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Metavels SchriftBilder

7. November 2010


Erstmals in Deutschland liegen jetzt zwei Buch der israelischen Miniaturenmalerin und Kalligraphin Metavel (Renée Koppel) vor: Ihr Buch Kohelet und ihr Hohes Lied. Der Bochumer Universitätsverlag Brockmeyer vertreibt sie für Ihren Jerusalemer Verleger Even Hoshen.

 

Metavel – hier mit einem ihrer Miniaturbücher

Namen und Bilder

1960 emigrierte Renée Koppel von Algerien nach Israel. Dort war sie zunächst Lehrerin und, von 1966 bis 1979, Kulturattachée der französischen Botschaft. Seither hat sie sich der Malerei und dem Studium der Kabbala gewidmet. Seit 1968 ist sie mit dem in deutscher Sprache veröffentlichenden Autor Elazar Benyoëtz verheiratet, der ihr auch ihren Künstlernamen gab: Metavel, was „Gut G*ttes“ oder „Eintauchen (in die Thora)“ bedeuten kann.

Was für ihren Namen gilt, läßt sich als Kennzeichen hebräischen Sprachdenkens auffassen: Das biblische Hebräisch kommt ohne Vokalzeichen aus. Das macht diese Sprache vieldeutig und poetisch, intellektuell herausfordernd und auch modern: Schließlich kennt die hebräische Bibel bereits eine semiotische Aufklärung, bei der das sprachliche Zeichen und am Ende die Schrift nicht als bloßes Abbild, sondern als Ordnung der Dinge gilt. Das biblische Verbot, den Namen des Herren auszusprechen, ist die Folge dieser Aufklärung. Und die Tradition der talmudischen Schriftauslegung gibt einer Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten Raum. „Du sollst die Wörter hin und her wenden“, lautet die Empfehlung des Weisen Ben Bag Bag in den Sprüchen der Väter, der Aphorismensammlung des Talmud.

Metavels Kalligraphien und Miniaturen zu biblischen Geschichten und zur Überlieferung, zu jüdischen Festen und homiletischen Texten (wie der Haggada) sind Allegorien. Ich schätzte ihre dezenten Farbübergänge wie in der Poesie die feinen Unterschiede. Und ich schätze auch die immer wieder überraschende Art, wie sie konkrete Figuren und Personen aus der Schrift und aus Formen erst entstehen läßt. Sie denkt in Farben, erklärt sie mir schon seit fast 20 Jahren, als sie mir zum ersten Mal in Tel Aviv ihre Arbeiten zeigte. Ich lebte damals, im Winter 1991/92, während meiner Dissertation über die Aphoristik ihres Mannes Elazar Benyoëtz für vier Monate in Israel. Wie man weiß, ist Kohelet neben der europäischen Moralistik ein wichtiger Ansprechpartner in der aphoristisch-lyrischen Montage-Kunst ihres Mannes Elazar Benyoëtz.

Metavel Kohelet Cover

Cover von Metavels "Kohelet"

Die Seele ging und kam, verwandelt, wieder

Vor zwei Jahren hatte ich Renée und Elazar für drei Monate hier in Berlin. Elazar hatte wie vor 40 Jahren ein Berlin-Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts. Zwischendurch war auch die Familie ihres Sohns Mouli von Tel Aviv nach Berlin gekommen. Nun waren sie wieder weg, Elazar war zu einer Lesung nach Darmstadt gereist. Ich bot Renée also einen Spaziergang durch ihren geliebten Charlottenburger Schlosspark an. Es war ein schwüler Tag. Man sprach über Gott und die Welt, über die Liebe, den Tod und die Künste und alternative Lebensentwürfe, die wir durchspielen. Als wir aus dem Park kommen, zieht ein Gewitter auf. Sie lädt mich in ein Café-Restaurant ein und erzählt mir die Geschichte ihrer Initiation in die Kabbala, die ihre eigen Miniaturmalerei und Kalligraphie prägt.
Ich habe selten einen so dramatisch vorgetragenen Bericht von einer ästhetischen Initiierung gehört, die in der modernen Ästhetik vielfach als Schock bezeugt wird. Die für Außenstehende oft obsessiv erscheinende Neugier nach immer mehr ästhetischer Erfahrung und Gestaltung ist dabei erst die Folge einer ersten intensiven Berührung. Ihr Schauder wird vielfach als Worten beschrieben, die sonst der seelischen Gewalt von Liebesbegegnungen vorbehalten ist.

