ÜberLeben im „portativen Vaterland“: Chaim Vogt-Moykopfs Streitschrift zur jüdisch-deutschen Literatur

Rezension zu: Chaim Vogt-Moykopf: Buchstabenglut. Jüdisches Denken als universelles Konzept in der deutschsprachigen Literatur. Campus-Verlag 2009

Die jüdische Literatur deutscher Sprache zeichnet ein hoch produktives Spannungsverhältnis aus: Hier die Sprachverführung Heinrich Heines, da das unerbittliche Sprachgericht seines schärfsten Verächters Karl Kraus; eine makabere Voraussetzung für eine Belebung der deutschen Literatur. An diesem Leitfaden hat Chaim Vogt-Moykopf eine Streitschrift über jüdische Literatur in ihren deutschsprachigen Verhältnissen geschrieben, ein bestens informiertes, streitbares und vorzüglich geschriebenes Buch. Er nimmt Heines Rede von der Schrift als „portativen Vaterland“ beim Wort und sucht die „Faktoren aufzuzeigen (…), die immer wieder dafür sorgen, dass der Leidensdruck überhaupt aufgefangen werden konnte.“ (S. 36)

Eindrucksvoll und auch besonders überzeugend finde ich, wie er hier poetische Verfahren durchgehend auf sprachlich-ästhetisches Verhalten bezieht, wie man es in der Bibel, im Talmud oder in homiletischen Texten des Judentums findet. Überzeugend ist auch die Fülle und Komposition von Aspekten und poetischen Werken, auf die Vogt-Moykopf seine These anwendet. Allein schon deswegen ist diese Arbeit philologisch innovativ. Auch den deutlich artikulierten Einspruch gegen eine Historisierung des Themas begrüße ich. Er ist zwar – in der Theorie – nicht ganz so neu, wie es die scharf konturierten Ausführungen zum „Stand der Forschung“ (S. 31ff.) nahelegen könnten.  Dort widerspricht Vogt-Moykopf  einmal mehr Adornos folgenreichem Verdikt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. „Es sei denn, aufgrund von Auschwitz“, hatte sein Schüler Peter Szondi zur Debatte der 1960er Jahre ergänzt. Es gibt dergleichen auch: als Auseinandersetzung mit den Hoffnungen, die sich mit der bürgerlichen Aufklärung einmal verbunden haben, nicht aber mit der Möglichkeit jüdischer Literatur in deutscher Sprache: Und in diesem Kontext lese ich Vogt-Moykopfs Buch als wichtige Gegenstimme.

In der Tradition der Kritischen Theorie hatte sich Szondis Schüler Gert Mattenklott im Anschluß an Sartre für eine, bis heute mehrere Studentengenerationen prägende, sozialgeschichtliche Deutung des Jüdischen entschieden:

„Jüdisch an der deutschen Kultur sind die Stigmen des Antisemitismus und die Wirkungen, die sie bei den Betroffenen auslösen.“ (Über Juden in Deutschland. Jüdischer Verlag 1990, S. 11)

Allerdings verstand es Mattenklott wie kein Zweiter, inmitten einer Geschichte der Stigmatisierungen immer wieder auch die Spuren von Selbstverwirklichung aufleuchten zu lassen. Sie stehen bei ihm für die natürliche Fähigkeit des Menschen, seine Einbildungskraft frei spielen zu lassen. Dies geschah in der Hoffnung, daß ästhetische Ekstase und politische Moral künftig einmal nicht mehr als Opposition erlebt und gedacht  werden müssen.

Nun setzt Vogt-Moykopf einen entschieden anderen Akzent; er markiert vielleicht einen Richtungswechsel in der Forschung. Dabei tut er insgesamt gut daran, daran zu erinnern, dass auch assimilierte Juden eine reich beschriftete Familiengeschichte von vielfach „über 80 Generationen“ (S. 55) in sich tragen, die neben Stigmen doch auch wesentliche Voraussetzungen jüdischer Literatur deutscher Sprache sind. Und er formuliert auch erfreulich scharfsinnig und herausfordernd, so dass er eine Debatte gegen eine Ambivalenz in der Forschung zu deutschen Judaica auslösen kann, der seit den 1990er Jahre besteht:

„Sie wurden alle geschrieben, um darzustellen, ‚was die Deutschen den Juden verdanken‘. Im selben Atemzug verweisen sie aber darauf, dass die betreffenden Dichter weitgehende oder völlig assimiliert waren. Denn schrieben sie als Menschen, an denen nichts Jüdisches war, was gibt es dann einem Juden zu verdanken? Waren es keine Juden mehr, verfolgten und ermordeten die Deutschen keine Juden, sondern ihre eigenen Schriftsteller, die sie für Juden hielten. Ein entscheidender Unterschied. Denn in diesem Fall müsste die deutsch-jüdische Literaturgeschichte in eine eher deutsche umgeschrieben werden und das Phänomen der verfemten und verbrannten Dichter und Denker wäre weniger eines von Antisemiten als eines von Intellektuellenfeindlichkeit.“

