in der DDR hat ihn gebeten, zurückzukommen.