Mitte der 1960er Jahre war sie aus Algerien nach Israel gekommen, ihre Familie war nach Paris gegangen. Sie lernte Ivrith, lernt Elazar kennen, heiratet. Man trifft sich an Schabatt in der gemeinsamen Wohnung in Tel Aviv. Sie interessiert sich für Elazars Lektüre, der „Sohar“ („Glanz“) an, das bedeutende, fünfbändige Werk der Kabbala. Elazar habe ihr erklärt: „Das ist nicht für Dich.“ Als er wieder in seiner Schreib-Werkstatt in Jerusalem ist, will sie es doch genauer wissen: Sie geht in Elazars Bibliothek und schaut sich den Sohar an. Nun versteht sie, was Elazar meint: Der Sohar ist in einer aramäischen Kunstsprache geschrieben, die ihr unverständlich bleiben muss. Einige Wochen später entdeckt sie in einer französischen Buchhandlung in Tel Aviv ein Buch. Sie beginnt zu lesen – und der französische Text wühlt sie auf. Denn Renée nimmt die Welt über Farben und dramatische Bilder wahr. Der Text arbeitet in ihren Träumen weiter: Ihre Seele, so träumt sie, verlässt ihren Körper. Es beginnt obsessiv zu werden. Sie studiert bereits die Kabbala bei einem Spezialisten in Jerusalem, dem agnostischen Scholem-Schüler Joseph Dan. Ihm vertraut sie ihr Erlebnis im Vertrauen berichten darf. Er rät ihr: „Beschäftige Dich nur weiter mit der Kabbala. Bald kommt Deine Seele zurück.“

Und sie kam zurück. – Ästhetische Erfüllung ist, so zeigte mir ihre Geschichte, wie die erotische eine Gabe in einem strengen Sinn: So wie jedes wirkliche Geschenk den Beschenkten unerbeten und unerwünscht, ja letztlich sogar unbegehrt und gewiß unerwartet erreicht, so Liebe und Kunst.

Metavel, eine moderne Soferet?

Seit der Zeit des Ersten Tempels ist der Beruf des Sofer, des gelehrten Schreibers hebräischer Texte, als Ehrenbezeichnung bekannt. Der Sofer schreibt von Hand Torahrollen, Mesusot sowie Tefillin. Dieser Beruf erfordert eine fundierte Ausbildung und ist innerhalb des Judentums sehr angesehen. Metavel ist eine moderne Nachfahrin der Soferet (סופרת), also der gelehrten weiblichen Schreiberinnen, von denen die Bibel berichtet (Esr 2,55 und Neh 7,57). Modern ist sie, insofern ihr Zugang zur Kalligraphie nach dem Bericht von ihrer Entdeckung des Sohar autodidaktisch ist.

Auf den Miniaturen Metavels sieht man Buchstaben regnen, purzeln, explodieren… Verse erhalten Farbwerte die mit den bildlichen Darstellungen korrespondieren.  Sie bilden auch selbst Formen, so daß man, vom europäischen Hintergrund ausgehend, an die Konkrete Poesie denken könnte. Dort werden neben den lautlichen auch die visuellen Aspekte der Schrift genutzt, um den Gebrauch der Sprache als eines bloßen Instruments des rein technisch verstandenen Fortschritts von Information und Kommunikation zu unterlaufen. Metavel würde sicher nicht an Konkrete Poesie denken, aber für ihre literarische Sozialisierung ist die erste poetische Bewegung mit dieser Tendenz wichtig: der französische Symbolismus mit seiner Emanzipation der reinen Mittel und Baudelaires Korrespondenzen: Man lernt auch Metavels Bilder zu sehen, wenn man nicht vorschnell Gegenständliches zu identifizieren sucht, sondern die Anordnung von Buchstabenfolgen, von Formen und Farben und ihre Wechselbeziehungen achtet. Auf diesem Weg erst wird die Zuversicht des desillusionierten Kohelet für den Betrachter glaubhaft, der uns empfiehlt: „Geh hin und iß dein Brot mit Freuden.“

"Geh hin und iß dein Brot mit Freuden"

"Geh hin und iß dein Brot mit Freuden"

Für einen Außenstehenden wie mich präsentiert sich die Bewegung der Kabbala mit einer teilweise ähnlichen Stoßrichtung. Nach kabbalistischer Auffassung sind in der ganzen Schöpfung die Funken der Heiligkeit ihres Schöpfers enthalten. Wie wir aus den Schriften Gershom Scholems wissen, handelt es dabei nicht um eine esoterische Glaubensrichtung des Judentums, sondern um eine der sogenannten „mystischen“ Laienbewegungen, die religiöse Erfahrung von ihrer sinnlichen Seite her ernst nahm und nicht im begrifflichen Denken einer Priester-Elite verendlicht sehen wollte.