Vogt-Moykopf operiert mit dem Begriff eines „ethnozentrischen Universalismus griechischer Provenienz“ (S. 23). Es gibt natürlich, auch in unserer Zunft, der Literaturwissenschaft, Ethnozentrismus oder schlicht ein halbgebildetes Dorfdeppentum. All das kann auch Professoren dazu führen,  z.B. den Ursprung der Nächstenliebe nur im Neuen Testament und nicht schon in der Tora kennen zu wollen – mit allen harmlosen und harmvollen Folgen für das Bild des Jüdischen. Das wäre der Uniformismus, der auch die Geschichte der Einzelphilologien bis heute in nicht ganz geringen Teilen kennzeichnet.

Meines Erachtens aber verwechselt Vogt-Mykopf Universalismus mit Uniformismus, wie man das aus Leitkulturdebatten kennt. Universell sind Werte oder auch Deutungsweisen bei Aristoteles oder auch in der Aufklärung bei Kant, erst dadurch, dass sie sich auf die menschliche Vernunft und auf gemeinsame Grundwerte berufen. So die Menschenwürde. Insofern gab es auch im Verstande Moses Mendelssohns keine jüdischen Werte, die nicht zugleich universelle sind. Allesamt sind es Werte, die sich nur aus der „realen Verleugnung und Abwesenheit des Humanen“ (Ulrich Sonnemann) erschließen.

In diesem Zusammenhang möchte ich in eigener Sache daran erinnern, dass ich fünf Beiträge für das Andreas Kilcher herausgegebene Lexikon der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte geschrieben habe: weil mich das Konzept überzeugte. Vogt-Moykopf zitiert Kilchers Ansatz, der auf einer „irreduziblen Pluralität singulärer Interpretationsansätze“ beruht und kritisiert die „Vereinzelung von Identitäten“ (S. 34).

Im Konzept von Kilchers Lexikon und auch in meinen Artikeln ging es darum, Ursprungsimpulse und die Vielfalt der Erscheinungen, Bündnisse und Wandlungen von Jüdischkeit im historischen Prozess zu vermitteln. War nicht gerade die Spaltung zwischen der aufklärerischen Utopie irdischer Glückseligkeit für alle und der ästhetischen Opposition eines authentischen Individualismus, der Glück und Leid ohnegleichen erfahren und artikulieren möchte, so universell, dass sie auch zu innerjüdischen Sezessionen führte, ohne dass damit die Einheit infrage gestellt würde? Diese Lesart wird etwa von Michael A. Meyer, lange Zeit Präsident des Leo-Baeck-Instituts in New York, in seinem Buch Von Moses Mendelssohn zu Leopold Zunz. Jüdische Identität in Deutschland 1749-1824 vertreten: Wo Vogt-Moykopf eine ein faszinierendes Schauspiel von Metamorphosen der sprachmächtigen Idee des erwählten Volks erkennen will, beschreibt Meyer einen Prozeß des Zerfalls des Judentums in Orthodoxe, Konvertiten und Reformisten; in der Diaspora mit der Tendenz zum Verschwinden.

Es mag nützlich sein, sich die Möglichkeit anderer Geschichtsschreibung aus ähnlichen Materialien bewußtzumachen, um die Tragweite von Vogt-Moykopfs Profil der jüdisch-deutschen Literatur abzuschätzen. Mit Gewinn lesen sich für mich auch seine  mir fragwürdigen Einwände und Thesen, wenn man sie aus Sicht der amerikanischen Schule der „Counter History“ des israelisch-amerikanischen Historikers Amos Funkenstein liest. Wie das aussehen könnte, hat dessen Schüler David Biale gezeigt. In seinem Buch Power and Powerlessness in Jewish History (New York 1986) zeigt er auf, wie in der jüdischen Geschichte seit etwa 2000 Jahren eine Theologie der Machtlosigkeit (Exil und Messiashoffnung) mit einer politischen Theorie des nationalen Anspruchs (Volk Gottes) hochproduktiv zusammenwirken. Die nationale Selbstbehauptung des Judentums ist aus dieser Sicht bis heute nur möglich, indem die Juden um des nationalen und kulturellen Überlebens willen den Mythos der Erwähltheit den jeweiligen besonderen politischen Umständen angepaßt haben.

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