In diesem Sinn ist auch Metavels Kunst weder esoterisch, noch dekorativ, sondern als eine sinnliche Form der jüdischen Auslegung, des Midrasch, aufzufassen. Frage ich sie laienhaft, ob nicht hier oder da ihre Einbildungskraft dem biblischen Text etwas hinzugefügt hat, bestätigt sie ironisch: „Ja, das ist mein Genie.“ Sie nennt ihr Verfahren eine „eclairage“, von einer „Erhellung“ der Texte durch Schrift und Miniatur. Ich würde von Rekreationen und Zeugnissen einer sinnlich-religiösen Erfahrungen sprechen, die aus den Texten des Tanach spricht.

Miniaturen des Ausstehenden

Metavels miniaturistische Darstellungsweise löst die für sich semantischen Texturen und Formen auf und sie setzt sie zu flüchtigen Erscheinungen neu zusammen.

Das Rechteck auf dem Titelbild ihres Hohenlieds scheint das quadratische Buchformat in die Weite ziehen zu wollen.

Aus dem Rechteck des Titelbilds fallen Blätter, auf ihm sitzen die Gelbsteissbülbüle, die im April sich paaren. So versteht sich die Stelle 2,12 im Hohenlied, wo es heißt: „die Zeit des Zamir [= Gelbsteissbülbül] ist gekommen“ (2,12). – Links unten jagen zwei Gazellen. Im Hohenlied (7,5) steht: „Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle.“

So wirkt das Rechteck links unten und rechts oben wie ausgefranst oder überwuchert. Als wollte diese Diagonale sagen, das dieses Rechteck im Quadrat noch etwas anderes ist als ein Rechteck. René Matisse beschriftete sein Bild einer Pfeife mit dem Text: „Dies ist keine Pfeife“. Metavel geht weiter.

Metavel folgt damit dem biblischen Vorbehalt gegen die Nennung des Namens G*ttes und zugleich einer säkularen Tendenz der ästhetischen Moderne, in der Anschauung als unstatthaft gilt. Die Künste, aber auch die Bildwissenschaftler und Kunstphilosophen von Aby Warburg bis Adorno hatten sie bereits im Zeitalter der Ideologien angekündigt. Bildwissenschaftliche Überlegungen wie die von Andreas Beyer in seinem opulenten Band über das Porträt in der Malerei oder Gert Mattenklotts über Denkmalskunst in Deutschland bestätigen diese deutliche Tendenz zu einer hochproduktiven und – wie bei Metavel – gelegentlich auch erbaulich-heiteren Verweigerung oder Hemmung gegenüber positiver Anschauung.

Ein Wort verbirgt das andere

Als Sephardin und als Künstlerin wird sie sich vielleicht in einer Bemerkung Memo Anjels wiedererkennen können, der am Beispiel ihres algerischen Landsmanns Derridas über die Lesart sephardischer Juden bemerkt:

Ein Wort verbirgt das andere, und manchmal ist das, was wir lesen, nur das Gewand eines darunter steckenden Körpers.“

Das scheint mir auch Metavels Lesart des Alterswerks Salomos zu betreffen: Das Buch Kohelet. Dieser Hamlet der Bibel ist auch jemand aus der geheimen Sozietät der Melancholiker, bei denen nicht auszumachen ist, ob das Unglück um sie herum die Ursache der Schwermut oder nicht vielmehr bloß der Anlaß ist, an dem sie sich darstellt, ein frühes Mitglied in der traditionsreichen Familie derer, die sich von der Macht ins Turmzimmer zurückziehen wie Montaigne, und solcher, die heute als Verstörte in der Großen Stadt leben.

Im sprachlichen Bereich artikuliert sich Schwermut durch die monotone Wiederholung längst vorgeformter Bilder, in der bildendenden Kunst durch stereotype Affektgebärden; hier wie dort individualitätslos, im Glauben an die Kraft des bloßen Ausdrucks. (…) ‚Ist nicht der Schmerz der tiefste, der grundlos ist?‘ fragt der Schmermütige in Nestroys ‚Haus der Temperamente‘, und es ist eben diese scheinbare Motivlosigkeit der Melancholie, die sie an die Grenze der Mitteilbarkeit rückt und zugleich als ‚Urphänomene‘ erscheinen läßt.“ (Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang)

Im Unterschied dazu erscheint Metavels Kohelet expressiver, aber auch auffällig abstrakter als bei ihr sonst üblich. Die jähen Brüche, farblichen Explosionen und avantgardistischen Formensprachen entsprechen gewaltigen Ereignissen und Bedrängnissen, aber auch einer Aufhellung einer Seele. Gewiß ließe sich ein solches Thema, ein solcher Text auch im Stil von Paul Klees eindringlichem Spätwerk behandeln: als eine verdüsterte, in die Enge des Exils getriebene Wahrnehmung eines Künstlers, der – ähnlich wie Kohelet – eine splendide Schaffensphase abgeschlossen sah und sich die Zwischenwelten des Dunklen ausmalte.

An Metavels Kohelet fällt die Reduktion der Formenwelt auf Grundelemente wie Kreise, Quadrate, Dreiecke etc. auf. Auf diesem Hintergrund entsteht eine Sprache von Korrespondenzen zwischen Formen und Farben; so wie besonders im folgenden Bild:

 

Auf einem anderen Bild erscheint die Welt gerahmt wie von einem Raumteiler.

Und hier schmiegt sich die Schrift wie eine zweite Haut über die Form der Kugel, die in ihren unterschiedlichen Farbstimmungen an das Wechselspiel von Sinnverlust und Funken von Zuversicht gemahnt, von der das Buch Kohelet spricht:

Metavels Bildsprache wirkt dabei so wenig wie die Kohelets abbildend oder gar dekorativ, sondern sie appeliert an das raumbildende Vorstellungsvermögen des Betrachters. Und sie transformiert auf ihre unverwechselbare Weise die moralisch-ästhetische Haltung von Kohelets Melancholie als einer Form des Gedächtnisses, in dem auch auf seinem verlorenen Posten Ungewordenes und vielleicht nie Werdendes bewahrt werden kann. Nur im Blick auf die Trauer, die allemal um eminente Zeugnisse dieser Art sind, gelingt es Metavel, in diesem Buch der Bibel das Versprechen des Noch Ausstehenden zu erhellen.

Woher mag diese betörende monde imaginaire der Farben in Metavels Kunst kommen? Als sie mich mit Elazar in meiner Bibliothek besuchte, kamen wir vor der französischen Abteilung auf Autoren wie Bernard-Henri Lévy. Sie erklärte mir: „Algerien hat Frankreich die Farben gebracht.“ Ich erinnerte mich so erklärte sie mir einmal poetisch in der französischen Abteilung meiner Bibliothek. Es ist der Himmel, der dort alles in ein besonderes Licht taucht. Und wieder meldet sich Kohelet, bei dem alles „unter der Sonne“ geschieht.

 

„Dies leichte duften…“
Renée und ich sind vor zwei Jahren oft in den Berliner Parks spazieren gegangen. In unserer gemeinsamen Schrift-Erinnerung erinnert doch jeder Park an den ersten Garten, den Garten Eden. Zugleich bringt solche Erinnerung aber auch den unwiderruflichen Verlust ins Bewußtsein, der die unstillbare Sehnsucht nach Rückkehr erst weckt.

Hatte nicht Stefan George ähnliches im Sinn, wenn er in seinem Zyklus „Das Jahr der Seele“ eine bildarme und innerhalb der sprachlichen Zeichen differenzerende Sprache wie einen übersinnlichen Leib aufbietet, um den allfälligen Anflügen von Sinnverlust zu wehren?

„Wir werden heute nicht zum garten gehen
Denn wie uns manchmal rasch und unerklärt
Dies leichte duften oder leise wehen
Mit lang vergessner freude wieder nährt:

So bringt uns jenes mahnende gespenster
Und leiden das uns bang und müde macht. (…)“

Dieses Gedicht hat seine Zeit „Nach der Lese“. So ist der Herbstkreis in Georges Zyklus vom Jahr der Seele überschrieben: Die Zeit der Reife und der Ernte ist also bereits vergangen. Die Erfüllung liegt außerhalb des Worts. „Wir werden heute nicht zum garten gehen“ – denn der Betrachter hat sich den Blick über den Rand der Sprache zu versagen. Er fiele, dieser Blick, in ein leeres, herbstliches Eden. Die Folge ist die lyrische Verdichtung innerhalb einer Formensprache, die sich fast gar nicht mehr begründend oder endgültig, aber erbaulich und schwerelos äußert. „Alles hat seine Zeit“, würde Kohelet sagen.